Freitag, 24. Januar 2020

Billie Eilish: Nach ihren Regeln [Update]

Ja, es gibt wohl nicht wenige Eltern, die sich insgeheim so eine Mischung aus Tank Girl, Poison Ivy und Pippi Langstrumpf zur Tochter wünschen: Billie Eilish ist ein sehr eigensinniges, überaus selbstbewußtes Mädchen, das das Leben gerade so nimmt, wie es nach dem sensationellen Erfolg ihres Debütalbums "When We Fall Asleep Where Do We Go?" eben kommt. Wer sie beispielsweise bei Jimmy Fallon (s.u.) gesehen hat, der weiß, dass Eilish keine von den überdrehten Stardomehunterinnen ihres Alters ist, für die der Ruhm immer zu früh kommt, weil sie damit zu keiner Zeit umgehen können. Die Songwriterin aus Kalifornien hat sich ja herausgenommen, keine klassische Hitplatte zu produzieren, sondern eine sehr abwechslungsreiche Sammlung all ihrer musikalischen Vorlieben, seelischen Stimmungen, es finden sich dort sowohl Ängste als auch Träume, denn all das macht sie aus. Dass sie nebenher versucht, ihrem Erfolg auch ein wenig ökologische Nachhaltigkeit - wie bei der Gestaltung ihrer anstehenden Welttournee - zu verpassen, macht sie gleich noch sympathischer. Heute Nacht jedenfalls hat sie endlich ihren lang erwarteten neuen Track "Everything I Wanted" gepostet und der ist, wie nicht anders zu erwarten war, ein Hit. Und zwar einer nach ihren Regeln.

14.07.  Berlin, Mercedes Benz Arena
15.07.  Köln, Lanxess Arena

Update: Nach Bondsong und mutmaßlichem Grammy-Regen heute mal was zum Anschauen - Billie Eilish veröffentlicht das von ihr selbst verantwortete Video zu "Everything I Wanted", gedreht mit ihrem Bruder Finneas.





Donnerstag, 23. Januar 2020

Rosalía: Treueschwur

Die Grammys stehen ins Haus und als ob die letzten Platten und Singles noch nicht genug Argumente böten, kommt Rosalía heute mit einem weiteren neuen Track um die Ecke. "Juro Que" ist deutlich traditioneller gehalten als der vorangegangene Song "A Palé", das Video hat Tanu Muino gedreht, die farbenfrohe Kulisse entpuppt sich dabei schnell als Telefonraum im Knast, in welchem die Künstlerin ihrem Lover, gespielt von Omar Ayuso.

Mittwoch, 22. Januar 2020

Hayley Williams: Schutzbehauptung

Eine Überraschung mit Seltenheitswert (nun ja, das haben die wohl so an sich) kommt heute von Hayley Williams. Die Sängerin der amerikanischen Rockband Paramore ist mit Soloaktivitäten nicht gerade häufig aufgefallen, streng genommen steht mit "Teenagers" aus dem Jahr 2009 nur eine einzige Single zu Buche. Das soll sich ändern. Denn für Mai ist ihr Debütalbum "Petals For Armor" angekündigt, entstanden zusammen mit einer Reihe guter Freunde und Bandmitgliedern. Und die erste Auskopplung "Simmer" hat wahrlich das Zeug, hohe Erwartungen zu wecken - das Video von Warren Fu kommt mit düsterer Kulisse und kalkuliertem Grusel, das Stück selbst hält so schöne Zeilen wie die folgende bereit: "And if my child needed protection, from a fucker like that man, I'd sooner Gut him, cause nothing cuts like a mother". Nun, man weiß auf Anhieb, wie sie das meint.

Pearl Jam: Superlativ [Update]

Okay, das ist jetzt ziemlich dicke. Aber nicht ganz überraschend. Denn seit die Red Hot Chili Peppers beschlossen haben, wieder gemeinsame Sache mit John Frusciante zu machen, war klar, dass Tour und Album dazu wohl nicht lange auf sich würden warten lassen. Und dass es schwer werden würde, das zu toppen. Eddie Vedder zumindest versucht es und hat heute die Veröffentlichung eines neuen Albums von Pearl Jam bekanntgegeben. Plus Tour, versteht sich. "Gigaton" wird die Platte heißen, der Teaser ist einigermaßen kryptisch und verrät quasi noch überhaupt nichts außer ein paar dräuenden Tönen. Am 27. März soll es kommen und im Sommer dann sind die Grunge-Veteranen dann für zwei Termine in Deutschland gebucht. Und - pssst, kein so großes Geheimnis mehr, weil quasi ausverkauft - im Vorprogramm spielen die Idles. Wer noch einen Grund gebraucht hat, die sündteuren Tickets trotzdem zu kaufen, jetzt hat er ihn.

23.06.  Frankfurt, Festhalle (mit Idles)
25.06.  Berlin, Waldbühne (mit Idles)
07.07.  Wien, Stadthalle (mit White Reaper)
17.07.  Zürich, Hallenstadion (mit White Reaper)

Update: Und da ist sie, die erste Single seit Jahrtrillionen - "Dance Of The Clairvoyants".





Dienstag, 21. Januar 2020

070 Shake: Eine eigene Sprache

070 Shake
„Modus Vivendi“

(GOOD/Island Def Jam)

Die Story ist tatsächlich fast so spannend wie die Musik selbst: Danielle Balbuena, 23, aufgewachsen in North Bergen, New Jersey, in einem Township am Hudson River. Die Mutter selbst jung aus der Dominikanischen Republik in die Staaten gekommen, das Kind kämpft früh mit ADHD und in der Folge mit den Nebenwirkungen der verabreichten Medikamente, Drogen kommen ins Spiel. Die Erfahrung, dass homosexuelles Leben gegen die Erwartungen der Familie, gegen die Konventionen steht und nicht nur Erfüllung und Glück, sondern auch Einsamkeit und Verzweiflung bedeuten kann – einziger Ausweg: Sie schreibt. Gedichte, Texte, erst nur die Worte, später mit Musik. Dann der Durchbruch – Kanye West entdeckt sie für das Team von „Ye“, in seinem Gefolge Kid Cudi, Nas. Und Pusha T., im Track „Santeria“ vom Album „Daytona“ ist sie eine einzige Offenbarung. Danach: Mixtape, Kontakt zu David Hamelin (The Stills), Debütalbum. Ihr „Modus Vivendi“, ihr way of life also scheinbar eine Traumkarriere? Vom Problemkind zum neuen Star der Hip-Hop-Szene, das androide Tech-Tank-Girl mit Wut und Baseball-Schläger, da muß man schon aufpassen, dass einem im Überschwang nicht die Metaphern ausgehen. Besser, man hält sich an die Musik, denn die spricht eine ganz eigene Sprache.



Und ist gar nicht so leicht einzuordnen. Afropop-Rhythmen, Dancehall, Ambientklänge, Rap, Trap, Grime. Der eigentliche Start erst mit Track drei „Morrow“, dann aber wunderbar tief und dunkel, die ganz dicken Synths, die Stimme durch den Vocoder geschickt, herrlich. Im Netz findet sich der schöne Satz von ihr, dass ihr die Platte in einem frühen Stadium „too Barbie“ klang, ergo: „I don’t want to make it better, I want to make it worse.” Was nicht schlechter, sondern wohl eher authentischer, rougher, disruptiver meint. Und das ist ihr wunderbar gelungen. Die Tracks, die viel von gebrochenen Herzen, Enttäuschungen und von Selbstbehauptung handeln („Divorce“, „Guilty Conscience“), sind zwar textlich unmißverständlich und hart, der Sound aber setzt den warmen, den geschmeidigen Kontrapunkt. Selten, dass die Beats und Rhymes so schnell und stakkatoartig kommen wie in „Daydreamin“, einem Track, dem man die Verehrung für Missy Elliott deutlich anhört. Mittendrin übrigens noch eine kleine Überraschung – „The Pines“ entpuppt sich als Rework des frühen Klassikers „Where Did You Sleep Last Night“ aus dem Jahr 1870, den auch Nirvana schon (in anderer Form, versteht sich) im Programm hatten. Alles in allem ein Debüt, das mit Kraft und Kreativität, mit Tiefe und reichlich Emotion aufwarten kann und jetzt schon ein Ausrufezeichen für 2020 setzt.

22.01.  Köln, Yuca
27.01.  Berlin, Bi Nuu



Montag, 20. Januar 2020

Danube: Aus der Ferne

Und noch ein Song zum Tagesausklang: Vor einigen Jahren hatten wir über die Gender Bombs, ein gemeinsames Projekt des Slut-Keyboarders René Arbeithuber und Stella Lindner, berichtet. Die beiden gehen mittlerweile getrennte Wege, Arbeithuber nimmt gerade mit seiner Band das nächste Album auf, Lindner ist vor Jahren nach Berlin gezogen und hat dort unter dem Namen Danube (engl./franz. für Donau) eine Reihe neuer Songs eingespielt. Unterstützt wurde sie dabei von Tobias Siebert (auch And The Golden Choir, Klez.e) und Simon Frontzek (Produktion, Master). Die erste Kostprobe, die sie Ende 2019 geteilt hat, nennt sich "Touch Mahal", die Inspiration dafür fand sie auf einer Reise nach Indien und wie man im selbstgedrehten Video unschwer erkennen kann, spielt auch Lindners Engagement für Artenvielfalt und Klimaschutz keine unbedeutende Rolle. Das Stück selbst erinnert etwas an die späten Veröffentlichungen von Super 700 und kommt als geschmeidiger Songwriterpop daher, am Ende von einer angenehm schroffen Gitarrenspur getragen. Im Februar soll die nächste Single folgen, ein komplettes Album, so Lindner, ist ebenfalls in Planung.



Mura Masa: Der ehrliche Weg

Mura Masa
„R.Y.C.“

(Polydor)

Manchmal ist man schon erstaunt, wie abgeklärt junge Menschen sein können. Zum Beispiel dieser dreiundzwanzigjährige Junge, aufgewachsen auf Guernsey, der Insel vor der Insel. Vor drei Jahren ist Alex Crossan aka. Mura Masa mit seinem selbstbetitelten Studioalbum durch die Decke gegangen, eine kluge, lockere Tanzplatte, auf der sich Stars wie A$AP Rocky, Charli XCX, Nile Rodgers und Damon Albarn tummelten. Es wäre ihm wohl ein Leichtes gewesen, das Namedropping in gleichem Stil fortzusetzen und den Erfolg zu wiederholen, doch gerade das, so sagte er dem FADER, wollte er nicht sein – der „EDM dude who makes dance records“. Dann schon lieber auf die Musik besinnen, die er in seiner frühen Jugend gehört hat, New Order, Joy Division, Talking Heads, also etwas mit Gitarren. Nun ist es aber so, dass gerade die Älteren nicht müde werden zu betonen, dass Rockmusik so gar keine Zukunft hat und das Heil ausschließlich in der Elektronik liege. Darauf seine forsche Entgegnung: „It’s only dead if you’re making dead music.”



Sagte er und nahm mit “R.Y.C.” ein Album auf, das von einem reinen Gitarrenalbum zwar meilenweit entfernt ist, aber dennoch beide Stilmittel zueinanderbringt und auch bei der Zusammenstellung der Gästeliste gekonnt in beiden Lagern wildert. Auf der einen Seite sind mit Clairo und vor allem Ellie Rowsell von Wolf Alice klassische Songwriterinnen dabei, die roughen, wuchtigen Stücke wie „I Don’t Think I Can Do This Again“ und „Teenage Headache Dreams“ zusätzlichen Grip geben. Aus der anderen, der elektronischen Ecke wiederum kommen Georgia („Live Like We We’re Dancing“) und die heißeste britische Hoffnung Slowthai. Letzterem hatte Crossan ja schon ein Feature auf dessen Debüt „Nothing Great About Britain“ beigesteuert, der „Doorman“ geht derart ab, dass selbst Sleaford-Mods-Frontmann Jason Williamson mit einer Mischung aus Erstaunen und Anerkennung bei Veröffentlichung twitterte: „Who's this on the radio who sounds like us?!“



Wirklich erstaunlich aber an dieser Platte ist, dass auch die Songs ohne jede fremde Hilfe das Niveau mühelos halten können. Bei „Raw Youth Collage“ repetiert Crossan unablässig ein und denselben Akkord und begleitet so wehmütige Kindheitserinnerungen, „No Hope Generation“ hüpft und hämmert angepunkt durch die Gegend – ein Song, der so gut wie kein zweiter hier das Dilemma seiner Generation zwischen Frust und Hoffnung, zwischen Rückschau und Zuversicht auszudrücken versteht. Und dann das großartige „In My Mind“, wo satte Beats auf taumelnde Synthloops treffen, jugendlicher Überschwang auf Selbstzweifel und Unentschiedenheit. Er ist also nicht nur bemerkenswert abgeklärt, sondern auch ziemlich ehrlich und kann damit auch ein Stück weit seinen Weg erklären: „We need to learn to use the good things and abandon the useless elements. This music is an exploration of that“, so sagt er in erwähntem Gespräch, und weiter: „There’s a need for music that has urgency and emotional honesty. That’s why people are reintroducing themselves to guitar music - that instrument has an ability to emote.” Wirklich ein kluger Bursche.

03.03.  Zürich, X-tra
05.03.  München, Tonhalle
07.03.  Berlin, Columbiahalle
14.03.  Hamburg, Inselparkhalle

Sonntag, 19. Januar 2020

The Düsseldorf Düsterboys: Wie es euch gefällt

The Düsseldorf Düsterboys
Rote Sonne, München, 17. Januar 2020

Die Frage nach der Ernsthaftigkeit einer Unternehmung ist ja eine durchaus berechtigte. Und natürlich auch eine sehr deutsche. Und manchmal ist sie auch angebracht - hier allerdings nicht so sehr. Denn: Wären sie denn da, wenn sie es nicht ernst meinten mit ihren Songs? Und: Warum um alles in der Welt ist es denn so wichtig, das so genau zu wissen? Es wird wohl so sein: An dem Essener Quartett The Düsseldorf Düsterboys scheiden sich die Geister. Die einen halten ihre Platte "Nenn mich Musik" für abgedrehten, spinnerten Quatsch und können auch mit dem etwas lauteren Zwilling International Music nicht viel anfangen. Anderen wiederum gefällt gerade das Ungefähre, Verschwommene, dieses Schwanken zwischen überhöhter Traurigkeit und trostloser Schwere auf der einen und kluger Ironie (auch mancher Albernheit) auf der anderen Seite. Die Zartheit der Stücke, die Poesie der Texte irritiert genau so, wie sie einen für die Band einnimmt. Wenn sie uns liebevoll hohler Phrasen überführen, einfachste Dinge benennen und ihnen eine Bedeutung zuweisen, die wenigstens nachdenklich macht. Dazu dieses angesoffen Verschwofte, das sich anfühlt wie ein Rausch, der zu früh kommt und den Rest des Tages mit einer Taubheit überzieht, alles dimmt und wattiert und einen angenehm bewegungslos zurückläßt. Und zwar mit einem Lächeln auf den Lippen.

Das funktioniert in einem szenigen Club vielleicht nicht ganz so gut, macht aber trotzdem Spaß - weil es auch den vieren auf der Bühne augenscheinlich gefällt. In rote Schummrigkeit getaucht, wirken die Drone-Folk-Songs noch ein Stück düsterer, werden aber durch die Ansagen von Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti sofort wieder gebrochen ("Jetzt machen wir aber wieder was Trauriges"), an den Instrumenten darf gern mal dilettiert werden, wenn es der Entspannung dient. Andererseits eben: Wann hat man zuletzt schon mal Zeilen gehört wie diese: "Es geht mir gut, es geht mir gut, es geht mir gut, so gut. Nur ab und zu, geht es mir nicht so gut, dann geht's mir schlecht, so schlecht... Dann geht's mir richtig schlecht. Doch immer dann, wenn's mir so geht, fällt mir wieder ein, schon bald geht's mir wieder gut. Und dann geht's mir gut, dann geht's mir wieder gut"? Was hier fast kindlich naiv daherkommt, könnte auch ein kurzer Blick in den dunklen Schlund der Alltagsdepression sein, ganz so, wie man es gerade heraushören will. Dass sie beides zulassen, einen weder in die eine noch in die andere Richtung drängen, das ist die größte Qualität ihrer Lieder. Auch an diesem Abend.

Nocturnal Sunshine: Gestaltenwandlerin

Wo wir gerade bei der Maschinenmusik sind - Ende letzten Jahres hat die Britin Maya Jane Coles unter ihrem Moniker Nocturnal Sunshine ihr vielbeachtetes zweites Album "Full Circle" veröffentlicht. Die gebürtige Londonerin (mit teils englischen, teils japanischen Wurzeln) ist ja in vielerlei Gestalt unterwegs, als Solokünstlerin mit zwei Studioplatten und reichlich Kurzformaten und natürlich als Remixerin zahlreicher anderer Stars wie Little Dragon, Amy Winehouse, Tricky, Depeche Mode und The XX. Auch auf dem besagten Longplayer findet sich eine ansprechende Gästeliste aus der Hip-Hop- und Danceszene. Für die aktuelle Singleauskopplung "Gravity" stand Coles der Australier Ry X zur Seite, bei "Possessed" wiederum teilt sie sich mit Peaches die Arbeit.



Mechanimal: Verlust und Erinnerung

Wenn es um Synthpop geht, wendet man seinen Blick vielleicht nicht geradewegs nach Griechenland, sondern versucht es zunächst in England oder den USA. Könnte ein Fehler sein, denn dieses Projekt hier kommt aus Athen und muß sich hinter den Kandidaten aus den genannten Ländern wirklich nicht verstecken. 2012 ist das selbstbetitelte Debüt von Mechanimal erschienen, Giannis Papaioanou und Freddie Faulkenberry haben seitdem noch zwei weitere Alben veröffentlicht. Für den 27. Januar ist nun die vierte Platte "Crux" via Inner Ear Records gemeldet, im vergangenen Jahr gab es davon schon die drei Tracks "Easy Dead", "Holy Punk" und "Red Mirror" zu hören, nun kommt "Stolen Flesh" samt Video und sehr persönlicher Geschichte hinterher. Papaioanou dazu: "Der Song widmet sich der liebevollen Erinnerung an einen vertrauten Freund, den wir verloren haben. Es geht darum, wie es sich anfühlt, wenn man einen derart lieben Menschen verliert: Alle Liebe offenbart sich in ihrer Größe als äußerst schmerzhafter Erfahrung. Aber wir bleiben hier, um diese Liebe und die Erinnerungen lebendig zu bewahren, wo sie jeden kleinen Riss und jedes Detail unseres Alltags verschönern."









Samstag, 18. Januar 2020

KUMMER: Überraschung gelungen

Dass Felix Kummers Soloalbum "KIOX" ein gutes werden würde, stand für uns außer Frage. Doch dass ausgerechnet der Song, bei dem sich Vorbehalt und Zweifel die Hand gaben, als einer der stärksten entpuppte, war dann schon einigermaßen überraschend. Gemeinsam mit Max Raabe hat Kummer den Track "Der Rest meines Lebens" aufgenommen und die Paarung funktioniert erstaunlich gut - und ist, jetzt wo wir auch Raabes Teilhabe am neuen Album von Samy Deluxe kennen, die erfreulichste Überraschung des Chemnitzers. Hier das Video, wie schon "9010" als eine Art biografisches Fotoalbum angelegt.

Freitag, 17. Januar 2020

Megaloh: Berechtigte Frage

Eine neue Single gibt es seit heute vom Berliner Rapper Megaloh. Ganze vier Jahre mußten wir auf neues Solomaterial des Künstlers warten, sein letztes Album "Regenmacher" datiert auf 2016, im vergangenen Jahr trat er gemeinsam mit dem Kollegen Musa und Produzent Ghanaian Stallion unter dem Projektnamen BSMG in Erscheinung (siehe unten "Brillant"). Nun also ein erster frischer Track, "Was ist das?" lautet die Frage und rein soundtechnisch könnte man zunächst einmal antworten: Alman Grime, produziert wiederum von Ghanaion Stallion. Weitere Antworten auf naheliegende Zukunftsfragen gibt es wohl in den nächsten Tagen und Wochen, die Termine für die sogenannte Tour 21 stehen jedenfalls schon mal im Netz.

10.09. Duisburg, Grammatikoff
11.09. Hannover, Musikzentrum
12.09. Münster, Skaters Palace
13.09. Hamburg, Mojo
16.09. München, Strom
17.09. Zürich, Dynamo
18.09. Stuttgart, Im Wizemann
19.09. Wiesbaden, Schlachthof
20.09. Köln, Gloria
23.09. Heidelberg, Karlstorbahnhof
24.09. Nürnberg, Hirsch
25.09. Leipzig, Naumanns
26.09. Berlin, Festsaal Kreuzberg
03.10. Wien, Grelle Forelle







Wire: Zweierlei Maß, eindeutiges Urteil

Wire
"Mind Hive"
(Pink Flag"

Natürlich wird immer und überall mit zweierlei Maß gemessen. Auch hier. Über die Rolling Stones ziehen wir her, weil sie ihren Job nicht endlich an den Nagel hängen, sondern selbst mit Rollator und Stützkorsett noch jede Stadionbühne dieser Welt bespielen. Blink 182 und Green Day finden wir reichlich albern mit ihrem angeranzten Revoluzzergehabe und wenn Axl Rose seine Band samt Bierplauze auf die Bühne hievt, wird höhnisch applaudiert. Dadrock, you know? Anders dagegen bei Leonard Cohen, Marianne Faithfull, Nick Cave oder Neil Young, da ist es plötzlich Kultur, da hat es Stil und Charme und darf gar nicht genug kosten (Stil hat es tatsächlich, aber das steht auf einem anderen Blatt). Und auch die Londoner Kapelle Wire wird in diesem Kontext bewertet. Obschon seit 1976 und damit fast fünfundvierzig Jahre im Dienst, dulden wir sie nicht nur, sondern feiern jedes ihrer letzten Alben - und davon gab es reichlich - mit großem Getöse. Warum? Nun, auch wenn Colin Newman, Graham Lewis und Robert Grey (die drei Herren aus der Urbesetzung) mittlerweile ziemlich alt aussehen, sie haben es an Mut und Kreativität über die Jahre nicht fehlen lassen.



Angefangen beim Punk, hat sich die Band im Laufe ihres Bestehens durch Rock, Post-Punk, Wave und Synthpop gearbeitet und klang dabei - ob nun mit oder ohne "e" am Ende - immer frisch und inspiriert. Die ganz große Sprünge hat so mancher Fan vielleicht bei den letzten fünf, sechs Alben, die seit 2008 und "Object 47" entstanden sind, vermisst. Aber Substanz hatten die Platte alle. Und wie um zu beweisen, dass sie sich auch noch den einen oder anderen gewagten Bruch zutrauen, beginnt das vorliegende "Mind Hive" mit einer Art Mathmetal-Riff, das selbst Metallica neidisch machen könnte. Wer das jetzt schon für ein Wagnis hält, sollte mal besser bis Titel sieben und acht warten. "Oklahoma" und "Hung" nämlich halten für die Zuhörer*innen dronigen Gitarrenlärm, letzteres sogar in Wire-untypischer Überlänge von acht Minuten, bereit. Krass, möchte man sagen. Und: Richtig gut. Zwischendrin gibt's noch lockere Popsongs ("Cactused"/"Off The Beach"), Psychedelic á la Pink Floyd und mit "Primed And Ready" einen veritablen Waverock-Hit. Hat da wirklich wer etwas von über den Zenit gesagt? Andere schon, Wire mit Sicherheit nicht.

Blond: Liedzyklus

Der Unverkrampftheit wird ja ganz gern das Wort geredet - hab dich nicht so, hast wohl 'nen Stock im Arsch, mach dich doch mal locker, solche Sachen. Doch wenn sich dann mal jemand wirklich locker und unverkrampft gibt, schaut mache/r auch recht blöd aus der Wäsche. Die Geschwister Kummer mit ihrer Kapelle Blond sind nun nicht gerade dafür bekannt, sich an gängige Konventionen zu halten. Weil sie aber im Gegensatz zu Schnipo Schranke eher Rockistinnen sind, ist ihr Lied über den berüchtigten Zyklus etwas derber gehalten - "Es könnte grad nicht schöner sein" packt das Thema ohne übertriebene Vorsicht an und läßt es auch kräftig spritzen. Das Album "Martini Sprite" dann wie angekündigt mit allen zuvor besprochenen Singles am 31. Januar.

Donnerstag, 16. Januar 2020

Porridge Radio: Erwartungsgemäß

Vielleicht waren wir bei Bekanntgabe der ersten neuen Single von Porridge Radio aus Brighton etwas zu vorsichtig - "Lilac" war eher Ballade als Rocksong und entsprach nicht so ganz den Erwartungen, die das englische Quartett um die charismatische Sängerin Dana Margolin mit ihrem Studiodebüt "Rice, Pasta And Other Fillers" (2016) und den nachfolgenden Stücken geweckt hatte. Nun aber liefern die vier mit "Sweet" den erhofften Killer nach, es kracht gewaltig im Gebälk und auch das Video von Sam Hiscox fängt einiges von der explosiven Stimmung ein. Das nächste Album wird den Titel "Every Bad" tragen und am 13. März bei Secretly Canadian erscheinen.





Moaning: Nicht wie es scheint

Nun, ganz so gutgelaunt, wie einen das Bild da oben auf den ersten Blick glauben lassen will, sind Moaning aus Los Angeles sicher nicht. Je länger man in die Gesichter von Sänger und Gitarrist Sean Solomon, Bassist Pascal Stevenson und Drummer Andrew MacKelwie schaut, desto deutlicher meint man eine Mischung aus Frustration, Langeweile und Fatalismus zu erkennen. Das  wiederum passt bestens zum Bandnamen und deckt sich auch mit dem, was man neben der erfreulichen Verlautbarung eines neuen Albums (20. März via Sup Pop) über die Band lesen kann. Solomon nämlich soll in der Zeit nach dem recht erfolgreichen, selbstbetitelten Debüt aus dem Frühjahr 2018 mit psychischen Problemen gekämpft haben, von Depressionen ist die Rede und manchem mehr. Das soll, auch davon liest man, nun aber vorbei sein, dennoch oder gerade deshalb beschäftigt sich die neue Platte "Uneasy Laughter" mit genau diesen Themen - Mental Health, Sinnsuche, Selbsterfahrung. Und auch der erste, vorab veröffentlichte Song "Ego" kommt geradeheraus zur Sache: "We used to care, but we forgot, have more in common than we do not, what part of you relates to me, narcissism is not empathy" heißt es dort und im Chorus weiter: "I wanna be anybody but myself, I wanna love anybody but myself."



Sløtface: Erneute Prüfung [Update]

Das war schon 2017 ein frommer Wunsch, den zu realisieren vielen Menschen ziemlich schwer gefallen sein dürfte (puh!). Da nämlich erschien das Debütalbum der norwegischen Band Sløtface mit dem wunderbaren Titel "Try Not To Freak Out". Was, wie gesagt, leichter gesagt als getan war, denn das Quartett um Haley Shea gab sich alle Mühe, den Zuhörer*innen kräftig in den Hintern zu treten, Ausflippen war da eher an der Tagesordnung. Sollten sie besagten Wunsch beibehalten haben, werden wir auch zukünftig vor ähnlichen Problemen stehen, denn schon die Zwischenmeldungen "Telepathetic" aus dem Sommer und "Stuff" gingen ganz ordentlich ab und auch die aktuelle Single "S.U.C.C.E.E.S.S." steht ihnen in nichts nach. Der Titel der zweiten Platte heißt im Übrigen "Sorry For The Late Reply", die Veröffentlichung ist für den 31. Januar 2020 bei Propeller Recordings anberaumt. Und wir versuchen mal, die Füße still zu halten, zumindest bis zu den Konzerten der vier im November.

07.11.  Köln, Luxor
10.11.  Hamburg, Knust
11.11.  Berlin Bi Nuu
13.11.  Wien, Chelsea
14.11.  München, Backstage
Neu:
03.04.  Hamburg, Bahnhof Pauli
04.04.  Berlin, Badehaus
05.04.  München, Feierwerk
06.04.  Köln, Helios 37

Update: Vier Songs haben die Norweger*innen mittlerweile geteilt, der neueste ist "Tap The Pack" und dauert keine zweieinhalb Minuten.


Mittwoch, 15. Januar 2020

Talk Show: Für die Liebe

Für die Londoner Band Talk Show war das vergangene Jahr mit Sicherheit ein gutes - Debütsingle bravourös draußen, gleich mit der nächsten 7" nachgezogen, Bühnen als Support gebucht, es läuft. Und das sollte sich 2020 nicht ändern. Denn am 27. März wird bei Council Records ihre EP "These People" erscheinen, vier neue Stücke finden sich darauf, von denen wir mit "Banshee" eines vorstellen dürfen. Der Song ist, so Sänger Harrison Swann, im Kern eine verkappte, enttäuschende Liebesgeschichte, dennoch wollten sie das Ganze nicht frustriert oder depressiv, sondern eher leidenschaftlich und druckvoll rüberbringen. Gar nicht so schlecht gelungen.

Lankum: Neue Räume

Neuigkeiten gibt es von der wunderbaren Dubliner Formation Lankum, die sich selbst ja gern Folk-Miscreants nennen. Dabei sind die vier dem traditionellen, irischen Folk keineswegs feindlich gesonnen, sie erschließen ihm nur neue Räume, fügen zum Beispiel Drone-Elemente hinzu und kreieren so ungewohnte und lebendige Soundstrukturen. Im Oktober vergangenen Jahres haben Cormac Dermody, Daragh Lynch, Ian Lynch und Radie Peat ihr aktuelles Album "The Livelong Day" veröffentlicht, nun kommt zum Song "Hunting The Wren" ein Live-Video hinzu. Die aktuelle Tour enthält, einziger Makel, leider noch keinen Deutschland-Termin, wir hoffen also weiter, das sie als Headliner auch hierzuland bald zu sehen sind.



King Krule: Kein Grund zur Sorge

Schon klar - die Bilder waren unscharf, verwackelt, handwerklich also etwas fragwürdig. Aber deshalb gleich auf den Scheiterhaufen? Archy Marshall aka. King Krule hat ja im November letzten Jahres einen fünfzehnminütigen Kurzfilm mit dem Titel "Hey World!" veröffentlicht, vier neue Songs enthielt der und die Gemeinde nahm ihn als lang erwartetes Lebenszeichen des genialen Rotschopfes aus dem Londoner Stadtteil Southwark. Nach seinen bislang zwei erschienenen Alben "6 Feet Beneath The Moon" (2013) und "The Ooz" (2017) wurde der Streifen natürlich als willkommener Fingerzeig auf eine weitere Platte in diesem Jahr genommen - nicht zu Unrecht, wie wir jetzt wissen. Denn für den 21. Februar hat Marshall nun "Man Alive!" angekündigt, vierzehn Stücke soll das Werk enthalten und neben den besagten vier Neuligen ist auch "(Don't Let The Dragon) Draag You" als offizielle Vorabsingle mit von der Partie. Dass er dennoch für das Video zum Song auf offenem Feuer gemeuchelt wurde, ist so unpässlich wie unwahrscheinlich, schließlich hat er mit seiner markanten Stimme und den jazzigen, nicht selten widerborstigen Arrangements schon für viele Überraschungen und jede Menge feine Songs gesorgt. Wie zu lesen ist, hat sich Marshall die Idee zum Clip bei Carl Theodor Dreyers Stummfilm "The Passion of Joan of Arc" aus dem Jahr 1928 geholt - man muß sich also keine Sorgen um ihn machen.

08.03.  Berlin, Columbiahalle