Samstag, 13. April 2019

Fontaines D.C.: Bemerkenswert frühreif

Fontaines D.C.
„Dogrel“
(Partisan Records)

Betrachtet man das Große und Ganze, ist das natürlich nur eine Randnotiz, aber man kommt nicht umhin festzustellen: Den Briten geht es momentan an allen Ecken ziemlich nass rein. Da schüttelt alle Welt den Kopf über ihr (die einen sagen unterhaltsames, die anderen behaupten würdeloses) Gezeter und Gezerre zum EU-Austritt, zu anderen gesellschaftlichen Themen werden sie gleich gar nicht mehr wahrgenommen. Und dann tritt plötzlich eine Band wie die Fontaines D.C. auf den Plan und liefert ein furioses Debüt ab, das so urbritisch wie nur irgendwas klingt und die besten Erinnerungen an längst vergangenen Ruhm weckt, an die Libertines, an Oasis und Maximo Park. Und woher kommen sie? Aus Dublin! Also mehr Demütigung geht nicht. Und wie sie kommen! Man kann sich wirklich auf lange Zeit an keine Band mehr erinnern, die aus dem Stand mit einem derartigen Punch aufgeschlagen ist, die ein solch komplettes Album abgeliefert hat.



Dass solches zu erwarten war, ließ sich in den Jahren zuvor schon erahnen: Gleich am Anfang, also im Sommer 2017, stand mit „Liberty Bell“ ein Song, der unter den vielen erstklassigen von „Dogrel“ auch heute noch herausragt – das Schlagwerk von Tom Coll ein lautes Rumpeln, die Gitarren wild und remarkable, Grian Chattens Gesang (mit Rrrroten-R) genervt bis lässig, was für ein Statement. Wäre es dabei geblieben – gut gebrüllt, thank u next. Aber es ging auf beachtlichem Niveau weiter, im selben Jahr noch ein krachendes „Hurricane Laughter“, Monate darauf das nächste Songpärchen, mit dem Geschrammel von „Chequeless, Reckless“ und „Boys In The Better Land“ hätten Carlos O’Connell und Conor Curley mühelos auch bei Wedding Present einsteigen können. „Too Real“ hieß dann der letzte Killer, den die sechs im November 18 von der Kette ließen, spätestens jetzt war klar, dass die Iren nicht vorhatten, das Schicksal von Eintagsfliegen zu teilen.



Das Album ein Hit-Sampler, kein Spannungsabfall herauszuhören. Und auch die Attitüde stimmt, die Stücke stecken voller bissiger Kommentare zu Kindheit und Jugend in der Heimatstadt: „Dublin in the rain is mine, a pregnant city with a catholic mind“ heißt es gleich zu Beginn, später dann „… you work for money and the rest you steal, like an old tattoo I feel“ („Sha Sha Sha“). Nicht die besten Voraussetzungen für eine steile Karriere also, aber weil es weder an Überlebenswillen, Leidenschaft noch einer gehörigen Portion Sarkasmus fehlt, träumt man trotzdem von einer besseren Zukunft: „My childhood was small, but I’m gonna be big“. Viel mehr Worte muss man über diese Platte eigentlich nicht verlieren, wer die Energie und die Entschlossenheit nicht spürt, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Vielleicht noch eine Empfehlung zur laufenden Tour (die Fontaines sind gerade mit den Idles unterwegs und kommen im Herbst noch einmal kurz nach Deutschland) – lieber gleich anschauen, denn was größer wird, wird selten besser.

04.11.  Köln, Gebäude 9



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