Freitag, 16. August 2019

The Murder Capital: Der Ernst der Jugend

The Murder Capital
„When I Have Fears“
(Rykodisc)

Es sind tatsächlich andere Zeiten. Wir kennen ja durchaus Jahre, da war kein Mangel an jungen, aufstrebenden Gitarrenbands, da gaben sich die talentiertesten unter ihnen wöchentlich mit Verve die Klinke in die Hand, viele teilten sich ein „The“ im Namen und machten gleich einen Trend daraus – lang ist’s her. Heute dagegen ist die Spitze nicht breit, sondern eher dünn, übersichtlich besetzt, haben Pop und Rap den Indierock in Sachen Novitäten längstens überholt und wegen des Mangels ist die Freude jedes Mal um so größer, findet sich doch ein würdiger Vertreter, der dem oft totgesagten Genre ein wenig Hoffnung gibt und Glanz verleiht. Dass die Iren diesen Kampf ganz vorn mit ausfechten, ist ansich keine so große Überraschung (sind sie doch seit jeher eine Nation von Musikverrückten in des Wortes bestem Sinne), erstaunlich ist aber schon, dass mit den Silverbacks, den Fontaines D.C. und eben jener fünfköpfigen Post-Punk-Formation The Murder Capital gleich drei Bands aus Dublin mitmischen.

Ebenso bezeichnend ist es, dass sich James McGovern und Kollegen ganz in der Tradition ihrer (gar nicht so alten) Urahnen zu bewegen scheinen, ihre Songs sind so leidenschaftlich, melodieverliebt, zuweilen auch ein wenig pathetisch und schwermütig, wie man es wohl nur an der rauen Ostküste ihres Heimatlandes zuwege bringen kann. Man weiß nicht so recht, wie es die Jungen in Dublin mit einem Mann wie Paul David Hewson so halten, den Spötter, Neider und sonst alle anderen unter dem Namen Bono kennen, berufen haben sich The Murder Capital ja eher auf die britischen Joy Division denn auf U2. Naheliegend, klar. Aber es gibt eben durchaus Momente auf „When I Have Fears“, in denen man die frühen, die kraftvollen, die ungeschlachten Stücke der heute so öden Stadiontruppe durchhört, Sachen wie „40“, „Out Of Control“, „Stories For Boys“ oder auch das wunderbare „11 O’Clock Tick Tock“. Mag sein, dass solche Vergleiche heutzutage an Rufschädigung grenzen, als Kompliment sind sie dennoch gemeint.



Anders als die Fontaines D.C., deren Erstling um einiges aufgeräumter, hitorientierter geraten ist, lassen The Murder Capital düsteren Stimmungen deutlich mehr Raum und man merkt, dass sich Produzent Mark Ellis aka. Flood und die fünf ernsten Burschen nicht ohne Grund verabredet haben, schließlich hatte der auch schon Nick Cave, PJ Harvey, Warpaint und die Smashing Pumpkins im Studio (und ganz nebenbei eben auch U2, sorry). Ellis mag tiefe, raumgreifende Texturen, satten Sound und so böllern die Iren mit „For Everything“, „More Or Less“ und „Green And Blue“ auch gleich gewaltig los. Sie tun das, nicht ohne danach die Bässe dunkel zittern zu lassen, nehmen sich ebensoviel Zeit und Anlauf für getragene, ausladende Klangmalereien. Es geht hier dreierlei – die Roughness ihrer Vorabsingle „Feeling Fades“ mit Bad-Seeds-Referenzen, der herrliche Drive von „Don’t Cling To Life“ und das grabestiefe Gemurmel bei „How The Streets Adore Me Now“.

Den Titel des Albums, das möchte man dann doch noch erwähnen, hat McGovern im Übrigen einem Sonett des englischen Romantikers John Keats entlehnt. Betonen muß man das deshalb, weil es dem Vorurteil widerspricht, die Jugend von heute hätte mit klassischer Literatur, Lyrik gar, so überhaupt nichts mehr zu schaffen und kümmere sich lieber um Bequemlichkeit und Ablenkung in medialen Filterblasen. „Befällt mich Angst“ heißt der übersetzte Text des Dichters und enthält so wunderbare Zeilen wie diese: „Und wenn ich spüre, liebliche Gestalt, dass nimmermehr mein Auge dich umfasst, ich nie mehr koste holdeste Gewalt einsamster Liebe – steh ich, stiller Gast, am Strand der Welt allein und grüble lang, bis Ruhm und Liebe in ein Nichts versank.“ Das Wissen um diese Zeilen klingt ebenso schön nach wie die ganze Platte selbst, ein überaus gelungenes, wenngleich seltenes Beispiel dafür, dass es um den Rock nicht ganz so hoffnungslos bestellt ist wie befürchtet.

12.11.  Hamburg, Molotow
13.11.  Berlin, Musik und Frieden
14.11.  Köln, Artheater

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