Mittwoch, 11. Dezember 2019

Trettmann: Tanz den Widerspruch

Trettmann
Support: Joey Bargeld
Tonhalle, München, 10. Dezember 2019

Natürlich war das zunächst einmal ein erstklassiger Auftritt. Und ein dringend notwendiger sowieso. Die Jahre davor stand Trettmann ja im Ampere und im Crux auf der Bühne – Tickets kaum ranzukommen, Preise horrend, wer drin war King, draußen viel zu viele. Und auch diesmal, in der ungleich größeren Tonhalle, wären, mit Blick auf die einschlägigen Portale, gern noch mehr dabei gewesen. Ausverkauft. Was aber die Konzerte von dem Mann, den seine maximal begeisterungsfähige Crowd liebevoll Tretti ruft, eben auch immer zeigen: Spannende Widersprüche. Denn wann hat man schon mal so viele auf einen Schlag beeinander? In Sachen Stardom eher ein Spätstarter, seit dem Debüt „DIY“ aber der Meister aller Klassen – und zwar aus Karl-Marx-Stadt aka. Chemnitz. Weiter: Oben Ü40, unten U20. Heißt: Wo bitteschön bejubeln bereitwillig tausende junge Fans (Legende: Splash! 2019) einen Musiker, der unter anderen Umständen schon zur Kategorie „alter weißer Mann“ zählen dürfte? Noch dazu einen, der zwar die härtesten Typen zu seinen best Buddies zählt, selbst aber lieber soft und melancholisch textet.

Trettmann ist ein Phänomen, seine Alben einschließlich des aktuellen treffen auf so wunderbare wie geheimnisvolle Weise einen Nerv, nehmen Herzen im Sturm und schon länger das vorweg, was Felix Kummer auf seinem Solo gerade erst proklamierte: „Ich mach den Rap wieder weich, ich mach den Rap wieder traurig“ – da war also einer schon deutlich früher dran. Die grobkörnige, grelle Schwarz-Weiß-Ästhetik der Lightshow harmoniert da natürlich prächtig mit dem puristischen one-man-one-mic. Und auch hier versteckt sich wieder so ein kleiner Haken: Man kann wohl davon ausgehen, dass nur wenige im Publikum in der Münchner Platte Hasenbergl oder Neuperlach großgeworden sind, vom fernen Osten und Lichtenhagen, Marzahn oder Fritz Heckert ganz zu schweigen. Und doch werden die kunstvoll aufbereiteten Film- und Fotosequenzen so euphorisch bejubelt, singt die Halle vom grauen Beton und rauhem Jargon, als steckte dahinter nicht die triste, stumpfe Erfahrung beengter Kinder- und Jugendjahre.

Getanzte Widersprüche also überall: Trostlosigkeit vs. Ausbruch, Angst vs. Hoffnung, hier die Liebe, dort die Enttäuschung, zu zweit, allein, Trettmann bringt all das scheinbar mühelos zusammen und in Bewegung. Und ist dabei authentisch, reflektierend und durchaus politisch. Dass er für einen seiner stärksten Songs dieses Jahres, „Stolpersteine“ in Erinnerung an die Aktion von Gunter Demnig, auf jegliche optische Aufwertung verzichtet, macht den noch eindrücklicher, für einen kurzen Moment schleicht sich sogar ein gewisses Unbehagen in den Abend. Ganz kurz nur, denn dann wird wieder gemosht und gefeiert: „Standard“ na klar, „Du weisst“, „5 Minuten“, allesamt mit Videoeinspielern und Gäste-Features, das fabelhafte „Delicious“ und von der alten Scheibe „Knöcheltief“, „Billie Holiday“, „New York“ und mehr. Nicht alles eignet sich gleich gut zum Mitgrölen, manche Passage verliert wegen des lauten Geschreis etwas von ihrer Intensität. Zum Abschluß dann Trettmanns Königsdisziplin, der Rave als Kür – mit „Zeit steht“ und Alli Neumann auf der Leinwand wippt die Menge in die kühle Nacht hinaus, ausgepowert, aber glücklich.

Moderate Rebels: Vor der Katastrophe

Wer jetzt drüben in England einen Song veröffentlicht, tut dies aus zwei Gründen. Entweder er oder sie ist gänzlich ahnungslos und freut sich schon auf Weihnachten. Oder befürchtet für den Freitag dieser Woche eine mittlere Katastrophe. Dann nämlich wird das britische Parlament gewählt und alle Zeichen stehen auf Moptop und den unerträglichen Boris Johnson. Die Londoner Post-Punk-Band Moderate Rebels jedenfalls gehören sicher zur zweiten Gruppe und deshalb kündigen sie nicht einfach nur für 2020 ein neues, drittes Album an, sondern platzieren in die Wahlwoche noch einen Song mit dem Titel "Every Cheat You Meet Sings Love Songs". Dass es hier nur bedingt um die Liebe zum Fest geht, dürfte ein Blick auf den Text klären:

"Beware. Beware of the cheats. Singing you love songs, Sing you to sleep.
People who have… they want you to just relax.
People with the cream, want you to know 'Life is but… a dream'
How come there’s always money, For bombs?
But never any money… For the old, Or the young, Or anyone… who isn’t strong?
Beware. Beware of the cheats. Singing you love songs, Sing you to sleep."

Wann genau der Nachfolger für die letzte Platte "Shared Values" des Quartetts kommt, ist noch nicht verlautbart, hoffen wir mal, sie machen das Erscheinen nicht vom Wahlausgang abhängig. Denn dann wird es doppelt bitter.

Dienstag, 10. Dezember 2019

Shopping: Über alle Grenzen

Sie sind nicht die ersten, die das versuchen, einfacher wird es deswegen nicht: Das Post-Punk-Trio Shopping hat gerade innerhalb von zehn Tagen sein neues Album "All Or Nothing" eingespielt. Und zwar an einem der drei Wohnorte, auf die sich Rachel Aggs, Andrew Milk und Billy Easter jetzt verteilen, als da wären London (Aufnahme), Glasgow und Los Angeles. Dem prächtig flirrenden, schrägen Sound der Band hat die Entfernung dennoch keinen Abbruch getan, die erste Single "Initiative" geht gewohnt zu Sache und gibt - auch optisch - einen ersten Einblick in das Themenspektrum der künftigen Platte: Systemkritik plus Queerness plus Unterhaltung. Der Neuling soll am 7. Februar bei Fat Cat Records dem letzten Werk "The Official Body" folgen, ein paar Livetermine haben Shopping ebenfalls angekündigt.

09.05.  Hamburg, Molotow
11.05.  Berlin, Urban Spree
14.05.  Wien, Fluc Café
16.05.  München, Milla
17.05.  Bern, Reitschule
19.05.  Winterthur, Albani
22.05.  Köln, tba.
23.05.  Offenbach, Hafen 2



Montag, 9. Dezember 2019

Gewalt: Ohne Beipackzettel

Kann man einfach so stehen lassen, braucht man nicht noch mehr markige Worte dazu. Gewalt, also Helen Henfling, Patrick Wagner und Samira Zahidi sagen bzw. singen ohnehin die Erklärung zu Video und Song - ein Stottern, eine Orgie, ein Entgleisen, alles voller Verachtung: "D-D-D-Deutsch". Die neue Single der einzigartigen Band aus Berlin stammt von EP Nummer acht "Deutsch/Nichts in mir ist einer Liebe wert" (This Charming Man), das Video unter Mitwirkung von Band und Schauspielern wie Wilson Gonzalez, Sabine Leibig, Clara Brandenburg uvm. hat Johannes Fink gemeinsam mit dem Trio gedreht.



Sonntag, 8. Dezember 2019

RIN: Raus aus der Umlaufbahn

RIN
„Nimmerland“
(Division/SONY)

Gleich zu Beginn die schlechte Nachricht: Die Platte ist gut, richtig gut sogar. Warum das eine schlechte Nachricht ist? Nun, weil der, der sie schreibt, jenseits der vierzig unterwegs ist. Und weil in der Musik, besonders im Hip-Hop, die härteste Währung noch immer die Akzeptanz bei der Zielgruppe ist. Von den Falschen gelobt kann demnach fast genauso blöd sein, wie von den Richtigen gedisst zu werden, meint: Ein Ankommer bei den Ü40ern ist nicht unbedingt das Erstrebenswerteste, was man sich als angehender Superstar so vorstellt. Aber keine Angst, die Alten finden schon noch was zum Mäkeln und Motzen. Vielleicht wieder mal der Standardvorwurf an Renato Simunovic aka. RIN, dass sein lyrisches Profil, ganz im Gegensatz zum musikalischen, doch ein paar mehr Dimensionen brauchen könnte als Baby, Bitch, Money, Monet und Mona Lisa. Auch in seinem Leben sollte es doch noch ein wenig mehr geben als dunkle Straßen, ferne Träume und einsame Zimmer, cruisen, chillen, lieben und leiden. Ecken, Kanten, Meinung, Haltung – all das, was andere Kollegen manchmal etwas arg demonstrativ vor sich hertragen, vermisst man hier ein wenig.



Warum es trotzdem ein gelungenes Album ist? Nun, es hat das, was man auch bei älteren Generationen als Flow bezeichnet. Es fließt also. Feine Beats, ein sachtes Beben, Federn und Schwingen hier, angemessen wuchtiges Wummern an anderer Stelle. Tracks wie „Fabergé“, „Hollywood“ oder auch „Nirvana“ funktionieren prächtig, bei „Keine Liebe feat. Bausa“ darf der oder die Alte mal den Jungen erklären, dass der Chorus aus Zeiten stammt, wo noch alles Echt war. Und natürlich ist der Remix von „Vintage“ mit dem mittlerweile ebenso greisen Sido noch besser als das Original. Der dicksten Punkt aber macht RIN mit dem Titelsong und seiner Kollabo mit Bilderbuch. Zweigeteilt, erst düster und melancholisch, dann – Einsatz Maurice Ernst – ein abgebremster Ösifunk der besseren Sorte, wunderbar. Im Vergleich zum Debüt „Eros“ ist der Sound jetzt vielleicht etwas klarer, zupackender, möglicherweise aber auch vorhersehbarer geworden. Spannend wäre es, wenn RIN für die Reime mal seinen eigenen Kosmos verlassen würde, raus aus der Umlaufbahn, die nur um ihn selbst kreist. Dann könnte daraus wirklich etwas ganz Großes werden. Dann bräuchte es vielleicht gar keinen Geppetto. Sagt jedenfalls der alte Mann …

13.12.  Stuttgart, Schleyerhalle
31.01.  Köln, Palladium
01.02.  Köln, Palladium
05.02.  Frankfurt, Jahrhunderthalle
06.02.  Berlin, UFO im Velodrom
07.02.  München, Zenith
08.02.  Leipzig, Haus Auensee
09.02.  Wien, Gasometer
12.02.  Nürnberg, Arena Nürnberger Versicherung
13.02.  Hannover, Swiss Life Hall
14.02.  Hamburg, Sporthalle
19.02.  Saarbrücken, E-Werk
20.02.  Münster, MCC
21.02.  Dortmund, Warsteiner Music Hall
22.02.  Zürich, Samsung Hall



Glass Animals: Spitzenreiter

Was für ein Tag! Denn trotz Billie Eilish, Trail Of Dead und den immergrünen Pet Shop Boys geht der Song des Tages an - tadah: Die Glass Animals. Die hochverehrte britischen Rocktruppe hat nämlich gerade ebenfalls einen neuen Track mit dem Titel "Tokyo Drifting" vorgestellt und als ob das noch nicht genug wäre, arbeitet bei diesem kein Geringerer als Denzel Curry mit. Und deshalb klingt das Stück auch genauso wie die Namen vermuten lassen - fantastisch. Wann genau ein Nachfolger für das Album "How To Be A Human Being" ins Haus steht, wissen wir allerdings noch nicht.



Freitag, 6. Dezember 2019

Eliza Shaddad: Vervollkommnung [Update]

Sie kann es also noch immer: Eliza Shaddad, Londoner Musikerin mit sowohl schottischen als auch sudanesischem Wurzeln, hat im vergangenen Jahr mit ihrem Debütalbum "Future" viele Kritiker zu Jubelstürmen hingerissen und war nicht nur hier unter den Top Ten der Albumcharts 2018. Und zwar vollkommen zu Recht, denn ihr wohltemperierter Gitarrensound, der seine Inspiration sowohl im Grungerock der 90er als auch beim Alternativ- bzw. Indiepop der 80er holte, gepaart mit ihrem warmen Timbre, war wie gemacht zur Verzückung. Und natürlich durfte und konnte damit nicht Schluß sein und so kommt heute via Ferryhouse Records erfreulicherweise mit der Single "Girls" der erste Vorgeschmack einer neuen EP, die Anfang kommenden Jahres erscheinen soll. Aufgenommen in der Abgeschiedenheit von Cornwall, erzählt das Stück von einer ihrer ältesten Freundschaften - Shaddad selbst dazu: "Der Song zeigt, wie beängstigend es sein kann, am Rande zu stehen, älter zu werden, jemanden dabei zu beobachten, wie er mit wahnsinnig harten menschlichen Erfahrungen umgeht und von der Unmöglichkeit, Kontakt herzustellen, um zu helfen."

Update: Das Video mit Ausschnitten von einem Live-Auftritt im Londoner Pop Brixton Club ist seit heute draußen ... und ganz aktuell gibt es hier die neue Single "One Last Embrace", ein dunkles, grungiges Stück. Und nun wissen wir auch, dass die neue EP "Sep~Dec" heißen und am 24. Januar bei Ferryhouse Records erscheinen wird.





Donnerstag, 5. Dezember 2019

Caribou: Verdammt viele Bewunderer

Eher eine Seltenheit: Auf der einen Seite ist Dan Snaith ein Musiker, auf den sich sehr viele Menschen einigen können - auf der anderen genießt er durch die Bank mit all seinen Pseudonymen, sei es nun also Caribou, Daphni ode Manitoba, großes Ansehen, weil eben das, was viele ob der Leichtigkeit hören wollen, auch von bestechender Qualität ist, Tiefe, Ausstrahlung besitzt. Man darf also damit rechnen, dass die folgende Nachricht großen Wiederhall findet, denn unter dem Moniker Caribou plant Snaith nun für den 28. Februar via Merge Records die Veröffentlichung seines nächsten Albums mit dem Titel "Suddenly" (Coverart unten), gut fünf Jahre also nach seinem letzten Werk "Our Love". Zwei Stücke gibt es bislang davon, Anfang Oktober erschien die Single "Home" und nun folgt das Stück "You And I". Es würde ebensowenig verwundern, wenn die für das kommende Jahr geplante Tour schnell ausverkauft wäre - er hat einfach verdammt viele Bewunderer.

21.04.  Hamburg, Große Freiheit 36
24.04.  Wien, Gasometer
25.04.  München, Muffathalle
26.04.  Zürich, Kaufleuten
28.04.  Köln, E-Werk
15.08.  Berlin, Zitadelle - Caribou And Friends





Algiers: Mit allen Sinnen [Update]

Ein wahres Bilder- und Soundfeuerwerk dürfen wir heute von Algiers, den Königen des MashUp aus Atlanta, präsentieren. Gerade haben sie die Veröffentlichung ihres dritten Albums "There Is No Year" für den 17. Januar 2020 bei Matador bekanntgegeben. Die Platte folgt dem selbstbetitelten Debüt aus dem Jahr 2015 und "The Underside Of Power" (2017) - eingeläutet wurde sie Ende August mit dem ersten neuen Track "Can The Sub_Bass Speak", einem ziemlich wilden, experimentellen Spoken-Word-Ritt (der laut Stereogum allerdings nicht auf dem Album zu finden sein wird) und der aktuellen Single "Dispossession", zu welcher gerade ein Video erschienen ist. Dieses wurde überaus stark von Sohail Daulatzai in dem Pariser Vorort Noisy le Grand in Szene gesetzt, thematisch geht es im Song wie auch auf dem Album um das Selbstverständnis schwarzer Geschichte und deren Unterdrückung, um Widerstand gegen diese Repression und die Hoffnung auf Besserung. Dass visuelle Gestaltung bei der Arbeit des Quartetts einen großen Raum einnimmt, kann man auch an den Coverentwürfen zu den beiden Songs und dem Longplayer sehen, Parallelen zu den wegweisenden Artworks bei Blue Note Records kommen wohl nicht von ungefähr.

14.02.  Köln, Club Volta
15.02.  Schorndorf, Manufaktur
17.02.  Frankfurt, Zoom
18.02.  Dresden, Beatpol
22.02.  Wien, Flex
24.02.  München, Strom

Update: Und da ist dann das erste offizielle Video, zusammen mit der neuen Single "Void", aufgenommen als Live-Show von Ian Cone.







Mittwoch, 4. Dezember 2019

Bambara: Nichts wird heller [Update]

Dunkel kann dieser Tage nicht nur Nick Cave (obwohl die neue Platte nun wirklich schwer zu toppen ist), auch Bambara aus Brooklyn/New York sind in dieser Hinsicht Spezialisten. Zwar kommen sie mit deutlich mehr Drive als der Altmeister daher, aber es vibriert und schüttelt schon gewaltig. Vor zwei Jahren waren sie mit ihrer Platte "Shadow On Everything" schon mehr als ein Geheimtipp, nun ist für den 14. Februar via Wharf Cat Records der Nachfolger "Stray" angekündigt, von dem die Band behauptet, es sei ein "death-obsessed album". Nun, die erste Single "Serafina" jedenfalls kann es mit den Bad Seeds oder der Birthday Party durchaus aufnehmen, der Rest wird mit Sicherheit nicht weniger spannend.

Update: Und auch die zweite Single "Sing Me To The Street" bleibt eine ziemlich düstere Sache, gibt es hier mit den neuesten Tourdaten für 2020 zu sehen.

25.05.  Köln, Bumann und Sohn
26.05.  Hamburg, Molotow
27.05.  Berlin, Urban Spree
28.05.  München, Sunny Red
29.05.  Mainz, Kulturclub Schon Schön 





Poliça: Bedingt leidensfähig [Update]

"Ohne Leiden keine Kunst" - man hört den Spruch ja in dieser oder jener Form häufig und mag ihn dennoch nicht so recht glauben. Künstler sehen das naturgemäß etwas anders, ob allerdings Channy Leaneagh heute so einfach unterschreiben würde, darf bezweifelt werden. Der charismatischen Frontfrau der amerikanischen Band Poliça nämlich ist dieses Leiden wortwörtlich in die Quere gekommen, 2018 stürzte sie im Winter vom Dach ihres Hauses und zog sich bei diesem Unfall eine ziemlich schmerzhafte und langwierige Verletzung der Wirbelsäule zu. Die Genesung forderte ein Höchstmaß an Geduld und so hatte sie genügend Zeit, den Sinn des Lebens hin- und herzuwenden. Auf Betreiben ihres Arztes gehörte diese psychische Exkursion sogar mit zum Heilungsprozess dazu, in den Linernotes zur neuen Platte "When We Stay Alive", die am 31. Januar 2020 bei Memphis Industries erscheinen soll, liest sich das wie folgt:

“Laying in bed, as I healed from a 10 foot fall of carelessness with my life, I would dream of running in green grass and tears would pour from my eyes. “Running in the tall tear grass; imagine wanting life and the want remains.” That is a feeling to hold onto; that life is worth living even when all the towers are crumbling and this goes beyond my own little accident but the world around me. Following the crone into the sinking ship and having the chance to return without a shadow. Drive on, Drive on. A second chance you won’t forget”.

Diese Ausführungen beziehen sich natürlich auch auf die erste Singleauskopplung "Driving", die wir hier mit einem Video von Isaac Gale verlinken - sanft angetriebener Synthpop, sehr eingängig, die Stimme bestechend zart wie eh und je. Zum Nachfolger der letzten Veröffentlichungen "Shulamith" (2013) und "United Crushers" (2016), beide so persönlich wie politisch, wird es im Übrigen auch eine kleine Clubtour durch Deutschland geben.

16.02.  Frankfurt, Zoom
18.02.  Köln, Artheater
19.02.  Hamburg, Grünspan
25.02.  Berlin, Columbia
29.02.  München, Hansa 39

Update: Nach "Driving" gibt es heute einen weiteren Song vom neuen Album - hier kommt das Video zu "Forget Me Now".





Dienstag, 3. Dezember 2019

Mit Verwunderung nehmen wir zur Kenntnis ... [04/19]

... dass es offenbar immer noch viele Menschen gibt, die ganz genau wissen, was man und frau können, lassen, kennen und vor allem hören muss. Anders ist die Aufregung - bekannt als der Sturm im Wasserglas oder die Legende vom chinesischen Reissack - um ein Latenight-Interview von Jimmy Kimmel mit Billie Eilish aus den letzten Tagen nicht zu verstehen. Der Talkmaster nämlich hatte sie gefragt, ob sie jemals von einer Band namens Van Halen gehört habe - sie verneinte. Die Folge: Ein Shitstorm. Und zwar kein kleiner. Eltern, noch dazu solchen, die selbst gern Musik hören, muß man solche Geschichten nicht extra erzählen, sie erleben sie täglich und leiden deshalb nicht selten. Aber hey, sollte das nicht andersherum genauso funktionieren? Also: Kennste Lizzo, Post Malone, Travis Scott, Lil Nas? Oder auch Bausa, RIN, Bra, Kygo? Zeugt es nicht von unglaublicher Arroganz zu meinen, nur weil etwas alt sei, habe es die nötige Qualität und im Umkehrschluß sei all das, was junge Menschen heute so hören, per se für den Orkus? Eine wirklich wunderbare Antwort ist dazu Wolfgang Van Halen in einem aktuellen Tweet gelungen. Der Junge ist noch keine dreißig, der Sohn von Eddie Van Halen und spielt seit 2006 den Bass bei den legendären Trash-Metallern. Er nämlich sagte: "If you haven’t heard of Billie Eilish, go check her out. She’s cool. If you haven’t heard of Van Halen, go check them out. They’re cool too. Music is supposed to bring us together, not divide us. Listen to what you want and don’t shame others for not knowing what you like." Viel besser auf den Punkt hätte es auch der Nick Cave nicht bekommen - 'nuff said.



Jehnny Beth: Fühlen, nicht denken [Update]

Geunkt hatten ja nicht nur wir, als der Soundtrack zur Serie "Peaky Blinders" erschien, dass mindestens ein Vorgriff auf die Zukunft darauf enthalten war, hier nun die zwar noch unvollständige, aber doch etwas weiterführende Bestätigung: Jehnny Beth, Frontfrau der Savages, hat gerade ihre Solosingle "I'm The Man" geteilt, ein ziemlich garstiges Stück Rockmusik. Der NME redet dann auch von einer bald zu erwartenden Soloplatte, von Beth selbst kommt zumindest ein Hasthag #jehnnybeth2020 und die folgende Erläuterung: "‘I’m The Man‘ ist der Versuch einer Studie über die Menschheit, über das, was wir als böse und den inneren Konflikt der Moral definieren. Weil es viel einfacher ist, Menschen, die offenkundig von Obsessionen geplagt werden, als Monster zu bezeichnen, als sich mit den Gründen zu beschäftigen, die dahinter sichtbar werden. Das Lied hat jedoch keinerlei Verbindung zu einer soziologischen Studie, zu kollektiver Psychologie oder der gegenwärtigen Politik; es ist in erster Linie ein poetisches Werk. Sein Ziel ist es, daß du nicht denkst, sondern fühlst.“

Update: Das Video zur neuen Single, gerade ins Netz gegangen, hat übrigens Anthony Byrne (Peaky Blinders, In Darkness, Videos: Hozier, Rumer) gedreht, zusammen mit einer Jehnny Beth, die vor "Männlichkeit" nur so strotzt...


Montag, 2. Dezember 2019

Hotel Lux: Lügenpresse?

Wenn jungen Menschen über gedruckte Zeitungen singen, dann hat das fast schon etwas Tröstliches. Oder Altmodisches. Auf jeden Fall freut man sich, dass nicht das Display oder der Bildschirm das Thema sind, sondern die auf alt hergebrachte Weise hergestellte Papiergazette. Ehrlicherweise geht es im Song der Londoner Kapelle Hotel Lux - wir hatten sie im letzten Jahr u.a. mit ihrem Song zur Berliner Mauer schon im Programm - auch um die Lügen und Unwahrheiten, mit denen die Presse ja auch aufwarten kann, zumindest die gelbe (oder hierzulande rote). "Tabloid Newspaper" jedenfalls stammt von der EP "Barstool Preaching", die 2020 erscheinen soll. Wenn - ja, wenn diese Nachricht wirklich stimmt...

Sonntag, 1. Dezember 2019

PULS Festival München: Die richtige Entscheidung

International Music, PULS Festival München 2019
Festivals, besonders solche, die drinnen stattfinden, sind für Konzertberichte eine undankbare Sache. Zumindest dann, wenn das schreibende Personal so knapp bemessen ist, dass man nicht in jeden Raum eine/n Beobachter/in platzieren kann. Man muß sich also entscheiden, was es auf gar keinen Fall zu verpassen gilt, wo man sich am günstigsten positioniert. Und das ist gar nicht so leicht, schließlich ist mancher Act erfahrungsgemäß derart gefragt, dass man sich besser schon zur Hälfte des vorlaufenden Gigs in Stellung bringt, um später nicht auf dem Gang mit halbem Ohr versauern zu müssen. Es ist also kompliziert. Randbemerkung: In Sachen Personal würde man sich übrigens gern mal mit dem sonst so umtriebigen und professionellen Veranstalter, dem PULS Radio, unterhalten, dem natürlich wie in jedem Jahr hohes Lob für das ausgewogene Line-Up gebührt. Wäre es nicht langsam an der Zeit, für einen Abend dieser Größe und dieses Renommees endlich mal das leidige Garderobenproblem in den Griff zu bekommen? Es ist mehr als ärgerlich, dass viele Besucher, obschon sie überpünktlich vor Ort erscheinen, die erste Runde an Konzerten verpassen müssen, nur weil sie sich eine geschlagene Stunde in endloser Schlange die Füße plattstehen, endlich in Empfang genommen von einer unterbesetzten und deshalb restlos überforderten Klamottencrew. Also – Winter, Jacken, Massenandrang, das sollte doch zu schaffen sein?



Zurück zur bestmöglichen Ausgangsposition. Die ließ sich diesmal recht schnell am Tresen des sog. Ballrooms finden. Und eben deshalb gibt es hier leider nichts zu den garantiert großartigen Auftritten von Lisa Morgenstern zusammen mit dem Münchner Rundfunkorchester zu lesen, kein Wort auch zu SEDA, MAJAN oder Alice Phoebe Lou. Sehr wohl aber viel, viel Lob für Endlich Rudern, Münchens neuste Hoffnung in Sachen ungezuckertem Indierock. Das Schöne ist ja, dass sich Sänger Max Weigl, Bassist Felix Nagel und Simon Richter am Schlagzeug mit einen Handvoll Songs noch so herrlich unbedarft und sympathisch anfängerisch geben können, einfach drauflos machen und die eng gepackte und jetzt schon mächtig schwitzende Zuschauermenge sofort auf ihrer Seite haben. Zu den leidenschaftlichen Liedern ein paar schüchterne Scherze, drei Geburtstagseinladungen ins Publikum geworfen (es kommt ja wohl sonst keiner?) – wenn sie das durchhalten, müssen wir nicht auf Bamborschkes Isolation Berlin warten, dann gibt es hier in München endlich mal wieder eine erstzunehmende Alternative.



Platzwechsel? Besser mal nicht, denn Pauls Jets wurden in so hohen Tönen gelobt, die möchte man nicht verpassen. Also dageblieben und überraschen lassen. Und zwar von Umme Block, dem Electro-Duo aus München Haidhausen. Sie sind ein ungleiches Paar, die beiden: Zierlich und klein, aber mit gewaltiger Stimme Leoni Klinger, mit kraftvoller Ausstrahlung dagegen Klara Maria Rebers, die sich neben den Beats auch um die Gitarre kümmert. Die dronig wummernden Tracks bewegen sich, zupackend und dunkel schimmernd, irgendwo zwischen Austra und Zola Jesus, mit den live eingespielten Akkorden kommt noch manch reizvoller Ry-Cooder-Moment hinzu. Auch sie stehen noch ganz am Anfang ihrer Karriere, seit vergangenem Jahr sind sie unter dem Namen unterwegs, den man noch immer schwer mit ihrem Sound übereinanderbekommt. Sei’s drum, Mitte Januar soll das Debütalbum „25 Hours“ erscheinen, Ende Dezember schon stehen sie für den Release erstmals als Headliner auf der Bühne.



Kurzer Umbau – Wien wart‘ auf di! Aber eben nicht Wanda, Bilderbuch oder Granada, allesamt schon etablierte Größen des anhaltenden Austrohypes, die, zumindest was die erstgenannten angeht, durchaus schon Spuren von Routine und Beliebigkeit erkennen lassen. Davon jedenfalls sind Xavier Plus (Gesang), Romy Park (Bass) und Josef Hader in jung, als Paul Hochhaus (Drums) noch meilenweit entfernt. Die Pauls Jets spielen einen fibrigen, wunderbar verqueren Impro-Rock, voller Ecken, liebevoll einfacher Posie und ganz viel Energie. Sie sind auch die ersten in dieser Runde, die ihr Repertoire für das knapp getaktete Programm eindampfen müssen, ihr Debütalbum „Alle Songs bisher“ ist im März erschienen und hat mit „Ich will dich lieben, Baby“, „Kannst du noch“ und „Fresha Fruscianteya“ schon eine stattliche Anzahl Hits zu bieten. „Wo stehst du mit deiner Kunst, Baby?“ will der aufgedrehte Xavier unbedingt von der wippenden Crowd wissen und auch wenn bei den dreien noch nicht alles auf Anhieb klappt, wird doch schnell klar, dass mit dieser Frage Großes begonnen haben könnte. Den Konjunktiv werden wir uns bald schenken können.



Nun aber doch noch mal Ortswechsel, schnell rüber in Halle zwei. Denn International Music aus Essen bekommt man hier im Süden nur selten zu Gesicht. Ihr Album „Die besten Jahre“ gehörte zweifellos zum Spannendsten, was 2018 nicht nur in Deutschland zu bieten hatte. Inspiriert vom Post-Punk und den Grauzonenklängen der Neuen Deutschen Welle gab es darauf nicht nur alles zu hören, was trist, düster und bedrückend ist, sondern auch einen ganz eigenen, feinen Humor. Die unvergeßliche Zeile „Knie kaputt, Frisur ist Scheiße, die besten Jahre sind vorbei!“ aus dem wundervollen Stück „Mont St. Michel“ eröffnete denn auch einen der Höhepunkte dieser Festivalnacht – Joel Roters trockenes Schlagwerk markierte den Takt, der Rickenbacker von Pedro Goncalves Crescenti vibrierte mit Wucht und Peter Rubels Stimme ergänzte hohltönend die kontrastreiche, schwarz-grelle Kulisse. Das Programm der drei bewegt sich auf eigenwillige Weise zwischen traurigem Trinklied, melancholischem Klagegesang und zarter, gern mal lakonischer Liebeslyrik und hat offenbar auch in München ein größeres Publikum gefunden – eine gute Nachricht deshalb, dass ein neues Album kurz vor der Fertigstellung steht. Und auch wenn Rubel sich bis Ende des nächsten Jahres verabschiedet, er kommt mit seinem Bassisten schon im Januar als The Düsseldorf Düsterboys in die Rote Sonne. Einmal mehr: Bon Soir, Tristesse!

Pauls Jets, PULS Festival München 2019

Freitag, 29. November 2019

Einhorn: Gewohnt lässig

Sie nehmen wieder Fahrt auf: Einhorn aus Wien haben nach dem Vorabsong "The Chase" und ihrer ersten Single "Longtime" nun die zweite ins Rennen geschickt. "Desirée" ist Softpop allererster Klasse und sowas von 80er - also wieder mal ein Volltreffer (dazu noch der entsprechende Teaser zum Song). "Ich bin dein und will es nicht sein" heißt es im Text und wer unfreiwillige Abhängigkeit so schön tanzen läßt, dem traut man mit dem nächsten Album nach "Galactica" so einiges zu. Noch wissen wir nicht, wie es heißt und wann es kommt, spannend ist es allemal.



Pumarosa: Unbeirrbar

Pumarosa
„Devastation“
(Caroline/Universal)

Es ist jetzt nicht so, dass Pumarosa aus London das zum ersten Mal getan hätten. Meint: Schon auf ihrem vor zwei Jahren erschienenen Debütalbum „The Witch“ haben sie ziemlich viele Töpfe auf dem Herd gehabt, haben dort Jazz, Post-Punk, Gothrock und noch manches mehr angerichtet und schlecht hat das nun wirklich nicht geschmeckt. Dem Konzept sind sie treu geblieben, sie wollen sich noch immer nicht festlegen lassen und probieren lieber, anstatt auf eingefahrenem Wegen das Übliche anzubieten. Und so findet sich auch auf dem zweiten Album eine erstaunlich vielfältige Mischung verschiedenster Stile – wem das nicht Wagnis und Entwicklung genug ist, für den könnte man vielleicht noch die zunehmende Elektrifizierung des Sounds hervorheben. Wir hören also hochmelodiösen Pop wie den des wunderbaren Stückes „Lose Control“, die Single „Into The Woods“ wiederum bietet brachiale, düsteren Riffs aus den 90ern.



Wo „Fall Apart“ und „I Can Change“ mit geloopten Beats geradezu um sich werfen, wirken „Factory“ und „Lost In Her“ bewußt abgebremst und in sich gekehrt. Die Stimme von Sängerin Isabel Munoz-Newsome ist dabei so eindringlich wie markant und befeuert Vergleiche mit Björk oder Portishead, die auch musikalisch zum Humus von Pumarosa zählen dürften. Dass Pumarosa diese Platte veröffentlicht haben, ist beileibe keine Selbstverständlichkeit, Munoz-Newsome bekam vor einem Jahr eine Krebs-Diagnose und hat, so erzählte sie dem Guardian in einem bemerkenswert offenen Gespräch, nach erfolgreicher Behandlung mittlerweile einen Weg gefunden, Kraft und Stärke aus dieser neuen Situation zu ziehen, weniger Kompromisse zu machen, Grundsätzliches zu schätzen. Weniger mutig sind die vier jedenfalls nicht geworden, denn selbst Breakbeats und House finden auf „Devastation“ einen Platz. Ein Album, in mehrerlei Hinsicht erfreulich und immer für eine Überraschung gut.

Donnerstag, 28. November 2019

Beak: Tun und Lassen

Das darf man dann schon mal so sagen: Der Twitter-Account von Geoff Barrow ist ein sehr unterhaltsamer. Was zum einen daran liegt, daß Barrow leidenschaftlicher Brexit-Gegner und Johnson-Hasser ist. Und desweiteren als Musiker (mit nicht weniger Passion) gern die Deutungshoheit darüber behält, wer was wie und warum über seine Musik erzählt. Und wenn er der Meinung ist, Kritik sei ungerechtfertigt und/oder mangelhaft recherchiert, dann kann der Mann ziemlich ungemütlich werden. Selbiges gilt im Übrigen auch für die beiden überdimensional großen Fettnäpfchen, deren Betreten jede/r, die/der mit ihm zu tun hat, tunlichst vermeiden sollte: Wer zum Beispiel behauptet, Barrow sei hauptberuflich Gründungsmitglied bei Portishead und habe seine zweite Band Beak nur als loses Seitenprojekt nebenher am laufen, kann umgehend mit verbaler Prügel rechnen, Geringsschätzung mag er nämlich überhaupt nicht und das betrifft auch die Arbeit seiner Kollegen Billy Fuller und Matt Williams. Ebenso unbeliebt ist die so häufige wie denkfaule (weil eindimensionale) Etikettierung von Portishead mit Attributen wie Trip-Hop oder Bristol-Sound, Bezeichnungen, die sofort ein paar derbe Flüche zur Folge haben. Wer da jetzt an John Cleese und seine Ausfälle bei Fawlty Towers (Stichwort: "Don't mention the war!") denkt, liegt sicher nicht ganz falsch, bei allem Spaß geht es hier aber letztendlich vor allem um eines - Respekt. Worum es wiederum hier geht, sind die beiden gerade veröffentlichten Tourtermine von Beak für das kommende Jahr, an denen die drei u.a. mit ihrer unlängst erschienenen EP "Life Goes On" bei uns vorbeischauen. Das unten aufgeführte Stück "RSI" vom letzten Studioalbum stammt im Übrigen aus einer kürzlich aufgenommenen Live-Session bei Radio Aire Libre in ihrer zweiten Heimat Mexiko.

30.01.  Frankfurt, Zoom
03.02.  Hamburg, Uebel und Gefährlich

Mittwoch, 27. November 2019

International Teachers Of Pop vs. Jason Williamson: Strictly Dance

Jaja, schon klar, das Thema ist jetzt nicht so neu und eine richtig spannende Einleitung fällt uns dazu auch kaum mehr ein - der gute Jason Williamson tut es einfach zu oft. Also, das mit dem Kollaborieren. Scorn, Frustration, Snowy und jetzt das Nerd-Pop-Trio International Teachers of Pop aus Sheffield. Die werden daheim auf der Insel als die neuen Human League gefeiert, was nicht das kleinste Kompliment ist. Leonore Wheatly, Adrian Flanagan und Dean Honer haben erst in diesem Jahr ihr selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlicht, auf dem sich auch der Smash Hit "After Dark" befand. Vor wenigen Wochen kam dann mit "Love Girl" ein neuer Track und nun die Zusammenarbeit mit dem Grantler aus Nottingham für den Titel "I Stole Yer Plimsoles" - feinster Pop, eigentlich ganz und gar nicht Williamsons Sache. Kickt trotzdem.





Dienstag, 26. November 2019

Juliana Hatfield: Wie ein Schlag ins Gesicht

Juliana Hatfield
„Juliana Hatfield Sings The Police“

(American Laundromat Records)

Sie hat es also schon wieder gemacht. Es gibt nicht wenige Künstler*innen, die sehr zurückhaltend dabei sind, die Songs von Kollegen, egal ob bereits verschieden oder noch lebendig, zu covern, die Beweggründe sind verschiedener Art. Mal ist es die Ehrfurcht vor dem Werk der/des anderen, gepaart mit der Angst, die selbstgewählte Aufgabe gnadenlos zu versemmeln. Andere wiederum fürchten das Urteil des eigenen Anhangs – er oder sie habe wohl nichts Eigenständiges mehr zu bieten und müsse sich jetzt mit fremden Akkorden schmücken. Juliana Hatfield dagegen gilt nicht als sonderlich furchtsamer Mensch, die fünfzig überschritten, weit mehr als fünfzehn Soloalben veröffentlicht, mit Gott und der Welt (oder doch besser mit Tod und Teufel?) gemeinsame Sache gemacht – diese Frau kennt kaum einen Zweifel. Schon im vergangenen Jahr schon hatte sie mit einem kompletten Coveralbum überrascht, nahm sich einfach ihre Lieblingslieder der australischen Grease-Legende Olivia Newton-John vor und spielte sie neu ein, seitdem hat man nicht nur die Originale, sondern auch ihre angenehm dreckigen Versionen von „Get Physical“, „Xanadu“ und „Totally Hot“ im Ohr.

Und nun also The Police. Obwohl, eigentlich sollten es ja Phil Collins und Genesis werden, das hat sie gerade der Grammy-Akademie verraten. Doch dann ist sie bei „Long Long Way To Go“ hängengeblieben, bei dem Sting die Background-Stimme beisteuerte und genau in diesem Moment kam ihr die Erkenntnis, dass The Police wohl doch die größere Herausforderung wären. Und so nahm sie sich sowohl deren sattsam bekannte Hits vor als auch eine Reihe unbekannterer Songs, die bislang nur als B-Seiten erschienen sind. Und verpaßte ihnen eine mal mehr, mal weniger gründliche Überarbeitung. Das Oevre der britischen Band ist ja an sich ein recht überschaubares – fünf Alben (allerdings alle von bestechender Qualität) und ein knappes Dutzend Top-Ten-Hits. Letztere sind dann aber, nachdem sie schon zu ihren Glanzzeiten zu Tode rotierten, durch jeden erdenklichen Fleischwolf gedreht und verwurstet worden, woran die Herren Summers, Copeland und Sting wohl auch nicht ganz unschuldig sind. Wie gemacht also, sich daran die Hände zu verbrennen?

Gut, wirklich misslungen ist ihr keines der Stücke. „Every Breath You Take“ und „De Do Do Do, De Da Da Da”, um mal mit den schwächeren Sachen zu beginnen, bewegen sich vielleicht zu nah am Ursprung, da hat sie wenig Neues hinzuzufügen. Ähnliches läßt sich zu „Landlord“, der Rückseite von „Message In A Bottle“ sagen (das wiederum als einziges Schwergewicht auf der Tracklist fehlt), bei dem sich The Police noch so herrlich punky gaben, dass selbst eine Juliana Hatfield nichts mehr draufzusetzen vermag. Die Abmagerungskur aber, die „Roxanne“ erfahren hat, tut dem Stück unbedingt gut, „Can’t Stand Losing You“ federt ziemlich catchy und der lässige Groove von „Canary In A Coalmine“ macht aus dem relativ unbekannten Song von „Zenyattá Mondatta“ schnell den Favoriten der Platte. Wir halten fest: Je größer der Kontrast zum Original, um so reizvoller die Neubearbeitung.

Zur spannenden Frage, warum sie dieses Lied für ihr Album ausgewählt hat und jenes eben nicht, sagte sie übrigens Folgendes: „Ich habe nach Songs von The Police gesucht, die mir wirklich relevant erschienen, sich aktuell anfühlten, so wie "Landlord" und "Murder By Numbers". Diese Stücke entsprachen auch meiner Wut und meinem Gefühl von der Frustration darüber, wie Menschen mit Macht und Geld diejenigen unterdrücken, die nicht darüber verfügen. Es ist das Übel der herrschenden Eliten, das mich so wahnsinnig wütend macht, daß ich sofort jemandem ins Gesicht schlagen möchte – genau diese Empfindung habe ich versucht, musikalisch zu vermitteln.“ Liebeslieder, so meinte sie weiter, wären da einfach nicht drin gewesen. Am Ende bat sie ihr Gegenüber auch noch um die Auskunft, wer denn ihrer Meinung nach am besten dafür geeignet sei, ein Cover-Album mit Juliana-Hatfield-Songs einzuspielen – die Antwort kam ohne langes Überlegen: „R.E.M. Sie würden es wohl nicht tun, aber es wäre eine Traum – ich würde es für den Rest meines Lebens hören!“



Montag, 25. November 2019

Meret Becker And The Tiny Teeth: Liebesgrüße vom Narrenschiff

Meret Becker And The Tiny Teeth
“Le Grand Ordinaire Tour”

Volkstheater, München, 24. November 2019

„Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe, will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin
bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“


Ganz ehrlich, an Zufall wollte man da kaum glauben. Als um kurz nach acht im Münchner Volkstheater eine freundliche Dame verkündete, der Beginn der Veranstaltung verschöbe sich aufgrund technischer Schwierigkeiten um eine Viertelstunde, war man mit den Gedanken natürlich immer noch bei Meret Becker. Aber eben um 20:15 Uhr dann eben kurz auch bei Nina Rubin – Tatortzeit schließlich. Und auch klar: Wäre das Konzert auf den Sonntag vor zwei Wochen terminiert worden, es hätte wohl einige leere Plätze im Zuschauerraum gegeben. Denn die Rolle dieser Kommissarin, die Becker seit einiger Zeit in der ARD übernommen hat, ist ein solcher Glücksfall, so verletzlich, lebendig, chaotisch und zerrissen, kurz brillant gespielt, dass man sie unter keinen Umständen verpassen möchte. Selbst ihr Partner Mark Waschke alias Robert Karow, zwar als verdammt cooles, aber eben auch ziemlich arrogantes Arschloch gezeichnet, mußte letztens zugeben, sie sei die beste Polizistin, die ihm jemals begegnet sei. D’accord, keine Frage. Und wer jetzt meint, man könne die Folge doch jederzeit in der Mediathek abrufen, der bekommt sofort eine Anklage wegen vorsätzlicher Pointen-Zerstörung an den Hals! Done.

Der Abend begann also etwas später und, siehe oben, mit Thomas Brasch. Was schön war, weil seine Schwester Marion erst kürzlich im Rahmen einer szenischen Lesung mit dem selben, seinem wohl berühmtesten Gedicht im Literaturhaus zugegen war. Hier diente es zur Einführung der Bandmitglieder, den Tiny Teeth, einer Gruppe hochmusikalischer älterer Herren mit so viel komödiantischem Talent wie Fachkenntnis. Obwohl Band, das durfte man schnell erfahren, vielleicht nicht gerade die geeignete Bezeichnung für diese illustre Versammlung ist, denn das Programm beschränkte sich ja nicht auf die ordnungsgemäße Aneinanderreihung einzelner Lieder. Vielmehr handelte es sich um eine überaus unterhaltsame, bis ins kleinste Detail ausgearbeitete und dennoch sehr skurrile Performance aus Gesang, Akrobatik, Cabaret und Clownerie. Und zwar mit den unterschiedlichsten Instrumenten und Requisiten – wir hören und sehen eine Glasharfe, singende Sägen, ein halbes Dutzend Blechtröten, Banjo, Bongo und Ähnliches mehr.

Die Stimmung auf der Bühne pendelt dabei zwischen Jahrmarkt und Narrenschiff, Becker flüstert, schreit, kommandiert, schwelgt und flirtet, obendrein schwingt sie sich zu halsbrecherischen Darbietungen auf einen mehrere Meter über die Bühne angebrachten Ring und sorgte so für spontanen Szenenapplaus. Der war auch der Schlangenfrau (Lieblingswort: Kontorsionistin) sicher, die sich buchstäblich an den eigenen Haaren herbeizog und, an selbigen hängend, allerlei verrückte Figuren turnte. Die Wandelbarkeit, die Beckers Schauspiel auszeichnet, kann sie stimmlich mühelos auch in ihre Songs bringen, von charmant über Gosse ist alles dabei, besonders die Geschichte vom kaputten, blassen Mädchen („Gläsernes Gesicht“) beeindruckt als Hin und Her zwischen zart und derbe. Und weil ein Zirkus auch lustig ist, hat sie selbstverständlich auch ordentlich Spaß in petto – da wird „La vie en rose“ der Piaf nicht nur gesungen, sondern auch gegurgelt, zur Zugabe trifft sich die Band, auf dem Bretterboden sitzend, als geschrumpfte Version mit verkleinertem Arbeitsgerät. Und bevor der Vorhang fällt, leert Becker – das Trinklied, erdacht von Bruder Ben und Harald Juhnke, ist gerade verklungen – eine Halbe auf Ex. Das sei sie dem Ruf ihrer Familie schuldig, so sagt sie. Unsere Hochachtung jedenfalls hat sie sicher.

Sonntag, 24. November 2019

Die Kerzen: Immer bereit

Ach, diese Farben! Moosgrün, senfgelb, altrosa, jeansblau, cremeweiß - Marcus Wojatschke, selbst Mitglied von Die Kerzen aus Ludwigslust, durfte aus dem Vollen schöpfen beim Dreh des aktuellen Videos zu "In der Nacht hat du geweint" vom Poesiealbum "True Love". Genau zum richtigen Zeitpunkt natürlich, denn jetzt kommt die Zeit der Zärtlichkeit und Gefühlsduselei und da kann es nicht schaden, eine Flasche Rotkäppchen oder eine Buddel Pfeffi in Griffnähe zu haben. Wer "Last Christmas" sagt, sollte auch "First Christmas" kennen (zur Erinnerung unten), ansonsten sei noch darauf hingewiesen, dass es mit Karten für die nächste Tour schon wieder knapp wird, es heißt also hinnezumachen, denn diese Band verpaßt man besser nicht.

22.01.  Hamburg, Molotow
23.01.  Köln, Gebäude 9
24.01.  Karlsruhe, Kohi
25.01.  Rorschach, Treppenhaus
27.01.  München, Milla
29.01.  Wien, B72
30.01.  Dresden, Scheune
31.01.  Berlin, Berghain, Kantine



Samstag, 23. November 2019

PAAR: Geduld gefragt

Hier ist ein wenig Geduld gefragt: Das Münchner Post-Punk-Trio PAAR hat gerade sein Video zum Track "Crack" online gestellt - produziert worden ist es von DAS DIKTAT unter Regie von Sebastian Dominik Auer. Der feine Track stammt von der EP "Hone", welche die Band im April dieses Jahres bei Grzegorzki Records in Berlin veröffentlicht hat. Schwierig wird es nun für all jene, die vom Sound derart angefixt sind, dass sie dringend mehr benötigen, denn sie müssen noch eine Weile ausharren. Das Debütalbum ist zwar schon aufgenommen und gemastert und soll nach Auskunft acht neue Stücke enthalten, ein genauer Termin für die VÖ ist aber noch nicht zu bekommen. Das Cover wird wohl, so ist weiterhin zu hören, mit einem Kunstwerk versehen, das Gregor Hildebrandt im Rahmen einer Live-Performance in der legendären Musikabteilung des Münchner Kaufhaus Beck gefertigt hat - auch für "Hone" (s.u.) fand Ähnliches schon Verwendung. Kleiner Trost - im Dezember werden PAAR noch einmal (zusammen mit der Formation Anne) in der Münchner Milla spielen.

22.12.  Milla, München





The Jeremy Days: Gutgelaunte Routine

The Jeremy Days
Ampere, München, 22. November 2019

"Ich kann es mir auch nicht erklären. Menschen sehen sich einen Film einmal an, nach einer gewissen Zeit vielleicht ein zweites Mal, dann reicht es. Aber wenn es um die Musik geht, scheint die Wiederholung Teil des Vergnügens zu sein. Rätselhaft." Dieser Satz stammt nicht von Dirk Darmstaedter, sondern von David Byrne. Erschienen ist er mit einem Interview im Magazin der Süddeutschen Zeitung, just an dem Tag, als The Jeremy Days mit ihrem Konzert in München die Rückkehr auf die Bühne einläuteten. Nun mag der Zusammenhang für manchen vielleicht mit großer Kraft an den Haaren herbeigezogen sein, andererseits läßt sich ein gewisser Bezug nicht von der Hand weisen. Denn Darmstaedters Band, Anfang der 90er die vielleicht verheißungsvollste, weil sehr eigenständige und vergleichsweise unangepaßte Pophoffnung dieses Landes, hatte ja mit dem Titel ihrer Reunion-Tour schon einen kleinen, augenzwinkernden Widerspruch als Motto gewählt: The Unlikely Return. Denn unwahrscheinlich ist die Rückkehr ja nur dann, wenn es niemanden gibt, der sich traut. Diese Herren allerdings wünschten sich unbedingt dahin zurück, wo sie 1996 aufgehört hatten, weil sie bei spontanen Auftritten - der letzte vergangenes Jahr in ihrer Heimatstadt Hamburg - den Spaß und den Spirit wiederentdeckt hatten. Kein Zweifel also, sie wollten es noch mal wissen. Und zwar ausschließlich mit altem Material. Ob David Byrne das nun für gut befunden hätte, steht auf einem anderen Blatt.

Zumal der ja eher die Sicht des Rezipienten in Frage stellt. Was, wenn der Künstler selbst es darauf anlegt, ausschließlich die vergangenen Zeiten aufleben zu lassen? Ist das dann verwerflich? Nun, wir behaupten mal: Nicht, wenn es so sympathisch passiert wie an diesem Abend. Denn ganz offensichtlich hatte die sonst so selbstbewußte Band einigen Bammel. Ob sich genügend Leute fänden, mit ihnen ihre Hits zu feiern? Ob das Zusammenspiel nicht nur im Proberaum, sondern auch auf der Bühne wieder so klappen wollte wie vor vielen Jahren? Und nicht zuletzt, ob denn ihre Songs, denen man das große Potenzial zumindest zur Zeit ihres Erscheinens keinesfalls absprechen möchte, noch tragen, noch funktionieren würden? Die Ängste waren, das läßt sich schnell beantworten, allesamt unbegründet. Der Laden war voll von gutgelaunten Menschen gesetzten Alters, die nun wirklich kein Problem damit zu haben schienen, dass man ihnen ihre Erinnerungen nochmals vorspielte. Musikalisch wirkten die fünf Musiker auf erstaunliche Weise routiniert (der Profi würde wahrscheinlich behaupten, dass man die Veranlagung dazu ohnehin nie verlöre), die Gesten stimmten, die Soli saßen, die Einsätze kamen auf den Punkt - keine Sorge nötig.



Der Grund, weshalb Darmstaedter den Weggefährten das eine oder andere Mal erleichtert zulächelte und ganz am Ende seinem Keyboarder Louis C. Oberlander sogar regelrecht um den Hals fiel, war wohl der Umstand, dass auch der dritte Punkt auf der Rechnung uneingeschränkt aufging: All die Stücke aus zehn Jahren und vier Studioalben kamen prächtig zur Geltung. Und zwar nicht nur das bekannteste von allen - "Brand New Toy" erschien einem sogar, weil eher smooth und zurückhaltend, als eher schwächere Nummer im Vergleich zu aufgekratzten Sachen wie "Are You Inventive?", "Rome Wasn't Built In A Day" und "Silvia Suddenly" (letztlich auch dank der vorbildlichen Arbeit von Jörn-Christof Heilbut an der Gitarre). Man kann darüber streiten, ob es eine so gute Entscheidung war, die Songs so originalgetreu wie möglich zu präsentieren und auf Neuinterpretationen fast komplett zu verzichten - sie hatten es sich genau so vorgenommen und eben das auch angekündigt. Die Stimmung jedenfalls auf und vor der Bühne ausgelassen, beide Seiten waren sich offenbar einig, dass die Rückkehr eine gute Idee war. Ein paar der üblichen Schmeicheleien für den Gastgeber, launige Anekdoten aus der Zeit ohne soziale Vernetzung und am Ende viel Erleichterung. Dirk Darmstaedter muß sich über die kommenden Tage wohl doch keine allzu großen Sorgen machen.

Freitag, 22. November 2019

Stormzy: Dinge beim Namen

Im Sommer fehlte diese Nachricht noch, jetzt können wir endlich nachlegen: Ein wichtiges Grime-Album wird es in diesem Jahr mindestens noch geben, denn Michael Omari aka. Stormzy hat gerade den Titel für sein zweites Album zusammen mit dem Coverentwurf preisgegeben. Demnach soll "Heavy Is The Head" am 13. Dezember erscheinen, von den sechszehn Tracks (u.a. mit Ed Sheeran, H.E.R. und Burna Boy) kennen wir bislang "Vossi Bop" und "Crown", den "Wiley Flow" liefern wir gern noch nach.

Update: Über Coldplay schimpfen, aber Ed Sheeran posten?! Naja, geht so. Im aktuellen Song "Own It" gibt der Wuschelkopf jedenfalls gemeinsam mit Burna Boy die angekündigte Gastrolle und das kann man tatsächlich anhören. Jetzt versuchen ...



Blond: Kümmernisse [Update]

Viel Kummer, viel Freude. Hä?! Naja, das meint natürlich den Felix, weil der kürzlich sein Solodebüt "KIOX" herausgebracht hat und das darüberhinaus auch ein verdammt gutes geworden ist. Und das meint weiterhin die Geschwister Lotta und Nina, auch Kummer, die dem Konzertvolk und allen anderen Musiklovers unter dem Namen Blond (plus Johann Bonitz natürlich) bekannt sind. Popeye, alles klar? Von denen gab es bislang noch gar kein komplettes Studioalbum, was nicht weiter aufgefallen ist, weil sie ja unentwegt die Bühnen dieses Landes rocken. Nun aber ist es bald soweit - am 31. Januar 2020 wird "Martini Sprite" erscheinen und der gute "Thorsten" übernimmt die erste Single.

20.02.  Wien, Fluc
21.02.  München, Hansa39
22.02.  Zürich, Exil
26.02.  Stuttgart, Im Wizemann
27.02.  Wiesbaden, Schlachthof
28.02.  Köln, Gebäude 9
29.02.  Bremen, Lagerhaus
03.03.  Hamburg, Molotow
04.03.  Hannover, Musikzentrum
05.03.  Berlin, Lido
06.03.  Leipzig, Werk 2

Update: Ein Debütalbum herausbringen und gleichzeitig entspannen!? Okay, sie können es ja wenigstens mal versuchen - hier kommt die neue Single "Autogen".





Donnerstag, 21. November 2019

Mit Verwunderung nehmen wir zur Kenntnis ... [03/19]

... dass es ganz offensichtlich möglich ist, Chris Martin und seine Jugendfreunde von Coldplay doch noch ein ganz kleines bisschen liebzuhaben. Nicht für die beiden gerade veröffentlichten Songs ihres neuen Albums "Everyday Life" wohlgemerkt - "Daddy" und "Champion Of The World" sind (wegen Greta-Püppchen und trotz Widmung für Scott Hutchinson) sorgsam abgehangene Schmachtfetzen aus der Champions-League der Tearjerker-Liga und als solche kaum hörbar. Sondern für ihre Ankündigung, solange nicht mehr auf Konzertreise zu gehen, bis sie das Ganze nicht nachhaltig hinbekommen haben, also ganz ohne Plastik, Flugbenzin und Rindergoulasch. Und so, das ist der Zwei-Fliegen-eine-Klappe-Effekt, bleibt uns und der Umwelt gleich in doppelter Hinsicht einiges erspart. Richtig dufte wäre es, wenn Martin das jetzt auch noch Knallchargen wie Dieter Bohlen beibringen könnte, denn der will in diesem und dem nächsten Jahr mit Blue System, seiner vergreisten Konservenkapelle, und DSDS (also Dieter Seine Dilettantischen Statisten) diverse deutsche Großstädte heimsuchen. Ach, da wünschte man sich einen ähnlich aktivistisch veranlagten Bio-Dieter her!





Snowy vs. Jason Williamson: All fucked up

Gerade erst hatten wir aus Anlaß eines Features auf der neuen Scorn-Platte auf all die lobenswerten Kollaborationen von Jason Williamson, Sänger der Sleaford Mods, hingewiesen, da läßt er unsere News schon wieder alt aussehen und veröffentlicht zusammen mit dem Grime-Rapper Snowy einen Track namens "EFFED". Das Video zum agressiv ballernden Stück wurde von Luke Radford und Toby Curson in den Straßen und Hinterhöfen von Nottingham gedreht, denn nicht nur Williamson ist hier zu Hause, auch Snowy stammt aus der Stadt in den East Midlands und gehört seit längerer Zeit zur Grime- und DJ-Szene. Über die Bedeutung des Songtitels muß man nicht großartig rätseln, kurz vor der Wahl zum Parlament ist es beiden ein Anliegen, allen vorzuführend, wie "fucked" die große wie die kleine Welt in ihren Augen ist.

Nick Cave: Unermüdlich

Noch so einer, von dem man nicht genug bekommt: Mittlerweile gehören seine kleinen Antworten und Aufsätze im Blog "The Red Hand Files" zur allmorgendlichen Lektüre - Nick Cave ist so produktiv wie selten und läßt seine Fans in Fülle daran teilhaben. Zuerst die klanggewordene Trauerarbeit seines aktuellen Albums "Ghosteen", dann die dazugehörige Konzertreise für das kommende Jahr und nun die Nachricht, dass 2020 zwei weitere Einträge im Kalender fällig werden. Zum einen wird es in Kopenhagen vom 23. März bis 3. Oktober eine von ihm co-kuratierte Ausstellung über sein Lebenswerk geben. Desweiteren verkündet der Verlage Canongate, im März eine von Cave selbst illustrierte Autobiographie mit dem Titel "Stranger Than Kindness" zu veröffentlichen - zeitgleich also mit der Schau und gefüllt mit dem dort gezeigten Material. Da gehen die Gedanken natürlich nicht nur zu Cave's eigenen Büchern, sondern auch zu Reinhard Kleists Graphic Novel "Mercy On Me", 2017 im Carlsen Verlag erschienen.

Tindersticks: Vertrauter Nucleus

Tindersticks
"No Treasure But Hope"

(City Slang)

Ein trauriger Mann will er ja offensichtlich nicht sein, melancholisch träfe wohl eher seine Zustimmung: Stuart A. Staples, Sänger und Songschreiber bei den Tindersticks, hat in einem Interview mit dem uMag gerade dem Eindruck widersprochen, die neue Platte sei eine ganz besonders betrübliche geworden. Seine Band habe, so sagte er, in dieser Beziehung schon weitaus extremeres Material veröffentlicht (womit er durchaus Recht hat), überhaupt sei er als Mittfünfziger zwar ein realistischer, aber beileibe kein hoffnungsloser Mensch. Ein kleiner Funke Zuversicht, so Staples weiter, sei immer vorhanden und auch dringend notwendig, anders ließe es sich in dieser verrückten Welt gar nicht aushalten, wäre alles nutzlos. Einerseits. Andererseits kann man sich schon vorstellen, dass Staples als leidenschaftlicher Empathiker am Zustand unseres Planeten, an der Unmenschlichkeit (die ja wiederum typisch menschliche Züge trägt), der grassierenden Verrohung leidet wie ein Hund. Und so finden sich auf dem neuen, elften Album seiner Band die todtraurigen neben den hoffnungsvollen Momenten, porträtiert er deutlicher als je zuvor sein Land, seine Mitmenschen, seine Umwelt in nachdenklichen, oft düsteren Tönen und setzt dennoch kleine Lichtpunkte auf die Karte.



Staples hat die Platte, auch das ist zu lesen, fast zur Gänze auf der griechischen Insel Ithaka geschrieben (bei jeder Menge Zigaretten und Metaxa), also inmitten jenes Wassers, von dem er dann singt. So kontrastieren in "See My Girls" die bunten Bilder weiter Reisen seiner Kinder (er hat fünf davon) mit der jüngsten, mörderischen Geschichte des Mittelmeeres, wo so viele Menschen auf der Flucht ihr Leben ließen und lassen. Und so wie er diesen Gegensatz selbst erlebt hat, so flechtet er auch in die anderen Songs sowohl Bilder der Tristesse, der Ernüchterung, des Niedergangs und eben auch solche des Zukunftsglaubens ein. Im Titelstück hat er den besagten Funken zwischen all den deprimierenden Zeilen versteckt, dort steht neben Worten wie "No love in our streets, only fear in our hearts" und "Too hungry to think of providence, too angry for the consequence" auch der kurze Hinweis "The trick is the escaping". Flucht also. Eskapismus. Oder, wohlwollender betrachtet, vielleicht die Hinwendung zu den naheliegenden Sachen, den kleinen Augenblicken des Glücks.



Bedingungslose Liebe also ("For The Beauty"), verzehrende Sehnsucht, Erinnerungen natürlich ("Carousel") und auch der Appell, auf das Träumen achtzugeben (und nicht nur auf die Träume, wohlgemerkt): "And when the ground gets shaky, and the world seems wrong and everyone is faking, that’s when you learn to be strong. And take care in your dreams, take care when you dream, take care with your dreams, be there in your dream." Wunderbare Lieder allesamt, bei denen nach und nach auffällt, wie vertraut einem der Sound mittlerweile geworden ist. Und wie bekannt - denn könnte nicht auch Sven Regener hier und da seine Trompete zücken und an Stellen, wo Staples anmutig sanft croont, seine schnarrende Stimme beisteuern? Das letzte Album "The Waiting Room" war ja zu einer Art multimedialem Projekt angewachsen, dieses hier ist wieder genügsamer geworden, beschränkt sich gleichsam auf den Kern, auf das, was die Tindersticks seit Anbeginn ihrer Karriere in den Neunzigern ausmacht. Verbraucht oder gar langweilig wirken sie deshalb noch lange nicht, man kann und will ihnen - das ist die gute Nachricht - immer noch zuhören.

04.02.  Berlin, Kammermusiksaal
18.04.  Bochum, Schauspielhaus
19.04.  München, Prinzregententheater
20.04.  Hamburg, Laeiszhalle
05.05.  Genf, Alhambra
06.05.  Winterthur, Casino Theatersaal
09.05.  Wien, Theater Akzent
10.05.  Wien, Theater Akzent

Arlo Parks: Das nächste Versprechen [Update]

Über diese junge Dame hier müssen wir zumindest Stammlesern nichts mehr erzählen. Arlo Parks hat im Frühjahr mit ihrer EP "Super Sad Generation" wohl auch die letzten Skeptiker von ihrem nachhaltigen Talent überzeugen können - Stimme, Songwriting, sanfter Groove, hier stimmt(e) einfach alles. Nun wird es bald ein neues Kurzformat namens "Sophie" geben, am 29. November soll es bei Transgressive erscheinen und die Single "Second Guessing" ist mitsamt einem Video schon mal ein ziemlich großes Versprechen.

28.09.  Hamburg, Mojo Club
29.09.  Berlin, Columbia Theater
01.10.  Köln, CBE

Update: Und da ist er dann, der Titeltrack der neuen EP. Ein Song, in dem es um Erwartungen geht, denen man sich ausgesetzt fühlt, die man nur schwer erfüllen kann. Und auch um das kleine bisschen Hoffnung, doch bestehen zu können ... Und weiter gleich mit dem nächsten Stück, einer Liebeserklärung an einen sehr engen Freund - "Angel's Song".


Mittwoch, 20. November 2019

Nada Surf: Gern gemeinsam weiter

Bei der Abfrage, welches denn wohl die beliebteste Gitarrenpop-Platte der letzten Dekaden sein könnte, hat diese hier größte Chancen, die meisten Stimmen zu sammeln: Vor ungefähr fünfzehn Jahren ist "Let Go", das Konfetti-Album der New Yorker Kapelle Nada Surf, erschienen. Das war zu einer Zeit, da man Tonträger noch verschenken durfte, mit diesem konnte man sicher nichts falsch machen und die Single "Inside Of Love" ließ sich bedenkenlos auf jedes Mixtape (noch so eine ausgestorbene Spezies) packen. Das Quartett will nun dieses Jubiläum feiern und wird deshalb 2020 auf ausgedehnte Konzerttournee (teilweise als Support für Madsen *) gehen, mit im Gepäck ein niegelnagelneues Werk namens "Never Not Together", geplant für den 7. Februar des kommenden Jahres. Hier also die Termine und der erste Vorabsong "Something I Should Do" im Stream.

27.02.  Köln, Live Music Hall
03.04.  Hannover, Swiss Life Hall (*)
04.04.  Leipzig, Haus Auensee (*)
05.04.  Wien, Arena
06.04.  Stuttgart, Im Wizemann
08.04.  Zürich, Dynamo
09.04.  München, Muffathalle
10.04.  Berlin, Columbiahalle (*)
11.04.  Berlin, Metropol
12.04.  Hamburg, Fabrik
17.04.  Bremen, Pier 2 (*)
18.04.  Dortmund, Warsteiner Music Hall (*)





Baxter Dury: Weg mit der Formel!

Es gibt Neues von dem Mann, der die Anzüge so lässig zu tragen weiß wie Bryan Ferry, aber um einiges fertiger ausschaut: Baxter Dury hat für den 20. März ein neues Album angekündigt, es ist der Nachfolger von "Prince Of Tears", seiner letzten Platte aus dem Jahr 2017 und einer Zusammenarbeit mit Étienne De Crecy und Delilah Holliday unter dem Namen B.E.D. "The Night Chancers" soll sich laut Dury deutlich von den bisherigen Platten unterscheiden: "Musikalisch bin ich einen großen Schritt weitergekommen", sagte er Brooklyn Vegan, "Ich hatte eine Formel für die vorherigen Sachen, aber damit ist es jetzt vorbei. Alles mündete in dem Sound von "Prince Of Tears", den muß ich also jetzt nicht noch einmal machen. Ich habe etwas anderes gemacht, etwas Neues, und Spaß dabei gehabt - obwohl das Orchester verdammt teuer war!" Wohin die Reise geht, läßt sich auf der ersten Single schon erkennen, "Slumlord" pendelt tatsächlich zwischen Ferry und Bowie, wer sich das ganze auch live nicht entgehen lassen will, kann schon mal die folgenden Termine notieren. Das Video zum Song stammt übrigens von Tom Haines, der auch schon mit New Order, Temper Trap und den Wild Beasts gedreht hat.

04.05.  Hamburg, Mojo Club
05.05.  Berlin, Kesselhaus
06.05.  Köln, Gebäude 9