Sonntag, 17. November 2019

Drug Couple: Allerlei Verbindliches

Immer wieder sonntags ein neuer Rundflug, um neue, vernachlässigte oder unterschätzte Talente zu outen. Start heute in Brooklyn, New York: Hier liefen sich 2016 Becca Chodorkoff (zuvor Rosebug) und Miles Benjamin Anthony Robinson (früher Jesus Jackson) über den Weg und fanden offenbar nicht nur einander Gafellen, sondern auch an der Möglichkeit, gemeinsam zu musizieren. Unter dem Namen Drug Couple entstand u.a. ihre gerade bei PaperCup Music veröffentlichte EP "Little Hits". Das Duo versteht sich als antikapitalistisches und antirassistisches Projekt und wurde im Studio von Pastor Greg und Will Berman an den Drums unterstützt. Dass die Zuhilfenahme stimulierender Substanzen dem Schöpfungsprozeß förderlich war, legt nicht nur ihr Name nahe, sie geben das auch freiwillig zu. Kein Geheimnis ist außerdem ihre Verehrung für den ehrwürdigen Graubarts J Mascis, die man den Stücken unschwer anhören kann - nebenbei findet sich auf der EP auch ein Cover des Shania-Twain-Songs "You`re Still The One".

Laveda: Gern geschmeidiger

Im gleichen New Yorker Stadtteil sind auch Ali Genevich und Jake Brooks als Duo unterwegs. Nicht nur der Name Laveda läßt auf geschmeidigere Melodien schließen - die beiden haben sich tatsächlich dem Dreampop verschrieben. Vor einigen Monaten erschien ihre Debütsingle "Dream.Sleep", gefolgt vom Song "Better Now". Und nun also mit "If Only (You Said No)" ihre erste gemeinsam geschriebene Arbeit, ein zauberhaftes Stück Shoegazing mit einem gewissen Cocteau-Twins-Appeal. Für das Frühjahr 2020 ist dann ihr Debütalbum mit zehn neuen Tracks versprochen.

Honeymoan: Nicht nur, aber auch

Irgendwo zwischen den beiden erstgenannten Bands bewegen sich Honeymoan aus dem südafrikanischen Kapstadt. Wobei "irgendwo" keinerlei Wertung enthält, denn ihr sowohl poppiger als auch angenehm aufgerauter Sound macht ziemlich großen Spaß, vor allem, wenn man sich ihre Hitsingle "Still Here" anhört. Andererseits ist die gar nicht so spaßig gedacht, Sängerin Alison Rachel sagt darüber: "Der Song handelt von dem täglichen Druck, den man spürt, der Angstzustände und Depressionen hervorrufen kann. Und davon, sein Bestes zu geben, die Dinge zusammenzuhalten, auch wenn man manchmal nicht mehr kann. Obwohl es das persönlichste Lied ist, das ich je geschrieben habe, ist daraus ein wirklich fröhlicher Indie-Rock-Track geworden, der sich sogar wunderbar zum Tanzen eignet." Zwei Kurzformate sind von dem Quartett bislang erschienen, 2018 die Single "We" und im vergangenen Jahr die EP "Body" - nun ist für den 21. Februar EP Nummer zwei "Weirdo" via Communion Records angekündigt.



Seazoo: Das positive Gefühl

Feine Gitarren-Akkorde sind auch die Sache der walisischen Kapelle Seazoo. Die Band von Sänger Ben Trow zählt Yo La Tengo, Courtney Barnett und Grandaddy zu ihren Vorbildern und entsprechend gekonnt mischen sie für ihre Arbeit analoges Schrammeln und elektronisches Gefrickel. Sehr gut klingt das, so wie im Song "Throw It Up", der vor drei Monaten erschienen ist und erst recht auf ihrer aktuellen Single "Heading Out". Der Nachfolger des letztjährigen Debüts "TRUNKS" ist für das erste Quartal des kommenden Jahres geplant, Trow dazu in aller Kürze: "Ich wollte mit dem Album positive Dinge erkunden, etwas, das ich vorher noch nie wirklich gemacht habe. Um ehrlich zu sein, viel simpler hätte ich es nicht hinbekommen, etwa das Gefühl, wenn man jemanden trifft, den man auf Anhieb mag - Nerven, Aufregung, yeah!" Dem ist dann auch nichts hinzuzufügen, wir sind auch schon ganz gespannt.

DIE ARBEIT: Aus der Grauzone

Damit es jetzt nicht allzu ausgelassen wird, geht es für den letzten Hinweis zurück nach Deutschland, und zwar nach Dresden. Das klingt jetzt vielleicht etwas bemüht düster, aber allzu helle Töne sind eben die Sache dieser Band nicht. DIE ARBEIT heißen sie, haben sich 2018 gegründet und bergen seitdem, wie sie behaupten, die Essenzen ihrer Gemeinschaftsseele. Was zunächst etwas befremdlich anmutet, löst sich in einem Sound auf, der sich stilistisch stark an den Vertretern der hiesigen und internationalen Grauzone orientiert - es fallen Namen wie Joy Division, DAF, Fehlfarben, Messer oder Die Nerven. Für das Video ihrer aktuellen Single "Haut, Knochen und Gesichter" hat einmal mehr Frank Sander Regie geführt, den man schon aus seinen Arbeiten zu den Stücken "Leichen" und "Visier" kennt. Gezeichnet wird hier einmal mehr das Bild der Zerrissenheit, der Nervosität und des Zweifels, aber auch die Hoffnung auf einen Weg zu sich selbst. Ab Februar kommenden Jahres sind DIE ARBEIT unterwegs, dann erscheint auch ihr Debütalbum "Material" bei Undressed Records.

21.02.  Dresden, Chemiefabrik, Record Release
29.02.  Weißwasser, Telux
05.03.  Dortmund, Subrosa
06.03.  Oberhausen, Druckluft
28.03.  Karlsruhe, Kohi
23.04.  Jena, Café Wagner
03.11.  Hannover, Café Glocksee





Samstag, 16. November 2019

Daughters Of Reykjavik: Ihre Sache

Okay, dafür gibt es nun mehrere Gründe: Wann sonst hat man schon mal die Gelegenheit, eine  Post über eine Band mit gleich neun Frauen zu teilen? Und noch dazu, wenn um isländischen Rap geht? Jawohl, acht Frauen, Rap - noch Fragen? Dabei ist die Zahl acht eher klein bemessen, denn zu Beginn ihrer Karriere im Jahr 2015 bestand das Kollektiv Daughters Of Reykjavik (damals noch unter dem einheimischen Namen Reykjavíkurdaetur) aus mehr als zwanzig gleichgesinnten Töchtern, die auf einer Female Rap Night in Reykjavik zusammenfanden und seitdem gemeinsam auftreten, produzieren und natürlich auf Musik veröffentlichen - 2018 erschien das Debütalbum "Shrimpcocktail" und im Frühjahr 2020 soll via The Orchard der Nachfolger "Soft Spot" folgen. Nebenher arbeiten Blaer, Katrín Helga, Dísa, Steinunn, Ragga Holm, Sura, Salka, Steiney und Karítas im Übrigen als Sextherapeutin, Gletscherführerin, Schauspielerin, als Besitzerin eines Gayclubs, Radiomoderatorin Grafikdesignerin und Tontechnikerin, sie können also für ihre Songs auf reichlich verschiedene Erfahrungen zurückgreifen. Der erste neue Track "Sweets", gesungen auf Englisch und Isländisch, handelt einfach mal eben vom Sex.

Scorn feat. Jason Williamson: Schall und Rauch

Gerade haben die Sleaford Mods das geschafft, wovon so ziemlich jeder britische Musiker träumt: Gemeinsam mit den Supports Horse Meat Disco, Stewart Lee und den fabelhaften Viagra Boys haben sie zum Abschluß der Tour zum Album "Eton Alive" das altehrwürdige Londoner Hammersmith Apollo ausverkauft. Nachdem sie vor einiger Zeit auch schon beim Indiedealer Rough Trade unterschrieben haben, könnte man also sagen, sie sind oben angekommen. Doch wer Andrew Fearns und Jason Williamsons Karriere eine zeitlang verfolgt hat, der weiß, dass die beiden solche Erfolge zwar sehr wohl genießen, sich aber davon keineswegs von der Ernsthaftigkeit ihres eigentlichen Ziels ablenken lassen - der wütenden Anklage an das bestehende politische System in England und die stetig zunehmende Verschlechterung in allen Bereichen sozialen, gesellschaftlichen Zusammenlebens in ihrem Heimatland, Stichworte Bildungsnotstand, erodierendes Gesundheitssystem, Armut, Wohnungsnot, aufkommender Nationalismus, you name it. Nebenher ist Williamson nicht nur als Buchautor (aktuell "House Party" bei Bracketpress) aktiv, sondern kooperiert auch gern mit anderen Musikern. Erst kürzlich haben wir auf seinen Beitrag zum aktuellen Album der französischen Post-Punk-Kapelle Frustration hingewiesen, hier nun kommt der nächste Verweis. Denn jetzt hat Scorn, das Projekt des englischen Industrial-Pioniers Mick Harris, seine neue Platte "Café Mor" (Ohm Resistance) veröffentlicht. Entstanden ist Scorn Anfang der Neunziger ursprünglich gemeinsam mit Nicholas Bullen als Sidestep zur Grindcore-Band Napalm Death, mittlerweile und nach einigen Unterbrechungen werkelt Harris allein und hat sich komplett der experimentellen Elektronik verschrieben. Der Track, dem Williamson seine Stimme lieh, heißt im Übrigen "Talk Whiff" - haha, der alte Dampfplauderer.

Freitag, 15. November 2019

Eşya: Zur Dunkelheit bekennen

Esya
"Absurdity Of ATCG (II) - Emergent Form"

(Bandcamp)

Weiter geht es mit Ayse Hassan, Bassistin bei den Savages und gleichwertigen Teilhaberin von Kite Base auf der Suche nach dem Sinn des menschlichen Seins. Die vorliegende EP ist die dritte im Themenverbund nach "Absudity Of Being" und "Absurdity Of ATCG (I)" und wenn sich mit dieser eine Form, eine Konstante herausbildet, dann ist es hier definitiv eine alles umfassende Düsternis. So kalt, so dunkel waren selbst die beiden ersten Platten nicht - die sieben Stücke inklusive des Bonustracks "Obsolete" zeigen Hassan als tiefschwarze Zweiflerin, bereit, für ihren Teil die Schattenseiten des Lebens offenzulegen. Schon im Sommer dieses Jahres verriet sie dem Netzmagazin The Rodeo die Grundidee ihres Triptychons: "Ich glaube, jeder Mensch hat oder wird an einem Punkt seines Lebens emotionales Leid erfahren. Meiner Meinung nach ist es wichtig, darüber zu reden, unsere Geschichten zu teilen und solche Erlebnisse, Gedanken und Gefühle nicht zu unterdrücken, so dunkel sie auch sein mögen."



"Die Musik, die ich schaffe, kommt aus der Frustration und der Wut, aber auch dem Staunen und der Hoffnung. Sie ist ein integraler Bestandteil meines Seins", und weiter führt sie aus: "Was ich hier abbilde, sind Realität, Wahrheit, Ehrlichkeit - ich möchte den Menschen, der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten und zeigen, wie die Wirklichkeit tatsächlich ist. Und dass wir alle die Wahl haben und eine Entscheidung treffen können." Musikalisch hat sie sich diesmal fast durchgängig dem Cold Wave verschrieben, die Stücke zucken allesamt mit elektronischen Beats, unterfüttert von schweren Bässen und frostigen Synthtexturen. Wenn der erste, erstaunlich tanzbare Track "Blue Orchid" noch an die legendäre Anne Clark erinnert, sind "Fear" oder "Eidolen" ungleich finsterer geraten, knirschende Störgeräusche, verzerrte Akkordeon-Melodien, dazu Hassans gleichförmiger Gesang, bemüht, die fast erhabene Grundstimmung nicht durch allzu häufige Ausbrüche zu stören. Wohl der, die ihre Ängste und Schwächen in so wunderbare Klänge zu wandeln vermag.

Donnerstag, 14. November 2019

Glass Animals: Spitzenreiter

Was für ein Tag! Denn trotz Billie Eilish, Trail Of Dead und den immergrünen Pet Shop Boys geht der Song des Tages an - tadah: Die Glass Animals. Die hochverehrte britischen Rocktruppe hat nämlich gerade ebenfalls einen neuen Track mit dem Titel "Tokyo Drifting" vorgestellt und als ob das noch nicht genug wäre, arbeitet bei diesem kein Geringerer als Denzel Curry mit. Und deshalb klingt das Stück auch genauso wie die Namen vermuten lassen - fantastisch. Wann genau ein Nachfolger für das Album "How To Be A Human Being" ins Haus steht, wissen wir allerdings noch nicht.

Pet Shop Boys: Zeitlos

Diese beiden Herren hier wiederum zählen zu der Kategorie Musiker, die quasi alterslos sind, soll heißen, in fünfzig Jahren oder mehr noch ihre Singles, Alben abliefern, als wäre die Zeit stehengeblieben (vgl. hier: Kraftwerk, vgl. nicht: Rolling Stones). Daß sie das nicht ist, wissen Neil Tennant und Chris Lowe natürlich schon beim Blick auf ihr gebeuteltes Heimatland, aus dem täglich neue Hiobsbotschaften über den Kanal wehen. Erst kürzlich haben sie deshalb zusammen mit Years And Years eine Vorabsingle namens "Dreamland" veröffentlicht, nun kommen ein paar sehr erfreuliche Ergänzungen hinterher. Denn die Pet Shop Boys werden am 24. Januar ihre nächste Studioplatte "Hotspot" veröffentlichen - und einen weiteren Track gibt es mit "Burning The Heather" auch schon davon. Und natürlich kommen die beiden Herren auch wieder live auf Tour - im Sommer 2020 ist es soweit.

01.05.  Berlin, Mercedes Benz Arena
02.05.  Oberhausen, König Pilsener Arena
08.05.  Leipzig, Arena
10.05.  Stuttgart, Porsche Arena
19.05.  München, Olympiahalle
20.05.  Frankfurt, Jahrhunderthalle
22.05.  Hamburg, Barcley Card Arena

... And You Will Know Us By The Trail Of Dead: Älter werden

Wieder so ein Moment, bei dem man merkt, wie alt man doch geworden ist. Nicht nur, weil ... And You Will Know Us By The Trail Of Death so klingen, wie sie klingen (also um einiges gemäßigter als bei ihren ersten Alben), sondern weil sie mit der Ankündigung ihrer nunmehr zehnten Studioplatte gleichzeitig ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum begehen. Feiern wir natürlich trotzdem gern. Zunächst einmal mit dem Pflichtkauf von "X: The Godless Void And Other Stories" am 17. Januar bei Dine Alone, jetzt gleich mit der ersten Single "Don't Look Down" mit einem Video von Conrad Keely und bald hoffentlich auch live auf Tournee.

Billie Eilish: Nach ihren Regeln

Ja, es gibt wohl nicht wenige Eltern, die sich insgeheim so eine Mischung aus Tank Girl, Poison Ivy und Pippi Langstrumpf zur Tochter wünschen: Billie Eilish ist ein sehr eigensinniges, überaus selbstbewußtes Mädchen, das das Leben gerade so nimmt, wie es nach dem sensationellen Erfolg ihres Debütalbums "When We Fall Asleep Where Do We Go?" eben kommt. Wer sie beispielsweise bei Jimmy Fallon (s.u.) gesehen hat, der weiß, dass Eilish keine von den überdrehten Stardomehunterinnen ihres Alters ist, für die der Ruhm immer zu früh kommt, weil sie damit zu keiner Zeit umgehen können. Die Songwriterin aus Kalifornien hat sich ja herausgenommen, keine klassische Hitplatte zu produzieren, sondern eine sehr abwechslungsreiche Sammlung all ihrer musikalischen Vorlieben, seelischen Stimmungen, es finden sich dort sowohl Ängste als auch Träume, denn all das macht sie aus. Dass sie nebenher versucht, ihrem Erfolg auch ein wenig ökologische Nachhaltigkeit - wie bei der Gestaltung ihrer anstehenden Welttournee - zu verpassen, macht sie gleich noch sympathischer. Heute Nacht jedenfalls hat sie endlich ihren lang erwarteten neuen Track "Everything I Wanted" gepostet und der ist, wie nicht anders zu erwarten war, ein Hit. Und zwar einer nach ihren Regeln.

14.07.  Berlin, Mercedes Benz Arena
15.07.  Köln, Lanxess Arena



Mittwoch, 13. November 2019

WIRE: Gegensätze

Tagesmeldungen, wichtige. Also nicht diese Brexit-Sachen, die mittlerweile so unglaublich langweilen, weil niemand mehr weiß, wo eigentlich vorn und hinten ist, weil der ganze Vorgang mittlerweile so komplett lächerlich ist, dass es weh tut. Kümmern wir uns lieber um diese Nachricht: Wire, Londoner (Post-)Punk-Band, gegründet 1976, also zu einer Zeit, da das Königreich noch groß und halbwegs cool war, haben für den Januar 2020 die Veröffentlichung eines weiteren Albums namens "Mind Hive" bekanntgegeben. Das siebzehnte soll es sein, so rechnet das Portal Stereogum vor, das letzte, von dem wir wissen, hieß "Silver/Lead" und erschien 2017. Und weil nun wirklich in den vergangenen Jahren bei den Briten im Vergleich zu ihrem darniederliegenden Heimatland keinerlei Schwäche zu erkennen war, dürfen wir uns ausgiebig darüber freuen, die erste Single "Cactused" hier schon mal vorweg.

Update: So in etwa hatte man sich das zwar schon vorgestellt, doch zu sehen, wie unglamourös die Produktion eines neuen Albums bei Wire von statten geht, ist dann noch mal eine andere Sache. Aber hallo: Ein Video, von Wire! Da wollen wir dann mal nicht so sein...





Dienstag, 12. November 2019

Friends Of Gas: Steinerne Wunden

Friends Of Gas
„Carrara“
(Staatsakt)

Es ist egal, aber. Man kann sich der neuen EP der Münchner Kapelle Friends Of Gas natürlich ganz ohne jedes Vorwissen nähern. Kein Hinweis auf das Debüt „Fatal Schwach“, vor zwei Jahren ebenfalls bei Staatsakt erschienen. Keine Geschichten über Marmor, zerklüftete Steinbrüche, wundes, aufgerissenes Erdreich, Carrara, Italien. Der teils monotone, treibende, teils äußerst reduzierte Sound der gut zwanzigminütigen Songtrilogie steht für sich. Aber er lebt eben auch in den Bildern des dazugehörigen Videos. Und setzt Assoziationen frei, die mit Gelesenem, Gehörten verschmelzen und so ein Eigenleben entwickeln.

Über allem die Notiz zur Platte: „Schneelandschaften werden zu Sturzbächen. Sturzbäche zu Steinbrüchen. Steine zu Wald und Wald zu Edelsteinen. Dann werden Edelsteine zu Wasser und wieder zu Schnee.“ Stoffkreislauf, ohne menschliches Zutun, die Natur macht ihr Ding, ohne uns, sowieso. Und wir? Satzfetzen: „Der kalte Apparat sind wir. Eine überbewertete Maschine. Ein Arrangement angenehmer Gefühle. Ein Leben von guter Qualität.“ Spöttisch klingt das, fatalistisch – nutzloses Kümmern und Mühen überall. Dunkler Bass, Gitarren-Noise, klackende Drums, der alte Lugosi schaut um die Ecke. Kalte Bilder, klirrender Klang, es splittert, es bricht.

Dann diese Stadt, die so viele Gesichter hatte und hat: Stolze Wiege langer, steinerner Tradition, Machtmittelpunkt, Ursprung für so vieles, was an Prunk gebaut wurde und ebenso für das, was Mensch und Maschine vorantrieben. Armut auch, Ausbeutung. Und Blut. Von schlimmen Massakern liest man, von Gewalt, Widerstand, Anarchismus. Dazu scheinbar endlose, hypnotische Takte immer gleich angerissener Seiten im Mittelteil, neblige, lichtdurchflutete Wälder, grobkörnig, verschwommen. Das setzt sich im Kopf zusammen, fügt sich ein, man meint in den verschobenen, gefalteten Gesteinsschichten die Verletzungen gespiegelt zu sehen, die der Mensch dem Menschen zugefügt hat. Die in die Natur eingegraben sind und zutage treten, wenn man gräbt, abschlägt, aufbricht.

Zum Schluß dann noch einmal die ganze, traurige Nutzlosigkeit menschlicher Existenz: „Nicht wissen wollen, was die Welt ist, noch wie sie sein soll. Dazu verurteilt, sich endlos wiederzuspiegeln, verzweifelt vom Müssen erfüllt.“ Wütend ist das jetzt, hohes Tempo, Nina Walser einmal mehr mit ihrer markanten, rostigen Stimme hetzt sie durch Text und Ton. Die Bilder nun als Gegensatz – gelähmte Bewegungen, kalte Kristalle, aufgesetzt, künstlich fast. Zwanzig ungewöhnliche Minuten, typisch einzig für diese Band, die in kein Schema zu pressen ist, sich jeder Kategorisierung entzieht. Produziert hat die EP Olaf O.P.A.L., der gerade erst mit The Düsseldorf Düsterboys einen Coup gelandet hat, die Friends Of Gas werden nach ihrer Tour im Herbst bald wieder ins Studio gehen und für’s kommende Jahr ein weiteres Album aufnehmen. Wir vermuten jetzt schon Großes.

22.11.  Hamburg, Molotow
23.11.  Berlin, Zukunft am Ostkreuz
24.11.  München, Rote Sonne

Montag, 11. November 2019

IDER: Ins Gesicht geschrieben

IDER
Support: SEDA
Milla, München, 10. November 2019

Manchmal ist es tatsächlich so einfach. Da reicht ein simples Lächeln, eine kleine Geste und schon gehört einem der ganze Saal. Obwohl „kleines Lächeln“ hier eine Untertreibung wäre. Denn Megan Markwick und Lily Somerville kamen aus dem beseelten Grinsen gar nicht mehr raus – sie hatten allen Grund dazu. Noch vor zwei Jahren kannte die beiden außerhalb der Clubszene ihrer Heimatstadt London kaum jemand. IDER? Nie gehört. Doch mit ihrer ersten EP „Gut Me Like An Animal“ kam schnell Bewegung in die Sache, es folgte die erste richtige Hitsingle „Body Love“ und plötzlich waren die beiden mittendrin im Gespräch. Satte Beats und anschmiegsame Melodien, aber vor allem ihre zauberhaften Stimmen im Duett fügten sich prächtig in den Trend zum intelligenten, zum anspruchsvollen Pop – HAIM, MUNA, die schwedischen First Aid Kit, sie waren und sind in dieser Reihe beileibe keine Außenseiter. Im Sommer kam dann endlich das Debütalbum „Emotional Education“ und versammelte all ihre Stärken, die pulsierenden Clubtunes und die gefühligen Balladen also, auf einem Tonträger. Und nun standen sie also auf der Bühne in der Münchner Milla, endlich Headliner, und strahlten über beide Ohren. Die aufrichtige Freude, der Stolz, es bis hierhin geschafft zu haben, war ihnen deutlich anzumerken. Okay, der eingangs erwähnte „Saal“ fasste gerade mal gut zweihundert Zuschauer. Aber die waren genauso begeistert von der Musik wie die Band selbst.



Und von der Freude durfte auch der Livedrummer etwas abbekommen, denn die Mädchen begannen den Abend mit einer kleinen, aber recht wilden Percussion-Einlage. Eher ungewöhnlich, denn die Wirkung der Songs von IDER beruht eher auf der richtigen Abstimmung der Gesangsparts, auf dem Timing für Pausen, Tempi und Einsätze. Und eben das gelang ihnen fast traumwandlerisch sicher, die Töne saßen perfekt, die Harmonien schwangen im Gleichklang, die Transformation der Stücke für die Show paßte. Dass manche der Stücke recht ähnlich aufgebaut sind, läßt sich verschmerzen, das Programm gibt dennoch genügend große Popmomente her – meint Hits am Fließband: „Wu Baby“ kracht ordentlich, „Busy Being A Rockstar“ ebenso, besagtes „Body Love“ gibt den stärksten Teil der ruhigen, besinnlichen Nummern. Danach weiter mit dem Mutmacher „You’ve Got The Whole Life Ahead Of You Baby“, dem ziemlich traurigen „Sadest Generation“ und natürlich „Mirror“, einem ihrer bekanntesten Charter. IDER machen Songs, die auch in kleineren bis mittleren Hallen problemlos funktionieren würden, insofern dürfte ein Auftritt dieser Größe nur ein Vorgriff auf Kommendes gewesen sein. Und solange sie sich die Natürlichkeit und Ausgelassenheit bewahren, sollte weiterem Erfolg nichts im Wege stehen. „Emotional Education“, fürwahr.

Le Butcherettes: Nur nicht verstecken

Mit einer so schnell Rückmeldung hatten wir eigentlich gar nicht gerechnet. Gerade erst nämlich hatte die mexikanische Garagen-Kombo Le Butcherettes ihre Live-Cuts "Live At Clouds Hill" vom ebenfalls in diesem Jahr erschienenen Album "bi/MENTAL" veröffentlicht, getourt wurde natürlich auch. Offensichtlich ist der Output aber derart groß, dass noch eine EP mit sieben bislang unveröffentlichten Tracks heraussprang. "Don't Bleed" nennt sich diese 12" und mit "Tunisia" gibt es ein Stück davon gratis zum Vorhören, der Rest dann am Valentinstag 2020. Zum Namen der EP existiert im Übrigen auch eine Erklärung von Teri Gender Bender, der unvergleichlichen Frontfrau der Truppe. Der Titel, so sagt sie in den Liner Notes, sei "a powerful double meaning of being told not to bleed as a woman and feeling shame of blossoming, so with time we are manipulated to hide in the darkness and our blood calls out to the forest creatures pulling them in closer to us for the hunt, even if we hide we are exposed."




Rosalía: Zum Jubiläum

Vor ziemlich genau einem Jahr ist das wunderbare Album "El Mal Querer" erschienen und katapultierte dessen Schöpferin Rosalía Vila Tobella aus dem katalonischen Sant Exsteve Sesrovires sofort auf den internationalen Radar. Nach ihrem eher zurückhaltenden Debüt "Los Ángeles" war der Nachfolger eine meisterhafte Mixtur aus Tradition und Moderne, mischten sich hier Hip-Hop und Flamenco mit einer Selbstverständlichkeit, die Staunen machte und wahre Begeisterungsstürme auslöste. In Spanien ist Rosalía mittlerweile ein multimedialer Superstar, gehören ihre Songs schon zum Mainstream, fast jede ihrer ausgekoppelten Singles startete von der Position 1 weg, wo natürlich auch das Album selbst landete. Zur Feier das Jubiläums spendierte die Künstlerin gerade einen neuen Song - "A Palé" kommt mit einem Video von Jora Frantzis, coproduziert haben wieder El Guincho and Frank Dukes (achja, die Nägel manikürte Britney TOKYO).

Kim Gordon: Schlußpunkt und Aufbruch [Update]

Kim Gordon
„No Home Record“
(Matador)

Beweisen muß diese Frau eigentlich niemandem mehr etwas. Gut, anders als in ihrem Heimatland wird Kim Gordon in Europa und hierzulande noch immer hauptsächlich über ihre frühere Band Sonic Youth wahrgenommen, sie war dort bis zum Split im Jahre 2011 als Sängerin, Songschreiberin und Bassistin mehr als eine feste Größe. Wer ihre Memoiren „Girl In A Band“ gelesen hat, weiß aber nicht nur um die Trennungsgründe und aufreibenden Schwierigkeiten, die zu großen Teilen im Privaten lagen, sondern ahnte auch bald, dass Gordon ihre Kreativität in einem solch festgefügten, hierarchischen (und auch sehr patriarchalischen) Ensemble bei weitem nicht ausgeschöpft sah. Und dies nicht erst zu dem Zeitpunkt, als die Band zu Bruch ging. Spätestens dann aber wurde der Abnabelungsprozeß überdeutlich: Mode, Malerei, Film und immer wieder Musik – die gebürtige New Yorkerin zog es zurück nach Los Angeles, an den Ursprungsort ihrer künstlerischen Emanzipation, und setzte von dort ein Ausrufezeichen nach dem anderen, jedes als bewußter Bruch mit der öffentlichen Wahrnehmung als Ex-Bandgirl zu verstehen.



Insofern muß auch dieses Soloalbum einmal mehr als logische Konsequenz ihrer Vita, die immer auch ein Kampf um die eigene Freiheit war, begriffen werden – und zwar sowohl im Hinblick auf das „wie“ als auch das „warum“. Denn natürlich hatte Gordon sich schon in verschiedenen Kombination an ihrer hauptsächlichen Berufung, der kunstvoll übersteuerten Noiseattacke, abgearbeitet – Bill Nace (Body/Head), Peaches, J Mascis, Steve Gunn, Stephen Malkmus oder Alex Knost (Glitterbust), um nur ein paar von der nicht eben kurzen Liste zu nennen. Starke, bemerkenswerte und teils sehr innovative Sachen das alles, nur eben alles unter dem Topic „Kim Gordon und …“ vermerkt. Deshalb wohl brauchte es endlich ein eigenständiges, ein eigenverantwortliches Werk. Ein Solo. Und zwar eines, das mit Vorangegangenem nicht verwechselt werden kann und dennoch mit seiner Schöpferin nicht fremdelt.



„No Home Record“, entstanden mit dem Produzenten Justin Raisen, muß sich in dieser Hinsicht nichts vorwerfen lassen. Es ist spannendes, experimentelles und durchaus mutiges Werk geworden, das zwar Bezug zu Gordons Vergangenenheit nimmt (wie könnte es auch anders sein) und doch in Sachen Sound zu überraschen weiß. Der überwiegende Teil der neun Stücke fußt auf elektronischen Klangmustern, verschränkt synthetische Melodien, Loops und Drumparts mit analogem Feedback, variiert, verschleppt gekonnt die Tempi und erzeugt so eine unglaublich dichte Kulisse, über die Gordon dann ihren brüchigen Sprechgesang legt. Der Krach kommt also aus der Dose, das paßt in die Zeit und ist zudem gut gemacht. Schon der Opener „Sketch Artist“ ist voller knirschender Störgeräusche, die auf’s Beste mit den befremdlich zuckenden Bildern des Videoclips von Loretta Fahrenholz zusammengehen.



Noch krasser, noch wirkungsvoller wird dieses Prinzip wenig später für das Doppel „Don’t Play It“ und “Cookie Butter“ ausgespielt – dumpf dröhnendes Technobiest das eine, lärmender Industrialgroove das andere. Wie sie in letzterem den stakkatoartigen Stichwort-Text vom Selbst zum Gegenüber verschiebt, sich erst eine Gitarrenspur und kurz darauf ein blecherner Marschrhythmus aus dem Konstrukt schälen, das ist schon bemerkenswert. Und steht in Kontrast zu Rocknummern wie „Air BnB“, der Vorabsingle „Murdered Out“ (Update: jetzt auch mit Video von Loretta Fahrenholz) oder dem Gitarrenbrett „Hungry Baby“, den sie selbst bei den Stooges ansiedelt. Die auffälligste Annäherung an die Vergangenheit vielleicht im herrlich dahinwabernden „Earthquake“, begonnen als düstere Velvet-Underground-Reminiszenz, endend im dronigen Soundgewitter im Gedenken an – vielleicht. Ein toller Wurf jedenfalls. Schon nach der Lektüre ihres Buches war klar, dass es ein Zurück zu Sonic Youth nicht geben würde, dieses Album ist dafür die Bestätigung. Für Kim Gordon aber auch ein weiterer Aufbruch. https://www.kimaltheagordon.com/

Sonntag, 10. November 2019

Ganser: Erneuter Ausbruch

Ganser
„You Must Be New Here“
(Bandcamp)

Man darf annehmen, dass es Musikern ein diebisches Vergnügen bereitet, Erwartungen zu unterlaufen. Natürlich kann sich das nur leisten, wer genügend auf Kante gelegt hat und/oder über ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein verfügt. Denn anders als landläufig unterstellt können längst nicht alle Bands in Duck’schen Millionen baden, mit dem Privatjet von Gig zu Gig reisen oder nobelklassige Hotelsuiten buchen. Ganz davon abgesehen, dass solche Sachen bei Menschen halbwegs normalen Verstandes auf der Liste der erstrebenswertesten Dinge sicher nicht in den Top Five gerankt sind. Bei Ganser, der vierköpfigen Formation aus Chicago zum Beispiel, dürfte es Zuhörer*innen denkbar schwerfallen, eine passende Kategorie für ihrern Stil zu benennen. Post-Punk muß ja heutzutage für alles herhalten, worauf in der Eile kein Etikett zu kleben ist, und natürlich trifft es auch hier nicht die Falschen. Doch genauso spielen Nadja Garofalo, Alicia Gaines, Brian Cundiff und Charlie Landsman mit Versatzstücken aus Punk, No-Wave, Garage und sogar Goth (auch wenn sie letzteres eher belustigt zur Kenntnis nehmen). Seit seiner Gründung vor vier Jahren hat das Quartett mehrere EP und 2018 dann das großartige Debüt „Odd Talk“ veröffentlicht, dessen Songs angenehm schroff daherkamen, ganz so, als ob die Band einer allzu schnellen Vereinnahmung durch gierige A&R-Scouts auf der Suche nach mehrheitsfähigem Indiefutter entgegentreten wollte.



 Auf dem neuen Kurzformat „You Must Be New Here“ nun geben sie sich etwas weniger kantig, Melodien treten deutlicher hervor und die vier Songs überraschen durchaus mit einer gewissen Eingängigkeit. Konstanten gibt es dennoch zu hören – Gaines‘ Bass wummert so herrlich wie immer, die Drums von Cundiff sind gewohnt druckvoll und Landsmans Leadgitarre gönnt sich ein paar schiefe Momente. Wer mag, darf sich wieder ein paar Referenzen notieren, beim wunderbaren „Buio“ Anklänge bei The Cure, „Act Natural“ kommt mit ein paar DEVO-Verweisen daher und das Eingangsriff des Titelstücks hätte Joey Santiago von den Pixies auch nicht besser hingebracht. Die Texte dazu bleiben rätselhaft. „Motivational Speaking“ beispielsweise erzählt von den täglichen Routinen, von den Wiederholungen, die das Leben manchmal wie einen unendlichen Kreislauf von irrer Geschwindigkeit erscheinen lassen – kein Entkommen, kaum Kraft und Antrieb für die nächste Runde: „Life cycles, spin dry, every day a caricature, a picture of a picture of a picture of a picture. Speak repeat, speak repeat (turn on, turn off, turn in)“. Es scheint, als sei Ganser mit dieser 12“ ein neuerlicher, fulminanter Ausbruch gelungen, energiegeladen, abwechslungsreich – von Langeweile oder Eintönigkeit ist hier so gar nichts zu spüren.



V98: Die Nächsten bitte

Irischer Gitarrenrock ist, und zwar nicht erst nach dem famosen Durchstarter der Fontaines D.C.,  erfreulich stark im Kommen, Dublin nach längerer Durststrecke endlich wieder Top Of The Rocks. Eines der neuesten Beispiele aus der Hauptstadt ist das Quartett V98. Gerade haben Darragh Geoghegan (Gesang), Richie O'Brien (Drums), Conor Healy (Gitarre) und Craig Geoghegan ihre Debüt-EP "PRESSGANG" veröffentlicht, vier Tracks mit jubilierenden Gitarren und angedeuteter Punk-Attitüde, aufgenommen in den Darkland-Studios von Dan Doherty. Die neuen Songs unterscheiden sich im Übrigen doch sehr deutlich von ihrer ersten Single "Dublin" - wir sagen jetzt mal: Zum Glück.