Mittwoch, 24. Juni 2009

Gefunden_18



So nah hat sich der lange Arm bzw. die linke Gerade des deutschen Feuilletons, also das „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung noch selten an die Popkultur herangetraut. Eine Institution in der hiesigen Zeitungslandschaft, die den Begriff Zeitgeist fürchtet wie der Teufel (München: Deifi) das Weihwasser, bringt in seinen 72 Zeilen auf einen Schlag die Begriffe „Jamie Hince“, „The Kills“, „Punk“, „Independent“ und „Kate Moss“ unter (nebenbei allerdings auch noch „Ein Prosit der Gemütlichkeit“) – ein Grund, also sich das ganze mal komplett zu gönnen. Ein ungekürztes Zitat ist hier aus presserechtlichen Gründen bekanntlich keine so gute Idee - Dank der Segnungen der modernen Medienlandschaft gibt es solches aber mittlerweile als Audiostream. Also denn: Hereingehört!
Süddeutsche.Audio/Streiflicht

Mittwoch, 17. Juni 2009

Gehört_38



Dinosaur Jr. "Farm" (PIAS)
Traditionell ist der Sommer ja eher arm an umwerfenden Neuveröffentlichungen – wer gut im Geschäft ist, tourt die allseits bekannten Festivals ab, alle anderen sitzen ohne Einladung schmollend im abgedunkelten Zimmer und verfluchen ihre unfähigen Agenten. Nicht so die Mannen um die singende Haargardine J. Mascis. Seit 26 Jahren bringen sie mit kleineren Unterbrechungen eigentlich immer ein und dieselbe Platte heraus. Aber ganz im Gegensatz zu manchem ihrer Kollegen ist man ihnen deshalb überhaupt nicht gram. Denn von Zeit zu Zeit verlangen Herz und Hirn nach festem Halt, nach – Achtung: Silbermondzitat (sic!) – einem kleinen bißchen Sicherheit. Und das heißt hier: verquengeltes Genuschel, minutenlanges Gitarrengeschwurbel, alles so herzlich liebgewonnen in den letzten Jahren. Da kramt man dann versonnen die alten Preziosen wieder aus dem Schrank: Das wunderbare Cure-Cover „Just Like Heaven“ inklusive schmerzlichem Brachialabbruch, das gut siebenminütige „Thumb“ in einer fabelhaften Liveversion, der ebenso gekonnt gecoverte Bowiesong „Quick Sand“ und und und ... Das Gute ist, dass die neuen Sachen keineswegs gegen die alten abfallen. So recht herausheben mag man eigentlich keines der Lieder, „Plans“ ist zum niederknien, das beschwingte „See You“ besticht durch ungewohnte Leichtigkeit, „I Don’t Wanna Go There“ ist allein schon durch seine Länge, aber auch wegen des infernalischen Gitarrensolos rezeptpflichtig. Und das eigentümliche Cover, ach herrje, ich wills doch gar nicht wissen, in wessen geistiger Verirrung das entstanden ist und ob da jemand eine Umdrehung Tolkien zuviel abbekommen hat – egal, man wärmt sich einfach an dieser Reise in frühere Zeiten und schweigt in stiller Andacht.

Dienstag, 16. Juni 2009

Gehört_37



The Gossip "Music For Men" (Sony)
Bei all dem Ballyhoo inklusive szenetypisch enervierendem Begleitpersonal von Zopfhanserl Lagerfeld bis Modelheroin(;-)e Kate Moss ist fast in Vergessenheit geraten, dass Beth Ditto nebst Kombo The Gossip kurz nach der Jahrtausendwende angetreten war, dem arrivierten Schubladendenken der Musikbranche mit ihrem energiegeladenen Mashup von Punk, Soul und Disko mal kräftig in den Arsch zu treten. Und natürlich nimmt sie die Einladung gern an, der nach Hippness lechzenden Prominenz das ach so abgefahrene Role Model zu geben, zeigt sich geschickt mit den richtigen Leuten, trifft mit ihrer Toughness den passenden Ton und spielt die Trumpfkarte Sex in bewundernswert souveräner Weise wo sie nur kann. Und, mein Gott, Kelly Osourne nimmt sich neben ihr förmlich wie ein spätpubertierendes Schulmädchen aus … Also, die Musik – ja, hätte man wie gesagt fast vergessen, dabei ist „Music For Men“ wieder ein unglaublich sattes Album geworden, schier berstend vor Selbstbewußtsein und bestem Songmaterial. Anders als beim rocklastigeren Vorgänger „Standing On The Way Of Control“ weist der Weg beim Nachfolger deutlich mehr in Richtung Disko und auch wenn sich ab und an mal etwas Gleichklang eingeschlichen hat, sind die Songs doch nach wie vor treibende, schwitzende Durchlauferhitzer. Nach den ersten drei brillanten, altbewährten Nummern – grandios „8th Wonder“ – kommt er in Fahrt, der Danceexpress. „Love Long Distance“, „Pop Goes The World“, „Vertical Rhythm“ – durch die Bank auf der Tanzfläche zu Hause, beim Titeltrack gibt’s sogar ein kokettes „Chain, Chain Chain“ obendrauf – Aretha Franklin auf Acid. Auch der Rest wird einfach nicht schlechter, allenfalls etwas gemäßigter. Ganz kurz wird noch mal mit der Gitarre dazwischengehauen, bei „2012“ meint man sogar ein wenig Souxie Sioux durchzuhören, „Spare Me From The Mold“ ist bester Punk. Wer diese Frau übrigens noch nicht live gesehen hat, sollte das dringend nachholen – auch wenn das jetzt wohl nicht mehr ohne störende mediale Nebengeräusche (s.o.) zu haben sein wird. Ach – und übrigens, schöne Grüße an Kollegin Karen O., wenn schon Disko, dann doch bitte so! Ansonsten: Mein Tip - Platte des Jahres.

Montag, 15. Juni 2009

Hören + Sehen



DEPECHE MODE, Olympiastadion München, 13.06.2009
Ob man nun will oder nicht, man kommt nicht umhin, dieses Konzert im Kontext mit der Krankheit Dave Gahans zu betrachten – kaum jemand konnte sich vorstellen, dass die Jungs nach dem zwischenzeitlichen und überraschenden Tourabbruch so schnell auf die Bühne würden zurückkehren können. Und durch diese Brille betrachtet wird daraus eine sehr emotionale, einzigartige Show, die sonst wohl eher als eine von vielen und sicher nicht die beste erschienen wäre.

So aber war die Spannung gleichsam mit Händen zu greifen – können sie die letzten Wochen einfach so wegstecken, würde Dave die Rampensau bleiben, die man im Laufe der Jahre so liebgewonnen hatte? Die Antworten waren dann schnell gegeben – ja, sie haben es offenkundig gut verkraftet und sich ihre Spielfreude sichtlich bewahrt, und ja, Gahan tanzte und wirbelte wieder wie ein Derwisch umher und nur bei den seltenen Großaufnahmen auf den Leinwänden mochte man ein schmaleres, blasseres Gesicht erkennen.

Dass die Band den Anfangsteil ihrer gut zweistündigen Show noch im Tageslicht absolvieren mußte, war sicher gewöhnungsbedürftig, auch die ersten zwei, drei Songs neueren Datums – auf der Platte von unbestrittener Qualität, haben live lange nicht das Potential der älteren Stücke. So war es erst der Stampfer „A Question Of Time“, der die Massen erstmals zur Messe brachte. Danach dann in rasanter Abfolge Höhen und Tiefen aus 30 Jahren Bandgeschichte, optisch gewohnt professionell und beieindruckend mit einer perfekten Videoshow in Szene gesetzt. Klassische Homeruns natürlich „Enjoy the Silence“, „I Feel You“ und „Personal Jesus“, ebenso das dunkle und tiefrote „In Your Room“, ein überraschend frisches „Precious“ und – allein das die knapp 70 Euro wert – die allseits beliebte Kornfeldchoreografie bei „Never Let Me Down Again“. Anderes, langersehntes blieb leider unter den Erwartungen – „Fly On The Windscreen“ ist ein wunderbarer Song, live funktioniert er nur sehr begrenzt. Die zweite aktuelle Single „Peace“ wiederum verlor durch die Visualisierung mittels Holzhammer fast komplett ihren Reiz, „Come Back“ blieb wie schon auf der Platte ein andauerndes Mißverständnis.

Zur Mitte hin holte sich dann auch Mastermind Martin Gore seine kollektive Umarmung vom euphorisierten Publikum ab – neben der schon auf der letzten Tour präsentierten, wunderbar anrühenden Akkustikversion von „Home“ gab es noch den heimlichen Höhepunkt der aktuellen Platte „Jezebel“ als Kraftwerk-Homage obendrauf. Als Zugaben die schon erwähnten Klassiker, dazu ein ärgerlich verhunztes weil zwangsmodernisiertes „Master & Servant“ und ein mediokres „Strangelove“, wo die bayerische Zensurbehörde wieder ganze Arbeit leisten mußte.

Das Fazit kann man natürlich auch gern verkürzen: lieber dunkel als hell, lieber laut als leise, lieber drinnen statt draussen und lieber alt statt neu. Aber so ist das mit Depeche-Mode-Konzerten: Kaum hat man sie erlebt, überhöhen sie sich schon von selbst wenige Stunden nach dem Besuch ins sehnsüchtig rosarote, Enttäuschungen wiegen immer weniger schwer oder, um es mit Gahans einfachen Worten zu sagen: „See’ya next time!“. Na hoffentlich, mein Junge!

Freitag, 5. Juni 2009

Gehört_36



Bei Placebo heißt es aufpassen, die Band um Kajalzwerg Brian Molko hat eine ähnlich fanatische Fanbase wie Muse oder Depeche Mode – nicht ohne Grund hat Molko kürzlich während eines Konzerts herzerweichende Genesungswünsche an den Kollegen Dave Gahan gerichtet – man kann also mit einer einzigen negativen Randnotiz so richtig knietief im Dreck zu stehen kommen. Dem möchte ich natürlich vorbeugen und so gebe ich unumwunden zu, dass Placebo nach ihrem wunderbaren „Black Market Music“, also vor knapp neun Jahren, bei mir so nach und nach vom Radar verschwunden sind. Aber, auch da die Parallele zu Muse, man sollte sie nie aufgeben, den wachsweichen Crowdpleaser, den hymnischen Tearjerker, den kriegen sie allemal noch gezaubert. Beim neuen Album ist das wohl der Titeltrack, „Battle For The Sun“ zwingt sich ins Ohr und will da erst mal nicht mehr raus, ähnliche Wirkung entfalten dann allenfalls noch „Speaking In Tongues“, „The Never-Ending Why“ und das wirklich fabelhafte „Kings Of Medicine“, das dankenswerterweise mal ohne die obligatorische Gitarrenwand auskommt. Der Rest scheint mir mit Verlaub eher bessere Füllware zu sein, durchaus hör- aber eben leider auch schnell austauschbar, die erste Single „For What It’s Worth“ ist richtiggehend ärgerlich und ideenarm. Textlich bewegen sich Placebo wieder auf eher bescheidenem Holzschnittniveau („A heart that hurts is a heart that works“), aber das war wohl bei ihnen noch nie das primäre Qualitätskriterium. Altersmilde gestimmt resümiert der Rezensent: Für eingefleischte Fans dreizehn gute Gründe für den Plattenkauf, den Download oder meinentwegen die Raubkopie – die Konfettikanone lassen wir aber mal für Kommendes ungezündet in der Ecke stehen.

Donnerstag, 4. Juni 2009

Gehört_35



Sonic Youth „The Eternal“ (Matador)
Mit der Selbstbeherrschung ist das so eine Sache, sie läßt sich einfach nur eine begrenzte Zeit aufrecht erhalten, irgendwann erliegt man ganz zwangsweise dem Drang, alle Beschränkungen fallen zu lassen. Das ist menschlich. Und irgendwann ist jetzt. Nach dem Besuch des phänomenalen Konzerts von Sonic Youth im Münchner Haus der Kunst habe ich noch schwer mit den Worten gerungen, um sie nicht ganz so kritiklos und liebedienerisch klingen zu lassen. Damit ist es mit dem neuen Album endgültig vorbei. Diese Platte, das muß einfach raus, ist besser fast nicht hinzubekommen, eine Offenbarung vielleicht, in jedem Falle aber ein perfektes Stück Musik. Sie enthält alle Ingredienzien, die Sonic Youth seit nunmehr 28 Jahren so unverwechselbar machen – und das ist in der heutigen Zeit vielleicht das größte Kompliment, was man einer Band machen kann. Sie klingen nicht „wie“ oder „nach“, sie sind Stil und Original in einem. Rückkopplungsorgien, kantige Breaks, atonale Verzerrungen, herzzerreißende Melodien – alles dabei und von allem genug. „Sacred Trickster“ war als Appetizer in seiner Wucht schon nicht zu verachten, „Anti-Orgasm“ bietet als Duett fast schon schwermetallische Riffs nebst bandtypischem Fadeout, ebenso grandios der Swing von „Malibu Gas Station“, die fast schon befremdliche Harmonie bei „Walking Blue“ und die winzige, augenzwinkernde Drumsession von „What We Know“. Getreu dem Motto „Das Beste zum Schluß“ haben sie mit „Massage The History“ die Essenz ihres Schaffens ans Ende der Platte gelegt, knappe zehn Minuten zwischen Lamm und Biest, zwischen Leere und Lärm, Kim Gordon wimmert waidwund zum Gotterbarmen, der Rest sägt und hämmert die Einrichtung darnieder und am Ende steht wie so oft der atemlose, einzelne Ton als Monument. Ob das nun die Platte für die „Ewigkeit“ ist, müssen andere entscheiden – für den Moment allerdings fällt mir weiß Gott keine Alternative ein. Wollen wir also hoffen, dass die Band dem alterstypischen Greisen-Casting von Rick Rubin so lange wie möglich widerstehen kann. Denn – Herrgott nochmal – wenn diese Welt gerecht ist, dann spielen sie in zwanzig Jahren keine Kammermusik, sondern immer noch diesen genialen Sound. Jawoll.
Komplettstream "The Eternal"

Dienstag, 2. Juni 2009

Gehört_34



Beweisen, nein beweisen muß Herr Osterberg wohl keinem mehr etwas und seit ich weiß, dass er ungefähr so alt ist wie mein Vater und ich ihn leibhaftig habe wüten sehen, hat er auch bei mir so eine Art Freifahrtsschein gezogen. Und trotzdem bleibt nach dem Anhören von „Preliminaires“ zunächst die Frage: Was war jetzt das?! Ein wenig ratlos sitzt man da, schaut mit verhangenem Blick auf diese Miniaturensammlung und nach einiger Zeit schafft man es zumindest zu einem „Respekt, alter Sack!“ Dass der olle Iggy Pop nicht nur das brachiale Brett kann, das wußte man spätestens seit dem wundervollen Soundtrack von Kosturicas „Arizona Dream“, wo er ja schon so manches Wunderwerk mit Goran Bregovic zusammengeklöppelt hatte. Dass er das nun allerdings auf CD-Länge und einem Mehr an Abwechslung auszudehnen vermag ist einigermaßen verwunderlich, hätte man ihm, dem König der altmeisterlichen Punkpose, dem Mann mit der Transparenzhose, dem Berufsberserker wohl nicht zugetraut. Und französisch auch noch. Eingerahmt von zwei geraunten – ja, Chansonversionen Marke Serge Gainsbourg findet sich so allerlei TamTam auf dem Album, Jahrmarktsgetröte, Gitarrenakustik, Pianoklimpern, unterstützt von reichlich Prominenz wie Vanessa Paradis nebst Ehemann Johnny Depp, Chrissie Hynde und, und ... Gut, vieles davon wird nicht übermäßig lange im Gedächtnis bleiben, zu unfertig wirkt es manches Mal, zu oft wird man wieder in eine neue Richtung gestoßen, an die zu gewöhnen so viel Zeit nicht bleibt. Lustigerweise haften die krachigen Sachen wie „Nice To Be Dead“ am wenigsten, gefälliger da schon die zurückgenommenen, dunklen Stücke: herrlich hier „I Want To Go To The Beach“ mit alterweisen Bissen „You can convince the world, that you’re some kind of superstar, well an asshole is what you are, but that’s allright“. Croonend winkt der Meister auch bei „Spanish Coast“ und „How Insensitive“ einen kurzen Gruß an Leonhard Cohen. Und ob man jetzt am Ende den vielzitierten Roman von Houellebecq für’s Verständnis der Platte gelesen haben muß, ist mir ehrlich gesagt piepegal, mir gefällt sie auch so schon ganz gut ...

Freitag, 29. Mai 2009

Reisefreiheit - jetzt!



Während die BILD seit dem letzten Spieltag fortwährend in selbstgestrickten Endzeitphantasien deliriert ("Die Liga bebt!"), ist unabhängig davon, wo Gomez sein Haarband künftig spazierenträgt, ob Neuer der Alte bleibt oder welcher Verein nun (kreizdeifihimmelherrgottsakranochamoi) endlich die 250 Billionen Euro für den Ribery zu zahlen bereit ist, die wichtigste Personalie der neuen Saison schon entschieden. Und das es diesmal kein Spieler ist, macht die Sache nicht einfacher: Hans Meyer, eine der wenigen glaubwürdigen Trainerpersönlichkeiten unserer Tage, hat nun offensichtlich endgültig dem quietschbunten Faschingsrummel Bundesliga Lebewohl gesagt, verlängert nicht bei Gladbach und zieht sich aufs Altenteil zurück. Soweit, so schade. Denn Eigenschaften wie Solidität, Glaubwürdigkeit, gesundes Urteilsvermögen und grundsympathisches Humorverständnis werden nunmehr keine Gallionsfgur mehr haben im Spielbetrieb des Oberhauses. Hans Meyer, der von sich sagte, er habe bis 1990 für den Sozialismus und nicht für's Geld gearbeitet, mußte manchem windschnittigen Jungmanager der Liga wie ein Faktotum erscheinen, Spieler - auch genannt IchAGs - haben ihn sicher zuweilen geradezu als Spielverderber empfunden - er war Berufsskeptiker, der schnellen Jubelarie ebenso abhold wie der häufig unreflektierten Generalmodernisierung der Vereinsarbeit, einen wie ihn neben Unpersönlichkeiten wie Nürnbergs Perserpräsi Michael A. Roth stehen zu sehen schmerzte beim bloßen Hinsehen. Dass Meyer seine Absage nun ernst meint, kann man wohl schon daran erkennen, dass er als Beschäftigungsalternative nicht mehr das Rosenschneiden im heimischen Garten, sondern die Sehnsucht nach dem entspannten Besuch ferner Orte anführt - beim Reisen, das wußte schon Roths Lookalike Erich H. Onecker verstehen die Ossis nun mal keinen Spaß. Immerhin, das bleibt zu hoffen, wird er als Trainer der AUTONAMA (Deutsche Nationalmannschaft der Autoren) den kleinen Helden Brussig, Ostermaier und Wortmann kräftig in den Dichterarsch treten, wenn sie mal wieder zu selbstverliebt herumdribbeln ...

Sonntag, 24. Mai 2009

Die magische 8



... oder "Who Cares VfL Bayern Stuttgart". Die Saison ist zu Ende und man hatte am Ende das Gefühl, dass der FC den achten Rang, auf dem er gefühlte zwanzig Wochen stand, unter keinen Umständen verlassen dürfte, weil sonst ein gar mächtiges Unglück über den Verein hereingebrochen wäre. Achter also, nun ja, es war recht früh in der Rückrunde klar, dass die Spannung sich schon aus den Spielen verabschiedet hatte - einzige Ausnahme vielleicht das mit viel Bedeutung aufgeladene Nordderby gegen Rostock. Ansonsten hatte das fade Restprogramm natürlich auch sein Gutes, denn das fürchterliche Abstiegsgespenst hat diesmal einen Riesenbogen ums Millerntor gemacht - auch gut. Dann also jetzt den Jungens die wohlverdiente Ruhepause und in ein paar Wochen auf in eine neue, ganz und gar unglaubliche Saison 2009/2010. Walk on!

Immer die Besten



Es gehen immer die Besten. Diese Empfindung hat man jedes Mal, wenn jemand ungewollt früh gehen muß. Natürlich ist das Quatsch und wahrscheinlich hat ein jeder seine Zeit, das galt schon für den schmerzlich vermissten Ulrich Mühe und in gleichem Maße seit gestern auch für Barbara Rudnik. Wieder eine, die noch hätte um so vieles größer werden können als sie es eh schon war - wird man lesen. Aber darum gehts wahrscheinlich gar nicht. So mancher Mensch macht einem die allgegenwärtige Möglichkeit von Verlust und Ohnmacht oft schmerzhafter deutlich. Und es spielt dann kaum eine Rolle, ob man diesem Menschen persönlich sehr nahe stand oder ob er auf die Ferne durch sein Wirken Herz und Geist zu bewegen und anzurühren wußte. Barbara Rudnik war so ein Mensch. Und sie wird fehlen.

Freitag, 22. Mai 2009

Gehört_33



Phoenix „Wolfgang Amadeus Phoenix“ (Universal)
Kurz, ganz kurz nur hatte ich mit mir gerungen, für diese Marginalie der Musikgeschichte die Rezension etwas dunkler einzufärben als ursprünglich geplant: Der deutsche Rolling Stone schreibt ja in seiner letzten Ausgabe, dass jetzt ausgerechnet der wenig erträgliche und ewig zerknautschte Helmut Karasek auch noch der Onkel des Phoenix-Sängers Thomas Mars sein will. Nein, diese Information hätte es nicht gebraucht, wirklich nicht. Wenn man aber gerecht sein will, so spielt dieses Verwandschaftsverhältnis keine entscheidende Rolle, läßt einen aber in diesem Zusammenhang einmal mehr über diese Band grübeln: Woher wenn nicht von einem ganz anderen, ganz weit da droben sitzenden Überonkel haben die Jungs denn ihre über alle Maßen genialen Songideen, die sie Jahr um Jahr mit jeder ihrer Veröffentlichungen als Ausnahmetalente des Popuniversums ausweisen? War „United“ im Jahre 2000 noch ein Achtungserfolg, der zwar aufhorchen, aber weiß Gott (oder Onkel) noch nichts ahnen ließ, so zwangen sie mit „Alphabetical“ vier Jahre später mit ihrer Spielart von Pop eine so große Schnittmenge unter einen ebensogroßen Hut, dass es einem schon reichlich Achtung abnötigte. Wieder zwei Jahre darauf noch immer keine Schwächen zu erkennen, sie schüttelten weiter reihenweise prachtvolle und perfekte Songs aus dem Ärmel, neben „Rally“ oder „Consolation Prices“ war besonders „Sometimes In The Fall“ ein unglaublicher Geniestreich. Nun also „Wolfgang Amadeus Phoenix“. Natürlich strotzt so ein Titel vom tonnenschweren Ego der Pariser, sie provozieren gekonnt und setzen den kompletten Kredit aufs Spiel. Und gehen mit der doppelten Menge des Einsatzes nach Hause: Ein neuer Coup, ein tolles Album mit haufenweise bestem Material mit noch mehr Rockappeal. „1901“ und „Lisztomania“ nehmen einem jedwedes Gegenargument, selbst das zweigeteilte und etwas psychedelisch angehauchte „Love Like A Sunset“ kann mithalten im Reigen. Das Glanzlicht setzt m.E. „Armistice“ mit einem herrlich mystischen Intro – der großartige Rest ist pures Vergnügen. Und wir wissen jetzt wenigstens, welche Musik Herrn Karasek im Himmel erwartet. Auch ein Trost für ihn.

Mittwoch, 20. Mai 2009

Gehört_32



Manic Street Preachers "Journal For Plague Lovers" (Sony Music)
Allein der Umstand, dass zur Zeit mehr über das streitbare Cover des neuen Albums der Manic Street Preachers als über die Güte des Inhalts debattiert wird, sollte einen schon stutzig machen. Denn die richtige Frage lautet für mich keinesfalls, ob die Abbildung geschmackvoll ist oder nicht, hier hätte man sich bei früheren Alben wie „The Holy Bible“ mit dem auf gut bayrisch g’wamperten Weibsbild einen Vorgeschmack Kunstverliebtheit und kalkulierte Provokation der Band holen können. Nein, die richtige Frage muß lauten: Hat es eine neue Platte der Manic Street Preachers überhaupt gebraucht? Und nach dem Anhören muß man leider konstatieren: Eine solche nicht. Denn wenn man sich sonst über die allzugroße Glätte und Stromlinienförmigkeit von Produktionen beklagt, so hätten bei „Journal For Plague Lovers“ ein paar mehr Ideen, ein wenig mehr Verdaulichkeit nicht geschadet. Gut, ein neues „Motorcycle Emptiness“ konnte keiner erwarten, aber vom Glanz früherer Hymnen wie „My Little Empire“ und „“Kevin Carter“ ist auch weit und breit nichts zu spüren. Inspirationen Fehlanzeige, keine Glanzlichter, die einen wie früher mit schwächerem Material versöhnen konnten. Am ehesten hört man dem elektronisch aufgepimpten „Marlon J.D.“ noch an, dass die Manics mal vom Punk kamen. Leider sind sie heute bei eher belanglosem Hardrock angekommen. Da kann es auch nicht trösten, dass das Textmaterial vom schmerzlich vermißten Ricky James Edwards stammen soll – wenn die Musikverpackung so dermaßen durchschnittlich ist, möchte man vom Inhalt auch nicht mehr viel wissen.

Dienstag, 19. Mai 2009

Gehört_31



Jason Lytle „Yours Truly, The Commuter“ (SPV)
Vier Jahre sind seit der ewig bedauerten Auflösung der kalifornischen Grandaddy vergangen, die Tinte unter dem Nachruf also gerade mal getrocknet, schon kommt Mastermind Jason Lytle mit seinem Solodebüt „Yours Truly, The Commuter“ um die Ecke. Und was soll man sagen: Es ist wie heimkommen. Auf den „ersten Blick“ jedenfalls. Die selbe samtweiche Stimme schmeichelt sich ohne große Gegenwehr in den Gehörgang, hier ein Zirpen, da ein Knacksen, dort ein Rauschen – willkommen seltsamen Königreich des LoFi-Königs. Bei genauerem Hinhören wird allerdings schnell klar, dass die Band, so sie für die rockige Gangart von Grandaddy zuständig war, doch schmerzlich vermißt wird – zu wenig Krach für zu viele Minuten, die einstmals lärmigen Gitarrenwände sind abgebaut oder stehen wie bei „It’s Weekend“ unmotiviert in der Landschaft herum. Lytle beschränkt sich für meine Begriffe zu sehr auf die leisen, versponnenen Stücke für’s knisternde Lagerfeuer und macht sich bei „I Am Lost“ fast als Major Tom aus dem Staub. Das alles ist keineswegs schlecht, nur etwas spannungsarm und nach grob geschätzten dreißig Minuten ist man wohlig weggeschlummert.

Gefunden_17



Irgendwie hat man es ja geahnt, aber dennoch nicht wahrhaben wollen. Zuerst tauchte Jürgen Vogel in Schweigers Nicht-Film "Keinohrhasen" als grenzdebile Karrikatur seiner selbst auf - okay, nur eine winzige Nebenrolle, ein entschuldbarer Gefallen vielleicht. Dann allerdings rutschte er, wie die gesamte mittelmäßige C- oder D-Prominenz immer öfter bei diversen sinnfreien Chartshows Marke "Die 50 intelligentesten Scooterhits seit Kriegsende" von rechts/links/oben/unten ins Bild und gab ebenso sinnfreie Kommentare ab - nicht gut. Noch weniger gut dann die Rolle als Pausenclown in der "Schillerstraße", der WG also, die seit dem Abgang von Cordula Stratmann so interessant geworden ist wie ein Vierkantholz von OBI. Und nun also seine neueste "große" Rolle im aktuellen Werbespot der Sparkasse - unangenehm humorarm, provozierend geistlos. Und da fragt man sich kopfschüttelnd: Warum Jürgen? War's die Kohle? War's dieses universale Ben-Becker-Gefühl namens Ich-mach-was-ich-will-und-scheiß-drauf? Bitter allemal, wenn so nach und nach aus Hoffnungsträgern Suppenkasper werden. Sicher scheint nur zu sein, dass die Zahl der wackeren Neinsager zum Allerweltsblödsinn immer, immer kleiner wird ...
Wer's trotzdem sehen will

Freitag, 15. Mai 2009

Gehört_30



The Maccabees "Wall Of Arms" (Universal)
Also wenn der Bruckmaier Karl schon in seiner sparsam kommentierenden Tipprunde mit ganzen vier Sternen daherkommt und gewohnt pointiert ein „taugen was“ dazugibt, dann ist fast genug gesagt und die Laufrichtung schon vorgegeben. Üblicherweise tut man Bands mit Sätzen wie „klingt nach ...“ ja eher unrecht und trifft sowieso selten ins Schwarze, bei den Maccabees sollte das aber eher als Kompliment verstanden werden, denn Sänger Orlando Weeks kann tatsächlich so herrlich jammern wie Win Buttler von den mittlerweile übermächtigen Arcade Fire und in den besten Momenten klingen die Maccabees wirklich wie Echo And The Bunnymen. Und die waren nicht die Schlechtesten. Wunderbare Songs zu Hauf, fast alle sehr tanzbar und mit ruhelosem Beat verfeinert, wenn überhaupt welche herausstechen, dann vielleicht das etwas angedunkelte „No Kind Words“, das nervöse „Love You Better“ oder „William Powers“, bei dessen Komposition wohl jemand einen Gedanken an The Edge verschwendet hat. Alles ganz toll, nix zu bemängeln. Na ja, fast nix – das Cover ist Scheiße.

Gehört_29



Bill Callahan „Sometimes I Wish We Were ...“ (Drag City)
Da kann ich jetzt zur Abwechslung mal ganz unbefangen drauflos schreiben, denn so richtig viel weiß ich bisher nicht von Bill Callahan. Gut, er hat den Hauptteil seines bisherigen Werkes unter dem Namen Smog veröffentlicht und er ist nur drei Jahre älter als ich. Nichts, also, womit man großartig hausieren gehen könnte. Eine seiner letzten Smog-Platten „A River Ain’t Too Much To Love“ hat jedoch schon einen würdigen Ehrenplatz in meiner CD-Sammlung gefunden, ist sie doch ein so ausgezeichnetes Stück Musik, eines von den Werken, dass man beim Hausbrand schnell noch aus dem Regal reißen will, weil man ohne meint nur halb so gut leben zu können. Überhaupt, dieser Mann hat eine Stimme, die im Zusammenspiel mit der sehr reduzierten Klangkulisse ein Schimmern, einen Glanz entwickelt, der einen innerlich – ja, irgendwie zur Ruhe kommen läßt, einfach so. Das geht einem bei dem neuen Album nicht viel anders, auch wenn es nicht ganz so zugänglich scheint wie das besagte von Smog. Die Texte kann man ohne Zweifel literarisch nennen, kleine vertrackte Erzählungen über Träume, Verlustängste, Beziehungsgedanken – manche voll von schwarzem Humor und Lautmalerei wie bei „Eid Ma Clack Shaw“, andere lyrisch verbrähmt wie das großartige „Too Many Birds“, wo die Schlußzeile „If You Could Only Stop Your Heartbeat For One Heartbeat“ fast mantraartig aufgebaut wird. Callahan ist wohl kein Mann, der vor lauter Optimismus den ganzen Tag jubelnd durch die Gegend hüpfen muß, eher ein melancholischer, enttäuschter Fatalist („It’s The End Of Faith, No More Must I Strike, To Found My Peace In The Life … It’s Time To Put God Away, I Put God Away“ im neunminütigen Schlußstück „Faith/Void“), ein Tagträumer vielleicht. Man sollte sich den einzelnen Songs mit Behutsamkeit nähern, allesamt sind sie es der Mühe wert, auch wenn mancher nicht gleich zu Beginn in’s Ohr gehen will. Sind sie jedoch einmal drinnen, dann für sehr lange Zeit …

Mittwoch, 13. Mai 2009

Sag zum Abschied leise servus ...



Nun hat’s also auch die GALORE erwischt – im Zuge der allgemeinen Krise der Printmedien, meint hier vor allem Publikumstitel, verabschiedet sich jetzt auch das Interviewmagazin mit der 49. Ausgabe in Richtung Internetportal und damit – so bleibt zu vermuten – alsbald in Richtung Bedeutungslosigkeit. Gestartet mit einer Menge Ambition und Herzblut gingen dem Heft irgendwann die interessanten Gesprächspartner und also auch die Leser aus – mein Abo haben sie mit dem wohl gutgemeinten aber völlig missratenen Relaunch vor gut zwei Jahren verschenkt. Man wollte zuletzt alles und somit viel zu viel sein, neben den Gesprächen wurden nach und nach noch allerlei verzichtbare Rubriken ins Blatt gehoben, die man so und besser schon von unzähligen anderen Heften zur Genüge kannte, die klare optische Linie wurde zugunsten eines wahren Layoutwirrwarrs aufgegeben. Wirklich gut geführte Interviews fand der Leser immer seltener, so überrascht das Ende nicht wirklich. Sei’s drum, eine vergebene Chance vielleicht, ein wenig Trauer bestimmt ... http://www.galore.de/

Gehört_28



Jarvis Cocker „Further Complications“ (Indigo)
Kurz nachdem man die Play-Taste gedrückt hat, ist man fast versucht noch einmal zu kontrollieren, ob die CD nicht falsch belabelt ist – wer oder was zum Teufel schreit, hechelt und bellt denn da? Bist Du’s wirklich, Jarvis? Anscheinend schon, auch wenn der Wiedererkennungseffekt am Anfang denkbar gering ausfällt. Aber nach dem knarzenden Instrumental „Pilchard“ gelangt man kurz in ruhigere Fahrwasser und hat ihn wieder, den alten Crooner. Wenn auch viele Songs im ungewohnten Rockgewand wie „Caucasian Blues“ mehr als gewöhungsbedürftig klingen, manche sogar richtig daneben („Fuckingsong“ und „Homewrecker!“), so ist man mit anderem Material schnell wieder versöhnt. „I Never Said I Was Deep“ ist eine richtige Perle – ein Beispiel dafür, dass Cocker sich in seinen brillanten Momenten erschreckend nahe an David Bowie heranmusiziert hat. Wundervoll. Dass am Ende dann noch für „You’re In My Eyes“ die Diskokugel ausgepackt werden muß und dazu klebrig soulige Chöre mit schwülstig eindimensionalem Text zum Besten gegeben werden verzeiht man ihm dann um so leichter. A Propos Faltenrock: Ein Tip noch für unsere Angie, die ja gleichnamigen Song für den letzten Bundeswahlcontest dankenswerterweise nicht verwenden durfte – zur Erschließung neuer, jüngerer Wählerschichten bietet sich Cockers „Angela“ bestens an. Nur an Alter (“nearly 23”) und Übersetzung wird Frau Pastorentochter wohl noch etwas feilen müssen: „Boom you blew my mind (Angela), I feel the sap rising tonight (Angela), a dry stick at the end of a branch and an overzealous hand …”

Dienstag, 12. Mai 2009

Gefunden_16



Balsam auf die geschundene Seele des ewig unverstandenen Depeche-Mode-Fans ;-), ganz nebenbei noch den Jungs von der Tierhandlung und Timur... äh Bono und seinem Trupp ordentlich eine mitgegeben. Man mag von Alexander Gorkow halten was man will, er holt mit diesem Artikel das nach, was die Süddeutsche aus Ignoranz und/oder selbstverordneter Möchtegernhippness bisher hat vermissen lassen. Fast eine Hommage: Depeche Mode in Tel Aviv

Dienstag, 5. Mai 2009

Gehört_27



Maximo Park „Quicken The Heart“ (Warp)
Irgendwie ist es schade, denn so richtig falsch haben Maximo Park nichts gemacht mit ihrem dritten Album „Quicken The Heart“. Sie klingen immer noch so atemlos und hektisch wie bei ihrem Debüt „A Certain Trigger“, sie haben noch immer die großen Geste parrat und als Berufsjugendliche wie so manche ihrer Kollegen mag man sie auch nicht beschimpfen. Doch was 2003 noch spannend wirkte, klingt heute leider nicht mehr ganz so zwingend, seltsam zerissen und uninspiriert. Sie wissen wohl noch wie’s geht, aber von der Güte solcher Songs wie „Apply Some Pressure“, „Graffiti“ oder auch dem späteren „Our Velocity“ ist leider weit und breit nichts mehr zu hören. Woran’s wohl liegen mag? Man hat diesen Sound, der vor Jahren noch unverwechselbar war, mittlerweile in zahlreichen Variationen gehört, manches Mal wie bei den grandiosen Foals war die Kopie sogar noch einen Tick besser als das Original. Und wenn so viele an der selben Suppe kochen, ist man gut beraten, etwas am Rezept zu ändern. So allerdings hat es dann doch nur zum streckenweise schalen Einheitsbrei gereicht, ohne Mut zum Risiko. Schade, nochmal.