Donnerstag, 18. Februar 2021
Benefits: Zur Hölle mit den Eliten
Mittwoch, 17. Februar 2021
Jehnny Beth: Der Blick zurück
Dienstag, 16. Februar 2021
Debby Friday: Nach dem Exorzismus
Montag, 15. Februar 2021
Slowthai: Andere Seiten
Slowthai
„TYRON“
(Polydor/Universal)
Okay, die Trennung von Werk und Autor ist hier wohl noch nicht drin. Dafür ist der Junge zu frisch auf der großen Bühne. Und er will’s wohl auch gar nicht. Tyrone Kaymone Frampton alias Slowthai stürmte eben jene Bühne vor zwei Jahren mit seinem Debüt „Nothing Great About Britain“ – furioser Grime, wild, weird, unangepasst und durchaus politisch. Viele Preise, hymnische Kritiken, Senkrechtstart. Der zu Tage brachte, was er eben auch war und ist: jung, unerfahren, blauäugig und in Teilen unbelehrbar. Denn seit er sich auf einer NME-Gala danebenbenahm, gibt’s zu seiner Namensnennung auch immer den von Moderatorin Katherine Ryan dazu. Und von diesem Moment an rollte die Geschichte ziemlich schneeballmäßig und gilt nun als gutes (oder eben schlechtes) Beispiel dafür, wie Medien, Stars und auch wir Zuhörer*innen so funktionieren. Der Umgang mit dem besagten Fehltritt spielt die komplette Klaviatur der angeblich so sozialen Netzwerke und der grassierenden Empörungsunkultur auf der einen Seite und misogyner Altmännerdenke und „money runs the world“ auf der anderen. Hier rebelliert der mediale Lynchmob, der dem Kerl am liebsten ein für alle Mal den Strom abdrehen würde, dort wiegelt man ab, war doch nur ein Ausrutscher, kann schon mal vorkommen, macht er nicht wieder, verkauft sich aber ganz gut. Extreme allerorten, Zwischentöne kaum – „same old shit, just another day“.
Keine Ahnung, wie viele Gedanken er sich seitdem über jenen Abend und seine Folgen gemacht hat, öffentlich zu Kreuze gekrochen ist Slowthai jedenfalls nicht und seine postskandale Single „ENEMY“ klang auch nicht gerade nach der großen Selbstgeißelung. Dieses zweite Album aber zeigt, dass er wenigstens mit den Umständen hadert – im Rahmen seiner Möglichkeiten, muss man anfügen. Auf der einen Seite gibt er nach wie vor das vorlaute Großmaul, das in „CANCELLED“ provokant behauptet, er könne ja gar nicht abgesetzt und ausgeblendet werden, weil er ja schon zu erfolgreich, zu dick im Geschäft sei. Nun ja, mangelndes Selbstbewusstsein war sein Problem noch nie. Andererseits müht er sich, seine Kindheit zwischen Dreck, Suff, Kriminalität und Drogen („45 SMOKE“, „VEX“) als Grund für manche Verfehlung aufzuführen und tatsächlich ist von einem Jungen aus dem armen Industrie-Vorort Londons mit kaputter Familie und jeder Menge Problemen am Hals keine Vorbildfunktion zu erwarten. Dass er nicht wie viele andere zum Dealer oder Gangster eingestempelt hat, sondern auf Rap-Star umschulte, ist da tatsächlich schon ein kleines Wunder. Als Entschuldigung für dummes Benehmen ist es aber trotzdem nur bedingt tauglich.
Er wird jedenfalls, soviel ist sicher, noch länger mit seinem Image zu kämpfen haben. Ob er sich für den Pfad der Guten und Gerechten entscheidet, wird man sehen – an Talent für den dauerhaften Erfolg mangelt es ihm – siehe Selbstbewusstsein – ebenso wenig. Die Tatsache, dass er hier eine Art Konzeptalbum mit zwei verschiedenen Kapiteln abliefert, zeugt von erfreulichem Mut. Hälfte eins mit den schnellen Rhymes, den irren Beats und bekannten Gästen Part 1 auf der Payroll (Skepta, A$AP Rocky) klingt erwartungsgemäß und schielt dennoch nicht nach dem schnellen Hit. Hälfte zwei geht dann deutlich abgebremst, erstaunlich soulful und nachdenklich ins Rennen und ist deshalb vielleicht sogar die interessantere. Selbstzweifel hier, Familie, Besinnung, diese Seite des sonst so hochgepitchten Treibaufs soll überraschen und genau das gelingt auch. Ein Soli-Song mit Piano für die „nhs“ daheim, Seelenstriptease bei „adhd“, die Gästeschar Part 2 mit Denzel Curry, James Blake und Mount Kimbie veredelt erwartbar gekonnt. Der vorsichtige Versuch einer Versöhnung auf Umwegen dann mit der einzigen weiblichen Partnerin am Mikrophon – „push“ featuring Deb Never ist auch deshalb der heimliche Favorit des Albums. Es wird sich weisen, ob er seine Chancen nutzt. Und ob man ihn lässt. Das hier ist ein erster Anfang.
Masha Qrella: Der Klang der Sehnsucht
Masha Qrella
„Woanders“
(Staatsakt)
Doch, man hätte es irgendwie schon gern gewusst. Wie er es denn findet, das neue Gewand, in das seine Gedichte gekleidet wurden. Fragen kann man ihn ja leider nicht mehr, Brasch ist tot, kein Freispiel drin. Aber nur, weil die Schwester Marion, die Musikerin selbst und auch wir es gut und gelungen finden, heißt das ja noch nicht, dass Thomas Brasch, unbestritten einer der größten Poeten der deutschen Nachkriegsjahre, Gefallen daran gefunden hätte. Weil Pop ein Vereinnahmer und Vereinfacher sein kann, weil Gedichte vielleicht an Schärfe und Dringlichkeit verlieren, wenn sie zu tanzen beginnen. Aber die Dinge passieren eben nicht zufällig, sie finden einander vielmehr und so kommt es nicht von ungefähr, dass das Familienporträt „Ab jetzt ist Ruhe“, geschrieben von der Schwester des Dichters, eben Masha Qrella vor Jahren in die Hände fiel und dessen Worte haften blieben, Eindruck machten. Und zwar noch vor dem eigentlichen Werk des Dichters selbst. Es ist die Biographie, die Qrella beschäftigt, es sind die Brüche, auch die Tragik dieser Familie, die sie faszinieren und bei der Sache bleiben lassen.
Qrella war um die vierzehn, als der eine deutsche Staat dem anderen überschrieben – nicht wenige behaupten: einverleibt – wurde, sie hat die Dramatik um diese Historie vielleicht nicht aller Schärfe, aber doch wachen, heranwachsenden Geistes miterlebt. Und sie weiß wohl, wie es war, nach der anfänglichen Freude schnell zu gegenwärtigen, dass der eigene Lebenslauf, wenn man von der falschen Seite kam, nur noch die Hälfte wert war, Erfahrungen nicht mehr zählten und wenn doch, dann nur als schmückendes, exotisches Beiwerk beim Themenabend in der Stadtteilbibliothek. Kein Wunder also, dass dieses Album heißt, wie es heißt – „Woanders“. Denn hier übernimmt Qrella eines der Themen zum Titel, die Brasch selbst stets umtrieben, die seine eigene Vita maßgeblich prägten: Die Sehnsucht nach dem anderen Ort, dem anderen Leben, die ihn vorwärtstrieb, nicht zur Ruhe kommen ließ, die Suche nach dem Ausweg aus Fremdbestimmung, Enge, Tristesse und grauer Freudlosigkeit. Die ihn letztendlich Mitte der Siebziger aus dem eigenen Land jagte, weg von der Familie, weg aber auch vom Vater, der ihn verriet. Auf die andere Seite, wo er alles durfte und doch nichts galt, die ihm keine Heimat sein konnte und wo er anschrieb gegen die arrivierten Platzhirsche des Kulturbetriebs.
Schaden kann es nicht, wenn man beide Seiten kennt: Die früh befreite, doch oft so satte und bequeme und jene, die sich zu lange duckte und dann doch die greisen Funktionäre zum Teufel schickte. Und deren Hoffnung am Ende an der Realität zerbrach. Brasch-Momente, allesamt. Festgehalten in seinen Gedichten, von denen Qrella nun einige für die siebzehn Songs dieses Album vertont hat und die sie schon 2019 als Performance für das Berliner Haus Hebbel Am Ufer (HAU) mit Band und Gästen (Dirk von Lowtzow, Chris Imler u.a.) uraufführte. Dass das alles dort und auf Platte so beeindruckend funktioniert/e, hat neben der besagten persönlichen Parallele noch andere Gründe: Qrella wechselt, hier ein logischer Schluss, für den Vortrag wieder zur deutschen Sprache, ihr weiches Timbre und der warme, sparsam modulierte Sound tun ein Übriges für die Tiefenwirkung. Und weil sie Braschs Worten mit Bedacht Raum und Zeit zum Schwingen gibt, weil sie vorsichtig, vielleicht sogar ein wenig ehrfürchtig agiert, kommen die Zeilen ans Klingen, Vibrieren, Nachhallen.
Es sind meistenteils sehr sanfte Lieder, die sie um den Text geschrieben hat, selten einmal wie bei „Geister“ oder „Maschinen“ (gesungen mit Andreas Spechtl/Ja, Panik) werden die Beats fordernder, lauter. Das wunderbare Stück vom „27. September“ erinnert in seiner Zartheit, bewusst oder unbewusst, an den oft unterschätzten, feinfühligen Klang des Ostrocks der 70er und 80er Jahre, damals Trost, heute Nische, immer Flucht. Besonders eindrucksvoll die Zuarbeiten des Berliner Elektro-Duos Tarwater für „Haut“ und „Märchen“, ersteres gerät so ungewohnt experimentell, in letzterem übernimmt Marion Brasch selbst das Rezitativ: „Wer schreibt, der bleibt, hier oder weg oder wo – wer schreibt, der treibt, so oder so.“ Just am 19. Februar, dem Tag der Veröffentlichung von „Woanders“, jährt sich der Geburtstag von Thomas Brasch, Masha Qrella hat ihn mit diesem Album wieder ein Stück weit in die Erinnerung zurückgeholt. Und wer danach zu seinen Gedichten oder der besagten Autobiografie greift, die/der tut sicher das Richtige, nur eben in umgekehrter Reihenfolge. Entscheidend ist aber nicht immer nur das „wie“, sondern manchmal auch das „ob“.
Sonntag, 14. Februar 2021
Mogwai feat. Colin Stetson: Türöffner
Freitag, 12. Februar 2021
MF Doom: Ehrenrunde
Es wird nicht wenige geben, für die war der verfrühte Abschied von Rapper MF Doom doppelt bitter, weil sie seine Genialität erst so spät kennenlernten, dass es wiederum zu spät war. Zu spät, um ihn mal live erleben zu dürfen, zu spät, um ein Stück seines Weges musikalisch mit ihm zu gehen. Sein kollaboratives Album "Madvillainy", entstanden in Zusammenarbeit mit Madlib, erfährt jedenfalls gerade die Aufmerksamtkeit, die es zu Zeiten seiner Veröffentlichung 2004 nicht bekommen hat. Da passt es natürlich ganz gut, dass gerade der Clip zum Track "All Caps" mit Comiczeichnungen von James Reitano vom Label Stones Throw in einer digital überarbeiteten Version wiederveröffentlicht wurde. Ebenso erfreulich, aber weit weniger belastbar ist übrigens das Gerücht, dass Daniel Dumile, der sich hinter der markanten Maske verbarg, die Arbeit an seinem nächsten Album nahezu abgeschlossen hatte. Besagtes Meisterwerk "Madvillainy" jedenfalls wird bald in einem Vinyl-Repressing erscheinen - wer also Ohren hat, der höre!
New Order: Die nächste Zugabe
Donnerstag, 11. Februar 2021
Thirdface: Nur nicht täuschen lassen
Middle Kids: Riesenspaß [Update]
Ha, das ist so die Art von Song, bei dem du in der nächsten Sekunde weißt: Ein besserer wird heute und morgen, vielleicht auch die ganze nächste Woche nicht mehr kommen. Die australische Band Middle Kids hat vor einigen Jahren in Sydney zusammengefunden - Sängerin und Gitarristin Hannah Joy, Tim Fitz am Bass und Schlagzeuger Harry Day - und bislang ein Album ("Lost Friends", 2018) und zwei EP zu Buche stehen. Dass das Trio ein besonders Faible für außergewöhnliche Videos und Choreografien hat, konnte man schon länger beobachten, nun haben sie das nächste Album "Today We're The Greatest" für den 19. März bei Domino Records angekündigt und mit dieser Tradition offensichtlich nicht gebrochen. Dafür steht die Filmgeschichte zum Videoclip von "R U 4 Me" und jetzt, ganz aktuell, das fabelhafte "Questions". Lieblingsstück, keine Frage. Der Groove, die Handclaps, die Lässigkeit, Joys umwerfendes Kleid mitsamt dem eigenwilligen Tanzstil, es haut eine schlicht um. Und man kann sich richtig vorstellen, wie beim Entwurf des Storyboards mittendrin jemand rief: "Posaunen, wir brauchen Posaunen!", woraufhin aus der anderen Ecke dagegengehalten wurde: "Und ein Pferd!" Ja, und so wurde es dann eben gemacht. Ein Riesenspaß - mehr davon bitte!
Update: Mehr kommt schon, nur spaßig ist es diesmal nicht. In der neuen Single "Cellophane (Brain)" geht es laut Hannah Joy um das, was ihre Gedanken umtreibt, wie ihr Hirn funktioniert und sie manchmal eben auch erschreckt. Die große Kunst und schwerste Arbeit, so sagte sie gerade DIY, besteht darin, Negatives in positive Energie umzuwandeln.
For Those I Love: Nach dem Schmerz [Update]
Das könnte noch interessant werden. Na ja, eigentlich ist es das schon, aber weil wir von David Balfe noch nicht so wahnsinnig viel wissen, bleibt es vorerst beim Konjunktiv. Der Junge aus dem Norden Dublins hat vor einigen Jahren mit der Musik begonnen, damals noch gemeinsam mit seinem besten Freund Paul Curran. Als dieser 2018 auf tragischer Weise zu Tode kam, zog sich Balfe in seinem Schmerz komplett zurück und nahm Unmengen von Songs auf - die Soundskizzen und Demos kann man sich heute in einem siebenundvierzigminütigen Zusammenschnitt mit dem Titel "Into A World That Doesn't Understand It, Unless You're From It" anhören (siehe unten und Bandcamp). Das Projekt, unter dem Balfe seit dieser Zeit firmiert, nennt sich For Those I Love und nachdem er unter diesem Pseudonym vor einem Monat mit dem ersten offiziellen Track "I Have A Love" debütierte, schickt er nun die Single "Top Scheme" an den Start, ebenfalls ausgestattet mit eine selbstgedrehten Videoclip. Das dazugehörige, selbstbetitelte Album ist für nächstes Jahr via September Recordings in Planung.
Update: Hatten wir schon erwähnt, dass es von "I Have A Love" einen feinen Overmono-Remix gibt? ... Und nun auch einen VÖ-Termin, denn das Debüt soll am 26. März erscheinen (Coverart unten). Begleitet wird die Nachricht von der aktuellen Single "Birthday/The Pain", auf welcher Balfe auf seine erste Erfahrung mit tödlicher Gewalt während seiner Kindheit Bezug nimmt.
Mittwoch, 10. Februar 2021
Dry Cleaning: Fortsetzung folgt [Update]
Von der Londoner Post-Punk-Kapelle Dry Cleaning haben wir hier noch ihre Debüt-EP "Sweet Princess" aus dem August vergangenen Jahres zu Buche stehen. Nun, zwischen dieser Meldung und heute liegen, dem doofen Virus sei Dank, bekanntlich Welten, vieles hat sich geändert und das meiste nicht unbedingt zum Besseren. Wenigstens haben die vier Freund*innen mittlerweile ihr erstes Album fertig, ihr Label 4AD zumindest schickt mit "Scratchcard Lanyard" einen ersten Vorgeschmack samt Video von Rottingdean Bazaar ins Rennen, mehr Informationen werden in Kürze erwartet. Vorhang auf!
Update: Und da sind sie dann , die Informationen. Das Debütalbum wird "New Long Leg" heißen und am 2. April erscheinen, mit dabei die neue Single "Strong Feelings".
Montag, 8. Februar 2021
Milliarden: Größtmögliche Fallhöhe
Milliarden
„Schuldig“
(Zuckerplatte/Membran)
Das kommt selbst im Land der Dichter und Denker nicht so häufig vor, dass sich eine Band, von der nicht wenige behaupten, sie sei Punk, ihre Zuhörerschaft so deutlich mit Exkursen in Sachen Poesie herausfordert. Wir reden von Milliarden, der Truppe aus Berlin also, denen laut Selbstbezichtigung aus Gründerzeiten die Sonne aus dem Arsch scheint, das Herz übervoll, aber nichts zu fressen. Und genau die haben auf ihrem neuen Album, von dem wir jetzt einfach mal behaupten, es sei ihr bestes, gleich zweimal aus der Hochkultur zitiert – ein Wagnis, das nicht jedermanns Sache ist. Nehmen wir zum Beispiel den Song „Die Gedanken sind frei“. Natürlich denkt der bildungsbürgerliche Auskenner da gleich an Hoffmann von Fallersleben, an von Arnim und Brentano, Wecker und Scholl. Aber so weit oben muss man gar nicht ins Fach greifen, denn Ben Hartmann bleibt zum Glück im Sinngemäßen und dichtet seine eigenen Zeilen zur historischen dazu. Anders in „Wonderland“ – hier wird tatsächlich ausführlich zitiert und zwar aus dem Werk des großen Lyrikers Thomas Brasch und seinem Zyklus „Der Papiertiger“, geschrieben Mitte der 70er Jahre.
So herausgeschrien hat man das Gedicht noch selten gehört, dennoch passt in den Kontext. Und zum Zeitpunkt sowieso, jährt sich in ein paar Tagen doch Braschs Geburtstag und dieser Song wird nicht der einzige sein, der ihn feiert (auch Masha Qrella wird zu diesem Anlass bei Staatsakt eine entsprechende Würdigung in Form des Albums „Woanders“ veröffentlichen). Was Brasch von Milliarden gehalten hätte, kann man nur vermuten, so fremd sollten sie ihm aber nicht gewesen sein. Schließlich verkörpert Hartmann, schlaksig, mit spärlichem Flusenhaar und also von der Natur nicht gerade als Beau verwöhnt, das, was der Dichter sonst gern mag: Brennende Leidenschaft, verortet im Augenblick, mal bitterböse, gradheraus, mal liebestoll und in Träumereien entrückt. Seit Bestehen malträtiert der Mann seine Stimmbänder mit Hingabe, keift er, johlt, brüllt, barmt und zittert, ganz Gefühl, ganz Körperlichkeit.
Und auch in den neuen Stücken schont er sich und andere nicht. Die Fallhöhe, die seine Texte ausmessen, ist erstaunlich – von weltumarmender Begeisterung bis zum Sturz ins Bodenlose ist wieder alles dabei, Hartmann verneint und bejaht im Minutentakt, ist jetzt verzückt, dann verrückt und gleich darauf verzweifelt. Den Songs schadet dieses Auf und Ab kein bisschen, sie sind ein Nachempfinden, Nachspüren dessen, was ihn und natürlich auch uns umtreibt. Und das ist selten nur gut oder nur schlecht, sondern immer irgendwie beides: Die Masken und Verkleidungen, die wir mit uns herumtragen, die uns schützen, verwandeln, aber auch zu Lügnern machen können („Die Fälschungen sind echt“), die Zwänge, die uns binden und denen wir uns nicht entziehen können, auch wenn sie uns manchmal Halt geben („Die Gedanken sind frei“), all das Wollen, Fliegen, Scheitern, Stürzen, das tägliche Mühen halt. So schön wie Milliarden erzählt davon gerade kaum jemand – mag Henning May mit noch so toller Stimme durch monochrome Kulissen schlurfen, er wird sich diese Tiefe so schnell nicht herbeisingen können.
03.03.22 Nürnberg, Z-Bau
04.03.22 Wien, Arena
05.03.22 Jena, Kassablanca
09.03.22 Rostock, Mau Club
10.03.22 Bielefeld, Forum
12.03.22 Göttingen, Musa
13.03.22 Dortmund, FZW
17.03.22 München, Backstage
18.03.22 Zürich, Bogen F
19.03.22 Bern, ISC
30.03.22 Frankfurt am Main, Das Bett
31.03.22 Stuttgart, Im Wizemann
01.04.22 Erfurt, Kalif Storch
02.04.22 Dresden, Beatpol
07.04.22 Köln, Gloria
08.04.22 Hannover, Musikzentrum
09.04.22 Berlin, C-Halle
Sonntag, 7. Februar 2021
Waves Of Dread: Die Kunst der richtigen Balance
Donnerstag, 4. Februar 2021
TV Priest: Mitschreiben am Soundtrack der Krise
TV Priest
„Uppers“
(Sub Pop)
Das Debüt des Londoner Quartetts TV Priest vorschnell mit dem Hinweis abzutun, hier würde doch wohl allzu offensichtlich an der Nachfolge von Bekanntem gearbeitet, greift zu kurz und scheint deshalb einigermaßen unfair. Die Frage sei gestattet, welcher Künstler, welche Künstlerin heutzutage noch umwerfend Neues, Revolutionäres, Originäres bieten kann, siebzig Jahre nach Chuck Berry und Elvis Presley. Es gelingt so wenigen, dass man die Vielen, denen das Jahrhundertgenie dazu fehlt, nicht verdammen sollte – gute Musik bleibt es nämlich trotzdem. Und wenn, wie bei den vier Herren hier, der Fokus mit einem Debüt auf eine andere Lichtgestalt früherer Tage gelenkt wird, dann ist das doch eine durchaus lohnende Sache. Und die ersten, denen man eine deutliche Nähe zu Mark E. Smith und seiner Band The Fall nachsagt, sind TV Priest ja beileibe nicht. Sie reihen sich eher ein in die große Zahl von Bands, die das Einzigartige des 2018 verstorbenen Musikers aus Manchester noch etwas heller strahlen lassen.
Ohnehin sind auch The Fall nur ein Teil von mehreren, die einem beim Anhören von „Uppers“ durch den Sinn gehen – speziell „Leg Room“ und „Journal Of A Plague Year“ haben viel von der kantigen Rotzigkeit der einstigen Post-Punk-Heroen. Darüber hinaus gehen aber auch Vergleiche mit derzeit ebenso angesagten Formationen wie den Idles, Heavy Lungs und Lice nicht fehl, sie alle eint eine höchst intensive, expressive Bühnenperformance, stampfende Drums, wilde und rohe Gitarrensounds, Wut, Aggression, näher am Punk, näher am Hardcore als The Fall es je waren. Besagte Wut und Aggression speisen sich natürlich aus den derzeit mehr als unbefriedigenden Zuständen auf der Insel, wo sich Brexit und Pandemie eine Art Wettrennen um den Titel des gefährlichsten Brandbeschleunigers für die allgemeine Krise liefern und der Kollaps des Gesundheitssystems nur ein Indiz unter vielen für die bedrohliche Schieflage des kompletten Gesellschaftsgefüges ist. Kein Wunder also, dass der Soundtrack zur britischen Befindlichkeit derzeit aus so vielen und so guten Quellen gespeist wird. TV Priest, die es nicht beim bloßen Brettern belassen, sondern auch recht originelle Interludes, Effekte und Instrumente in und zwischen ihre Stücke bauen, sind da bei weitem nicht die schlechtesten Vertreter.
Kim Gordon: Familienzusammenführung
Mittwoch, 3. Februar 2021
Death From Above 1979: Immer wieder Liebeslieder
Martin Gore: Einer von vielen
Martin Gore
„The Third Chimpanzee“
(Mute Records)
Der altgedienten Binsenweisheit, nach der man erst erkennt, wie alt man wirklich ist, wenn man den eigenen Kindern beim Wachsen zusieht, kann gern noch eine Ergänzung angehängt werden: Dann nämlich, wenn die Posterboys oder –girls der Jugend selbst schon an der Tür zum Renteneintritt kratzen, dann ist es endgültig vorbei mit Adoleszenz und Überschwang. Nicht wenige von uns werden ihre Zimmerwände damals mit Postern der vier, später drei Herren aus dem englischen Örtchen Basildon tapeziert haben, die sich den Namen einer französischen Modezeitschrift zulegten und neben äußert aufwändig herzustellenden Frisuren und vorzugsweise schwarzgefärbter Kleidung eine große Menge wunderbarer elektronischer Tanzmusik in den Kosmos von uns Heranwachsenden einspeisten. Und nun? Wohnt deren unbestreitbar begabtester Vertreter Martin Lee Gore im klimatisch unbedenklichen, deshalb altersgerechten Küstenort Santa Barbara in Kalifornien, zählt derer fünf Kinder und wird mit ihnen Ende Juli dieses Jahres seinen sechzigsten Geburtstag feiern. Sechzig, das will so gar nicht zu unseren romantisierten Vorstellungen passen, klingt eben schon sehr betagt. Und ist doch irgendwie auch egal, denn der Herr scheint nicht nur bei bester Gesundheit, sondern auch noch recht jung im Kopf geblieben, wenn man das von seinem professionellen Output ableiten darf.
Martin Gore ist uns im Laufe seiner Karriere nicht nur in vielerlei Erscheinungsformen und Persönlichkeiten begegnet, auch sein musikalisches Oevre ist reich an Facetten und Schattierungen. Unbestritten seine Verdienste um die anhaltende klangliche Neuausrichtung von Depeche Mode, die Qualität der Kompositionen und den allgemeinen Zusammenhalt in der Band. Mit dem Buddy aus eigenen Jugendzeiten Vince Clarke frönte er unter dem Label VCMG ein wenig der Freude am Basteln minimalistischer Technobeats, seine Solowerke unter Klarnamen „Counterfeit“ und „Counterfeit²“ glänzten mit vorzüglichen Coverversionen quer durch das Gore’sche Refernzgärtlein (Nick Cave, Tuxedomoon, John Lennon, David Bowie, Lou Reed), als MG wiederum arbeitete er an seiner Vorliebe für synthetische Ambientskizzen. Reichlich Auswahl also – welchem Gore man dann letztendlich den persönlichen Vorzug gibt, bleibt jeder und jedem selbst überlassen.
Ob die neue 12“ bei der Entscheidungsfindung hilft, ist nicht ganz so klar, stilistisch findet sie sich natürlich eher in der Kategorie MG. Im Gegensatz zu den bislang dort erschienenen Tracks haben die fünf aktuellen Stücke allerdings ihren Ursprung im Beat, wie Gore gerade in der aktuellen Musikexpress erläuterte. Ohne Rhythmus kein Groove, ohne Groove kein Spaß. Denn auch wenn der thematische Überbau ein einigermaßen ernster ist – Gore fand ihn in Jared Diamonds Evolutionsabhandlung „The Third Chimpanzee“ aus dem Jahr 1991 – möchte er schon, dass sich was rührt und so wummern alle fünf Primaten-Tunes (Mandrill, Grünmeerkatze, Kapuzineräffchen und ein doppelter Brüllaffe) gar mächtig vorwärts. Die Gedanken, die beim Hören entstehen, dürften recht unterschiedliche sein, Hinweise auf seine persönliche Auslegung gibt Gore im Video zu „Howler“ von NYSU nur bedingt. Dass die Songs und hier gerade der letzte zeitweise wie eine cineastische Untermalung wirken, spornt entsprechende Assoziationen an – der Umstand, dass auch das Cover von einem künstlerisch versierten Affen gestaltet wurde, hilft allerdings kaum weiter. Eine willkommene Fingerübung bleibt das Kurzformat somit schon, für’s nächste Mal aber gern wieder mit dem, was Gore nach dem vorzüglichen Songwriting am meisten auszeichnet – seiner wunderbaren Stimme.
Dienstag, 2. Februar 2021
Divide And Dissolve: Ohne viele Worte
Divide And Dissolve
„Gas Lit“
(Invada Records)
Wer in der glücklichen Lage ist, sich nicht täglich mit dem verbalen Schmutz zu befassen, der die Kanäle diverser Netzplattformen flutet, ist fein raus. Doch selbst jene, die nicht direkt damit konfrontiert werden – sei es, dass sie selbst Adressat*innen solcher Schmähungen sind oder aber als niedrigbelohnte digitale Reinigungskräfte versuchen, den ganzen Mist zu löschen – wer also diesen ganzen Müll, der aus dumpfer Leute Hirne quillt, dann doch einmal liest, dem fehlen oft die Worte ob der Unverfrorenheit, des unstillbaren Hasses und des verstörenden Mangels an Beherrschung, Sachlichkeit und Empahthie, die solche Kommentatoren in diverse Foren bringen. Man darf leider davon ausgehen, dass Takiaya Reed als Frau mit sowohl schwarzen als auch indigenen Wurzeln und Sylvie Nehill als gebürtige Maori selbst in ihrem noch jungen Leben viel von diesen schlimmen Dingen zu lesen und zu hören bekommen haben – die Tatsache, dass sie darüber nicht den Lebensmut verlieren, fordert schon mal ersten Respekt.
Die beiden Australierinnen sind schon seit Jahren vehemente Kämpferinnen gegen systematischen Rassenhass, postkoloniale Unterdrückung, Misogynie und die Allmachtsphantasien weißer Übermenschen. Sicher fehlen ihnen für diese Zwecke nicht die passenden Worte, allerdings haben sich die zwei für ihre Art von Widerstand resp. Kunst dazu entschieden, fast ohne Sprache, heißt hier Gesang, auszukommen. Unter dem Namen Divide And Dissolve spielen sie seit 2017 eine überaus fesselnde Mischung aus Jazz und Drone-Metal. Eine durchaus ungewöhnliche Kombination, zu der sich wenig Vergleiche finden, denn mit den Vertretern der reinen Lehre von Doom oder Sludge wie sun o))), Boris oder Dystopia hat das nicht wirklich viel zu tun.
Angefangen haben Reed und Nehill mit ihrem Debütalbum „BASIC“, die Benennung der einzelnen Titel war schon dort richtungsweisend, hießen sie doch „Black Is Beautiful“, „Black Resistance“, „Black Supremacy“ und natürlich „Black Power“. Ein Jahr darauf folgte mit „Abomination“, auch hier ein Statement, Studioalbum Nummer zwei, 2020 dann der Wechsel zu Invada Records und nun die vorliegende Platte. Die startet in „Oblique“ mit einer Art opernhafter, zarter Overtüre, bevor dann nach anderthalb Minuten die tonnenschweren Gitarren einsetzen. Es ist dieser Gegensatz aus sanften, schmeichelnden Melodien mittels Saxophon, Flöten und anderen Effekten zu den mächtig krachenden Gitarrenwänden, die sie iim Laufe der acht Stücke aufschichten, der diesen Sound so reizvoll und unverwechselbar macht.
„Prove“ an zweiter Stelle ist das vielleicht durchgängigste Metal-Stück des Albums, hernach folgt das ungewöhnlich kurze „Did You Have Something To Do With It“, für welches sie ein Gedicht von Minori Sanchiz-Fung von der Künstlerin selbst vortragen lassen, die auch schon auf ihrem Erstling zu hören war. Ein Poem, Klage und Anklage zugleich über die bedrückende Geschichte von Gewalt und Rassismus, Armut und Entrechtung. Geliehene Worte, die natürlich zum Anliegen der Band passen: "We would like to observe a radical shift in the current paradigm of complacency in regards to oppressive power dynamics, genocide, racism, white supremacy, and colonization. To give weight and validation to voices that are traditionally misrepresented and criminalized before given a chance to speak." Auch in der Folge der Wechsel zwischen sanfter Anmut und bleierner Zersetzung, man lauscht und will nicht, dass es aufhört, selbst wenn ab und an die Ohren schmerzen. Eine wahrhaft großartige Zumutung, das Ganze.
Montag, 1. Februar 2021
Extnddntwrk: Die Ruhe des Tonmeisters
Wie gesagt, er schillert nicht oder drängt sich auf, Andrew Fearn scheint überhaupt nichts dagegen zu haben, die Fäden - oder in diesem Falle wohl passender: die Kabel - im Hintergrund zu ziehen. Unvergessen die Sequenz, die Filmemacherin Christine Franz in ihrer Dokumentation "A Bunch Of Kunst" einfing, als sie sich mit Fearn bei einem Kännchen Tee auf dem Hausboot unterhielt - ganz die Ruhe selbst, in fast schon buddhistischer Entspanntheit saß er da. Wie gemacht dafür der Satz aus einem der seltenen Interviews, die Fearn gerade dem Portal The Book Of Man gegeben hat, es ging um die übertriebene Hast, die manchen Musiker auf der Jagd nach dem perfekten Album antreibt: "You want to be going somewhere, you don’t want to be there. You want to
be travelling towards something because once you’re there, it’s over." Dass der Mann, der seit langer Zeit als überzeugter Veganer lebt, noch so manch andere Überraschung zu bieten hat, zeigt nicht nur sein kürzliches Outing als leidenschaftlicher Fan der Altmetaller von Black Sabbath, sondern auch seine Vorliebe für Filmmusik aller Art. Fearn veröffentlicht bekanntlich schon seit Jahren unter dem Moniker extnddntwrk im heimischen Studio entstandene Arbeiten, vom Soundtrack über Dancetunes seiner jugendlichen Erstversuche bis hin zu experimentellen Skizzen (wie "Leaving" s.o.) ist alles dabei und lohnt definitiv den längeren Besuch auf seiner Bandcamp-Seite. Gerade heute erschienen zwei neue Stücke mit Namen "Questions" und "Dislocar" und einer Gesamtspielzeit von zwanzig Minuten. Repetitive Klangkunst plus politische Assoziationen, Andrew Fearn ist immer für eine Überraschung gut.
























