Freitag, 30. Juli 2021

Billie Eilish: Das Leben im Schnelldurchlauf

Billie Eilish
„Happier Than Ever“

(Interscope/Universal)

Je älter wir werden, desto größer ist die Versuchung, mit unseren Erfahrungen zu prahlen. Klar, womit sollen wir auch sonst so punkten, wenn die Haare schütter, die Knochen morsch und die Haut faltig werden. Also – alles schon gehört, alles schon gesehen? Zugegeben, Überraschungen sind rar gesät, aber als Billie Eilish vor zwei Jahren alle Welt verrückt machte, mussten wir doch anerkennen, dass das alles schon recht neu oder zumindest ziemlich clever war. Popstar und Gothkid, benahm sich so ganz anders, als wir es von den Postergirls und –boys unsrer Zeit gewohnt waren, angenehm unangepasst, die wichtigen Themen zur richtigen Zeit. Ganz ehrlich, es ist tatsächlich ein großes Geschenk, die eigenen Töchter mit dieser Billie Eilish aufwachsen zu sehen (denn sie hätten es weitaus schlimmer treffen können), sehnsüchtig, ausgeflippt, an den Lippen hängend, natürlich auch irritiert, verunsichert, zweifelnd. Aber das nur, um letztendlich noch fester zu ihr, zu ihren Ansichten, Kämpfen zu stehen. Zur Zufriedenheit und auch der Sorge mischt sich dann auch ein wenig Neid, dass diese Zeiten für uns unwiederbringlich vorbei sind und man muss nicht noch mal die Sache mit dem Bogen und den lebenden Pfeilen aufkochen, um zu wissen, dass es grundverschiedene Welten sind, in denen wir leben.



Nun also ein neues Album und natürlich hat man vorhersehen können, was das große Thema von „Happier Than Ever“ werden würde. Waren es zuerst die Ängste und Nöte der angehenden Musikerin, die sich nebenher von Kindheit und behütetem Elternhaus löste und mit Krankheit und Depression zunehmend allein konfrontiert war, kam nun das hinzu, was man Megastardom im Schnelldurchlauf nennen könnte. Nebenwirkungen eingeschlossen. Und davon gab und gibt es reichlich. Und weil sie den sehr offenen Umgang mit eben diesen Problemen quasi zu Kunstform erhoben hatte, ist diese Platte nun noch eine Spur dunkler, ist Billie Eilish zwangsläufig noch ernsthafter und auch verletzlicher geworden. Das klingt entsprechend. Die brüchige Stimme, die Nahbarkeit, der schonungslose Umgang vorrangig mit sich selbst, all das treibt sie auf „Happier Than Ever“ noch eine Spur weiter. Es ist die Unbeirrbarkeit, die verblüfft, die Respekt abnötigt, einen auch mal frösteln lässt. Welche Künstlerin macht sich schon derart angreifbar, geht vergleichsweise offensiv mit ihrem Körpergefühl, ihrer Weiblichkeit, ihren seelischen Enttäuschungen um wie Eilish bei „Not My Responsibility“, einer Art Spoken-Word-Performance, die schon, entsprechend visualisiert, auf ihren Konzerten für Erstaunen, Befremden, Bewunderung (je nach Standpunkt) sorgte.



Ebenso bemerkenswert: Ganz gegen alle Marktgesetze bietet das Doppelalbum keinen einzigen Hit, kein „Bad Guy“, ebenso wenig gibt es die branchenüblichen Kollaborationen zu hören (und sie könnte bestimmt reichlich davon bringen). Stattdessen bleibt es beim bewährten, gemeinsamen Songwriting mit Bruder Finneas. Zart gezupfte Akkustik hier, wuchtige, technoide Synthakkorde da, mal Bossa Nova, mal mit fettem Beat, mal ganz ohne, der Sound so wechselhaft wie ihre Stimmungen. Songs also vom Lieben und Entlieben, von den belastenden Erfahrungen als öffentliche Person („Getting Older“, „OverHeated“), wo Privates fast nicht mehr möglich ist („NDA“) und sich jede und jeder das Recht auf ein Bild und eine Meinung nimmt, nur man selbst diese besser verbergen sollte. Und dann die Mutmacher und Trostlieder, „My Future“ beispielsweise oder „Your Power“, die ein gewachsenes Selbstbewußtsein spüren lassen, das sich auch im grandiosen gegrölten Schlusschor des Titelsongs bahn bricht, gestärkt durch (siehe oben) eben jene Erfahrungen, die sie schneller als andere im Leben machen musste. Bei aller Inszenierung, die man ihrem Film vor einiger Zeit vorgeworfen hat, bei allen möglichen Marketingkniffs gewiefter Strategen, es kann nicht schaden, hier ab und an genauer hinzuhören, manchmal lernt man selbst in gesetzterem Alter noch etwas für’s Leben dazu.

19.06.  Frankfurt, Festhalle
21.06.  Köln, Lanxess Arena
30.06.  Berlin, Mercedes-Benz-Arena
02.07.  Zürich, Hallenstadion



Amyl And The Sniffers: Raus damit [Update]

Es gibt Menschen, denen kam und kommt der Lockdown im Zuge der Pandemie eher entgegen - Stubenhocker, Computernerds, Einzelgänger, Bindungsängstliche, es gibt so viele verschiedene Ausführungen davon, dass man mit dem Gendern kaum hinterherkommt. Fest steht dagegen, dass die wunderbare Amy Taylor nicht zu dieser Art von scheuen Zierpflanzen gehört - die Frau muss raus, und zwar laut. Ging aber nicht in den letzten Monaten, also wurde kräftig kollaboriert - mit den Viagra Boys ebenso wie mit den Sleaford Mods - und auch gleich das zweite Album von Amyl And The Sniffers aufgenommen. "Comfort To Me" soll nun am 10. September bei Rough Trade dem Debüt von 2019 folgen, die erste Single "Guided By Angels" hat schon mal alles, was die Australierin und ihre Band ausmacht, das Video dazu stammt von John Angus Stewart.

Update: "I'm not looking for trouble, I'm looking for love, I'm not looking for harm, I'm looking for love ..." - außen böses Mädchen, aber doch auf der Suche nach der Liebe. Amy Taylor tanzt im Clip zu ihrer neuen Single "Security" auf den Gräbern, einen schöneren Gegensatz zwischen alt (aka. gestorben und ohne Bedeutung) und jung plus wild kann es kaum geben!



Donnerstag, 29. Juli 2021

Darkside: Auf den zweiten Blick

Darkside
„Spiral“

(Matador)

Manchmal lohnt es sich schon, genauer hinzuschauen. Wenn man das Cover des neuen, zweiten Albums von Nicolás Jaar und Dave Harrington nämlich nur flüchtig betrachtet, scheint es, als hätten sie die Glaskugel von „Psychic“, ihrem ersten gemeinsamen Werk, etwas arg vernachlässigt, so dass diese zwangsweise Moos ansetzen musste und mit der Zeit zuwucherte. Zum Glück taugt das allerdings weder als Analogie noch als Pointe, denn mit geschärftem Blick ist zu erkennen, dass das Wasser noch immer klar, das Grün frisch ist und es sich hier eben nicht um ein verwildertes Biotop, sondern um eine seitenverkehrte Spiegelung kraftvoller Natürlichkeit handelt. Wer daraus jetzt trotzdem ein Sinnbild ableite möchte – nun denn: Ein bloßer Aufguss der vorangegangenen Platte ist die neue also nicht geworden, wenngleich die Grundform erhalten geblieben ist. Jaar und Harrington haben dem Ganzen eine andere Färbung gegeben, und ja, es lohnt sich, nicht nur genau hinzuschauen, sondern auch hinzuhören. Denn was „Spiral“ bietet, ist Jamming als High-End-Performance.



Es bereitet also, auch wenn die aktuellen Tracks bis auf die Ausnahme „Liberty Bell“ nicht mehr ganz so catchy rüberkommen, ein großes Vergnügen, den Soundspielereien der beiden Herren zu lauschen. Harringtons psychedelische Soloeinlagen an der Gitarre gemahnen noch immer an die besseren Tage von David Gilmour bei Pink Floyd, sie sind störrischer, kantiger geworden, das tut dem Album gut. Das Disco-Flair, so es eines gab, ist fast gänzlich verschwunden, es dominieren ruhigere Töne, dunkler Space-Folk, Soundtrack-Kulissen, Prog-Rock-Anklänge. Garniert ist das alles mit einer Vielzahl von Geräuschen – meditative Klangschalen, verfremdete Bandansagen, knisterndes Voodoogeklapper, langweilig wird es in keiner Minute. Inhaltlich befassen sich die Songs vorzugsweise mit Tod, Vergänglichkeit, unserem oft doch recht nutzlosen Dasein auf dem Planeten, mancher Text wirkt fast alttestamentarisch dramatisch, da weiß man dann nicht ganz so genau, wie das nun gemeint sein soll. Geschenkt, eine runde Sache – Kugel hin, Kugel her – ist die Platte allemal.



Gustaf: Jede Menge Spass

Wenn man weiß, dass ein jedes Ding zwei Seiten hat, dann ist alles gut. Also, nicht immer gut, aber man ist zumindest vorbereitet. Und bei der New Yorker Band Gustaf sollte man sich wohl auf einiges gefaßt machen, denn schaut man sich die Presseshots oben und die Videos unten an, dann wird schnell klar, warum die Freunde aus einer so chaotischen Stadt kommen müssen. Im vergangenen Jahr erschienen von der Band die beiden Singles "Design" und "Mine", nun kündigen Tine Hill (Bass), Vram Kherlopian (Gitarre), Melissa Lucciola (Drums), Tarra Thiessen (Gesang, Percussion) und Lydia Gammill (Gesang) für den 1. Oktober via Royal Mountain Records ihr Debütalbum "Audio Drag For Ego Slobs" an. Das alles wird von dem neuen Song "Book" und zwei Tourterminen flankiert - sieht ganz so aus, als könnte man mit ihnen viel Spaß haben.

16.11.  Berlin, Cassiopeia
17.11.  Haldern, Haldern Pop Bar







Lice: Für Augen und Ohren

Und noch ein lohnenswerter Nachschlag: Die Band Lice aus Bristol hat Anfang des Jahres ihr Albumdebüt "WASTELAND: What Ails Our People Is Clear" veröffentlicht und nicht nur Joe Talbot von den Idles war voll des Lobes für das Punk-Quartett. Von ebenjener Platte stammt die Single "Persuader", die sie nun mit einem neuen Video unter Regie von Tasha Lizak an den Start bringen. Komplettiert wird das Ganze von "Mediator", einem etwas experimentellen Rework der A-Seite. Mit Punk hat das, so hört man schnell, nicht mehr viel zu tun, spannend ist es allemal.



Mittwoch, 28. Juli 2021

Dry Cleaning: Einspielergebnisse

Wo gehobelt wird, da fallen Spähne - langbärtige Redewendung, allseits bekannt. Nicht ganz im Sinne dieses Spruches, aber trotzdem irgendwie in Reichweite: Wo ein derart feines Album wie "New Long Leg" von Dry Cleaning aus London entsteht, da gibt es reichlich Material im Dunstkreis der Produktion, das es nicht immer gleich auf die Platte schafft, gleichwohl aber kein schlechtes ist. So passiert mit den Songs "Bug Eggs" und "Tony Speaks!", beide im Rahmen der Hauptsession eingespielt und nun im Nachhinein via 4AD als Doppel-A-Single veröffentlicht. Der eine Song politisch, der andere eher emotional, die Gitarren hart, brüchig und mit viel Noise, die kühle Stimme von Florence Shaw eher rezitativ als singend - beide Stücke in jedem Falle worth to listen to.





Laura Lee And The Jettes: Kein Aufschub mehr

Da mussten selbst wir kurz mal nachschauen, damit bei allem Überschwang nicht doch noch ein falscher Zungenschlag reinkommt: Heute ist nämlich eine neue Single von Gurr-Mitbegründerin Laura Lee und ihrer neuen Band, The Jettes, erschienen und weil in Zeiten wie diesen nichts ohne erklärendes Statement geht und ja auch bald das Album "Wasteland" ansteht, gab Lee Folgendes zu Protokoll: "Die Situation in den letzten 1,5 Jahren war fürchterlich. Aber ich glaube, ohne diesen Lockdown und die damit einhergehende komplette Stille des öffentlichen Lebens hätten wir das Album nicht auf diese Weise machen können. Wir waren so konzentriert, durch nichts abgelenkt oder irgendwie in Versuchung, zu prokrastinieren. Ich glaube, diese Aufmerksamkeit hört man den Songs auch an. Alles ist sehr ausgetüftelt, sowohl von Arrangement Seite als auch von den Sounds." Nun also, 'Prokrastinieren' hat nichts mit gesundheitlichen Problemen alter Männer zu tun, sondern meint das mögliche Aufschieben von notwendigem Tun. Haben sie demnach nicht gemacht, sondern tatsächlich alles eingetütet und so erscheint dann am 26. November unter Mithilfe von Die-Nerven-Mastermind Max Rieger bei Duchess Box Records das Studiodebüt. Im September vergangenen Jahres haben wir hier ja schon einige Songs präsentieren können, (ob) welche davon auf der Platte landen, wird man sehen. Hier jedenfalls erst mal der Neuling "Absolut".



Deadletter: Schlechte Träume

Die Jungs mit dem furchteinflößenden Namen aus London waren schon im vergangenen Jahr bei uns zu Gast, damals mit ihrer Debütsingle "Good Old Days" und dem nächsten Track "Fit For Work". Rein stimmungstechnisch hat sich bei Deadletter und Sänger Zac Lawrence nicht viel zum Besseren geändert, erzählt dieser uns doch im neuen Song "Monday Night Terrors" von einer Serie von Albträumen, die ihn eine Zeit lang stets in der Nacht von Montag auf Dienstag heimgesucht haben. Die Art von Träumen also, wo ein schreckliches Erlebnis auf das nächste folgt und man nie so genau weiß, ob das jetzt schon das wahre Leben oder noch die gruseligen Trugbilder der Fantasie sind. Tauschen möchte man da wahrlich nicht mit ihm, auch wenn die Musik wirklich gut klingt.

Fair Visions: Willkommene Welle

Rätselraten muss da nun wirklich nicht, ein Track, der so sehr den Geist des Synthpop der 80er feiert wie "Modern Kids" von Fair Visions, kommt einem selten unter. Macht er aber nicht schlecht - Ryan Work, der Mann aus Tennessee, der mittlerweile in New York lebt und dort seit 2017 an den Geräten schraubt. Nachdem zunächst drei Singles von ihm erschienen sind, gab es 2020 die Debüt-EP "A Way Out" zu hören, nun soll am 1. September die nächste 12" veröffentlicht werden. Der Titeltrack, an dem auch Studiokollaborateur Abe Seiferth mitgearbeitet hat, hier schon mal im Stream, die restlichen fünf Titel dann in Kürze. Allesamt New Wave, versteht sich, aber zur Abwechslung mal eine Welle, die man bereitwillig begrüßen möchte.


Sonntag, 25. Juli 2021

The Greeting Committee: Einfache Dinge

Da ließe sich wahrlich wieder viel hineininterpretieren, warum wohl eine Band ihr Album nach einer der durchschnittlichsten Pflanzen auf diesem Planeten benennt. Löwenzahn also - sieht hübsch aus, wächst überall, nervt einerseits mit der milchig-klebrigen Flüssigkeit, ist aber als Pusteblume das Wahrzeichen aller Romantiker*innen, die versonnen dem Flug der kleinen, flauschigen Schirmchen hinterherträumen. "Dandelion" auf englisch und eben auch der Name der zweiten Studioplatte von The Greeting Committee aus Kansas City. Das Quartett um die bezaubernde Sängerin Addie Sartino, seit 2014 zusammen und vor drei Jahren mit dem Debüt "This Is It" endgültig angekommen, hatte vor einigen Wochen ihre erste neue Single "Can I Leave Me Too?" veröffentlicht, der folgt nun "Float Away", diesmal mit knirschenden Gitarren zu zarter Stimme. Beide Stücke intime Selbstbetrachtungen, Ausdruck des Zweifelns, der Sehnsucht nach etwas Normalität in Zeiten, wo wenig Halt zu finden ist. Am 24. September dann das von Jennifer Decilveo und Dave Fridmann produzierte Album bei Harvest Records, das aktuelle Video wurde übrigens von Kezia Gabriella gezeichnet.





Bealby Point: Jungensding

Klassischer als hier geht es nicht: Vier Freunde aus dem kanadischen Vancouver, seit Urzeiten zusammen unterwegs, Pubs, Bikes, Parties, solche Sachen und natürlich am Strand abhängen. Irgendwann entschlossen sich Jack Armstrong (Gesang), Jordan Studer (Bass), Clayton Dewar (Gitarre) und Zack Yeager (Drums), gemeinsam Musik zu machen, der man ihre Vorliebe für die Eagles und The Strokes sehr deutlich anhört. Und weil Jungs nicht sonderlich kompliziert sind, benannten sie sich einfach nach einem ihrer Lieblingstreffpunkte im Landesinneren, dem Bealby Point, spielten zuerst die Single "I'm So Bummed Out Right Now" ein, gefolgt von "Telescope" und nun also "Talk To Me". Und wenigstens für das letzte Stück muss an dieser Stelle eine kleine Warnung ausgesprochen werden - man wird es so schnell nicht aus dem Kopf bekommen.

Le Pain: Charmant in den Sommer

Manchmal kommt es einem ganz gut zu passe, wenn die Musik für sich selbst spricht - denn bei Le Pain fehlt es noch ein wenig an den passenden Geschichten, um einen längeren Post aufzufüllen. Die vierköpfige Band besteht, soweit ist sicher, aus Mitgliedern von Public Practice und Yucky Duster zusammen, ursprünglichen kommen sie aus New York, sind aber mittlerweile in Los Angeles gelandet. Namentlich können wir zumindest Scott Rosenthal und Alan Everhart aufzählen, den weiblichen Part übernehmen die Geschwister Madeline und Olivia Babuka Black. Viel wichtiger als die Faktenlage ist aber ihre Debütsingle "Troisième Groupe", die dieser Tage bei Lucky Buckeye erschienen ist und so verdammt lässig und charmant daherkommt, dass alles andere - nun, das hatten wir ja gerade ... Sommerlied, französisch, mehr muss man nicht wissen.



alexalone: Gemeinsam getüftelt

Überaus Spannendes lässt sich aus der texanischen Bundeshauptstadt Austin vermelden. Dort nämlich werkelt mit Alex Peterson ein passionierter Klangkünstler schon seit mehreren Jahren am Sound seines Soloprojektes alexalone. Peterson, u.a. auch als Livemusiker bei Hovvdy und Lomelda aktiv, ist nicht nur ein kulturell vielseitig interessierter Mensch (seine Inspirationsquellen benennt er mit Tolkien, Murakami und diversen Zeichnern und Videodesignern), sondern auch ein versierter Tüftler mit einer Vorliebe für Werke von Boris, Low und Yo La Tengo. Wer sich in diesem Kosmos etwas auskennt, weiß, dass Zeit und Geduld unabdingbar sind, um das jeweilige Ergebnis zur vollendeten Entfaltung bringen zu können. Und natürlich helfen auch gleichgesinnte Musiker*innen und so hat er sich für die Aufnahme des ersten Albums "ALEXALONEWORLD" mit Drummer Sam Jordan und den Multiinstrumentalisten Mari Rubio und Andrew Hulett zusammengetan. Wenn man die vier bei der Interaktion sieht, hier beispielsweise im Video zu "Eavesdropper", kann erahnen, wie groß die Kraft ist, die von der Kapelle vor allem live erzeugt werden kann. Bleibt also zu hoffen, dass sich alexalone nach der Veröffentlichung des Debüts am 13. August recht bald zu einer Konzertreise entschließen können. Im Set dann mit Sicherheit dabei auch die anderen beiden Vorabsingles "Ruins" und "Electric Sickness".







Freitag, 23. Juli 2021

Typical Girls: Typisch Schweden

Es wollte wohl kaum jemand bestreiten, dass den Schweden eine besondere Begabung zum Verfassen geschmeidiger Popsongs in die Wiege gelegt ist und man muss nicht mit Benny, Björn, Frida und Agneta kommen, um das zu untermauern. Für die Stadt Götheborg zum Beispiel reicht schon die Nennung dreier aktueller Bands wie Agent Blå, Makthaverskan und Westkust, um jedes Gegenargument verstummen zu lassen. Kein Wunder also, dass Typical Girls (wohl nach einem Lied von The Slits) aus ebenjener Stadt kommen, das Trio besteht aus Julia Bjernelind (Amateur Hour, Westkust), Hugo Randulv (Amateur Hour, Westkust, Enhet För Fri Musik, Makthaverskan) und Felix Skörvald (Agent Blå), womit wir ja alle zuvor Genannten wieder beisammen hätten. Wer im vergangenen Jahr ihre selbstbetitelte Debüt-EP und hier insbesondere den Song "Girl Like You" noch im Ohr hat, wird auch die Ankündigung einer neuen Single überschwänglich begrüßen. "Miata/Nice Boys" nennt sie sich und eines der beiden Stücke können wir heute schon anbieten. Die komplette 7" wird dann am 20. August bei Kanine Records erscheinen.



Clinic: Kaum zu fassen

Ist da vielleicht jemand, der einen Groll gegen diese Band hegt. Und zufällig gerade auch deren Wikipedia-Seite pflegt? Anders ist es nicht zu verstehen, dass dort bei der Liverpooler Band Clinic, immerhin schon seit über zwanzig Jahren wacker und ununterbrochen im Geschäft, unter Stil der Passus "Post-Punk-Revival" vermerkt ist. Revival?! Schon klar, dass es selbiges gibt und sich auf den Trittbrettern allerlei Sound-a-Likes tummeln, die gern etwas vom Erfolg der Altvorderen und Originale abhaben würden. Aber Clinic?! Gut, sie waren und sind schwer einzuordnen, wo früher beim Debüt "Internal Wrangler" viele Gitarren waren, stehen heute die Keyboards (die sie noch immer mit Vorliebe auf den Flohmärkten dieser Welt erstehen) - wenn man aber kein passendes Etikett findet, ein falsches, hier sogar ehrabschneidendes, aufzukleben, ist dann schon etwas frech. Sei's drum, Adrian Blackburn und Kollegen haben bei Domino Recordings für den 22. Oktober ein weiteres Album angekündigt, "Fantasy Island" soll es heißen und nach "Fine Dining" kommt gerade der Titelsong mit Video um die Ecke. Und wir freuen uns und hoffen inständig, dass sie bald auch wieder mal höchstselbst auf den Brettern stehen.





Donnerstag, 22. Juli 2021

Lorde: Sommer, Sonne und Selbstermächtigung [Update]

Kleiner Exkurs zu Beginn, denn so sieht es aus - ein neuer Song von Lorde, ein neues Album next, aber die Welt diskutiert über das Coverbild. Wir vermuten: Vielleicht ist es ja im Subtext auch ein Stück weit die Art von Selbstbestimmung, die eine Billie Eilish als nächste Ausbaustufe erst kürzlich mit ihren Vogue-Aufnahmen gezündet hat: "My thing is that I can do whatever I want”, hatte die Amerikanerin dazu kommentiert. "It’s all about what makes you feel good. If you want to get surgery, go get surgery. If you want to wear a dress that somebody thinks that you look too big wearing, fuck it – if you feel like you look good, you look good." Und weiter: "Suddenly you’re a hypocrite if you want to show your skin, and you’re easy and you’re a slut and you’re a whore. If I am, then I’m proud. Me and all the girls are hoes, and fuck it, y’know? Let’s turn it around and be empowered in that. Showing your body and showing your skin – or not – should not take any respect away from you." Mach also, was dir gefällt, womit du dich wohlfühlst und gib einen Fick auf die Reaktionen - sieht ganz so aus, als hätte auch Lorde das verinnerlicht. Vier Jahre nach "Melodrama" erscheint nun jedenfalls am 20. Juni mit "Solar Power" die dritte Studioplatte der Neuseeländerin und wie der Name und das leicht esoterisch angehauchte Video zum Titelsong vermuten lassen, handelt es sich dabei um die Sommerplatte schlechthin. Eine Feier von Natur und Natürlichkeit soll es werden, good vibrations in der XXL-Packung. Mit dabei beim Happening Phoebe Bridgers und Clairo, an den Reglern Jack Antonoff.

Update: Bekifft im Nagelstudio, klingt eher nach RTL2, ist aber die nächste Single von Lorde und als solche natürlich mit reichlich Metaebene ausgestattet.







James Blake: Der Erfolg der Anderen

Und dann war da natürlich heute noch die Nachricht von einem neuen Album von James Blake. Okay, das Gerücht gab es schon länger, doch bis alle Fakten auf dem Tisch liegen, dauert es dann doch immer eine Zeit. Nun also: "Friends That Break Your Heart" folgt am 10. September der letzten Studioplatte "Assume Form" aus dem Jahr 2019 (wir erinnern und an Kollaborationen mit Travis Scott und Rosalía) und die erste Single "Say What You Will" kann schon mal mit einer witzigen Überraschung aufwarten. Neben Blake selbst tritt nämlich im Video Billie Eilishs Bruder Finneas auf und zwar als Superstar, der die Nase immer ein paar Meter weiter vorn hat als der zunehmend genervte Hauptdarsteller. Natürlich geht es hier im weitesten Sinne darum, sich so zu akzeptieren, wie man halt nun mal ist - die Mittel, dies zu erzählen, sind dann aber doch recht, naja, berufstypisch. Den Anfang singt Blake übrigens wieder einmal mit ungewohnt tiefer Stimme, die sich mehr und mehr höherschraubt und im vertrauten Falsett endet - unter den zwölf Stücken des Albums finden sich noch weitere Features, so u.a. Monica Martin und SZA. 



Midwife: Durch den Schmerz

Midwife
„Luminol“

(The Flenser)

Es ist ja nicht selten so, dass man als Zuhörerin oder Zuhörer ein Werk gänzlich anders wahrnimmt, als es konzipiert wurde, Sprachbilder werden verschieden gedeutet, die Musik trifft einen in komplett anderer Situation und persönliche Veranlagungen spielen sicher auch eine nicht unbedeutende Rolle. Im Gespräch hört man dann oft den überraschten Satz: „Echt? Das habe ich gar nicht so beabsichtigt...“ Eine Reaktion, die man von Madeline Johnston so wohl nicht hören wird. Denn die Frau, die sich hinter dem Pseudonym Midwife verbirgt, wird kaum etwas dagegen haben, wenn man ihre Songs als ungemein traurig bezeichnet. Sie selbst hat ja für ihre Art, Musik zu machen – sie tut das ungefähr seit 2017 – den Begriff „grief core“ geprägt, der ein gutes Bild dafür abgibt, was sie da im eigenen Studio zusammenmischt. Dabei dürften die wesentlichen Stilmittel beim Shoegazing und Dreampop liegen, verschränkt mit Elementen des Drone-Metal und Post-Rock. Das alles aber in einer mittlerweile sehr reduzierten, sorgsam geschichteten Struktur.

Nach „Like Author, Like Daughter“ (2017) und „Forever“ (2020) ist das vorliegende Album nun das dritte der mittlerweile in New Mexico beheimateten Künstlerin, neben einigen anderen Gästen waren an der Produktion diesmal auch Zachary Cole Smith, Ben Newman und Colin Caulfield beteiligt, die Herren wissen als Mitglieder von DIIV ebenso genau, wie man eher sperrige Sounds mit großen Popmelodien verschneidet und zum Klingen bringt. Und auch wenn es hier nur ganze sechs Titel sind, sie halten alle ihre großartigen Momente bereit. Schon der Opener „God Is A Cop“, laut Johnston unter den Eindrücken des Mordes an George Floyd geschrieben, bringt allein mit Piano und Gesang eine Tragik und Niedergeschlagenheit zum Schwingen, die eben nicht mehr braucht – nicht mehr als die mantraartig wiederholten Worte „I can't kill the evil thought“, nicht mehr als die sparsam gesetzten, ebenfalls repetitiven Töne.



Das ist Johnstons große Stärke, sie beschränkt sich in Text und Ton auf das Wesentliche, weiß aber, wo sie nachdrücklich, auch mal laut werden muss. Die Folge ist eine Art Malstrom, der einen, wieder und wieder von Song zu Song, in die Tiefe zieht. Da sind die trägen, dröhnenden Gitarren bei „Enemy“ und die Zeilen „My body is against me, my body wants to kill me, my body is an army, my body's out to get me…“ oder die klanggewordene Tristesse von „2020“, die einen dennoch voll erwischt und nicht mehr loslassen will. „Colorado“ bringt die Klage über die Einsamkeit und Verlorenheit (die Gitarren nur mehr angedeutet, die Stimmung fast schon meditativ), „Promise Ring“ dann mit der bitteren Erkenntnis, dass Liebe nicht nur für Hochgefühl sorgt, sondern auch die Herzen bricht – nicht neu, aber sehr minimalistisch übersetzt und deshalb anrührend.



Woher die Trauer, möchte man da fragen. Vielleicht hilft es zu wissen, dass Johnston vor Jahren einen sehr engen Freund durch Selbstmord verloren hat und mit diesem Verlust noch immer zu kämpfen hat. Vielleicht ist sie aber auch einfach ein Mensch, die unbequeme Wahrheiten erforscht, auch wenn sie ihr Schmerzen zufügen können. In diesem Sinne lässt sich auch der Titel des Albums verstehen: Luminol ist ein Mittel, das in der Kriminaltechnik verwendet wird, um kleinste Blutspuren am Tatort nachweisen zu können, entsprechende Verweise tauchen immer auch in den aktuellen Videos von Alana Wool auf. Ganz zum Schluss tagträumt sich Johnston im Übrigen in das wohl berühmteste Gemälde des amerikanischen Malers Andrew Wyeth „Christina’s World“, allein zwar, aber auch auf der Suche und bereit für Neues. Gut möglich, dass sie am Ende doch noch Trost und Hoffnung gefunden hat.

Mittwoch, 21. Juli 2021

The KVB: Die Welt in Flammen

Gerade erst hatten W.H. Lung mit einer neuen Single die glorreiche Historie ihrer Heimatstadt Manchester beschworen, da kommt auch schon die nächste Band um die Ecke, um exakt das Gleiche zu tun. Denn: The KVB, also Kat Day und Nicholas Wood, haben nach ihrer letzten Studio-EP "Submersion" (2019) einen ersten Song veröffentlicht. "World On Fire" steht in der klassischen Rave-Tradition ihrer Heimat, zum Inhalt des Tracks äußern sich die beiden in einem Statement wie folgt: "'World On Fire' wurde Ende 2019 geschrieben und befasst sich im Kern mit der Dualität bestimmter Phrasen wie ‚set the world on fire‘, die zerstörerisch klingen, aber eben auch etwas Bemerkenswertes beinhalten. ... Im Laufe der Zeit sind wir alle gegenüber schlechten Nachrichten und schrecklichen Ereignissen via TV und soziale Medien desensibilisiert worden. Wenn heute viele Leute abbremsen, um einen Autounfall zu begaffen, dann fühlt es sich an, als ob wir alle immer mehr davon besessen sind, die Welt in Flammen zu sehen." Die Single ist heute bei Invada Records erschienen, gut möglich, dass bald mehr Informationen folgen.





Dienstag, 20. Juli 2021

Low: Das richtige Gespür [Update]

Das amerikanische Indie-Trio Low gehört seit jeher zu den Bands, denen man einen Pakt mit dem Teufel unterstellen möchte, so makellos ist ihr Gesamtwerk, so unfehlbar ihr Gespür für punktgenaues Songwriting. Im Jahr 2018 feierten Alan Sparhawk, Mimi Parker und Steve Garrington mit dem Album "Double Negative" ihr Fünfundzewanzigjähriges, nun kommt am 10. September via Sub Pop mit "HEY WHAT" die nächste Studioplatte. Produziert hat laut Brooklyn Vegan wieder BJ Burton, die erste Single "Days Like These" kommt mit einem beeindruckenden, erzählerischen Video von Karlos Rene Ayala, der nicht zum ersten Mal für die drei die Regie übernahm.

03.05.  Köln, Kulturkirche
09.05.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
10.05.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
11.05.  Wien, Wuk
13.05.  Lausanne, Les Docks
14.05.  Zürich, Mascotte

Update: Und auch der zweite Vorabsong hat es in sich. Der Sound ist einmal mehr ungewöhnlich dronig, bei voller Lautstärke kommt hier alles wunderbar ans Vibrieren. Das Video zu "Disappearing" hat der Musiker und Künstler Dorian Wood gedreht, seine bemerkenswerte Performance als Model entspringt im Übrigen nicht nur seiner Inspiration - Wood hat während der Pandemie öfters solche Jobs angenommen. Seine Gedanken und Empfindungen dazu lesen sich im Auszug wie folgt: "... During these long stretches of time, I'd lose myself in thought while delivering poses that best showcased all this fat brown beauty. In my mind, I traveled to places and memories, and in the case of "Disappearing", I not only visited the ocean in my mind, I became it. Even at its most empowering and meditative, a modeling session was often a reminder of how lonely one can feel when the other humans in the room immediately vanish once the laptop shuts down. And still, a semblance of hope always lingered..."