Sonntag, 29. März 2020

Egyptian Blue:

Da sind sie also wieder: Die Post-Punk-Band Egyptian Blue aus Brighton haben wir hier im vergangenen Jahr mit ihrer Debüt-EP "Collateral Damage" schon präsentieren dürfen, nun schicken sie sich an, den Nachfolger, ebenfalls eine 12", ins Rennen zu schicken. "Body Of Itch", so der Name, wird am 10. April wieder bei Yala! Records erscheinen, darauf enthalten neben dem im Februar veröffentlichten Stück "Never" auch der aktuell geteilte Song "Nylon Wire".



Dua Lipa: Kontext, Baby!

Drei fixe Gedanken zum allgemeinen Gemecker über den Erfolg des neuen Albums "Future Nostalgia" von Dua Lipa: Was, wenn uns die Biografie der gebürtigen Londonerin, deren Eltern aus Priština im Kosovo stammen, als Schulbeispiel europäischer Integration dienen würde, noch dazu in einer Zeit, da sich ihr jetziges Heimatland gerade alle Mühe gibt, dieses Europa mitsamt seiner zwiegespaltenen Bevölkerung auf schnellstem Wege zu verlassen? Was, wenn ihr offensiver Umgang mit der eigenen Sexualität (frivol sagt man je heute wohl nicht mehr) ihre Art von feministischem Ansatz ist? Meint: Wenn du das nicht erträgst, Junge, was sich männliche Kollegen wie Bieber oder Timberlake unreflektiert und unkritisiert nehmen dürfen, dann läuft da ganz gewaltig etwas schief! Klar ist das alles sehr Spears, sehr Aguilera, sehr Lopez - aber: Kontext, Baby! Und überhaupt: Wenn die halbwüchsigen Töchter bei den ersten Tönen von „Physical“ wie auf Knopfdruck jubelnd zum coronabedingten Hausaufgaben-Workout das Arbeitszimmer stürmen, dann ahnt man, warum dieser Song, warum die ganze Platte, obschon ein recht simpel gestrickter Gegenentwurf zur Hl. Billie, so gut funktioniert. Deshalb hier noch mal im Schnelldurchlauf ...





Torres: Seltener Fund

Den allgemeinen Umständen geschuldet, gibt es derzeit ja eine Unmenge an Veröffentlichungen, die Künstler in der selbstverordneten Quaratäne mit dem Equipment fabrizieren, dass ihnen in den eigenen vier Wänden zur Verfügung steht - die Vielzahl an Musikpodcasts, Isolation-Sessions und Badezimmerkonzerten ist so unübersichtlich wie qualitativ oftmals höchst fragwürdig. Wie wohltuend deshalb, wenn man aus der Flut an Material ab und an mal eine kleine Perle herausfischen kann. Dass Geoff Barrow, streitlustiges Mitglied von Portishead, kaum etwas auf der Welt so sehr hasst wie den seiner Band zugeschriebenen Begriff Trip-Hop, weiß, wer ihm in den sozialen Netzwerken folgt. Wie er dagegen die Interpretation von "Wandering Star", einem der bekanntesten Tracks vom Debütalbum "Dummy" aus dem Jahr 1994, eingespielt von der amerikanischen Songwriterin Mackenzie Scott alias Torres, findet, ist noch nicht bekannt. Die Künstlerin aus Orlando/Florida, gerade mit ihrem Album "Silver Tongue" erfolgreich und tourtechnisch durch das Virus ausgebremst, hat ihre Version des Stückes gerade geteilt - wir finden: durchaus gelungen.

Samstag, 28. März 2020

Danube: Schwierige Umstände

Von Stella Lindner aka. Danube gab es hier ja im Januar mit "Touch Mahal" schon etwas zu hören - ein paar Tage her also und unter den gegebenen Umständen gefühlt eine komplett andere Zeit. Davon abgesehen aber (insofern das geht) präsentiert sich die Künstlerin auf ihrer neuen Single "Sense Is Where You Find It" deutlich introspektiver, dunkler. Lindner selbst sagt, es wäre das, was man einen Herzbruch-Song nennt, sechs Minuten mit sanften Percussions und sphärischer Elektronik und auch die erinnern wieder an eines ihrer Lieblingsreiseziele Indien. Unterstützt hat sie erneut Tobias Siebert, aufgenommen wurde im Studio von Radio Buellebrueck in Berlin. Wie man bei Facebook lesen kann, sind die Zeiten für sie und ihre Familie auch persönlich keine einfachen - sobald es die Umstände erlauben, wird es in diesem Jahr dann auch mehr von Danube zu hören geben.

Home Counties: Ansichten zur Stadtentwicklung

Zur Abwechslung mal wieder ganz was Frisches - diese fünf jungen Herren kommen aus Bristol und hören auf den Namen Home Counties. Und haben gerade mit "Redevelopment" einen ersten Song online gestellt, der mit seinen knapp drei Minuten in bester englischer Post-Punk-Tradition drauf los poltert. Zur Band zählen neben Sänger und Gitarrist Will Harrison noch Conor Kearney (auch Gitarre), Barn Peiser Pepin an den Keys, Bassist Sam Woodroffe und Drummer Dan Hearn. Der Song selbst ist ein Statement zur allgegenwärtigen Gentrifizierung, Harrison meint dazu: "Die erste Hälfte des Songs spiegelt die Sichtweise der Sanierer aus den 60er Jahren wieder, während die zweite den Umstand betrachtet, dass überall modernistische Gebäude abgerissen und durch mondänere Luxuswohnungen ersetzt werden. Wir wollen zeigen, dass diese Ideen von Nostalgie, städtischem Verfall und Fortschritt in Zyklen auftreten, es soll auch eine Empfehlung sein, mit den Argumenten gegen die Sanierung ebenso vorsichtig umzugehen wie mit denen für sie."

Freitag, 27. März 2020

Silk Mob: Elegant im Nebel

Und auch hier die Wahl, zwischen der Neuen von Haftbefehl und der etwas entspannteren Variante: Das deutsch-österreichische Joint Venture (rockistisch: Supergroup) mit dem Namen Silk Mob hat heute sein gleichnamiges Album veröffentlicht und weil das so unglaublich smoothe Mucke ist, die da aus dem Nebel (Trockeneis? Haha!) federt, gibt es hier zumindest mal einen kurzen Überblick über die bislang erschienenen Tracks von Donvtello, Opti Mane, Jamin, Lex Lugner und Fid Mella. Als da wären "Fenster auf", "Heute Ned", der sagenhafte "Bademantel" und die aktuelle Single "Belvedere". Quarantäne-Tunes, sagen sie. Könnte stimmen.







Kalipo vs. Local Suicide: Tanzbefehl

Tja, wo anfangen heute? Beim ollen Bob Dylan? Och nö, auch schön, Sensation, na klar, aber so richtig zum Ausschütteln ist das jetzt nix. Und eigentlich ist der Freitag ja ein Tanztag und da passt es ganz gut, dass unsere Freunde von Audiolith just heute über ihr Sublabel Hold Your Ground einen richtigen Banger an den Start bringen: Jakob Häglsperger, besser bekannt unter seinem Pseudonym Kalipo und an den Reglern für die Frittenbude, Ira Atari und Fuck Art, Let's Dance äußerst kompetent zu Gange, hat sich wiederholt mit dem griechischen/deutschen Duo Local Suicide zusammengetan und eine EP mit dem Namen "Wunderbar/Zig Zag" aufgenommen, die reichlich Remixmaterial dieser beiden Tracks enthält - einen Vorgeschmack davon gibt es hier schon mal zu hören, der Rest dann am 9. April beim Dealer des Vertrauens. Wer auf den Geschmack gekommen ist, darf sich bei Soundcloud übrigens auch noch die letzte 12" der drei "Dominator" anhören.





Donnerstag, 26. März 2020

RVG: Getrennte Wege [Update]

Da ist keine Parallelität zu erkennen, auch wenn die Gelegenheit günstig wäre: Unsere Bloglieblinge Sleaford Mods touren Anfang März erstmals durch Down Under - für die Fliegerei und/oder die Autostrecken beneiden wir sie nicht, beim Rest wären wir aber doch gern dabei. Auf den letzten Terminen in Deutschland wurden Jason Williamson und Andrew Fearn bekanntlich von der tollen australischen Band RVG begleitet, die Romy Vager Group stellte bei der Gelegenheit ihr Debüt "A Quality Of Mercy" vor und gewann dafür und vor allem für die beeindruckende Intensität ihrer Liveshows viele neue Anhänger. Nun kündigt die Band das Nachfolgealbum "Feral" an, am 24. April wird die Platte bei Fire Records erscheinen, produziert wurde sie laut Brooklyn Vegan von Victor Van Vugt, der auch schon PJ Harvey, Nick Cave und Robert Forster im Studio betreute. Mit "I Used To Love You" gibt es auch schon eine erste Single vorab, das sparsam inszenierte Video leitet die Aufmerksamkeit ganz auf Vagers Person bzw. Stimme und stammt von Tom Campbell. Die Tourtermine von RVG und den Sleaford Mods, damit zurück zum Einstieg, sind übrigens selten deckungsgleich, ein Support wird diesmal also nur schwer möglich sein.

Update: Mit einer Video zwischen Schlachterei und Horrorshow kommen uns RVG bei ihrer nächsten Single "Christian Neurosurgeon", wobei es hier weniger um die christlichen Wurzeln der Chirurgie geht, sondern eher um unsere Überlebensstrategien geht und wie wir mit ihnen umgehen in schwierigen Zeiten - sagt jedenfalls Sängerin Romy Vager.





Glass Animals: Hören und warten

Sie machen es wirklich spannend: Die Glass Animals aus dem britischen Oxford stehen für innovative Tanzmusik, derzeit zieren sie sich aber ein wenig mit der Bekanntgabe für ihr neues, drittes Album. Hatten wir im Dezember vergangenen Jahres mit "Tokyo Drifting" ihre erste Singleveröffentlichung seit "Pork Soda" aus 2017 gefeiert, an der ja auch Denzel Curry mitwirkte, gibt es jetzt den nächsten Dancetrack, diesmal ganz im Stile der 2000er (The Neptunes, Timbaland, Timberlake, etc.) - "Your Love (Déjà Vu)" macht noch mehr Appetit, aber weiterführende Informationen sind rare Ware. Auch in puncto Liveauftritte wird noch geknausert, ein paar Festivals, doch in Deutschland ist vorerst noch nichts geplant. Heißt: Hören und weiterwarten.

Run The Jewels: Heraus mit Gebrüll [Update]

Untätig waren diese beiden Herren in den letzten Jahren gewiss nicht - das widerspräche auch dem Grundverständnis ihres Jobs, und der ist in eben jenen Jahren nicht weniger politisch und deshalb nicht weniger dringlich geworden: Run The Jewels, also Killer Mike und El-P, zählen im US-amerikanischen Hip-Hop zu den ganz gewichtigen Stimmen, vor allem mit ihrer Meinung zum grassierenden Rassismus-Problem ihres Heimatlandes, also auch dem von Donald Trump befeuerten Unsinnsprinzip der white supremacy, halten sie nicht hinterm Berg - viel zu tun also. Um so erfreulicher, dass diese Beschäftigung auch in ein neues Album zu münden scheint - der Nachfolger von "RTJ3", erschienen im Dezember 2016, soll noch in diesem Jahr anstehen (mit dabei übrigens wieder Produzent Rick Rubin) und gerade haben die beiden einen mutmaßlich ersten Track davon mit dem Titel "The Yankee And The Brave" geteilt. Krasser Stoff mit ganz viel Wumms, es hätte nicht viel besser beginnen können.

Update: "Ooh LA LA" ist der nächste fette Track, gebastelt zusammen mit DJ Premier und Greg Nice.





Mittwoch, 25. März 2020

Baxter Dury: Blood, Sweat and Tears

Baxter Dury
„The Night Chancers“
(PIAS/Rough Trade)

Über die charmante Tatsache, dass sich Baxter Dury trotz seiner unleugbar britischen Herkunft mit seiner Musik eher der Zugehörigkeit zur französischen Bohéme verdächtig macht und ihm mit Serge Gainsbourg auch gleich das passende Role Model parat steht, wurde (auch hier) schon viel geschrieben. Anlass dazu gab spätestens die Veröffentlichung seines letzten Albums „Prince Of Tears“ im Herbst 2017 – ändern tut sich daran auch mit der neuen Platte nichts. Ganz im Gegenteil, Dury geht den eingeschlagenen Weg mit der lässigen Eleganz eines gefallenen Dandys entschlossen und konsequent weiter. Er, dem nach eigener Aussage die glattpolierten, oberflächlichen Lebensläufe vieler seiner Mitmenschen ein langweiliger Graus sind („I can only really talk about the confusion and the fog“/CLASH), lässt in seinen Liedern gern auf die Abgründe und seelischen Verwerfungen blicken, die unsere ach so moderne und aufgeklärte Gesellschaft hervorbringt – an den Rändern, in den Graubereichen, mit all den Verlockungen, die Anonymität, grenzenlose Selbstverwirklichung und sexuelle Promiskuität mit sich bringen. Seine Protagonisten sind auch auf „The Night Chancers“ nicht selten Gestrandete, Zweifelnde, Suchende, süchtig nach Anerkennung, Liebe und bereit, Grenzen zu überschreiten, wenn es gilt, die Neugier zu befriedigen und die innere Leere zu verdrängen.



Üble Gestalten auch, Stalker, „Slumlords“, gemeines Lachen, böse Gedanken, dreckige Fantasien, all das ist ihm nicht fremd und uns Zuhörern wäre es das auch nicht, wenn wir den dunklen Teil unseres Egos nicht so häufig verleugnen würden. Dury braucht diese verkrachten Existenzen, sie sind für seine Arbeit als Künstler unabdingbar: „All der versteckte Schmerz, der Schweiß, die Tränen - was auch immer. Man assoziiert etwas damit, man riecht es, man kann es fühlen. Es steckt eine echte Emotion hinter all dem“, meint er in besagtem Interview, trotzdem: „Ich bin ziemlich emotional. Aber ich bin kein Arschloch." Die Musik dazu gibt den spannenden Gegenpart, die schwelgerischen Chöre, die Streicher, die jazzigen Arrangements, der gebremste Funk, alles sehr warm, gefühlvoll, geschmeidig. Neben dem großen Franzosen kommen einem wieder und wieder Cave und Ferry in den Sinn, allerdings wird aus Dury im Vergleich zu diesen im Leben kein Sänger mehr, er beschränkt sich eher auf schnoddrige Rezitative oder verkappte Raps, was ohnehin besser zu seinem leicht demolierten Äußeren passt. Eine Nachtplatte, eine von der Schattenseite des Lebens. Und deshalb nicht gering zu schätzen.

04.05.  Hamburg, Mojo Club
05.05.  Berlin, Kesselhaus Kulturbrauerei
06.05.  Köln, Gebäude 9

Working Men's Club: Work in Progress

Man kann solche Musik gerade nicht hören, ohne an den gestrigen Tag und dessen bestimmende Nachricht zu denken - den viel zu frühen Tod von Gabi Delgado. Was DAF Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre angeschoben haben, gilt ja nicht zu Unrecht als die Urform des Techno und darüberhinaus als Mater für nachfolgende EBM-, Post-Punk- und Synthpop-Formationen. So auch den Working Men's Club, eine vierköpfige Band aus dem englischen Königreich. Der Tip für deren neuen Song "A.A.A.A." stammt von den Perlentauchern des Netzradios BYTE FM, wir hatten Sydney Minsky-Sargeant, Giulia Bonometti, Jake Bogacki und Liam Ogburn allerdings auch schon im vergangenen Jahr wegen ihrer Single "Teeth" kurz gestreift - schon damals waren sie das, was man jugendliche Agitatoren nennt. Die Lyrics erinnern in ihrer plakativen Kürze etwas an die Kolleg*innen von Chumbawamba, der Sound eher an Liasons Dangereuses oder eben DAF. Eine ältere Single legen wir noch dazu, im Februar schon erschien "White Rooms And People" - am 6. Juni soll bei Heavenly Recordings das selbstbetitelte Debüt erscheinen.



Bright Eyes: Nach all den Jahren

Fast wollte man es nicht glauben, aber ein Blick in die eigenen Bücher bestätigt es: Ganze neun Jahre ist es her, da die Bright Eyes ihr letztes Album "The People's Key" veröffentlicht haben und nicht zu Unrecht gab es hier damals große Lobeshymnen. Danach war vom Bandleader Conor Oberst reichlich Solomaterial zu hören, mit seiner Band allerdings hielt er sich lange zurück. Das ist nun vorbei, alle internen Konflikte, die zwischenzeitlich fast zur Auflösung führten, sollen beigelegt sein und nach dem Wechsel zum Label Dead Oceans ist mit dem Song "Persona Non Grata" nun auch neues Material zu haben. Das Stück entstammt nach offizieller Verlautbarung zwar noch keinem Album, sondern einer aktuellen Studiosession, aber wir dürfen wohl davon ausgehen, dass den Tourplänen auch bald handfeste Fakten zur nächsten Platte folgen werden - einen kleinen Brief an die Fans haben sie (siehe unten) jedenfalls schon mal geschrieben.

18.08.  Hamburg, Große Freiheit 36
21.08.  Berlin, Tempodrom
22.08.  Frankfurt, Batschkapp
25.08.  Köln, E-Werk
27.08.  Wien, Arena
28.08.  München, Muffathalle
29.08.  Zürich, Xtra



Rosalía: Dunkle Zeilen, dunkle Zeiten

Planbar ist momentan ja fast nichts, da hilft auch der tägliche, sehnsüchtige Blick bei Songkick nicht weiter. Eine Tour von Rosalía jedenfalls wird nicht nur hierzulande dringend erwartet und herbeigewünscht, wenigstens gibt es heute mit "Dolerme" mal wieder einen neuen Song, nachdem schon die letzten, also "Juro Que" und "A Palé" auf Dauerrotation liefen. Das Stück handelt vom Schmerz, den Liebe und vor allem die Zurückweisung auslösen können, von den Verwünschungen, Rachegelüsten und inneren Kämpfen. Düstere Zeilen für düstere Zeiten, die Hinweise auf der Zeichnung des Covers tun ein übriges dazu.





Nadine Shah: Alles, was sie nicht will [Update]

Wenn diese Frau ein neues Album ankündigt, darf sich mancher schon mal warm anziehen. Ein Satz, bei dem man ohne Gender-Sternchen auskommt, denn Nadine Shah ist eine ausgewiesene Feministin und es ist damit zu rechnen, dass gerade die Männer auch auf "Kitchen Sink", ihrer vierten Studioplatte nach "Holiday Destination", ihr verdientes Fett wegbekommen. Und eigentlich passiert das gleich vom Start weg, denn die erste Single "Ladies For Babies" geht sogleich zur Sache - in den Linernotes gibt sie zu Protokoll:

"Mein Bruder hat, als er jünger war, mal eine Bemerkung über Sexismus gemacht, er malte ein Bild von einem Mann, der eine Ziege umarmt, und dazu den Satz: 'Frauen für die Babys, Ziegen für die Liebe...'. Das blieb immer bei mir haften, wohl, weil es sich so dumm anhörte, aber vor allem, weil ich schon damals genau wußte, was damit gemeint war und welche Absicht dahintersteckte" und weiter: "Ich dachte auch an viele der Lieder, die ich damals gehört hätte, Lieder, die ich ohne Nachzudenken mitsang, ohne deren Bedeutung zu hinterfragen. 'Ladies for Babies' ist eine direkte Antwort auf 'All That She Wants' von Ace of Base. Ich habe einfach das Geschlecht vertauscht und mache mich über einen Ehemann lustig, der von mir als Ehefrau nichts anderes erwartet, als sein Kind auszutragen und die Rolle der gehorsamen, unterwürfigen Trophäenfrau zu spielen."

08.05.  Berlin, Pitchfork Festival

Update: Auch zur neuen Single "Trad" von Nadine Shah gibt es Erhellendes und Interessantes zu hören, nicht nur den Song selbst, sonder auch ein paar Einlassungen (gefunden bei DIY) zu diesem Stück und der Entstehungsgeschichte des Albums im Allgemeinen:

"Mein gesamter Freundeskreis, also die Frauen, mit denen ich aufgewachsen bin, hat jetzt Kinder. Ich habe miterlebt, wie einige der größten Idioten (nur als Scherz!) zu den erstaunlichsten Müttern wurden. Ich freue mich, bin richtig glücklich für sie. Ich mache mir Sorgen um sie, wenn sie an sich selbst zweifeln, und bin für sie da, um sie zu unterstützen, wenn sie mich brauchen. Ich bin stolz auf sie. Aber du kommst nicht umhin, ihre Situation mit der deiner zu vergleichen, und das ist es, was viele mich und viele meiner Freundinnen in unseren jetzt Jahren empfinden. Diesen Druck. Für das Album habe ich mit so vielen Frauen gesprochen. Frauen, die Kinder haben wollen und körperlich nicht können, Frauen, die körperlich können, aber sich dagegen entscheiden, ganz verschiedene Szenarien also. Meine gute Freundin, eine Frau in den späten 50er Jahren, hat sich entschieden, keine Kinder zu bekommen, und sie ist nach wie vor eine meiner Lieblingsmusikerinnen und die jugendlichste, lebendigste Person, die ich kenne. Ihre Geschichte ist auch auf diesem Album enthalten. Im Wesentlichen schreibe ich über Frauen, die ich einfach liebe. Die neuen Mütter, die Rockstars, die, die an sich selbst zweifeln und unsere Unterstützung brauchen, die, die krank sind, aber eine unbeschreibliche Stärke zeigen. Es gibt Muster und Traditionen, die vor Jahren festgelegt wurden, wie unser Leben als Frau sein sollte, und genau das hat sich jetzt völlig verändert, und ich bin so stolz darauf, eine Frau zu sein und von noch größeren umgeben zu sein".





Dienstag, 24. März 2020

Squid: Schräg und funky

Kann sich noch wer an die Topfpflanzen und Tennisschläger aus dem letzten Jahr erinnern? Nö? Schon zu lang her wohl. Jetzt, da alles zur Ruhe kommt, wäre es mal wieder an der Zeit, in den alten Posts zu kramen, dann nämlich kommen auch Squid zum Vorschein. 2019 haben die fünf Herren aus London nämlich ihre EP "Town Centre" veröffentlicht, Erstkontakt hatten sie hier mit dem Song "Houseplants" und einem schönen Sportfoto. Mittlerweile ist das Quintett zum Label Warp Records gewechselt und hat dort einen neuen Track mit dem Titel "Sludge" veröffentlicht - schön schräg, aber trotzdem funky und lässig. Wird sicher bald mehr zu hören sein, wir packen als Zugabe noch "Match Bet" aus dem vergangenen Sommer dazu. War ja auch ne schöne Zeit damals...





Muzz: Neues vom Ruhelosen [Update]

Neues aus New York City von einem, der noch nie lange stillhalten konnte: Paul Banks, Sänger der Kapelle Interpol, hat ja nun wahrlich schon vieles versucht, neben seinem Brotjob als Bandleader tat er sich durch diverse Soloarbeiten hervor (manche unter seinem Klarnamen, andere als Julian Plenti), veröffentlichte seine nicht ganz so heimlichen musikalischen Vorlieben auf Mixtapes und kollaborierte überraschend stimmig mit dem Wu-Tang-Member RZA als Banks And Steelz. Das reicht aber offenbar nicht, denn gerade hat der Mann die Gründung einer weiteren Band namens Muzz bekanntgegeben, mit dabei Matt Barrick (The Walkmen, Fleet Foxes) und Josh Kaufman (Bonny Light Horseman, Day Of The Dead). Eine erste Single steht mit "Bad Feeling" schon parat - stilistisch weit weniger dramatisch als Interpol, eher klassischer, zurückhaltender LoFi-Rock mit Jazzeinflüssen - über weitere Pläne ist vorerst aber noch nichts bekannt.

Update: Fast schon kontemplativ, in jedem Falle psychedelisch - die neue Single "Broken Tambourine" mit schönem Weltraumvideo von Griffin Frazen.







Montag, 23. März 2020

Less Win: Spezialitäten

In manche Meldungen verirren sich Dinge, die man dort nie vermutet hätte,. Und diese unverhofften Nebensächlichkeiten sorgen dann dafür, dass man doch etwas genauer hinschaut. Oder hört. Post-Punk aus Kopenhagen, Dänemark ist jetzt per se mal keine Sensation. Das Trio Less Win darf sich aber trotzdem der Aufmerksamkeit sicher sein. Denn im Waschzettel zu ihrem gerade angekündigten dritten Album "Given Light" (VÖ 17. April bei The Big Oil Recording Company) steht unter anderem, dass sich die Band darauf neben dem Art-Rock auch dem Flamenco widmet. Flamenco!? Nicht ganz das übliche, möchte man meinen. Gitarrist Casper Morilla, der seiner Profession auch noch bei der etwas bekannteren Kapelle Iceage, ebenfalls Kopenhagen, nachgeht, hat sich einige Jahre mit dem traditionellen andalusischen Tanz beschäftigt und sieht in dieser speziellen Ausrichtung eine Möglichkeit, Gefühle und Geschichten besser vermitteln zu können. Der Bezug zu Spanien äußert sich übrigens auch im Namen des Albums, denn der dient dort als Umschreibung für die Geburt. Wie sich das alles dann anhört, wissen wir bislang noch nicht so ganz, auf den beiden ersten Platten ("GREAT" 2011 und "TRUST" 2016) ist dieser spezielle Bezug noch nicht zu hören und auch bei den Vorabsingles "Root And Branch" und "The Hanging" sucht man danach noch vergebens. Zu den dazugehörigen Videos von Kasper Troels Norregaard gibt es nebenbei auch noch eine Besonderheit - sie zeigen ausschließlich die Gesichter der Bandmitglieder, Vorbild sollen hierfür die sogenannten Screen Tests von Andy Warhol gewesen sein.





Sonntag, 22. März 2020

Leonie singt: Zu allen Zeiten

Leonie singt
„Horizont“
(Gutfeeling Records)

Es ist eben nur die halbe Wahrheit, dass derzeit alles von diesem doofen Virus überlagert wird und man deshalb über anderes nicht reden könne. Vielmehr scheint die Extremsituation, in der wir ausnahmslos alle stecken, das eher zu verstärken, worüber sich immer und jederzeit zu reden lohnt: Wo wollen wir hin? Was hoffen wir, dort zu finden? Wie sieht es mit unserer Mitmenschlichkeit, unserer Empathie, unserer Empfänglichkeit für die Nöte anderer aus? Wie gut kennen wir einander? Wie stark sind wir und reicht das, um durchzukommen? Fragen, die uns sonst im Unterbewusstsein eher leicht streifen, vielleicht auch ein wenig verunsichern, werden nun existenziell, drängend. Und bringen uns nicht selten aus dem Gleichgewicht.

Wir dürfen davon ausgehen, dass Leonie Felle von der dramatischen Zuspitzung unser aller Leben nichts ahnte, als sie die Lieder für ihr neues, zweites Album geschrieben hat, dennoch passen viele auf den zweiten Blick erstaunlich gut in die heutigen Tage. Dabei gehen die Gedanken nicht nur an die düsteren Zeilen des Eröffnungsstücks, die davon sprechen, dass es keinen Ausweg gibt. Der Titelsong kreist um die Ängste, die einen packen, wenn der Boden unter den Füßen zu schwanken beginnt, der Horizont kippt und wir den sicher geglaubten Halt verlieren. So abgeklärt, so klar hat in letzter Zeit noch selten jemand vom Zweifeln und möglichen Scheitern gesungen, Felle tut das in einer Klarheit und Bestimmtheit, die uns innehalten und staunen läßt.



Nicht zu Unrecht hat sie schon mit dem Debüt, auch dieses in einer Mischung aus deutschen und englischen Texten, auch hier stilistisch vielfältig zwischen Folk, Blues und klassischem Indierock, als weibliche Entsprechung des norddeutschen Grüblers und Grantlers Sven Regener (Element Of Crime) gegolten. Und auch ihre Band, bestehend aus Hagen Keller an Gitarre und Akkordeon, Bassist Jakob Egenrieder und Sascha Schwegeler an den Drums, musiziert auf ähnlich spielfreudige Art – wo dort die Trompete der Melancholie mächtig Vorschub leistet, übernimmt bei Leonie singt eine wunderbare Klarinette in Gastrolle die gleiche Funktion. Und wechselt sich wiederum mit schroffen Gitarren oder zarten Streichern ab, ganz danach, welcher Stimmung Felle gerade folgt.

Wir hören eindringliche Lieder über schwierige Momente und schwere Gedanken, die Zweisamkeit, Liebe oder Freundschaft auf den Prüfstand stellen („Wer weiß das schon“/ „Deine Reise“), trotzigen Eskapismus, in fast kindliche Wunschbilder verpackt („Stummer Fisch“). Lauschen ihren verstörenden Beobachtungen in kantigen Reimen, wenn der „Freund ohne Flügel“ lachend in die Tiefe stürzt und folgen ihr später bereitwillig Richtung „Schwarze Berge“, das Dunkel schleicht sich von hinten an, ist allgegenwärtig, unausweichlich. Und doch haben wir es selbst in der Hand, gibt sie uns eine wohlmeinende Empfehlung: „Halt deine Augen offen, such nach dem Licht“.



Es ist eine schöne Platte geworden. Die Wehmut ist zu greifen, aber sie erdrückt nicht, vieles klingt traurig, aber auch Charme und Witz kommen nicht zu kurz. Nicht alles gelingt perfekt, wie auch – das Cover von „I’ll Be Your Mirror“ wirkt seltsam gehetzt, das Weiche, mit dem Nicos Stimme im Original den Song von Velvet Underground prägt und trägt, vermisst man hier ganz. Wunderbar dagegen die zweite Neubearbeitung, so wie Felle Fugazis „I’m So Tired“ interpretiert, funktioniert das Stück und verliert nichts. Vor zwei Tagen hätte auf der Bühne des Münchner Kabaretts Heppel und Ettlich die offizielle Plattentaufe stattfinden sollen, doch der Konjunktiv hat dieser Tage die Regie übernommen und keiner weiß heute, wann das nachgeholt werden kann. Ein Trost bleibt derweil: Der Horizont daheim ist nur kleiner. Aber er bleibt sichtbar.

02.07.  Olching, Haus am See

Samstag, 21. März 2020

Warm Digits: Bunte Mischung

Okay, an Zeit, sich um neue Töne zu kümmern, mangelt es momentan nicht. Auch wenn sie gar nicht so neu sind, sondern einfach nur in den letzten Jahren an einem vorbeigesendet wurden. Andere Umlaufbahn also, doch in Zeiten der allgemeinen Entschleunigung findet eben vieles zueinander. So auch die Warm Digits, ein Krautrockduo, das je zur Hälfte aus Manchester und Newcastle-Upon-Tyne stammt und zwar in Person der beiden Soundtüftler Andrew Hodson und Steve Jefferis. Retro-futuristisch wird ihre Musik auch an verschiedener Stelle genannt, ein wenig Jazz, ein wenig Post-Punk, es gibt Gitarren, es gibt Discorhythmen und allerlei synthetisch Gelooptes. Klingt spannend, ist es auch. 2011 haben die beiden Herren ihr Debüt "Keep Warm ... With The Warm Digits" veröffentlicht, es folgten mit "Interchange" (2013) und "Wireless World" (2017) zwei weitere Alben - nun haben sie für den 3. April via Memphis Industries Studioplatte Nummer vier mit dem Titel "Flight Of Ideas" angekündigt. Und darauf findet sich eine erstaunlich große Schar an Gästen, neben Emma Pollock, The Lovely Eggs, Rozi Plain und The Orielles auch Paul Smith, Sänger der sattsam bekannten Indietruppe Maximo Park. Und weil wir etwas spät dran sind mit unserer Vorstellung, stehen es an dieser Stelle gleich vier Songs zur Vorstellung an - "The View From Nowhere Feat. Emma Pollock", "Feel The Panic Feat. The Lovely Eggs", "Fools Tomorrow" mit besagtem Paul Smith und das ganz aktuelle "Everyone Nervous Feat. Rozi Plain".