Mittwoch, 20. Januar 2021
Remixkultur: Endlich ein paar Extravaganzen
Tindersticks: Die andere Variante
Wenn in den letzten Tagen und Wochen von der englischen Kleinstadt Nottingham die Rede war, dann ging es völlig berechtiger Weise einzig und allein um die stets genialen Schimpfkanonaden der Sleaford Mods. Dass dieser Ort durchaus auch für ruhige, ja verinnerlichte Musik steht, geriet dabei etwas aus dem Blick - bis vor kurzem jedenfalls. Denn Ende 2020 kam die Nachricht von einem neuen Album der Tindersticks über den Ticker und die haben mit dem grimmigen Dance-Sound von Team Williamson/Fearn nur bedingt etwas gemein. Über die leidigen Zustände vor der eigenen Haustür wissen allerdings auch diese fünf Herren bestens Bescheid und so hieß die erste Single "You Have To Scream Louder", was sicher nicht an die Mods, sondern die gesammelte Zuhörerschaft gerichtet war. Die neue Platte "Distractions", für den 19. Februar bei City Slang gelistet, sollte nicht nur wegen dieses explizit politischen Statements eine ungewöhnliche werden (2019 ist die letzte Platte "No Treasure But Hope" erschienen), denn auch die zweite Single "Man Alone (Can't Stop The Fadin')" ist anders - für Staples' Verhältnisse spektakulär lang (gute elf Minuten) und sehr elektronisch. Für Abwechslung und Spekulation dürfte also reichlich gesorgt sein, Vorfreude ist ohnehin zur Genüge vorhanden.
Dienstag, 19. Januar 2021
TRZTN: Geheimnisvolle Reise
Masha Qrella: Vertontes Vermächtnis [Update]
Herausgekommen ist "Woanders" - siebzehn Stücke in deutscher Sprache, die von Entfremdung, Suche nach Orientierung und Halt, von Verlorenheit und deutscher Tristesse erzählen. Und die sie 2019/2020 auch schon diverse Male live aufgeführt hat. Unterstützt wurde sie bei dem Projekt und den folgenden Studioaufnahmen nicht nur vom Suhrkamp-Verlag, sondern musikalisch auch von Chris Imler, Tarwater und Andreas Bonkowski, am Mikrophon waren u.a. Dirk von Lowtzow und Andreas Spechtl zu Gast und selbst Marion Brasch hat einen kurzen Text beigesteuert. Jedem und jeder, der/die sich etwas eingehender mit Braschs Gedichten, mit seinem Leben und der dazugehörigen Tragik beschäftigt hat, vielleicht sogar das Glück hatte, Marion Braschs Lesereise-Performance oder vielleicht sogar einen von Kurellas Auftritten in den letzten Monaten zu erleben, wird sofort klar, dass dieses Unterfangen ein ungemein schwieriges gewesen sein muss. Zugleich kann auf diese Herausforderung, quasi als die Summe der einzelnen Teile, nur Beachtliches, Wunderbares in Form ebenjener Veröffentlichung folgen. Einen ersten Vorgeschmack bietet die Vorauskopplung des Stückes "Geister", wie man vom Label erfährt, geht Masha Qrella mit dem kompletten Programm, sobald es die äußeren Umstände denn erlauben, nochmals auf eine ausgiebige Clubtour. Wir können's kaum erwarten!
Update: "Vom Blauen und vom Dunkeln kommen die Worte her, vom Dunkeln und vom Blauen und werden immer mehr, im Dunkeln und im Blauen, geht Lächeln aus und ein, im Blauen und im Dunkeln wird wohl auch Weinen sein..." - ein weiterer Song vom neunen Album mit dem Titel "Blaudunkel".
Nilüfer Yanya: Pop subversiv [Update]
Montag, 18. Januar 2021
EUT: Nicht unterzukriegen
Sonntag, 17. Januar 2021
Kino Motel: Viele Möglichkeiten
Samstag, 16. Januar 2021
The Notwist: Fragen stellen [Update]
Disarstar: Keine Reise [Update]
Über seine Pläne hatten wir ebenfalls erst kürzlich berichtet - der Hamburger Disarstar hatte ja zusammen mit der Veröffentlichung seiner neuen Single "Sick feat. Dazzit" das nächste Album "Deutscher Oktober" angekündigt. Und schickt nun einen weiteren, düsteren Track hinterher - "Australien" ist alles andere als eine Reisebeschreibung für Insta-Junkies, sondern derbe Reimarbeit über fehlende Chancen und verpasste Gelegenheiten, über Ungerechtigkeit und Vorurteile.
Update: Fast verpasst - neuer Track "TRAUMA" feat. Nura, Regie Tim Erdmann ... und nun packen wir noch "Nachbarschaft" obendrauf plus anständigem BILD-Diss und endlich ein Cover.
AUA: Auf Entdeckungsreise [Update]
AUA
"I Don't Want It Darker"
(Crazysane Records)
Auf der Suche nach einer Referenz, um Uneingeweihten diese Musik näherzubringen, stößt man auf ein anderes Duo, dessen Klangkosmos zu Hochzeiten ähnlich umfangreich war, das sich also, um im Bild zu bleiben, ebenfalls in entferntere Galaxien vorwagte. Heißt: Wer AUA meint, darf auch AIR sagen. Denn auch bei den Herren Godin und Dunckel hatte man den Eindruck, sie liebten es, ihre Zuhörer*innen in neue Welten zu entführen und hätten so viel Spaß am Experimentieren, dass sie bewusst jede ihrer Platten mit einem neuen Sound versahen. Nun, AUA haben mit diesem Debüt erst ein Album veröffentlicht, beweisen darauf aber auch schon eine ähnlich große Bereitschaft, verschiedenste Stile miteinander zu kreuzen. So begegnen uns in der halben Stunde Spielzeit wabernde Psychedelia, Krautrockanleihen, Darkwave-Verweise und auch bei Synthpop und Surfrock haben sich Henrik Eichmann und Fabian Bremer ihre Ideen geholt. Sie zeigen sowohl ihre Vorliebe für sphärische Klangflächen ("The Energy Vampire") als auch für den eingängigen, punktgenauen Beat ("Coke Diet"). Und auch der Spaß kommt nicht zu kurz, wenn sich zu den forschen Gitarren von "Umami Karoshi" ganz am Ende noch ein paar irrlichternde Spukgeräusche aus den B-Movies der 60er mischen. Diese wiederum brechen ein wenig die Ersthaftigkeit der beiden Musiker und unterstreichen so die Aussage in der Titelzeile des Albumnamens. Und die wollen wir ja immer noch hartnäckig als Entgegnung auf den altehrwürdigen und maximal eleganten Großmeister der Dunkelheit, Leonard Cohen, verstanden wissen. Diese Platte jedenfalls ist zweifellos ein Kleinod, kurz zwar, aber sehr unterhaltsam.
Update: Gerade kommt ein Video zum Song "FRIENDO" hinterher, gedreht wurde unter der Regie von Nicolai Hildebrandt.
Donnerstag, 14. Januar 2021
Shame: Kontrastmittel
Shame
„Drunk Tank Pink“
(Dead Oceans)
Man sagt ja, mit zunehmendem Alter werde der Blick auf die eigene Vergangenheit milder, großzügiger, man könne sogar über Dinge lachen, die früher ernst, unverzeihlich, bedrohlich schienen. Wann genau diese Zeit der Entspanntheit einsetzt, ist allerdings nicht so genau überliefert, je nach Charakter kann das wohl kurze oder eben auch längere Zeit dauern und wer weiß – manche/r schafft’s unter Umständen gar nicht zum buddhistischen Om. Vielleicht wäre es deshalb ja eine Empfehlung, erst gar nicht solche Dinge zu veranstalten, die einem hernach peinlich sind, sich also besser nicht zum Idioten zu machen und Selbstironie früh genug zu lernen? Schon klar, frommer Wunsch. Musiker*innen haben es da nicht eben einfacher, im Gegenteil, sie verleben ihre Jugendzeit bei entsprechendem Erfolg schließlich auf offener Bühne und unter den Augen von tausenden, vielleicht sogar Millionen Mitmenschen, die nicht immer guten Willens sind und im schlimmsten Fall sogar gierig auf jeden Fehltritt warten, einfach weil es so leichter fällt, von den eigenen Schwächen und Fehlern abzulenken.
Nun, die fünf Jungs der Londoner Band Shame haben, soweit bekannt, so viel noch nicht falsch gemacht in ihrem Musikerleben, im Gegenteil, mit ihrem Debütalbum „Songs Of Praise“ und der darauf ausgelebten rotzig-lakonischen Punkattitüde wurden sie schnell zu Lieblingen der einschlägigen Kritik und zum neuen Aushängeschild britischen Draufgängertums, das die ehemals so coole Nation in Zeiten des zunehmenden Verfalls dringend gebrauchen konnte. Diese Rolle, was Wunder, wollten sie natürlich keineswegs spielen, sie sind zu klug und politisch zu wach, um sich vor irgendwelche Karren spannen zu lassen, auch wenn sie sich bis jetzt mit allzu fetten Parolen sorglich zurückhalten. Was das Quintett um Frontmann Charlie Steen von den Verhältnissen im abgewirtschafteten Königreich, von zunehmender sozialer Schieflage, Nationalismus und den Folgen des Brexits hält, kann man ohne weiteres auch recht deutlich zwischen den Zeilen lesen, dazu bedarf es keiner größeren Anstrengung.
Ihr neues Album „Drunk Tank Pink“ ist dann auch die erhoffte, weil eben doch überaus ernsthaft betriebene Weiterentwicklung in Zeiten, die zur Auseinandersetzung auffordern, selbst im privaten Bereich entkommt wohl niemand den gesellschaftlichen Verwerfungen, die durch die Pandemie bekanntlich noch verstärkt worden sind. Die Songs sind zwar allesamt vor Lockdown und Covid-19 entstanden, dennoch sagte Steen kürzlich dem Independent zur Platte: „It deals with a lot of themes of isolation … Nobody’s not had a time this year where they haven’t felt alone.“ Das also der Grund, warum der jugendliche Leichtsinn des Erstlings verschwunden scheint, Shame klingen jetzt harscher, lauter, auch dichter, die Songs sind komplex und schwer und die Ausgelassenheit, mit der die Bande noch in früheren Videos über Apfelwiesen stolperte, scheint ein für allemal vorbei. Anders also, keineswegs schlechter.
Aus dem Ärmel geschüttelte Hits findet man auf „Drunk Tank Pink“ kaum, stattdessen die trotzige Härte von Stücken wie „Alphabet“, „Born In Luton“ oder „Great Dog“. Den vibrierenden Funkbass haben sie dagegen nicht vergessen, die Singles „Water In The Well“ und „Nigel Hitter“ sind Post-Punk in bester Tradition, letzteres lässt sich mit bissigem Sarkasmus über den Anspruch der Menschheit aus, die Krone der Schöpfung zu stellen – nur um am Ende doch nur erschöpft und hilflos im Hamsterrad hängen zu bleiben. Die Vielzahl der Facetten und die Kontraste sind es, was dieses Album über Reifung, innere Kämpfe und mentale Widerständigkeit hinaus auszeichnet. Dunkelster Wave, schmirgelnde Gitarren, bratzige Elektronik, die düsteren Gedanken wechseln mit beinahe archaischer Wildheit, Musik aus dem Zwischenstadium. “We were like tourists in our own adolescence in a way“ meinte Steen in besagten Interview - und wir hören und sehen gern weiter dabei zu.
Nation Of Language: Heraufbeschwörer
Mittwoch, 13. Januar 2021
Mouse On Mars: Wechselwirkungen
The Antlers: Herzen rühren
Smerz: Herzen springen
Dienstag, 12. Januar 2021
LNZNDRF: Weit hergeholt
Mogwai: Tatsächlich Liebe [Update]
Auch wenn man's nicht sofort übereinanderbringt - das ist tatsächlich ein neuer Song der schottischen Kapelle Mogwai. Weil aber die Herren um Stuart Braithwaite ohnehin stets Gefallen daran finden, Grenzen zu durchbrechen und Erwartungen zumindest in Frage zu stellen, ist die Nachricht, dass am 19. Februar via Temporary Residence Inc. ein neues Album des Postrock-Quartetts (das mit diesem Etikett ja bekanntlich so seine Schwierigkeiten hat) zunächst einmal eine gute. "As The Love Continues" soll die Studioplatte Nummer zehn heißen und dem 2017er Opus "Every Country's Sun" folgen - es finden sich darauf elf Tracks und "Dry Fantasy" ist einer von ihnen.
Update: Der neue Song "Ritchie Sacramento" kommt mit einem fantastischen Gamer-Video von Sam Wiehl, der auch schon für Autobahn, Forest Swords und And So I Watch You From Afar Regie führte - die Story zum Song wiederum liest sich laut Stuart Braithwaite wie folgt: "'Ritchie Sacramento's title came from a misunderstanding a friend of ours had about how to say Ryuichi Sakamoto. The lyrics were inspired by a story Bob Nastanovich shared about his friend and bandmate David Berman who proclaimed ‘Rise Crystal Spear’ as he threw a shovel at a sports car. The song is dedicated to all the musician friends we’ve lost over the years."
Jane Weaver: Supervisionen [Update]
Dass Pop im Jahre 20 des neuen Jahrtausends nicht mehr so ranzig (jüngere Menschen sagen gern auch lame) klingt, ist nicht von ungefähr ein sehr weibliches Verdienst - Bat For Lashes, St. Vincent, Feist, Mitsky, Poliça, Grimes, etc. haben daran nicht geringen Anteil und auch Jane Weaver aus Liverpool gehört unbedingt mit zu denen, die unablässig umgestalten und vorantreiben. Ihr letztes Album "Loops In The Secret Society" erschien 2018, nun ist für den 5. März 2021 der Nachfolger "Flock" geplant - gleich die erste Single "The Revolution Of Supervisions" wartet mit feinen Funk-Akkorden á la Prince und dem folgenden Statement auf: "The revolution accidentally happens because so many people visualise the same ideals and something supernatural occurs. Everyone is exhausted with social media, inequality and the toxic masculinity of world leaders contributing to a dying planet."
Update: Eine weitere Single kommt heute mit "Heartlow" und dem dazugehörigen Video von Douglas Hart.

Montag, 11. Januar 2021
Shame: Raus aus der Zeitschleife
Wer mag, darf auch gern noch einmal nachlesen, wie sich Shame "damals" so angefühlt haben: "Auch wenn es die politische Weltlage momentan nicht unbedingt vermuten lässt – es gibt mit Sicherheit ein paar Dinge, die wir von den Briten da drüben lernen können. Okay, vielleicht nicht gerade, wie man erfolgreich den Komplettausstieg aus einem Staatenverbund moderiert oder trotz knapper Kassen die Sozialsysteme am Laufen hält, das eher nicht. Aber es ist kein Geheimnis, dass uns die Bewohner des heruntergewirtschafteten Königreichs in Sachen Lässigkeit, Coolness und Humor einiges voraus haben – und das trotz (oder eben weil) sie von ihrer eigenen Regierung, wie auch immer die gerade zusammengewürfelt ist, ein jedes Mal schmählich im Stich gelassen werden. Nehmen wir zum Beispiel die Londoner Kapelle Shame. Würde eine deutsche Band versuchen, ein Video im Stile von „One Rizla“ zu drehen (also einen gut gelaunten Landausflug mit Hindernissen), so sähe das entweder kitschig, albern, verkopft oder einfach nur doof aus ... [weiter]
22.10. Köln, CBE
26.10. Berlin, Festsaal Kreuzberg
27.10. Hamburg, Knust
05.11. München, Strom
06.11. Zürich, Mascotte
Sleaford Mods: Keine Zeit für Poser
Am Freitag dieser Woche kommt sie endlich, die Neue von den Sleaford Mods und wenn die Vorschusslorbeeren diverser Kritiken nicht komplett an der Wahrheit vorbeigehen, dann wird "Spare Ribs" mindestens umwerfend. Was uns erwarten könnte, lässt sich schon aus den drei bislang erschienenen Singles heraushören, meint "Mork N Mindy" mit Billy Nomates, "Shortcummings" und gerade jetzt "Nudge it". Der Track ist von den dreien vielleicht der überraschendste, weil so dermaßen top of the pop wie nur wenige vor ihm - Hammerbeat, feinste Loops, gewohnt bissige Punchlines und als Zuckerl obendrauf noch ein rarer Rap-Part von Amy Taylor aus dem ehrenwerten Hause von Amyl And The Sniffers. Thematisch geht es um eines von Jason Williamsons Lieblingsthemen - die Wahrhaftigkeit. Zu wissen, woher man kommt, zu wissen, wovon man erzählt, Verdammung von Posertum und falscher, dümmlicher Oberflächlichkeit. Here we go!




























