Freitag, 11. Juni 2021

Lorde: Sommer, Sonne und Selbstermächtigung

Kleiner Exkurs zu Beginn, denn so sieht es aus - ein neuer Song von Lorde, ein neues Album next, aber die Welt diskutiert über das Coverbild. Wir vermuten: Vielleicht ist es ja im Subtext auch ein Stück weit die Art von Selbstbestimmung, die eine Billie Eilish als nächste Ausbaustufe erst kürzlich mit ihren Vogue-Aufnahmen gezündet hat: "My thing is that I can do whatever I want”, hatte die Amerikanerin dazu kommentiert. "It’s all about what makes you feel good. If you want to get surgery, go get surgery. If you want to wear a dress that somebody thinks that you look too big wearing, fuck it – if you feel like you look good, you look good." Und weiter: "Suddenly you’re a hypocrite if you want to show your skin, and you’re easy and you’re a slut and you’re a whore. If I am, then I’m proud. Me and all the girls are hoes, and fuck it, y’know? Let’s turn it around and be empowered in that. Showing your body and showing your skin – or not – should not take any respect away from you." Mach also, was dir gefällt, womit du dich wohlfühlst und gib einen Fick auf die Reaktionen - sieht ganz so aus, als hätte auch Lorde das verinnerlicht. Vier Jahre nach "Melodrama" erscheint nun jedenfalls am 20. Juni mit "Solar Power" die dritte Studioplatte der Neuseeländerin und wie der Name und das leicht esoterisch angehauchte Video zum Titelsong vermuten lassen, handelt es sich dabei um die Sommerplatte schlechthin. Eine Feier von Natur und Natürlichkeit soll es werden, good vibrations in der XXL-Packung. Mit dabei beim Happening Phoebe Bridgers und Clairo, an den Reglern Jack Antonoff.





Sinead O'Brien vs. Paul Banks: Besondere Mischung

Schön, wenn die Dinge zueinander finden: Von Paul Banks, dem umtriebigen Sänger der New Yorker Wave-Kapelle Interpol, hätte man in letzter Zeit ja gern etwas mehr gehört, zuletzt stand das zugegebenermaßen fabelhafte Debüt seines Side-Projects MUZZ auf dem Programm (2020), zudem kollaborierte er Anfang des Jahres mit Tristan Bechet aka. TRZTN - von Interpol selbst gab es 2019 die EP "Fine Mess". Sinead O'Brien wiederum war erst kürzlich im Gespräch, im April präsentierte die irische Musikerin ihre neue Single "Kid Stuff", nachdem ihre EP "Drowning In Blessings" ein Jahr zuvor für einiges Ausehen gesorgt hatte. Was beileibe keine Selbstverständlichkeit ist, denn die Kombination von Post-Punk und Spoken-Word-Performance ist sicher nicht das übliche Radiofutter. Doch das könnte sich noch ändern, auch hierzulande hat das Genre ja bekanntlich an Zulauf gewonnen, während auf der Insel nicht nur "Irish Sprechgesang Punk" (Loud And Quiet) schon seit längerer Zeit eine kleine Erfolgsgeschichte ist. Jedenfalls haben beide für besagten Song nun gemeinsame Sache gemacht, Banks spielte einen Remix ein und wir hören natürlich gern zu.



Diamond Thug: Nach dem Schmerz

Woran es in den letzten Monaten nicht mangelte, waren Lebenszeichen von Künstler*innen aus der Quarantäne - kein Wunder, war es doch der einzige Weg, sich in Erinnerung zu bringen, im Gespräch zu halten, wo Konzerte nicht möglich und Studioaufnahmen nur sehr eingeschränkt machbar waren. Manche Formate nutzten sich recht schnell ab, Bestand hatte immer das, was auch von hoher Qualität war. Und dazu zählten auch die Songs, welche die südafrikanische Band Diamond Thug für ihre Fans einspielte - zuletzt die wunderbaren Stücke "Backpush" und "Empty Streets". An Ideen hat es der Gruppe um Sängerin Chantel Van T ja nie gemangelt, Bestätigung kann sich, wer mag, gern noch mal beim Debütalbum "Apastron" und der EP "Gaiafy" abholen. Oder auch bei der aktuellen Single "Purple Skies". Das Lied wird von einem epischen Video unter der Regie von Meghan Daniels flankiert, mit eindrücklichen Bilder besingt Van T ein uraltes Thema, den Schmerz beim Verlust geliebter Mitmenschen und die Schwierigkeiten, damit und danach weitzerzuleben.



Isolation Berlin: Wenn Männer spielen

Okay, sehen wir mal von dem Fingerzeig mit dem grob geschnitzten Zaunspfahl ab (Start heute Fußball-EM), ist die neuerliche Rückmeldung von Isolation Berlin sehr, sehr erfreulich. Zumal sie mit dem Hinweis verbunden ist, dass am 8. Oktober bei Staatsakt das dritte reguläre Studioalbum der Band erscheinen wird. Und so eine Nachricht macht nicht mal der mögliche und ziemlich hypothetische Gewinn der europäischen Kickmeisterschaft wett. "Geheimnis" wird die Platte heißen und elf mutmaßlich überaus gelungene Songs aus der Feder von Tobias Bamborschke enthalten. Einen haben wir ja mit "(Ich will so sein wie) Nina Hagen" schon vorhören dürfen und nun eben "Ich hasse Fußballspielen" über falsch verstandene Männlichkeit. Anders als der andere Newcomer des Tages zum Thema Diversität (Drangsal mit "Mädchen sind die schönsten Jungs") kommt Bamborschke ohne alle Plattheiten aus und braucht für seine Reime auch keinen Holzhammer. Jetzt wollen wir noch hoffen, dass bald auch ein paar Livetermine folgen und dann kann der Sommer endlich kommen!





Donnerstag, 10. Juni 2021

Telquist: Slacker mit Ehrgeiz

Telquist
„Wild Haired“

(Blickpunkt Pop)

Unverwechselbarkeit ist ein wertvolles Gut und im Pop von heute, wen wundert’s, eigentlich kaum mehr zu bekommen. Es kann aber durchaus von Vorteil sein, wenn man sich wenigstens ein paar markante Eigenheiten draufschafft, Stichwort: Wiedererkennungseffekt. Das steigert nicht nur die Kundenbindung (hier also die Treue der Anhängerschaft), sondern ruft auch diejenigen auf den Plan, die seit jeher auf der Suche nach außergewöhnlichen Talenten sind. Genau das scheint mit dem Regensburger Musiker Sebastian Eggerbauer und Münchens Labelchef Marc Liebscher passiert zu sein – beide auf der Suche nach dem, was man gern als „Mojo“ bezeichnet, also das ultimative Glücksgefühl, den besonderen Dreh. Eggerbauer hatte 2017 unter dem Pseudonym Telquist mit seinem Debüt „Strawberry Fields“ für ein erstes Ausrufezeichen gesorgt – klug verfrickelter Sample-Pop, den man ein paar Kilometer weiter im oberbayerischen Weilheim mit The Notwist fast schon zur Perfektion entwickelt hatte. Der hier aber (noch bei Wohnzimmer Records beheimatet), mit Reggaetunes angereichert und einer speziellen, sehr lässigen Slacker-Attitüde versehen, eine ganz eigene Strahlkraft entfaltete.



Wie so viele durch die Wirren der Pandemie wohl ein wenig ausgebremst, ist Eggerbauer dann doch bei Blickpunkt Pop gelandet und hat für sein zweites Album besagte Eigenheiten verfeinert. Alles das, was der Waschzettel zur Platte durchaus großspurig anmerkt, lässt sich tatsächlich erkennen bzw. -hören: Die Verwandtschaft zum großartigen Loser-Gedengel eines Beck Hansen, die brüchige, trotzige Stimme von J. Mascis und die spielerische Finesse der Sophtware-Spezialisten Grandaddy, auch Milky Chance sind natürlich in der DNS zu finden. Um noch eins draufzusetzen – Telquist klingt ein wenig so, als habe man Phoenix auf Valium gesetzt, ohne sie in ihrem Einfallsreichtum zu beschneiden, alles ungemein clever arrangiert, mit ein paar glitzernden Hooks versehen, nie langweilig. Ab und an versucht sich Eggerbauer auch mal an einem Rap und auch das gelingt ihm (auf seine eigenwillige, verschlafen-nölige Art) ganz gut. Die übers vergangene Jahr vorveröffentlichten Singles „Trash Talk“, „Taste“, „Mojo“ (ja, eben) und „Am I Right“ haben allesamt genügend Potential für längere Durchlaufzeiten auf den einschlägigen Kanälen, live soll der Junge eine respektable Band zur Unterstützung dabeihaben. Es könnte also durchaus sein, dass sich hier die Richtigen gefunden haben, um aus einem Überraschungscoup ein nachhaltiges Projekt zu machen.

28.10.  München, Milla
29.10.  Augsburg, Kantine
30.10.  Köln, Luxor
06.01.  Nürnberg, Club Stereo
07.01.  Berlin, Badehaus
08.01.  Hamburg, Hebebühne
15.01.  Regensburg, Mälzerei



Suuns: In alter Gewohnheit

Wir geben zu, als im letzten Jahr die EP "Fiction" erschien, da waren wir ein klein wenig enttäuscht - wir hätten uns durchaus mehr gewünscht. Weil man eben von dem Sound der kanadischen Band Suuns niemals genug bekommen kann. Fast so, als hätten sie das Flehen und Hoffen erhört (so träumt man sich das eben zusammen), wird es nun am 3. September via Joyful Noise Recordings tatsächlich ein weiteres, ihr fünftes Album geben. "The Witness" erscheint mit acht neuen Stücken und wird von einer kleinen Tour begleitet, welche die verbliebenen drei Musiker Ben Shemie, Liam O'Neill und Joseph Yarmush auch für vier Termine nach Deutschland führen wird. Fast unnötig zu erwähnen, dass die erste Single "Witness Protection" (Video unter Regie von Antoine Dasseville) von gewohnt betörender Qualität ist, so kann es gerne weitergehen.

01.11.2021  Köln, Bumann und Sohn
02.11.2021  Berlin, Lido
06.11.2021  Hamburg, Hafenklang
07.11.2021  Schorndorf, Manufaktur



Mittwoch, 9. Juni 2021

070 Shake: Endlich nachgeholt

Als Danielle Balbuena alias 070 Shake vor anderthalb Jahren mit ihrem Album "Modus Vivendi" um die Ecke kam, waren nicht nur wir hier einigermaßen hingerissen von der Kraft der Musik, dem Willen, den Rhymes, ein fach allem, was diese junge Frau aus New Jersey verkörperte. Bald danach durchkreuzte bekanntlich ein doofes Virus so ziemlich jeden Plan, als Künstlerin auf üblichem Wege bekannter zu werden. Das allerdings will sie jetzt nachholen - Mitte September startet sie ihre Welttournee, die sie zunächst durch die Staaten und später nach Europa bringen wird.

01.12.  Berlin, Berghain
03.12.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
09.12.  Köln, Kantine





Deafheaven: Nicht das Erwartbare

Fast hätten sie uns soweit gehabt, fast wären wir vom Glauben abgefallen: Man hat ja nun schon einige Wandlungen mitgemacht, manche zum Schlechteren, andere zum Besseren. Dass sich eine eingeschworene Hardcore-Kapelle wie Ceremony beispielsweise ziemlich abrupt dem Post-Punk, Wave und sogar Pop zuwendet, war nur im ersten Moment befremdlich, sie haben den Schwenk tatsächlich sehr gut hinbekommen. Dass dies den Blackgazern von Deafheaven auf ähnlich überzeugende Art geglückt wäre, ist reine Spekulation, denn glücklicherweise ist der Versuch dann doch ausgeblieben - vorerst. Die neue Single "Great Mass Of Color" jedenfalls lässt uns lange Zeit im Ungewissen, wohin denn die Reise der Kalifornier gehen mag, alles beginnt verträumt und zart und sehr, sehr melodisch, ganz fünf Minuten wartet man eigentlich nur auf den einen, großen Knall. Der dann tatsächlich auch kommt - wütendes Geschrei, brutales Gitarrenfeedback, wieder zu Hause. Das Quintett um Sänger George Clarke ist allerdings bekannt dafür, im eigenen Metier mit viel Lust zu irritieren, das Typische, schablonenhaft Erwartbare ist ihnen ein Graus. Insofern darf man sicher auch von dem neuen Album "Infinite Granite" einiges an Überraschung erwarten, am 20. August kommt der Nachfolger von "Ordinary Corrupt Human Love" via Sargent House.



Dienstag, 8. Juni 2021

Big Thief: Seltener Besuch

Das hier fällt unter die Kategorie Service-Post: Die überaus großartige Folkrock-Band Big Thief um Sängerin und Solistin Adrianne Lenker hat für den Anfang des kommenden Jahres Daten für die Europa-Tour bekanntgegeben. Und auch wenn von dem New Yorker Quartett nach vier Alben aktuell sonst keine Neuigkeiten - meint neue Platte oder neue Single - zu vermelden sind, ist das schon Grund zur Freude genug, denn so häufig kommen sie ja nun mal nicht vorbei. Material zum ausgiebigen Vortrag gibt es reichlich, die beiden letzten Veröffenlichungen "U.F.O.F." und "Two Hands" stammen beide aus dem Jahr 2019 und waren (wen wunderts) formidabel. VVK startet am Freitag dieser Woche, zur Einstimmung gibt's hier eine wunderare Coverversion "Off You" von The Breeders.

09.02.  Zürich, Kaufleuten
10.02.  München, Muffathalle
13.02.  Berlin, Huxley's
16.02.  Hamburg, Fabrik
18.02.  Köln, Live Music Hall

Samstag, 5. Juni 2021

Glass Animals: Erweiterte Nacharbeit

Die halbe Stunde sollte man sich ruhig mal nehmen, schließlich reden wir hier nicht von irgendeiner Band mit einem beliebigen Album. Sondern von den Glass Animals und ihrem im vergangenen Jahr erschienenen phänomenalen "Dreamland". Von dem man schon so kaum genug bekommen konnte und kann. Und das mittlerweile so viele wunderbare Ableger kennt, die alle zusammenzufassen selbst diesen Rahmen sprengen würde. Deshalb hier ein paar der schönsten Beispiele, einige schon älter, ("Heat Waves" von Diplo, "Tangerine" mit Arlo Parks und "Heat Waves" plus Iann Dior), andere frisch aus dem Netz, so der Clip zu "Space Ghost Coast To Coast", der gleiche Song zusammen mit Bree Runway und ganz neu "Tokyo Drifting" im Oliver Malcolm Remix. Tune in!











Nation Of Language: Die richtige Mischung

Als ihr Debtalbum "Introduction, Presence" im vergangenen Jahr erschien, da konnte man als Kind der 80er endlich mal stolz aufblicken und denen, die immer noch behaupten, in dieser Zeit wäre nichts Wegweisendes erschienen, frech ins Gesicht lachen - seht ihr, so klingt es, wenn man die richtigen Vorbilder wählt. Um so schöner, wenn damit noch nicht Schluss ist. Denn den beiden Standalone-Tracks der vergangenen Monate folgt nun der Hinweis auf ein neues Album von Nation Of Language. "A Way Forward" soll am 5. November kommen und "Across That Fine Line" ist seine erste offizielle Single. wie man liest, haben Ian Devaney (Gesang, Gitarre, Perkussion), Aidan Noell (Gesang, Synths) und Michael Sue-Poi (Bass) viel deutschen Krautrock und frühe Elektronik á la Kraftwerk und Neu! gehört, man darf also einmal mehr gespannt sein.



Chvrches: Frau in Rage [Update]

Ja, es ist Pop, aber ... Lauren Mayberry, Frontfrau des schottischen Trios Chvrches, hat sich Zeit des Bestehens ihrer Formation daran abgearbeitet, dass sich radiotaugliche Tanzmucke und gesellschaftlich relevanter Diskurs nicht ausschließen. Feminismus war und ist ihr Auftrag und wer meint, das passe nicht zum Stil ihrer Band, der durfte sich in Streitgesprächen gern den einen oder anderen leidenschaftlichen Spruch abholen, deutliche Worte inklusive. Gerade haben die drei mit "He Said She Said" einen neuen Track abgeliefert und das Statement dazu hat von Ungeduld, Enttäuschung und Kampfeswillen alles zu bieten, was man oder eben Mann (oft nicht) hören möchte: "Like everyone, I’ve had a lot of time to think and reflect over the past year; to examine experiences I had previously glossed over or deeply buried,” erzählt sie in den Linernotes. "I feel like I have spent a lot of my life (personally and professionally) performing the uncomfortable balancing act that is expected of women and it gets more confusing and exhausting the older I get." Und weiter zur Sichtweise der Männerwelt: "Be successful but only in the way we want you to be. Speak up for yourself but not so loudly that you steal men’s thunder. Be attractive but only for the benefit of men, and certainly don’t be vain. Strive to be The Hot Sad Girl but don’t actually be sad in a way that’s inconvenient for anyone. Be smart but not smart enough to ask for more than what you’re being given." Zum Song selbst heißt es dann: "'He Said She Said' is my way of reckoning with things I’ve accepted that I know I shouldn’t have. Things I pretended weren’t damaging to me. It was the first song we wrote when we started back up, and the opening line ("He said, You bore me to death") was the first lyric that came out. All the verse lines are tongue-in-cheek or paraphrased versions of things that have actually been said to me by men in my life. Being a woman is fucking exhausting and it felt better to scream it into a pop song than scream it into the void. After the past year, I think we can all relate to feeling like we’re losing our minds." Noch wissen wir nicht, was dem Song folgen wird, weniger spannend als das hier wird es mit Sicherheit nicht werden. Eine Hoffnung übrigens, die sich auch aus dem allzu glatten Auftritt mit dem Album "Love Is Dead" aus dem Jahr 2018 speist.

Update: Die zweite Single ist dann tatsächlich gemeinsam mit Gothfather Robert Smith aufgenommen, hier kommt "How Not To Drown". Das neue Album soll übrigens am 27. August bei Glassnote Records erscheinen und "Screen Violence" heißen.



Freitag, 4. Juni 2021

Jungle: Schluss mit dem Gerede

Und weil es Sommer und Wochenende zugleich ist, geht schnurstracks (sagt man das noch?) weiter mit dem nächsten Uberhit und wer könnte den passgenauer liefern als das Londoner EDM- und Neosoul-Duo Jungle? Kürzlich hatten diese ja ihr drittes Album "Loving In Stereo" für Mitte August angekündigt, der erste (und durchaus programmatische) Vorabtrack "Keep Moving" ließ schon auf das Beste hoffen und nun kommt mit "Talk About It" schon der nächste Song, der diese Hoffnung noch befeuern sollte. Im Video von J Lloyd und Charlie Di Placido wird aus einem Stuhlkreis im Handumdrehen eine erstklassige Tanzperformance - ein schön anzuschauendes Sinnbild vielleicht auch dafür, dass der Zeit des Redens und Diskutierens endlich die Aktion folgen sollte - raus geht's!





Pa Salieu vs. Slowthai: Doppelter Stachel

Da haben sich wohl die Richtigen gefunden: Der britische Rapper Pa Salieu, seit seinem Durchbruch mit dem Track "Frontline" bekannt für unkonventionellen Stil und trockene Punchlines, hat sich für die Single "Glidin'" mit Tyron Kaymon Frampton, besser bekannt unter seinem Pseudonym Slowthai, zusammengetan. Beide aufgrund ihrer Herkunft geborene Außenseiter, Salieus Familie stammt aus Gambia, Slowthais Mutter vom Inselstaat Barbados, sind sie prädestiniert dafür, der Stachel im Fleisch des britischen Selbstverständnis neonationaler Prägung zu sein. Und so lassen sie es bei ihrer ersten Kollaboration denn auch richtig knacken, krachen und zucken - feinstes Hitfutter für ein ausgelassenes Wochenende.



Friedberg: Pop-Minimalismus [Update]

Vieles auszuprobieren ist per se mal gar nicht so schlecht. Denn in der Regel ist bei dem Vielen, das man dann vorweisen kann, im günstigsten Fall auch einiges dabei, das richtig gut gelungen ist. Anna Wappel aus der österreichischen Steiermark hat in ihrem noch recht jungen Leben (sie ist erst Mitte dreißig) schon ziemlich viel probiert, musikalisch sowieso, aber auch schauspielerisch. Dass sie sich 2019 aus den diversen Möglichkeiten dann die hier maßgeblich relevante, also die Band Friedberg (benannt nach ihrem Geburtsort), herausgesucht hat, war sicherlich nicht die schlechteste Wahl. Schon zuvor und später gemeinsam mit ihren neuen Kolleginnen Emily Linden, Laura Williams und Cheryl Pinero ist sie viel herumgekommen, hat/haben sie zunächst die Songs "Go Wild" und "BOOM" eingespielt und mit ihnen wohl getestet, ob der Laden denn ans Laufen kommt. Kam er, und so gibt es jetzt eine Debüt-EP "Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah", auf der sich neben dem im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichten Stück "Pass Me On" und dem aktuelleren "Lizzy" auch die neue Single "Midi 8" befinden wird. Und eben die hat uns Friedberg wieder auf den Radar gebracht, denn deren Sound ist von erfrischender und unkonventioneller Reduziertheit, LoFi-Pop plus Billo-Kulisse, das wirkt nicht ganz so drüberpoliert wie zuletzt. Wir bleiben also mal besser dran...

Update: Wir wissen zwar nicht, wie es um die Schmerztoleranz unserer Leser*innen so bestellt ist, wenn es um Arztbesuche geht, aber weil Friedberg heute mit dem Titelsong ihrer EP einen eher entspannten Auftritt im Wartezimmer empfehlen, schließen wir uns dem mal an. Die Animationen des Videos stammen von Patricia Luna und der Tanz durch die Zahnreihen zu entspannt funkigen Akkorden geht dann auch mehr als in Ordnung ... Dass sie es durchaus auch ernst und ganz und gar unpoppig können, zeigt die Auskopplung "Your Hollywood", das Video in grobkörniger 16mm-Optik entstand unter Regie von Megan Courtis und Antonio Pedro.

14.11.  Köln, Blue Shell
15.11.  Berlin, Badehaus Szimpla
16.11.  Hamburg, Nochtspeicher
18.11.  Schaffhausen, TapTab
19.11.  Basel, Humbug
20.11.  Aarau, Kiff
22.11.  Wien, Wuk Foyer







IDER: Ganz offiziell [Update]

Da hatten wir doch gedacht, das wäre es schon gewesen mit den Ankündigungen, aber so richtig los ging es dann doch erst heute: Im Oktober vergangenen Jahres meldete sich das Synthpop-Duo IDER aus Berlin mit einem Lockdown-Song namens "Saturday," zurück, Corona noch in den Knochen, aber schon wieder auf dem Wege der Besserung und voller Tatendrang. Von einem neuen Album allerdings war da noch nicht die Rede, diese Nachricht haben wir also jetzt auf dem Tisch. Denn der Nachfolger zum Debüt "Emotional Education" wird "shame" heißen und begleitet werden von acht Songs (zu denen das letztgenannte nicht einmal gehört). Eine Einstiegssingle haben wir mit "Cross Yourself" auch im Angebot, breakbeatartiger Sound, das wohlbekannte Gesangsdoppel von Lily Somerville und Megan Markwick - das wird sicher etwas Gutes werden.

Update: Nun steht also mit dem 6. August auch ein Veröffentlichungsdatum für das Album fest, begleitet wird die Nachricht von der nächsten Single "Bored" - das Video ist in eine Shot in den Straßen von Walthamstow. Thematisch ist der Song als Frustrationsbewältigung über die Zustände in der Musikindustrie angelegt, auch und gerade für angehende junge, weibliche Popstars wie IDER.



Donnerstag, 3. Juni 2021

Billie Eilish: Bitte Abstand halten [Update]

Kann ja gar nicht schaden, wenn wir hier schon mal so eine Art Platzhalter anlegen, bevor der Sturm losbricht: Gerade nämlich hat die schwerstverehrte Billie Eilish mit einem fünfzehnsekündigen Clip und gerade mal elf Worten für ein ordentliches Durcheinander gesorgt - knapp vier Millionen Klicks und ebensoviele Hyperventilationen. Klar ist soweit - am 30. Juli diesen Jahres kommt das lang ersehnte zweite Album der Kalifornierin und es wird genauso heißen wie die Textzeile, die gerade wie wild im Netz rotiert, "Happier Than Ever". Eine Ankündigung, die kein Stück zu früh kommt, hatten sich doch schon einige gefragt, ob denn außer dem formidablen Debütalbum "When We Fall Asleep, Where Do We Go?", einem leidlich überraschenden Bondsong, ein paar feinen Kollaborationen und dem Biopic "The World's A Little Blurry" noch etwas zu erwarten ist von der Senkrechtstarterin. Alle Sorge umsonst also, die Medienmaschine läuft an und in den nächsten Tagen werden wir an dieser Stelle sicherlich mehr liefern können als den Miniteaser.

Update: Und das ist er dann, der erste Song - "Your Power", das Video mit der Schlange ist in Eigenregie entstanden ... Gefolgt von Single Nummer zwei "Lost Cause".





Dienstag, 1. Juni 2021

Anika: Können oder müssen?

Man liegt sicher nicht ganz falsch mit der Annahme, hier habe jemand den Glauben an das Gute im Menschen noch nicht verloren. Schließlich singt Annika Henderson, kurz Anika, britische Künstlerin und Wahlberlinerin, ja nicht davon, dass wir alle uns ändern müssten. Nein, "I think we can change" heißt es im Titelsong ihres gerade angekündigten, neuen Albums, das am 23. Juli bei Sacred Bones und Invada Records erscheinen wird. Und das eben ist ein Unterschied. Andererseits dürfte das angesichts der Verirrungen und Verwerfungen, welche gerade in Pandemiezeiten sehr oft zutage treten, ziemlich viel Arbeit sein, insofern wird sie sich mit den Textzeilen, die sie mit ihrer herrlich kühlen Stimme wie ein Mantra wiederholt, vielleicht auch ein Stück weit selbst Mut machen wollen. Dazu passen auch ihre Gedanken, die man im Pressestatement zur Veröffentlichung lesen kann: "Dieses Album war schon eine Weile geplant und die Umstände seiner Entstehung waren ganz andere als erwartet", sagt Anika dort. "Und eben das hat die Platte ganz erheblich bestimmt ... Sie [die Texte] sind ein Ausbruch von Emotionen, Ängsten, Ermächtigung und von Gedanken wie - wie kann das weitergehen? How can we go on?" Zum Titel selbst heißt es: "Es gibt eine Menge Sachen, die ich ändern möchte. Einige davon, die ich mir letztes Jahr vorgenommen habe, muss ich an mir und meinem Leben ändern. Manchmal fühlt es sich hilflos an, weil die Dinge, die wir ändern wollen, so riesig sind und außerhalb unserer Kontrolle liegen. Bei sich selbst anzufangen ist immer ein guter Punkt. Ich glaube, wir können uns ändern." Ebenfalls auf dem Album wird sich der Track "Finger Pies" befinden, den wir vor einiger Zeit hier vorgestellt hatten.



Spector: Für den Anfang und das Ende

Wenn diese fünf Kerle etwas aushecken, dann darf man davon ausgehen, dass es was Gutes wird: Die Londoner Kapelle Spector hat in den Jahren ihres Bestehens (seit 2011) drei Alben veröffentlicht und dabei durchaus einen gewissen Entwicklungsprozess durchgemacht. Aber ob nun Wave, Postpunk oder Artrock, einen deutlichen Bezug zum glamourösen Pop haben sie nie verhehlen können und wollen. Für den 1. Oktober ist nun die nächste Platte angekündigt, "Now Or Whenever" soll auf ihrem eigenen Label Moth Noise erscheinen und die erste Singleauskopplung "Catch You In The Way Back In" lässt ahnen, dass sie immer noch mit dem großen Pinsel malen. Die Band selbst dazu: "Es ist Musik, um etwas zu Ende zu bringen und auch dafür, mit Neuem zu beginnen. Seltsamerweise war es der erste Track, mit dem wir die Arbeit für das Album begonnen, als auch der letzte, bevor wir uns ein halbes Jahr lang nicht in natura gesehen haben. Der Song ist eher ein Trink- als ein Denklied geworden, also wird es wahrscheinlich am meisten Sinn machen, wenn wir bald alle wieder im selben Raum sein dürfen."

Samstag, 29. Mai 2021

Permo: Zum Teufel mit den Selbstdarstellern

Man kennt das ja aus den Animationsfilmen von Burton, Dante, Holland und selbst beim sonst so braven Pixar-Klamauk "Toy Story" ist es schon vorgekommen, dass sich harmloses Kinderspielzeug plötzlich in etwas Böswilliges und Nervtötendes verwandelt. Dass im neuen Song der britischen Punk-Kapelle Permo aus dem Städtchen Falkirk aber die titelgebende Hauptfigur von einem russischen Quasiheiligtum übernommen wird, ist dann doch etwas ungewöhnlich. Als Matrjoschka bezeichnet man ja bekanntlich dieses bunt lackierte Holzpüppchen, in dessen Innerem sich das nächstkleinere bunt lackierte Holzpüppchen befindet, das wiederum mit einem buntlackierten - naja, eben immer so weiter. Ross Ferguson, Hamish Georgeson und Ross Malcolm hatten wir hier vor einiger Zeit mit ihrer Single "Heroin" vorgestellt, nun schicken sie via Disobedient Records den aktuellen Track "Matryoshka" hinterher - die Figur hier als Sinnbild für egoistische Selbstdarsteller, die sich immer und überall in die Unterhaltungen drängen, nur um eine dumme und eitle Geschichte nach der anderen abszusondern.