Sonntag, 31. März 2019

LIFE: Guter Anfang

Okay, dann legen wir mal los. Den Anfang machen mit LIFE ein paar alte Bekannte, eine Band, die den Punkrock liebt und dies mit ihrem Debütalbum "Popular Music" eindrücklich dokumentiert hat. Danach gab es von dem Quartett aus Hull eine Reihe feiner Songs zu hören - nun nach längerer Pause mit "Moral Fibre" via Afghan Moon den nächsten (Video von Anna Bean und Josh Moore) und die Hoffnung ist groß, dass diesem bald eine komplette Platte folgen wird. Live kommen LIFE jedenfalls auch bei uns (im Vorprogramm der Idles) bald vorbei, das wäre dann schon mal ein guter Anfang.

13.04.  Schorndorf, Manufaktur
15.04.  Köln, Gloria Theater
16.04.  Bielefeld, Forum
17.04.  Erlangen, E-Werk



Mystery Art Orchestra: Anhaltend schattig

Als nächstes ein Abstecher nach Berlin. Dort hat sich das Post-Punk-Trio Mystery Art Orchestra häuslich eingerichtet. Im Sommer letzten Jahres konnten die drei mit ihrem Debütalbum "Prismatic Dream" (Robojim) mehr als überzeugen, nun präsentieren sie eine neue 3-Track-EP mit dem Titel "Enjoy The Violence". Die Blicke noch immer ernst, schwarz bleibt die bevorzugte Farbe und auch der Sound ist noch entsprechend schattig, die erste Auskopplung "Losing Relation" ist aber dennoch überraschend catchy geraten. Grund genug, sich auf den Rest zu freuen - am 12. April ist es dann soweit.

Samstag, 30. März 2019

Billie Eilish: Buh!

Billie Eilish
„When We Fall Asleep Where Do We Go?“
(Darkroom Records)

Was also soll man sagen? Blut aus der Nase, Spinnen aus dem Mund, die Tüte überm Kopf – sind wir jetzt ordentlich geschockt? Naja, eher so mittel. Aber ist es das, was das Album mit uns machen will? Billie Eilish ist quasi über Nacht auf den Hyper-Radar katapultiert worden, mit jedem Clip ein wenig schneller und nachdrücklicher. Trotzdem möchte man annehmen, dass die Botschaft ihrer Platte nicht unbedingt darin besteht, uns zum nachdenken anzuregen, eher wirkt sie wie ein großer, böser Spaß, wie ein escape game. Eilish macht: „Buh!“ Und sagt: „Ich lade dir jetzt mal ein paar befremdlich Bilder, ein paar verwirrende Texte auf deinen Bildschirm und Du schaust mal zu, wie du damit klarkommst, wie du da wieder rauskommst.“ Man muß nicht alles hinterfragen, nicht hinter allem einen größeren Sinn sehen wollen, sie tut das ja auch nicht und hat Erfolg damit. Ihr Leben, von dem sie auf dem tatsächlich recht unterhaltsamen, phasenweise sogar sehr gelungenen Debüt singt, ist eben genau das: Verwirrend, befremdlich, deprimierend, schmerzlich, aber auch voller alberner Späße, wunderbarer Momente. Aber einen größeren Sinn darin sehen? Nö, nicht jetzt.



Sie macht einfach: Wenn der Film „Roma“ sie erwischt, dann schreibt sie einen Song darüber, der wiederum jeden erwischt, der ihn hört. Gefällt ihr ein Zitat aus der Serie „Sherlock“, wird daraus fix das passende Stück gezimmert („You Sould See Me In A Crown“). Wenn sie einen Jungen nicht bekommen kann, wird sie zur rachsüchtigen Göre und verwünscht ihn („Wish You Was Gay“), sie ist der „Bad Guy“, das aufgedrehte, übermütige Girl unter uns verstockten Moralaposteln und wenn Eilish davon singt, dass die guten Mädchen in die Hölle kommen, dann möchte man dort plötzlich auch hin, weil es mit dem Lucifer offensichtlich mehr Spaß gibt. Ganz nebenbei macht sie Gott (von dem sie sonst so gar nichts hält) zur Göttin und selbst das gelingt ihr mit einem Nebensatz ("All The Good Girls Go To Hell") weitaus überzeugender als im tranigen Rührstück „God Is A Woman“ ihrer photogeshopten Altersgenossin Ariana Grande.



Klar kann man sich (wenn sie mal wegschaut) so seine Gedanken machen, ob hinter dem Freakmädchen nicht auch eine durchaus ernstzunehmende Persönlichkeit um die Ecke linst. Denn natürlich tut es das. Dann, wenn sie von ihren Depressionen und von Suizidgedanken erzählt („Before I Go“), von Verlustängsten und drohender Einsamkeit („Ilomilo“), von der Teenagerliebe und allem, was an guten wie schlechten Erfahrungen dazu gehört. Hier nämlich wird ihre Stimme ganz dünn und zerbrechlich, dann sind die Monster und Dämonen plötzlich übermächtig und sie selbst ist gar nicht mehr so cool und selbstsicher („Bury A Friend“). Und auch da ist das Album bemerkenswert ehrlich und unmittelbar. Sie hat da zusammen mit ihrem Bruder Finneas O’Connell, der als Produzent verantwortlich zeichnet, ein fast frühreifes Werk hingelegt, düstere Drone-Beats, beschwingte Singalongs, geschmeidiger Dancepop, zarte Akustikliedchen, sie haben viel probiert und nichts wirklich falsch gemacht. Morgen ist das vielleicht schon wieder vergessen – für heute aber gibt es nicht viel Besseres. https://www.billieeilish.com/



15.08.  St. Pölten, Frequency Festival
17.08.  Hamburg, MS Dockville
22.08.  Zürich, Open Air
07.09.  Berlin, Lollapalooza

Freitag, 29. März 2019

Kelsey Lu: Unerwarteter Bezug [Update]

Die Parallelen liegen so nicht auf der Hand und müssen erst hernach mal recherchiert werden: Kelsey Lu stammt aus Charlotte im US-amerikanischen Bundesstaat North Carolina, Eric Stewart und seine Band 10cc aus dem britischen Manchester. Musikalisch haben beide auf den ersten Blick eigentlich nicht so viel gemeinsam, dennoch hat die eigenwillige, gern auch provokante Künstlerin gerade für den Auftakt zu ihrem Album "Blood" (VÖ 19. April bei Columbia) eines der bekanntesten Stücke der Artrocker gecovert - "I'm Not In Love" kommt in neuem Gewand samt Video daher und kann durchaus gefallen. Der Rest der Platte, so Lu, dreht sich um Schönheit, Schmerz, Horror, um das tägliche Mühen, Hoffen und die Unabänderlichkeit des menschlichen Daseins - so jedenfalls vermerken es die Linernotes, Jamie XX und Skrillex sollen übrigens auch noch mitgemischt haben.

Update: Den Titelsong des Albums reichen wir gern auch noch nach - ein Grower.



Donnerstag, 28. März 2019

Rosalía: Überfliegerin

Und schließlich unbedingt noch das: Die spanische Künstlerin Rosalía hat heute von ihrem fabelhaften Album "El Mal Querer" eine weitere Single ausgekoppelt und mit einem Video versehen. Nach "Malamente", "Pienso En Tu Mirá" und "De Aquí No Sales" nun also "Con Altura", ein Track der gemeinsam mit J Balvin und El Guincho entstanden ist, gedreht wurde im Privatjet von Regisseur Director X. Und nun - Abflug!

Rammstein: Auferstanden zur Hinrichtung [Update]

Der 28. März also wird etwas bringen. Was, das ist noch nicht so klar, aber zumindest steht fest, von wem: Rammstein haben mit einer kryptischen Videobotschaft die mutmaßliche Veröffentlichung ihres neuen Albums angekündigt - die Band in Häftlingskleidung, mit Schlingen um den Hals, bereit zur Hinrichtung, dazu dröhnendes, bedrohliches Geräusch, deutsche Fraktur, Hashtag Du Hast viel geweint. Nun, am Donnerstag sind wir schlauer.

Update: Hohe Wellen, wie erwartet. Fünfunddreißig Sekunden reichen also aus, um ein Land in Aufruhr zu versetzen - keiner weiß Genaues, aber alles reden mit. Und nun? Zehn Minuten Geschichte im Schnelldurchlauf - Mittelalter, KZ, ZK, überwältigende Bilder aus dem Hause Specter/Berlin. Der Kernsatz bleibt im Kopf: "Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen, Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben." Ob der aber so im Stadion kommt, ist ungewiss ... Ach ja, ganz vergessen: Das bislang noch unbetitelte Album erscheint am 17. Mai.

Interpol: Für Überraschungen gut [Update]

Soll keiner sagen, dass auch die Alteingesessenen nicht zu Überraschungen imstande sind: Gerade nämlich haben die New Yorker Interpol mit "Fine Mess" einen Song veröffentlicht, der sich nicht auf ihrem letztens erschienenen Album "Marauder" befindet und der überhaupt ziemlich kracht. "My life's pro creation" singt Paule Banks da gleich am Anfang und wenn man seine bisherigen Projekte abseits der Band kennt, muß man ihm zustimmen. Lohn und Brot gehen dennoch vor und so touren die drei in diesem Sommer reichlich und auch für Deutschland gibt es noch Termine.

04.06.  Köln, Palladium
05.06.  Wiesbaden, Schlachthof
21.-23.06.  Scheessel, Southside Fetsival
21.-23.06.  Neuhausen, Hurricane Festival

Update: Das wird ja immer besser: "Fine Mess" war in diesem Sinne gar kein Standalone-Track, denn seit heute wissen wir, dass Interpol gleich eine ganze 5-Track-EP nach dem Song benannt haben. Am 17. Mai soll die 12" bei Matador erscheinen und mit "The Weekend" gibt es gleich noch eine weitere Kostprobe davon.



Mittwoch, 27. März 2019

Lambchop: Auf die Spitze getrieben

Lambchop
„This (Is What I Wanted To Tell You)“
(Merge Records)

Von der britischen Band Radiohead gibt es einen Song, der sich für das Quintett fast als programmatisch erwiesen hat: “How To Disappear Completely”. Nun, entgegen allen Gerüchten sind Thom Yorke und Kollegen noch immer ziemlich gegenwärtig, es könnte allerdings sein, dass nun mit Lambchop andere nach fünfundzwanzig Jahren Bandgeschichte und dreizehn Alben den Schritt in die Unendlichkeit wagen. Mit seiner Mütze nämlich scheint Kurt Wagner, der sympatische Murmler aus Nashville, nun auch jedwede Zurückhaltung abgelegt zu haben, was den Sound seiner Band angeht. Vor einigen Jahren traten Lambchop noch als Dutzend im Vielklangkollektiv auf, 2006 nach „Damaged“ dann ein erster Break – bis heute zählen noch fünf ständige Mitglieder zur Stammbesetzung. Was auch daran liegt, dass sich die Songs im Laufe der Jahre vom alternativen Country über den Post-Rock hin zu elektronischen, auch experimentellen Gebilden entwickelt haben und nunmehr, wenn auch überaus kunstvoll, größtenteils aus Bits und Bytes bestehen.

Wagner hat das auf dem aktuellen Werk mit einer Konsequenz vorangetrieben, die auf dem Vorgänger „FLOTUS“ schon deutlich zu erahnen war, er nennt das (s)einen „kollaborativen Ansatz“ und dieser wiederum bezieht sich zum einen auf die Zusammenarbeit mit Matthew McGaughan (Bon Iver, Hiss Golden Messenger), zum anderen aber auch auf das Rework des letzten Albums zusammen mit mehreren Kölner Klangtüftlern (u.a. Gregor Schwellenbach, Philipp Janzen, Colorist, Twit One, Retrogott), das ihn wohl endgültig auf den Geschmack gebracht hat. Und so hört man auf der neuen Platte ein fast durchgängig meditatives Pluckern und Klacken, klassisches Instrumentarium wie Bläser, Streicher und Piano verstöpseln Lambchop gekonnt mit digitalen Beats. Stimmen überlagern sich, werden verzerrt und mittels Vocoder verfremdet, es gibt viele „Oohhhs“ und „Uuhhhs“ zu hören und unter allem liegt, wie auch schon zuvor, eine Grundierung aus sanftem Funk und Soul.

Wer jetzt allerdings meint, das alles wäre gleichbedeutend mit einem belanglosem Dahinplätschern, der irrt. Schon „FLOTUS“ war ja, beim Cover angefangen, eine kleine Hommage an die politische Arbeit seiner, Kurt Wagners Frau. Und auch diese Platte ist auf vorsichtige, aber bestimmte Art ein Abbild gesellschaftlicher Umbrüche und Verwerfungen. Man ginge wohl zu weit, würde man behaupten, „This (Is What I Wanted To Tell You)“ wäre Wagners Kommentar zu Trump-Ära. So oft, wie er aber in seinen Lyrics auf Nachrichten, Headlines, Medien zu sprechen kommt, darf man schon einen roten Faden vermuten, den er in seinen Stücken spinnt. „The news was fake, the drugs were real, the dream was gone, not its appeal“, heißt es beispielsweise in “Everything For You”, kurz darauf reimt er wehmütig: “The lasting last, how high the roof is, and it was explained, won't slow you down, the lasting last of you, and the printed word, so familiar.”



In fast jeder seiner Zeilen schwingt eine große Traurigkeit, eine sehnsüchtige Rückschau mit, das Bedauern über den politischen Wandel, der alle Bereiche des Alltags erreicht und neu justiert hat, ist deutlich zu spüren. Ein so wunderbares Stück wie “The Air Is Heavy And I should Be Listening To You”, das so angenehm an Rain Tree Crows großartiges Lied “Black Water” erinnert, bringt eben doch so tiefschwarze Worte wie “This is normal now, this ist the new not normal” und jeder weiß, wie er’s meint – acht Minuten dunkles Mäandern. Einen Walmart-Warnsticker verdient sich Wagner dann noch bei „The December-ish You“: „Let's speak of hard impressions, I'm not your dick, I’m not your rich, I'm not your bitch”, bevor er gleich darauf, gerade als die Drums laut und hart werden („This Is What I Wanted To Tell You“), mit weicher Stimme barmt. Ganz am Ende (“Flower”) zweieinhalb Minuten ohne Schnickschnack – „If I gave you a hundred dollars, to record just three words, I could make the perfect song” – er ist noch bei uns, anders zwar, aber immer noch sehr nah. Gut so. https://www.thisiswhatiwantedtotellyou.com/

17.04.  Leipzig, Felsenkeller
18.04.  München, Muffathalle
19.04.  Wien, WUK
20.04.  Darmstadt, Centralstation
24.04.  Bern, Dachstock
25.04.  Zürich, Rote Fabrik
26.04.  Berlin, Funkhaus Nalepastraße
27.04.  Köln, Gloria Theater
29.04.  Hamburg, Elbphilharmonie

Control Top: Triple A

Und endlich mal wieder ein paar Minuten ordentlicher Krach. Dieser hier kommt von der Punk-Kapelle Control Top aus Philadelphia, gerade vom Fachportal Brooklyn Vegan zum hottest shit in town geadelt. Al (Creedon), Ali (Carter) und Alex (Lichtenauer) werden am 5. April ihr Debüt "Convert Contracts" bei Get Better Records veröffentlichen und wer die ersten drei Vorabtracks "Chain Reaction", "Type A" und den Titelsong hört, wird verstehen, warum nicht wenige Leute von ihren Konzerten ins Schwärmen gerieten. Mit etwas Glück können wir uns ja auch in Europa bald davon überzeugen.

JAWS: Beiderseits [Update]

Die Musik dieses Trios aus Birmingham hat beides - Härte und Zartheit: Connor Schofield, Eddy Geach und Alex Hudson haben mit ihrer Band JAWS das mittlerweile dritte Album "The Ceiling" für den 5. April angekündigt, hier finden sich dichte, laute Gitarrenwände ebenso wie leichte, eingängige Melodien. Diesen Gegensatz spiegeln schon die beiden ersten Vorauskopplungen "Do You Remember" und "Driving At Night" recht gut wieder, der neueste Song "Fear" ist einer der sanfteren geworden, spielt mit synthetischen Flächen und weichen Beats.

Update: Und hier kommt ein weiterer Song vom neuen Album - "Please Be Kind". Machen wir.


Sky Ferreira: Rückkehr mit Verve

Bei dieser Nachricht klingelt der Hype-Alarm auf Dauerton: Sky Ferreira, kalifornisches enfant terrible des Pop, hat den Nachfolger für ihr Debütalbum "Night Time, My Time" aus dem Jahr 2013 angekündigt. Der zünftige Name für die Platte soll "Masochism" lauten, alles andere wäre nach dem indizierten Cover des Erstlings auch einer Enttäuschung gleichgekommen. Die erste Single, die heute in Umlauf ging, klingt denn auch angenehm rough und luzide, "Downhill Lullaby" ist genau das, was die Künstlerin in dazugehörigen Tweets als "torture pop" proklamiert hat. Weitere Details folgen mit großer Sicherheit in den kommenden Tagen. Wer mehr über die Hintergründe zum neuen Album und über die Dame selbst wissen möchte, kann sich auch gern die hübsch animierte Titelgschichte bei Pitchfork anschauen.

Dienstag, 26. März 2019

Slaves: Abbruch für den guten Zweck

Wenn man am Abend in britischen Großstädten unterwegs ist, hat man ja nicht gerade den Eindruck, die heimische Kneipenkultur stände kurz vor dem Kollaps - die Clubs, die Pubs, alles voll (wie zumeist auch ihre Besucher). Dennoch gibt es scheinbar Handlungsbedarf und so haben die Slaves für eine entsprechende Kampagne mit dem Namen Long Live The Local unter dem Motto "Keeping Pubs Alive, Keep Music Live" einspannen lassen und brettern ihren Song "Bugs" vom Album "Acts Of Fear And Love" in stilechter Kulisse - die Sache endet natürlich, bei dem Sound nicht anders zu erwarten, mit einem anständigen Abbruch.

Liela Moss: Wetterbericht statt Nachruf

Nachrufe sind es besondere Kunst und nur wenige beherrschen sie - ein Grund, warum man sie auf diesem Blog so selten finden wird. Gestern gab es ziemlich viele davon, weil der wunderbare Scott Walker gegangen ist. Da passt die Nachricht ganz gut ins Bild, dass Liela Moss, Sängerin der Band The Duke Spirit ("Sky Is Mine"), eine Solo-EP mit dem Titel "A Little Bit Of Rain" für Ende dieser Woche angekündigt hat, eine 12", die sich also komplett dem Regen widmet. Und neben "I Can't STand The Rain" (Tina Turner), "Here Comes The Rain Again" (Eurythmics) und "Prayers For Rain" (The Cure) findet sich dort eben auch Scott Walkers "It's Raining Today". Wie diese Version klingt, werden wir dann aber erst am Freitag erfahren.



Montag, 25. März 2019

These New Puritans: Himmel und Hölle

These New Puritans
„Inside The Rose“
(BMG/Warner)

Wie immer man das bewertet, wie sehr es einem Musikliebhaber stinkt – Pop- und Rockmusik hat sich in den letzten Jahren geändert, weil sich unsere Hörgewohnheiten geändert haben, weil die Quellen, aus denen wir schöpfen, andere geworden sind und das wiederum einen nicht wegzudiskutierenden Einfluss auf diejenigen hat, die Musik im handwerklichen Sinne machen. Es gibt unzählige Erhebungen, wie Songs beschaffen sein müssen, um unsere Geduld heutzutage nicht überzustrapazieren, Streamingdienste füttern damit die Menschen, die für sie die passenden Algorithmen basteln, Neurowissenschaftler durchleuchten für ihre Analysen unsere Gewohnheiten bis in den kleinsten Hirnwinkel, wissen, wie lang ein Intro sein darf, auf welche Stimme wir wie empfindlich reagieren, was einen Hit ausmacht und was eben nicht. Es ist anzunehmen, dass Jack und George Barnett keine allzu großen Freunde solcher Regeln und Erhebungen sein dürften.

Das Geschwisterpaar aus dem britischen Southend-On-Sea resp. die Band These New Puritans wird seit Beginn der Karriere im Jahr 2006 unter dem Sammelbegriff „Experimenteller Pop“ geführt und auch wenn die beiden Herren bei derartigen Etikettierungen schnell misstrauisch werden, so sollte ihnen diese doch ganz gut gefallen. Läßt sie doch eine gewisse Ernsthaftigkeit vermuten, mit der man sich vom Durchschnitt, von der Mittelmäßigkeit abzusetzen versucht – ein Punkt, der den Brüdern sehr wichtig ist. „We were always madly determined to plough our own furrow”, haben sie gerade dem DAZED-Magazin gesagt und damit das Ethos bildhaft zusammengefaßt, das sie bei der Arbeit an ihren vier bislang erschienenen Alben angetrieben hat.

Denn auch die neue Platte ist, nach sechs Jahren Sendepause, mutmaßlich wieder keine geworden, die bei Spotify auf Heavy Rotation läuft, eine also, auf die sich besagte Erfolgsformeln nur schwerlich anwenden lassen und die, genau wegen jenes Anspruches, wohl eher in der Nische als bei der Masse funktionieren wird. Dabei weisen die Barnetts den Vorwurf der prinzipiellen Verweigerung und der Provokation um des Selbstzecks willen strikt von sich: "I don’t like stuff that’s deliberately abstract and difficult but there’s no pay off,” diktierte Jack dem Portal Loud And Quiet, “Anyone can just make noise. Be extreme, but don’t do it in an obvious way. If you want to be extreme you can do something really quiet and really loud but that’s so … easy. And it’s not very interesting after a while.” Mit anderen Worten: Undifferenziertheit nervt und langweilt zu gleichen Teilen.



Das können sie wohl besser. Man muß sich nur das Eröffnungsstück „Infinity Vibraphones“ von „Inside The Rose“ anhören, schon allein in diesen sechseinhalb Minuten Musik stecken so viele Details, Einfälle, Auslotungen und Extravaganzen, dass man einen guten Überblick darüber bekommt, was den beiden angeblichen Puritanern wertvoll und wichtig ist. Alles hier ist beeindruckend dicht, dunkel auch, es schwingt und dröhnt. Ein Sound, der dazu einlädt, sich einzulassen, hinzugeben, der einen in seiner Düsternis umfängt. Und auch danach nicht an Kraft verliert: TNP mischen zarte Elfengesänge, Opernarien, wuchtige Drums, verschneiden Piano- und Keyboardakkorde mit elektronischen Beats, die manchmal so tricky arrangiert sind, dass sie sich (wie beim Titelstück) selbst erst langsam finden müssen.

Ein Klangkosmos, der Hölle und Erlösung zugleich sein kann, der einen magisch anzieht – “Let this music be a paradise, a kind of nightmare, and a kind of I-don’t-care” heißt es bei „A-R-P“ und weiter „where your dreams come true and your nightmares too“ im ebenso wunderbaren „Where The Trees Are On Fire“. Die Bildsprache ist zuweilen archaisch und dystopisch zugleich, Bezüge zu Blake und religiöse Verweise tauchen auf, ein großes, geheimnisvolles Wogen und Wirbeln. Kein Wunder, dass David Tibet (Current 93) und Graham Sutton Gefallen an diesem wilden Ritt gefunden und deshalb auch kräftig mitgemischt haben, auch der Verweis auf Throbbing Gristle geht nicht in die Irre. Eine überaus reizvolle, eine nicht nur anspruchsvolle, sondern beanspruchende Platte – weitab vom Mittelmaß. http://www.thesenewpuritans.com/

02.04.  Berlin, Bi Nuu
03.04.  Hamburg, Knust

Sleaford Mods: Diskurs-Rap im Abendprogramm

Auf den aktuellen Gigs wird der Song meistens ganz am Schluss gespielt, eine gelungene Single gibt er natürlich trotzdem ab: Gerade haben die Sleaford Mods den Track "Discourse" zusammen mit einem Video ausgekoppelt, was heißt, man kann das Stück ab heute als hübsche, gern auch farbige 7" beim Dealer des Vertrauens bestellen - dankenswerterweise gibt es auch noch die B-Seite "Eton Alive" und in der digitalen Version einen Roughcut von "Desert" dazu. Ebenso erfreulich - nachdem gerade die Tour auf der Insel läuft, kommen auch die ersten Daten für's Festland herein, tbc, versteht sich...

14.-16.06.  Mannheim, Maifeld Derby
11.09.  Berlin, Festsaal Kreuzberg

Sonntag, 24. März 2019

The Underground Youth: Ausfahrt ins Nichts

Zehn Jahre, neun Alben, das klingt nach reichlich Betriebsamkeit, Spaß an der Arbeit. Craig Dyer wird das wohl kaum leugnen. Im Jahr 2008 hat der Brite in Manchester sein Projekt The Underground Youth gegründet, die ersten Stücke hat er noch in Eigenregie aufgenommen und via Bandcamp im Netz verteilt, nach einigen Umbesetzungen stand das heutige Lineup mit Leo K., Max James und Qlya Dyer fest und von dem steht ab der kommenden Woche die Platte "Montage Images Of Lust And Fear" via Fuzz Club Records zum Verkauf. Das Video zur Single "Last Exit To Nowhere" gibt es vorab schon hier zu finden.

17.04.  Halle, Objekt 5
18.04.  Hamburg, Molotow
02.05.  Nürnberg, Z-Bau
03.05.  Karlsruhe, KOHI
04.05.  Frankfurt, The Cave
08.05.  Dresden, Ostpol
10.05.  Zürich, Zukunft
13.05.  Wien, Arena
17.05.  Graz, Music-House
15.06.  München, Milla
21.06.  Berlin, Burg Schnabel

Guest Singer: Geradezu feierlich

Dark Pop steht drauf und Dark Pop bekommt man auch: Guest Singer aus dem britischen Doncaster kombinieren Falsettgesang, kühle Synths und reduzierte Gitarrenakkorde zu feierlichen Popsongs von erhabener Schönheit, die durchaus ein wenig an Perfume Genius erinnern. Gesammelt wurden sie auf der EP "I'm Irrelevant Now" - Jake Cope, Paul Burdett und France Lahmar gehen mit den vier neuen Stücken auf kurze Konzertreise zusammen mit Team Picture (allerdings noch nicht auf dem Festland), inwiefern sich ihr Slogan "anti-motivational anthems for the post-truth generation" auf ihre Zuhörer auswirkt, wird man dann sehen...

Tyred Eyes: Vielfalt als Prinzip

Zum Schluß des Sonntags-RoundUps noch mal fix nach Göteborg: Von dort stammt die Kapelle Tyred Eyes. Johanna Hellqvist, Erik Toresson, Martin Toresson, Joel Bjürbo und Oscar Brask haben 2009 mit ziemlich düsterem Garage Punk begonnen, bis heute kamen dann Elemente des Alternative Rock bis hin zu Shoegazing- und Dream-Pop dazu. Auf ihrer mittlerweile dritten LP "Destroy Everything You", die am 5. April bei Welfare Sounds erscheint, spielen sie denn auch alle Facetten ihres Sounds durch, die beiden bislang bekannten Vorauskopplungen "Wait" und "Estuary" geben davon einen passenden Eindruck.



Arlo Parks: Große Namen, große Hoffnung [Update]

Vorsicht mit den großen Namen, denn einen so riesigen Gefallen tut man aufstrebenden Talenten damit selten. Dennoch: Wenn man die ersten Takte von Arlo Parks, dem neuen Star aus dem Hause Beatnik Creative, und ihrer Single "Cola" hört, denkt man unweigerlich an Massive Attack, Lauryn Hill, Morcheeba und ein wenig auch an Tracy Chapman. Klangvolle Vergleiche allesamt, aber der warme Klang von Parks Stimme, der trippige, träge Beat, das passt zusammen und weckt eben solche Assoziationen. Achtzehn Jahre jung ist die Londonerin gerade mal und wenn wir nicht ganz grob danebenliegen, wird das nicht der einzige Post über sie bleiben.

Update: "Super Sad Generation" heißt die zweite Single der wunderbar souligen Arlo Parks, da heißt es in jedem Falle dranbleiben! ... Haben wir gemacht und präsentieren deshalb gleich noch Song Nummer drei - "Romantic Garbage".

Samstag, 23. März 2019

The Hour: Maximum mystery

Einerseits ist es immer etwas unbefriedigend, wenn man nicht wirklich viel zu berichten weiß, keine oder kaum Daten zur Hand hat. Andererseits allerdings hat es auch wieder einen gewissen Reiz, im Trüben zu fischen, sich überraschen zu lassen, gerade in Zeiten, in denen es Geheimnisse nicht mehr zu geben scheint, alles für alle verfügbar scheint. The Hour kommen aus England und sind ein vielstimmiges, experimentelles Künstlerkollektiv. That's it. Gerade haben sie ihre erste Single "Wasted" und dazu eine Art Kurzfilm des Regisseurs Ben Strebel mit dem Titel "Mother" geteilt, das bestens zum Sound passt - choralähnliche Gesänge, dunkles Wabern, hymnische Melodien, dazu die Messerperformance vermummter Gestalten. Gesamtwirkung befremdlich, aber großartig, behaupten wir mal. Ein paar Gedanken zu dem Projekt kann man übrigens noch bei Noisey lesen, ansonsten heißt es dann warten, was die Zeit wohl noch bringen mag.



Glowie: Logische Fortsetzung

Die Geschichte des isländischen Shooting Sternchens Glowie hatten wir hier anlässlich ihrer feinen Debütsingle "Body" ja schon kurz erzählt, nun gibt es einen weiteren Song der talentierten und streitbaren Sängerin aus Reykjavik zu hören. Denn "Cruel" schließt mit seiner Klage über die empfundenen Ungerechtigkeiten der Jugend direkt an den Vorgänger an - Beziehungsalltag zum einen, aber eben immer wieder auch die Frage, warum man nicht so angenommen, ernstgenommen wird, wie man tatsächlich ist, mithin also auch wieder ein Aufruf, sich nicht zu verbiegen.

Freitag, 22. März 2019

Mit Verwunderung nehmen wir zur Kenntnis ... [01/19]

… dass offensichtlich in gleichem Maße, da der Respekt vor überliefertem Kulturgut abnimmt, die Verschnulzung unserer Umwelt gnadenlos voranschreitet. Neuestes Beispiel: Die Sendung The Voice Of Germany. Nein, wir wollen uns nicht generell über dieses äußert fragwürdige Sendeformat beklagen, damit kämen wir wohl deutlich zu spät und wer bis jetzt nicht kapiert hat, daß man aus unserem Nachbardorf Holland anständigerweise nur Käse, Fußball und Fahrräder importieren sollte, hat es sowieso nicht anders verdient. Nein, vielmehr geht es um einen Clip der unsäglichen Kleinkinderstaffel, der es nun sogar in die bislang standhaften internationalen Musikportale geschafft. Zu sehen ist ein Geschwisterpaar namens Mimi und Josi, das mit Inbrunst den Klassiker „Creep“ von Radiohead trällert. Das wäre nicht ganz so schlimm (denn singen können die beiden wenigstens), müßte man nicht ständig die manga-äugigen Juroren der Sendungen ertragen, deren wirklich ungemein blöde, entgeisterte Gesichter im Großformat eingeblendet werden. Die Regieanweisungen meint man parallel dazu aus dem Off zu hören: „Forster – aufstehen! Und schau bitte, dass Du Dein Grinsen wenigstens kurz aus dem Gesicht bringst! Kloß, Landrut: Tränen! Mehr Tränen! Boss Hoss – äh … ach, macht einfach, was Euch einfällt!“ Und dann wollen wir auch nicht verschweigen, dass die Verwurstung des Songs ansich schon frech ist. Schon die Version von Scala und den Kolacny Brothers war grenzwertig, aber das hier ist noch eine Nummer dicker. Davon abgesehen, dass „Creep“ als Tearjerker wohl nie gedacht war, biegen sich die beiden Girls dann auch noch den Text altersgerecht hin: „… and I wish I was special, you're so very special“ wird da geschmust, im Original aber heißt es „fuckin‘“ – FUCKIN‘! Das haben sogar die Chorknaben hingebracht! Möglicher Einwand: Aber das können die doch als Kinder nicht singen? Antwort: Na dann sollen sie es verdammt noch mal bleibenlassen! Das klingt verbittert? Ja! Intolerant? Doppeltes Ja! In Engstirnigkeit und Prinzipienreiterei we’ll stay strong! Vor vielen Jahren gab es mal einen Maxim Biller, der allen Spießern in der Illustrierten TEMPO mit seinen „100 Zeilen Hass“ ordentlich den Arsch versohlt hat – wo ist denn bitte der Mann heute, wenn man ihn mal braucht!?





Donnerstag, 21. März 2019

Schlachthofbronx: Bassdekade

Zehn Jahre Bässe satt - die Schlachthofbronx aus München feiern Geburtstag. Und zwar auf ihre spezielle Weise: Am Samstag füllen sie zum wiederholten Male die Muffathalle mit ihrer sagenumwobenen Ganzkörpermassage "Blurred Vision", dazu gibt es seit heute eine Doppel-10" mit zwei neuen Tracks zu erwerben - "Orion" heißt der eine, "Ten" der andere, hier schon mal als Schnipsel angeteasert.

23.03.  München, Muffathalle

Sorry: Mit Spaß bei der Sache

Die einen kennen sie wegen ihrer Vielzahl feiner Singles, die sie im vergangenen Jahr veröffentlicht haben, anderen sind sie als Support von Shame besonders aufgefallen - in Erinnerung blieben sie auf jeden Fall. Die Rede ist von Sorry, dem Quartett aus London um die reizende Sängerin Asha Lorenz. Die vier haben gerade eine neue Single mit dem Titel "Jealous Guy" samt Video herausgebracht - beim Abfilmen hatten die Freunde offenbar viel Spaß am Verkleiden, die Blues Brothers scheinen ihnen ebenfalls sehr nahe zu stehen.

Muncie Girls: In Begleitung

Kurz eine Möglichkeit, den Terminkalender zu füllen: Das britische Punkrock-Trio Muncie Girls aus dem Örtchen Exeter hat gerade für den Mai ein paar Konzerte angekündigt. Im vergangenen Jahr haben Lande Hekt, Dean MacMullen und Luke Ellis ihr zweites Album "Fixed Ideals" veröffentlicht, nun geht's noch einmal auf die Reise durch die Republik und zwar im Vorprogramm von The Get Up Kids - anbei zum Appetitholen die Singles "Clinic" und "Picture Of Health".

07.05.  Hamburg, Markthalle
10.05.  Leipzig, Conne Island
11.05.  München, Backstage
21.05.  Wiesbaden, Kulturzentrum
22.05.  Berlin, SO36
23.05.  Köln, Luxor



Josephine Wiggs: Aus dem Schatten

Ein wenig tritt sie da schon aus dem berühmten Schatten heraus: Josephine Wiggs, Bassistin der fabelhaften The Breeders, hat heute einmal (untypischerweise) den Fokus von ihen Kolleginnen, den Deal-Schwestern, genommen und selbst eine Soloplatte angekündigt. Gemeinsam mit dem Drummer Jon Mattock (Spacemen 3, Spiritualized) hat sie das Album "We Fall" eingespielt, die Tracks sind überwiegend instrumental und von eigenwilliger Eleganz - hier mal zum Probieren vorab "Time Does Not Bring Relief" mit einem kunstvollen Video, von Wiggs selbst bewerkstelligt. Die Platte erscheint am 17. Mai bei The Sound Of Sinners.




Mittwoch, 20. März 2019

Mavis Staples: Nicht selbstverständlich

So, und jetzt mit Wucht: Mavis Staples, die große Lady des amerikanischen Blues und Soul aus Chicago, hat gerade ein neues Album angekündigt. Das ist mit knapp achtzig beileibe keine Selbstverständlichkeit, dennoch soll der Nachfolger von "If All I Was Was Black", immerhin schon die zwölfte Studioplatte, am 10. Mai bei ANTI- erscheinen. "We Get By" wird elf neue Songs enthalten und der Opening Track "Change" poltert und knarzt und vibriert schon mal ganz mächtig - die Gitarre jault wie ein verwundetes Tier, wunderbar.

Dienstag, 19. März 2019

Breichiau Hir: Mißlungene Party

Da macht ja das Übersetzen schon mächtig Spaß, so oft muss man es ja nicht machen. Da sich aber Breichiau Hir nun mal entschieden haben, ihre Songs in der Heimatsprache, also Walisisch, zu singen (was ja nicht so häufig vorkommt und deshalb unbedingt zu loben ist), müssen wir doch wieder Google um Rat fragen und - siehe da - das neue Stück "Penblwydd Hapus Iawn" heißt nicht weniger als "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag". Gut obendrein, dass es bei Ihnen nicht nur um sprachliche Eigenheiten, sondern auch guten, knackigen Garagenpunk geht und so kommt das Stück mit ordentlich Schmackes daher. Es soll sich übrigens, so Sänger Steffan Dafydd, um eine gründliche misslungene Geburtstagsparty drehen, von der hier die Rede ist - nun, was anderes hätten wir ohnehin nicht erwartet.

Lust For Youth: Gut aufgehoben

Das dänische Duo Lust For Youth kann nur wirklich mögen, wer einen gesunden Bezug zum Synthpop der Achtziger vorweisen kann, anderenfalls tut man sich schwer mit ohrenfälligen Retrobezug von Hannes Norrvide und Malthe Fischer. Die beiden haben 2016 mit dem letzten Album "Compassion" für das letzte Lebenszeichen gesorgt, die Platte bot derart viele Verweise auf das besagte Jahrzehnt, daß einem fast schwummerig und der Zeitsprung plötzlich Realität wurde. Hört man sich nun die erste Single "Great Concerns" der neuen, selbstbetitelten Platte an, die am 7. Juni via Sacred Bones erscheinen soll, sind keine großen Veränderungen festzustellen - sie scheinen sich also im 'damals' sehr wohlzufühlen.




Dave: Auf der Couch

Dave
„Psychodrama“
(Neighbourhood)

Das Konzeptalbum gilt ja im HipHop nicht gerade als State of the Art, natürlich gibt es mit Kendrick Lamar, Ghostface Killah, The Roots, Aesop Rock und Jay-Z einige mehr als gelungene Beispiele, doch zählen diese eher zur Ausnahme denn zur Regel. Insofern ist der Ansatz des jungen Londoner Rappers Dave Santan zunächst einmal ein ungewöhnlicher, sich für sein Debütalbum „Psychodrama“ auf die Therapiecouch zu legen und diese Sprechstunde dann hernach als Platte zu veröffentlichen. Das, was den einleitenden Worten des „behandelnden Arztes“ folgt, dreht sich dann natürlich wenig überraschend, weil von allgemeiner, dringlicher Relevanz, um die Sozialisation farbiger Jugendlicher in den Brennpunktvierteln westeuropäischer Megacities, um Alltagsrassismus, fehlende Chancengleichheit, gesamtgesellschaftliche Verwerfungen, Abstiegsängste, Empathieverlust. Und die arbeitet Dave Santan stellvertretend für seine Generation in seiner Sitzung ab.

Und zwar auf eine Weise, die sich hören lassen kann. Wo der kürzlich hier vorgestellte Grime-Rap von Little Simz ganz auf Toughness und Aggression setzt, wählt Santan die etwas feinere Klinge. Auch wenn er durchaus deutlich und derbe reimt, so tut er dies vor einer vergleichsweise sphärischen, dem tiefen Blau des Covermotivs entsprechenden deepen Soundkulisse. Pianoloops, Streicher, die Beats pochen und klackern dunkel und bedrohlich, alles wirkt sorgsam aufgeräumt und reduziert. Der Track „Screwface Capital“ beispielsweise kommt mit einem Instrumentalteil daher, der zeitweise an den großen Mark Griffin alias MC 900 Ft. Jesus erinnert. Hypnotisch klingt das, dramatisch auch, getrieben zusätzlich von Santans Monologen, die sich kaum Pausen gönnen und deshalb um so eindringlicher wirken. Da wäre also die Hommage an sein Geburtsviertel „Streatham“ im Süden Londons, die gleichzeitig als ungeschönte Abrechnung gedacht ist, weiter „Black“ als Manifestation von Schmerz und Stolz, aber eben auch als Hinweis darauf, dass „schwarzen“ Lebensläufen die gleiche Vielfältigkeit zusteht wie allen anderen (wie er gerade dem britischen Guardian in einem Gespräch erläutert hat).



Herausragend die Arbeit mit dem Kollegen J Hus für „Disaster“ samt packendem Synth-Thema und natürlich das gut elfminütige „Lesley“. Angelegt als Geschichte in der Geschichte, wird hier von einer Frau erzählt, die sich mit dem falschen Typen eingelassen hat und hier stellvertretend für alle jene steht, denen es an Kraft und Stimme fehlt, Gewalt und Misshandlung nicht zu verschweigen. Ganz am Schluß dann das „Drama“ als family issue, schließlich rappt neben Santan auch dessen älterer Bruder Cristopher Omoregie (per Telefon zugeschaltet), der gerade eine Gefängnisstrafe absitzt und mit dem Zwiegespräch für Dave die Steilvorlage für die Albumidee lieferte. Ein düsterer Abgang, mit dem der gerade mal Zwanzigjährige hier sein Debüt zum Ende bringt – eines, das sich mit den erstgenannten Beispielen durchaus messen darf, von dem Jungen werden wir also hoffentlich noch einiges mehr zu hören bekommen. https://santandave.com/

No Vacation: Gute Entscheidung [Update]

No Vacation
"Intermission"
(Topshelf Records)

Es ist ein großer Fehler, die kleinen Dinge zu gering zu schätzen. Denn manche schaffen es, mit wenigen Mitteln mehr Nachhall zu erzeugen als mit dem lauten Bam! Zum Beispiel No Vacation. Die Band, 2015 in San Francisco gestartet und bislang durch zwei Mixtapes bekannt, hat gerade mit ihrer neuen EP für gehöriges Aufhorchen gesorgt, obwohl nur ganze viereinhalb Stücke darauf enthalten sind. Die allerdings, da sind sich die Kritiker einig, haben die fünf derartig entspannt hinbekommen, daß man sich schon mal wundern darf. Das liegt natürlich zu einem nicht unerheblichen Teil neben den traumhaften Melodien an Sängerin Sabrina Mais weicher, manchmal aufreizend lässiger Stimme, die den Stücken die nötige Leichtigkeit verleiht, das Gitarrenspiel perlt zudem so perfekt, daß man gar nicht anders kann als sich verzaubern zu lassen. Selbst das kurze Instrumentalstück im Mittelteil der 12" passt ins Gesamtbild - ein reinigender Gewitterregen öffnet den Horizont für die zweite Hälfte, an deren Ende die Single "Mind Fields" den Höhepunkt setzt: Dem bitteren Trennungsschmerz keine Genugtuung zu geben und stattdessen die guten Augenblicke zu bewahren - die Art, wie Mai hier eine gescheiterte Beziehung besingt, zeugt schon von bewundernswerter Größe. Es hätte, so liest man, nicht viel gefehlt, und No Vacation wären nach einer längeren Pause gar nicht mehr ins Studio zurückgekehrt, heute wissen wir, was uns damit entgangen wäre. Welcome back also...

Update: Auch wenn der Song "Yam Yam" schon etwas älter ist, im neuen Gewand von Luke Lasley und Patrick Sean Gibson aka. BOREDOM kommt er gleich noch mal so gut.





Montag, 18. März 2019

Sleaford Mods: Wut im Wohnzimmer

Sleaford Mods
Support: John Paul, LIINES
Manchester Academy, Manchester, 15. März 2019

Natürlich darf gefragt werden, was einen wohl an einem Wochenende aus dem frühlingshaft warmen München ausgerechnet ins kalte, verregnete Manchester* treibt. Um eine Band zu sehen, deren Frontmann sich pausenlos in wütenden Tiraden über Land und Leute ergeht – Gift und Galle für das britische Establishment und die unfähige Politikerkaste, nichts also für ruhesuchende oder selbstzufriedene Feierabendgemüter. Nun, grundsätzlich sind die oft ungleich mühseligeren Unternehmungen leidenschaflicher Fans (das gilt im Übrigen auch für den Ballsport) mit rationalen Mitteln nicht zu erklären, spielen Dinge wie Entfernungen, Witterungsbedingungen und Kosten in den Erwägungen der Anhänger eher eine untergeordnete, ja vernachlässigbare Rolle. Desweiteren gelten die Sleaford Mods nicht nur im geschundenen Königreich noch immer als die Band der Stunde, eben weil sie sich so unnachgiebig und stur an den Missverhältnissen im eigenen Land abarbeiten und mit bewundernswerter Ausdauer der sozial benachteiligten Unterschicht eine laute, eine zornige Stimme geben. Man will sie nicht missen, muss sie vielmehr hören, um sich die Gründe ihres Unmuts selbst zu vergegenwärtigen, um wachsam und aufgeschlossen zu bleiben.

Und auch wenn sie hierzulande schon oft zu Besuch waren, ist der Reiz, sie quasi in ihrem natürlichen Habitat zu erleben, sehr verlockend, auch wenn es nicht der kleine Club im heimatlichen Nottingham, sondern eine angerostete Industriehalle im Studentenviertel von Manchester ist. Denn das wollte man schon gern sehen und hören: Ist etwas anders an Band und Publikum, wenn sie nicht das Gäste-, sondern das Wohnzimmer bespielen? Die Frage ist mit einem einfachen „nein“ zu beantworten. Okay, es wird, so ist es Brauch, auf britischem Boden deutlich mehr getrunken und auch gesungen, aber im Grunde sind die Unterschiede marginal: Hier die „grau gewordenen Posterboys der Generation X“ (Süddeutsche Zeitung), dort „Männer Ende 40, Bier in der Hand, länger nicht rasiert, ehemalige Ein-bisschen-Punks, vom Leben ermattet, genervt von Politik und Alltag“ (ebenda). Was zunächst befremdlich klingt, entpuppt sich wie überall als sympathisches Gemenge – wiewohl hier ordentlich geschrien und geflucht wird, erweisen sich Andrew Fearn an den Tasten und Jason Williamson (Tanz und Text) zusammen mit ihrem Publikum als bestens eingespielte Gemeinschaft.



Der Laune sehr zuträglich sind aber beileibe nicht nur die alten Stücke, denn das aktuelle Album „Eton Alive“ ist überraschenderweise ein sehr beatlastiges geworden. Neue Tracks wie „Flipside“, „Subtraction“, „Kebab Spider“ oder „O.B.C.T.“ fallen zu den Dauerbrennern wie „Jolly Fucker“ oder „Jobseeker“ in keinster Weise ab. Und auch Williamson läßt nicht das kleinste Zeichen von Routine oder Ermüdung erkennen, still in rage stolziert er über die Bühne, bellt, spuckt, schleudert er seine Verse in die Menge, mal begleitet von bissigem, teuflischem Grinsen, mal von irrem Gebrüll. Es ist das, was einem den meisten Respekt abnötigt: Dass der Mann diese Energie, diesen Furor jeden verdammten Abend in der gleichen Intensität zur Aufführung bringen kann. Und dabei glaubhaft bleibt. Die Zeiten, da sich Leute wie Iggy Pop oder Fad Gadget um der Aufmerksamkeit willen auf der Bühne selbst zerstören mußten, sind gottlob vorbei, Williamson malträtiert einzig seine Stimmbänder und erntet dafür und für seine Beharrlichkeit und Authentizität den verdienten Beifall. Egal, ob in Helsinki, München oder Manchester.

* Manchester ist im Übrigen sehr wohl eine Reise wert, neben dem beeindruckenden Imperial War Museum, Fußballkultur satt und einem sehr lebendigen Nachtleben (Northern Quarter) hat die Stadt natürlich auch selbst gute Musik zu bieten, so zum Beispiel die Post-Punk-Kapelle LIINES, deren tolles Album "Stop-Start" im vergangenen Jahr erschienen ist. Und in Sachen Wetter tröstet vielleicht der running gag eingefleischter Mancunians: "In Manchester it only rains twice a week, from Monday to Friday and from Saturday to Sunday" - na denn, good watch!

Deichkind: Speziellstens

Richtig gute Nachrichten von einer ziemlich einzigartigen Band: Deichkind sind wieder zurück und zwar mit einer Tour (dauert noch was, kann man aber schon mal dick anstreichen) und mit einer ersten Single. "Richtig gutes Zeug" heißt das Ding und weil die Jungs speziell sind, gibt es auch das entsprechende Video dazu - mit von der Partie Lars Eidinger. Und das Album?! Keine Ahnung, kommt sicher auch bald um die Ecke...

11.02.  Kiel, Sparkassen Arena
12.02.  Rostock, Stadthalle
13.02.  Erfurt, Messe
14.02.  Braunschweig, Volkswagen Halle
15.02.  Frankfurt a. M., Festhalle
18.02.  Augsburg, Schwabenhalle
19.02.  Freiburg, SICK-Arena
20.02.  München, Zenith
21.02.  Wien, Stadthalle
22.02.  Nürnberg, Arena Nürnberger Versicherung
25.02.  Münster, Halle Münsterland
26.02.  Trier, Arena
27.02.  Zürich, Samsung Hall
28.02.  Stuttgart, Schleyer-Halle
29.02.  Köln, Lanxess Arena
03.03.  Bremen, ÖVB-Arena
04.03.  Dortmund, Westfalenhalle
05.03.  Leipzig, Arena
06.03.  Berlin, Max-Schmeling-Halle
07.03.  Hamburg, Barclaycard-Arena

Donnerstag, 14. März 2019

Rozi Plain: Beschwingt melancholisch

Ein paar leichte, beschwingte Töne jetzt. Aber da wir von Rozi Plain reden, sind diese ohne eine Portion Melancholie nicht zu haben - gut so. Die Musikerin aus dem britischen Winchester, jetzt wohnhaft in London, hat schon auf den vorangegangenen drei Alben ähnliche Feinkost abgeliefert, nun schickt sie sich an, am 5. April Platte Nummer vier "What A Boost" bei Memphis Industries zu platzieren. Nach der ersten Vorabsingle "Symmetrical" kommt heute "Conditions" an die Reihe, das Video dazu eine Art Ausdruckstanz inmitten der Einöde.



Mittwoch, 13. März 2019

W.H.Lung: Unvermeidlich [Update]

Zeit für ein paar alte (naja, eigentlich doch noch recht junge) Bekannte: W. H. Lung aus Manchester tauchten hier mit ersten Songs im Frühjahr 2017 auf, nun kündigt das Trio sein Debütalbum "Incidental Music" für den 5. April an. Ursprünglich hatte keiner der drei vor, Musik vor einem größeren Publikum aufzuführen, sie wollten eigentlich nur im Studio experimentieren. Wenn es weiter so gut läuft, werden sich öffentliche Auftritte allerdings nicht vermeiden lassen. Überhaupt sind W.H.Lung eine Band mit Widersprüchen - ihr Sound soll sich an melodischen Synthpop und den Groove aus dem Berlin der 70er anlehnen, zu ihren Vorbildern zählen sie dann aber Kanye West, Thelenious Monk, Viet Cong, Julia Holter und Prince. Große Spannbreite das. Die erste neue Single ist gleich mal ein Mammutwerk von über zehn Minuten, hier also kommt "Simpatico People".

Update: Mit "Second Death Of My Face" kommt heute der zweite Song vom neuen Album, eingespielt mit Keyboards der Central Library in Manchester - wieder sehr groovy.



Dienstag, 12. März 2019

Sigrid: Nichts dagegen

Sigrid
„Sucker Punch“
(Universal)

Selten wohl trifft man ein Album, von dem man sich so bereitwillig entwaffnen lässt wie von diesem hier. Jeden noch so kleine Aussetzer, jeden winzigkleinen Kritikpunkt nimmt einem die zweiundzwanzigjährige Norwegerin Sigrid fürsorglich aus der Hand, sogleich darf man sich nach versuchtem Einspruch wieder hinsetzen und weiterhören. Obwohl das mit dem Sitzen ohnehin nicht klappen würde, da ja hier fast alles nach Bewegung, nach Ausgelassenheit ruft. Ziemlich genau zwei Jahre ist es her, da Sigrid Solbakk Raabe, so der vollständige Name, mit ihrer Single „Don’t Kill My Vibe“ für mächtig Eindruck sorgte und heute, da der trotzige Song nochmals mit dem Debütalbum nachgereicht wird, erkennt man auch, worauf das Selbstvertrauen der zierlichen, angenehm unprätentiösen Sängerin fußte: Denn die vorliegende Platte zeugt von bestechend treffsicherem Gespür für das, was man Superpop nennt. Zwölf Stücke, bei denen jeder Ton sitzt und nicht nur die Leadsingle „Sucker Punch“ einen Wirkungstreffer erzielt. Musikalisches Talent im Übermaß also, gepaart mit einer gut geschulten Stimme und dem Glück, sich zur richtigen Zeit die richtigen Leute für Songwriting und Produktion an die Seite zu holen – viel besser kann man es eigentlich nicht machen.



Und auch die Themenwahl kann einem wachen und neugierigen Charakter wie dem ihren nicht schwergefallen sein, es gibt viel zu erzählen über die Liebe und auch den Frust, wenn es mit dieser nicht so klappen will, über das irritierend oberflächliche Bild eines Popstars in der medialen Öffentlichkeit und die Sehnsüchte dahinter, über das Glück des Augenblicks und die Flüchtigkeit desselben. Hit auf Hit vom Start weg, klug abgemischte Dreiminüter, die auf direktem Weg ins Ohr gehen und auch, wenn sie nahezu alle nach dem gleichen Prinzip funktionieren, nicht langweilig werden. Da werden geschickt Streicher, Piano, Akustikgitarren eingebaut, gibt es Smartphone-Jingles, Rapeinlagen und selbst ein kleiner Ausflug in Sachen Dancehall geht erstaunlich standsicher über die bunt beleuchtete Bühne. Bezeichnend fast, dass „Level Up“, der geheime Favorit des Albums, auch der kürzeste Song geworden ist, sie hat einfach so viele davon im Programm.



Ihr, wie zu Beginn der Karriere und mit Veröffentlichung besagter Single, Arroganz zu unterstellen, ist schlichtweg lächerlich, kaum jemand wirkt angesichts solcher Perfektion und des zwangsläufigen, verdienten Erfolgs gelöster und sympathischer als das Mädchen aus Ålesund. Man darf vielmehr hoffen, dass sich diese Unbekümmertheit, mit der sie ihren Mitmenschen die Love- und Breakup-Songs entgegenschmettert, noch lange bewahren lässt, zu viele ihres Alters und Könnens wurden und werden schnell zu braven Prinzessinnen geformt, der Charakter geht oft genug in gleichem Maße flöten, wie die Austauschbarkeit zunimmt. Vielleicht ist es naiv zu glauben, an dieser Unschuld festhalten zu können. Aber beim letzten Song „Dynamite“ hat man eben auch die Szene vor Augen, als sich Julia Roberts als Anna Scott in „Notting Hill“ unter Tränen dem charmanten, aber zuweilen tölpelhaften Buchhändler (Hugh Grant) mit den Wort offenbart, sie sei doch auch nur ein Mädchen, das geliebt werden will. In diesem Sinne – bitte weitermachen. Und: Aufpassen. https://www.thisissigrid.com/

03.06.  Köln, Lanxess Arena
07.09.  Berlin, Lollapalooza



Charlie Cunningham: Immer beide Seiten

Dieser Herr aus dem britischen Bedfordshire hat die bewundernswerte Begabung, mit leisen Tönen zugleich Wohlgefühl, Euphorie und auch Argwohn zu erzeugen. So einschmeichelnd der Gesang, so weich die Akkorde seiner Gitarre, klingt in den Songs von Charlie Cunningham immer auch eine Bedrohung, eine Düsternis an, die schlecht auszublenden ist. Wahrscheinlich soll das so sein, es sind die Gegensätze, von denen ein Künstler lebt und Cunningham tut dies schon seit einigen Jahren mit großem Erfolg. Kürzlich hat er mit "Permanent Way" einen ersten neuen Song vorgestellt, nun folgt mit "Sink In" der nächste - entstanden sind sie übrigens gemeinsam mit Musikern der Band The Maccabees. Wann das Album dazu folgt, ist noch unausgesprochen, die Tourdaten für den Herbst jedoch dürfen schon mal notiert werden.

08.08.  Darmstadt, Centralstation
09.08.  Rees-Haldern, Haldern Pop
15.10.  Köln, Gloria
16.10.  Dresden, Kulturpalast
18.10.  München, Muffathalle
20.10.  Berlin, Heimthafen
21.10.  Hamburg, Kampnagel



Robert Forster: Keine Panik

Robert Forster
„Inferno“
(Tapete Records)

Das liest man ja oft dieser Tage, dass Robert Forster gerade sein Album über das Älterwerden gemacht habe. Kramt man jedoch die frühen Bilder heraus, die Forster mit seiner Band The Go-Betweens zeigen, führt man sich Erinnerungen an das eine oder andere Konzert vor Augen, da sie alle noch gemeinsam auf der Bühne standen, dann muss die Frage erlaubt sein: War der schlaksige, hochaufgeschossene Mann mit dem schmalen Gesicht (mithin der ganze Gegensatz zu seinem früh verstorbenen Freund und Kollegen Grant McLennan), den klugen Augen und dem feinsinnigen, hintergründigen Lächeln nicht immer schon so alt wie er heute ist? Was andere wie eine Beleidigung ankäme, hier ist es eher Kompliment, denn Alter meint bei Forster eben nicht ergrautes Spießertum, sondern Reife, Stil, Eleganz und eine ganz spezielle Art von Humor, die nur wenige überhaupt und wenn, dann deutlich später erreichen. Forster erschien oft als McLennans zwar gutmütiger, aber sarkastischer, ernsthafter Geistesbruder, der in der gleißenden australischen Sommerhitze auch gern mal das Dunkle, Bedrohliche markierte.

Und natürlich singt er auf diesem, seinem mittlerweile siebten Soloalbum von Grundsätzlichem, alle Männer über sechzig tun das in seinem Job. Aber so beiläufig, so charmant und sogar versöhnlich ist es in letzter Zeit nur wenigen gelungen. Dass es mit der Liebe eine verflixte Sache ist, davon erzählt Forster gleich zu Beginn, dass sie keineswegs vollkommen, sondern auch launisch und unzufrieden sein kann. „Take the sour if you take me“, warnt er in „Crazy Jane On The Day Of Judgement“ und weiter: „I can scoff and lour and scold for an hour“ – soll keine behaupten, er hätte sie nicht gewarnt. Gleich darauf der Ruhm. Der also, den er nicht braucht, der ihm so flüchtig und nutzlos erscheint, gemessen an den Erinnerungen seiner Jugend, die so herrlich lakonisch herüberwehen: „My mother hangs the washing and my father has jobs to ignore, the weekend that has come is the same as the weekend before…“ Und so geht es weiter, neun Stücke sind es geworden, die vom „Inferno“ künden.

Ein großes, ein düsteres Wort für ein Album, das so ausbalanciert, fast schon gediegen daherkommt wie dieses. Und so angenehm unspektakulär klingt. Es geht, hat Forster gerade der taz erklärt, im wörtlichen Sinne um nichts Weltbewegendes. Es gibt in jedem Alter Dinge, die getan werden müssen, das tägliche, unscheinbare Mühen. Und vielleicht ist das eine Möglichkeit, den titelgebenden Song „Inferno (Brisbane In Summer)“ zu lesen: Dass wir die Aufgeregtheiten unserer Zeit wie auch die nächtlichen Träume gern überzeichnen, überhöhen, uns umzingelt und bedroht fühlen von allem und jedem. Das Geschrei um uns herum, die Ruhelosigkeit sind ansteckend und schwer ist es, auszubrechen. Ein Stück dieser beneidenswerten Gelassenheit scheint Forster jedoch gefunden zu haben, denn am Schluß bei „One Bird In The Sky“ winkt die Erkenntnis: „Time to walk around, time to hit the ground, time to do my thing. Eat only what I eat, breathe only what I breathe - well that's me.“ Man ahnt, daß Nick Cave mit seinem Urteil, dieser Mann sei wohl der „wahrhaftigste und eigenwilligste Poet unserer Generation“, nicht ganz so falsch liegen dürfte. http://www.robertforster.net/

30.04.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
01.05.  Hamburg, Knust
03.05.  Münster, Gleis 22
04.05.  Bielefeld, Forum
05.05.  Bonn, Harmonie
07.05.  Frankfurt, Zoom
08.05.  Schorndorf, Manufaktur
09.05.  München, Feierwerk
10.05.  Wien, Theater Akzent
11.05.  Linz, Posthof

Immer noch schön anzuschauen - das Familienalbum zum Cover der Platte: Hier.