Freitag, 29. November 2019

Einhorn: Gewohnt lässig

Sie nehmen wieder Fahrt auf: Einhorn aus Wien haben nach dem Vorabsong "The Chase" und ihrer ersten Single "Longtime" nun die zweite ins Rennen geschickt. "Desirée" ist Softpop allererster Klasse und sowas von 80er - also wieder mal ein Volltreffer (dazu noch der entsprechende Teaser zum Song). "Ich bin dein und will es nicht sein" heißt es im Text und wer unfreiwillige Abhängigkeit so schön tanzen läßt, dem traut man mit dem nächsten Album nach "Galactica" so einiges zu. Noch wissen wir nicht, wie es heißt und wann es kommt, spannend ist es allemal.



Pumarosa: Unbeirrbar

Pumarosa
„Devastation“
(Caroline/Universal)

Es ist jetzt nicht so, dass Pumarosa aus London das zum ersten Mal getan hätten. Meint: Schon auf ihrem vor zwei Jahren erschienenen Debütalbum „The Witch“ haben sie ziemlich viele Töpfe auf dem Herd gehabt, haben dort Jazz, Post-Punk, Gothrock und noch manches mehr angerichtet und schlecht hat das nun wirklich nicht geschmeckt. Dem Konzept sind sie treu geblieben, sie wollen sich noch immer nicht festlegen lassen und probieren lieber, anstatt auf eingefahrenem Wegen das Übliche anzubieten. Und so findet sich auch auf dem zweiten Album eine erstaunlich vielfältige Mischung verschiedenster Stile – wem das nicht Wagnis und Entwicklung genug ist, für den könnte man vielleicht noch die zunehmende Elektrifizierung des Sounds hervorheben. Wir hören also hochmelodiösen Pop wie den des wunderbaren Stückes „Lose Control“, die Single „Into The Woods“ wiederum bietet brachiale, düsteren Riffs aus den 90ern.



Wo „Fall Apart“ und „I Can Change“ mit geloopten Beats geradezu um sich werfen, wirken „Factory“ und „Lost In Her“ bewußt abgebremst und in sich gekehrt. Die Stimme von Sängerin Isabel Munoz-Newsome ist dabei so eindringlich wie markant und befeuert Vergleiche mit Björk oder Portishead, die auch musikalisch zum Humus von Pumarosa zählen dürften. Dass Pumarosa diese Platte veröffentlicht haben, ist beileibe keine Selbstverständlichkeit, Munoz-Newsome bekam vor einem Jahr eine Krebs-Diagnose und hat, so erzählte sie dem Guardian in einem bemerkenswert offenen Gespräch, nach erfolgreicher Behandlung mittlerweile einen Weg gefunden, Kraft und Stärke aus dieser neuen Situation zu ziehen, weniger Kompromisse zu machen, Grundsätzliches zu schätzen. Weniger mutig sind die vier jedenfalls nicht geworden, denn selbst Breakbeats und House finden auf „Devastation“ einen Platz. Ein Album, in mehrerlei Hinsicht erfreulich und immer für eine Überraschung gut.

Donnerstag, 28. November 2019

Beak: Tun und Lassen

Das darf man dann schon mal so sagen: Der Twitter-Account von Geoff Barrow ist ein sehr unterhaltsamer. Was zum einen daran liegt, daß Barrow leidenschaftlicher Brexit-Gegner und Johnson-Hasser ist. Und desweiteren als Musiker (mit nicht weniger Passion) gern die Deutungshoheit darüber behält, wer was wie und warum über seine Musik erzählt. Und wenn er der Meinung ist, Kritik sei ungerechtfertigt und/oder mangelhaft recherchiert, dann kann der Mann ziemlich ungemütlich werden. Selbiges gilt im Übrigen auch für die beiden überdimensional großen Fettnäpfchen, deren Betreten jede/r, die/der mit ihm zu tun hat, tunlichst vermeiden sollte: Wer zum Beispiel behauptet, Barrow sei hauptberuflich Gründungsmitglied bei Portishead und habe seine zweite Band Beak nur als loses Seitenprojekt nebenher am laufen, kann umgehend mit verbaler Prügel rechnen, Geringsschätzung mag er nämlich überhaupt nicht und das betrifft auch die Arbeit seiner Kollegen Billy Fuller und Matt Williams. Ebenso unbeliebt ist die so häufige wie denkfaule (weil eindimensionale) Etikettierung von Portishead mit Attributen wie Trip-Hop oder Bristol-Sound, Bezeichnungen, die sofort ein paar derbe Flüche zur Folge haben. Wer da jetzt an John Cleese und seine Ausfälle bei Fawlty Towers (Stichwort: "Don't mention the war!") denkt, liegt sicher nicht ganz falsch, bei allem Spaß geht es hier aber letztendlich vor allem um eines - Respekt. Worum es wiederum hier geht, sind die beiden gerade veröffentlichten Tourtermine von Beak für das kommende Jahr, an denen die drei u.a. mit ihrer unlängst erschienenen EP "Life Goes On" bei uns vorbeischauen. Das unten aufgeführte Stück "RSI" vom letzten Studioalbum stammt im Übrigen aus einer kürzlich aufgenommenen Live-Session bei Radio Aire Libre in ihrer zweiten Heimat Mexiko.

30.01.  Frankfurt, Zoom
03.02.  Hamburg, Uebel und Gefährlich

Mittwoch, 27. November 2019

International Teachers Of Pop vs. Jason Williamson: Strictly Dance

Jaja, schon klar, das Thema ist jetzt nicht so neu und eine richtig spannende Einleitung fällt uns dazu auch kaum mehr ein - der gute Jason Williamson tut es einfach zu oft. Also, das mit dem Kollaborieren. Scorn, Frustration, Snowy und jetzt das Nerd-Pop-Trio International Teachers of Pop aus Sheffield. Die werden daheim auf der Insel als die neuen Human League gefeiert, was nicht das kleinste Kompliment ist. Leonore Wheatly, Adrian Flanagan und Dean Honer haben erst in diesem Jahr ihr selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlicht, auf dem sich auch der Smash Hit "After Dark" befand. Vor wenigen Wochen kam dann mit "Love Girl" ein neuer Track und nun die Zusammenarbeit mit dem Grantler aus Nottingham für den Titel "I Stole Yer Plimsoles" - feinster Pop, eigentlich ganz und gar nicht Williamsons Sache. Kickt trotzdem.





Dienstag, 26. November 2019

Juliana Hatfield: Wie ein Schlag ins Gesicht

Juliana Hatfield
„Juliana Hatfield Sings The Police“

(American Laundromat Records)

Sie hat es also schon wieder gemacht. Es gibt nicht wenige Künstler*innen, die sehr zurückhaltend dabei sind, die Songs von Kollegen, egal ob bereits verschieden oder noch lebendig, zu covern, die Beweggründe sind verschiedener Art. Mal ist es die Ehrfurcht vor dem Werk der/des anderen, gepaart mit der Angst, die selbstgewählte Aufgabe gnadenlos zu versemmeln. Andere wiederum fürchten das Urteil des eigenen Anhangs – er oder sie habe wohl nichts Eigenständiges mehr zu bieten und müsse sich jetzt mit fremden Akkorden schmücken. Juliana Hatfield dagegen gilt nicht als sonderlich furchtsamer Mensch, die fünfzig überschritten, weit mehr als fünfzehn Soloalben veröffentlicht, mit Gott und der Welt (oder doch besser mit Tod und Teufel?) gemeinsame Sache gemacht – diese Frau kennt kaum einen Zweifel. Schon im vergangenen Jahr schon hatte sie mit einem kompletten Coveralbum überrascht, nahm sich einfach ihre Lieblingslieder der australischen Grease-Legende Olivia Newton-John vor und spielte sie neu ein, seitdem hat man nicht nur die Originale, sondern auch ihre angenehm dreckigen Versionen von „Get Physical“, „Xanadu“ und „Totally Hot“ im Ohr.

Und nun also The Police. Obwohl, eigentlich sollten es ja Phil Collins und Genesis werden, das hat sie gerade der Grammy-Akademie verraten. Doch dann ist sie bei „Long Long Way To Go“ hängengeblieben, bei dem Sting die Background-Stimme beisteuerte und genau in diesem Moment kam ihr die Erkenntnis, dass The Police wohl doch die größere Herausforderung wären. Und so nahm sie sich sowohl deren sattsam bekannte Hits vor als auch eine Reihe unbekannterer Songs, die bislang nur als B-Seiten erschienen sind. Und verpaßte ihnen eine mal mehr, mal weniger gründliche Überarbeitung. Das Oevre der britischen Band ist ja an sich ein recht überschaubares – fünf Alben (allerdings alle von bestechender Qualität) und ein knappes Dutzend Top-Ten-Hits. Letztere sind dann aber, nachdem sie schon zu ihren Glanzzeiten zu Tode rotierten, durch jeden erdenklichen Fleischwolf gedreht und verwurstet worden, woran die Herren Summers, Copeland und Sting wohl auch nicht ganz unschuldig sind. Wie gemacht also, sich daran die Hände zu verbrennen?

Gut, wirklich misslungen ist ihr keines der Stücke. „Every Breath You Take“ und „De Do Do Do, De Da Da Da”, um mal mit den schwächeren Sachen zu beginnen, bewegen sich vielleicht zu nah am Ursprung, da hat sie wenig Neues hinzuzufügen. Ähnliches läßt sich zu „Landlord“, der Rückseite von „Message In A Bottle“ sagen (das wiederum als einziges Schwergewicht auf der Tracklist fehlt), bei dem sich The Police noch so herrlich punky gaben, dass selbst eine Juliana Hatfield nichts mehr draufzusetzen vermag. Die Abmagerungskur aber, die „Roxanne“ erfahren hat, tut dem Stück unbedingt gut, „Can’t Stand Losing You“ federt ziemlich catchy und der lässige Groove von „Canary In A Coalmine“ macht aus dem relativ unbekannten Song von „Zenyattá Mondatta“ schnell den Favoriten der Platte. Wir halten fest: Je größer der Kontrast zum Original, um so reizvoller die Neubearbeitung.

Zur spannenden Frage, warum sie dieses Lied für ihr Album ausgewählt hat und jenes eben nicht, sagte sie übrigens Folgendes: „Ich habe nach Songs von The Police gesucht, die mir wirklich relevant erschienen, sich aktuell anfühlten, so wie "Landlord" und "Murder By Numbers". Diese Stücke entsprachen auch meiner Wut und meinem Gefühl von der Frustration darüber, wie Menschen mit Macht und Geld diejenigen unterdrücken, die nicht darüber verfügen. Es ist das Übel der herrschenden Eliten, das mich so wahnsinnig wütend macht, daß ich sofort jemandem ins Gesicht schlagen möchte – genau diese Empfindung habe ich versucht, musikalisch zu vermitteln.“ Liebeslieder, so meinte sie weiter, wären da einfach nicht drin gewesen. Am Ende bat sie ihr Gegenüber auch noch um die Auskunft, wer denn ihrer Meinung nach am besten dafür geeignet sei, ein Cover-Album mit Juliana-Hatfield-Songs einzuspielen – die Antwort kam ohne langes Überlegen: „R.E.M. Sie würden es wohl nicht tun, aber es wäre eine Traum – ich würde es für den Rest meines Lebens hören!“



Montag, 25. November 2019

Meret Becker And The Tiny Teeth: Liebesgrüße vom Narrenschiff

Meret Becker And The Tiny Teeth
“Le Grand Ordinaire Tour”

Volkstheater, München, 24. November 2019

„Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe, will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin
bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“


Ganz ehrlich, an Zufall wollte man da kaum glauben. Als um kurz nach acht im Münchner Volkstheater eine freundliche Dame verkündete, der Beginn der Veranstaltung verschöbe sich aufgrund technischer Schwierigkeiten um eine Viertelstunde, war man mit den Gedanken natürlich immer noch bei Meret Becker. Aber eben um 20:15 Uhr dann eben kurz auch bei Nina Rubin – Tatortzeit schließlich. Und auch klar: Wäre das Konzert auf den Sonntag vor zwei Wochen terminiert worden, es hätte wohl einige leere Plätze im Zuschauerraum gegeben. Denn die Rolle dieser Kommissarin, die Becker seit einiger Zeit in der ARD übernommen hat, ist ein solcher Glücksfall, so verletzlich, lebendig, chaotisch und zerrissen, kurz brillant gespielt, dass man sie unter keinen Umständen verpassen möchte. Selbst ihr Partner Mark Waschke alias Robert Karow, zwar als verdammt cooles, aber eben auch ziemlich arrogantes Arschloch gezeichnet, mußte letztens zugeben, sie sei die beste Polizistin, die ihm jemals begegnet sei. D’accord, keine Frage. Und wer jetzt meint, man könne die Folge doch jederzeit in der Mediathek abrufen, der bekommt sofort eine Anklage wegen vorsätzlicher Pointen-Zerstörung an den Hals! Done.

Der Abend begann also etwas später und, siehe oben, mit Thomas Brasch. Was schön war, weil seine Schwester Marion erst kürzlich im Rahmen einer szenischen Lesung mit dem selben, seinem wohl berühmtesten Gedicht im Literaturhaus zugegen war. Hier diente es zur Einführung der Bandmitglieder, den Tiny Teeth, einer Gruppe hochmusikalischer älterer Herren mit so viel komödiantischem Talent wie Fachkenntnis. Obwohl Band, das durfte man schnell erfahren, vielleicht nicht gerade die geeignete Bezeichnung für diese illustre Versammlung ist, denn das Programm beschränkte sich ja nicht auf die ordnungsgemäße Aneinanderreihung einzelner Lieder. Vielmehr handelte es sich um eine überaus unterhaltsame, bis ins kleinste Detail ausgearbeitete und dennoch sehr skurrile Performance aus Gesang, Akrobatik, Cabaret und Clownerie. Und zwar mit den unterschiedlichsten Instrumenten und Requisiten – wir hören und sehen eine Glasharfe, singende Sägen, ein halbes Dutzend Blechtröten, Banjo, Bongo und Ähnliches mehr.

Die Stimmung auf der Bühne pendelt dabei zwischen Jahrmarkt und Narrenschiff, Becker flüstert, schreit, kommandiert, schwelgt und flirtet, obendrein schwingt sie sich zu halsbrecherischen Darbietungen auf einen mehrere Meter über die Bühne angebrachten Ring und sorgte so für spontanen Szenenapplaus. Der war auch der Schlangenfrau (Lieblingswort: Kontorsionistin) sicher, die sich buchstäblich an den eigenen Haaren herbeizog und, an selbigen hängend, allerlei verrückte Figuren turnte. Die Wandelbarkeit, die Beckers Schauspiel auszeichnet, kann sie stimmlich mühelos auch in ihre Songs bringen, von charmant über Gosse ist alles dabei, besonders die Geschichte vom kaputten, blassen Mädchen („Gläsernes Gesicht“) beeindruckt als Hin und Her zwischen zart und derbe. Und weil ein Zirkus auch lustig ist, hat sie selbstverständlich auch ordentlich Spaß in petto – da wird „La vie en rose“ der Piaf nicht nur gesungen, sondern auch gegurgelt, zur Zugabe trifft sich die Band, auf dem Bretterboden sitzend, als geschrumpfte Version mit verkleinertem Arbeitsgerät. Und bevor der Vorhang fällt, leert Becker – das Trinklied, erdacht von Bruder Ben und Harald Juhnke, ist gerade verklungen – eine Halbe auf Ex. Das sei sie dem Ruf ihrer Familie schuldig, so sagt sie. Unsere Hochachtung jedenfalls hat sie sicher.

Sonntag, 24. November 2019

Die Kerzen: Immer bereit

Ach, diese Farben! Moosgrün, senfgelb, altrosa, jeansblau, cremeweiß - Marcus Wojatschke, selbst Mitglied von Die Kerzen aus Ludwigslust, durfte aus dem Vollen schöpfen beim Dreh des aktuellen Videos zu "In der Nacht hat du geweint" vom Poesiealbum "True Love". Genau zum richtigen Zeitpunkt natürlich, denn jetzt kommt die Zeit der Zärtlichkeit und Gefühlsduselei und da kann es nicht schaden, eine Flasche Rotkäppchen oder eine Buddel Pfeffi in Griffnähe zu haben. Wer "Last Christmas" sagt, sollte auch "First Christmas" kennen (zur Erinnerung unten), ansonsten sei noch darauf hingewiesen, dass es mit Karten für die nächste Tour schon wieder knapp wird, es heißt also hinnezumachen, denn diese Band verpaßt man besser nicht.

22.01.  Hamburg, Molotow
23.01.  Köln, Gebäude 9
24.01.  Karlsruhe, Kohi
25.01.  Rorschach, Treppenhaus
27.01.  München, Milla
29.01.  Wien, B72
30.01.  Dresden, Scheune
31.01.  Berlin, Berghain, Kantine



Samstag, 23. November 2019

PAAR: Geduld gefragt

Hier ist ein wenig Geduld gefragt: Das Münchner Post-Punk-Trio PAAR hat gerade sein Video zum Track "Crack" online gestellt - produziert worden ist es von DAS DIKTAT unter Regie von Sebastian Dominik Auer. Der feine Track stammt von der EP "Hone", welche die Band im April dieses Jahres bei Grzegorzki Records in Berlin veröffentlicht hat. Schwierig wird es nun für all jene, die vom Sound derart angefixt sind, dass sie dringend mehr benötigen, denn sie müssen noch eine Weile ausharren. Das Debütalbum ist zwar schon aufgenommen und gemastert und soll nach Auskunft acht neue Stücke enthalten, ein genauer Termin für die VÖ ist aber noch nicht zu bekommen. Das Cover wird wohl, so ist weiterhin zu hören, mit einem Kunstwerk versehen, das Gregor Hildebrandt im Rahmen einer Live-Performance in der legendären Musikabteilung des Münchner Kaufhaus Beck gefertigt hat - auch für "Hone" (s.u.) fand Ähnliches schon Verwendung. Kleiner Trost - im Dezember werden PAAR noch einmal (zusammen mit der Formation Anne) in der Münchner Milla spielen.

22.12.  Milla, München





The Jeremy Days: Gutgelaunte Routine

The Jeremy Days
Ampere, München, 22. November 2019

"Ich kann es mir auch nicht erklären. Menschen sehen sich einen Film einmal an, nach einer gewissen Zeit vielleicht ein zweites Mal, dann reicht es. Aber wenn es um die Musik geht, scheint die Wiederholung Teil des Vergnügens zu sein. Rätselhaft." Dieser Satz stammt nicht von Dirk Darmstaedter, sondern von David Byrne. Erschienen ist er mit einem Interview im Magazin der Süddeutschen Zeitung, just an dem Tag, als The Jeremy Days mit ihrem Konzert in München die Rückkehr auf die Bühne einläuteten. Nun mag der Zusammenhang für manchen vielleicht mit großer Kraft an den Haaren herbeigezogen sein, andererseits läßt sich ein gewisser Bezug nicht von der Hand weisen. Denn Darmstaedters Band, Anfang der 90er die vielleicht verheißungsvollste, weil sehr eigenständige und vergleichsweise unangepaßte Pophoffnung dieses Landes, hatte ja mit dem Titel ihrer Reunion-Tour schon einen kleinen, augenzwinkernden Widerspruch als Motto gewählt: The Unlikely Return. Denn unwahrscheinlich ist die Rückkehr ja nur dann, wenn es niemanden gibt, der sich traut. Diese Herren allerdings wünschten sich unbedingt dahin zurück, wo sie 1996 aufgehört hatten, weil sie bei spontanen Auftritten - der letzte vergangenes Jahr in ihrer Heimatstadt Hamburg - den Spaß und den Spirit wiederentdeckt hatten. Kein Zweifel also, sie wollten es noch mal wissen. Und zwar ausschließlich mit altem Material. Ob David Byrne das nun für gut befunden hätte, steht auf einem anderen Blatt.

Zumal der ja eher die Sicht des Rezipienten in Frage stellt. Was, wenn der Künstler selbst es darauf anlegt, ausschließlich die vergangenen Zeiten aufleben zu lassen? Ist das dann verwerflich? Nun, wir behaupten mal: Nicht, wenn es so sympathisch passiert wie an diesem Abend. Denn ganz offensichtlich hatte die sonst so selbstbewußte Band einigen Bammel. Ob sich genügend Leute fänden, mit ihnen ihre Hits zu feiern? Ob das Zusammenspiel nicht nur im Proberaum, sondern auch auf der Bühne wieder so klappen wollte wie vor vielen Jahren? Und nicht zuletzt, ob denn ihre Songs, denen man das große Potenzial zumindest zur Zeit ihres Erscheinens keinesfalls absprechen möchte, noch tragen, noch funktionieren würden? Die Ängste waren, das läßt sich schnell beantworten, allesamt unbegründet. Der Laden war voll von gutgelaunten Menschen gesetzten Alters, die nun wirklich kein Problem damit zu haben schienen, dass man ihnen ihre Erinnerungen nochmals vorspielte. Musikalisch wirkten die fünf Musiker auf erstaunliche Weise routiniert (der Profi würde wahrscheinlich behaupten, dass man die Veranlagung dazu ohnehin nie verlöre), die Gesten stimmten, die Soli saßen, die Einsätze kamen auf den Punkt - keine Sorge nötig.



Der Grund, weshalb Darmstaedter den Weggefährten das eine oder andere Mal erleichtert zulächelte und ganz am Ende seinem Keyboarder Louis C. Oberlander sogar regelrecht um den Hals fiel, war wohl der Umstand, dass auch der dritte Punkt auf der Rechnung uneingeschränkt aufging: All die Stücke aus zehn Jahren und vier Studioalben kamen prächtig zur Geltung. Und zwar nicht nur das bekannteste von allen - "Brand New Toy" erschien einem sogar, weil eher smooth und zurückhaltend, als eher schwächere Nummer im Vergleich zu aufgekratzten Sachen wie "Are You Inventive?", "Rome Wasn't Built In A Day" und "Silvia Suddenly" (letztlich auch dank der vorbildlichen Arbeit von Jörn-Christof Heilbut an der Gitarre). Man kann darüber streiten, ob es eine so gute Entscheidung war, die Songs so originalgetreu wie möglich zu präsentieren und auf Neuinterpretationen fast komplett zu verzichten - sie hatten es sich genau so vorgenommen und eben das auch angekündigt. Die Stimmung jedenfalls auf und vor der Bühne ausgelassen, beide Seiten waren sich offenbar einig, dass die Rückkehr eine gute Idee war. Ein paar der üblichen Schmeicheleien für den Gastgeber, launige Anekdoten aus der Zeit ohne soziale Vernetzung und am Ende viel Erleichterung. Dirk Darmstaedter muß sich über die kommenden Tage wohl doch keine allzu großen Sorgen machen.

Freitag, 22. November 2019

Stormzy: Dinge beim Namen

Im Sommer fehlte diese Nachricht noch, jetzt können wir endlich nachlegen: Ein wichtiges Grime-Album wird es in diesem Jahr mindestens noch geben, denn Michael Omari aka. Stormzy hat gerade den Titel für sein zweites Album zusammen mit dem Coverentwurf preisgegeben. Demnach soll "Heavy Is The Head" am 13. Dezember erscheinen, von den sechszehn Tracks (u.a. mit Ed Sheeran, H.E.R. und Burna Boy) kennen wir bislang "Vossi Bop" und "Crown", den "Wiley Flow" liefern wir gern noch nach.

Update: Über Coldplay schimpfen, aber Ed Sheeran posten?! Naja, geht so. Im aktuellen Song "Own It" gibt der Wuschelkopf jedenfalls gemeinsam mit Burna Boy die angekündigte Gastrolle und das kann man tatsächlich anhören. Jetzt versuchen ...



Blond: Kümmernisse [Update]

Viel Kummer, viel Freude. Hä?! Naja, das meint natürlich den Felix, weil der kürzlich sein Solodebüt "KIOX" herausgebracht hat und das darüberhinaus auch ein verdammt gutes geworden ist. Und das meint weiterhin die Geschwister Lotta und Nina, auch Kummer, die dem Konzertvolk und allen anderen Musiklovers unter dem Namen Blond (plus Johann Bonitz natürlich) bekannt sind. Popeye, alles klar? Von denen gab es bislang noch gar kein komplettes Studioalbum, was nicht weiter aufgefallen ist, weil sie ja unentwegt die Bühnen dieses Landes rocken. Nun aber ist es bald soweit - am 31. Januar 2020 wird "Martini Sprite" erscheinen und der gute "Thorsten" übernimmt die erste Single.

20.02.  Wien, Fluc
21.02.  München, Hansa39
22.02.  Zürich, Exil
26.02.  Stuttgart, Im Wizemann
27.02.  Wiesbaden, Schlachthof
28.02.  Köln, Gebäude 9
29.02.  Bremen, Lagerhaus
03.03.  Hamburg, Molotow
04.03.  Hannover, Musikzentrum
05.03.  Berlin, Lido
06.03.  Leipzig, Werk 2

Update: Ein Debütalbum herausbringen und gleichzeitig entspannen!? Okay, sie können es ja wenigstens mal versuchen - hier kommt die neue Single "Autogen".





Donnerstag, 21. November 2019

Mit Verwunderung nehmen wir zur Kenntnis ... [03/19]

... dass es ganz offensichtlich möglich ist, Chris Martin und seine Jugendfreunde von Coldplay doch noch ein ganz kleines bisschen liebzuhaben. Nicht für die beiden gerade veröffentlichten Songs ihres neuen Albums "Everyday Life" wohlgemerkt - "Daddy" und "Champion Of The World" sind (wegen Greta-Püppchen und trotz Widmung für Scott Hutchinson) sorgsam abgehangene Schmachtfetzen aus der Champions-League der Tearjerker-Liga und als solche kaum hörbar. Sondern für ihre Ankündigung, solange nicht mehr auf Konzertreise zu gehen, bis sie das Ganze nicht nachhaltig hinbekommen haben, also ganz ohne Plastik, Flugbenzin und Rindergoulasch. Und so, das ist der Zwei-Fliegen-eine-Klappe-Effekt, bleibt uns und der Umwelt gleich in doppelter Hinsicht einiges erspart. Richtig dufte wäre es, wenn Martin das jetzt auch noch Knallchargen wie Dieter Bohlen beibringen könnte, denn der will in diesem und dem nächsten Jahr mit Blue System, seiner vergreisten Konservenkapelle, und DSDS (also Dieter Seine Dilettantischen Statisten) diverse deutsche Großstädte heimsuchen. Ach, da wünschte man sich einen ähnlich aktivistisch veranlagten Bio-Dieter her!





Snowy vs. Jason Williamson: All fucked up

Gerade erst hatten wir aus Anlaß eines Features auf der neuen Scorn-Platte auf all die lobenswerten Kollaborationen von Jason Williamson, Sänger der Sleaford Mods, hingewiesen, da läßt er unsere News schon wieder alt aussehen und veröffentlicht zusammen mit dem Grime-Rapper Snowy einen Track namens "EFFED". Das Video zum agressiv ballernden Stück wurde von Luke Radford und Toby Curson in den Straßen und Hinterhöfen von Nottingham gedreht, denn nicht nur Williamson ist hier zu Hause, auch Snowy stammt aus der Stadt in den East Midlands und gehört seit längerer Zeit zur Grime- und DJ-Szene. Über die Bedeutung des Songtitels muß man nicht großartig rätseln, kurz vor der Wahl zum Parlament ist es beiden ein Anliegen, allen vorzuführend, wie "fucked" die große wie die kleine Welt in ihren Augen ist.

Nick Cave: Unermüdlich

Noch so einer, von dem man nicht genug bekommt: Mittlerweile gehören seine kleinen Antworten und Aufsätze im Blog "The Red Hand Files" zur allmorgendlichen Lektüre - Nick Cave ist so produktiv wie selten und läßt seine Fans in Fülle daran teilhaben. Zuerst die klanggewordene Trauerarbeit seines aktuellen Albums "Ghosteen", dann die dazugehörige Konzertreise für das kommende Jahr und nun die Nachricht, dass 2020 zwei weitere Einträge im Kalender fällig werden. Zum einen wird es in Kopenhagen vom 23. März bis 3. Oktober eine von ihm co-kuratierte Ausstellung über sein Lebenswerk geben. Desweiteren verkündet der Verlage Canongate, im März eine von Cave selbst illustrierte Autobiographie mit dem Titel "Stranger Than Kindness" zu veröffentlichen - zeitgleich also mit der Schau und gefüllt mit dem dort gezeigten Material. Da gehen die Gedanken natürlich nicht nur zu Cave's eigenen Büchern, sondern auch zu Reinhard Kleists Graphic Novel "Mercy On Me", 2017 im Carlsen Verlag erschienen.

Tindersticks: Vertrauter Nucleus

Tindersticks
"No Treasure But Hope"

(City Slang)

Ein trauriger Mann will er ja offensichtlich nicht sein, melancholisch träfe wohl eher seine Zustimmung: Stuart A. Staples, Sänger und Songschreiber bei den Tindersticks, hat in einem Interview mit dem uMag gerade dem Eindruck widersprochen, die neue Platte sei eine ganz besonders betrübliche geworden. Seine Band habe, so sagte er, in dieser Beziehung schon weitaus extremeres Material veröffentlicht (womit er durchaus Recht hat), überhaupt sei er als Mittfünfziger zwar ein realistischer, aber beileibe kein hoffnungsloser Mensch. Ein kleiner Funke Zuversicht, so Staples weiter, sei immer vorhanden und auch dringend notwendig, anders ließe es sich in dieser verrückten Welt gar nicht aushalten, wäre alles nutzlos. Einerseits. Andererseits kann man sich schon vorstellen, dass Staples als leidenschaftlicher Empathiker am Zustand unseres Planeten, an der Unmenschlichkeit (die ja wiederum typisch menschliche Züge trägt), der grassierenden Verrohung leidet wie ein Hund. Und so finden sich auf dem neuen, elften Album seiner Band die todtraurigen neben den hoffnungsvollen Momenten, porträtiert er deutlicher als je zuvor sein Land, seine Mitmenschen, seine Umwelt in nachdenklichen, oft düsteren Tönen und setzt dennoch kleine Lichtpunkte auf die Karte.



Staples hat die Platte, auch das ist zu lesen, fast zur Gänze auf der griechischen Insel Ithaka geschrieben (bei jeder Menge Zigaretten und Metaxa), also inmitten jenes Wassers, von dem er dann singt. So kontrastieren in "See My Girls" die bunten Bilder weiter Reisen seiner Kinder (er hat fünf davon) mit der jüngsten, mörderischen Geschichte des Mittelmeeres, wo so viele Menschen auf der Flucht ihr Leben ließen und lassen. Und so wie er diesen Gegensatz selbst erlebt hat, so flechtet er auch in die anderen Songs sowohl Bilder der Tristesse, der Ernüchterung, des Niedergangs und eben auch solche des Zukunftsglaubens ein. Im Titelstück hat er den besagten Funken zwischen all den deprimierenden Zeilen versteckt, dort steht neben Worten wie "No love in our streets, only fear in our hearts" und "Too hungry to think of providence, too angry for the consequence" auch der kurze Hinweis "The trick is the escaping". Flucht also. Eskapismus. Oder, wohlwollender betrachtet, vielleicht die Hinwendung zu den naheliegenden Sachen, den kleinen Augenblicken des Glücks.



Bedingungslose Liebe also ("For The Beauty"), verzehrende Sehnsucht, Erinnerungen natürlich ("Carousel") und auch der Appell, auf das Träumen achtzugeben (und nicht nur auf die Träume, wohlgemerkt): "And when the ground gets shaky, and the world seems wrong and everyone is faking, that’s when you learn to be strong. And take care in your dreams, take care when you dream, take care with your dreams, be there in your dream." Wunderbare Lieder allesamt, bei denen nach und nach auffällt, wie vertraut einem der Sound mittlerweile geworden ist. Und wie bekannt - denn könnte nicht auch Sven Regener hier und da seine Trompete zücken und an Stellen, wo Staples anmutig sanft croont, seine schnarrende Stimme beisteuern? Das letzte Album "The Waiting Room" war ja zu einer Art multimedialem Projekt angewachsen, dieses hier ist wieder genügsamer geworden, beschränkt sich gleichsam auf den Kern, auf das, was die Tindersticks seit Anbeginn ihrer Karriere in den Neunzigern ausmacht. Verbraucht oder gar langweilig wirken sie deshalb noch lange nicht, man kann und will ihnen - das ist die gute Nachricht - immer noch zuhören.

04.02.  Berlin, Kammermusiksaal
18.04.  Bochum, Schauspielhaus
19.04.  München, Prinzregententheater
20.04.  Hamburg, Laeiszhalle
05.05.  Genf, Alhambra
06.05.  Winterthur, Casino Theatersaal
09.05.  Wien, Theater Akzent
10.05.  Wien, Theater Akzent

Arlo Parks: Das nächste Versprechen [Update]

Über diese junge Dame hier müssen wir zumindest Stammlesern nichts mehr erzählen. Arlo Parks hat im Frühjahr mit ihrer EP "Super Sad Generation" wohl auch die letzten Skeptiker von ihrem nachhaltigen Talent überzeugen können - Stimme, Songwriting, sanfter Groove, hier stimmt(e) einfach alles. Nun wird es bald ein neues Kurzformat namens "Sophie" geben, am 29. November soll es bei Transgressive erscheinen und die Single "Second Guessing" ist mitsamt einem Video schon mal ein ziemlich großes Versprechen.

28.09.  Hamburg, Mojo Club
29.09.  Berlin, Columbia Theater
01.10.  Köln, CBE

Update: Und da ist er dann, der Titeltrack der neuen EP. Ein Song, in dem es um Erwartungen geht, denen man sich ausgesetzt fühlt, die man nur schwer erfüllen kann. Und auch um das kleine bisschen Hoffnung, doch bestehen zu können ... Und weiter gleich mit dem nächsten Stück, einer Liebeserklärung an einen sehr engen Freund - "Angel's Song".


Mittwoch, 20. November 2019

Nada Surf: Gern gemeinsam weiter

Bei der Abfrage, welches denn wohl die beliebteste Gitarrenpop-Platte der letzten Dekaden sein könnte, hat diese hier größte Chancen, die meisten Stimmen zu sammeln: Vor ungefähr fünfzehn Jahren ist "Let Go", das Konfetti-Album der New Yorker Kapelle Nada Surf, erschienen. Das war zu einer Zeit, da man Tonträger noch verschenken durfte, mit diesem konnte man sicher nichts falsch machen und die Single "Inside Of Love" ließ sich bedenkenlos auf jedes Mixtape (noch so eine ausgestorbene Spezies) packen. Das Quartett will nun dieses Jubiläum feiern und wird deshalb 2020 auf ausgedehnte Konzerttournee (teilweise als Support für Madsen *) gehen, mit im Gepäck ein niegelnagelneues Werk namens "Never Not Together", geplant für den 7. Februar des kommenden Jahres. Hier also die Termine und der erste Vorabsong "Something I Should Do" im Stream.

27.02.  Köln, Live Music Hall
03.04.  Hannover, Swiss Life Hall (*)
04.04.  Leipzig, Haus Auensee (*)
05.04.  Wien, Arena
06.04.  Stuttgart, Im Wizemann
08.04.  Zürich, Dynamo
09.04.  München, Muffathalle
10.04.  Berlin, Columbiahalle (*)
11.04.  Berlin, Metropol
12.04.  Hamburg, Fabrik
17.04.  Bremen, Pier 2 (*)
18.04.  Dortmund, Warsteiner Music Hall (*)





Dienstag, 19. November 2019

FKA twigs: Alles außer gewöhnlich

FKA twigs
„Magdalene“
(Young Turks)

Durfte man das so erwarten? Wohl schon. Seit Tahliah Barnett unter dem Pseudonym FKA twigs Musik macht, hat sie sich als außergewöhnliche und höchst ambitionierte Künstlerin ausgezeichnet. Ihre ersten Songs („EP1/2“) schon waren erstaunlich vielfältige, komplexe Mixturen aus klug verbastelter Elektronik, zartem RnB und cleverem Dancepop, das Debütalbum „LP1“ dann eine wahre Meisterleistung in ebenjenem Metier - multistrukturell, experimentell, anspruchsvoll. Und doch voller anrührender Herzenswärme und Zerbrechlichkeit, für die das gern und fast inflationär benutzte Wort ‚Hybrid‘ einfach zu technokratisch und kalt klingt. Und nun also ein Trennungsalbum? Schmerzverarbeitung, Selbsttherapie, solche Sachen? Natürlich war keine der Befürchtungen gerechtfertigt, es könnte vielleicht doch etwas platt, gewöhnlich oder gar kitschig werden. Nichts davon. Nirgends. Schon die erste Platte bot kein Stück, das man einfach so nebenbei mithören konnte – gespannte Nerven, geschärfte Sinne, Wachheit sind bei ihren Songs Voraussetzung. Barnett will es einem nicht leichtmachen, wenn es sich lohnen soll, muß man ihr folgen wollen.

Das Intro „Thousand Eyes“ eröffnet, ähnlich wie „Preface“ vom Erstling, als reduzierter, klassischer Choral, gedoppelte Stimmen, Pianoloops, sehr fragil. Mit „Home With You“ nimmt der Heartbreak dann seinen Lauf, disruptive, metallene Klänge und Störgeräusche wechseln mit dramatischen, liedhaften Momenten: „The more you burn away, the more the people earn from you. The more you pull away, the more that they depend on you”, Radiohead fallen einem dazu ein, die hochtönenende Stimme (wenn nicht gerade durch den digitalen Häcksler gejagt) erinnert hier und später immer wieder an: Kate Bush. Es folgen die beiden Tracks, die wohl am eingängisten geraten sind – „Sad Day“ als rührende LoFi-Ballade feat. bombastische Percussions, gleich darauf bei „Holy Terrain“ das Gastspiel von Rapper Future und somit ein paar griffige Trap-Rhymes und Afrobeats, da haben wir tatsächlich mal so etwas wie einen richtigen Hit.



Danach aber der interessanteste Teil: „Mary Magdalene“, als Song und natürlich als Albumtitel. Barnett verbindet hier gleichsam ihre Gefühlswelt mit der der historischen Gestalt. Zugleich betrachtet sie das offizielle, kirchengeschichtliche Bild der Maria Magdalena, Jesus‘ engster Gefährtin, von einem sehr kritischen und durchaus feministischen Standpunkt aus. Wie sie in zahlreichen Gesprächen betont, missfällt ihr vor allem, wie gezielt es die männlich dominierte Kurie über die Jahrhunderte verstanden hat, die Frau mit der vielleicht vertrautesten Verbindung zu Christus als Sünderin, Prostituierte und Geächtete zu verunglimpfen. Der Ansatz, eine Beziehung der beiden für möglich zu halten, diesem Gedanken zumindest Raum zu geben, ist ja auch literarisch schon öfters verarbeitet worden, hier spiegelt er sich in zärtlichen Lyrics, erotischen Fantasien und nicht zuletzt ausgeklügelter Klangkunst. Man tut FKA twigs sicher nicht unrecht, stellt man sie spätestens mit diesem Track in die unmittelbare Nähe einer anderen Ausnahmeerscheinung, der Isländerin Björk.



Was die vielen Co-Produzenten hier geleistet haben, ist wirklich sehr bemerkenswert – Nicolas Jaar, Skrillex, Jack Antonoff, Benny Blanco, Daniel Lopatin, Michael Uzowuru, Koreless, die Liste liest sich wie ein Auszug aus den Top 10 der Branche – sie alle für ein einziges Album zu versammeln gelingt nur wenigen. Barnett hat diese Reputation, denn bei ihr treffen sich außergewöhnliche Begabung und unbedingter künstlerischer Wille. Es wäre ihr sicherlich ein leichtes gewesen, mit einer Reihe von Kolleg*innen einen lässigen RnB-Chart-Topper aufzunehmen, allein, ihr Anspruch war und ist ein anderer. Die Extravaganz und Unverwechselbarkeit, die sie schon mit ihrem Erscheinungsbild für Videos und Coverart wählt, gilt in jedem Falle auch für ihre Musik. In einem Interview zu „Home With You“ hat sie letztens den schönen Satz gesagt: “You can take the girl out of the suburbs, but you can’t take the suburbs out of the girl.” Es scheint, als ob sie, die sie mit spanischen und jamaikanischen Wurzeln im dörflichen Gloucestershire aufgewachsen ist, ein unstillbarer Ehrgeiz antreibt, es dennoch zu versuchen. Und sich trotzdem selbst treu zu bleiben.

Sonntag, 17. November 2019

Drug Couple: Allerlei Verbindliches

Immer wieder sonntags ein neuer Rundflug, um neue, vernachlässigte oder unterschätzte Talente zu outen. Start heute in Brooklyn, New York: Hier liefen sich 2016 Becca Chodorkoff (zuvor Rosebug) und Miles Benjamin Anthony Robinson (früher Jesus Jackson) über den Weg und fanden offenbar nicht nur einander Gafellen, sondern auch an der Möglichkeit, gemeinsam zu musizieren. Unter dem Namen Drug Couple entstand u.a. ihre gerade bei PaperCup Music veröffentlichte EP "Little Hits". Das Duo versteht sich als antikapitalistisches und antirassistisches Projekt und wurde im Studio von Pastor Greg und Will Berman an den Drums unterstützt. Dass die Zuhilfenahme stimulierender Substanzen dem Schöpfungsprozeß förderlich war, legt nicht nur ihr Name nahe, sie geben das auch freiwillig zu. Kein Geheimnis ist außerdem ihre Verehrung für den ehrwürdigen Graubarts J Mascis, die man den Stücken unschwer anhören kann - nebenbei findet sich auf der EP auch ein Cover des Shania-Twain-Songs "You`re Still The One".

Laveda: Gern geschmeidiger

Im gleichen New Yorker Stadtteil sind auch Ali Genevich und Jake Brooks als Duo unterwegs. Nicht nur der Name Laveda läßt auf geschmeidigere Melodien schließen - die beiden haben sich tatsächlich dem Dreampop verschrieben. Vor einigen Monaten erschien ihre Debütsingle "Dream.Sleep", gefolgt vom Song "Better Now". Und nun also mit "If Only (You Said No)" ihre erste gemeinsam geschriebene Arbeit, ein zauberhaftes Stück Shoegazing mit einem gewissen Cocteau-Twins-Appeal. Für das Frühjahr 2020 ist dann ihr Debütalbum mit zehn neuen Tracks versprochen.

Honeymoan: Nicht nur, aber auch

Irgendwo zwischen den beiden erstgenannten Bands bewegen sich Honeymoan aus dem südafrikanischen Kapstadt. Wobei "irgendwo" keinerlei Wertung enthält, denn ihr sowohl poppiger als auch angenehm aufgerauter Sound macht ziemlich großen Spaß, vor allem, wenn man sich ihre Hitsingle "Still Here" anhört. Andererseits ist die gar nicht so spaßig gedacht, Sängerin Alison Rachel sagt darüber: "Der Song handelt von dem täglichen Druck, den man spürt, der Angstzustände und Depressionen hervorrufen kann. Und davon, sein Bestes zu geben, die Dinge zusammenzuhalten, auch wenn man manchmal nicht mehr kann. Obwohl es das persönlichste Lied ist, das ich je geschrieben habe, ist daraus ein wirklich fröhlicher Indie-Rock-Track geworden, der sich sogar wunderbar zum Tanzen eignet." Zwei Kurzformate sind von dem Quartett bislang erschienen, 2018 die Single "We" und im vergangenen Jahr die EP "Body" - nun ist für den 21. Februar EP Nummer zwei "Weirdo" via Communion Records angekündigt.



Seazoo: Das positive Gefühl

Feine Gitarren-Akkorde sind auch die Sache der walisischen Kapelle Seazoo. Die Band von Sänger Ben Trow zählt Yo La Tengo, Courtney Barnett und Grandaddy zu ihren Vorbildern und entsprechend gekonnt mischen sie für ihre Arbeit analoges Schrammeln und elektronisches Gefrickel. Sehr gut klingt das, so wie im Song "Throw It Up", der vor drei Monaten erschienen ist und erst recht auf ihrer aktuellen Single "Heading Out". Der Nachfolger des letztjährigen Debüts "TRUNKS" ist für das erste Quartal des kommenden Jahres geplant, Trow dazu in aller Kürze: "Ich wollte mit dem Album positive Dinge erkunden, etwas, das ich vorher noch nie wirklich gemacht habe. Um ehrlich zu sein, viel simpler hätte ich es nicht hinbekommen, etwa das Gefühl, wenn man jemanden trifft, den man auf Anhieb mag - Nerven, Aufregung, yeah!" Dem ist dann auch nichts hinzuzufügen, wir sind auch schon ganz gespannt.

DIE ARBEIT: Aus der Grauzone

Damit es jetzt nicht allzu ausgelassen wird, geht es für den letzten Hinweis zurück nach Deutschland, und zwar nach Dresden. Das klingt jetzt vielleicht etwas bemüht düster, aber allzu helle Töne sind eben die Sache dieser Band nicht. DIE ARBEIT heißen sie, haben sich 2018 gegründet und bergen seitdem, wie sie behaupten, die Essenzen ihrer Gemeinschaftsseele. Was zunächst etwas befremdlich anmutet, löst sich in einem Sound auf, der sich stilistisch stark an den Vertretern der hiesigen und internationalen Grauzone orientiert - es fallen Namen wie Joy Division, DAF, Fehlfarben, Messer oder Die Nerven. Für das Video ihrer aktuellen Single "Haut, Knochen und Gesichter" hat einmal mehr Frank Sander Regie geführt, den man schon aus seinen Arbeiten zu den Stücken "Leichen" und "Visier" kennt. Gezeichnet wird hier einmal mehr das Bild der Zerrissenheit, der Nervosität und des Zweifels, aber auch die Hoffnung auf einen Weg zu sich selbst. Ab Februar kommenden Jahres sind DIE ARBEIT unterwegs, dann erscheint auch ihr Debütalbum "Material" bei Undressed Records.

21.02.  Dresden, Chemiefabrik, Record Release
29.02.  Weißwasser, Telux
05.03.  Dortmund, Subrosa
06.03.  Oberhausen, Druckluft
28.03.  Karlsruhe, Kohi
23.04.  Jena, Café Wagner
03.11.  Hannover, Café Glocksee





Samstag, 16. November 2019

Daughters Of Reykjavik: Ihre Sache

Okay, dafür gibt es nun mehrere Gründe: Wann sonst hat man schon mal die Gelegenheit, eine  Post über eine Band mit gleich neun Frauen zu teilen? Und noch dazu, wenn um isländischen Rap geht? Jawohl, acht Frauen, Rap - noch Fragen? Dabei ist die Zahl acht eher klein bemessen, denn zu Beginn ihrer Karriere im Jahr 2015 bestand das Kollektiv Daughters Of Reykjavik (damals noch unter dem einheimischen Namen Reykjavíkurdaetur) aus mehr als zwanzig gleichgesinnten Töchtern, die auf einer Female Rap Night in Reykjavik zusammenfanden und seitdem gemeinsam auftreten, produzieren und natürlich auf Musik veröffentlichen - 2018 erschien das Debütalbum "Shrimpcocktail" und im Frühjahr 2020 soll via The Orchard der Nachfolger "Soft Spot" folgen. Nebenher arbeiten Blaer, Katrín Helga, Dísa, Steinunn, Ragga Holm, Sura, Salka, Steiney und Karítas im Übrigen als Sextherapeutin, Gletscherführerin, Schauspielerin, als Besitzerin eines Gayclubs, Radiomoderatorin Grafikdesignerin und Tontechnikerin, sie können also für ihre Songs auf reichlich verschiedene Erfahrungen zurückgreifen. Der erste neue Track "Sweets", gesungen auf Englisch und Isländisch, handelt einfach mal eben vom Sex.

Scorn feat. Jason Williamson: Schall und Rauch

Gerade haben die Sleaford Mods das geschafft, wovon so ziemlich jeder britische Musiker träumt: Gemeinsam mit den Supports Horse Meat Disco, Stewart Lee und den fabelhaften Viagra Boys haben sie zum Abschluß der Tour zum Album "Eton Alive" das altehrwürdige Londoner Hammersmith Apollo ausverkauft. Nachdem sie vor einiger Zeit auch schon beim Indiedealer Rough Trade unterschrieben haben, könnte man also sagen, sie sind oben angekommen. Doch wer Andrew Fearns und Jason Williamsons Karriere eine zeitlang verfolgt hat, der weiß, dass die beiden solche Erfolge zwar sehr wohl genießen, sich aber davon keineswegs von der Ernsthaftigkeit ihres eigentlichen Ziels ablenken lassen - der wütenden Anklage an das bestehende politische System in England und die stetig zunehmende Verschlechterung in allen Bereichen sozialen, gesellschaftlichen Zusammenlebens in ihrem Heimatland, Stichworte Bildungsnotstand, erodierendes Gesundheitssystem, Armut, Wohnungsnot, aufkommender Nationalismus, you name it. Nebenher ist Williamson nicht nur als Buchautor (aktuell "House Party" bei Bracketpress) aktiv, sondern kooperiert auch gern mit anderen Musikern. Erst kürzlich haben wir auf seinen Beitrag zum aktuellen Album der französischen Post-Punk-Kapelle Frustration hingewiesen, hier nun kommt der nächste Verweis. Denn jetzt hat Scorn, das Projekt des englischen Industrial-Pioniers Mick Harris, seine neue Platte "Café Mor" (Ohm Resistance) veröffentlicht. Entstanden ist Scorn Anfang der Neunziger ursprünglich gemeinsam mit Nicholas Bullen als Sidestep zur Grindcore-Band Napalm Death, mittlerweile und nach einigen Unterbrechungen werkelt Harris allein und hat sich komplett der experimentellen Elektronik verschrieben. Der Track, dem Williamson seine Stimme lieh, heißt im Übrigen "Talk Whiff" - haha, der alte Dampfplauderer.

Freitag, 15. November 2019

Eşya: Zur Dunkelheit bekennen

Esya
"Absurdity Of ATCG (II) - Emergent Form"

(Bandcamp)

Weiter geht es mit Ayse Hassan, Bassistin bei den Savages und gleichwertigen Teilhaberin von Kite Base auf der Suche nach dem Sinn des menschlichen Seins. Die vorliegende EP ist die dritte im Themenverbund nach "Absudity Of Being" und "Absurdity Of ATCG (I)" und wenn sich mit dieser eine Form, eine Konstante herausbildet, dann ist es hier definitiv eine alles umfassende Düsternis. So kalt, so dunkel waren selbst die beiden ersten Platten nicht - die sieben Stücke inklusive des Bonustracks "Obsolete" zeigen Hassan als tiefschwarze Zweiflerin, bereit, für ihren Teil die Schattenseiten des Lebens offenzulegen. Schon im Sommer dieses Jahres verriet sie dem Netzmagazin The Rodeo die Grundidee ihres Triptychons: "Ich glaube, jeder Mensch hat oder wird an einem Punkt seines Lebens emotionales Leid erfahren. Meiner Meinung nach ist es wichtig, darüber zu reden, unsere Geschichten zu teilen und solche Erlebnisse, Gedanken und Gefühle nicht zu unterdrücken, so dunkel sie auch sein mögen."



"Die Musik, die ich schaffe, kommt aus der Frustration und der Wut, aber auch dem Staunen und der Hoffnung. Sie ist ein integraler Bestandteil meines Seins", und weiter führt sie aus: "Was ich hier abbilde, sind Realität, Wahrheit, Ehrlichkeit - ich möchte den Menschen, der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten und zeigen, wie die Wirklichkeit tatsächlich ist. Und dass wir alle die Wahl haben und eine Entscheidung treffen können." Musikalisch hat sie sich diesmal fast durchgängig dem Cold Wave verschrieben, die Stücke zucken allesamt mit elektronischen Beats, unterfüttert von schweren Bässen und frostigen Synthtexturen. Wenn der erste, erstaunlich tanzbare Track "Blue Orchid" noch an die legendäre Anne Clark erinnert, sind "Fear" oder "Eidolen" ungleich finsterer geraten, knirschende Störgeräusche, verzerrte Akkordeon-Melodien, dazu Hassans gleichförmiger Gesang, bemüht, die fast erhabene Grundstimmung nicht durch allzu häufige Ausbrüche zu stören. Wohl der, die ihre Ängste und Schwächen in so wunderbare Klänge zu wandeln vermag.

Donnerstag, 14. November 2019

Pet Shop Boys: Zeitlos

Diese beiden Herren hier wiederum zählen zu der Kategorie Musiker, die quasi alterslos sind, soll heißen, in fünfzig Jahren oder mehr noch ihre Singles, Alben abliefern, als wäre die Zeit stehengeblieben (vgl. hier: Kraftwerk, vgl. nicht: Rolling Stones). Daß sie das nicht ist, wissen Neil Tennant und Chris Lowe natürlich schon beim Blick auf ihr gebeuteltes Heimatland, aus dem täglich neue Hiobsbotschaften über den Kanal wehen. Erst kürzlich haben sie deshalb zusammen mit Years And Years eine Vorabsingle namens "Dreamland" veröffentlicht, nun kommen ein paar sehr erfreuliche Ergänzungen hinterher. Denn die Pet Shop Boys werden am 24. Januar ihre nächste Studioplatte "Hotspot" veröffentlichen - und einen weiteren Track gibt es mit "Burning The Heather" auch schon davon. Und natürlich kommen die beiden Herren auch wieder live auf Tour - im Sommer 2020 ist es soweit.

01.05.  Berlin, Mercedes Benz Arena
02.05.  Oberhausen, König Pilsener Arena
08.05.  Leipzig, Arena
10.05.  Stuttgart, Porsche Arena
19.05.  München, Olympiahalle
20.05.  Frankfurt, Jahrhunderthalle
22.05.  Hamburg, Barcley Card Arena

... And You Will Know Us By The Trail Of Dead: Älter werden

Wieder so ein Moment, bei dem man merkt, wie alt man doch geworden ist. Nicht nur, weil ... And You Will Know Us By The Trail Of Death so klingen, wie sie klingen (also um einiges gemäßigter als bei ihren ersten Alben), sondern weil sie mit der Ankündigung ihrer nunmehr zehnten Studioplatte gleichzeitig ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum begehen. Feiern wir natürlich trotzdem gern. Zunächst einmal mit dem Pflichtkauf von "X: The Godless Void And Other Stories" am 17. Januar bei Dine Alone, jetzt gleich mit der ersten Single "Don't Look Down" mit einem Video von Conrad Keely und bald hoffentlich auch live auf Tournee.

Billie Eilish: Nach ihren Regeln

Ja, es gibt wohl nicht wenige Eltern, die sich insgeheim so eine Mischung aus Tank Girl, Poison Ivy und Pippi Langstrumpf zur Tochter wünschen: Billie Eilish ist ein sehr eigensinniges, überaus selbstbewußtes Mädchen, das das Leben gerade so nimmt, wie es nach dem sensationellen Erfolg ihres Debütalbums "When We Fall Asleep Where Do We Go?" eben kommt. Wer sie beispielsweise bei Jimmy Fallon (s.u.) gesehen hat, der weiß, dass Eilish keine von den überdrehten Stardomehunterinnen ihres Alters ist, für die der Ruhm immer zu früh kommt, weil sie damit zu keiner Zeit umgehen können. Die Songwriterin aus Kalifornien hat sich ja herausgenommen, keine klassische Hitplatte zu produzieren, sondern eine sehr abwechslungsreiche Sammlung all ihrer musikalischen Vorlieben, seelischen Stimmungen, es finden sich dort sowohl Ängste als auch Träume, denn all das macht sie aus. Dass sie nebenher versucht, ihrem Erfolg auch ein wenig ökologische Nachhaltigkeit - wie bei der Gestaltung ihrer anstehenden Welttournee - zu verpassen, macht sie gleich noch sympathischer. Heute Nacht jedenfalls hat sie endlich ihren lang erwarteten neuen Track "Everything I Wanted" gepostet und der ist, wie nicht anders zu erwarten war, ein Hit. Und zwar einer nach ihren Regeln.

14.07.  Berlin, Mercedes Benz Arena
15.07.  Köln, Lanxess Arena



Mittwoch, 13. November 2019

WIRE: Gegensätze

Tagesmeldungen, wichtige. Also nicht diese Brexit-Sachen, die mittlerweile so unglaublich langweilen, weil niemand mehr weiß, wo eigentlich vorn und hinten ist, weil der ganze Vorgang mittlerweile so komplett lächerlich ist, dass es weh tut. Kümmern wir uns lieber um diese Nachricht: Wire, Londoner (Post-)Punk-Band, gegründet 1976, also zu einer Zeit, da das Königreich noch groß und halbwegs cool war, haben für den Januar 2020 die Veröffentlichung eines weiteren Albums namens "Mind Hive" bekanntgegeben. Das siebzehnte soll es sein, so rechnet das Portal Stereogum vor, das letzte, von dem wir wissen, hieß "Silver/Lead" und erschien 2017. Und weil nun wirklich in den vergangenen Jahren bei den Briten im Vergleich zu ihrem darniederliegenden Heimatland keinerlei Schwäche zu erkennen war, dürfen wir uns ausgiebig darüber freuen, die erste Single "Cactused" hier schon mal vorweg.

Update: So in etwa hatte man sich das zwar schon vorgestellt, doch zu sehen, wie unglamourös die Produktion eines neuen Albums bei Wire von statten geht, ist dann noch mal eine andere Sache. Aber hallo: Ein Video, von Wire! Da wollen wir dann mal nicht so sein...





Dienstag, 12. November 2019

Friends Of Gas: Steinerne Wunden

Friends Of Gas
„Carrara“
(Staatsakt)

Es ist egal, aber. Man kann sich der neuen EP der Münchner Kapelle Friends Of Gas natürlich ganz ohne jedes Vorwissen nähern. Kein Hinweis auf das Debüt „Fatal Schwach“, vor zwei Jahren ebenfalls bei Staatsakt erschienen. Keine Geschichten über Marmor, zerklüftete Steinbrüche, wundes, aufgerissenes Erdreich, Carrara, Italien. Der teils monotone, treibende, teils äußerst reduzierte Sound der gut zwanzigminütigen Songtrilogie steht für sich. Aber er lebt eben auch in den Bildern des dazugehörigen Videos. Und setzt Assoziationen frei, die mit Gelesenem, Gehörten verschmelzen und so ein Eigenleben entwickeln.

Über allem die Notiz zur Platte: „Schneelandschaften werden zu Sturzbächen. Sturzbäche zu Steinbrüchen. Steine zu Wald und Wald zu Edelsteinen. Dann werden Edelsteine zu Wasser und wieder zu Schnee.“ Stoffkreislauf, ohne menschliches Zutun, die Natur macht ihr Ding, ohne uns, sowieso. Und wir? Satzfetzen: „Der kalte Apparat sind wir. Eine überbewertete Maschine. Ein Arrangement angenehmer Gefühle. Ein Leben von guter Qualität.“ Spöttisch klingt das, fatalistisch – nutzloses Kümmern und Mühen überall. Dunkler Bass, Gitarren-Noise, klackende Drums, der alte Lugosi schaut um die Ecke. Kalte Bilder, klirrender Klang, es splittert, es bricht.

Dann diese Stadt, die so viele Gesichter hatte und hat: Stolze Wiege langer, steinerner Tradition, Machtmittelpunkt, Ursprung für so vieles, was an Prunk gebaut wurde und ebenso für das, was Mensch und Maschine vorantrieben. Armut auch, Ausbeutung. Und Blut. Von schlimmen Massakern liest man, von Gewalt, Widerstand, Anarchismus. Dazu scheinbar endlose, hypnotische Takte immer gleich angerissener Seiten im Mittelteil, neblige, lichtdurchflutete Wälder, grobkörnig, verschwommen. Das setzt sich im Kopf zusammen, fügt sich ein, man meint in den verschobenen, gefalteten Gesteinsschichten die Verletzungen gespiegelt zu sehen, die der Mensch dem Menschen zugefügt hat. Die in die Natur eingegraben sind und zutage treten, wenn man gräbt, abschlägt, aufbricht.

Zum Schluß dann noch einmal die ganze, traurige Nutzlosigkeit menschlicher Existenz: „Nicht wissen wollen, was die Welt ist, noch wie sie sein soll. Dazu verurteilt, sich endlos wiederzuspiegeln, verzweifelt vom Müssen erfüllt.“ Wütend ist das jetzt, hohes Tempo, Nina Walser einmal mehr mit ihrer markanten, rostigen Stimme hetzt sie durch Text und Ton. Die Bilder nun als Gegensatz – gelähmte Bewegungen, kalte Kristalle, aufgesetzt, künstlich fast. Zwanzig ungewöhnliche Minuten, typisch einzig für diese Band, die in kein Schema zu pressen ist, sich jeder Kategorisierung entzieht. Produziert hat die EP Olaf O.P.A.L., der gerade erst mit The Düsseldorf Düsterboys einen Coup gelandet hat, die Friends Of Gas werden nach ihrer Tour im Herbst bald wieder ins Studio gehen und für’s kommende Jahr ein weiteres Album aufnehmen. Wir vermuten jetzt schon Großes.

22.11.  Hamburg, Molotow
23.11.  Berlin, Zukunft am Ostkreuz
24.11.  München, Rote Sonne

Montag, 11. November 2019

IDER: Ins Gesicht geschrieben

IDER
Support: SEDA
Milla, München, 10. November 2019

Manchmal ist es tatsächlich so einfach. Da reicht ein simples Lächeln, eine kleine Geste und schon gehört einem der ganze Saal. Obwohl „kleines Lächeln“ hier eine Untertreibung wäre. Denn Megan Markwick und Lily Somerville kamen aus dem beseelten Grinsen gar nicht mehr raus – sie hatten allen Grund dazu. Noch vor zwei Jahren kannte die beiden außerhalb der Clubszene ihrer Heimatstadt London kaum jemand. IDER? Nie gehört. Doch mit ihrer ersten EP „Gut Me Like An Animal“ kam schnell Bewegung in die Sache, es folgte die erste richtige Hitsingle „Body Love“ und plötzlich waren die beiden mittendrin im Gespräch. Satte Beats und anschmiegsame Melodien, aber vor allem ihre zauberhaften Stimmen im Duett fügten sich prächtig in den Trend zum intelligenten, zum anspruchsvollen Pop – HAIM, MUNA, die schwedischen First Aid Kit, sie waren und sind in dieser Reihe beileibe keine Außenseiter. Im Sommer kam dann endlich das Debütalbum „Emotional Education“ und versammelte all ihre Stärken, die pulsierenden Clubtunes und die gefühligen Balladen also, auf einem Tonträger. Und nun standen sie also auf der Bühne in der Münchner Milla, endlich Headliner, und strahlten über beide Ohren. Die aufrichtige Freude, der Stolz, es bis hierhin geschafft zu haben, war ihnen deutlich anzumerken. Okay, der eingangs erwähnte „Saal“ fasste gerade mal gut zweihundert Zuschauer. Aber die waren genauso begeistert von der Musik wie die Band selbst.



Und von der Freude durfte auch der Livedrummer etwas abbekommen, denn die Mädchen begannen den Abend mit einer kleinen, aber recht wilden Percussion-Einlage. Eher ungewöhnlich, denn die Wirkung der Songs von IDER beruht eher auf der richtigen Abstimmung der Gesangsparts, auf dem Timing für Pausen, Tempi und Einsätze. Und eben das gelang ihnen fast traumwandlerisch sicher, die Töne saßen perfekt, die Harmonien schwangen im Gleichklang, die Transformation der Stücke für die Show paßte. Dass manche der Stücke recht ähnlich aufgebaut sind, läßt sich verschmerzen, das Programm gibt dennoch genügend große Popmomente her – meint Hits am Fließband: „Wu Baby“ kracht ordentlich, „Busy Being A Rockstar“ ebenso, besagtes „Body Love“ gibt den stärksten Teil der ruhigen, besinnlichen Nummern. Danach weiter mit dem Mutmacher „You’ve Got The Whole Life Ahead Of You Baby“, dem ziemlich traurigen „Sadest Generation“ und natürlich „Mirror“, einem ihrer bekanntesten Charter. IDER machen Songs, die auch in kleineren bis mittleren Hallen problemlos funktionieren würden, insofern dürfte ein Auftritt dieser Größe nur ein Vorgriff auf Kommendes gewesen sein. Und solange sie sich die Natürlichkeit und Ausgelassenheit bewahren, sollte weiterem Erfolg nichts im Wege stehen. „Emotional Education“, fürwahr.

Le Butcherettes: Nur nicht verstecken

Mit einer so schnell Rückmeldung hatten wir eigentlich gar nicht gerechnet. Gerade erst nämlich hatte die mexikanische Garagen-Kombo Le Butcherettes ihre Live-Cuts "Live At Clouds Hill" vom ebenfalls in diesem Jahr erschienenen Album "bi/MENTAL" veröffentlicht, getourt wurde natürlich auch. Offensichtlich ist der Output aber derart groß, dass noch eine EP mit sieben bislang unveröffentlichten Tracks heraussprang. "Don't Bleed" nennt sich diese 12" und mit "Tunisia" gibt es ein Stück davon gratis zum Vorhören, der Rest dann am Valentinstag 2020. Zum Namen der EP existiert im Übrigen auch eine Erklärung von Teri Gender Bender, der unvergleichlichen Frontfrau der Truppe. Der Titel, so sagt sie in den Liner Notes, sei "a powerful double meaning of being told not to bleed as a woman and feeling shame of blossoming, so with time we are manipulated to hide in the darkness and our blood calls out to the forest creatures pulling them in closer to us for the hunt, even if we hide we are exposed."




Rosalía: Zum Jubiläum

Vor ziemlich genau einem Jahr ist das wunderbare Album "El Mal Querer" erschienen und katapultierte dessen Schöpferin Rosalía Vila Tobella aus dem katalonischen Sant Exsteve Sesrovires sofort auf den internationalen Radar. Nach ihrem eher zurückhaltenden Debüt "Los Ángeles" war der Nachfolger eine meisterhafte Mixtur aus Tradition und Moderne, mischten sich hier Hip-Hop und Flamenco mit einer Selbstverständlichkeit, die Staunen machte und wahre Begeisterungsstürme auslöste. In Spanien ist Rosalía mittlerweile ein multimedialer Superstar, gehören ihre Songs schon zum Mainstream, fast jede ihrer ausgekoppelten Singles startete von der Position 1 weg, wo natürlich auch das Album selbst landete. Zur Feier das Jubiläums spendierte die Künstlerin gerade einen neuen Song - "A Palé" kommt mit einem Video von Jora Frantzis, coproduziert haben wieder El Guincho and Frank Dukes (achja, die Nägel manikürte Britney TOKYO).

Kim Gordon: Schlußpunkt und Aufbruch [Update]

Kim Gordon
„No Home Record“
(Matador)

Beweisen muß diese Frau eigentlich niemandem mehr etwas. Gut, anders als in ihrem Heimatland wird Kim Gordon in Europa und hierzulande noch immer hauptsächlich über ihre frühere Band Sonic Youth wahrgenommen, sie war dort bis zum Split im Jahre 2011 als Sängerin, Songschreiberin und Bassistin mehr als eine feste Größe. Wer ihre Memoiren „Girl In A Band“ gelesen hat, weiß aber nicht nur um die Trennungsgründe und aufreibenden Schwierigkeiten, die zu großen Teilen im Privaten lagen, sondern ahnte auch bald, dass Gordon ihre Kreativität in einem solch festgefügten, hierarchischen (und auch sehr patriarchalischen) Ensemble bei weitem nicht ausgeschöpft sah. Und dies nicht erst zu dem Zeitpunkt, als die Band zu Bruch ging. Spätestens dann aber wurde der Abnabelungsprozeß überdeutlich: Mode, Malerei, Film und immer wieder Musik – die gebürtige New Yorkerin zog es zurück nach Los Angeles, an den Ursprungsort ihrer künstlerischen Emanzipation, und setzte von dort ein Ausrufezeichen nach dem anderen, jedes als bewußter Bruch mit der öffentlichen Wahrnehmung als Ex-Bandgirl zu verstehen.



Insofern muß auch dieses Soloalbum einmal mehr als logische Konsequenz ihrer Vita, die immer auch ein Kampf um die eigene Freiheit war, begriffen werden – und zwar sowohl im Hinblick auf das „wie“ als auch das „warum“. Denn natürlich hatte Gordon sich schon in verschiedenen Kombination an ihrer hauptsächlichen Berufung, der kunstvoll übersteuerten Noiseattacke, abgearbeitet – Bill Nace (Body/Head), Peaches, J Mascis, Steve Gunn, Stephen Malkmus oder Alex Knost (Glitterbust), um nur ein paar von der nicht eben kurzen Liste zu nennen. Starke, bemerkenswerte und teils sehr innovative Sachen das alles, nur eben alles unter dem Topic „Kim Gordon und …“ vermerkt. Deshalb wohl brauchte es endlich ein eigenständiges, ein eigenverantwortliches Werk. Ein Solo. Und zwar eines, das mit Vorangegangenem nicht verwechselt werden kann und dennoch mit seiner Schöpferin nicht fremdelt.



„No Home Record“, entstanden mit dem Produzenten Justin Raisen, muß sich in dieser Hinsicht nichts vorwerfen lassen. Es ist spannendes, experimentelles und durchaus mutiges Werk geworden, das zwar Bezug zu Gordons Vergangenenheit nimmt (wie könnte es auch anders sein) und doch in Sachen Sound zu überraschen weiß. Der überwiegende Teil der neun Stücke fußt auf elektronischen Klangmustern, verschränkt synthetische Melodien, Loops und Drumparts mit analogem Feedback, variiert, verschleppt gekonnt die Tempi und erzeugt so eine unglaublich dichte Kulisse, über die Gordon dann ihren brüchigen Sprechgesang legt. Der Krach kommt also aus der Dose, das paßt in die Zeit und ist zudem gut gemacht. Schon der Opener „Sketch Artist“ ist voller knirschender Störgeräusche, die auf’s Beste mit den befremdlich zuckenden Bildern des Videoclips von Loretta Fahrenholz zusammengehen.



Noch krasser, noch wirkungsvoller wird dieses Prinzip wenig später für das Doppel „Don’t Play It“ und “Cookie Butter“ ausgespielt – dumpf dröhnendes Technobiest das eine, lärmender Industrialgroove das andere. Wie sie in letzterem den stakkatoartigen Stichwort-Text vom Selbst zum Gegenüber verschiebt, sich erst eine Gitarrenspur und kurz darauf ein blecherner Marschrhythmus aus dem Konstrukt schälen, das ist schon bemerkenswert. Und steht in Kontrast zu Rocknummern wie „Air BnB“, der Vorabsingle „Murdered Out“ (Update: jetzt auch mit Video von Loretta Fahrenholz) oder dem Gitarrenbrett „Hungry Baby“, den sie selbst bei den Stooges ansiedelt. Die auffälligste Annäherung an die Vergangenheit vielleicht im herrlich dahinwabernden „Earthquake“, begonnen als düstere Velvet-Underground-Reminiszenz, endend im dronigen Soundgewitter im Gedenken an – vielleicht. Ein toller Wurf jedenfalls. Schon nach der Lektüre ihres Buches war klar, dass es ein Zurück zu Sonic Youth nicht geben würde, dieses Album ist dafür die Bestätigung. Für Kim Gordon aber auch ein weiterer Aufbruch. https://www.kimaltheagordon.com/