Mittwoch, 20. Januar 2021

Remixkultur: Endlich ein paar Extravaganzen

Sollte es tatsächlich so sein, dass Musiker*innen sich wegen des Lockdowns intensiver um die verschiedenen Erscheinungsformen ihres eigenen Werkes bemühen, dann wäre das wirklich einer der ganz seltenen positiven Begleitumstände der Pandemie. Was genau das heißt? Nun, die Remixkultur lag in den letzten Jahren bekanntlich im Argen, ein paar leidige Coverversionen und House-Variationen waren da das höchste der Gefühle, Einfallslosigkeit rules. Sieht ganz danach aus, als würde sich das langsam ändern, denn immer mehr Künstler*innen verschiedenster Genres und Stilrichtungen scheinen Gefallen an Neubearbeitungen und Dekonstruktionen zu finden. Vor einigen Wochen hatten wir schon über eine verheißungsvolle 12" der Band Ganser aus Chicago berichtet, auf welcher sich fünf Reworks des aktuellen Albums "Just Look At That Sky" befinden werden - nimmt man nun die letzten Tage als Beispiel, dann stehen die Chancen, dass dies kein Einzelfall ist, nicht so schlecht. Gerade nämlich haben sich Soulwax des Titelsongs der letzten Platte der Fontaines D.C. "A Hero's Death" angenommen, dazu finden wir weitere Beispiele mit Boy Harsher für Perfume Genius, Autechre meets Sophie, Dan Deacon hat sich der Future Islands in Überlänge angenommen, diese wiederum schauten auf einen Arbeitsbesuch bei Matt Berninger vorbei.









Tindersticks: Die andere Variante

Wenn in den letzten Tagen und Wochen von der englischen Kleinstadt Nottingham die Rede war, dann ging es völlig berechtiger Weise einzig und allein um die stets genialen Schimpfkanonaden der Sleaford Mods. Dass dieser Ort durchaus auch für ruhige, ja verinnerlichte Musik steht, geriet dabei etwas aus dem Blick - bis vor kurzem jedenfalls. Denn Ende 2020 kam die Nachricht von einem neuen Album der Tindersticks über den Ticker und die haben mit dem grimmigen Dance-Sound von Team Williamson/Fearn nur bedingt etwas gemein. Über die leidigen Zustände vor der eigenen Haustür wissen allerdings auch diese fünf Herren bestens Bescheid und so hieß die erste Single "You Have To Scream Louder", was sicher nicht an die Mods, sondern die gesammelte Zuhörerschaft gerichtet war. Die neue Platte "Distractions", für den 19. Februar bei City Slang gelistet, sollte nicht nur wegen dieses explizit politischen Statements eine ungewöhnliche werden (2019 ist die letzte Platte "No Treasure But Hope" erschienen), denn auch die zweite Single "Man Alone (Can't Stop The Fadin')" ist anders - für Staples' Verhältnisse spektakulär lang (gute elf Minuten) und sehr elektronisch. Für Abwechslung und Spekulation dürfte also reichlich gesorgt sein, Vorfreude ist ohnehin zur Genüge vorhanden.






Dienstag, 19. Januar 2021

TRZTN: Geheimnisvolle Reise

Berauschende Soundlandschaften, mal magische, mal simpelste Bildgeschichten - trotzdem hatte man Tristan Bechet fast schon vergessen (auch wenn er für Spike Jonze doch den Score von "Where The Wild Things Are" übernommen hatte): Vor drei Jahren war unter seinem Moniker TRZTN ein Track namens "Black Exit" erschienen, gesungen wurde er von Paul Banks, dem Frontmann der New Yorker Wavekapelle Interpol, die Regie zum Clip stammte von Tim Richardson. Im Abbinder damals der Hinweis, das Stück stamme vom Album "Royal Dagger Ballet", das am 22. Januar 2021 erscheinen solle. Nun, das Geschehen über einen so langen Zeitpunkt im Blick zu behalten, ist schlichtweg unmöglich, irgendwann war er vom Radar und als im letzten Jahr "Metal Sky" gemeinsam mit der japanischen Künstlerin Eiko Hara und "Ruby's Wheel" feat. Yesh nach langer Unterbrechung folgten, waren die Zusammenhänge schon sehr unscharf. Anfang Januar jedoch gelangte das alles wieder in den Fokus, weil zunächst "Crosswinds" featuring Estrael Boiso und heute dann, wenige Tage vor Veröffentlichung des Werks, die neue Single "Hieroglyphs" via Brooklyn Vegan im Netz auftauchten, hier Gesang Karen O. (Yeah Yeah Yeahs), Regie Barnaby Roper, Tanz Victoria Dauberville. Nun, am Freitag hat das Warten endlich ein Ende, dann muss es kommen, das Album.









Masha Qrella: Vertontes Vermächtnis [Update]

Es gibt immer noch Nachrichten, die einen unvermittelt erwischen und sogleich elektrisieren. Wie die des Berliner Labels Staatsakt. Dort nämlich wurde gerade bekanntgegeben, dass die Künstlerin Mariana Kurella, besser bekannt unter ihrem Pseudonym Masha Qrella, im Februar kommenden Jahres eine neue Soloplatte veröffentlichen wird. Wer die Arbeiten dieser umtriebigen Musikerin und Songschreiberin kennt, dem/der wird dies allein schon zur Vorfreude reichen, wirklich spannend aber sind die Notizen zu Inhalt und Entstehungsgeschichte des Doppelalbums. Denn das neue Werk fußt auf einer literarischen Entdeckung und Leidenschaft - Kurella hat vor ungefähr acht Jahren den biografischen Roman "Ab jetzt ist Ruhe" der Autorin und Radiomoderatorin Marion Brasch in die Hände bekommen und darüber nicht nur die beeindruckende und bewegte Lebensgeschichte der ganzen Brasch-Familie wiederentdeckt, sondern auch einen neuen Zugang zum lyrischen Werk des großen ostdeutschen Poeten Thomas Brasch gefunden. Und das wiederum hat einen so nachhaltigen Eindruck bei ihr hinterlassen, dass sie nun ihren elektronischen Postrock-Sound mit Braschs Texten kombiniert.

Herausgekommen ist "Woanders" - siebzehn Stücke in deutscher Sprache, die von Entfremdung, Suche nach Orientierung und Halt, von Verlorenheit und deutscher Tristesse erzählen. Und die sie 2019/2020 auch schon diverse Male live aufgeführt hat. Unterstützt wurde sie bei dem Projekt und den folgenden Studioaufnahmen nicht nur vom Suhrkamp-Verlag, sondern musikalisch auch von Chris Imler, Tarwater und Andreas Bonkowski, am Mikrophon waren u.a. Dirk von Lowtzow und Andreas Spechtl zu Gast und selbst Marion Brasch hat einen kurzen Text beigesteuert. Jedem und jeder, der/die sich etwas eingehender mit Braschs Gedichten, mit seinem Leben und der dazugehörigen Tragik beschäftigt hat, vielleicht sogar das Glück hatte, Marion Braschs Lesereise-Performance oder vielleicht sogar einen von Kurellas Auftritten in den letzten Monaten zu erleben, wird sofort klar, dass dieses Unterfangen ein ungemein schwieriges gewesen sein muss. Zugleich kann auf diese Herausforderung, quasi als die Summe der einzelnen Teile, nur Beachtliches, Wunderbares in Form ebenjener Veröffentlichung folgen. Einen ersten Vorgeschmack bietet die Vorauskopplung des Stückes "Geister", wie man vom Label erfährt, geht Masha Qrella mit dem kompletten Programm, sobald es die äußeren Umstände denn erlauben, nochmals auf eine ausgiebige Clubtour. Wir können's kaum erwarten!

Update: "Vom Blauen und vom Dunkeln kommen die Worte her, vom Dunkeln und vom Blauen und werden immer mehr, im Dunkeln und im Blauen, geht Lächeln aus und ein, im Blauen und im Dunkeln wird wohl auch Weinen sein..." - ein weiterer Song vom neunen Album mit dem Titel "Blaudunkel".

Immer noch legendär - Thomas Braschs Rede zur Verleihung des Bayerischen Filmpreises 1981 aus den Händen von Franz Josef Strauß, so auch zu sehen auf Marion Braschs Leserreise im vergangenen Jahr.

Nilüfer Yanya: Pop subversiv [Update]

Wir geben zu, wir waren in der Tat sehr glücklich, im Oktober wieder von ihr zu hören. Denn ihr wunderbares Album "Miss Universe" hatte uns mächtig angefixt - die raue, dunkle Stimme, die so gern etwas schief daherkommt und einen dennoch gleich packt, die crispy Gitarren, die Melodien, das alles war wie gemacht für Ohrwurmfutter auf Dauerschleife. Nilüfer Yanya stellt die berüchtigte Floskelfrage also für diese, ihre dritte EP an ihre Zuhörer*innen und natürlich auch an sich selbst. Drei Songs bietet die neue 12", die das Thema Glück von verschiedenen Seiten beleuchten wollen. Die Single "Crash" machte den Aufschlag und schon mit den ersten Akkorden wurde klar, dass die Pause keineswegs verschenkte Zeit war. Wie Gesang und stolpernde Beats hier langsam zu einem Rhythmus finden, das hebt den Song ab vom mittelmäßigen Singalong mancher Kolleg*innen. Und auch "Same Damn Luck" und "Day 7.5093", letzteres kennen wir schon vom Tiny Desk Concert von NPR, sind alles andere als alltäglich, sondern laufen eher unter subversivem Pop. Nachdenkliches ansprechend verpackt, darum geht es auch auf diesem Kurzformat, sie selbst sagt dazu: "One of the songs had the theme of luck in it as a concept but then I realised they all do. That got me thinking about luck in general; good and bad. Things out of our control and things in control of us, how often we put acts and happenings down to the fortune of good luck or bad luck when things exceed our expectations or don’t go according to plan." Drei Lieder für die Zwischenzeit und die große Hoffnung, dass 2021 mit mehr zu rechnen ist. Wenn wir Glück haben ...

Update: Gern wollen wir noch das aktuelle Video zum Song "Day 7.5093" nachreichen, stimmungsvolle Tourbilder aus besseren Zeiten von Molly Daniel.





Montag, 18. Januar 2021

EUT: Nicht unterzukriegen

Wiedergänger in Sachen gut gemachter Popmusik sind EUT, niederländisches Quintett aus Amsterdam. Seit 2016 spielen Sängerin Megan de Klerk, Tessa Raadman (Gitarre), Emiel de Nennie (Gitarre), David Hoogerheide (Bass/Keyboard) und Jim Geurt an den Drums zusammen, 2019 gab es das Debütalbum "Fool For The Vibes" und kurz danach war bekanntlich schon wieder Schluß mit lustig. Frohnaturen, die sie aber nun mal sind, denken sie gar nicht daran, sich die Stimmung vermiesen zu lassen und nennen deshalb ihre neue Platte einfach "Party Time" (VÖ 19. Februar), ganz so als wollten sie die Welt beschwören, aufzuwachen und endlich wieder zur Normalität überzugehen. Ganz so einfach ist das natürlich nicht, aber wenn man sich den kürzlich erschienenen Titelsong, "Killer Bee" und das gerade nachgeschobene "Cool" anhört, bekommt man nicht übel Lust, schnurstracks alles stehen und liegen zu lassen und wild hüpfend den traurigen Umständen zu trotzen.








Sonntag, 17. Januar 2021

Kino Motel: Viele Möglichkeiten

Karrieremöglichkeiten sollte man sich, auch als vielversprechende/r Musiker*in, immer offen halten, sei es als Filmstar, Produzent oder Ganove - man weiß ja nie, was das Leben noch so bringt. Ed Fraser und Rosa Mercedes sind irgendwie alles in einem. Getroffen haben sich die beiden in einer Berliner Wohngemeinschaft, es folgten gemeinsame Reisen und irgendwo in Vietnam sind sie dann, so wird erzählt, in einer Karaokebar gelandet, wo sie ausgiebig miteinander gesungen haben. Daraus ist wohl der Wunsch entstanden, es doch mit einem richtigen Bandprojekt zu versuchen und so kam es zur Geburt von Kino Motel, einem Trio ergänzt um Drummerin Josefine Rundsteen. Ihre Lust an fremden Welten und Actionkino haben Mercedes und Fraser dann der Einfachheit halber in die Visualisierung ihres ersten offiziellen Songs gepackt und so tauchen beide für das Video zu "Waves" (Oktober 2020) aus geheimnisvollen Gründen in eine düstere Großstadtszenerie, treffen den sonnenbebrillten Boss, Kampfkünstler Cici und andere Gestalten und auch Karaoke spielt eine kleine Nebenrolle. Wen das alles an die Filme von Robert Rodriguez und den staubig-verschwitzten Sound von Tito And Tarantula erinnert, liegt da sicher nicht so falsch, die beiden nennen es dusty melancholic gritty pop. Der Clip zum neuen Song "Simple Desire" soll übrigens als Sequel kommen, wir reichen ihn natürlich nach sobald vorhanden.



Samstag, 16. Januar 2021

The Notwist: Fragen stellen [Update]

Zu diesen Herren sollte man nun wirklich nicht mehr viel erklären müssen, The Notwist aus Weilheim sind hierzulande eine Institution von internationalem Rang, letzteres können bekanntlich nicht viele Künstler aus Deutschland von sich behaupten. Erst in einer der letzten Ausgaben der Spotlights hatten wir von ihrer neuen EP "Ship" berichtet, der ersten aktuellen Wortmeldung nach dem fabelhaften Studioalbum "Close To The Glass" aus dem Jahr 2014. Nun wissen wir, dass Größeres folgen wird, denn gerade hat die Band um Marcus und Michael Archer die Veröffentlichung einer weiteren Studioplatte namens "Vertigo Days" via Morr Music bekanntgegeben. Und dort finden sich neben besagtem "Ship" noch dreizehn weitere Stücke, so auch Kollaborationen mit Juana Molina, Zayaendo, Ben LaMar Gay und Angel Bat Dawid, was genau für die Art von Vielfalt steht, die man von The Notwist auch als Kuratoren ihrer Festivalreihe Alien Disco kennt. Thematisch will das neue Album einiges in Frage stellen, die Band meint in den Linernotes dazu: "We wanted to question the concept of a band by adding other voices and ideas, other languages, and also question or blur the idea of national identity." Das nächste Beispiel dazu heißt übrigens "Where You Find Me" und kommt hier im Stream.

Update: ...und gleich gefolgt von "Al Sur", eingespielt gemeinsam mit der agentinischen Künstlerin Juana Molina.



Disarstar: Keine Reise [Update]

Über seine Pläne hatten wir ebenfalls erst kürzlich berichtet - der Hamburger Disarstar hatte ja zusammen mit der Veröffentlichung seiner neuen Single "Sick feat. Dazzit" das nächste Album "Deutscher Oktober" angekündigt. Und schickt nun einen weiteren, düsteren Track hinterher - "Australien" ist alles andere als eine Reisebeschreibung für Insta-Junkies, sondern derbe Reimarbeit über fehlende Chancen und verpasste Gelegenheiten, über Ungerechtigkeit und Vorurteile.

Update: Fast verpasst - neuer Track "TRAUMA" feat. Nura, Regie Tim Erdmann ... und nun packen wir noch "Nachbarschaft" obendrauf plus anständigem BILD-Diss und endlich ein Cover.





AUA: Auf Entdeckungsreise [Update]

AUA
"I Don't Want It Darker"

(Crazysane Records)

Auf der Suche nach einer Referenz, um Uneingeweihten diese Musik näherzubringen, stößt man auf ein anderes Duo, dessen Klangkosmos zu Hochzeiten ähnlich umfangreich war, das sich also, um im Bild zu bleiben, ebenfalls in entferntere Galaxien vorwagte. Heißt: Wer AUA meint, darf auch AIR sagen. Denn auch bei den Herren Godin und Dunckel hatte man den Eindruck, sie liebten es, ihre Zuhörer*innen in neue Welten zu entführen und hätten so viel Spaß am Experimentieren, dass sie bewusst jede ihrer Platten mit einem neuen Sound versahen. Nun, AUA haben mit diesem Debüt erst ein Album veröffentlicht, beweisen darauf aber auch schon eine ähnlich große Bereitschaft, verschiedenste Stile miteinander zu kreuzen. So begegnen uns in der halben Stunde Spielzeit wabernde Psychedelia, Krautrockanleihen, Darkwave-Verweise und auch bei Synthpop und Surfrock haben sich Henrik Eichmann und Fabian Bremer ihre Ideen geholt. Sie zeigen sowohl ihre Vorliebe für sphärische Klangflächen ("The Energy Vampire") als auch für den eingängigen, punktgenauen Beat ("Coke Diet"). Und auch der Spaß kommt nicht zu kurz, wenn sich zu den forschen Gitarren von "Umami Karoshi" ganz am Ende noch ein paar irrlichternde Spukgeräusche aus den B-Movies der 60er mischen. Diese wiederum brechen ein wenig die Ersthaftigkeit der beiden Musiker und unterstreichen so die Aussage in der Titelzeile des Albumnamens. Und die wollen wir ja immer noch hartnäckig als Entgegnung auf den altehrwürdigen und maximal eleganten Großmeister der Dunkelheit, Leonard Cohen, verstanden wissen. Diese Platte jedenfalls ist zweifellos ein Kleinod, kurz zwar, aber sehr unterhaltsam.

Update: Gerade kommt ein Video zum Song "FRIENDO" hinterher, gedreht wurde unter der Regie von Nicolai Hildebrandt.





Donnerstag, 14. Januar 2021

Shame: Kontrastmittel

Shame
„Drunk Tank Pink“

(Dead Oceans)

Man sagt ja, mit zunehmendem Alter werde der Blick auf die eigene Vergangenheit milder, großzügiger, man könne sogar über Dinge lachen, die früher ernst, unverzeihlich, bedrohlich schienen. Wann genau diese Zeit der Entspanntheit einsetzt, ist allerdings nicht so genau überliefert, je nach Charakter kann das wohl kurze oder eben auch längere Zeit dauern und wer weiß – manche/r schafft’s unter Umständen gar nicht zum buddhistischen Om. Vielleicht wäre es deshalb ja eine Empfehlung, erst gar nicht solche Dinge zu veranstalten, die einem hernach peinlich sind, sich also besser nicht zum Idioten zu machen und Selbstironie früh genug zu lernen? Schon klar, frommer Wunsch. Musiker*innen haben es da nicht eben einfacher, im Gegenteil, sie verleben ihre Jugendzeit bei entsprechendem Erfolg schließlich auf offener Bühne und unter den Augen von tausenden, vielleicht sogar Millionen Mitmenschen, die nicht immer guten Willens sind und im schlimmsten Fall sogar gierig auf jeden Fehltritt warten, einfach weil es so leichter fällt, von den eigenen Schwächen und Fehlern abzulenken. 

Nun, die fünf Jungs der Londoner Band Shame haben, soweit bekannt, so viel noch nicht falsch gemacht in ihrem Musikerleben, im Gegenteil, mit ihrem Debütalbum „Songs Of Praise“ und der darauf ausgelebten rotzig-lakonischen Punkattitüde wurden sie schnell zu Lieblingen der einschlägigen Kritik und zum neuen Aushängeschild britischen Draufgängertums, das die ehemals so coole Nation in Zeiten des zunehmenden Verfalls dringend gebrauchen konnte. Diese Rolle, was Wunder, wollten sie natürlich keineswegs spielen, sie sind zu klug und politisch zu wach, um sich vor irgendwelche Karren spannen zu lassen, auch wenn sie sich bis jetzt mit allzu fetten Parolen sorglich zurückhalten. Was das Quintett um Frontmann Charlie Steen von den Verhältnissen im abgewirtschafteten Königreich, von zunehmender sozialer Schieflage, Nationalismus und den Folgen des Brexits hält, kann man ohne weiteres auch recht deutlich zwischen den Zeilen lesen, dazu bedarf es keiner größeren Anstrengung.

Ihr neues Album „Drunk Tank Pink“ ist dann auch die erhoffte, weil eben doch überaus ernsthaft betriebene Weiterentwicklung in Zeiten, die zur Auseinandersetzung auffordern, selbst im privaten Bereich entkommt wohl niemand den gesellschaftlichen Verwerfungen, die durch die Pandemie bekanntlich noch verstärkt worden sind. Die Songs sind zwar allesamt vor Lockdown und Covid-19 entstanden, dennoch sagte Steen kürzlich dem Independent zur Platte: „It deals with a lot of themes of isolation … Nobody’s not had a time this year where they haven’t felt alone.“ Das also der Grund, warum der jugendliche Leichtsinn des Erstlings verschwunden scheint, Shame klingen jetzt harscher, lauter, auch dichter, die Songs sind komplex und schwer und die Ausgelassenheit, mit der die Bande noch in früheren Videos über Apfelwiesen stolperte, scheint ein für allemal vorbei. Anders also, keineswegs schlechter. 

Aus dem Ärmel geschüttelte Hits findet man auf „Drunk Tank Pink“ kaum, stattdessen die trotzige Härte von Stücken wie „Alphabet“, „Born In Luton“ oder „Great Dog“. Den vibrierenden Funkbass haben sie dagegen nicht vergessen, die Singles „Water In The Well“ und „Nigel Hitter“ sind Post-Punk in bester Tradition, letzteres lässt sich mit bissigem Sarkasmus über den Anspruch der Menschheit aus, die Krone der Schöpfung zu stellen – nur um am Ende doch nur erschöpft und hilflos im Hamsterrad hängen zu bleiben. Die Vielzahl der Facetten und die Kontraste sind es, was dieses Album über Reifung, innere Kämpfe und mentale Widerständigkeit hinaus auszeichnet. Dunkelster Wave, schmirgelnde Gitarren, bratzige Elektronik, die düsteren Gedanken wechseln mit beinahe archaischer Wildheit, Musik aus dem Zwischenstadium. “We were like tourists in our own adolescence in a way“ meinte Steen in besagten Interview - und wir hören und sehen gern weiter dabei zu.

Nation Of Language: Heraufbeschwörer

Einer der bezauberndsten Geheimtipps des vergangenen Jahres war zweifelos die Formation Nation Of Language aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn mit ihrem Longplayer "Introduction, Presence". Kaum eine Band konnte auf so unverschämt charmante Weise liebgewonnene Erinnerungen an vergangene Zeiten heraufbeschwören wie diese, die Stücke hatten allesamt ein umwerfendes Popappeal mit einem gehörigen Schuß Melancholie, dazu die passenden Synthakkorde und Melodien. Was Wunder, wenn wir uns jetzt wieder freuen, wenn sie ihrem Novembersong "A Different Kind Of Life" die nächste Standalone-Single hinterherschicken - hier kommt "Deliver Me From Wondering Why". Wir sind begeistert!



Mittwoch, 13. Januar 2021

Mouse On Mars: Wechselwirkungen

Und noch ein neues Album erwartet uns Ende Februar: Jan Stephan Werner und Andi Toma kennt man eher unter dem Namen ihres fast schon legendären Projektes Mouse On Mars, welches sie 1993 in Düsseldorf (wo sonst) gegründet haben. Über fünfzehn Studioalben zählt ihr Werkkatalog, stilistisch werden die beiden unter Experimentalmusik, Ambient, Avantgardepop, Krautrock und Glitch verortet. Nachdem ihr aktuelles Label Thrill Jockey das letzte Album "Dimensional People" vor drei Jahren veröffentlichte, verlegen sie nun auch das neueste Opus "Anarchic Artificial Intelligence", das sich laut Selbstauskunft, wie der Name bereits verrät, mit dem möglichen Zusammenhang zwischen der Entwicklung künstlicher Intelligenzen und dem gleichzeitigen kulturellen und moralischen Niedergang unserer Gesellschaften beschäftigt. Zwei Tracks kann man bislang von der Platte vorhören - "The Latent Space" und "Artificial Authentic".

The Antlers: Herzen rühren

Drei Platten hat man von dieser wunderbaren Band sofort nach Namensnennung auf dem Schirm (auch wenn sie bislang fünf gemacht haben) und es sind ganz gewiß nicht die jeweils Schlechtesten ihres Jahrgangs: The Antlers, Rockformation aus New York, sind bekannt dafür, dass sie mit Hilfe ihrer zarten, melancholischen und mitunter sehr traurigen Songs die Herzen ihrer Zuhörer*innen über die Maßen anrühren, so geschehen auf ihrem Album "Hospice" aus dem Jahr 2009 und nicht anders auf den Nachfolgern "Burst Apart" (2011) und "Familiars" (2014). Lange Zeit war es ruhig um die mittlerweile zum Duo geschrumpfte Gruppe, nun ist das nächste Werk "Green To Gold" für den 26. März bei ANTI- angekündigt. Schon im vergangenen Jahr teilten The Antlers die Videos zu den Songs "Wheels Roll Home" und "It Is What It Is", nun kommt mit "Solstice" Single Nummer drei mit einem - nun ja, erneut rührenden - Video von Derrick Belcham und Emily Terndrup daher.








Smerz: Herzen springen

All jene, deren Herzen für klug verbastelten, skandinavischen Dancepop schlagen, werden heute besonders gut gelaunt durch den Tag springen, denn gerade das das norwegische Duo Smerz die Veröffentlichung seines Debütalbums "Believer" für den 26. Februar via XL Recordings angekündigt. Gestartet waren Catharina Stoltenberg und Henriette Motzfeldt, wohnhaft im dänischen Kopenhagen, im Sommer 2017 mit der EP "Okey", ein Jahr später folgte dann die 12" "Have Fun" und nun also eine komplette Studiopolatte im Langformat. Schon im vergangenen Herbst durften wir davon 2 mal 2 Proben hören - es erschienen die Vorabtracks "The Favourite/Rap Interlude" und "I Don't Talk About That Much/Hva Hvis", nun schicken sie den Titelsong mit einem Video von Benjamin Barron hinterher.








Dienstag, 12. Januar 2021

LNZNDRF: Weit hergeholt

Ein interessanter Track kommt heute von einer amerikanischen Formation namens LNZNDRF. Hinter der eigentümlichen Abkürzung verbergen sich Musiker zweier bekannter Bands (ergo Supergroup) und zwar Scott und Bryan Devendorf von The National und Ben Lanz und Aaron Arntz von Beirut. Anhand der Mitglieder läßt sich schnell erkennen, dass es hier nicht zwingend um eine heimliche Sympathie für das oberfränkische Städtchen Lanzendorf im Landkreis KLMBCH geht, viel wichtiger ist vielmehr, dass der wavige Post-Punk-Sound der vier an die Arbeiten von Wire erinnert und nun auf dem Nachfolger des selbstbetitelten Debüts aus dem Jahr 2016 seine Fortsetzung finden soll. Am 29. Januar wird also das schlicht mit "II" betitelte Werk via Cargo Records erscheinen, die erste Single nennt sich "Brace Yourself" und ging heute mit einem Video an den Start. Als Beigabe schicken wir noch den Achtminüter "Aguas Frescas" von der letzten EP "To A Lake" (2020) hinterher.





Mogwai: Tatsächlich Liebe [Update]

Auch wenn man's nicht sofort übereinanderbringt - das ist tatsächlich ein neuer Song der schottischen Kapelle Mogwai. Weil aber die Herren um Stuart Braithwaite ohnehin stets Gefallen daran finden, Grenzen zu durchbrechen und Erwartungen zumindest in Frage zu stellen, ist die Nachricht, dass am 19. Februar via Temporary Residence Inc. ein neues Album des Postrock-Quartetts (das mit diesem Etikett ja bekanntlich so seine Schwierigkeiten hat) zunächst einmal eine gute. "As The Love Continues" soll die Studioplatte Nummer zehn heißen und dem 2017er Opus "Every Country's Sun" folgen - es finden sich darauf elf Tracks und "Dry Fantasy" ist einer von ihnen. 

Update: Der neue Song "Ritchie Sacramento" kommt mit einem fantastischen Gamer-Video von Sam Wiehl, der auch schon für Autobahn, Forest Swords und And So I Watch You From Afar Regie führte - die Story zum Song wiederum liest sich laut Stuart Braithwaite wie folgt: "'Ritchie Sacramento's title came from a misunderstanding a friend of ours had about how to say Ryuichi Sakamoto. The lyrics were inspired by a story Bob Nastanovich shared about his friend and bandmate David Berman who proclaimed ‘Rise Crystal Spear’ as he threw a shovel at a sports car. The song is dedicated to all the musician friends we’ve lost over the years."






Jane Weaver: Supervisionen [Update]

Dass Pop im Jahre 20 des neuen Jahrtausends nicht mehr so ranzig (jüngere Menschen sagen gern auch lame) klingt, ist nicht von ungefähr ein sehr weibliches Verdienst - Bat For Lashes, St. Vincent, Feist, Mitsky, Poliça, Grimes, etc. haben daran nicht geringen Anteil und auch Jane Weaver aus Liverpool gehört unbedingt mit zu denen, die unablässig umgestalten und vorantreiben. Ihr letztes Album "Loops In The Secret Society" erschien 2018, nun ist für den 5. März 2021 der Nachfolger "Flock" geplant - gleich die erste Single "The Revolution Of Supervisions" wartet mit feinen Funk-Akkorden á la Prince und dem folgenden Statement auf: "The revolution accidentally happens because so many people visualise the same ideals and something supernatural occurs. Everyone is exhausted with social media, inequality and the toxic masculinity of world leaders contributing to a dying planet."

Update: Eine weitere Single kommt heute mit "Heartlow" und dem dazugehörigen Video von Douglas Hart.




 

Montag, 11. Januar 2021

Shame: Raus aus der Zeitschleife

Lust auf eine kleine Reise in längst vergangene Zeiten? Vor gefühlt einigen Jahrhunderten war es möglich, als musikbegeisterter Mensch sog. Konzerte zu besuchen, man drückte sich - kaum vorstellbar heute - zu diesem Zweck, mit einem Bierbecher gewappnet, in dicht an dicht stehende, unmaskierte Gleichgesinnte, ließ sich den Sound der Liebslingsband um die Ohren pfeifen und war glücklich, hernach durchgeschwitzt und halb ertaubt die letzten Euro am Merch-Stand ausgeben zu können. Lang ist's her! Dass solche Momente wiederkehren mögen, darauf hoffen viele, nicht zuletzt dieser Blog, dessen Passion eben auch die Live-Review war (und ist). Deshalb passt es ganz gut, dass gerade nicht nur die Sleaford Mods ihre ersten Termine für ein paar Gigs daheim und in Irland bekanntgegeben haben, sondern auch die fabelhaften Shame zwei Jahre nach ihrer letzten Tour wieder auf Reisen gehen wollen. Am Freitag erscheint bekanntlich zeitgleich mit besagten Mods ihr zweites Album "Drunk Tank Pink", dessen letzte Singleauskopplung "Nigel Hitter" hier gleich noch mit in den Korb kommt.

Wer mag, darf auch gern noch einmal nachlesen, wie sich Shame "damals" so angefühlt haben: "Auch wenn es die politische Weltlage momentan nicht unbedingt vermuten lässt – es gibt mit Sicherheit ein paar Dinge, die wir von den Briten da drüben lernen können. Okay, vielleicht nicht gerade, wie man erfolgreich den Komplettausstieg aus einem Staatenverbund moderiert oder trotz knapper Kassen die Sozialsysteme am Laufen hält, das eher nicht. Aber es ist kein Geheimnis, dass uns die Bewohner des heruntergewirtschafteten Königreichs in Sachen Lässigkeit, Coolness und Humor einiges voraus haben – und das trotz (oder eben weil) sie von ihrer eigenen Regierung, wie auch immer die gerade zusammengewürfelt ist, ein jedes Mal schmählich im Stich gelassen werden. Nehmen wir zum Beispiel die Londoner Kapelle Shame. Würde eine deutsche Band versuchen, ein Video im Stile von „One Rizla“ zu drehen (also einen gut gelaunten Landausflug mit Hindernissen), so sähe das entweder kitschig, albern, verkopft oder einfach nur doof aus ... [weiter]

22.10.  Köln, CBE
26.10.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
27.10.  Hamburg, Knust
05.11.  München, Strom
06.11.  Zürich, Mascotte

Sleaford Mods: Keine Zeit für Poser

Am Freitag dieser Woche kommt sie endlich, die Neue von den Sleaford Mods und wenn die Vorschusslorbeeren diverser Kritiken nicht komplett an der Wahrheit vorbeigehen, dann wird "Spare Ribs" mindestens umwerfend. Was uns erwarten könnte, lässt sich schon aus den drei bislang erschienenen Singles heraushören, meint "Mork N Mindy" mit Billy Nomates, "Shortcummings" und gerade jetzt "Nudge it". Der Track ist von den dreien vielleicht der überraschendste, weil so dermaßen top of the pop wie nur wenige vor ihm - Hammerbeat, feinste Loops, gewohnt bissige Punchlines und als Zuckerl obendrauf noch ein rarer Rap-Part von Amy Taylor aus dem ehrenwerten Hause von Amyl And The Sniffers. Thematisch geht es um eines von Jason Williamsons Lieblingsthemen - die Wahrhaftigkeit. Zu wissen, woher man kommt, zu wissen, wovon man erzählt, Verdammung von Posertum und falscher, dümmlicher Oberflächlichkeit. Here we go!