Dienstag, 14. Juli 2020

Illuminati Hotties: Nicht zu bremsen

Ein ganz dicker Pluspunkt in Sachen Bandname geht an diese Frau: Denn als Sarah Tudzin im Sommer 2017 ihr eigenwilliges Musikprojekt startete, taufte sie es Illuminati Hotties - sehr viel mehr Verulkung von bierernster Logenspinnerei geht eigentlich kaum. Doch damit war es in Sachen Humor noch lange nicht vorbei, denn Tudzin hat auch ein sehr ausgereiftes Talent für Platten- und Songtitel. Auf dem ein Jahr nach Gründung erschienenen Debüt "Kiss Yr Frenemies" findet sich beispielsweise ein Lied wie "For Cheeze (My Friend, Not The Food)". Und das neue, zweite Album, das am 17. Juli erscheinen wird, soll wie folgt heißen: "Free I.H. This Is Not The One You've Been Waiting For". Aha, soso. Um das GAnze abzurunden, präsentieren wir aus diesem Anlass auch gleich die erste Singleauskopplung "Will I Get Cancelled If I Write A Song Called 'I've You Were A Man You'd Be So Cancelled'" - Dauer: 1 Minute 14. Sieht ganz so aus, als sollten wir mit dieser Dame (und den Gastmusikern auf der Platte) noch eine Menge Spaß bekommen.



Bob Mould: Der innere Kampf

Dass gerade einer wie Bob Mould ein Problem mit der Kirche, also genauer mit der Institution Kirche, haben dürfte, liegt auf der Hand und bedarf eigentlich keiner näheren Erläuterung. Weil der Mann, der bekanntlich am 25. September bei Merge Records sein neues Album "Blue Hearts" herausbringt (wir hatten die erste Single "American Crisis" hier schon geteilt), aber sehr offen mit dem Thema umgeht und durchaus noch mit sich und auch und vor allem dem Glauben ringt, wollen wir natürlich auch seinen aktuellen Song "Forecast Of Rain" nicht unterschlagen. Und erst recht nicht das dazugehörige Statement, das Moulds Label gerade herumgeschickt hat: "As a child, my mother took me to Sunday Mass. I’ve written many songs around religion. In the 2000s, I went back to the Catholic Church for three years – but I did not find my place. I recognize the importance of religion for those who believe: the worship, the rituals, the community; loving thy neighbor, following commandments, doing unto others as you would have them do unto you. In short, be nice to people, help however you can, and don’t steal stuff. But right now, I’m having a hard time understanding how certain religious sectarians can support the behavior of those who occupy the People’s House. How can you endorse their disregard for truth? How can you tolerate the incessant vindictiveness? How can you stand by your man while people are teargassed to clear a path to the Lord’s House? I’m not good at quoting scripture, but I can manage two words: Jesus wept."


Montag, 13. Juli 2020

I Like Trains: History repeating [Update]

Da kommen einem schon ein paar ganz alte Begebenheiten und Zeiten in den Sinn und plötzlich scheint selbst das Jahr 2012 schon ewig her zu sein: Die britische Indieband I Like Trains hatte ja in den Tagen ihrer Gründung im Jahr 2004 für einige Freudenmomente gesorgt, gelangte sie doch im Fahrwasser der Waverock-Formationen Interpol und Editors in unsere Timeline und bot sich als lohnende Alternative an, wenn es darum ging, trüben Gedanken Nachdruck zu verleihen und der inneren Melancholie mehr Platz einzuräumen. Das erste Minialbum "Progress In Reform" fiel entsprechend düster und dramatisch aus, nicht weniger dann der Nachfolger "Elegies To Lessons Learnt", auf der sich auch der gut neunminütige Track "Spencer Perceval" befand, quasi ihr "Leif Erikson" mit anderen Mitteln. 2012 dann "The Shallows" als vorerst letzter Longlayer, danach Pause. Bis jetzt, denn mit "KOMPROMAT" ist für den 21. August ein neues Werk angekündigt und hört man die erste Single "The Truth", dann hat sich ihr Stil wohl wesentlich gewandelt. Das Video als Collage politischer und alltäglicher TV-Momente, auf ihre Bandcamp-Seite haben sie als einzigen Kommentar ein Zitat des schottischen Journalisten und Schriftstellers Charles Mackay gestellt, der 1877 in einem seiner Werke erstmals den Begriff der Vereinigten Staaten von Europa geprägt hat - der Wortlaut: "Wir stellen fest, dass ganze Gemeinschaften sich plötzlich auf ein Objekt fixieren und bei seiner Verfolgung verrückt werden; dass Millionen von Menschen gleichzeitig von einer Wahnvorstellung beeindruckt sind und ihr nachlaufen, bis ihre Aufmerksamkeit von einer neuen Torheit gefesselt wird, die fesselnder ist als die erste." Passt gut in die heutige Zeit, sie haben es wohl nicht ohne Grund platziert.

Update: Schon die erste Single war eine ordentliche Überraschung und auch der zweite Song von der neuen Platte unterscheidet sich deutlich vom früheren Oevre der Band - hier also "Dig In" mit Video.





Billy Nomades: Verdammt nachhaltig

Wenn man die Musik dieser Frau mag, hat das einen sehr angenehmen Nebeneffekt: Man weiß sich immer auf der richtigen Seite. Denn Billy Nomates, wir hatten es an dieser Stelle schon öfters erwähnt, ist von einer Natürlichkeit und Unverstelltheit, die ihres- (und ganz sicher seines-)gleichen sucht und einen sofort und unwiderruflich für sie einnimmt. Ob sie, wie in den letzten Tagen passiert, im Rahmen einer Aktion zur Rettung der britischen Clubkultur, mit Frisurendouble (und Musikerkollege) Jason Williamson oder der wunderbaren Nadine Shah plaudert, auf Instagram durch den knuffigen Studioschuppen führt. Oder aber, ganz aktuell, zum Strandspaziergang lädt. Über britische Strände hat man ja in letzter Zeit ziemlich gruselige Geschichten gelesen und gehört - maskenlose Menschenmassen wälzten sich ab- und anstandslos in der heißen Sonne. Hier nicht, denn die Frau hüpft allein durch den Sand. So richtig lustig wird es aber trotzdem nicht, denn es wäre nicht Billy Nomates, wenn es nicht etwas zu bemängeln gäbe an Land und Leuten. Im gerade geteilten Videoclip zur aktuellen Single "Hippy Elite" (nach der letzten "FNP") gibt es böse Seitenhiebe für selbsternannte Alltagsheilige, Pseudogrüne und Biohipster gleichermaßen: "All the things they do, I don't disagree, hug a tree for me, if I could only quit my job I join the hippie elite, hug a tree for me" - und wieder gelingt es ihr, mit wenigen Worten die Verhältnisse ein Stück weit gerade zu rücken. Da passt es ganz gut, dass ihr neues Label Invada Records gerade die physische Veröffentlichung ihres selbstbetitelten Debütalbums (in Teilen 2019 unter dem Namen "No" bei Bandcamp erschienen) bekanntgegeben hat, goldenes oder rotes Vinyl, je nach Geschmack, eine Jute-Tasche gibt's bei Bedarf stilgerecht noch obendrauf. Das wichtigste aber bleiben dann doch ihre Texte - hat man die einmal im Kopf, bleiben sie dort für sehr lange Zeit. Nachhaltiger geht es also kaum.



Sonntag, 12. Juli 2020

Wax Chattels: Zurück zu den Wurzeln

Von der neuseeländischen Formation Wax Chattels hatten wir an gleicher Stelle schon vor zwei Jahren berichtet, damals veröffentlichte das Trio aus Auckland gerade sein selbstbetiteltes Debütalbum und konnte mit dem kraftvollen Gitarrensound und der Stimme von Leadsängerin Amanda Cheng viele Punkte sammeln. Nun haben die drei ihre zweite Studioplatte "Clot" für den 25. September erneut via Captured Tracks angekündigt und für den ersten Track davon wählte Cheng Naheliegendes. Sie thematisiert für den Song "No Ties" ihr Verhältnis zur eigenen  Geschichte - die Künstlerin ist in zweiter Generation Kind eingewanderter Hoklo-Thaiwanesen - im neuen und nicht selbst gewählten Heimatland. Ihr Bass klingt dazu so bestimmend wie ihr Gesang energisch, die Band wird mit diesem Sound zweifellos weiter im Gespräch bleiben.



Slow Pulp: Mit allem Drum und Dran

Rüber nach Chicago, denn von dort stammt das Gitarrenpop-Quartett Slow Pulp. Bestehend aus Sängerin/Gitarristin Emily Massey, Bassist Alexander Leeds, Henry Stoehr an der zweiten Gitarre und Theodore Mathews an den Drums, trat die Band erstmals 2017 mit einer EP in Erscheinung, danach folgten weitere Singles und Bühnensupports (u.a. Alex G). Jetzt ist endlich mit der virusbedingten Verzögerung auch ihr Debütalbum "Moveys" fertig und soll, wenn alles klappt, am 9. Oktober bei Winspear Records erscheinen. Die erste Single geht als Mischung aus Psychedelia und Shoegazing mit dem Titel "Idaho" in Umlauf, neun weitere Stücke werden folgen und ebenfalls - in diesen Zeiten gern gehört - eine Reihe von Konzertauftritten, erfreulicherweise auch zwei in Deutschland.

24.02.  Berlin, Monarch
25.02.  Hamburg, Aalhaus



AUA: Bestimmte Entgegnung

Gänzlich anders klingen diese beiden Herren aus Leipzig und Wiesbaden. Genauer Henrik Eichmann und Fabian Bremer, die unter dem griffigen Pseudonym AUA gerade ihr Debütalbum "I Don't Want It Darker" promoten, das bald bei Crazysane Records (Pabst) erscheinen soll. Was man als sehr bestimmte Entgegnung auf Leonard Cohens zweifellos fabelhaften Song "You Want It Darker" deuten könnte, kommt hier als beatgetriebener Krautrocksound daher. Bremer und Eichmann kennt der/die eine oder andere vielleicht schon von dem Instrumentalprojekt Radare, hier nun ergänzen weiche, ätherische Vocalparts den Auftritt, schön zu hören auf der ersten Auskopplung "COKE DIET" - sich dazu nicht zu bewegen dürfte einigermaßen schwer fallen.




Belako: Durchaus meinungsstark

Zu guter Letzt geht's noch einmal in südlichere Gefilde, genauer in das baskische Städtchen Mungia. Dort haben sich vor einigen Jahren die Freunde Josu, Lore, Lander und Cris entschlossen, gemeinsam Musik zu machen und gründeten deshalb die Band Belako. Drei Studioalben sind von ihnen bislang erschienen, das letzte 2018 unter dem Titel "Render Me Numb, Trivial Violence". Die Nummer vier ist nun für den 28. August angekündigt und wird "Plastic Drama" heißen, gemeinsam mit der neuen Single "Truth" läßt sich schnell auf eine meinungsstarke Veröffentlichung schließen. Die Band sagte dazu folgendes: "Es geht um die harte Realität, mit der unsere Generation konfrontiert wird, und den einzig guten Nutzen der neuen Technologien, nämlich die Fähigkeit, die Stimme zu erheben, zu verbreiten und zum Handeln aufzurufen. Der Titel des Albums hat eine andere Botschaft, denn er erinnert uns auch an die Probleme der Ersten Welt, über die wir uns so gerne beschweren. Dabei können wir nur auf ein verantwortungsvolleres, menschliches Vermächtnis hoffen." Gern ergänzen wir bei so viel Engagement noch die vorangegangenen Singles "Profile Anxiety", "marinela2017", "The Craft" und "Tie Me Up".









Samstag, 11. Juli 2020

Rufus Wainwright: Lebenshilfe

Rufus Wainwright
„Unfollow The Rules“
(BMG)

Er wird es uns hoffentlich verzeihen, dass wir ihm gerade bei dieser Frage mit einer der fürchterlichsten Business-Phrasen der Neuzeit kommen: Warum nur, so lautet das Rätsel, bekommt er uns nur immer wieder an den Haken, mit jeder neuen Platte, mit jedem neuen Stück? Nun, Rufus Wainwright schafft stets aufs Neue, was anderen Musiker*innen selten und oft nur ansatzweise gelingt – er holt uns dort ab, wo wir uns gerade mit unseren Gedanken und Stimmungen befinden. Dabei ist es schlicht egal, ob die launische Seele gerade Berg oder Tal bewandert, ob wir in grenzenloser Euphorie alles und jeden umarmen wollen oder ob uns die Traurigkeit wie ein dumpfer, grauer Nebel niederdrückt (selbst das Vokabular, kitschig oder nicht, gibt er einem ein) – Wainwright hat dazu immer den passenden Song parat. Wie jeder geniale Liedermacher, nehmen wir nur mal Randy Newman, gibt er einem das Gefühl, unseren emotionalen Wirrwarr zu kennen, selbst genau solche Situationen schon durchlebt zu haben – und nimmt ihnen im gleichen Moment schon die Spitze, den Ernst.



Empathie, Humor, Selbstironie, Lust, Warmherzigkeit, Lebensklugheit, seit Jahren nun schon macht der Mann mit diesen Eigenschaften zauberhafte Platten, schüttelt sie aus dem Ärmel, als würde es keine große Mühe kosten. Es ist dabei sicher von Vorteil, dass Wainwright unverbesserlicher Optimist geblieben ist (schließlich glaubt er an das politische Ende von Trump nach schon einer Amtszeit), in glücklicher Beziehung, verheiratet, Vater einer Tochter. Und er hat sich, zu unserem Glück, von der fast schon sakralen Dramatik seiner frühen Solowerke zugunsten einer noch höheren Kunst verabschiedet – dem perfekten Songwriting. Denn überhöhen, ästhetisieren, aufladen können viele, mit einfachen Mitteln aber zu Herzen zu gehen ist schwerer als gedacht. Ein Crooner ist Wainwright geblieben, seine Stimme, egal ob Oper, Popsong, Musical oder Chanson, ist sein wichtigstes Stilmittel. Mit ihr findet er den Zugang, sie lässt die Zuhörer*innen bereitwillig kapitulieren. Und tut dies auf großartige Weise natürlich auch auf diesem, seinem achten Studioalbum, begleitet von einem nicht weniger großartigen Ensemble.



Drei Akte, zwölf Songs, als Konzept die alltägliche Achterbahnfahrt zwischen Zweifel, Hochgefühl, Einsamkeit, Zuversicht, Ängsten, Sehnsüchten und schlussendlich dem erhofften Frieden mit sich selbst. Da sind die Erwartungen, die uns verunsichern, die ewige Kontrolle, die uns einengt – „Don’t give me what I want, just give me what I’m needing, unfollow the rules, unfollow the path to the seeding“ besingt er im Titelsong den inneren Kampf und schließt mit „I will never know, but perhaps I have a feeling.“ Da sind die romantischen Anwandlungen und das herzergreifende Lied für den Partner („Peaceful Afternoon“), wo künftiger Verlust und Schmerz mit zärtlichen Trostworten gebrochen werden: „Cause it’s all a part of the game, ya, it‘s all a part of the symphony, and I pray that your face is the last I see, on a peacefull afternoon“. Wainwright preist die Liebe, die Frauen im Allgemeinen und seine Tochter ganz speziell. Und ja, selbst der morgendliche Wahnsinn, zu dem uns schlechte Träume und die Furcht, den Aufgaben des Lebens nicht zu genügen, treiben, selbst dieses Gefühl bekommt bei ihm seinen Platz und verliert sogleich etwas von der bedrohlichen Düsternis. Rufus Wainwright ist ein Mann, der über seine Gefühle nicht nur reden, sondern auf unnachahmliche Art singen kann. Wer sich diesem Angebot zu öffnen vermag, für den ist diese Musik im besten Sinne eine Art von Lebenshilfe.

Freitag, 10. Juli 2020

Black Thought: Return of the teamplayer

Dass der Mann ein Teamplayer ist, sollte nun kein großes Geheimnis mehr sein. Tariq Trotter, besser bekannt unter seinem klangvollen Pseudonym Black Thought, hat bekanntlich nicht nur mit seiner Band The Roots eine Menge formidabler Alben eingespielt, die Liste der Kollaborationen, mit denen er sich weitere Bekanntheit verschaffte, ist endlos. Auch für seine beiden Solo-Platten "Streams Of Thought" Volume 1 und 2 gab es reichlich Gastauftritte, auf der dritten Ausgabe nun treibt er das Ganze in neue Dimensionen: Portugal. The Man, Killer Mike, Pusha T, Swizz Beatz, CS Armstrong und Schoolboy Q sind nur einige Namen auf dem Zettel, auch von EP kann man bei ganzen dreizehn Tracks auch nicht mehr sprechen. Das soll uns allerdings nur recht sein, denn wenn die Stücke derart grooven wie die erste Vorauskopplung "Thought Vs. Everybody", dann kann man wohl kaum genug davon bekommen. Der Untertitel des Albums lautet im Übrigen "Cane And Abel", erscheinen wird es am 31. Juli.



Massive Attack: Keine dünnen Bretter

Das war natürlich klar - wenn Massive Attack nach längerer Zeit wieder neues Material veröffentlichen, wird das nicht einfach nur ein neuer Song oder ein hübsch anzuschauendes Video sein. Massive Attack waren immer mehr als das, der Anspruch ans eigene Werk trieb sie - ganz sicher keine Übertreibung - zu multimedialen Meisterwerken und Alben, die Genres begründeten, neu definierten und die Jahrzehnte überdauerten. Nun also eine EP mit dem Titel "Eutopia" und drei kollaborativen Tracks. Die Stücke sind während des Lockdowns an verschiedenen Orten in Zusammenarbeit mit Saul Williams, den Young Fathers und der Band Algiers entstanden - soweit die musikalische Seite. Es gibt aber auch eine nicht weniger gewichtige zweite Ebene, denn an den Songs waren ebenfalls die Autorin des Pariser UN-Klimaabkommens Christiana Figueres, der Begründer des Prinzips des sog. Universal Basic Income (UBI) Professor Guy Standing und der Initiator der US-amerikanischen Vermögenssteuerpolitik Professor Gabriel Zucman beteiligt. Massive Attack sagten selbst Folgendes zur Intention des Projektes: "Der Lockdown enthüllte die besten Aspekte und schlimmsten Mängel des Zusammenlebens der Menschheit. Diese Zeit der Unsicherheit und Angst zwang uns, über die offensichtliche Notwendigkeit nachzudenken, die schädlichen Muster und Systeme, mit und in denen wir leben, zu ändern. Durch die Zusammenarbeit mit drei Experten haben wir einen klanglichen und visuellen Dialog über diese globalen und strukturellen Probleme geschaffen, am Beispiel von Klimakatastrophen, der Extraktion von Steueroasen und dem universellen Grundeinkommen." Dass die Musik und die filmischen Umsetzungen dazu ebenso anspruchsvoll und großartig sind, versteht sich dabei fast von selbst.







Zugezogen Maskulin: Exitstrategie [Update]

Schön anzusehen ist es ja nicht, aber was ist das schon für ein Kriterium, wenn es um Zugezogen Maskulin geht? Schon die Qualität der beiden letzten Alben von Grim104 und Testo aus Berlin bemaß sich eher danach, wie weh sie beim Hören taten - und sie taten sehr weh. Schmerz spielt bei Text und Ton der beiden schon immer eine große Rolle und es bleibt zu vermuten, dass sich auch in derart bösen Zeiten wie den jetzigen daran nichts Wesentliches ändert. Warum auch? Die Promo für die neue Platte jedenfalls, die für den 7. August unter dem Titel "10 Jahre Abfuck" angekündigt ist, startet mit dem Track "EXIT", das Video dazu von Jonas Vahl zeigt die beiden als maßvoll gelangweilte Bohemians, die vom Ausstieg singen und den Neustart planen. Wir sind gespannt.

Update: Und hier kommt die zweite Single vom Album - Zugezogen Maskulin meets Kikaninchen im Gute-Nacht-Baumhaus. Aber ohne putzige Geschenke, sondern mit bissigen Reimen. "Sommer Vorbei" heißt das Stück übrigens, sie können einem aber auch alles vermiesen...





Donnerstag, 9. Juli 2020

Travis: Über die Jahre [Update]

Zugegeben, das ist jetzt von allen möglichen Einleitungen nicht gerade die originellste, aber wer schafft das schon ständig? Jedenfalls sind die schottischen Travis mittlerweile ganz schön in die Jahre gekommen, ganze dreißig haben Fran Healy und Kollegen immerhin schon auf dem Buckel und man selbst erkennt daran, dass der eigene Rucksack ähnlich schwer wiegt. Anfang der Neunziger gegründet, hat das Quartett es bis dato auf ganze acht Studioalben und etliche Singles gebracht. Und wenn wir ganz ehrlich sind, dann kann man einer Band, die 1999 auf einer B-Seite "Baby One More Time" Britney Spears so herrlich verulkte, nicht wirklich böse sein, zumal Healy nie in die (schon ziemlich große) Chris-Martin-Gedächtnisfalle tappte - er war einfach manchmal weg. Einfach so. Zuletzt tauchte er vor vier Jahren mit dem Album "Everything At Once" auf, nun meldet er sich - hartnäckig, der Mann - mit einer neuen Single namens "A Ghost" und der Ankündigung für Platte Nummer neun zurück. Die wird bescheidenerweise einfach "10 Songs" heißen und am 9. Oktober erscheinen, mit dabei, so hören wir, sind Jason Lytle (Grandaddy) und Susanna Hoffs von den Bangles. Das Video zur Single hat Healy im Übrigen zusammen mit seinem vierzehnjährigen Sohn gemalt, also ein bisschen was für's Gemüt gibt es dann schon. Und wer's schon vergessen hat - Ende 2019 erschien mit "Kissing In The Wind" der erste Vorbote des künftigen Albums.

Update: Und wer gedacht hatte, Travis können nur noch soft und kuschelig, für den haben die Schotten "Valentine" aufgenommen ...





Doves: Der Glaube an das Gute [Update]

Als es vor längerer Zeit hieß, die Doves würden vielleicht an einem Comeback arbeiten, winkten nicht wenige müde ab - no way, so gut ist diese Welt nicht, das wird sie uns wohl in diesem Leben wohl nicht mehr gönnen. Aber da gab es immerhin schon die beiden EP "Remnants I/II", die, obschon recht spärlich gefüllt, sehr verheißungsvoll klangen. Und letztlich doch die Hoffnung, dass an Gerüchten, mögen sie auch noch so weit hergeholt sein, immer ein Körnchen Wahrheit dran ist. Und jetzt? Zählt der Countdown und wir haben just in dem Jahr, da ihr fabelhaftes Debüt "Lost Souls" sein Zwanzigjähriges feiert, eine erste neue Single - "Carousels". Und zurück sind Melancholie, Schmelz, geschmeidige Melodie und Leidenschaft. Und ein Zettel der Band, der mehr erwarten lässt - so schlecht ist sie also vielleicht doch nicht, diese Welt.

Update: Nun also alle Trümpfe auf dem Tisch - ein neues Album namens "The Universal Want", Coverart, zehn neue Stücke, darunter auch das ganz aktuelle "Prisoners". Full house, ohne Frage.








Mittwoch, 8. Juli 2020

Knot: Immer wieder neu

Gute Gitarrenmucke hat man gemeinhin auch immer mit der Stadt Boston in Verbindung gebracht, von dort nämlich stammte unter anderem die LoFi-Formation Krill. Diese hatte dann aber vor längerer Zeit und nach ihrem letzten Album aus dem Jahr 2015 ihre Auflösung erklärt, vorbei war es damit allerdings noch lange nicht. Denn im vergangenen Jahr erschienen die Herren unter dem Namen Obstacle wieder auf dem Radar. Offensichtlich war aber auch das nicht von langer Dauer, denn nun lassen sie verlauten, dass sie zukünftig als Knot aufzutreten und aufzunehmen gedenken und weil es gerade so gut läuft, kommt mit dem ersten offiziellen Song "Foam" auch gleich die Nachricht, dass am 28. August via Exploding In Sound das selbstbetitelte Debüt erscheinen wird. Und wie auch immer sie sich nennen - klingen tun die drei noch immer richtig gut.

Montag, 6. Juli 2020

Tunde Adebimpe: Die Sehnsucht nach Gesamtheit [Update]

Auf eine Nachricht der Band dieses Mannes warten wir nun auch schon eine gefühlte Ewigkeit: Die letzte Platte des amerikanischen Crossover-Kollektivs TV On The Radio datiert immerhin auf 2014, damals erschien "Seeds" und mithin das letzte starke Ausrufezeichen des Quartetts in seiner Gesamtheit. Seine Mitglieder waren deshalb nicht untätig, nicht Dave Sitek, nicht Kyp Malone und auch Tunde Adebimpe ließ durch diverse Beteiligungen und Features weiter von sich hören. Und kommt dieser Tage aus traurigem Anlaß erneut zu Wort - sein Song "PEOPLE" ist Adebimpes Beitrag zur aktuelle Debatte um Rassismus und Polizeigewalt und nebenbei ein sehr gutes Stück Musik. Gerade deshalb: Wie sehr würden wir uns in diesem Zusammenhang eine neuerliche, konzertierte Aktion aller Bandmates wünschen ...

Update: Der Kampf geht also weiter. Waren es beim ersten Song die Rechte der Schwarzen, widmet sich Adebimpe mit dem aktuellen Dancetrack "Reelfeel" der LBGTQ-Bewegung - Erlöse aus dem Verkauf der Single gehen an das Audrey Lord Project.



Buzzard Buzzard Buzzard: Tanz die Krise weg

Das ist jetzt vielleicht nicht ganz fair, in Zeiten des anhaltenden Lockdowns einen Song in der "Dance Version" zu posten. Andererseits sollte man nicht nur die Feste feiern wie sie fallen und da die walisische Band Buzzard Buzzard Buzzard gerade die vor einiger Zeit erschienene neue Single "Double Denim Hop" mit eben jenem Rework geteilt hat, können wir gar nicht anders. Das Stück ist ja als Original schon sehr gelungen, in der Neubearbeitung geht es noch eine Spur mehr ab. Das gilt im Übrigen auch für die Disco-Variante, die wir hier gleich noch mal mit dazustellen. Für beiden meinen wir: Tanzen kann man schließlich (wie unschwer zu sehen ist) auf jedem noch so kleinen Fleckchen und zweifellos auch ganz allein. Stammen tut der Track von der Debüt-EP "Non Stop" des Quartetts, die Ende dieser Woche bei Communion Records erscheinen wird, mit dabei auch die nicht weniger feine Single "Hollywood Actors".







Sonntag, 5. Juli 2020

Waves Of Dread: Nicht ganz von dieser Welt

Das hatten wir erst kürzlich angemerkt, dass es in Sachen Dreampop und Shoegazing doch recht still geworden sei, schon kommen, wie um das Gegenteil zu beweisen, eine Reihe Gegenbeweise daher. Nach Hater und Fear Of Men wollen sich offenbar auch unsere Dauergäste Waves Of Dread nicht mehrfach bitten lassen - und teilen nach dem im Februar veröffentlichten Song "Déjà Vu" zwei neue Stücke ihrer für den 31. Juli geplanten EP mit dem Titel "II". Kurze Tracks mit seltsam wattiertem Gesang und versponnenen Gitarrenschleifen, die drei Briten klingen entrückter denn je, ganz so, als seien sie gerade unterwegs zu anderen Sphären. Schaut man auf ihr Land und ganz allgemein auf unserer Zeiten, man kann es ihnen nicht verdenken. Hier also kommen "Artless Hearts" und "Foregone".



Freitag, 3. Juli 2020

Haiyti: Der Zweifel fährt mit

Haiyti
„Sui Sui“
(Warner)

Neues Album oder nächstes Mixtape? Ist doch egal. Viel wichtiger dagegen: Sie bleibt gut. Was nicht selbstverständlich ist bei dem Tempo, was sie vorlegt. Aus dem Schatten ging‘s für Haiyti spätestens vor zwei Jahren mit „Montenegro Zero“ – Reime zwischen Glasbruch und Lammfell, mal aggressiv, mal supersmooth, Schnellfeuer-Rap und Schwermut-Trap. Die Stimme klirrt und stolpert, Egotrip, Drogenrausch, keine andere Wahl: Hassen oder lieben – wir tun letzteres. Das geht weiter mit „Perroquet“ kurze Zeit später, sie läßt nicht locker, bleibt unter Strom und ungeschlagen. Und jetzt? Etwas anders, trotzdem top. „Sui Sui“ ist mehr Pop, weniger Uzi, probiert mal aus und daran muss man sich eben erst gewöhnen. „Paname“ schnappt sich ein paar hübsche Percussions und tänzelt dazu am glitzernden Sandstrand, noch eingängiger, geschmeidiger gestrickt dann „La La Land“, maximal entspannt, „california dream“ mit Zotteltier und Bläserchören.





Beliebig und langweilig wird es dennoch nicht, denn die Dunkelheit, die Einsamkeit, der Schein, die Leere, sie blitzen mal mehr, mal weniger deutlich aus jedem Track des Albums. Und sind Grund genug für die Annahme, nach welcher der Titel wohl doch als ironisierte Kurzform von Suicide gedeutet werden kann. Die große Wut ist auf dieser Platte nämlich nicht mehr zu hören – kein Berghain, kein Mafioso, kein Droptop. Dafür mehr melancholischer Roadmovie, mehr Romance aus den Berliner Straßenschluchten, liebevoll das „Barrio“ genannt und mal mit dem Ferrari, mal mit dem „Bentley“ abgefahren. Düstere Gedanken dazu, die Stimme bricht, fast nur noch ein Schluchzen und Hauchen, der „Drogenfilm“ spult als Kopfkino vor dem inneren Auge sein gnadenloses Programm ab und am Ende kommt mit den Zweifeln noch „Audrey“ als Schwester von Trettmanns „Billy Holiday“ und hat auch keinen Ausweg parat. Eine große Traurigkeit all das, etwas zu Fallenlassen und Verlieren, schön anzuhören. Trotzdem hofft man, dass sie da möglichst bald wieder herausfindet.



Donnerstag, 2. Juli 2020

Alison Mosshart: Blick zurück nach vorn

Damit sind gleich mehrere Erinnerungen verbunden: Einerseits das sagenhafte Album "Nebraska", das Springsteen 1982 auf eine neue Ebene katapultierte und dabei doch so rough und LoFi war, wie es sich heute wohl niemand mehr (auch Springsteen selbst nicht) trauen würde. Darüberhinaus natürlich auch "The Sopranos" mit einem Soundtrack, der genauso irre ist wie die ganze Serie - kein Wunder, dass der Song dort auf's Allerbeste reinpasst. "State Trooper" also, dieser Tage aufgetaucht als ein Cover von Alison Mosshart (The Kills/The Dead Weather), die ja bekanntlich gerade an ihrem Solo schraubt und mit "It Ain't Water" und "Rise" schon zwei tolle Singles präsentieren konnte. In welcher Form diese vertrieben werden, ist aber noch etwas unklar, fest steht laut NME, dass am 7. August zeitgleich sowohl ein Buch mit Texten und Fotos unter dem Titel "Car Ma" als auch ein Spoken-Word-Album namens "Sound Wheel" (Third Man Records) erscheinen werden, mit dabei eventuell der kürzlich geteilte Zweiminüter "Returning The Screw".