Dienstag, 19. Oktober 2021

Shortparis: Die Interessanteren

Immer ein wenig verstörend, immer ein wenig blutig - Shortparis aus St. Petersburg sind mit einem aktuellen Video zurück. Nachdem in diesem Jahr mit "Yablonny Sad" ihr mittlerweile viertes Album erschienen ist, fanden sich die Mannen um den charismatischen Sänger Nikolai Komyagin auch in den hiesigen Feuilletons wieder und konnten sich so - um im neoliberalen Sprech der Zeit zu bleiben - neue Käuferschichten erschließen. Von besagter Platte stammt nun auch der Song "Lyubov moya budet tut", dessen Video in Eigenregie der Band entstanden ist - weitere Stücke finden sich in einem früheren Post. Das Material zusammengenommen sollte dann auch klar sein, dass hier allemal mehr Potential dahintersteckt als beispielsweise bei den südkoreanischen Milchbubis, nur hat das eben Chris Martin noch nicht mitbekommen. Oder sollten wir besser sagen: Zum Glück?



Freitag, 15. Oktober 2021

Tocotronic: Befremdliche Dinge

Natürlich hängen wir zu einem neuen Song von Tocotronic nicht einfach nur ein Update dran, sondern verfassen gleich einen neuen Post. Ehrenhalber, versteht sich. Vor einigen Wochen kam ja schon die Nachricht um die Ecke, dass Dirk von Lowtzow und Kollegen für den 28. Januar die Veröffentlichung ihres neuen Studioalbums "Nie wieder Krieg" planen, die Single "Jugend ohne Gott gegen Faschismus" gab es obendrauf. Heute nun Vorabsingle Nummer zwei - der ganze Gegensatz, ein ruhiges, ätherisches Duett mit Anja Franziska Plaschg aka. Soap And Skin. So ungewohnt der Umschwung, so vertraut scheinen die Bilder zum Song - aufmerksame Serienjunkies werden das Setting der schwarzen Traumwelt sicher von Stranger Things kennen und gleich wieder erschaudern, tummelte sich doch dort in identischer Kulisse die zauberhafte Jane, Laborkindname Elf, der Ermittlungen wegen zwischen den Welten. Lustigerweise erfährt man in den Credits des Clips, dass die Postproduktion von einer Firma namens ELEVEN bewerkstelligt wurde - ein Schelm, der hier Zusammenhänge konstruiert. Und weil wir annehmen, dass von Lowtzow so etwas nicht ohne Grund macht, nehmen wir's mal als Huldigung - recht hat er.

02.03.2022  Marburg, KFZ
03.03.2022  Jena, Kassablanca
04.03.2022  Saarbrücken, Garage
05.03.2022  Düsseldorf, Zakk
07.03.2022  Dresden, Alter Schlachthof
08.03.2022  Dortmund, FZW
09.03.2022  Erlangen, E-Werk
10.03.2022  Magdeburg, Amo
06.04.2022  München, Tonhalle
07.04.2022  Zürich, X-tra
08.04.2022  Köln, E-Werk
09.04.2022  Leipzig, Felsenkeller
11.04.2022  Hannover, Capitol
12.04.2022  Wiesbaden, Schlachthof
13.04.2022  Stuttgart, LKA Longhorn
14.04.2022  Freiburg, E-Werk
16.04.2022  Hamburg, Edel-Optics Arena
22.04.2022  Berlin, Columbiahalle
19.08.2022  Hamburg, Stadtpark Freilichtbühne
03.09.2022  Potsdam, Waschhaus
08.09.2022  Wien, Arena
09.09.2022  Wien, Arena



Donnerstag, 14. Oktober 2021

Egyptian Blue: Angstgetrieben

Neues aus Brighton: Das Post-Punk-Quartett Egyptian Blue, in den letzten Jahren mit einer Reihe EP aufgefallen, plant für die nächste Zeit die Veröffentlichung eines Debüts im Langformat. Wann genau das sein wird, darauf hat sich ihr Label YALA! noch nicht festgelegt, wohl aber auf die Veräußerung einer ersten Vorabsingle mit Namen "Salt". Zu dessen Entstehungsgeschichte wiederum erklärt Sänger Andy Buss bei DIY: "The song came from a series of anxiety dreams containing monotonous behaviours that felt like walls closing in. That sense of chasing my own tail. Jumping into the dark pit of the pandemic only served to heighten this".

Sea Power: Naheliegende Verkürzung [Update]

Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass eine Band ihren Namen ändert, weil die Zeiten nicht die selben geblieben sind und nun, im neuen Licht betrachtet, ein Beigeschmack hinzugekommen ist, auf den man nicht ständig hingewiesen werden möchte, der einen unter einen gewissen Rechtfertigungsdruck setzt. So geschehen in jüngerer Vergangenheit mit der kanadischen Gruppe Viet-Cong, die sich 2015 einfach in Preoccupations umbenannte, im vergangenen Jahr hatten selbst die Dixie Chicks genug und wollten fürderhin nur noch unter The Chicks firmieren. Die Kapelle British Sea Power aus Reading hatte sich, so liest man, schon länger mit dem Gedanken getragen, eine Kürzung vorzunehmen - das Erstarken von Nationalismus und Populismus im Zuge des unsäglichen Brexits hat sie nun den Schritt endgültig vollziehen lassen und so wird auf dem nächsten Album "Everything Was Forever" nur noch Sea Power vermerkt sein. Die erste Single "Two Fingers" wiederum ist von Albtraumgestalten des amerikanischen Autors HP Lovecraft bevölkert, einem so berühmten wie umstrittenen Manne, der nicht nur bedeutende Bücher geschrieben hat, sondern wohl auch ein gnadenloser und unausstehlicher Rassist war. Die neue Platte jedenfalls soll als Nachfolger von "Let The Dancers Inherit The Party" (2017) am 11. Februar 2022 erscheinen. 

Update: Und wir haben mit "Folly" einen weiteren Song von den Rückkehrern.  



Emma Ruth Rundle: Immer ein Ereignis [Update]

Keine Gitarren diesmal, nur ein Piano. Aber was heißt hier "nur"? Wenn Emma Ruth Rundle die Bühne betritt, dann ist das unabhängig vom Instrumentarium immer ein Ereignis. Das war beim letzten Studioalbum "On Dark Horses" so und ebenfalls beim gemeinsamen Projekt "May Our Chambers Be Full" mit der amerikanischen Metalband Thou. Wie sich nun das gerade angekündigten Solowerk "Engine Of Hell", VÖ 5. November bei Sargent House, anfühlen wird, wissen wir noch nicht, die erste Auskopplung "Return" zieht einen aber sofort in den Bann. Sie selbst sagt in den Linernotes dazu: "Here are some very personal songs; here are my memories; here is me teetering on the very edge of sanity dipping my toe into the outer reaches of space and I’m taking you with me and it’s very fucked up and imperfect." 

Update: Hier kommt mit "Blooms Of Oblivion" der zweite Song vom Album, das Video hat die Sängerin gemeinsam mit John Bradburn gedreht.




Marissa Paternoster: Ohne Illusionen

Das klingt jetzt nicht nach der klassischen Friedenstaube, eher nach einem ziemlich zerstörten Vogel: Marissa Paternoster, Sängerin der Screaming Females, hat mit der Ankündigung des ersten Soloalbums unter ihrem Namen die Single "White Dove" geteilt. Und wenn man sie im Video mit trübem Blick und ziemlich derangiert im feierlichen Kleid über einen Friedhof laufen sieht, wie sie von einer weißen Taube mit blutgetränkten Flügeln singt, dann hat das etwas ziemlich Desillusioniertes, Deprimierendes. Die nachfolgenden Songs auf der Platte heißen dann im Übrigen "Black Hole" und "I Lost You" und man kann sich denken, dass auch diese nicht gerade vor Fröhlichkeit bersten. Macht nix, Paternoster war schon bei ihrer Band als eindrucksvolle und emotionale Persönlichkeit in Erinnerung, dem Solo wird das ebenfalls gut tun. Entstanden ist dieses gemeinsam mit Andy Gibbs von der Metalformation Thou und Produzent Eric Bennett, mit dabei außerdem Shanna Polley und Cellistin Kate Wakefield - am 3. Dezember erscheint "Peace Meter", so der Titel, bei Don Giovanni Records.



Mittwoch, 13. Oktober 2021

Bambara: Alles muss raus!

Was soll man sagen - selbstbewußt ist er ja. Reid Bateh, Sänger der amerikanischen Band Bambara, ließ sich für das Cover des neuen Mini-Albums "Love In My Mind" einfach mal en face mit weit ausgeschnittenem Hemdkragen fotografieren, eine Sache, die sich außer Hugh Grant eigentlich nur wenige Männer trauen. Aus Gründen. Nun ja, Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, wichtiger ist ja, dass Bambara tatsächlich neu angreifen, nachdem sie wie viele andere ihr letztes Album ("Stray", 2020 auf Wharf Cat) kaum promoten und schon gar nicht live bespielen konnten. "Mythic Love", die erste Single, scheppert dann auch mächtig los, weitere fünf Stücke werden noch folgen, darunter, wie man liest, auch Gesangsduette mit Bria Salmena (Orville Peck/Frigs) und Drew Citron (Public Practice) - am 25. Februar geht alles raus.

17.03.22  Hannover, Cafe Glocksee
18.03.22  Berlin, Urban Spree
21.03.22  Hamburg, Hafenklang
25.03.22  Haldern, Haldern Pop Bar UG
28.03.22  Köln, Bumann und Sohn



Baxter Dury: Ausnahmeerscheinung

Was für ein schöner Titel! Und was für ein toller Kerl - immer noch! Baxter Dury, von dem wir hier reden, hat wohl Zeit seines bisherigen Lebens immer etwas an dem Schatten seines berühmten Vater kauen müssen - Grund dafür gab es eigentlich keinen, denn als er zur Jahrtausendwende damit begann, eigene Soloplatten zu veröffentlichen, war schnell klar, dass er sich in keinster Weise verstecken muss. Seine Musik war immer zu gleichen Teilen verführerisch, diabolisch und subversiv, der Mann konnte im Maßgeschneiderten durch Casino, Nobelabsteige oder Gosse ziehen und machte doch immer eine gute Figur. Vor einem Jahr erschien sein wunderbares Album "The Night Chancers", nun hat er eine veritable Hitcompilation angekündigt - und zwar unter dem Namen "Mr Maserati 2001 To 2021", hach! Darauf finden sich Stücke seiner bislang sieben Studiowerke bis hin zum Debüt "Len Parrot's Memorial Lift" aus dem Jahr 2002. Und ein neuer Song namens "D.O.A" - die Idee dazu kam Dury, so schreibt er, während des Lockdowns, als sein Sohn Kosmo die Playlisten füllte. Darauf fanden sich dann also Stücke von Frank Ocean, Kendrick Lamar und Tyler, The Creator - "They’re embracing everything – sexuality, politics, all of it – and I find that inspiring." Alles zusammen am 3. Dezember bei Heavenly Recordings.



Sleaford Mods: Seltenheitswert

Auch wenn sich Jason Williamson und Andrew Fearn so gut miteinander verstehen, dass man manchmal meint, die beiden von den Sleaford Mods seien Brüder - sind sie natürlich nicht. Phil und Paul Hartnoll von einem anderen britischen Duo, Orbital nämlich, sind sehr wohl Geschwister, seit dem Ende der 80er setzen die beiden wegweisende Akzente in Sachen Techno, Trance und House (letztes Album "Monsters Exit" 2018). Und just am heutigen Tag haben Orbital den Remix von "I Don't Rate You", einem Track des aktuellen Mods-Albums "Spare Ribs" vernetzt. Was nicht nur eine überaus erfreuliche Sache ist, sondern auch eine kleine Rarität. Denn so gern Williamson sich zu anderen Künstlern ins Studio gesellt, so selten lassen die Mods Hand an ihre eigenen Songs legen. Deshalb gehört natürlich auch das Rework desselben Tracks aus den Händen von extnddntwrk, dem Moniker von Fearn selbst, mit zum Pflichtprogramm.



Dienstag, 12. Oktober 2021

Black Country, New Road: First things second

Wie es halt so ist in Pandemiezeiten - mitten in die vorgezogenen Feierlichkeiten zum potentiellen Album des Jahres kommt die Nachricht, dass das alles Schnee von gestern sein könnte, weil die nächste Platte längst bereit steht. Das Virus, wir wissen es, wirbelt so einiges durcheinander und auch der klassische Album-Tour-Album-Tour-Wechsel funktioniert nicht mehr so reibungslos. Die hochgelobte Londoner Kapoelle Black Country, New Road jedenfalls mochte so gar nicht zum Konzertieren kommen in diesem Jahr (bis jetzt jedenfalls, es tut sich was) - deshalb überholt die Ankündigung der zweiten Studioplatte beinahe die Aktivitäten zur ersten. Macht nix, die Truppe ist so gut, dass wir gern alles auf einmal nehmen. "Ants From Up There" soll nun am 4. Februar bei Ninja Tune erscheinen und die erste Single "Chaos Space Marine" knüpft mit ihrer verrückten Klangfülle genau da an, wo der grandiose Vorgänger "For The First Time" aufgehört hat.

23.10.  Köln, Bumann und Sohn
06.11.  Zürich, Bogen F
09.11.  Berlin, Frannz Club
11.11.  Leipzig, UT Connewitz
12.11.  Hamburg, Molotow



Sonntag, 10. Oktober 2021

Nalan: Viele Gesichter

Man kennt sie also, auch wenn man sie so nicht kennt: Als vor zwei Jahren das Debütalbum der Gaddafi Gals erschien, waren nicht nur die Kritiken hierzulande übereinstimmend euphorisch, es fiel vor allem auf, dass die vier Künstler*innen auch international punkten konnten. Was sich dieses Land wiederum gern ans Revers heftet, macht sich immer gut in Sachen Integration und Reputation. Naja. Nalan Karacagil muss sich diese Gedanken nicht machen, sie ist ohnehin unter mehreren Identitäten unterwegs - mit Band, als DJane alias Slimgirl Fat und seit längerer Zeit auch solistisch. Zunächst gab es erste Arbeiten unter dem Pseudonym Nalan381, 2018 die EP "Ugly" und nun soll im Dezember "I'm Good. The Crying Tape" erscheinen. Viel Material also, das man sich zusammensuchen kann - lohnenswert ist es alles. Vom Longplayer liefern wir hier jedenfalls neben der bereits bekannten Single "I'm Good" auch die aktuelle "Sorry" mit, Trennungsgedanken, eingebettet warmen RnB-Sound und ihre wunderbar weiche Stimme. Produziert hat beide Stücke im Übrigen walter p99 arke$tra, mit dem sie schon diverse Male (s.u.) zusammenarbeitete.







VLURE: Der passende Moment [Update]

Ganz ehrlich - einen Song mit diesem Titel genau heute, genau jetzt, das ist schon eine beängstigende, schicksalshafte Fügung. Weil aber nicht davon auszugehen ist, dass sich die schottische Gothrock-Band VLURE näher mit den Irrungen und Wirrungen der deutschen Politik beschäftigen, posten wir ihre Single "Shattered Faith" ganz einfach deshalb, weil die Bilder so schön vintage wirken und die Posen so herrlich überdreht. Bringt allemal Ablenkung im schnöden Alltag, war aber sicher genauso ernst gemeint, wie wir in anderem Zusammenhang geunkt haben. Oder - mit ihren eigenen Worten: "The story itself is about running from your inner demons, it's a response to strife, to desire and life. Shout to Ophidian the snake for being sound and not flying for us." 2020 in ihrer Heimatstadt Glasgow gegründet, gab es bislang von Hamish Hutcheson (Gesang), den Brüdern Conor Goldie (Gitarre) und Niall Goldie (Bass), Alex Pearson (Keyboards) und Schlagzeuger Carlo Kriekaarderst ein Tondokument für einen größeren Zuschauerkreis zu hören, die Single "Desire" teilen wir denn auch hier zusammen mit der neuen und warten auf weitere Treffer.

Update: Mit geschorenem Schädel, flackerndem Licht und irrem Blick wirkt das Video zur neuen Single "Show Me How To Live Again", ihrer ersten Veröffentlichung bei So Young Records, gleich noch ein Stück beeindruckender.




Orton: Den eigenen Weg finden [Update]

Weil wir erst kürzlich über Shoegazing sprachen: Für Ende Oktober ist bei Phlexx Records diese schöne 12" angekündigt - "Sparring" der Name, stammt sie von einem jungen Mann namens Will Crumpton aus Nottingham, der unter dem Alias Orton gerade mit der Single "Your Way" debütiert. Der Song wird einer von fünf Tracks der besagten EP sein, deren Stücke mit einer Reihe von Livemusikern in mehreren Studios seiner Heimatstadt entstanden sind, final abgemischt hat sie Alex Wharton (My Bloody Valentine, Radiohead, Portishead) in den Londoner Abbey Road Studios. Crumpton zu seinem Start in den Linernotes: "I wrote 'Your Way' earlier this year after being on universal credit for a couple of months at the time. I had a lot of people giving me their take on what I should be doing with my life and this song explains the struggle of finding my own way during the time and going forward. It goes deep into ideas and expectations both growing up and being an adult, how you’re expected to fit into some sort of system. This was the changing point for me as I began to realise advice is just advice, if you think you have a better idea then do it."

Update: Nicht weniger gelungen - hier kommt mit "Amongst Us" die zweite Auskopplung aus der EP.



Freitag, 8. Oktober 2021

Isolation Berlin: Fluchtgedanken

Isolation Berlin
„Geheimnis“

(Staatsakt)

Nun, das könnte jetzt doch schwierig werden. Lockdown kein Thema gerade, neue Platte endlich draußen, Tourtermine gefixt. Und dann das: „Ich zieh' mich zurück, Stück für Stück, in mein Schneckenhaus. Noch ein letzter Blick, ich schaue mit Schrecken raus … Ich komme hier nie wieder raus, lass' die Rollos runter und stelle mich tot“, so singt nun also Tobias Bamborschke. Jetzt, wo vieles wieder zu gehen scheint, wo die Clubs geflutet und die Konzerthallen vorsichtig gefüllt werden, bläst der Kopf der Berliner Band zum Rückzug, machen Isolation Berlin mit ihrem neuen, dritten Album eine regelrechte Fluchtplatte. Aber keine über die Flucht nach vorn eben – sondern eher nach drinnen: „Ich zieh' mich zurück, schließe mich ein, schließ' euch aus“. Bamborschke wird, so hoffen wir, den Widerspruch aushalten, er ist schließlich Künstler genug und braucht nicht nur die Studiowände, sondern auch die Bühnenbretter, braucht die Bestätigung, die Rückkopplung aus dem Publikum. Und doch.



Fällt auf, dass er vor drei Jahren noch so gierig nach dem nächsten Kick verlangte – heute dagegen zieht es ihn weg, macht er zu, schottet sich besser ab. „Ich hab private Probleme, für die ich mich schäme, doch ich will nicht darüber reden“, so singt er an anderer Stelle und das klingt nicht so, als wolle er sich auf die öffentliche Couch legen oder als suche er ein klärendes Zwiegespräch, einen Austausch. Was jetzt, die Vermutung liegt nahe, auch damit zu tun haben könnte, dass heutzutage jede und jeder ihren/seinen intimsten Kummer in die sozialen Netzwerke hineinjammert, als sei gerade dort nicht nur Häme, sondern Hilfe zu erwarten. Flucht also: In geträumte Identitäten, zum Beispiel die von Nina Hagen. Der Elterliche Plattenschrank hat ihm vor Zeiten die Begegnung der dritten Art verschafft, seitdem verehrt er die Frau, die oft als Spinnerin und Ufotante verschrien und belacht worden ist.



Flucht vor – wir ahnen es nur, deuten hinein – Erinnerungen, unschönen Erlebnissen aus Kindheit und Jugend, wo Träume und Wünsche nicht zum vorherrschenden Männlichkeitsideal passen wollten (schön überzeichnet vom Lippenstift auf den Pressebildern) und in wüste Gedanken mündeten: „Ich wünschte alle wären tot oder wenigstens ein bisschen netter“ („Ich hasse Fußballspielen“). Fluchtgedanken auch in Stellvertretung – die „Klage einer Sünderin“ führt sie mit Blut an den Händen direkt in die erlösenden Fluten der See, die kruden Fantasien treiben den Wutbürger mit Faust in der Tasche in die Verzweiflung (ganz toll: „Stimme Kopf“), der Verlassene, Vereinsamte zeichnet die Dämonen der Nacht auf‘s Papier in der Hoffnung auf Linderung oder Erlösung. Alles passiert hier im Kopf, scheint eingeschlossen, gnadenlos präsent. Bamborschke entwirft das Bild eines gepeinigten Sonderlings, der, auf sich selbst zurückgeworfen, die Ruhe herbeisehnt und zugleich hasst wie nichts sonst.



Das „Geheimnis“ bleibt er schuldig, wir wissen nur, dass es dunkel und tief verborgen in seinem Hirn tobt. Positives, Erfreuliches dagegen hören wir nur selten auf diesem Album. Ganz zu Beginn vielleicht, da scheint sie kurz auf, die große Liebe, die über allem ist, die als einziges zählt. Und trotzdem steht er am Ende mit hängenden Schultern im leeren Saal, „Enfant Perdu“, da ist schon alles vorbei, die Show, der Erfolg, das Leben sogar. Das alles ist nicht angenehm zu hören, großartige Songs sind es dennoch geworden. Auch weil er sie zu präsentieren versteht, emotional, mal schreiend, mal wispernd, mal trotzig, mal matt. Mit einer Band, die das wunderbar zu illustrieren weiß, die die wenigen Höhen und vielen Tiefen mit ihm spielerisch auslotet. Und wer weiß, vielleicht wird ja doch noch etwas gut – wenn man ihn einfach lässt: „Ich will nicht wissen, was ich besser machen kann“, heißt es in „Enfant Terrible“, aber dann auch: „Ich werd mich ändern, wenn ich kann, ich werd mich ändern, irgendwann.“

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Babeheaven: Mehr Platz für Gedanken

Die Pandemie und der Lockdown, viele positive Effekte ließen sich dieser Zeit (so sie denn langsam wirklich vorbei geht) nicht abgewinnen. Doch wenn man aufmerksam nachliest, dann sind sich zumindest viele Menschen darüber einig, dass eine gewisse Entschleunigung und eine Besinnung auf das Wesentliche ihrem sonst so rastlosen, reglementierten Leben nicht so schlecht getan haben. Auch Nancy Andersen hat, so ahnen wir, Zeit genug gehabt, sich ein paar Gedanken zu machen und weil sie als Sängerin der Londoner Band Babeheaven quasi von Berufs wegen Gedankensammlerin ist und diese gern zu ihren Songs verarbeitet, kann auch das so schlecht nicht gewesen sein. Im vergangenen Jahr ist ja dann auch endlich das fabelhafte Debüt "Home For Now" erschienen, heute nun warten Babeheaven mit einem neuen Stück namens "The Hours" auf. Andersen sagt zu diesem: "Als ich dieses Lied schrieb, dachte ich viel über das Konzept der Zeitverschiebung nach und über die Realitäten, die wir immer wieder zu wiederholen und wiederzuerleben scheinen. Ich wollte die Alltäglichkeit des Lebens in der Wiederkehr des Refrains von 'on and on...' darstellen. Ich habe auch darüber nachgedacht, wie irrelevant wir doch im Vergleich zur Weite des freien Himmels erscheinen können. Das Gefühl der Einsamkeit, wenn man im Zug sitzt und Menschen anschaut, deren Welten so weit weg von unserer eigenen scheinen. Aber auch das Wissen darum, dass es jemand anderem ähnlich geht, und sich daran zu erinnern, dass wir nur die Hand ausstrecken und diese Gemeinschaft finden müssen."



The KVB: Die Welt in Flammen [Update]

Gerade erst hatten W.H. Lung mit einer neuen Single die glorreiche Historie ihrer Heimatstadt Manchester beschworen, da kommt auch schon die nächste Band um die Ecke, um exakt das Gleiche zu tun. Denn: The KVB, also Kat Day und Nicholas Wood, haben nach ihrer letzten Studio-EP "Submersion" (2019) einen ersten Song veröffentlicht. "World On Fire" steht in der klassischen Rave-Tradition ihrer Heimat, zum Inhalt des Tracks äußern sich die beiden in einem Statement wie folgt: "'World On Fire' wurde Ende 2019 geschrieben und befasst sich im Kern mit der Dualität bestimmter Phrasen wie ‚set the world on fire‘, die zerstörerisch klingen, aber eben auch etwas Bemerkenswertes beinhalten. ... Im Laufe der Zeit sind wir alle gegenüber schlechten Nachrichten und schrecklichen Ereignissen via TV und soziale Medien desensibilisiert worden. Wenn heute viele Leute abbremsen, um einen Autounfall zu begaffen, dann fühlt es sich an, als ob wir alle immer mehr davon besessen sind, die Welt in Flammen zu sehen." Die Single ist heute bei Invada Records erschienen, gut möglich, dass bald mehr Informationen folgen.

Update: Jetzt also doch - mit der nächsten Single "Unité" folgt auch die Ankündigung eines neuen Albums, "Unity" soll am 26. November erscheinen.





Mittwoch, 6. Oktober 2021

Big Thief: Das ganz große Ding

So, dann wollen wir hier mal schnell updaten, denn Big Thief aus New York und im Speziellen deren Sängerin Adrianne Lenker gehören noch immer zu unseren Lieblingen: Vor einigen Wochen gab es ja von dem Quartett schon neues Material zu hören, die Singles "Little Things", "Sparrow" und "Certainty" erschienen und heute zeigt sich, dass alle Hoffnungen auf eine weitere Studioplatte gar nicht so verkehrt waren. Für 2022 haben die vier nämlich nicht nur ein paar Konzerttermine angekündigt, sondern auch ein Doppelalbum - allein sein Name fehlt uns noch. Dafür gibt es Vorabsong Nummer vier mit dem Titel "Change" zu hören, so lässt sich das Warten besser aushalten. Es sei auch noch erwähnt, dass Big Thief zum LineUp des neuen Berliner Festivals Tempelhof Sounds gehören, neben Bands wie Interpol, den Idles, den Fontaines DC und Sophie Hunger.

09.02.  Zürich, Kaufleuten
10.02.  München, Café Muffathalle
13.02.  Berlin, Huxleys Neue Welt
16.02.  Hamburg, Fabrik
18.02.  Köln, Live Music Hall
10.-12.06.  Berlin, Tempelhof Sounds







Silverbacks: Reich an Facetten [Update]

Und noch eine Rückmeldung der erfreulichen Art - die Silverbacks aus Dublin sind ebenfalls mit neuem Material back in business. 2020 mit ihrem Debüt "Fad" nach einer Reihe erfolgreicher Singles endgültig durchgestartet, schicken sie heute anlässlich des Wechsels zum Label Full Time Hobby den Song "Wear My Medal" an den Start, ein durchaus vertrackter und interessanter Song mit vielen Facetten - flirrenden Gitarren, zarten Bläsern, dazu die schöne Stimme von Emma Hanlon und ein wirklich sehr extravagantes Animationsvideo von Lauren Gregory, es gibt hier wirklich gar nichts auszusetzen. Außer vielleicht dem Umstand, dass sie bislang nur Konzerttermine auf Inseln gebucht haben. Aber was nicht ist kann ja noch werden, wir würden es jedenfalls mehr als begrüßen.

Update: Nun also ein paar mehr Daten aus Dublin - das neue Album wird "Archive Material" heißen und am 21. Januar 2022 erscheinen, Titelsong und Video gibt es hier und heute vorab.





Mitski: Niemals wie zuvor

Niemand weiß, ob es nach der Pandemie wieder so sein wird wie zuvor. Oder anders: Alle wissen, dass es nicht mehr so sein wird, aber keine/r weiß, wie. Das große Rätsel also, das man nur durch die persönliche Erfahrung wird lösen können und das alle umtreibt - in der Politik, im Sport und natürlich auch in der Kunst. Auftritte, Konzerte, gerade laufen die ersten wieder an und wovon man lesen kann ist einesteils die unbändige Vorfreude, aber auch Respekt, Zweifel und Angst vor der Enttäuschung. Was wir hier sehen, könnte im ersten Moment genau darauf abzielen - wenn also Mitski Miyawaki unter der Regie von Zia Anger durch die leeren Hallen und Gänge des Kulturzentrums The Egg nördlich von New York springt und taumelt und am Ende eine sehr körperliche Performance auf die Bühne bringt. Letztendlich geht es in ihrer neuen Single "Working For The Knife" (via Dead Oceans) aber eher um das große Ganze, thematisiert die gebürtige Japanerin den Wechsel vom Kind ohne Grenzen und Ängste hin zum Erwachsensein mit all den Zwängen, Grenzen und Bedenken. Ob auch ein Album folgt, ist zur Stunde noch nicht bekannt, im Frühjahr wird Mitski aber ein paar Termine auf europäischen Brettern absolvieren.

06.05.  Zürich, Les Docks
09.05.  Berlin, Metropol
14.05.  Hamburg, Fabrik
15.05.  Köln, Stollwerck
17.05.  Wien, WUK
19.05.  München, Strom



Dienstag, 5. Oktober 2021

Figure Of Speech: Right here, right now

Figure Of Speech 
„Figure Of Speech?“ 
(Bandcamp) 

Eines der wenigen Probleme bei Independent-Produktionen ist der Umstand, dass man sich für Informationen gelegentlich ganz schön strecken muss. Insbesondere, wenn man nicht eben um die Ecke wohnt. Beispiel Figure Of Speech: Die main facts zu diesem spannenden Projekt werden einem selbst im allwissenden Netz nicht gerade auf dem Silbertablett serviert. Dass sich als treibende Kraft der Grafiker Derek Edwards aus Bristol dahinter verbirgt, ist schnell klar, alles Weitere erschließt sich Stück für Stück wie bei einem Puzzle. Eine zentrale Rolle übernimmt dabei Black Lives Matter – aus Anlass des von dieser Bewegung mitinitiierten, vielbeachteten Sturzes der Edward-Colston-Statue in seiner Heimatstadt schrieb Edwards ein Gedicht, dass wiederum Scott Hendy alias Boca 45, ebenfalls in Bristol wohnhaftem DJ und Labelgründer, zu Ohren kam. Schwer begeistert von der Wirkkraft dieses Textes, so berichtet Hendy, suchte er den Kontakt zu Edwards, wenig später schon arbeiteten die beiden an den ersten Tracks, die nun mit etwas Verzögerung als Verbindung der musikalischen Skills des einen und der Wortgewalt des anderen auf dem vorliegenden Debüt erscheinen. 

Schon mit der ersten, vor einigen Wochen vorausgekoppelten Single „Stand Firm“ kam Edwards unmissverständliche Ansage zum eigentlichen Anliegen des Albums: „This is an anti-racist-album“. Und so reflektieren denn die insgesamt fünfzehn Tracks alltägliche Erfahrungen und Demütigungen mit/durch strukturellen Rassismus, Edwards zieht den Spannungsbogen seiner Betrachtungen aus dem Alltag seiner Heimatstadt bis hin zur generellen Lebenssituation farbiger Menschen weltweit. Kämpferische Töne natürlich, wo Frustration und Wut gleichermaßen durchklingen, aber auch fast szenische Aufbereitungen wie der Vortrag zu schwarzem Selbstverständnis bei „Mistaken Identity“ oder die Aneinanderreihung von Vorurteilen und Beschwichtigungen weißer Meinungsmacher in „Get Over It“. Wieder an anderer Stelle wird die emotionale Rede des Cricket-Stars Michael Holding eingespielt, der in einem Interview anprangerte: „History is written by the people who do the harm, not by the people who are harmed. We need to go back and teach both sides of history. Until we do that and educate the entire human race, this thing will not stop.“

So beeindruckend die Lyrics, so überraschend der Sound: Schon nach wenigen Minuten ist man in der Erinnerung bei den Veröffentlichungen des Kunstkollektivs Sault aus London, die mit Vielseitigkeit und Facettenreichtum schon 2020 quasi die komplette schwarze Musikhistorie auf ihren Alben Revue passieren ließen – Ähnliches gelingt hier auch Edwards und Hendy, allerdings in deutlich kleinerer Besetzung. Flirrender Afropop, Fusion Jazz, Soul, RnB, Hip-Hop. Oldschool-Rap-Einlagen Marke De La Soul wechseln mit klassischem Bristol-Sound á la Massive Attack, Boca 45 hat hier mit seinem Ideenreichtum tatsächlich ganze Arbeit geleistet. Ein Beweis also, dass mit den richtigen Leuten zur richtigen Zeit am richtigen Ort durchaus Erstaunliches gelingen kann. Mit diesem Hinweis schließt sich übrigens auch ein Kreis zu Edwards Aktivitäten. Er gehört nämlich (neben der Arbeit für seine eigene Agentur Patwa) zu den Mitbegründern der Online-Lernplattform Bridging Histories, die es sich zum Ziel gemacht hat, Möglichkeiten und Inhalte unabhängig von Alter, Bildungsstand, Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht zu fördern und zu vernetzen. Ein eindrückliches Beispiel für den Sinn und die Notwendigkeit solcher Anstrengungen hat er mit seinem Debütalbum gerade selbst abgeliefert.

Freitag, 1. Oktober 2021

Public Service Broadcasting: Liebeserklärung

Public Service Broadcasting
„Bright Magic“

(Play It Again Sam)

Auch wenn es das Ganze erst mal auf eine ziemlich alltägliche Stufe herunter zieht: Zu Berlin hat eigentlich jede und jeder eine Meinung. Wenn das Wetter im Small Talk nichts mehr hergibt und die üblichen Floskeln aufgebraucht sind, kann man immer noch – je nach Gusto – über die Hauptstadt spotten, schimpfen oder schwärmen. Auf der Hitliste der Allerweltskommentare ganz vorn rangieren so Sachen wie „Zum Urlaubmachen ist es ja toll, aber leben möchte ich da nicht“, „Da hat’s mehr Schwaben als in Stuttgart…“, „Im Winter ist es nicht auszuhalten!“ oder „Das alte Flair ist doch eh schon komplett weggentrifiziert…“ Ganz nebenbei gibt es kaum etwas, was die Einwohner*innen der Stadt (auch wenn sie selbst ein durchaus zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Kiez haben) mehr aufregt, als dass ihnen alle und immer ungefragt die Meinung zu ihrer Stadt meinen mitteilen zu müssen, ganz so, als wäre man ein wandelndes Trip-Advisor-Portal, wo aller Unsinn rund um die Uhr hineingerufen werden dürfte.

Ein Album wie „Bright Magic“ von der Londoner Formation Public Service Broadcasting ist da eine wahre Wohltat, denn es funktioniert auf ganz gegenteilige Art – wohlwollend, kunstvoll, klug und vor allem maximal unaufdringlich. Anders als beim Film, wo jeder sein „Berlin Alexanderplatz“, „Babylon Berlin“, „Kinder vom Bahnhof Zoo“, „Himmel über Berlin“ oder „Victoria“ sofort parat hat, ist das Feld in Sachen Popkultur meets Berlin-Hommage nun nicht gerade unübersichtlich sortiert. Ein bisschen Hass und ebenso viel Love in Liedform neueren Datums gibt es wohl, aber monothematische Platten sind abgesehen von den gut abgehangenen Standards der Herren Reed, Pop und Bowie eher Mangelware (und endgültig nein, Pink Floyds „The Wall“ hat mit Berlin nun wirklich nicht viel zu tun). Insofern ist das, was J. Willgoose, Esq. mit Band hier anbietet, schon eher eine Seltenheit.



Es gibt in diesem so sorgfältig wie liebevoll arrangierten Werk eine derart große Anzahl von Querverweisen, Referenzen und Zitaten, dass man sich schon nach wenigen Augenblicken wie in einer Zeitkapsel zu fühlen beginnt, die über einer sich ständig verändernden Animation die Zeitachse entlang zu schweben scheint. Töne, Geräusche, Bilder bauen Stimmungen auf, beleuchten Vertrautes und holen Unbekannteres hervor. Informativer als die Redakteure von FM4 könnte man das alles kaum aufschreiben, weshalb wir an dieser Stelle einfach auf den dortigen Exkurs verlinken. Erwähnt werden soll natürlich trotzdem, dass der Sound der einzelnen Tracks einen immer wieder an anderer Stelle packt und ein jedes Mal auf’s Neue fasziniert.



Seien es Blixa Bargelds Betrachtungen eines kalten, modernistischen und wuchernden Molochs („Der Rhythmus der Maschinen“), die natürlich Erinnerungen an Fritz Langs meisterhaften Streifen „Metropolis“ evozieren, seien es die beiden Gastspiele von Anna Lena Bruland alias EERA, die bei „People Let’s Dance“ die Historie der legendären Berliner Clubkultur mit Dschungel, WMF, Tresor bis hin zum Berghain Revue passieren läßt und dabei von ein paar Takten Depeche Mode begleitet wird. Kurz darauf wird ihre Stimme dann zart und weich, wenn sie die Verse zu „Gib mir das Licht“ in das wohlige Dunkel sanften Jazzpops taucht. Ein ebenso bemerkenswerter, wenn auch gänzlich anderer Auftritt gelingt Andreya Casablanca – die Frontfrau der Berliner Band Gurr gibt zu kratzigen Gitarren ihre Interpretation von Marlene Dietrich in „Blue Heaven“.



Der Höhepunkt dann ganz zum Schluss („Ich und die Stadt“), hier liest Schauspielerin Nina Hoss das Gedicht „Augen in der Großstadt“ von Kurt Tucholsky zu sparsamen, wabernden Synth-Klängen. Willgoose Esq. dazu in den Linernotes: „Auch wenn man Deutsch nicht versteht, ist es ein wundervolles Gedicht, allein vom Rhythmus her. Er fasst für mich fast alles zusammen, was ich in meiner Zeit in Berlin erlebt habe. Diese flüchtigen Momente, die unvorhergesehenen Begegnungen und Zufälle, die alle deine Geschichte ein wenig ändern können. Und bevor du er merkst, ist alles vorbei und wird sich so nie wieder ereignen. Der Song drückt die Melancholie, aber auch die Dankbarkeit aus, dass ich all diese Erlebnisse haben konnte und es ist ein Glück, dass ich dieses wunderschöne Gedicht gefunden habe, um meine Berlingeschichte und das Album zu einem wunderschönen Ende zu bringen.“ Eine Liebeserklärung zum Anhören, für Berliner*innen und solche, die die Stadt nur flüchtig kennen und irgendwie trotzdem mögen.

Glowie: Mission Neustart [Update]

Pop ganz ohne Melancholie, dafür mit viel Power kommt gerade von Glowie. Die isländische Künstlerin, wir erinnern uns, legte 2018 mit dem Song "Body" einen wahrhaften Raketenstart hin, es folgten weitere feine Singles, ein Album gab es leider nicht. Dafür leider viel Ärger mit dem Majorlabel, dem sie mittlerweile entkommen ist und nun independent arbeitet. Dem Selbstbewußtsein hat der Rummel offensichtlich nicht geschadet, "Thowback" ist das, was man einen banger nennt, hier wird die Rückkehr an die Spitze mit fetten Beats und ordentlichen punchlines zelebriert. Wollen wir hoffen, dass sie diesmal mehr Zeit hat, ihr Talent ausführlich zur Geltung  zu bringen.

Update: Wie man ein ernstes Thema in einen tollen Popsong verpackt, zeigt sie uns mit der zweiten Single "ADHD" - kleiner Mutmacher für Eltern und Kinder mit ähnlichen Problemen.





Donnerstag, 30. September 2021

Wet Leg: Inselträume

Na gut, ganz zu Beginn denkt man eher an Rotkäppchen ohne den bösen Wolf oder, etwas bildungsbürgerlicher, vielleicht in Richtung "A Handmaids Tale" von Margaret Atwood. Doch so gruselig oder ernst ist es dann gar nicht, Rhian Teasdale und Hester Chambers alias Wet Leg singen auf ihrer neuesten, zweiten Single "Wet Dream" über die feuchten Träume eines Ex. Die Damen von der Isle of Wight gelten als eines der vollmundigsten Versprechen dieses Sommers, auf diversen Festivals (so sie denn außerhalb von Deutschland schon stattfinden durften) haben sie sich zahlreiche neue Freundinnen und Freunde gemacht, Gleiches gelang ihnen vor ein paar Wochen mit der Debütsingle "Chaise Longue". Alles nur eine Frage der Zeit, bis der lässige Gitarrenpop der beiden auch hierzulande durchstartet.



Divide And Dissolve x Moor Mother: Meinungsverstärkerinnen

Für all jene, die in den Redaktionsstuben (very vintage, haha) schon über den Jahrescharts brüten, gibt es heute noch einmal den dringenden Hinweis, doch ja nicht die wunderbare Platte "Gas Lit" von Takiaya Reed und Sylvie Nehill alias Divide And Dissolve unter den Tisch fallen zu lassen. Dieses Album nämlich kam fast gänzlich ohne Worte aus und schaffte es dennoch, das Hauptanliegen des Duos aus Australien - systemischen Rassenhass - auf das Eindrücklichste in den Verdergrund zu stellen. Da passt es ganz gut, dass gerade heute als Reminder auf die bald ebenfalls bei Invada Records erscheinende Remix-EP der beiden die zweite Vorauskopplung "Mental Gymnastics" ins Netz ging. Und die hat dann auch noch Moor Mother bewerkstelligt, in der vergangenen Woche selbst wieder mit einem aktuellen Tonträger im Gespräch. Und auch wenn's keine drei Minuten geworden sind - es hätten sich Bessere nicht zusammentun können. Ähnlich loben darf man im Übrigen auch die Neubearbeitung von "Far From Ideal" durch Chelsea Wolfe, die wir natürlich auch nicht unterschlagen wollen.









Mittwoch, 29. September 2021

Bedouine: Heilsame Wirkung

Nicht zu Unrecht wird der Musik ja zuweilen eine heilsame Wirkung zugeschrieben. Nun, das gilt vielleicht nicht gerade für die Werke von Burzum oder Behemoth (obwohl es da aus bestimmter Richtung auch gegensätzliche Meinungen zu geben wird) - wir meinen hier eher die beruhigenden Lieder, die Rastlosigkeit und Groll zum Verschwinden bringen, Stunden plötzlich in mildes Licht tauchen können. Das Oevre von Azniv Korkejian, besser bekannt unter ihrem Pseudonym Bedouine, darf hierfür als Lehrbeispiel dienen, die Musik der gebürtigen Syrerin, jetzt wohnhaft in Los Angeles, ist von seltener Zartheit und Eindringlichkeit, das gilt für ihre beiden bislang erschienenen Alben und auch für die erste neue Single "The Wave", die vor einigen Wochen die Runde machte. Und nun kommt heute die zweite hinzu, "It Wasn't Me" stammt ebenfalls von kommenden Album "Waysides", das für den 22. Oktober bei The Orchard angekündigt ist.





Dienstag, 28. September 2021

Idles: Energischer Kriechgang

Es muss tatsächlich für eine/n Musiker*in ein komisches Gefühl sein, eine Platte im Kasten zu haben, aber sie nicht auf die Bühne bringen zu können/dürfen. Die Idles aus Bristol sind beileibe nicht die einziegn, die mit solchen Problemen zu kämpfen hatten - im vergangenen Jahr ist ihre dritte Studioplatte "Ultra Mono" erschienen, Pandemie und Lockdown hinderten die Band allerdings daran, die Stücke in aller Ausführlichkeit auch live zu präsentieren. Was, nebenbei bemerkt, für Joe Talbot und Kollegen vielleicht noch etwas schwerer war, denn die Auftritte vor Publikum sind nun mal ihrer wahre Währung. Um so überraschender jedenfalls, dass die Band heute mit der Nachricht aufschlug, am 12. November via Partisan Records schon den nächsten Longplayer ins Regal stellen zu wollen - "Crawler" (Coverart unten), so der Titel, kommt mit der Single "The Beachland Ballroom" im Schlepptau, einem langsamen, tatsächlich fast kriechenden, Grower. Songschreiber Mark Bowen, gerade bei Steve Lamacq am Mikrophon, meinte, das Stück stände für essentiell das, was die Idles ausmachen würde, einen Soul- oder Elektroniksong würden sie ohnehin nicht hinbekommen. Gibt es nichts gegen einzuwenden - wir bleiben einfach dran.


Gone To Color: Populäre Bastelarbeiten

Elektronische Frickeleien werden solche Sachen ja gern etwas abschätzig genannt, aber gerade hier in Deutschland weiß man, dass kluge Bastelarbeiten aus dem Homeoffice durchaus zu Weltruhm führen können - schauen wir nur auf die Weilheimer Werkstatt The Notwist und deren anhaltenden Erfolg. Wenn man noch dazu seine ambitionierten Spielchen mit den passenden Stimmen garniert, ist auf einmal Schluss mit Nische und das Ganze wird zu etwas Größerem. So jedenfalls könnte es bald den Herren Tyler Bradley Walker und Matt Heim aus Atlanta und Washington D.C. ergehen, die gerade mit ihrem Projekt Gone To Color für einiges Aufsehen sorgen. Seit dem Frühjahr haben die beiden in losen Abständen eine Reihe von feinen Singles mit honorigen Features veröffentlicht, wir hätten da zum Beispiel Martina Topley-Bird, Pat Sansone (Wilco), Angus Andrew (Liars), Ade Blackburn (Clinic). Carson Cox (Merchandise) und Jessie Stein als Teil der kanadischen Band The Luyas. Nun gesellte sich auch noch der Welt sympathischster Parkettverleger Kurt Wagner von Lambchop für den Song "Just Smile" hinzu, betreut hat alle Einspielungen im Übrigen Tortoise' John McEntire (quasi Superfrickler). Das komplette Album erscheint am 15. Oktober, wir listen hier schon mal vorab alles verfügbare Material auf.







DIVES: Is ned Wuascht

Man kann die Dinge laufen lassen. Den Sommer also drangeben und den grauen Gefühlen die Tür sperrangelweit öffnen. Is ja eh schon Wuascht, draußen ist kalt, draußen ist feindlich, die Politik schert sich einen Dreck um unser Votum. Man kann sich aber auch weniger fatalistisch dagegenstemmen, besser: dagegen ansingen. Machen gerade die Wienerinnen DIVES mit ihrer neuen Single "Streets", erschienen auf Siluh Records. Und begleitet von einem herrlich schrägen Dachterrassenvideo. Zusammen mit "Stay Right Here" und "Burger" wären das schon drei Stücke, die nach einem neuen Album schreien, das letzte "Teenage Years Are Over" stammt aus dem Herbst 2019. Wir hätten also nichts dagegen.






Montag, 27. September 2021

The Lathums: Those were the days

The Lathums
„How Beautiful Life Can Be“

(Island/Universal)

Natürlich kann man das versuchen, aber leicht wird es sicher nicht: Die einzige Möglichkeit, dem Charme des Debütalbums von Alex Moore und seiner Band The Lathums zu entgehen, ist, es komplett zu ignorieren. Gelingt dies nicht, läuft man Gefahr, der Musik des Quartetts aus dem Städtchen Wigan rückhaltlos zu verfallen. Was nicht schlimm und obendrein ziemlich fair wäre, denn außer einem trutzigen Kirchbau, einem maßvoll erfolgreichen Fußballklub (der in der dritten englischen Liga kickt) und der Erwähnung als Geburtsort von Vokuhila-Star Limahl hat die ehemalige Bergarbeitersiedlung nicht viel zu bieten. Und so groß sollte der Schatten, über den man zuvor springen muss, nun auch wieder nicht sein, schließlich werden sich die Älteren unter uns vielleicht daran erinnern, dass auch Coldplay, Keane oder Travis in ihren Anfangsjahren reichlich Sympathiepunkte ernten konnten für Musik, die sich von dieser hier nicht maßgeblich unterscheidet.



Stichwort Sympathiepunkte: Das Schöne ist ja, dass man gar nicht anders kann, als Sänger Alex Moore, gesegnet mit einer verteufelt geschmeidigen Stimme, all das abzukaufen, wovon er in seinen Songs erzählt. Dass er noch immer mit großen Augen auf der Bühne steht und ungläubig auf die Masse starrt, die sich jetzt davor versammelt hat. Wo er doch noch die Zeiten kennt, da man sich für ein paar Pints und den vollen Tank durch die Pubs mucken musste. Dass er diese Erinnerungen nicht missen möchte (schön in „I’ll Never Forget The Time I Spent With You“) ehrt ihn, zurückbleiben im ewig gleichen Trott möchte Moore aber dann auch nicht („I Know That Much“). Keine Frage, das Songwriting dieser Platte ist exzellent – das, was die Briten gern als happy-go-lucky bezeichnen wechselt mit Melancholie und Sentiment, die Gitarren janglen ordentlich und ein ordentliches Solo ist auch mal drin.



Mal sind’s Police, mal The Smiths, dann wieder die deutlich kaputteren Babyshambles, die Gefahr bei alle den famosen Stücken ist eigentlich nur, dass man sie zu schnell zu oft hört und dann überbekommt. Ein wenig Kitsch sollte man zudem vertragen, Album-Motto und Titelsong beispielsweise entstanden bei einem Gespräch zwischen Moore und seiner Mutter auf der heimatlichen Couch, wir hören von Engelsgesang, Love Bombs und dass John Lennon eigentlich nicht hätte sterben dürfen. Wenn Moore zum Kampf aufruft wie in „Fight On“, dann klingt das schon recht vorsichtig, ein Großmaul ist er wohl auch in der Schule nicht gewesen. Eher einer, der sich im Hintergrund hält und beobachtet, der lieber davon erzählt, wie wichtig ihm Blicke und Sprache des Gegenübers sind, wo doch alle nur an ihren „Artificial Screens“ hängen. Rührend das alles, vielleicht etwas simpel – aber hey, wo steht geschrieben, dass alles immer so wahnsinnig kompliziert sein muss?



Freitag, 24. September 2021

Moor Mother: Die Wahl der Waffen

Moor Mother
"Black Encyclopedia Of The Air"

(Anti- Records)

Aus künstlerischer Sicht ist diese Frage natürlich völlig nebensächlich, aber beschäftigt man sich näher/länger mit dem Werk von Camae Ayewa alias Moor Mother, dann taucht sie unweigerlich auf: Tut sich nun leichter mit der Aneignung, wer nur diese neue Platte kennt oder doch diejenigen, denen auch die ersten Veröffentlichungen geläufig sind? Denn unterschiedlich sind sie allemal. Zunächst die elektronischen, experimentellen Skizzen noch auf Tape als Moor Mother Goddess 2015, danach die allmähliche Hinwendung zu düsterem Noise und Hip Hop auf "Fetish Bones" und "Analog Fluids Of Sonic Black Holes" (mit dem tollen "Black Flight" und Saul Williams) – Stimme und Sound fast immer am Anschlag. Mehr Jazz später, weniger harsch, Freiräume, Schwingungen, das wunderbar vielschichtige „Brass“ zusammen mit Billy Woods aus dem vergangenen Jahr. Und nun also dieses Album mit seiner riesigen Gästeliste aus einer so spannenden wie relativ unbekannten Underground-Szene, geschuldet der Pandemie und der Quarantäne. Loops, Samples, Zitate, Geräusche wechselten die Seiten, entwickelten und verdichteten sich zu dem flirrenden, raschelnden, wispernden Klangkosmos, unglaublich beweglich, flüchtig fast.



Die Poesie tritt, so Ayewa, wieder deutlich mehr in den Vordergrund, Worte, die nicht immer drastisch, aber wohl überlegt und kraftvoll sind. „I like to punch people in the heart and then kiss the heart“ hat sie dem Online-Magazin Pitchfork erzählt, das schon. Aber eben auch, dass Härte nicht alles ist und sich rude speech ziemlich schnell verbraucht oder hohl bleibt, wenn nichts folgt. In ihren Worten: "People are making good music, but it’s political? No. Not that I’ve seen. It’s pretty safe. What are they saying beyond 'fuck you' or 'I’ll kill this guy' or 'fuck Donald Trump'? What does that really mean? What does that do? Maybe 'fuck' is not radical enough. It’s too common. Little kids say 'fuck.'" Hier also die dringlichen Themen wie weibliches Empowerment, Umweltzerstörung, systemischer Rassismus, aber eben mit anderem textlichen Schwerpunkt. Und musikalisch ist Moor Mother ohnehin meilenweit entfernt von jeglicher Berechenbarkeit und Langeweile, Free Jazz, Gospel, Rap, "Tarot" klingt wie eine kultische Beschwörung, "Zami" wütet, "Clock Fight" klappert und rasselt, ein wunderbares Spektakel das alles. Es ist am Ende wie immer: Wer sich darauf einlässt, wird gut unterhalten – ohne den Ernst der Sache zu vergessen.



DAF: Als wär's das letzte Mal

"Nur noch einer", das klingt ein wenig wie die letzten Worte aus Ernst Jandls berühmtem Kinderbuch: "Letzter sein". Und kommt daher mit einem Dreh, der sofort irritiert. Das Video, in dem der eine der beiden lebendig scheint und der andere einmontiert, die Bewegungen holzschnittartig, das Gesicht als Maske, künstlich. Wir reden von Gabi Delgado und Robert Görl, zwei wie Pech und Schwefel, zwei zu den drei großen Buchstaben DAF, Deutsch Amerikanische Freundschaft - Lack, Leder, Schweiß, Beat. Legende, nicht weniger. Doch Delgado ist nicht mehr, auch wenn er derjenige ist, der in besagtem Kurzfilm den belebten Part übernimmt. Irgendwie komisch. Aber irgendwie auch reizvoll, ein Verwirrspiel. Görl jedenfalls macht weiter, allein. Mit dem Track "Erste DAF-Probe" und vierzehn weiteren, die sich dem Album mit dem obigen Titel wiederfinden, VÖ am 26. November bei Grönland Records. Eine neuen Sänger zu engagieren, sei nie eine Option gewesen, so Görl. Und weiter: "Ich habe nach Gabis Tod sehr lange gebraucht, um mir darüber klar zu werden, wie es nun weitergehen sollte. Und da dachte ich: Kaum jemand kennt den Gabi so gut wie ich. Also habe ich die Texte selbst geschrieben und eingesungen. Es war zum Teil so, als wäre er in den Momenten bei mir gewesen, ich habe ihn richtiggehend gespürt. Es war aber nie meine Absicht, ihn zu kopieren, das würde man mir auch nicht abnehmen. Manche Texte sind dann aber trotzdem so geworden, wie der Gabi es gemacht hätte, immer mit einem starken Anteil von mir selbst."