Dienstag, 2. März 2021

Arlo Parks: Sanfte Überwältigung [Update]

Arlo Parks
„Collapsed In Sunbeams“

(Transgressive Records)

Natürlich macht man sich nicht gerade beliebt, wenn man sich im allgemeinen und völlig berechtigten Jubel um diese Platte mit dem erhobenen Zeigefinger und einem vorsorglichen „Ja, aber…“ bemerkbar machen will. Genaugenommen können das auch nur die Menschen nachvollziehen, die Ende der 80er schon im Vollbesitz ihres musikalischen Urteilsvermögens waren und also eine Künstlerin namens Tracy Chapman erleben durften. Die junge und schwarze Songwriterin debütierte 1988 mit einem Album, dass einer Sensation gleichkam – Bestplatzierungen in allen europäischen Hitlisten, Nummer eins der US-amerikanischen Billboard-Charts, man konnte diesen wunderbar weichen und doch brüchigen Songs damals nicht entkommen – und wollte es auch gar nicht. Zumindest anfangs. Denn mit solchen Sensationen ist es immer so eine Sache. Sie begeistern zunächst einige wenige, die dann die Euphorie weiter in die Magazine, Radios und TV-Stationen tragen und irgendwann landen sie dann in der VOGUE als akustisch passende Ergänzung zum neuen Designer-Couchtisch, in der heavy rotation diverser Kaffeehausketten (gab es in den Achtzigern zum Glück kaum welche) und im formatierten Dudelfunk – vorbei der Zauber.



Die Angst also, es könnte Gleiches mit der Musik von Anaïs Oluwatoyin Estelle Marinho, jetzt Arlo Parks, passieren, ist nicht ganz unberechtigt. Den Dudelfunk gibt es nach wie vor, maßgeblich wird dieser aber jetzt von der gefräßigen Intelligenz allmächtiger Algorithmen bestückt, der auch die Hitlisten von Streamingportalen füllt. Und selbst, wenn das mittlerweile als authentisch gilt, weil Realität, klingt es doch etwas traurig. Andererseits ist eben jene junge Londoner Künstlerin eine Ausnahmeerscheinung, betont queer, anfänglich eher Slam-Poetin als Liedermacherin. Schon ihre ersten Stücke, 2018 noch beim Kleinlabel Beatnik Creative veröffentlicht, ließen aufhorchen, waren vielversprechende Perlen des Indiepop, kaum entdeckt, aber schon in den Rubriken der Breakthrough-Empfehlungen für die kommenden Jahre gelistet. Und schon da wusste man, dass ein ganzes Album voll von diesen melancholischen, sanft pochenden Songs die Musikwelt im Sturm nehmen würde.



Und das tut es dann jetzt auch. „Collapsed In Sunbeams“ ist genau die Art von Album geworden, die man sich von Arlo Parks erhofft hatte, ein Seelenstreichler, ein tröstlicher Rückzugsort. Zur bekannten Klasse der vorab erschienen Stücke wie „Eugene“, „Caroline“ und „Black Dog“ gesellen sich nun unwiderstehlich groovende Tanznummern – „Too Cool“ und „Just Go“ sind eigentlich in der falschen (Jahres)Zeit gelandet, sollten eher die Ausgelassenheit eines unbeschwerten Sommers feiern als den miesepetrigen Lockdown-Winter. Und doch tun sie natürlich gut, verführen, stiften an, ziehen einen mit. Der Flow, den die Songs von Arlo Parks erzeugen, ist schon bemerkenswert und natürlich ist man da schnell bei Referenzen wie Massive Attack, Morcheeba oder auch den Klangmagieren von Everything But The Girl. Einen Verweis nach Bristol hat die Künstlerin dann tatsächlich im Programm – „For Violet“ wummert in gewaltiger Portishead-Manier, nur ihre weiche Stimme gibt der Nummer einen anderen Dreh als der zerbrechliche Gesang von Beth Gibbons. Es wird eine der Platten des Jahres werden, daran besteht nun kein Zweifel mehr, unsere Befürchtungen legen wir einstweilen erst mal zu Seite.

Update: Tourdaten jetzt dort, wo sie wahrscheinlicher sind - die Clubtour wird auf den Herbst verschoben.

13.08.  Hamburg, MS Dockville
18.11.  Berlin, Columbia Theater
21.11.  Frankfurt, Zoom
22.11.  Köln, Gebäude 9
24.11.  München, Ampere
26.11.  Zürich, Mascotte
13.12.  Hamburg, Mojo Club  



Margot: Das traurige Dasein der Feierbiester

Tieren geht es mit dem umständehalber verordneten Lockdown in Großstädten gar nicht so schlecht. Angefangen bei den Hunden, die als Alibi für ausgedehnte Spaziergänge während bzw. trotz der Ausgangssperre gern herhalten werden, Katzen wiederum finden reichlich Kraul-Personal in den Homeoffice-Stuben dieser Welt, noch dazu ist der gleichnamige Instagram-Content auf Dauer eines der meistbetriebenen Freizeitvergnügen gelangweilter Zweibeiner. Vögel profitieren futtermäßig vom Heimwerkerwahn der eingeschlossenen Terrassen- und Balkonbewohner und selbst die Ratten können sich über schlechtgefüllte Biotonnen derzeit nicht wirklich beklagen. Läuft also für die Fauna? Nun, eine bestimmte Spezies, so ehrlich muss man sein, führt derzeit ein eher trauriges, vernachlässigtes Dasein - das Party-Animal, auch Feierbiest genannt, kommt nicht wirklich zur Entfaltung. Das Bier wird schal, der Wein sauer, kein Klub, kein Konzert weit und breit und so dämmert es, vom heimischen Bildschirm sediert, durch den Tag, kaum Aussicht auf Besserung. Die Londoner Band Margot hat gerade ein Video zu ihrem neuen Song "Falling In Between Days" veröffentlicht, der Flipside zur Single "Walk With Me". Als Regisseurin konnte die Künstlerin Annie Van Noortwijk gewonnen werden, bekannt für ihre eigenwillig visualisierten Parallelwelten. Und diese gab dann auch prompt und thematisch passend zu Protokoll: "I am not really a party animal but I do love to dance. If anybody would have asked me if I would have missed dancing, chance encounters, unpredictable nights this much I would have laughed, but right now I can’t wait to get out and bounce around."


Japanese Breakfast: Freudiger Ausbruch

Irgendwie ist es ja auch schön, wenn mal jemand richtig tickt und trotzdem Bock auf den Ausbruch hat. Denn Leute, die von dem Irrsinn, der uns umgibt und treibt, die Nase gestrichen voll haben, dann aber freidrehen und plötzlich die Erde für eine Scheibe, die Weltrevolution für angebracht und die krudesten Vorstellungen für möglich halten, gibt es leider schon genug. Michelle Zauner alias Japanese Breakfast ist definitiv eine der angenehmeren Zeitgenossinnen, die angesichts aller Einschränkungen und mentalen Belastungen darauf aus ist, die positiven Schwingungen und Ausblicke, die es ja auch noch gibt, nicht zu vernachlässigen. Ihr letztes Album "Soft Sounds From Another Planet" (2017) huldigte ja eher der melancholischen, dunklen Seite in einer/einem jeden von uns, doch damit soll nun Schluss sein. Am 4. Juni erscheint bei Dead Oceans ihre neue Platte "Jubilee" (Cover unten) und die werde, hör- und sichtbar schon bei der ersten Auskopplung "Be Sweet", entschieden anders sein: "After spending the last five years writing about grief, I wanted our follow up to be about joy," so erzählt Zauner in den Linernotes. "For me, a third record should feel bombastic and so I wanted to pull out all the stops for this one. I wrote 'Be Sweet' with Jack Tatum from Wild Nothing a few years ago. I’ve been holding onto it for so long and am so excited to finally put it out there." Für die visuelle Umsetzung dieses Vorhabens, bei dem sie selbst Regie führte, stand der Musikerin übrigens Marisa Dabice zur Seite, die manche/r auch als Frontfrau der Punk-Kapelle Mannequin Pussy und als Schauspielerin kennt. Und weil auch das noch nicht genug ist, wird Michelle Zauner Anfang August auch noch ihr Buch "Crying In H Mart" (Knopf Doubleday), basierend auf dem gleichnamigen Essay im New Yorker aus dem Jahr 2018, veröffentlichen. Vielbeschäftigt die Frau, viel Grund zur Freunde, in der Tat.






Montag, 1. März 2021

Smerz: Radikaler Verschnitt

Smerz
"Believer"

(XL Recordings)

Es wären wohl kaum Beschwerden gekommen, hätte sich das norwegische Duo Smerz für ihr erstes Album ein weiteres Mal auf ihr Erfolgsrezept Minimal-Electro verlassen. Nice to have, sagt man in solchen Fällen, vom Formatpop für Menschen, die nur Musik hören, weil sie nicht hinhören wollen, sind die Tracks von Catharina Stoltenberg und Henriette Motzfeldt ohnehin Lichtjahre entfernt. Soll heißen, experimentell waren die beiden schon immer, angefangen bei ihrer ersten EP "Okey" (2016), stärker noch auf "Have Fun" zwei Jahre später. Disruptive, verschränkte Technoklänge, weißes Rauschen, Noise plus Beats, dazu die zarten Stimmen - das hätte man auch jetzt wieder dankend genommen. Wollten sie aber nicht, war ihnen zu wenig. Der Anspruch von Smerz, so erzählten sie es gerade der Seite Kulturnews, bleibt unbedingte Radikalität, Genregrenzen halten sie für hinderlich. Und so kamen sowohl aktuelle Vorlieben als auch Erfahrungen ihrer musikalischen Sozialisation in den kreativen Mixer - herausgekommen ist ein Album, dass es so tatsächlich selten zu hören gibt. 

Denn wer traut sich schon, klassische Choräle und barocke Kammermusik mit kühler Synthetik, HipHop, RnB und traditioneller, skandinavischer Liedkunst zu verschneiden? Dass daraus eine ganz eigene, wunderbare Klangästhetik entstehen kann, beweisen Stoltenberg und Motzfeldt hier ein ums andere Mal. Auf den hitverdächtigen Großspur-Pop des Titelsongs "Believer" folgt die erste klassische Miniatur "Versace Strings" aus Piano, Cello und Violine, begleitet von einem glockenhellen Sopran. Gleich darauf herrlich träge Trapp-Rhymes, wieder mit Streichern kombiniert ("Rain"). Weiter mit verzerrt fiebrigen Prodigy-Beats ("Hester"), den anmutigen Tranceklängen von "Flashing", stampfende Drums auf schwermütigen Bratschentönen bei "Glassbord" und dem sagenhaften Technobeast "I Don't Talk About That Much". Dem sie dann auch sofort den Schlussakkord "Hva Hvis" entgegenstellen, der ohne verfremdende Effekte, ohne Hast auskommt und einmal mehr jede Erwartung bricht. Diese bewußt gewählten Gegensätze, dieses Spiel mit den Kontrasten und die andauernde Grenzüberschreitung, das macht Smerz so schnell niemand nach, für diesen Mut haben sie sich in der Endabrechnung des Jahres jetzt schon einen Ehrenplatz gesichert.



Sonntag, 28. Februar 2021

Paul Weller: Pop mit Nachdruck

Und wo wir gerade von der zunehmenden Lust an der Elektrifizierung gesprochen haben - die scheint allem Anschein nach auch Mod-Legende Paul Weller erwischt zu haben. Nachdem im vergangenen Jahr aus bekannten Gründen die Promotour für sein Album "On Sunset" abgesagt werden musste, fand der Mann laut Rolling Stone genügend Zeit, das heimische Archivmaterial neueren Datums zu studieren und das gab offensichtlich den Ausschlag, dem oft beargwöhnten Pop noch etwas mehr Platz einzuräumen. Und so soll die nächste Platte denn "Fat Pop (Volume I)" heißen (weil später auch noch ein weiterer Teil folgen soll), Vorabsingle Nummer eins "Cosmic Fringes" pluckert und pocht dann auch erstaunlich gelöst aus den Boxen. Zu Gast auf dem Album sind, wie wir lesen, Andy Fairweather Low, Lia Metcalfe von The Mysterines, Hannah Peel und sogar die eigene Tochter Leah, die wohl für den Song "Shades Of Blue" Zuarbeit leistete. 



shatten: Wilde Umarmung

Neuer Rock aus Hamburg, endlich mal wieder. Es ist ja nicht so die Zeit für spontane  Kontaktaufnahmen. Wo man früher einfach mal in die Clubs gegangen ist, auf ein Bier an der Bar und dann schauen, was der Abend so bringt und ob die auf der Bühne tatsächlich so gut sind, wie alle sagen - heute wühlen wir uns im Netz durch eine Unzahl von Versprechen und dabei genau das eine, richtige zu finden, ist die große Kunst. shatten könnten eines sein, bei dem sich das Dranbleiben lohnt. Danny, Kristian, Simeon, Stefan und Jonas haben bis vor einiger Zeit größtenteils noch gemeinsam bei Findus gespielt, nun also mit neuer Band und neuem Anlauf - für Ende April ist ihr selbstbetiteltes Albumdebüt über Rookie Records angekündigt und gleich die erste Single "Loecher im Himmel" ist ein ordentliches Brett mit wichtiger Message zwischen den Zeilen. Es geht gegen Homophobie und Ausgrenzung, eine wilde Umarmung soll der Song sein. Hoffen wir mal, dass das auch live bald wieder drin ist.




Messer: Die neue Lust

Gibt es sie denn tatsächlich, die neue Lust an der Elektrifizierung im Allgemeinen, an der Clubmusik im Speziellen? Wenn man offenen Ohres durch die Musiklandschaft dieser Tage wandert, dann hört man auffällig oft von Beispielen, die diese These stützen. Und zwar von Künstler*innen, denen man einen solchen Schritt nicht unbedingt zugetraut hätte. Nun gut, dass die Sleaford Mods tanzbarer, poppiger geworden sind, hatte sich über einen längeren Zeitraum angedeutet, ihr Equipment bestand ja ohnehin schon kaum aus klassischem Instrumentarium, die Beats stammten also schon vorher - um es mal unzulässig zu verallgemeinern - meistenteils aus der Steckdose. Dass allerdings Nick Cave und auch die Tindersticks auf ihren neuen Alben mit Tanzmusik im weiteren Sinne überraschen, ist neu. Und beidenteils erfreulich. Auch eine eher traditionell verortete Post-Punk/Art-Rock-Band wie Ganser aus Chicago hat derzeit viel Spaß daran, die Stücke ihrer letzten Platte ambitionierten Remixern zur Nachbearbeitung zu überlassen. Mit der Pandemie hat das alles wohl nur bedingt zu tun, denn Neugier und Experimentierfreude entspringen schließlich nicht den äußeren Umständen, sondern sollten dem Selbstverständnis der Musiker*innen geschuldet sein. Und doch - elektronische Musik ist bei weitem lockdown-tauglicher als ein komplettes Band-Outfit, Proberäume sind für diesen Fall vernachlässigbar und, noch wichtiger, es gelingt auf diese Weise, im Gespräch, in Bewegung zu bleiben.

Neuestes Beispiel: die Münsteraner Band Messer. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie ihr viertes Album "No Future Days" und schon das erschien uns, anders als noch die beiden ersten Platten, als Gestaltenwandler zwischen den Genregrenzen. Keine Ausschließlichkeit mehr, sondern Durchlässigkeit, viel Raum für experimentelle Klänge, Spannungsaufbau durch Stilvermischung. Ihr Drummer Philipp Wulf war es dann, der den fruchtbaren Kontakt zum Freund und Kollegen Kimmo Saastamoinen aka. Toto Belmont, seines Zeichens finnischer Produzent, herstellte. Und gemeinsam mit der restlichen Band wurde so langsam die Idee geboren, das komplette letzte Album als Dub-Version neu zusammenzusetzen und einzuspielen. Das Ergebnis ist, soviel wollen wir hier schon mal spoilern, ein wahrer Glücksfall geworden, die Songs, jetzt eher Tracks, spiegeln einen neuen Kontext und erhalten ein ungekannte Tiefe und, auch das soll kein Geheimnis bleiben, einen wunderbaren Groove. Ein erstes Beispiel können wir aber von Erscheinen des ganzen Werkes am 9. April bei Trocadero heute schon präsentieren, hier gern auch in der Gegenüberstellung - "Versiegelter Dub II" 2021 meets also "Versiegelte Zeit" 2020.  






Samstag, 27. Februar 2021

Marianne Faithfull: Zeit für Poesie

Vielleicht ist das ja auch so ein Pandemie-Ding, dass die Menschen jetzt Zeit für Dinge haben, denen sie vorher weniger Beachtung geschenkt haben. Poesie zum Beispiel. Auf Masha Qrella trifft das jetzt nicht unbedingt zu, denn ihr Thomas-Brasch-Projekt "Woanders" hatte schon weit vor Covid19 an Kontur gewonnen. Aber Marianne Faithfull soll ihr neues Album "She Walks In Beauty", das später in diesem Jahr erscheinen wird, während des Lockdowns erarbeitet und aufgenommen haben. Zusammen mit Warren Ellis, dem Musik-Kumpanen von Nick Cave, hat sie elf Stücke zu Gedichten von Lord Byron, William Woodsworth und John Keats eingespielt, der hier gestreamte Titelsong kommt mit gesprochenem Text und sanfter Untermalung. Die Platte folgt Faithfulls letztem Studiowerk "Negative Capability" aus dem Jahr 2018, mit dabei neben Ellis auch Cave selbst und Brian Eno.




Freitag, 26. Februar 2021

Nick Cave: Allmähliche Loslösung

 Nick Cave And Warren Ellis
„Carnage“

(Goliath Records)

Es gibt wahrlich nicht viele Künstler wie Nick Cave. Auf der einen Seite schreibt der Mann seit über vierzig Jahren mit bemerkenswerter Konstanz Songs, die man zum besseren Verständnis allesamt auf einem zerstörungssicheren Tonträger den Wesen hinterlassen möchte, die uns Menschen dereinst, wenn wir den Planeten endgültig in Grund und Boden gewirtschaftet haben, folgen werden (der einzige Grund, warum sie 1977 auf den sog. Voyager Golden Records keinen Platz fanden, muss die mangelnde Verfügbarkeit gewesen sein). Songs sind das von erhabener Schönheit, von sakraler Anmut, Songs mit einer Schwärze, die mitsamt ihrer Wut, ihrem Schmerz und ihrer Erosionskraft direkt dem Hades entrissen scheinen. Zugleich ist es Cave (trotz oder wegen der persönlichen Schicksalsschläge) aber auch gelungen, nahbar zu bleiben. Nicht als joviale Plaudertasche in den Netzwerken – er hat mit seiner Seite The Red Hand Files einen ganz eigenen Weg gefunden, einen, den er noch dazu selbst gut kontrollieren kann. Cave antwortet dort auf die Fragen zumeist junger Fans und er tut dies mit einer Lebensklugheit, einer Herzenswärme und Klarheit, die man sich selbst oft wünscht, wenn der eigene Nachwuchs mal wieder mit unsicherem Blick in der Tür steht.

Unvergessen aber auch, wie er einem Anhänger, der sich über das Aussehen anderer Besucher*innen auf Caves Konzerten ziemlich abschätzig äußerte und der irrigen Annahme war, den Künstler auf seiner Seite zu haben, in aller Unmissverständlichkeit mittteilte, dass dieser selbst ein ausgemachter Idiot sei. Tröstlich eben, wie gesagt. Der Australier scheint einen beneidenswerten inneren Kompass zu haben, das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu tun und zu sagen. Auch deshalb waren leiseste Zweifel daran, die mehrfach verschobene Welttournee zugunsten einer neuen Platte abzusagen, völlig unangebracht. Denn Cave wusste wohl, was uns erwartete. Dass er für sein aktuelles Album dann nicht die volle Besetzung der Bad Seeds an die Instrumente rief, sondern „nur“ seinen kongenialen Partner Warren Ellis, spielt dabei nicht so die große Rolle, ohnehin ist die Klangfülle von „Carnage“ auch so schon beeindruckend groß.



Was die beiden Herren hier an Klangvielfalt hervorgezaubert haben – man kann es nicht anders benennen – ist bemerkenswert. Allein der Einstieg „Hand Of God“: Mit ein paar Takten am Harmonium machen uns Cave und Ellis glauben, es handele sich um eine Art Verneigung vor der morbiden Liedkunst von Nico, gleich darauf fällt die Struktur jedoch in sich zusammen, es folgt ein Dancebeat, wie man ihn so kaum erwarten durfte. Das Stück pulsiert, Stimmen werden verfremdet und geloopt, einzig die elektrifizierten Tracks von Grinderman fallen einem da als Vergleich ein. Später werden noch Backgroundchor und dramatische Streicher ergänzt – eine erste Überraschung. Die ist auch „Old Time“ gleich im Anschluss, denn hier hat man den Eindruck, Cave habe zu einem Zeitsprung durch die 80er und 90er angesetzt, so sehr erinnern die hypnotischen Klänge, die kratzigen Gitarren an den dürren Goth und seinen Höllenblues, an „Tupelo“ oder „The Carny“ (und mit „By The Time I Get To Phoenix“ folgt dann auch gleich noch das passende Zitat).

Natürlich werden wir den alten Cave niemals zurückbekommen, er singt es uns in anderem Kontext ja auch höchstselbst: „Just like the old time, just like old time, baby, and I'm not coming back this time, ah, like the old days, darling, like the old days, I'm not coming back this time.“ Was dagegen folgt, sind Choräle und Gospelgesänge, sind die bösen und brutalen Gewaltfantasien verbitterter alter Männer, die sich um ihre Vormachstellung und um ihre Ansprüche geprellt sehen („White Elephant“), sind traurig sehnsüchtige Erinnerungs- und zarte Liebeslieder. Cave wird gleich mehrmals zum Beobachter auf dem Balkon, in den Schmerz von „Ghosteen“ (2019) mischen sich jetzt etwas Milde und Distanz, aber auch Leere und Loslösung, am eindrucksvollsten ins Szene gesetzt bei „Shattered Grounds“. Vielleicht doch noch ein Zitat aus seinen eingangs erwähnten Antworten, hier zum Zustand unserer Welt: „The world is not only very good, it is perfect - so wholly perfect that it has the capacity to hold within it profoundly imperfect things. It is a masterpiece folded around an essential and energising flaw - our humanity.”

Donnerstag, 25. Februar 2021

Die Kerzen: Liebe ist für immer


Marketingtechnisch ist da wohl einiges schiefgelaufen, schließlich ist der Valentinstag gerade eine gute Woche vorbei und wenn man einen solchen Song hat, dann bringt man den wohl am 14. Februar. Andererseits - wir reden hier von der Band Die Kerzen aus Ludwigslust und denen ist der Markt und seine Gesetze mutmaßlich schnurzpiepegal. Warum? Nun, zum einen haben sie eigentlich nur solche wunderbar zarten Schmachtpopfetzen im Programm - im Sommer 2019 gab es auf ihrem Albumdebüt "True Love" ein knappes Dutzend solcher Tearjerker. Desweiteren darf man Jelly Del Monaco, Die Katze, Fizzy B und Super Luci durchaus zutrauen, die Sache mit der Promo antizyklisch anzugehen, soll heißen: Wenn keiner dran denkt, dann kommen wir. Deshab nun vielleicht "Für immer" und das Video aus dem Massagesalon mitsamt Pediküre und Selfmade-Tattoo. Gut für die Ohren, gut für die Augen, man muß sie einfach lieben - an jedem Tag!




Friedberg: Pop-Minimalismus

Vieles auszuprobieren ist per se mal gar nicht so schlecht. Denn in der Regel ist bei dem Vielen, das man dann vorweisen kann, im günstigsten Fall auch einiges dabei, das richtig gut gelungen ist. Anna Wappel aus der österreichischen Steiermark hat in ihrem noch recht jungen Leben (sie ist erst Mitte dreißig) schon ziemlich viel probiert, musikalisch sowieso, aber auch schauspielerisch. Dass sie sich 2019 aus den diversen Möglichkeiten dann die hier maßgeblich relevante, also die Band Friedberg (benannt nach ihrem Geburtsort), herausgesucht hat, war sicherlich nicht die schlechteste Wahl. Schon zuvor und später gemeinsam mit ihren neuen Kolleginnen Emily Linden, Laura Williams und Cheryl Pinero ist sie viel herumgekommen, hat/haben sie zunächst die Songs "Go Wild" und "BOOM" eingespielt und mit ihnen wohl getestet, ob der Laden denn ans Laufen kommt. Kam er, und so gibt es jetzt eine Debüt-EP "Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah", auf der sich neben dem im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichten Stück "Pass Me On" und dem aktuelleren "Lizzy" auch die neue Single "Midi 8" befinden wird. Und eben die hat uns Friedberg wieder auf den Radar gebracht, denn deren Sound ist von erfrischender und unkonventioneller Reduziertheit, LoFi-Pop plus Billo-Kulisse, das wirkt nicht ganz so drüberpoliert wie zuletzt. Wir bleiben also mal besser dran...






Wolf Alice: Die guten Nachrichten

Die Zeiten sind leider danach, dass man von manchen Künstler*innen eher Unkünstlerisches vernimmt, als dass es Auskunft zum Kerngeschäft gibt. Letztes Beispiel Ellie Rowsell: Die Frontfrau der Londoner Band Wolf Alice meldete sich letztes zu Wort, als es berechtigterweise dem Kollegen Marilyn Manson an den Kragen ging, man las von dauerhaft befremdlichem Benehmen des Mannes und ebenso befremdlichen Äußerungen seines Managers und fragte sich einmal mehr, wie solche Dinge über Jahre unwidersprochen blieben konnten (dem Beinamen 'Gruselrocker' gaben diese Berichte unfreiwillerweise wieder eine neue Konotation). Nun, das Problem ist dank Frauen wie Rowsell, Phoebe Bridgers und Evan Rachel Wood endlich benannt und wird wohl deshalb zumindest für die Zukunft recht schnell entschieden sein. Etwas mehr Platz also für erfreuliche Nachrichten, zu denen auch die Verlautbarung eines neuen, dritten Albums von Wolf Alice zählt. Am 11. Juni also soll via Dirty Hit Records die Platte "Blue Weekend" erscheinen und eine erste Vorabsingle steht seit kurzem mit "The Last Man On Earth" auch schon parat.




Mittwoch, 24. Februar 2021

Alan Vega: Nachlassverwaltung

Musik zu entdecken, die wirklich neu, wirklich originell ist, wird im Laufe der Jahre immer schwieriger  - alles war im Grunde schon mal da, kommt einem vor wie die Kopie der Kopie der Kopie, wiederholt sich. Das war schon vor fünfzig Jahren so, auch wenn es damals sehr wohl noch Sounds und Ideen gab, die herausragten, tatsächlich überraschten, Türen aufstießen. Und zweifellos gehörten Alan Vega und Martin Rev mit der No-Wave-Formation Suicide zu diesen seltenen Beispielen, sie waren das, was man heute einen Gamechanger nennt. Vega ist 2016 gestorben, sein Nachlaß soll riesig sein und blieb bislang der Allgemeinheit verschlossen - es könnte allerdings sein, dass sich das gerade ändert. Denn das Label Sacred Bones hat heute die Veröffentlichung eines Albums mit dem Titel "Mutator" angekündigt, dass zu großen Teilen aus den originären Masterbändern der Mitte der 90er aus Vegas Archivs stammt und nun von Liz Lamere, seiner Ex-Frau, und seinem engen Freund Jared Artaud (The Vacant Lots) zur finalen Produktion bearbeitet worden ist. Das darf man ruhig eine kleine Sensation nennen, sich sich vielleicht im Zuge der zukünftig noch anstehenden Releases etwas relativieren könnte. Acht Stücke wird die Platte, geplant für den 23. April, enthalten, und mit "Nike Soldier" gibt es schon mal den passend unterkühlten Vorgeschmack dazu - das Video unter Regie von Jaqueline Castel zeigt im Übrigen Kris Esfandiari (Dalmatian, King Woman, Sugar High, NGHTCRWLR).


Gazelle Twin feat. NYX Drone Choir: Neuer Kosmos


So ist das wohl, wenn man neue Sachen für sich entdeckt, man taucht in einen komplett fremden Kosmos ein und steht zunächst einmal fasziniert vor der Fülle an Unbekanntem. Gerade so geschehen mit der Musik der britischen Künstlerin Elizabeth Bernholz, bekannter unter ihrem Moniker Gazelle Twin. Experimentelle Elektronik mit Anleihen bei Industrial und Art Pop - so sagt zumindest das allwissende Netz. Bernholz stammt aus Brighton, wohnt aber in Leicestershire, hat in Sussex Musik studiert und (hier schwanken die Angaben etwas) zwischen drei und fünf Platten aufgenommen. Gestolpert sind wir über sie in Zusammenhang mit ihrer aktuellen Single "Fire Leap", eingespielt gemeinsam mit dem NYX Drone Choir, den man sich wiederum nach eigenen Angaben als Mischung aus Le Mystére De Voix Bulgares, Holly Herndorn und SUNN O))) vorstellen kann. Und natürlich gibt es entsprechende weiterführende Notizen zu dem siebenminütigen Stück beim für solche Sachen zuständigen Fachportal The Quietus: Das dazugehörige, kollaborative Album wird "Deep England" heißen, der eigentlichen Aufführung des Projektes in der Londoner Queen Elizabeth Hall in 2019 folgen und am 19. März 2021 erscheinen. Desweiteren steht geschrieben, dass sich darauf Kompositionen des NYX-Chores, von Paul Giovanni und William Blake befinden sollen, der Sound wird als eine Art elektronisch-chorale Fortsetzung des letzten Studio-Albums "Pastoral" beschrieben. Grund genug, bis dahin noch etwas tiefer in das bisherige Werk einzutauchen und natürlich angemessen neugierig zu bleiben.
 
Update: Die Neugier ist noch immer groß, genaugenommen wächst sie jeden Tag und mit dem gerade erschienenen Titelsong ist sie nicht eben kleiner geworden.
 







Dienstag, 23. Februar 2021

PAAR: Aus guten Gründen

Täuscht der Eindruck oder ist die Sorge um das Überleben der liebgewonnenen Clubs und kleineren Konzerthallen hierzulande eher ein Randthema? Wird schon irgendwie klappen, die schaffen das schon, gehen wir halt woanders hin - wann machen eigentlich die Friseure wieder auf? Man kann über die Briten und ihre Schrullen viel und oft lachen, in Sachen Soliaktionen für Indepenent Venues haben sie uns so einiges voraus. Sorgen gibt es in den deutschen Städten aber sehr wohl, in Berlin, Köln, Hamburg, Leipzig oder München ging es der Sub- und Clubkultur auch vor Corona schon an den Kragen, jetzt liegt noch mehr in Argen. So wundert es nicht, dass auch ein Szenekleinod wie die Milla am Glockenbach Existenznöte plagen - es gibt in Bayern und seiner Landeshauptstadt wohl keinen Veranstaltungsort, der ein derart vielgestaltiges, ambitioniertes und hochgelobtes Programm anzubieten vermag wie der Kellerschlauch mit angeschlossenem Bar- und Tanzbetrieb. Noch halten die Macher*innen durch, aber schon bald könnte auch dieser Laden dicht machen. Grund genug, ihnen ein wenig Unterstützung zukommen zu lassen und sei es auch nur mit dem Kauf (via Bandcamp) des extra aufgelegten und streng limitierten Vinylsamplers, auf dem sich langjährige Freundinnen und Freunde des hiesigen Kulturbetriebs tummeln, mit dabei u. a. Angela Aux, Mira Mann, Fallwander und Bleib Modern. Und auch die Münchner Coldwave-Formation PAAR spendiert zum guten Zweck einen Song ihres aktuellen Albums "Die Notwendigkeit der Notwendigkeit" - passenderweise ist auch gerade das Video zu "EIS" unter Regie von Das Diktat erschienen. Zwei Fliegen, eine Klappe also, was will man mehr...



Dinosaur Jr: Bis zur Offenbarung

Kaum zu glauben, wie lange es diesmal vom Gerücht zur belastbaren Nachricht gebraucht hat. Obwohl, ein richtiges Gerücht war es ja genaugenommen gar nicht, denn hatte nicht Bassist Lou Barlow selbst im Dezember 2019 davon geschrieben, dass er, sobald der Schneefall beendet sei, bei Kumpel J [Mascis] vorbeischauen und die Sache - wir vermuten: das neue, zwölfte Album - zu einem Ende bringen würde? Nun, keine Ahnung, wo Herr Barlow seinen dauerhaften Wohnsitz aufgeschlagen hat, aber es muss ein fürchterlich kalter, ungastlicher Ort sein, wenn dort der Schnee erst jetzt und nach so langer Zeit das Fallen einstellt. Und mittels dieser Gnade uns zu der Hoffnung verhilft, es könnte tatsächlich etwas werden mit dem 23. April und der Veröffentlichung von "Sweep It Into Space" bei Jagjaguwar. Wer jetzt behauptet, man könne sich ja die Wartezeit getrost mit den anderen Platten der Grungetruppe vertreiben, sie würden ohnehin alle gleich klingen, hat so überhaupt keine Ahnung vom Charakter der Offenbarung, die Alben von Dinosaur Jr ein ums andere Mal genießen. Es wird demnach dringlich, das letzte Studiowerk liegt mit "Give A Glimpse Of What Yer Not" stammt immerhin schon aus dem Jahr 2016 (!). Hier schon mal die erste Auskopplung "I Ran Away", bei der, wie wir lesen, auch Kurt Vile als Produzent und Gastgitarrist zugegen war.



Montag, 22. Februar 2021

Nun Gun: Durch die Hölle gehen

Nun Gun
„Mondo Decay“

(Algiers Recordings)

Wenn wir bei dem zeitgleich erschienenen Album der schottischen Band Mogwai gerade davon gesprochen haben, dass sich ihre meistenteils instrumentalen Stücke anfühlen wie eine Reise ins Ich, dann dürfen wir für diese Platte feststellen: Jene Reise geht weitaus tiefer, nämlich ins Unterbewußte. Dahin, wo unsere dunkelsten Seiten verborgen sind, unsere Sorgen und Ängste, im schlimmsten Falle auch Wahnvorstellungen, Phobien, Traumata, wo der Mensch dann eben doch des Menschen Wolf ist und niemand so gern hindenkt und -schaut. Dass hierbei keine zarte Liedkunst zu erwarten ist, sollte einleuchten, Ryan Mahan und Lee Tesche geben sich denn auch alle Mühe, den düsteren Erwartungen gerecht zu werden. 

Die beiden Musiker kennt man ja schon als Teil der nicht minder experimentellen Gospel-Punk-Formation Algiers, auch dort haben sie sich im Laufe der Jahre den Ruf der unbequemen Wüstenrufer gegen Neokolonialismus, Machtmissbrauch und Rassismus erworben. Und nun haben sich die beiden für das Projekt Nun Gun mit dem amerikanischen Foto- und Aktionskünstler Brad Feuerhelm zusammengetan, einem Mann, der als Partner der unabhängigen Plattform American Suburb X unter anderem mit seiner Berlin-Arbeit „Dein Kampf“ für einiges Aufsehen gesorgt hat. Bei diesem Trio Infernale ist er für die Drums und vor allem für die visuelle Umsetzung des Sounds zuständig – zeitgleich zur Veröffentlichung der Musik erscheint also auch ein umfangsstarker Katalog, dessen Bilder den irren Tripp von „Mondo Deacy“ gebührlich begleiten. 

Man kann Nun Gun ohnehin am besten als genreübergreifendes Projekt verstehen, als Verschmelzung verschiedener Künste und Professionen. So sind eine Reihe bekannter Persönlichkeiten auf unterschiedliche Weise in die zwölf Tracks eingebunden, die Schriftsteller Michael Salu und Blake Butler, der Grafiker/Gestalter Farbot Kokabi, das Industrial-Kollektiv ONO aus Chicago, Musiklegende Mark Stewart, Forscher und Autor Souhail Daulatzai und die brasilianische Transkünstlerin Louiza Prado. So bunt die Gästeliste, so wild (und oft auch krude) die Mischung, die man zu hören bekommt: Drone-Jazz, brachialer Industrielärm, trocken hämmerndes oder bleiern-behäbiges Schlagwerk, alles hier wirkt bedrohlich, apokalyptisch. Tiefschwarze Monologe über eine Welt im Endzeit-Modus – sie selbst nennen es Death Disco mit direkten Bezügen zu den Zombie- und Horrorfilmen der Mondo-Ära der 60er und 70er, von Regisseuren, deren Namen wirklich nur Fachleuten und/oder Freaks ein Begriff sind. 

Würden sich zwischen die gewaltigen und gewalttätigen Klänge, zwischen die verzerrten Stimmfetzen nicht ab und an auch ein paar leichtere Pianomelodien wagen, man müsste wohl verzweifeln. Als starkes Doppel stechen dennoch vor allem die beiden Tracks „On Neurath’s Boat“ und „The Aesthetics Of Hunger“ heraus, erst straff wummernder Techno, dann krasser Doom-Rap – eine Textprobe dazu? „A nation regenerates itself only on heaps of corpses, the last shall be first and the first last, the vessel of revolution can only arrive upon seas of blood, the last shall be first and the first last. In these shadows from whence a new dawn will break, it is you who are the zombies. At the end of capitalism, there is Hitler.“ Eine Stunde in vollkommender Anspannung, eine Stunde der Provokation und des Anstosses, die letzten zehn Minuten dagegen nurmehr als flackernde und tonlose, fast unmenschliche Leere. 

25.10.  Berlin, Lido
02.11.  Hamburg, Knust
02.12.  Bern, ISC Club
03.12.  Zürich, Bogen F

Moderate Rebels: Das ganz große Paket

Natürlich könnte man behaupten, wir seien ziemlich spät dran. Andererseits ist in diesem Jahr von der Londoner Kapelle Moderate Rebels so viel neues Material zu erwarten, dass Eile nicht wirklich Not tut. Das letzte Album "Shared Values" des mittlerweile komplett aus Frauen bestehenden Quintetts datiert nun auch schon wieder auf Ende 2018, im vergangenen Jahr stand mit "Feeling Lucky" wenigstens eine Single zu Buche. Aber jetzt - ganze drei Teile eines dreißig Titel umfanssenden Großwerkes sind in Arbeit, jeweils zehn neue Stücke also pro Veröffentlichung und im April wird demnach Teil eins von "If You See Something That Doesn't Look Right" erscheinen. "Perfect Grey Day" mit Man-Ray-Lookalike-Cover eröffnet den Reigen, Weiteres wird dann sicherlich in den nächsten Wochen folgen. Was uns erwartet? Nun, im Waschzettel ist von einer Mischung aus Phil Spector, Fripp/Eno und Syd Barrett, Bezügen zu Spiritualized, St. Etienne, Stereolab und dem Humor der Pet Shop Boys die Rede - klingt doch gar nicht so verkehrt und natürlich typisch britisch.







Sonntag, 21. Februar 2021

A Spark In The Void: In neue Sphären

Unsere Sunday Spotlights gleichen auch heute wieder einem wilden Ritt durch den Gemüsegarten. Beginnen wollen wir diesmal in München. Dort hat sich ein junger Mann namens Stefan vor ungefähr fünf Jahren dem Post-Rock verschrieben, unter dem Namen A Spark In The Void erschien im April 2018 mit "Of Visions And Nightmares" seine erste Single, der wenige Wochen darauf die Debüt-EP "Constructing/In Ambivalence/A Universe" folgte. Zu den Vorbildern, auf die er sich beruft, gehören Genregrößen wie Pelican, Sleepmakeswaves und Russian Circles, deren Einfluss man auch auf der nächsten 12" "Ever Changing, Ever Dying" (2019) heraushören kann. Der bewusste Verzicht auf den Gesang soll hier wie bei vielen Vertretern des Post-Rock als Einladung dienen, den eigenen Assoziationen Freiraum zu geben und so ist auch die neue Platte "The Journey" als sechsteilige Gedankenreise konzipiert. In gut dreißig Minuten entfaltet sich hier eine vielschichtige Kulisse aus melodischen Gitarrenwänden, wuchtigen Drumparts und epischen Klangflächen. Gemischt hat das ganze wieder Nikita Kamprad, das Mastering übernahm Jack Shirley, der auch schon für Jeff Rosenstock und die Blackgazer Deafheaven arbeitete. Alles nicht die schlechtesten Voraussetzungen, um in diesem Jahr - wir bleiben mal im Bilde - vielleicht in eine neue Sphäre vorzustoßen.

Sapphire Blues: Laute/r Negationen

Weiter geht es mit diesen drei Herren aus Bristol. Sapphire Blues, so ihr Name, haben noch kein allzu großes Werkverzeichnis anzubieten, die Songs allerdings, die es von ihnen bis jetzt zu hören gibt, lassen darauf schließen, dass sich das bald ändern dürfte. Auch wenn man für ihren Sound das Etikett Post-Punk wählen könnte, so liegt die Betonung doch eher auf der zweiten Silbe, denn sie gehen ziemlich forsch zu Werke. Schon die drei Singles "Good Morning Britain", "119" und "Ourselves Forgotten" zerren und scheppern anständig und auch der aktuelle Song "Daydream" bietet den derzeit typischen, ruppigen Gitarrensound. Die Band scheint Negationen zu lieben, denn schon auf ihren Webpräsenzen findet sich der Claim "Not a blues band" und auch ihr Statement zum neuen Stück beginnt mit dem Hinweis, es beziehe sich auf ein Buch, was man nicht lesen müsse. Weiter heißt es dort: "The age-old story of being overworked and underpaid. Lyrically, the song was pieced together over a fair few years of struggling to make ends meet. It touches upon the ever-increasing prescription of anti-depressant drugs and how they, in my own experience, serve to make you cold-blooded in the face of menial work." Mehr dann sicher bald bei ihrem Londoner Label Blitzcat Records.