Sonntag, 20. Oktober 2019

Lola Marsh: Perfekte Ballbehandlung

Timo Boll? Schon klar. Wird gefeiert für sein Können in einer Sportart, die eigentlich asiatischen Nationen vorbehalten ist. Denn außer einem verstolperten Rundlauf bekommen wir n Deutsche im Tischtennis sonst eher wenig hin. Soweit, so gut. Was allerdings das israelische Duo Lola Marsh für sein Video zum aktuellen Song "Only For A Moment" mit Ball und Schläger anstellt, ist dann schon auf höherer Ebene angesiedelt und sollte selbst unserem altgedienten Star Respekt abnötigen. Denn zum Sound der beschwingten Single derart exakt das Arbeitsgerät zu schwingen, ist schon eine hohe Kunst - Regisseur Indy Hait hat's eingefangen und sie haben, wie für ihre letzte gemeinsame Arbeit "Echoes" ziemlich hart an der Perfektion gearbeitet. Das Stück gehört übrigens zu einem neuen, noch unbetitelten Album, das im Januar 2020 erscheinen soll.

Samstag, 19. Oktober 2019

Frustration vs. Sleaford Mods: Naheliegend

Soll niemand sagen, die Sleaford Mods seien nicht frankophil. Erst kürzlich haben wir hier auf eine szenische Dokumentation des französischen Kulturkanals Arte hingewiesen, wo Jason Williamson und Andrew Fearn in einer alten Fabrikhalle unter dem Titel "Release Party" die Songs ihres aktuellen Albums "Eton Alive" vorgestellt haben. Dass Williamson Gastauftritten gegenüber nicht abgeneigt ist, läßt sich auch nicht von der Hand weisen - The Prodigy, Baxter Dury, Leftfield, you name it. Nun hat er also beides verbunden und rappt sich in Teilzeit durch den Song "Slave Markets" der Pariser Post-Punk-Kapelle Frustration. Das Quintett hat gerade sein fünftes Album "So Cold Streams" veröffentlicht und Sänger Fabrice Gilbert sagt Folgendes über die Partnerschaft: "Die Sleaford Mods sind eine Band, die uns musikalisch und menschlich einen echten Schub verliehen haben. Sie stehen für ein echtes Gefühl von Freiheit, das es mir erlaubt, wirklich alles zu sagen, was ich in meinen Texten sagen will, also sowohl zu sehr intimen Themen als auch über politische oder soziale Dinge." Der neue Song ist im Übrigen nicht die einzige Kollaboration der beiden Herren am Mikrophon, schon 2016 standen sie für den Mods-Track "Tweet Tweet Tweet" beim Pariser Vilette Sonique gemeinsam auf der Bühne.



Freitag, 18. Oktober 2019

Einhorn: Jagdsaison [Update]

Über neues Material posten, obwohl das neue Material noch nicht teilbar ist, das machen wir normalerweise höchst ungern, weil unfair. Aber weil in den letzten Wochen im Zusammenhang mit dem überraschenden Ableben der SPEX ja so viel von der Gatekeeper-Funktion geschwafelt worden ist, machen wir halt auch mal einen auf Gscheithaferl und verkünden, dass die wunderbare Wiener Band Einhorn eine neue Single namens "The Chase" am Start hat und diese am 2. November veröffentlichen wird. Der Waschzettel erzählt von Parallelen zwischen dem Song und der gleichnamigen Film mit (dem damals vielleicht noch nicht ganz so durchgeknallten) Charlie Sheen - und berichtet von einem Klangwandel der Formation. Und in der Tat klingt das Stück nicht ganz so quietschvergnügt wie das letzte Album "Galactica", grob unterschätzt und ungerechtfertigt immer im Schatten von Bilderbuch und Wanda. Dessen bester Titel war übrigens das dunkel schimmernde "Tuxedo Mask" und da haben alt und neu dann doch etwas gemeinsam. Wer ganz zufällig am 8. November in Vienna ist, der sollte das für einen Besuch in der Grellen Forelle nutzen, dort spielen Kakkmaddafakka und - eben: Einhorn. Nächste Woche garantiert mehr - dranbleiben...

Update: Neu folgt alt, hier kommt endlich das Video zur ersten Single "The Chase", Regie Michael Rofon ... und hinterher die zweite Single "Longtime" samt Teaser, funky, dancy, Einhorn eben.





Nick Cave And The Bad Seeds: Leidenszeugnis [Update]

Nick Cave And The Bad Seeds
“Ghosteen”

(Rough Trade)

Natürlich hätte man sich damals wundern können, wie schnell nach dem tragischen Unfalltod seines Sohnes im April 2015 Nick Cave das Album „Skeleton Tree“ veröffentlichte. Doch wie sonst soll der Künstler Verlust, Verzweiflung und Hilflosigkeit, die ihm plötzlich so nah an Leib und Seele gerückt sind, verarbeiten, wenn nicht mit seinen ureigensten Mitteln? Mag sein, dass es Cave zupasse kam, dass er sich ohnehin als Trauerarbeiter und Schmerzensmann begreift, dass ihm die dunkle Materie Zeit seines Musikerlebens vertraut ist. Dieses Unglück jedoch hatte eine andere, eine unmittelbare Qualität, auf die wohl niemand, auch nicht Cave, jemals vorbereitet ist. Wie auch. Um so schwärzer dann die ersten Songs danach, „I Need You“ bekam man aus dem Schädel nicht mehr heraus – das Leid wurde selbst dem Zuhörer ein Stück weit begreifbar. Und war, das wissen wir jetzt, doch nur der Anfang.

Denn die Bewältigung des Unbegreiflichen hatte mit „Skeleton Tree“ gerade mal begonnen, auf „Ghosteen“ setzt sie sich in aller Konsequenz fort, noch ausführlicher, düsterer, selbstquälerischer als zuvor. Ist der Sound, den Cave mit seinen Gefährten erzeugte, stets gleichwertiges Stilmittel gewesen, so rückt er ihn auf dem neuen Doppelalbum deutlich hinter den gewaltigen Text, stellt er nur mehr die äußerst reduzierte Begleitung zu den Sprachbildern, Betrachtungen, Balladen biblischen Ausmaßes, wie sie eben nur Cave selbst zu erzählen weiß. Bis weit in das letzte Stück „Hollywood“ hinein, eines von zwei Zwölfminütern, sind keinerlei Drums zu vernehmen, ganz so, als hätte Cave Angst, durch die Schläge die Andacht zu verlieren und so die Zwiesprache mit dem Geist des Vermissten zu stören.

Das nämlich ist auch dieses Werk: Selbst- und Zwiegespräch in einem, ein ständiges Umherwälzen dunkler Gedanken, Ahnungen und Zweifel auf der einen Seite und dann wieder direkte Ansprache an den, zu dem zu sprechen nicht mehr möglich ist – übervoll mit Sehnsucht und Liebe. Eine Totenmesse, fürwahr, viel mehr aber noch die dringende Bitte um Erlösung. „Peace will come in time, peace will come for us“ heißt es im „Spinning Song“ gleich zu Beginn, das klingt noch recht zuversichtlich, doch schon das herzzerreißende „Waiting For You“ läßt ahnen, dass es so schnell nichts wird mit dem inneren Frieden: „Sometimes it’s better not to say anything at all“ singt Cave hier fast als Selbstanklage, gleich danach dann: „Sleep now and take as long as you need, cause I’m waiting for your to return“. Beklemmende Zeilen von einem, der nicht loszulassen gewillt ist.

Und es wird nicht leichter, nicht heller. Biblische Motive tauchen auf, keine Seltenheit bei Cave (mehrmals die Pieta mit dem sterbenden Sohn auf dem Schoß), vermischt mit Sagengestalten – schon das für seine Verhältnisse recht ungewöhnliche, phantastische Covermotiv gibt reichlich Anlaß zur Deutung. Sonst so sonnige Orte wie Malibu erscheinen bei Cave in grellem, seltsam toten Licht, „fields of smoke, black butterflies, screaming horses“, eine wahrhaft gruselige Kulisse („Sun Forest“). Manches wiederum verbleibt im Ungefähren, läßt sich schwerlich deuten, so die Traumwelt in „Galleon Ship“, dem „Leviathan“ oder auch die trostlosen Zeilen von „Fireflies“ – „a star is just a memory of a star, we are fireflies, pulsing dimly in the dark, we are here and you are where you are.“

Besagtes „Hollywood“ als Schlüsselstück, verpackt in eine Art von buddhistischer Weise, schließt dann tatsächlich die Klammer – dramatisch, mit softem Beat zu Bass, Streichern und Piano. Cave hadert hier nochmals mit seinem Hauptthema, der Erlösung: „It’s a long way to find peace of mind“, um wenig später zu erkennen: „Everybody’s losing someone … and I’m just waiting now for my time to come, I’m just waiting for peace to come.” Über den Titel des Albums kann man ja durchaus spekulieren – die Wortverwandtschaft zum Begriff des “Ghosting”, also des Nebeneinanderherlebens zweier Menschen, unfähig zu Kommunikation und Gefühlsregung. Cave ist mit seinem Sohn der Gegenüber dagegen jäh entrissen worden, da wo er reden, mitfühlen möchte, ist niemand mehr, nurmehr eine Erinnerung, ein Geist. Und wir sind Zeugen seines anhaltenden Leidens.



17.05.  Köln, Lanxess Arena
18.05.  Hamburg, Barclaycard Arena
27.05.  Berlin, Mercedes Benz Arena
01.06.  Wien, Stadthalle
06.06.  München, Olympiahalle
08.06.  Zürich, Hallenstadion

Spector: Keine Zeit zu warten [Update]

Eine überraschende musikalische Zwischenmeldung kommt heute von der Londoner Kapelle Spector. Im März vergangenen Jahres hatten wir an dieser Stelle auf ihre EP "Ex-Directory" hingewiesen und die Single "Fine Not Fine" gepriesen, nun gibt es mit "I Won't Wait" einen Song, der die Erinnerungen an Joy Division und New Order definitiv nicht nur eben wachhält, sondern sogar befeuert. Es geht um all die Mühen und Aufwände, die wir betreiben, um Beziehungen und Freundschaften zu bewahren, so Sänger Fred Macpherson. Es soll dieses Jahr noch mehr kommen - klingt es so, ist das eine gute Nachricht.

Update: Das war also keine leere Versprechung - hier kommt ein weiterer Song und "Half Life" kann mit der ersten Single locker mithalten, gut so ... Gleiches gilt für den neuesten Streich "Simplicity".





Donnerstag, 17. Oktober 2019

Missy Elliott: Fortschreitende Legendenbildung

Noch so ein Thema, das keinen Streit lohnt: Über die Rolle von Missy Elliot gibt es nämlich keine zwei Meinungen, dass sie als Icon gefeiert wird (wie kürzlich bei dem MTV VMA, siehe unten), ist nur gerechtfertigt und es gibt wohl kaum etwas, was man sich in Sachen female Hip-Hop so sehr wünscht wie ein neues Album von ihr. Im August ist zumindest ihre letzte EP mit dem Titel "Iconology" erschienen, deren erste Single "Throw It Back" schon mit einem Video versehen wurde. Heute nun wird für den Track "DripDemeanor" nachgezogen, der Clip dazu stammt von Derek Blanks, die musikalische Unterstützung wiederum liefert Sum1.





Idles: Live is what you make it

Über die Live-Qualitäten der Idles, unserer bevorzugten Punk-Truppe aus Bristol, müssen wir an dieser Stelle nicht neuerdings aufklären, ausreichend oft war das hier Thema. Dass es in diesem Jahr mit dem Mercury Prize trotz Nominierung nicht ganz geklappt hat, ist nicht weiter schlimm, denn die Jungs haben vor Ort trotzdem eine 1-A-Performance gemeinsam mit Slowthai hingelegt und der Briefkopf dürfte nach zwei formidablen Alben ohnehin schon gut gefüllt sein. Getreu dem Motto "Give them what they wanna" legen die Herren jetzt aber doch noch einen drauf und präsentieren am 6. Dezember via Partisan Records und pünktlich zum Vorweihnachtsgeschäft das Live-Doppel-Vinyl "A Beautiful Thing" von ihrem Auftritt im Pariser Club Le Bataclan. Neunzehn Stücke werden auf dem Tonträger, den es natürlich auch digital gibt, enthalten sein - das Tracklisting findet man u.a. auf der Seite des Labels, hier schon mal ein Videomitschnitt von "Mother" zum Appetit holen.

GURU: Einfach loslaufen

Von Bristol nach Brighton sind es mit dem Auto gute drei Stunden Fahrt, rein soundtechnisch liegen sie offenbar nicht ganz so weit auseinander. Denn aus der Stadt am Ärmelkanal meldet sich gerade wieder das Quartett GURU und die wissen ebenfalls, wie man ordentlich losbrettert. Haben sie schon im Frühjahr mit einer Reihe feiner Songs bewiesen, tun sie jetzt erneut mit ihrer Double-Single "Don't Talk/LTD", die wir hier gern teilen wollen. Zur A-Seite gab Sänger Tommy Cherrill folgende Erklärtung: "'Don’t Talk' handelt vom Lernen. Aus Situationen lernen, von Anderen lernen, lernen, nicht wie Andere zu sein und anschließend nicht die gleichen Fehler wie diese zu machen. Es ist ein Schrei der Frustration, von dem ich mir wünschte, ich hätte ihn schon früher gemacht. Aber ich hatte nicht die Worte dazu. Mit den jetzigen bin ich zwar noch immer nicht ganz zufrieden, aber schließlich muß man laufen, bevor man rennen kann, oder?"

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Pixies: Der Widerspenstigen Krönung

Pixies
Support: Blood Red Shoes
Tonhalle, München, 15. Oktober 2019

Das war schon vor dreißig Jahren so und ist auch heute noch frappierend: So klein der Mann, hier und da ein Jahresring mehr auf den Hüften, das Haar mittlerweile ein wenig grau und schütter. Man würde Charles Thompson aka. Frank Black, den hauptamtlichen Gruppenleiter der Pixies, eher am Infoschalter eines Baumarktes verorten (und auch da höchstwahrscheinlich übersehen) – Allerweltsgesicht, auf den ersten Blick keinen Marotten, Attitüden, der macht nichts von sich her. Und doch ist es eben dieser unscheinbare Typ, der den Kindern der Achtziger und allen Nachgeborenen ein beachtliches Arsenal an Sehnsuchtssongs in den Soundtrack des Lebens geschrieben hat, ihnen mit seinen spinnerten Geschichten, den dahingeschredderten Riffs und dem eigenwilligen Gesang, mal der wilde Schreihals, mal der geschmeidige Verführer, als Erlöser galt. Von „three chords and the truth“ war seine Band, waren seine Stücke weit entfernt, zu weird, zu dicht, krass, wandelbar. Auch er selbst taugte, so wissen wir nach Jahren, nicht zum Heiland, war/ist Zeit seines Schaffens als Diktator eine feste Größe. Ein Sturkopf. Ein Unverbesserlicher. Und doch: Ein Genie.

Dass viele Menschen ähnlich empfinden, konnte man in der vollgepackten Münchner Tonhalle an den beseelten Gesichtern und verzückten Bewegungen ablesen. Manch einer wußte gar nicht wohin mit sich – Ein Bier? Geht immer! Handyfilmchen: Unbedingt! Mitgetanzt: Aber klar doch! – selbst wer nur dastand, kam mächtig ins Schwitzen. Gelegenheit zur Erinnerung (und das ist ja beim Gastspiel der eigenen Ikonen eher der Pflichtteil) gab es ausreichend, satte zwei Stunden plus Expresszugabe, mehr als fünfunddreißig Songs aus drei Jahrzehnten. Selbst als vermeintlicher Auskenner ist man jedes Mal auf’s Neue überrascht, wie viel Material sich in dieser Zeit doch angesammelt hat. Knapp die Hälfte natürlich vom unschlagbaren Trio „Doolittle“, „Surfer Rosa“ und „Come On Pilgrim“ – davon wiederum die Klassiker „Monkey Gone To Heaven“, „Where Is My Mind“ und „Here Comes Your Man“ als Peak der Fieberkurve.



Natürlich gilt auch bei den Altstars die Regel: Ein Konzert ist so gut oder schlecht wie die aktuelle Platte. Und da müssen sich die widerborstigen Elfen nichts vorwerfen lassen, denn „Beneath The Eyrie“ hält vieles bereit, vom schiefen Riffrock, High-Noon-Country, Musical-Stuff und melancholischem Surferdrama ist alles dabei, Stücke, die sich gar nicht so schlecht machen zum Runterkommen, Durchschnaufen und ja: Hinhören. Die Bandbreite, welche die Pixies hier bespielen, ist nicht immer des eingeschworenen Anhangs Sache, zeigt aber, dass Black und seine Kapelle noch Mut und Lust zu gleichen Teilen haben. Überhaupt: Die Kapelle. Weniger im Vordergrund Drummer Lovering und Neubesetzung Lenchantin, aber was Joey Santiago an der Gitarre abliefert, ist mit dem Wort „einzigartig“ fast ungenügend umschrieben: Ohne die markanten, messerscharfen Akkorde dieses begnadeten Leadgitarristen wäre der Wiedererkennungseffekt des Bandkanons zweifellos dahin – entsprechend durfte er sich von der begeisterten Menge feiern lassen. Am Ende fehlte zu perfekten Set (wie erwartet) ein einziger Song – aber was soll’s, sie waren auch so gigantisch.

Peggy Sue: Kurskorrektur

Ein neues Album, so hören wir, wird es bald vom Londoner Duo Peggy Sue geben. Obwohl, eigentlich sind ja bei Facebook nicht nur Rosa Bowler Slade und Katy Beth Young erwähnt, sondern auch die beiden Herren Benjamin Gregory bzw. Dan Blackett. Bis zur nächsten Eintragung werden wir wohl herausgefunden haben, was es mit dieser Unschärfe auf sich hat, vorerst begnügen wir uns erst mal mit der neuen Single "Motorcade", einem ziemlich hitverdächtigen Stück Garagenrock, das Album dazu wird "Vices" heißen. Und wer gerade beim Begriff "Garage" ungläubig gestutzt hat - jawohl, es steht eine Kurskorrektur im Vergleich zur letzten Platte "Choir Of Echoes" an, die vermutlich mehr als deutlich ausgefallen ist. Gut so!



Slaves: Doppelbegabung [Update]

Die beiden Jungs bleiben zunächst beim vollen Körpereinsatz: Die Slaves hatten im vergangenen Jahr mit "Acts Of Fear And Love" ein wirklich wunderbares, lautes Album am Start, die Singles waren allesamt Killer und auch live wußten Isaac Holman und Laurie Vincent mehr als zu überzeugen. Lockerlassen ist trotzdem nicht angesagt. Denn heute haben sie ihre neue 4-Track-EP "The Velvet Ditch" veröffentlicht und wer sich die Single "One More Day Won't Hurt" anhört, denkt eher an Metal als Punk. Den gibt's dann in ansprechender Geschwindigkeit bei "It Makes Me Sick", bevor die Systeme auf Abkühlung gefahren werden und zwei erstaunlich ruhige Songs folgen. Die Überraschung jedenfalls ist ihnen mit der 12" gelungen.

Update: Sie bleiben also für eine Überraschung gut, auch visuell. Hier kommt das Video zur Single. 



The Murder Capital: Der Ernst der Jugend [Update]

The Murder Capital
„When I Have Fears“
(Rykodisc)

Es sind tatsächlich andere Zeiten. Wir kennen ja durchaus Jahre, da war kein Mangel an jungen, aufstrebenden Gitarrenbands, da gaben sich die talentiertesten unter ihnen wöchentlich mit Verve die Klinke in die Hand, viele teilten sich ein „The“ im Namen und machten gleich einen Trend daraus – lang ist’s her. Heute dagegen ist die Spitze nicht breit, sondern eher dünn, übersichtlich besetzt, haben Pop und Rap den Indierock in Sachen Novitäten längstens überholt und wegen des Mangels ist die Freude jedes Mal um so größer, findet sich doch ein würdiger Vertreter, der dem oft totgesagten Genre ein wenig Hoffnung gibt und Glanz verleiht. Dass die Iren diesen Kampf ganz vorn mit ausfechten, ist ansich keine so große Überraschung (sind sie doch seit jeher eine Nation von Musikverrückten in des Wortes bestem Sinne), erstaunlich ist aber schon, dass mit den Silverbacks, den Fontaines D.C. und eben jener fünfköpfigen Post-Punk-Formation The Murder Capital gleich drei Bands aus Dublin mitmischen.

Ebenso bezeichnend ist es, dass sich James McGovern und Kollegen ganz in der Tradition ihrer (gar nicht so alten) Urahnen zu bewegen scheinen, ihre Songs sind so leidenschaftlich, melodieverliebt, zuweilen auch ein wenig pathetisch und schwermütig, wie man es wohl nur an der rauen Ostküste ihres Heimatlandes zuwege bringen kann. Man weiß nicht so recht, wie es die Jungen in Dublin mit einem Mann wie Paul David Hewson so halten, den Spötter, Neider und sonst alle anderen unter dem Namen Bono kennen, berufen haben sich The Murder Capital ja eher auf die britischen Joy Division denn auf U2. Naheliegend, klar. Aber es gibt eben durchaus Momente auf „When I Have Fears“, in denen man die frühen, die kraftvollen, die ungeschlachten Stücke der heute so öden Stadiontruppe durchhört, Sachen wie „40“, „Out Of Control“, „Stories For Boys“ oder auch das wunderbare „11 O’Clock Tick Tock“. Mag sein, dass solche Vergleiche heutzutage an Rufschädigung grenzen, als Kompliment sind sie dennoch gemeint.



Anders als die Fontaines D.C., deren Erstling um einiges aufgeräumter, hitorientierter geraten ist, lassen The Murder Capital düsteren Stimmungen deutlich mehr Raum und man merkt, dass sich Produzent Mark Ellis aka. Flood und die fünf ernsten Burschen nicht ohne Grund verabredet haben, schließlich hatte der auch schon Nick Cave, PJ Harvey, Warpaint und die Smashing Pumpkins im Studio (und ganz nebenbei eben auch U2, sorry). Ellis mag tiefe, raumgreifende Texturen, satten Sound und so böllern die Iren mit „For Everything“, „More Is Less“ (Update: Jetzt mit Video) und „Green And Blue“ auch gleich gewaltig los. Sie tun das, nicht ohne danach die Bässe dunkel zittern zu lassen, nehmen sich ebensoviel Zeit und Anlauf für getragene, ausladende Klangmalereien. Es geht hier dreierlei – die Roughness ihrer Vorabsingle „Feeling Fades“ mit Bad-Seeds-Referenzen, der herrliche Drive von „Don’t Cling To Life“ und das grabestiefe Gemurmel bei „How The Streets Adore Me Now“.



Den Titel des Albums, das möchte man dann doch noch erwähnen, hat McGovern im Übrigen einem Sonett des englischen Romantikers John Keats entlehnt. Betonen muß man das deshalb, weil es dem Vorurteil widerspricht, die Jugend von heute hätte mit klassischer Literatur, Lyrik gar, so überhaupt nichts mehr zu schaffen und kümmere sich lieber um Bequemlichkeit und Ablenkung in medialen Filterblasen. „Befällt mich Angst“ heißt der übersetzte Text des Dichters und enthält so wunderbare Zeilen wie diese: „Und wenn ich spüre, liebliche Gestalt, dass nimmermehr mein Auge dich umfasst, ich nie mehr koste holdeste Gewalt einsamster Liebe – steh ich, stiller Gast, am Strand der Welt allein und grüble lang, bis Ruhm und Liebe in ein Nichts versank.“ Das Wissen um diese Zeilen klingt ebenso schön nach wie die ganze Platte selbst, ein überaus gelungenes, wenngleich seltenes Beispiel dafür, dass es um den Rock nicht ganz so hoffnungslos bestellt ist wie befürchtet.

12.11.  Hamburg, Molotow
13.11.  Berlin, Musik und Frieden
14.11.  Köln, Artheater
24.01.  Wien, Chelsea
25.01.  München, Strom
03.02.  Berlin, Musik und Frieden
04.02.  Münster, Gleis 22

Dienstag, 15. Oktober 2019

Little Simz: Botschafterin gefunden

Little Simz
Support: April And Vista
Ampere, München, 14. Oktober 2019

Warum man gleich so viele Bilder anderer Künstlerinnen vor dem inneren Auge hat, wenn man Simbiatu Ajikawo alias Little Simz auf der Bühne sieht? Nun, es könnte an der auffälligen Frisur, dem drained bun, liegen, der so ähnlich auch schon den Kopf von Nina Simone oder Erykah Badu geziert hat. Oder an ihrer Gestik, den vielen unterschiedlichen Gesichtern, mit denen sie das Publikum in ausverkauftem Haus dirigiert – ob sie nun liebevoll Herzen oder derbe Ficks verteilt, ob sie einen unter gespenstischer Beleuchtung fröstlern läßt oder mit leidenschaftlichem Gesang die Seele anrührt, es stecken viele Frauen und ganz viel Geschichte in ihr. Und all das muss an einem Abend wie diesem nach draußen. Weit offensiver als die männlichen Kollegen ihres Fachs repräsentieren Stars wie Little Simz immer auch bewußt Hautfarbe, Herkunft, Identität, Geschlecht, das ist nicht einfach ein Rollenspiel, das ist ihr Leben, ihr Selbstverständnis, ihre Verpflichtung.



Die streitbare Frau aus dem Londoner Statdtteil Islington schaffte es in diesem Jahr für den renommierten Mercury Prize auf die Shortlist und weil Grime momentan das Ding der Stunde ist, hat dann – nun, doch Dave Santan gewonnen. Auch ein würdiger Sieger, ohne Zweifel, aber einer, der es in punkto Vielfalt und Wandlungsfähigkeit schwerlich mit Little Simz, ihrem neuen, grandiosen Album „Grey Area“ und vor allem ihrer Livepräsenz aufnehmen kann. Denn da oben steht eben nicht nur die wilde, zornige Rapperin mit den Maschinengewehr-Reimen und mächtig viel Wut im Bauch, sondern auch die geschmeidige Tänzerin, die hintergründig lächelnde Erzählerin, die Episoden ihres rasanten Aufstiegs als eine Art Spoken-Word-Performance zum Besten gibt. Neben den harten Beats gibt es zarte Pianoklänge, wird aus der extrovertierten Sängerin im Handumdrehen die in sich gekehrte Gitarristin.



Es sind hauptsächlich Sachen von der aktuellen Scheibe, die gemeinsam mit den beiden Begleitmusikern zur Aufführung gebracht werden, einzig das böse „God Bless Mary“ vom Debüt aus dem Jahr 2015 und „Bad To The Bone“ sind älteren Datums. Und mit dabei eben auch so wunderbar soulige Nummern wie „Sherbet Sunset“ und „Flowers“ (ursprünglich mit Unterstützung von Michael Kinwanuka) und natürlich „Selfish“, die funky Hymne auf Eigenständigkeit, Selbstbehauptung, Stolz und innere Kraft, mit der sie alle die Vorsichtigen, Zögerlichen und allzu devoten bewußt vor den Kopf stößt. Die Zeit, so sagt ihr Auftreten, so lautet ihre Message, wo Afroamerikaner, wo Frauen ihr Ego hintenanstellen, verstecken mussten, ist längst vorbei und das mit Grime ein Stil aus den tristen Suburbs, den Elendsvierteln der Großstädte diese Botschaft transportiert, gemacht von den Außenseitern und Benachteiligten der Gesellschaft, ist ein starkes Zeichen. Little Simz hat das Zeug zur Botschafterin der Bewegung.


On Video: Laute Jungs [Update]

Den Rundumschlag am Sonntag beginnen wir wie so oft in London. Aus dem Osten der Metropole stammt die Vier-Mann-Kombo On Video. Okay, reden wir erst mal nicht von Männern, sondern von Jungs als da wären Hassan Anderson (Gesang/Gitarre), George Williams (Bass), Neil Goody (Gitarre) und Yuli Levtov (Drums). Vor ein paar Wochen kam ihre Debütsingle "Ghee" heraus, nun schicken sie "Past Tense" hinterher - beide Songs stammen von ihrer ersten 12" namens "Clap Trap", die im Laufe des Jahres bei AWAL/Rex River Bay erscheinen soll.

Update: Das Brautpaar im Infight, der Priester als Ringrichter - so manche Ehe würde besser laufen, wenn zuvor ein paar Dinge auf diese Art geklärt wären. Die neue Single "Adversary" mit Prügelclip ... Und ganz frisch die neue Single "Clap Trap".





Montag, 14. Oktober 2019

Kim Gordon: Schlußpunkt und Aufbruch

Kim Gordon
„No Home Record“
(Matador)

Beweisen muß diese Frau eigentlich niemandem mehr etwas. Gut, anders als in ihrem Heimatland wird Kim Gordon in Europa und hierzulande noch immer hauptsächlich über ihre frühere Band Sonic Youth wahrgenommen, sie war dort bis zum Split im Jahre 2011 als Sängerin, Songschreiberin und Bassistin mehr als eine feste Größe. Wer ihre Memoiren „Girl In A Band“ gelesen hat, weiß aber nicht nur um die Trennungsgründe und aufreibenden Schwierigkeiten, die zu großen Teilen im Privaten lagen, sondern ahnte auch bald, dass Gordon ihre Kreativität in einem solch festgefügten, hierarchischen (und auch sehr patriarchalischen) Ensemble bei weitem nicht ausgeschöpft sah. Und dies nicht erst zu dem Zeitpunkt, als die Band zu Bruch ging. Spätestens dann aber wurde der Abnabelungsprozeß überdeutlich: Mode, Malerei, Film und immer wieder Musik – die gebürtige New Yorkerin zog es zurück nach Los Angeles, an den Ursprungsort ihrer künstlerischen Emanzipation, und setzte von dort ein Ausrufezeichen nach dem anderen, jedes als bewußter Bruch mit der öffentlichen Wahrnehmung als Ex-Bandgirl zu verstehen.



Insofern muß auch dieses Soloalbum einmal mehr als logische Konsequenz ihrer Vita, die immer auch ein Kampf um die eigene Freiheit war, begriffen werden – und zwar sowohl im Hinblick auf das „wie“ als auch das „warum“. Denn natürlich hatte Gordon sich schon in verschiedenen Kombination an ihrer hauptsächlichen Berufung, der kunstvoll übersteuerten Noiseattacke, abgearbeitet – Bill Nace (Body/Head), Peaches, J Mascis, Steve Gunn, Stephen Malkmus oder Alex Knost (Glitterbust), um nur ein paar von der nicht eben kurzen Liste zu nennen. Starke, bemerkenswerte und teils sehr innovative Sachen das alles, nur eben alles unter dem Topic „Kim Gordon und …“ vermerkt. Deshalb wohl brauchte es endlich ein eigenständiges, ein eigenverantwortliches Werk. Ein Solo. Und zwar eines, das mit Vorangegangenem nicht verwechselt werden kann und dennoch mit seiner Schöpferin nicht fremdelt.



„No Home Record“, entstanden mit dem Produzenten Justin Raisen, muß sich in dieser Hinsicht nichts vorwerfen lassen. Es ist spannendes, experimentelles und durchaus mutiges Werk geworden, das zwar Bezug zu Gordons Vergangenenheit nimmt (wie könnte es auch anders sein) und doch in Sachen Sound zu überraschen weiß. Der überwiegende Teil der neun Stücke fußt auf elektronischen Klangmustern, verschränkt synthetische Melodien, Loops und Drumparts mit analogem Feedback, variiert, verschleppt gekonnt die Tempi und erzeugt so eine unglaublich dichte Kulisse, über die Gordon dann ihren brüchigen Sprechgesang legt. Der Krach kommt also aus der Dose, das paßt in die Zeit und ist zudem gut gemacht. Schon der Opener „Sketch Artist“ ist voller knirschender Störgeräusche, die auf’s Beste mit den befremdlich zuckenden Bildern des Videoclips von Loretta Fahrenholz zusammengehen.



Noch krasser, noch wirkungsvoller wird dieses Prinzip wenig später für das Doppel „Don’t Play It“ und “Cookie Butter“ ausgespielt – dumpf dröhnendes Technobiest das eine, lärmender Industrialgroove das andere. Wie sie in letzterem den stakkatoartigen Stichwort-Text vom Selbst zum Gegenüber verschiebt, sich erst eine Gitarrenspur und kurz darauf ein blecherner Marschrhythmus aus dem Konstrukt schälen, das ist schon bemerkenswert. Und steht in Kontrast zu Rocknummern wie „Air BnB“, der Vorabsingle „Murdered Out“ oder dem Gitarrenbrett „Hungry Baby“, den sie selbst bei den Stooges ansiedelt. Die auffälligste Annäherung an die Vergangenheit vielleicht im herrlich dahinwabernden „Earthquake“, begonnen als düstere Velvet-Underground-Reminiszenz, endend im dronigen Soundgewitter im Gedenken an – vielleicht. Ein toller Wurf jedenfalls. Schon nach der Lektüre ihres Buches war klar, dass es ein Zurück zu Sonic Youth nicht geben würde, dieses Album ist dafür die Bestätigung. Für Kim Gordon aber auch ein weiterer Aufbruch. https://www.kimaltheagordon.com/

Sonntag, 13. Oktober 2019

Therese Lithner: Abgesang

Und auch bei diesen zugegeben recht düsteren Tönen müssen wir nicht allzutief im Gedächtnis graben: Therese Lithner, geboren im Schwedische Umea, hat schon den Sommer des vergangenen Jahres mit einer selbstbetitelten, ziemlich dunklen EP versehen, nun bringt sie sich via Lazy Octopus Records mit einem Vorgriff auf eine weitere 12" namens "Prints" (VÖ 25. Oktober) in Erinnerung - dem Song "Our Summer". Der ist selbstredend Melancholie pur, dem Netzportal The Line Of Best Fit sagte sie, es handle sich hierbei um eine Art "herbstlichen Kontrapunkt", der sich eher mit dem Verlust des Sommergefühls befasse als mit der warmen Jahreszeit selbst. Nun, sie bleibt wohl der Schwermut erhalten.

Heavy Lungs: Selbstwertgefühl

Die Sonntagsrunde ist heute auch ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Da haben wir beispielsweise die Heavy Lungs aus Bristol, die wir vor einem Jahr wegen der Idles am Wegesrand aufgegabelt und schnell ins Herz geschlossen hatten - Stichwort "Danny Nedelko" vs. "Blood Brother", "Abstract Thoughts"-EP, deshalb. Nun haben die vier ihre neue EP "Measure" veröffentlicht, von den fünf neuen Stücken bringen wir hier den Song "Self Worth". Bandleader Nedelko gibt Folgendes dazu in den Linernotes zu Protokoll:

"'Measure' dreht sich um die unbestreitbare Bedeutung des Selbstwertgefühls. Durch die Beobachtung meiner selbst und der Menschen um mich herum im Laufe des vergangenen Jahres habe ich festgestellt, dass dies manchmal doch sehr vernachlässigt wird. Der Zweck dieser EP ist es, uns daran zu erinnern, uns selbst zu schätzen und uns somit in unserer Haut wohler zu fühlen, an uns selbst zu glauben. Unsere tatsächliche innere Stärke und Leistungsfähigkeit ist der eigenen Wahrnehmung davon meist weit überlegen."

23.10.  Berlin, Cassiopeia



EUT: Nachdrückliche Erinnerung

Die nächsten Bekannten sind EUT aus Amsterdam, die hier im Mai ebenfalls bei einer Sonntagsrunde aufgetaucht sind. Damals erwähnten wir mit einem Video-RoundUp ihr feines Debütalbum "Fool For The Vibes", mit dem sie in den nächsten Tagen durch Deutschland touren werden. Und aus diesem Anlass spendieren die fünf jetzt auch noch mal einen neuen Song mit dem Titel "It's Love (But It's Not Mine)", mit dabei wieder die wunderbare Stimme von Sängerin Megan de Clerk und eine ganz Menge geschmeidiger Gitarrenakkorde.

Bishop Briggs: Sensible Naturgewalt

Okay, die lustigen Knubbel rechts und links sind weg, überhaupt - der ganze Schädel geschoren, komplett, das kann wohl nicht anders als programmatisch nehmen: Bishop Briggs, also eigentlich Sarah Grace McLaughlin, die sich nach ihrem schottischen Geburtsort nahe Glasgow benannt hat, hat sich rein äußerlich eine Zäsur verordnet, nachdem ihr Debütalbum "Church Of Scars" im letzten Jahr doch für ziemlich viel Aufsehen gesorgt hatte. Abgesehen vom martialischen Erscheinungsbild hat es in Sachen Musik keine Änderung gegeben - warum auch, hatte sich ihr souliger Steampop doch ausgesprochen gut bewährt. Bislang erschienen sind vom angekündigten Nachfolger "Champion" der Titelsong und das Stück "Tattooed On My Heart". Die neue Single "Jekyll And Hide" (kein Rechtschreibfehler) meint im Übrigen nicht die Künstlerin selbst, sondern die Schwierigkeit, Leute zu daten, die zwei Gesichter, zwei unterschiedliche Wesenszüge haben. Im Online-Magazin CoS richtete sie übrigens aus, sie hoffe, ihren Fans gefalle die neue Single - wenn nicht, dann solle man das besser für sich behalten, sie wäre zu empfindlich, um die Ablehnung zu ertragen. Wer's glaubt...

12.12.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
13.12.  Berlin, Metropol Theater
15.12.  Köln, Die Kantine
16.12.  Zürich, Mascotte





Freitag, 11. Oktober 2019

DIIV: Back for best

DIIV
„Deceiver“

(Captured Tracks)

Mit jeder aktuellen Bewertung werden ja in der Regel auch die Erinnerungspreise vergeben – klingt wie das, gemahnt an jenes, es läßt sich eigentlich immer etwas finden, das die Zuordnung einfacher und dem Rezensenten die Arbeit leichter macht. Den entsprechenden Pokal in dieser Kategorie werden in diesem Jahr zweifellos die vier jungen Herren von DIIV zugesprochen bekommen. Weil sie an eine Epoche erinnern, bei der sie selbst noch gar nicht ans gemeinsame Musizieren dachten. Genaugenommen haben Zachary Cole Smith und Andrew Bailey ihre Formation (in wechselnden Besetzungen) erst 2011 ans Laufen gebracht, ganze zwanzig Jahre, nachdem beispielsweise ein gewisser Billy Corgan zusammen mit den Smashing Pumpkins das Debüt „Gish“ veröffentlichte, nach Alternative, nach Grunge und natürlich auch nach Shoegazing, zumindest, wenn wir von der Gründergeneration reden. Bei all diesen Stilrichtungen nämlich haben sich DIIV großzügig bedient und zwar so gekonnt, dass sie mit ihrem eigenen Erstling „Oshin“ und erst recht mit dem folgenden „Is The Is Are“ die Vorbilder fast vergessen ließen. Ganz nebenbei sah Cole auch eine Ecke besser aus als Corgan und sorgte so für reichlich gerötete Wangen und Ohnmachtsanfälle bei der weiblichen Anhängerschaft.



Lange ging das nicht gut, schon nach Veröffentlichung der ersten Platte kamen die ersten Drogen ins Spiel, später dann unschöne Szenen auf offener Bühne, Zankereien, Trennungen, die komplette Klaviatur jugendlicher Selbstüberschätzung, Verzweiflung, Absturz, last exit rehab. Dass die Band, im speziellen Cole, tatsächlich den Weg zurück fanden, grenzt da fast an ein Wunder, dem NME erzählte er gerade: “The big thing was that in all my exposure to recovery, I was looking for an easy solution and I found out there’s not one,” es war also mehr als harte Arbeit nötig. Eine, die sich gemessen am Ergebnis, mehr als gelohnt hat, denn das vorliegende Album ist, man möchte es kaum glauben, ihr bislang bestes geworden. Härter, kompromissloser, lauter, auch dunkler, voller Abgründe und trotzdem verdammt stimmig. Dass DIIV den Weg zurück als Vorband der amerikanischen Blackgazer Deafheaven schafften, hört man dem Werk ohne Weiteres an, dass mit Sonny Diperri jemand an den Reglern stand, der schon für My Bloody Valentine produzierte, war ebenfalls kein Fehler.



Die elf Songs sind verblüffend eingängig und trotzdem von griffiger Härte, die ersten beiden Singles „Skin Game“ – Coles Tagebuch des Kampfes mit den inneren Dämonen und Versuchungen – und „Taker“ ließen schon vorab Hervorragendes ahnen und spätestens als mit „Blankenship“ der erste richtige Hit nachgeschoben wurde, war klar, dass ihnen mit „Deceiver“ ein später Killer gelungen war. Die sorgsam im Studio aufgeschichteten Riffs dröhnen prächtig zwischen den einschmeichelnden Melodien und auch wenn der Vergleich mit „Gish“ oder „Mellon Collie …“ etwas hoch gegriffen scheint, so ist es doch eine beachtliche Nummer geworden. Der Schlußtrack „Acheron“, ganze sieben Krachminuten lang, zieht noch einmal alle verfügbaren Register, zu Zeilen wie „Hate the god, I don’t believe in, heaven’s just a part of hell“ schmirgeln die Saiten gar wunderbar, es bersten die Kuh- und die Trommelfelle zu gleichen Teilen. Ein unverhoffter, ein großer Wurf.

Bilderbuch: Für nichts zu schade

Bilderbuch, our favorite famous Lieblingsband aus Ibiz - äh, Österreich, sind ja um kein noch so albernes Fotoshooting verlegen, von Maurice Ernst gibt es dieses wunderbare Bild in den Schuhen (und Kleidern) einer Kaiserin, die Freiheitsstatue, na klar und dann noch dieses feuchte Sommerbild mit Regenwaldshirt - leiwand! Jetzt ist der Junge mit dem Automobil durch Dubai gebraust und hat dazu das neue Liedchen "Kitsch" geträllert, eine Schau. Angeblich hat sich auch Lindsay Lohan am Set blicken lassen (Traumcollabo!), der Song jedenfalls ist wie erwartet Spitzenklasse.

Gadaffi Gals: Kaum auszurechnen

Gaddafi Gals
„Temple“
(3-Headed Monster Posse)

Die Zeit der Eindeutigkeit ist längst vorbei, die schubladengerechte Sortierung, Etikettierung kaum mehr möglich. Das gilt für die Gesellschaft allgemein, wo links und rechts als verlässliche Standortkriterien mehr und mehr zu verschwinden bzw. zu verschwimmen scheinen (weil sich der Populismus überall gleichermaßen breitmacht und Linksfaschisten und Ökonationalisten wie selbstverständlich in gegnerischen Biotopen wildern. Das gilt für die Geschlechtertrennung, Stichwort Genderdebatte, LGBTQIA und natürlich auch für die Kunst, meint hier speziell die Musik. Wo früher der Rock eben nur Rock war und auch bei Metal, Rap oder Soul klare Grenzen gezogen wurden, werden heute alle erdenklichen Stilrichtungen nach Herzenslust miteinander vermischt. Das Nachsehen hat, wer die Scheuklappen nicht rechtzeitig vom Kopf bekommt – gut so. Je vielfältiger, facettenreicher es wird, um so mehr hakt es naturgemäß bei der Umschreibung, man braucht ein paar Vokabeln mehr, um eine Vorstellung zu vermitteln resp. zu bekommen, was genau einen hier erwartet.

Für die Gaddafi Gals beispielsweise schickt das Label folgende ins Rennen: divers, queer, migrantisch, antipatriarchal, esoterisch, futuristisch, soft, hybrid, internetaffin und global, eine jede ist man breit zu glauben, eine jede davon kann man unterstreichen und mindestens die gleiche Menge zusätzlicher fügt jede*r hinzu, der die erste EP „The Death Of Papi“ und nun das fabelhafte Albumdebüt „Temple“ hört und mag. Eine Wundertüte an Querverweisen: Der Eingang in den Tempel erfolgt durch eine der 36 Kammern des Wu-Tang, schlierige Loops, tonnenschwere Beats, garstige Rhymes, in der Folge richten Portishead, Massive Attack, FKA twigs das Koordinatensystem immer wieder neu aus, RnB, Jazz, all das klingt an und noch viel mehr. blaqtea (alias Ebow), slimgirl fat (ehemals Nalan381) und walter p99 arke$tra vermeiden also den eindimensionalen Bezug



Und verwahren sich ebenso strikt der politischen Vereinnahmung, so jedenfalls war es in einem Gespräch mit „Das Wetter“ zu lesen. Natürlich hat jede*r von ihnen eine klare, eigene Meinung, die er oder sie aber nicht wie eine Monstranz in den Songs vor sich hertragen möchte. Der Fokus liegt, musikalisch wie auch textlich klar im Assoziativen, zu Sätzen wie „Be my applepie until the day I die“ und wiegenden Hüften im „Temple Of Love“ darf man sich selbst ein passendes Bild machen. Ebenso geheimnisvoll und ungefähr bleibt es in den Videoclips der drei, „Skimask“ und „Mitsubishi“, Masken und Posen hier, entspanntes Cruisen dort, kein Ferrari, kein Maserati, nonono – „that’s us“. Soweit, so unklar. Selbst bei Themen Mysoginie und Homophobie gibt es keine plakativen Statements, der „Papi“ soll sterben, endgültig, aber wer oder was ins Gras beißen muß, bleibt offen. Schwer auszurechnen, schwer einzuordnen wollen sie sein, das hält die Spannung und macht sie mithin zu einem der interessantesten Acts dieses Jahres.

28.10.  Wien, Das Werk
02.11.  München, Folks! Club
03.11.  Stuttgart, Schräglage
04.11.  Köln, Yuka
05.11.  Leipzig, Institut für Zukunft
07.11.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
08.11.  Berlin, Badehaus 

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Public Practice: Keine Angst vorm Tanzen

Dass wir uns hier mitten in den wohlbekannten und geliebten Achtzigern bewegen, ist ziemlich schnell klar: Public Practice kommen mitten aus der City von New York und spielen einen Post-Punk, der keine Angst hat vor wippenden, funkigen Grooves. Hört man sich die Single "Disposable" an, entdeckt man zunächst dunkle Drums und amtlich verzerrte Stromgitarren, bei der Rückseite "Extra-Ordinary" wird aber schnell klar, dass Sam York (Vocals), Vince McCelland (Gitarre), Drew Citron (Bass/Synth/Vocals) und Scott Rosenthal (Drums) auch Spaß haben wollen, denn das hier tanzt und hüpft ordentlich. Derzeit, so sagt ihr Label Wharf Cat Records, basteln sie in Brooklyn am Debütalbum, das der EP "Distance Is A Mirror" (2018) nachfolgen soll.



Diving Station: Bienen und Harfen

Ganz ehrlich - Bands, die eine Harfe zu ihren Instrumenten zählen und noch dazu über Honigbienen singen, die würde man sonst geflissentlich weiterskippen. Bei Diving Station aus Manchester könnte es sein, dass man dies bereut. Denn wer den flirrenden Gitarrensound des Quartetts und die zauberhafte Stimme von Leadsängerin Anna McLuckie (die spielt auch Clàrsach, was eben eine keltische Harfe ist) einmal gehört hat, möchte so schnell nicht mehr davon lassen. Zwei EP sind von den vieren bislang erschienen, mit "Alice" haben sie 2017 debütiert und dann im Folgejahr "Feather Mouth" nachgeschoben. Nun also "Honey Bees", ein Song, der von der indisch-kanadischen Schriftstellerin Rupi Kaur und ihrem Buch "Milk And Honey" inspiriert ist - gleiches gilt für den Chorus: "She was a rose in the hands of those, who had no intention of keeping her". Dazu gibt es hier noch die etwas ältere Single "Film".

The Wha: Geradewegs in die Hölle [Update]

Naja, das mit der Hölle könnte schneller passieren als gedacht. "Don't wanna go to heaven, I'll go to hell instead", mit diesen Worten endet "Innocents", der Song der irischen Band The Wha und dieser Text zusammen mit dem Photo oben dürfte im erzkonservativen Irland Eintrittskarte genug sein. Dennoch sieht es nicht so aus, als würden sich Finn Cusack, Sam Cullen, Marek The Lech und Abe G Harris einen Teufel darum scheren, was wer an diesem Stück auszusetzen hat. Die Schulfreunde aus dem Städtchen Kilkenny machen schließlich Rock'n Roll und da gehören rotzige Attitüde und Rebellion mit dazu. Und die katholische Kirche hat nun mal wegen der skandalösen Mißbrauchsvorwürfe keinen so sauberen Ruf im Moment, warum also übervorsichtig sein? Die erste Single der Band jedenfalls ist gerade bei Chess Club erschienen, sie werden einige größere Gigs spielen und man wird sehen, wie weit sie's wohl bringen.

Update: Und weil zu jeder A- auch eine B-Seite gehört, kommt hier "40 Odd Years".



DJ Shadow: Full package [Update]

Ursprünglich hatten wir ja "nur" einen einzigen Song, den wir nicht genau zuzuordnen wußten, das ist mittlerweile anders: Im Juli noch jubelten wir über die Kollaboration "Rocket Fuel" von DJ Shadow und De La Soul, nun ist die Komplettprogramm bekannt - am 15. November nämlich soll ein Doppelalbum mit dem Titel "Our Pathetic Age" von dem kalifornischen Soundwizzard erscheinen, eine Hälfte mit Instrumentals, die andere mit Gastkünstlern vollgepackt. Und neben den Hip-Hop-Legenden finden sich dort noch Paul Banks (Interpol), Run The Jewels, Nas und Samuel T. Herring von den Future Islands. Hier mit "Rosie" ein erster Leckerbissen aus dem ersten Teil.

Update: Und hier kommt auch schon der nächste Track zum Vorhören, “Urgent, Important, Please Read” (Feat. Rockwell Knuckles, Tef Poe, & Daemon) frisch aus der Dose.



Mittwoch, 9. Oktober 2019

Poliça: Bedingt leidensfähig

"Ohne Leiden keine Kunst" - man hört den Spruch ja in dieser oder jener Form häufig und mag ihn dennoch nicht so recht glauben. Künstler sehen das naturgemäß etwas anders, ob allerdings Channy Leaneagh heute so einfach unterschreiben würde, darf bezweifelt werden. Der charismatischen Frontfrau der amerikanischen Band Poliça nämlich ist dieses Leiden wortwörtlich in die Quere gekommen, 2018 stürzte sie im Winter vom Dach ihres Hauses und zog sich bei diesem Unfall eine ziemlich schmerzhafte und langwierige Verletzung der Wirbelsäule zu. Die Genesung forderte ein Höchstmaß an Geduld und so hatte sie genügend Zeit, den Sinn des Lebens hin- und herzuwenden. Auf Betreiben ihres Arztes gehörte diese psychische Exkursion sogar mit zum Heilungsprozess dazu, in den Linernotes zur neuen Platte "When We Stay Alive", die am 31. Januar 2020 bei Memphis Industries erscheinen soll, liest sich das wie folgt:

“Laying in bed, as I healed from a 10 foot fall of carelessness with my life, I would dream of running in green grass and tears would pour from my eyes. “Running in the tall tear grass; imagine wanting life and the want remains.” That is a feeling to hold onto; that life is worth living even when all the towers are crumbling and this goes beyond my own little accident but the world around me. Following the crone into the sinking ship and having the chance to return without a shadow. Drive on, Drive on. A second chance you won’t forget”.

Diese Ausführungen beziehen sich natürlich auch auf die erste Singleauskopplung "Driving", die wir hier mit einem Video von Isaac Gale verlinken - sanft angetriebener Synthpop, sehr eingängig, die Stimme bestechend zart wie eh und je. Zum Nachfolger der letzten Veröffentlichungen "Shulamith" (2013) und "United Crushers" (2016), beide so persönlich wie politisch, wird es im Übrigen auch eine kleine Clubtour durch Deutschland geben.

16.02.  Frankfurt, Zoom
18.02.  Köln, Artheater
19.02.  Hamburg, Grünspan
25.02.  Berlin, Columbia
29.02.  München, Hansa 39



Dienstag, 8. Oktober 2019

Seeed: Aus eigener Kraft mit neuem Dreh

Seeed
„Bam Bam“

(BMG/Warner)

Ganz so easy, ganz so simpel wird es nicht gegangen sein, wie uns das der gute Pierre Baigorry alias Peter Fox gern glauben machen will: „Die Sonne kommt, es geht von vorne los – einfach so“ heißt es in den ersten Zeilen von „Ticket“, dem Opener und Mutmacher des Neulings. Es ist ja nach der letzten Platte plötzlich ziemlich still um die Berliner Dancehall-Kolchose geworden, totenstill muß man leider sagen, denn im Mai vergangenen Jahres starb überraschend mit Demba Nabé eines der tonangebenden Gründungsmitglieder von Seeed und danach war erst mal Schicht. Zunächst wurde gecancelt, dann verschoben, der Rest der Mannschaft entschied sich nach längerem Ringen für’s Weitermachen. Aus heutiger Sicht eine gute Entscheidung. Denn sie hätten sonst mit einem Album („Seeed“, 2012) aufgehört, das aus kommerzieller Sicht zwar ihr erfolgreichstes, aus künstlerischer allerdings das schwächste geworden war – trotz voller Mannschaft schien die Luft raus, mehr als ein „Augenbling“ an Spannung und Inspiration war kaum zu bekommen. Das Erstaunliche ist, dass es nun nicht irgendwie weitergeht, weil es, wie man so platt sagt, eben muss. Sondern mit voller Kraft und neuen Ideen.



Und die holen sie sich auch, neuer Dreh, per Input von außen. Ganz wie die Schwestern und Brüder vom Hip-Hop wurde die Gästeliste ordentlich vollgepackt: Collabo-King Trettmann darf mit Fox gemeinsam die ewige und unbedingte Liebe beschwören („Immer bei dir“), Salsa 359 feiern standesgemäß mit ein paar Schlückchen Courvoisier und weil die Herren von Deichkind beim Sex immer gern das Licht anlassen, gibt’s von Nura (SXTN) hintendrein gleich ordentlich eine vor die Plautze („Sie ist geladen“). Alles in allem herrlich unkorrekt die ganze Party, Booties, Teile, Dinger, Kisten, man kennt es ja nicht anders und Anstoß muss man trotzdem keinen finden – sie lieben das Leben und preisen die Körper. War noch nie anders. Etwas Lobpreis geht allerdings auch an das money, auch wenn Seeed natürlich wissen, dass sich damit love nicht kaufen lässt. Zeitgleich mit Ernst-Wilhelm Händler (haha, Feullietonisten-Idee!) spricht hier der Mammon mit dem User: „Hab keine Angst vor mir!“



„Geld“ gehört zur Reihe der Tracks, die ohne fremde Hilfe auskommen und genauso gut funktionieren, die den Biss und den Riddim haben und kräftig Staub aufwirbeln. „Lass sie gehn“ ist die große, lässige Abschiedsrede mit den ganz fetten Vibes, „Komm in mein Haus“ dann das, was wohl am Ehesten als politisches Statement verstanden werden kann, als Aufruf, sich zu entscheiden („Geb' ich die Hand, heb' ich die Faust, geb' ich alles oder auf, ewiger Rausch und Medizin, steh' ich auf oder bleibe liegen?“). Jammern ist bei dem wiedererstarkten Tanzkollektiv mit den drei „e“ und dem dicken „B“ nicht zu haben, den einzigen Emotionsschub gibt es nicht in „No More Drama“ (klar), den haben sie sich für das Ende aufgehoben. Dort schwelgen dann gnadenlos die Streicher und das Piano um die Wette, „What A Day“ als aufwühlender Tearjerker aus der Feder vom verblichenen Demba Nabé. Passt. Man kann jetzt nach der langen Pause viel reinreden und rauslesen, Seeed gar wie die SZ mit dem wahlweise geliebten oder verhassten FC Bayern vergleichen, nun denn. Man kann „Bam Bam“ aber auch einfach mal so stehen (oder schwingen) lassen. Für den Moment, und für die Vorfreude auf Kommendes.

Russian Baths: Ungewöhnliche Methoden [Update]

Schon im vergangenen Jahr war die Formation aus Brooklyn mit dem eigenwilligen Namen, der bei der Google-Suche durchaus zu Missverständnissen führen kann, hier präsent, damals erschien von Russian Baths bei Good Eye Records die EP "Penance", gefüllt mit ordentlich krachigen Songs ziemlich dunkler Prägung. Auch Monate später scheint sich an dieser Grundausrichtung nicht viel geändert zu haben, die aktuelle Single "Parasite", die ein Vorbote des künftigen Debütalbums sein soll, scheppert ebenfalls gewaltig und soll, so Sänger Luke Koz, von dem Verlangen handeln, einen rumordenden Schädel mittels Ertränken oder gleich der Verwendung einer Handgranate zu "kurieren". Eigenwillige Methode, müssen wir uns Sorgen machen?

Update: Von den New Yorkern gibt es nun die Ankündigung eines Debüt-Albums, heißen wird es "Deepfake" und erscheinen soll es am 8. November bei Good Eye Records. Der bislang geteilten Single "Parasite" stellen wir hier noch den nicht ganz so alten Song "Tracks" und das aktuelle Stück "Responder" zur Seite.

Nilüfer Yanya: Realness gesucht [Update]

Nilüfer Yanya
„Miss Universe“
(PIAS)

Der Beginn: Befremdlich. Eine künstliche Stimme – Alexa, Siri, whatever – bedankt sich für das Interesse, begrüßt die Teilnahme, die gleichbedeutend ist mit der Übergabe persönlicher Daten und stellt eine Verbesserung, gar eine Verlängerung der Lebensumstände in Aussicht. WWAY Health (We Worry About Your Health) heißt das Programm, mit dem die junge Londonerin Nilüfer Yanya ihr Debütalbum eröffnet, es steht für die Inanspruchnahme unseres sozialen Umfelds durch einen vernetzten, künstlich generierten Rundumservice, der uns glauben machen soll, alles sei in Ordnung, alles sei in guten Händen. Doch gleich darauf, in ihrer ersten Hitsingle „In Your Head“, folgt er auch schon, der Hilferuf einer Generation, die sich zunehmend in Abhängigkeit der sozialen Medien sieht, einer Generation, der Schritt für Schritt die Realität abhandenkommt: „Some validation is all I need!“



Ist denn niemand da draußen, so fragt Yanya, der einem Orientierung gibt in dieser verrückten Welt, wo die Insta-Story, auf Hochglanz poliert und aller Ecken und Kanten beraubt, mehr gilt als eine Haltung, eine gute Geschichte, wo jeder nur noch Avatar sein will, weil das wirkliche Lebensgefühl von der Unsicherheit, von der Angst überlagert wird, ob man überhaupt noch man selbst sein darf. Thematisch also eine spannende Sache, die Yanya hier für ihre Altersgenossen aufrollt und dem steht ihre Musik in keinster Weise nach. Auch wenn der Titel des Albums eher auf das allgegenwärtige Bodyshaming unserer Tage hinweist, so ist „Miss Universe“ tatsächlich ein sehr universelles, überaus vielfältiges Album geworden.



Die Unentschiedenheit, die es auszeichnet, ist zugleich seine Stärke. Wenn am Anfang die Gitarren dominieren und knarzige Riffs wie bei „Paralyzed“ von Yanyas Verehrung für die Strokes und Pixies künden, so bekommen wir mit längerer Spieldauer immer wieder neue Facetten von ihr zu hören. Da wird dem Jazz ebensoviel Platz eingeräumt wie lässigen Dancerhythmen (zwischen „Baby Blu“ und „Heat Rises“ fühlt sich selbst die Dauerüberwachung des WWAY (s.o.) bemüßigt, eine dezente Warnung auszusprechen), smoothe Saxophonparts wechseln mit treibenden Beats und funkigen Breaks. Ebenso variabel zeigt sich die Britin stimmlich, anfangs noch mit dunklem Timbre unterwegs, das gut mit dem roughen Sound harmoniert, wird der Gesang später mal spitzer und höher, dann wieder weicher, nahbarer. Kluger Stilmix in Überlänge und mit Sicherheit eine der interessantesten Platten dieses Jahres.

Update: Einen Ausflug nach Istanbul, die Geburtsstadt ihres Vaters, spediert uns die Künstlerin im aktuellen Video zu "Paradise", bei "H34T Rises" (das eigentlich "Heat Rises" heißen sollte) gibt es einen Motoradausflug.

17.04.  Hamburg, Nochtwache
18.04.  Berlin, Berghain Kantine
21.04.  Wien, Chelsea Club
22.04.  München, Ampere
24.04.  Zürich, Exil
25.04.  Köln, Blue Shell
neu:
24.10.  Hamburg, Bahnhof Pauli (Klubhaus St. Pauli)
27.10.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
30.10.  Köln, Luxor



Cartel Madras: Willkommen in der Mosh Pit [Update]

Frisch auf die Omme (wir bleiben, sorry, queer) gibt's jetzt mal von diesen beiden hier: Schon im vergangenen Jahr teilten Cartel Madras mit ihrem Track "Pork And Leek" kräftig Schläge aus, das gleiche erwartet uns nun mit ihrer neuen Single "Lil Pump Type Beat". Das Video vermittelt etwas von der Live-Power, die bei Priya "Contra" und Bhagya "Eboshi" Ramesh, Schwestern aus dem kanadischen Calgary, unschwer zu bekommen ist. Nach einer ersten EP namens "Project Goonda Part 1: Trapistan" (2018) steht nun für den 1. November Teil zwei mit dem Titel "Age Of Goonda" bei Sub Pop an und wer sich die zwei Clips anschaut, wird sich wünschen, die beiden auch mal hierzulande in der Mosh Pit zu treffen. Ausgesprochen werden sie übrigens in etwa wie [kär'tel me'dräs] - aber das nur am Rande.

Update: Gleich noch eins auf die Mütze? Aber gern doch - hier kommt das Video zu "Goonda Gold".





Sonntag, 6. Oktober 2019

Michael Stipe: Rebel Yell

Das läßt sich wohl unwidersprochen behaupten: Auf fast keine Rückkehr hat man so gehofft, auf fast keine war man so gespannt wie auf die des R.E.M.-Masterminds Michael Stipe. Denn wie sagt man so schön - diese Geschichte war und ist beileibe noch nicht zu Ende erzählt. Einen so klugen, empathischen und sympathischen Kopf mochte man einfach noch nicht abschreiben, nicht in diesen Zeiten. Und natürlich hat er sich zur Veröffentlichung seiner neuen Single "Your Capricious Soul" über die Seite der Klima-Aktivisten Extinction Rebellion so seine Gedanken gemacht: "I took a long break from music, and I wanted to jump back in. I love ‘Your Capricious Soul’ – it’s my first solo work. I want to add my voice to this exciting shift in consciousness. Extinction Rebellion gave me the incentive to push the release and not wait. Our relationship to the environment has been a lifelong concern, and I now feel hopeful—optimistic, even. I believe we can bring the kind of change needed to improve our beautiful planet earth, our standing and our place on it." Der Sound dazu ist übrigens für Stipes Verhältnisse recht ungewohnt - unbedingt anhören!

Talk Show: High Noon mal anders

Ebenso schön ist dieses Stück samt visueller Umsetzung: Die Londoner Kapelle Talk Show war hier im Frühjahr schon mit zwei wunderbaren Tracks zu Gast, nun kommen sie mit ihrer neuen Single "Ankle Deep (In A Warm Glass Of Water)" wieder zum Zug. Der Song beginnt mit ein paar Westerngitarren und wandelt sich später mehr und mehr zu dunklem Post-Punk, Sänger Harrison Swann zieht denn auch Parallelen sowohl zu Ennio Morricone als auch Roxy Music und Echo And The Bunnymen. Eine sehr eigenwillige Mischung, möchte man meinen, funktioniert aber prächtig - unbedingt die beiden Termine des Quartetts als Support der irischen Just Mustard vormerken!

17.01.  Berlin, Cassiopeia
18.01.  Hamburg, Mucke bei die Fische



Lilla Parasit: Hinaus in die Welt damit

Wo wir gerade in Schweden sind, da kommen einem die hier gerade recht: Are Engen Steinsholm tut normalerweise Dienst als Gitarrist bei der Stockholmer Band Melby, nun stellt er die erste Single seines neuen Side-Projektes Lilla Parasit vor. Um sich versammelt hat der Junge noch Amanda Lindgren, David Svedmyr und Jessica Klingsell, der Song "Gaslights" befindet sich auf einem Minialbum, das in nächster Zeit via Rama Lama der Welt zu Gehör gebracht werden soll. Und wenn wir ehrlich sind, dann darf von dem psychedelischen Popsound ruhig gern mehr kommen.

Pallas Athene: Virtuelle Welt, reale Ängste [Update]

Kompletter Stilwechsel, anderer Kontinent: Dieser Song heißt "The Wall" und stammt von der kanadischen Künstlerin Pallas Athene. Hinter diesem sagenhaften Pseudonym verbirgt sich Breanna Johnston, eine junge Dame aus Toronto, die seit 2014 in kompletter Eigenregie einige dieser elektronischen Stücke aufgenommen hat. Der neue Track wird sich auf einer selbstbetitelten EP befinden, die für die nächste Zeit geplant ist, zum Stück selbst gibt sie zu Protokoll: "Ich habe mein das Lied aus meiner Sicht als Beobachterin einer virtuellen Welt geschrieben. Ich empfinde mich selbst und andere eher als Außenstehende, überwältigt vom bedrohlichen Zustand unsrer Umwelt und der ständigen Informationsüberflutung durch Nachrichten, Anzeigen, Mails und Messages. Dieser Track handelt von Einschränkung, Einsamkeit und Entmachtung, die ich als Teil dieser Welt empfinde, und auch von meiner Angst vor Isolation."

Update: Ein weiterer Track vom Minialbum kommt hier mit "Through Hell".

Samstag, 5. Oktober 2019

Pale Honey: Keine Verwechslung

Nein, mit den schwedischen Schwestern von First Aid Kit sollte man diese beiden hier nicht verwechseln: Nelly Daltrey und Tuva Lotmark haben, Unterschied Nummer eins, keinerlei verwandschaftliche Beziehung, auch ihre Musik ist nicht ansatzweise so lieblich und zart wie die des Duos aus Stockholm. Pale Honey kommen aus Göteborg und orientieren sich eher an Bands wie Hater, Melby oder  Westkust. Nach ihrem gleichnamigen Debüt (2015) und dem Nachfolger "Devotion" soll nun wiederum bei Bolero Recordings ein drittes Album erscheinen, als Vorauskopplung geht zunächst die Single "Set Me Free" ins Rennen.

26.10.  Hamburg, Female Future Festival
27.10.  Darmstadt, 086
28.10.  Köln, Blue Shell
30.10.  Berlin, Urban Spree