Freitag, 12. November 2021

Nation Of Language: Blick zurück nach vorn

Nation Of Language
„A Way Forward“

(Play It Again Sam)

Es ist ja leider ein weit verbreiteter Irrglaube, wenn einige Mitmenschen denken, sie müssten sich die albernen Auftritte der vergreisten Stars ihrer Jugendtage auch heute noch anschauen, wenn sie auf deren Musik partu nicht verzichten wollen. Nein, das müssen sie nicht. Es gibt tatsächlich Unmengen wunderbar gelungener Popmusik, die der aus früheren Tagen in nichts nachsteht. Und nur wer wirklich meint, auf die ranzigen Altherrenwitze ergrauter Showmaster und Bilder von in wunderliche Neoprenanzüge gequetschten Senioren, noch dazu weit über dem Verfallsdatum, nicht verzichten zu können, sollte das tun. Wer aber beispielsweise ein Faible für die elektronische Musik der Endsiebziger und deren dunkle Verfeinerung aus den Achtzigern hat, also Bands wie Kraftwerk, OMD und Ultravox verehrt und wem zudem deren geniale Wiedergänger Jason Lytle (Grandaddy) und die Herren Gibbard und Tamborello (The Postal Service) nicht unbekannt sind, für den hat sich schon vor fünf Jahren eine sehr lohnende Alternative aufgetan.



Da nämlich gründete sich im New Yorker Stadtteil Brooklyn die Synthpop-Formation Nation Of Language, ausgestattet mit feinstem Gespür für geschmeidige, melancholische Melodien und der flauschig weichen Stimme von Ian Devaney. Das Trio legte dann auch mit „Introduction, Presence“ ein derart bezauberndes Debütalbum vor, dass manche der besagten Originale, ganz ohne bösen Willen, erstaunlich schnell vergessen waren. Ja, und nun gibt es also einen zweiten Schwung Nostalgieware. Diesmal ein wenig krautrockiger – Devaney nimmt zusammen mit Aidan Noell und Michael Sui-Poi nach eigener Auskunft sogar Bezug zur synthetischen Avantgarde der Gründerjahre, namentlich auf die Amerikanerin Laurie Spiegel, die seit den 70ern als Pionierin in Sachen Maschinenmusik gilt (und die wir ohne diese Erwähnung wohl niemals kennengelernt hätten).



Das wichtigste Erkennungsmerkmal der Band – die erhabenen, auserlesenen Melodien also – bleibt natürlich weiterhin gewahrt, auch auf „A Way Forward“ finden sich reichlich Songs zum Tanzen und/oder Schwelgen. So zum Beispiel das wunderbare Doppel „Across That Fine Line“/„Wounds Of Love“, ersteres markiert zu munter pluckernden Beats den zarten Moment, wo aus Freundschaft Liebe wird, letzteres beklagt zu getrageneren Klängen die Unauslöschbarkeit des Verlustschmerzes nach Beendigung derselben. Bei „The Grey Commute“ zeigt sich Devaney erstmals vorsichtig politisch, indem er mit den Nachwirkungen der Trump-Ära abrechnet, „This Fractured Mind“ und „Former Self“ wiederum thematisieren die Veränderung des Selbst durch die Widrigkeit der äußeren Umstände, der Sound mal lässig, mal mit cineastischem Drama. Ein Album, auf dem man nichts vermisst, der viel zitierte Blick zurück nach vorn, ganz ohne jede Peinlichkeit.



Donnerstag, 11. November 2021

Rosalía: Ziemlich dringend [Update]

Viel ist es noch nicht, was wir an Neuigkeiten haben, aber die Schlagzeile steht soweit schon mal und das ist ja jetzt auch nicht wenig: Rosalía hat ein neues Album angekündigt, 2022 soll es kommen und auf den Namen "Motomami" hören. Der dringlich erwartete Nachfolger für das vor vier Jahren veröffentlichte "El Mal Querer" erscheint auch nach einer Reihe von eigenständigen Kollaborationen, so zum Beispiel mit James Blake, Billie Eilish, Oneohtrix Point Never, Tokischa, Travis Scott und und und ...

Update: Und da ist sie, die erste neue Single - "La Fama" featuring The Weeknd und dem Machetenmann Danny Trejo.





Jasmyn: Genauso weiter

Schon lustig, manche Stücke bleiben in Erinnerung, auch wenn man sie gar nicht so häufig gehört hat. Die kanadischen Weaves zum Beispiel haben nie mit knackigen Hooks gegeizt, die Stücke ihrer bisherigen Platten gingen immer ziemlich ordentlich nach vorn. Dafür war, das ist kein Geheimnis, vor allem auch deren Sängerin Jasmyn Burke verantwortlich, die Frau ist pure Energie. Und weil Energie transformierbar ist, schafft sie es auch unter ihrem Solonamen Jasmyn zu begeistern. Burke hat gerade beim Label ANTI- Records unterschrieben und dort auch gleich die wunderbare Single "Find The Light" veröffentlicht - für das Video haben Peter Dreimanis und Leah Fay von der Band July Talk, ebenfalls aus Toronto, Regie geführt. Und wir warten ungeduldig ab, was da so noch Feines nachkommt.


Dienstag, 9. November 2021

Charly Hübner: Teufelsritt

Charly Hübner
"Motörhead"

(KiWi Musikbibliothek)

Jetzt also noch mal zum Mitlesen: Ein kleines Bändchen, keine 200 Seiten, und trotzdem eine dringende Empfehlung. Alex Bukow – äh, falsch – Charly Hübner schreibt über sein Idol Lemmy Kilmister und Motörhead, und das, obwohl er lange Zeit aus Gründen gar nicht wusste, wie die wohl aussehen und er sie (Achtung: Spoiler!) gar nicht mal live gesehen hat. Kann, nein, muss man natürlich trotzdem lesen. Warum? Nun, Hübner ist eben nicht nur Hübner, sondern eben auch Bukow und das kommt, vermuten wir mal, nicht zufällig von Bukowski, seiner zweiten großen Liebe. Wer besagten Bukow im Polizeiruf neben der König (also genauer Sarnau, ebenso grandios) mit entrückt teuflischem Blick hat wüten sehen, der weiß, dass nur brachialer und turboschneller Lärm ihm die nötige Entspannung verschaffen kann. Einziger Endgegner also. Und natürlich will man wissen, wie der Hübner, bevor er zum Bukow wurde, an die irren Rock’n Roller aus London kam. Er bedient sich dazu eines tatsächlich sehr feinen Kniffes, einer Art literarischen Delirium Tremens‘ und weil der Verfasser dieser Zeilen mit Hübner nicht nur das Alter, sondern auch die ostdeutsche Herkunft teilt, gerät der wilde Ritt mit dem Luzi (Verzeihung: Memphis) zu einer überaus nostalgischen Reise in die eigene Jugend. Und zwar einer erfreulich deckungsgleichen und detailgetreuen. Begriffe wie Dorfdisko mit Tonbandkassette, Rockerrunden plus reichlich Bier und Rausch und Prügelei und ein paar röhrenden Hirschen – als Außenseiter bei diesen denkwürdigen Abenden musste man nicht unbedingt auf der gleichen Seite stehen, um ähnliche Erfahrungen zu sammeln. Sie prägten das Leben, gaben die Richtung vor, härteten ab. Hübner gerät diese Rückschau mal mit wehmütigem Ernst und meistens in liebevoller Komik, das eingestreute Platt macht die Sache nicht ernster, als sie sein muss. Und ein paar Runden mit dem krächzenden Lemmy in den Ohren können sowieso nicht schaden, diese Empfehlung nimmt man vom Autor gerne entgegen …

Mastodon: Triumph folgt Tragik

Mastodon
"Hushed And Grim"

(Reprise Records)

Erst das Bild, dann der Ton: Da stehen dann also die vier Männer in blaugefärbter Kälte – gefurchte, tiefernste Gesichter, die nicht nur vorgeben, einiges gesehen zu haben im Leben, sie haben ja tatsächlich allen Grund zu mäßiger Laune. Metalbands geben sich ja seit jeher gern als Kämpfer an der Seite des Teufels, die von Berufs wegen dem Tod unablässig auf Augenhöhe entgegentreten müssen, meistens jedoch sind die Schlachten, die sie schlagen und die Wunden, die sie einstecken müssen eher Metaphern aus dem Widerstreit mit den eigenen Dämonen. Auch die sind nicht ohne, aber Mastodon haben nun leider wirklich ein sehr intensives Verhältnis zu Leid und Vergänglichkeit, im Umfeld der vier gab es in den letzten Jahren doch recht viele Verluste zu beklagen. Peter Richter schrieb gerade recht treffend in der SZ, die Band habe wohl inzwischen „mehr Passionszyklen vertont als Bach“ und gäbe es nicht die Familie Ramone als unfreiwilligen Gradmesser, sie würden wohl den Spitzenplatz in dieser bizarren Statistik belegen.

Im Jahr 2018 nun ist ihr Freund und Manager Nick John an den Folgen einer Krebserkrankung verstorben, ein Einschnitt, der maßgeblich zur Ausrichtung dieses Albums und zur nachhaltigen Gemütslage der Musiker generell beigetragen hat. Zwar stammt der Titel der Platte aus der Romanvorlage des Erfolgsfilms „Vom Winde verweht“, für Mastodon erschienen diese drei Worte aber vor allem als die passendsten, die traurigen Momente am Sterbebett des Gefährten zu umschreiben: „Zum Schweigen gebracht und düster“. Dass John zudem auf dem Cover der Platte eine zentrale Würdigung erfahren hat, erscheint da fast selbstverständlich. Sterblichkeit, Verlust, Trauer und Wut spielen denn auch und gerade auf diesem (sorry, plattes Wortspiel) Mammutwerk eine zentrale Rolle, den direktesten Bezug stellen die vier später im fast balladesken Stück „Had It All“ her, wo der Abschied von John nochmals durchlitten wird – dankenswerterweise für uns Zuhörer mit einem phänomenalen Gastsolo des Soundgarden-Gitarristen Kim Thayil.



Mastodon waren und sind bekanntlich nie eine Band für die Puristen und Ultraorthodoxen unter den Schwermetallern, ob nun Progressive, Sludge, Stoner- oder Mathrock, sie wollen nie nur einem Subgenre genügen und finden so auch abseits der eingetretenen Pfade viele Anhänger. Und weil sie an diesem Credo zu Glück nicht rütteln lassen und zudem der Weisheit „Gut Ding will Weile haben“ huldigen, ist dieses achte Album nicht nur ihr monumentalstes, sondern zugleich wohl auch vielschichtigstes und bestes geworden. Troy Sanders, Brent Hinds und Brann Dailor wechseln sich in gewohnter und immer wieder erstaunlich stimmiger Manier am Mikrophon ab, die Tempi variieren ebenso klug wie die Charaktere der Stücke und trotz aller überraschenden Effekte und Umschwünge bleiben Mastodon von angenehmer Härte und Konsequenz.



Einzelne Titel aus einem Album herauszuheben, dass so gut wie keine Schwachstellen kennt, ist da fast unmöglich, Favoriten kann man dann aber doch ausmachen: Die Hinwendung der Amerikaner zu den ausufernden Instrumentalparts im Geiste David Gilmours und Pink Floyds beispielsweise ist uneingeschränkt zu begrüßen – gleich mehrmals („The Crux“, „Skeleton Of Splendor“, „Eyes Of Serpents“ und „Gigantium“) lassen sie die Gitarren derart von der Leine und tun sehr gut daran. Der Einsatz verzerrter Orgeltöne (wie u.a. im fabelhaften, gut achtminütigen „Gobblers Of Dregs“), fernöstlicher Melodien, das Verbauen von Unmengen an bleischwerer Riffmasse, aber auch die derbe Direktheit von „Pushing The Tides“ und der lässig treibende Groove eines „Sickle And Peace“ – all das ist kunstvollster, betörender Lärm und in der Summe schlicht umwerfend. Entstanden ist hier ein aus der Tragik persönlicher Erfahrungen geschöpftes Meisterwerk, von dem es in einer Dekade wohl nur sehr wenige gibt und geben wird.

Montag, 8. November 2021

Sunn O))): Für den Heimgebrauch

Gerade erst war von einem mutigen, wenn nicht sogar übermütigen Charly Hübner zu lesen, der in seinem gerade erschienenen Büchlein über seine Liebe zu den britischen Motörhead unter anderem schreibt, er habe im Berliner Berghain allen Ernstes versucht, am Ordner ohne die Mitnahme von bereitliegenden Ohrstöpseln vorbeizukommen - auf einem Konzert von Sunn O)))! Haha, das haben an gleicher oder anderer Stelle schon viele vor ihm versucht und sind kläglich gescheitert. Was den Jungen gleich noch eine Ecke sympathischer macht. Für die heimische Stereoanlage sind solche Hilfsmittel bekanntlich nicht von Nöten, ein Grund mehr, sich frohgemut die für Januar angekündigte Liveplatte der Drone-Metaller "Metta, Benevolence BBC 6Music: Live On The Invitation Of Mary Anne Hobbs" zuzulegen. Bestellbar ist diese u.a. auf dem hauseigenen Southern-Lord-Label, zu hören sind die drei Stücke "Pyroclasts F", "Pyroclasts C#" und "Troubled Air", bei den beiden ersten Tracks stand im Übrigen auch Anna von Hausswolff mit auf der Bühne.



Sonntag, 7. November 2021

Warm Graves: Verdunklung

Das betonen sie dann aber schon sehr deutlich: Warm Graves is a band. So steht es auf der Website, so steht es auch in der Bio des Netzarchivs Discogs. Aber sonst sucht man die Mehrzahl eher vergebens, denn eigentlich wird immer vom Projekt des Leipzigers Jonas Wehner gesprochen, seine beiden Mitstreiter Jared Wyatt und Zar Monta Cola bleiben in der Regel unerwähnt. Nun, sie werden das wohl intern regeln können, kann ja auch sein, dass keiner der drei eitel genug für Missstimmigkeiten ist. 2014 hat die Band jedenfalls ihr Debütalbum "Ships Will Come" abgeliefert, dunkle, aber eher weiche Synthmelodien, dazu chorale Gesänge - sehr eigen, das alles. Jetzt steht ganze sieben Jahre später der Nachfolger an, "Ease" soll er heißen und wenn die Platte dann am 25. Februar 2022 bei Fuzz Club erscheint, werden alle feststellen können, dass sich einiges geändert hat. Noch dunkler, härter auch klingen nun die Tracks, es geht ein Stück weit in Richtung Cold Wave und auch die Chöre sind verschwunden, man hört nur noch Wehners Gesang. Der erste Vorabsong "Neon" dauert gleich mal knapp neuneinhalb Minuten, das kunstvolle Video stammt von Samuel Quinn.

20.11.  Mannheim, Maifeld Derby
25.11.  Berlin, Monarch




Mandy, Indiana: Kaum zu fassen

Es hat ein wenig gedauert, aber so ist es nun mal mit manchen Dingen - man schiebt angeblich Dringenderes vor, und doch hat sich ein Beat, eine Stimme, ein Song in's Hirn eingegraben und lässt nicht mehr locker. Bis er eben hier, mehr zur Selbstbestätigung, doch noch vermerkt wird. "Bottle Episode" heißt er also der Track und beginnt mit reichlich Trommelwirbel und geheimnisvollen französischen Versen, die sich dazuschleichen, bis der Beat einsetzt und alles wieder ganz anders wird. Das Stück stammt von Mandy, Indiana, einem schwer zu fassenden Trio aus Manchester, das vormals Gary, Indiana hieß und gerade seine neue EP veröffentlicht. Was das also ist? Nun, Industrial, Post-Punk, Rave, such dir was aus - es ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass dich die düsteren Rhythmen packen und nicht mehr loslassen, egal ob nun bei besagter Single oder den früheren Stücken "Alien 3" (auch als Remix von Daniel Avery) und "Nike Of Samothrace". Den Nukleus der Band bilden Valentine Caulfield, in Paris geboren und somit für die französischen Lyrics verantwortlich, und Gitarrist Scott Fair, später kam Liam Stewart an den Drums hinzu und gemeinsam werkeln sie nun an einem seltsam faszinierenden Gemisch aus britischer Ravekultur und französischem Extremkino von Leos Carax und Gaspar Noe. Letzteres lässt sich in den spektakulären Videos der Band bestaunen, die komplette 12" erscheint am 19. November u.a. beim Label Fire Talk.









Samstag, 6. November 2021

Jennylee: Doppelte Vorfreude [Update]

In der vergangenen Tagen gab es zumindest in Hamburg, Berlin und Köln einige Jubelschreie zu vernehmen - verständlich, schließlich kommen im Mai nächsten Jahres die Damen von Warpaint in den besagten Städten auf ein Konzert vorbei. Nachdem im April mit "Lilys" ja schon der erste neue Song der Band erschienen war, nährt das natürlich die Hoffnung auf ein weiteres Album des kalifornischen All-Girl-Quartetts. Nun könnte es allerdings durchaus sein, dass Bassistin Jenny Lee Lindberg sogar etwas schneller im Regal ist, schließlich veröffentlichte sie gerade ihre eigene aktuelle Solosingle "Newtopia", die ihrerseits wieder auf einen Nachfolger des Debüts "Right On!" aus dem Jahr 2015 spekulieren lässt. Aber ob nun Warpaint oder Jennylee, die Vorfreude ist dann halt einfach doppelt so groß, egal wer am Ende die Nase vorn hat.

Update: Für die dazugehörige Flipside "Clinique" hat, so ist zu lesen, die komplette Band mit angepackt. Wozu hat man denn sonst seine Freundinnen?



Gewalt: Im Fegefeuer

Gewalt
„Paradies“

(Clouds Hill Records)

Lustig? Nein, lustig ist hier mal gar nichts. Obwohl – Patrick Wagner, dem zornigen, aber grundsympathischen Schreihals und Frontmann der Band Gewalt, wäre auch das noch zuzutrauen. Schließlich ist ihm nichts mehr zuwider als Langeweile und Stumpfsinn, Hauptsache es bewegt sich was, in welche Richtung auch immer. Doch wenn schon nicht lustig, dann ist das zumindest unfreiwillig komisch, dass also eine Band, die das Deutsche so ostentativ verabscheut wie das Berliner Quartett, deutscher nicht klingen könnte. Also nach zackigem Stechschritt, nach Drill, mit Worten, gebrüllt wie Kasernenkommandos, schmerzhaft wie Peitschenhiebe. Überhaupt: Schmerz. Um den geht’s bei Gewalt, bei Wagner vordringlich. Wer Schmerz spürt, ist am Leben, bewegt sich, instinktiv. Alles andere zählt nicht. Das mag jetzt vielleicht kein originärer Ansatz sein, vor Gewalt gab es schließlich schon viele, die sich an der Körperlichkeit und Unbedingtheit menschlicher Existenz abarbeiteten –und doch ist es neu, ist es hierzulande einzigartig, was Wagner zusammen mit Helen Henfling an der Gitarre, der wunderbaren Jasmin Rilke am Bass und Schlagzeuger LMMS da veranstaltet.

Suicide also, D.A.F., Atari Teenage Riot vielleicht und auch die allzeit sträflich unterschätzten Public Image Ltd., all diese Querverweise lassen sich aus den zehn neuen und den elf nicht mehr ganz so aktuellen Songs, die zu diesem herrliche Doppelalbum gehören, herleiten. Die Zusammensetzung aber, die Verkantung der Zutaten zu diesem furchterregenden, überwältigenden Sound lässt einem, hört man ihn in dieser Massierung, den Atem stocken. Die bösen Maschinenbeats von „Gier“, das mächtige stampfende Intro der Single „Es funktioniert“ (das man so ähnlich vielleicht schon mal bei The Art Of Noise gehört haben will), die wild kreischenden Gitarren von „Stirb es gleich“ oder der Bass, der bei „Stumpfer werden“ direkt in die Magengrube zielt. Gewalt kennen keine Gnade – dieses Album kommt als eine Art musikalisches Ultimate Fighting daher und gibt erst Ruhe, wenn der Gegner erschöpft am Boden liegt - Kapitulation.

Gegner ist genaugenommen natürlich schwierig, denn es ist nicht anzunehmen, dass die Adressaten von Wagners verbaler Wut jemals eine Zeile davon zu hören bekommen: Die öden Spießer also, die Kontrollfreaks, Wohlstandsbewahrer und Änderungsverweigerer. Draußen ist immer noch feindlich, da ist er ganz in den 80ern bei Blixa Bargeld und dem infernalischen Gesplitter der Einstürzenden Neubauten. Draußen sind die anderen Menschen, da will er nicht hin, denn die tun ihm nicht gut. Die verstecken die Abweichler in geschlossenen Zellen und erklären sie zu hoffnungslosen Fällen, zu Irren. Doch wer gehört dazu? Wer ist normal und wer verrückt? Und wo ist es, das versprochene „Paradies“ – ist es außerhalb der Mauern oder doch hier drinnen? Unerbittlich ist er, der Wagner, Selbsthass ist ihm vertraut. Denn er weiß, dass er und wir alle, die wir gern mit dem Finger auf andere zeigen, ebenso schuldig sind, dass wir mit dazu gehören zum ganzen Schlamassel. Einzig diese Erkenntnis verspricht, wenn schon keine Rettung, so doch wenigstens die Linderung der Schmerzen. Eine Platte wie ein Fegefeuer – wildes Geheul, weiße Glut, keinerlei Hoffnung. Und doch, ganz zum Schluss, in der Stille zwischen Nacht und Tag, um „3:35“, da entdeckt Wagner die Liebe. Und erzählt uns von ihr, zum Trost.

Donnerstag, 4. November 2021

The Ninth Wave: Wut im Bauch

Über die Bedeutung und Wirkung von Bildern müssen wir hier sicher niemanden mehr aufklären, auch eine Band wie The Ninth Wave aus Glasgow weiß Bescheid, welchen Effekt sie mit dem Video zu ihrer neuen Single "What Makes You A Man" erzielt. Kontrastreiche, monochrome Bilder, hart geschnitten, abgefuckte Location, dazu die geschredderten Gitarren und das frostige Gesicht von Millie Kidd - hier ist etwas nicht in Ordnung, sagt uns der Clip von Rianne Withe. "‘What Makes You A Man’ is as claustrophobic as it is cathartic. It’s a journey of self deprecation, and how one event can be such a throwaway meaningless action for one half but be life changing for the other. I don’t want to blame myself for the degrading actions of others anymore - I want to stand up to this shame I hold with me, and recognise that it is not mine, I’m just the one carrying it", so die Sängerin. Und weiter: "It’s a hard one to swallow, but it’s a situation most of the women I know have been in. To be a ‘man’, do you have to dominate? To face your own mistakes, to look at yourself and admit that you were wrong - does that make you more of a man? So what does that make me?" Fünfzehn Stücke wird das zweite Album der Formation, das unter dem Titel "Heavy Like A Headache" am 11. März bei Distiller Records erscheinen wird, enthalten und es ist anzunehmen, dass der vorliegende Song nicht der einzige mit Wut im Bauch sein wird. Nach dem Debüt "Infancy" hatten die vier 2020 die EP "Happy Days!" veröffentlicht.

Mittwoch, 3. November 2021

Alt-J: Andere Prioritäten [Update]

Die Zeit ändert die Menschen, wer wüßte das nicht. Manchmal sind es nur Äußerlichkeiten, manchmal das ganze Leben. Beim britischen Trio Alt-J sind es zunächst einmal die Frisuren. Noch im Frühjahr waren die Joe Newman, Gus Unger-Hamilton und Thom Green auf Promobildern im trendigen Kurzhaarlook zu sehen, nun scheinen sie etwas verwildert. Müsste man eine Pointe daraus spinnen, dann haben sie wohl all ihr Wollen und Können auf das neue, vierte Album "The Dream" gerichtet, das am 11. Februar 2022 bei Infectious Music erscheinen soll - da waren dann andere Dinge eben sekundär. Und geht es nach der aktuellen Single "U+ME", dann hat sich diese Art von Priorisierung durchaus gelohnt. Denn das psychedelisch angehauchte Stück groovt schwer zu den verrückten Bildern von Prosper Unger-Hamilton, dem Bruder des Keyboarders. Soll heißen: Alles ruft hier Erwartung und Spannung, wir werden sie auf alle Fälle im Blick behalten. Das hatten wir beim Vorgängeralbum "Relaxer" auch nicht anders gehalten und sehr gut daran getan.

Update: Für die zweite Single "Get Better" gibt es zarte Gitarren und eine fest schon antike Pixelparade der Regisseurin Stefanie Grunwald (Moertel).



Idles: Energischer Kriechgang [Update]


Es muss tatsächlich für eine/n Musiker*in ein komisches Gefühl sein, eine Platte im Kasten zu haben, aber sie nicht auf die Bühne bringen zu können/dürfen. Die Idles aus Bristol sind beileibe nicht die einziegn, die mit solchen Problemen zu kämpfen hatten - im vergangenen Jahr ist ihre dritte Studioplatte "Ultra Mono" erschienen, Pandemie und Lockdown hinderten die Band allerdings daran, die Stücke in aller Ausführlichkeit auch live zu präsentieren. Was, nebenbei bemerkt, für Joe Talbot und Kollegen vielleicht noch etwas schwerer war, denn die Auftritte vor Publikum sind nun mal ihrer wahre Währung. Um so überraschender jedenfalls, dass die Band heute mit der Nachricht aufschlug, am 12. November via Partisan Records schon den nächsten Longplayer ins Regal stellen zu wollen - "Crawler" (Coverart unten), so der Titel, kommt mit der Single "The Beachland Ballroom" im Schlepptau, einem langsamen, tatsächlich fast kriechenden, Grower. Songschreiber Mark Bowen, gerade bei Steve Lamacq am Mikrophon, meinte, das Stück stände für essentiell das, was die Idles ausmachen würde, einen Soul- oder Elektroniksong würden sie ohnehin nicht hinbekommen. Gibt es nichts gegen einzuwenden - wir bleiben einfach dran.

Update: Wie von der Band angekündigt, gibt es für die neue Single nun auch ein weiteres Video - hier kommt "The Beachland Ballroom, Part 2" und auch gleich noch den nächsten Song "Car Crash".




Spiritualized: Raumdeutungen

Schon komisch, dass bei allem Gewunder und Gebrabbel über den Segen der nunmehr auch privaten Reisen ins Orbit neben den gottgleich gehandelten Herren Bezos, Musk und Branson nie der Name Pierce fiel. Und dabei hat sich Jason Pierce, von dem wir hier reden, als Gründer der Band Spiritualized durchaus verdient gemacht um die Raumfahrt, zumindest im musikalischen Sinne. Denken wir nur an so ein wundervolles Album wie das 1997 erschienene "Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space" oder die Compilation "The Space Project" aus dem Jahr 2014. Auf dieser fand sich unter anderem auch ein Song namens "Always Forgetting With You (The Bridge Song)", den Pierce just dieser Tage zum Aufhänger für seine gerade angekündigte neue Platte "Everything Was Beautiful" nimmt. Dort nämlich findet sich als Eröffnung das Stück "Always Together With You" und das ist nichts weniger als ein Wiedergänger des Liedes von besagtem Sampler. Aber keine Sorge, wenn wir richtig gelesen haben, dann finden sich auf dem neuen Werk auch noch sechs taufrische Kompositionen, mit "Let It Bleed" auch eine mutmaßliche Hommage an Iggy Pop und die Stooges. Pierce selbst übrigens hat mit dem neuen Titel jenes berühmte Zitat des Autors Kurt Vonnegut vervollständigt, das er für seine letzte Platte "And Nothing Hurt" schon angerissen hatte.



Laura Lee And The Jettes: Kein Aufschub mehr [Update]

Da mussten selbst wir kurz mal nachschauen, damit bei allem Überschwang nicht doch noch ein falscher Zungenschlag reinkommt: Heute ist nämlich eine neue Single von Gurr-Mitbegründerin Laura Lee und ihrer neuen Band, The Jettes, erschienen und weil in Zeiten wie diesen nichts ohne erklärendes Statement geht und ja auch bald das Album "Wasteland" ansteht, gab Lee Folgendes zu Protokoll: "Die Situation in den letzten 1,5 Jahren war fürchterlich. Aber ich glaube, ohne diesen Lockdown und die damit einhergehende komplette Stille des öffentlichen Lebens hätten wir das Album nicht auf diese Weise machen können. Wir waren so konzentriert, durch nichts abgelenkt oder irgendwie in Versuchung, zu prokrastinieren. Ich glaube, diese Aufmerksamkeit hört man den Songs auch an. Alles ist sehr ausgetüftelt, sowohl von Arrangement Seite als auch von den Sounds." Nun also, 'Prokrastinieren' hat nichts mit gesundheitlichen Problemen alter Männer zu tun, sondern meint das mögliche Aufschieben von notwendigem Tun. Haben sie demnach nicht gemacht, sondern tatsächlich alles eingetütet und so erscheint dann am 26. November unter Mithilfe von Die-Nerven-Mastermind Max Rieger bei Duchess Box Records das Studiodebüt. Im September vergangenen Jahres haben wir hier ja schon einige Songs präsentieren können, (ob) welche davon auf der Platte landen, wird man sehen. Hier jedenfalls erst mal der Neuling "Absolut".

Update: Krautrock können sie also auch - hier kommt mit "Caterpillar" die zweite Single ... gleich noch gefolgt von Single Nummer drei "Craigslist Boy". 

22. bis 25.09. Hamburg, Reeperbahn Festival
19.11. Berlin, Synasthesie Festival





Pauls Jets: Jets ist anders [Update]

War's das jetzt? Also mit dem Austropop-Hype 2.0? Wanda verlieren sich bei allem Respekt im Beliebigen und Schlagerhaften, Bilderbuch geizen mit neuem Material, Voodoo, Nino, Granada, nun ja. Die erste Reihe ist also etwas aus dem Takt, Grund genug für den Nachwuchs, eine kleine Meuterei anzuzetteln. Und wer wäre dafür besser geeignet als Paul Buschnegg und seine Kombo. Nach "Alle Songs bisher" und "Highlights zum Einschlafen" hat das Quartett nämlich gerade die lange geplante Übernahme einer wertvollen Fan-Klientel angekündigt - der Jazz-Fans. Diese nämlich sind intelligent, belesen, finanziell in der Regel bestens ausgestattet und verfügen über einen erlesenen Geschmack. Von der Neo-Spießigkeit des Genres bzw. seines Anhangs wollen wir jetzt mal schweigen, Fakt ist, dass Pauls Jets beim ausgewiesenen Jazz-Label Staatsakt aus Berlin einen Plattenvertrag unterzeichnet haben und dort am 18. Februar 2022 ihr neues Album "Jazzfest" herausbringen werden - das Video zum Titelsong schicken sie schon mal voraus. Und weil die einschlägigen Jazzfestivals im kommenden Jahr schon ausgebucht waren, spielen sie halt einfach eine stinknormale Tour als Support von Isolation Berlin mit den nachfolgenden Terminen:

01.03.  Augsburg, Kantine
02.03.  Freiburg, Jazzhaus
04.03.  München, Technikum
05.03.  Zürich, Bogen F
06.03.  Stuttgart, Im Wizemann
08.03.  Frankfurt am Main, ZOOM
09.03.  Düsseldorf, Zakk
10.03.  Bochum, Rotunde
11.03.  Münster, Gleis 22
12.03.  Köln, Gebäude 9
14.03.  Hannover, Béi Chéz Heinz
16.03.  Leipzig, Conne Island
17.03.  Kiel, Die Pumpe
18.03.  Hamburg, Mojo Club
19.03.  Rostock, Peter Weiss Haus
24.03.  Dresden, Beatpol
25.03.  Berlin, Festsaal Kreuzberg

Update: Und hier kommt ein weiterer Song zum Warmwerden - "So richtig in Love".



Sonntag, 31. Oktober 2021

GEWALT: "Wenn sich nichts bewegt, ist's Scheiße!"

Foto: Patrick Tjorven Stein
„Wenn man sich mit Gewalt nicht auskennt, 
sollte man sich so weit wie möglich davon fernhalten."

Was für ein Satz! Die unfreiwillige Komik bekommt er natürlich erst deshalb, weil der, der ihn sagt, Patrick Wagner, Sänger der Berliner Band Gewalt, ist. Und weil der Satz genaugenommen gar nicht von ihm stammt, sondern an ihn gerichtet ist und zwar von seinem irischen Freund Isaac, ausgesprochen in einer klirrend kalten Winternacht im wilden Osten des Berlins der 90er. Der Nachtbus war den beiden Abenteurern gerade vor der Nase weggefahren und wie es der Teufel (und nur der) so will, begegneten sie auf dem Heimweg einer Horde prügelwilliger Naziskins. Wir wollen nicht vorgreifen, denn den Hergang der Episode mit dem Titel „Wir waren Könige“ erfährt man im Buch „Paradies: Gewalt“, dem Buch also, das Wagner zum Release des gleichnamigen Debütalbums geschrieben hat. Die Texte teils als Ergänzung zu den Songs der Platte, teils als eigenständige, biografische Kurzgeschichten. Schonungslos ehrlich, hart und doch auf ihre Weise auch sehr poetisch, ganz so, wie die Lieder von Gewalt eben funktionieren. Man kann sich eine Auswahl auch im Netz anschauen, kleine Filme kurzer Lesungen an kuriosen Orten, one take adventures mit reichlich Nebengeräuschen, ohne Drama, ohne Schnickschnack und doch mit viel Liebe und winzigen Überraschungen am Rande. Wagner sagt, er müssen das aufschreiben, weil so viel übrig sei hinter den Texten der Lieder, so viel Leben hintendran hängen würde, das aufgeschrieben und wie hier (mit ungewohnt unsicherer Stimme plötzlich) vorgelesen gehöre. Alles muss raus also, wie bei Gewalt eigentlich immer. Fragen deshalb an den Autor, Texter, Sänger, Performer … 

Wie fühlten sich denn die Lesungen bei den Konzerten an?
Ich trete ja bei den aktuellen Konzerten als eigene Vorband auf, lese also vor dem Konzert…

Zwischendrin würde es wahrscheinlich ohnehin nicht funktionieren, wäre der Kontrast wohl zu groß?
Nein, das wäre nicht zu schaffen, auch weil das Lesen ehrlich gesagt ähnlich kraftraubend ist wie die Musik. Grundsätzlich versuche ich, das schon eher ruhig zu machen, aber manchmal geht es auch da mit mir durch. So einen Text wie „Manchmal gehe ich unter Leute“, den habe ich jetzt Wien und Hamburg gelesen und musste beide Male weinen. Das ist okay, das ist dann eben so. Gemerkt hat das wohl keiner, aber mir war sofort klar – ups, da ist er, der Schmerz. Und genauso schreibe ich auch, kucke, wo sich etwas bewegt bei mir und notiere das dann sofort. Wenn sich nichts bewegt, ist’s Scheiße.

Das merkt man auch sehr beim Lesen. Ich denke da nur an die Geschichte „Wir waren Könige“, die mich zum einen etwas an Clemens Meyers „Als wir träumten“ erinnert hat und auch an eine ähnliche Begebenheit, wie ich sie selbst in Berlin zu dieser Zeit erlebt habe …
Ja, das ist ein bisschen so wie eine untold story. Jeder hat ja ein Bild von der Zeit und dem Osten Berlins, von der wilden Clubszene und so – aber eigentlich war das ja ganz anders, eher trist und fast postapokalyptisch. Und das wird irgendwie nie erzählt. Man wusste ja auch nicht, was da los war, niemand im Westen wusste das – und da konnte man sich dem entweder ergeben und sagen: ‚Das ist nichts für mich‘, aber für mich war das was, ich wollte und mochte das.

Auch der Text zu „Deutsch“ vor dem Bundeskanzleramt ist mir sehr im Gedächtnis geblieben …
Entscheidend ist hier natürlich, dass ich mich da selber so reinwerfe. Denn wenn man mal genau draufschaut, ist man halt, wie so oft, selbst der Schlimmste von allen. Es ist ja immer leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen, wir machen das ja alle immer gern. Aber wenn ich auf mich selbst schaue, da sehe ich eben auch so unglaublich viel Enge.



Du hast die Zuhörer*innen/Zuschauer*innen bei der Aufnahme der Kurzfilme an den unterschiedlichsten Orten bewusst die Imperfektion, vielleicht auch manchmal dein Unwohlsein, deine Nervosität spüren lassen, war das Absicht?

Das war wirklich ganz bewusst. Es sollte überhaupt nicht glatt wirken. Es ist ja so, dass man sich bei allem, was man macht – bei mir also die Musik, die Texte, jetzt auch noch das Buch – immer die Frage stellt, warum man das alles macht. Aber diese ganze Aktion, die wir für diese Onlinelesungen da zusammen gemacht haben, an drei Tagen zehn Locations mit diesem total jungen Team, das war superanstrengend, aber eben auch wirklich wunderschön. Und dafür macht man das! Egal, ob das jetzt jemanden interessiert, ob sich das jemand anschaut – diese Momente, die wir da miteinander hatten, sind unbezahlbar.

Die Lust am Ausprobieren war tatsächlich immer spürbar…
Man darf ja auch nicht vergessen, dass es dieses Format sonst nicht gibt, dass man also versucht, die Texte, die man liest, auch noch in die Bilder der Umgebung zu übersetzen. Sonst sieht man ja eher Ohrensessel und Vorleser – aber wir haben uns echt stundenlang Gedanken gemacht, wie man das jetzt in Szene setzen kann. Und dann versuch mal, an einem Samstagabend eine Running-Sushi-Bar zu finden, die erlaubt, dass ich mich mit meinem Anzug da ans Band setze und und laut lese!

Zur Platte selbst: Zählt „Paradies“ denn überhaupt für Euch noch als Debütalbum? Nach so vielen Singles über all die Jahre – hat das dann noch diesen Stellenwert, ist das dann noch so etwas Besonderes?
Das ist unser Debüt, das eigentlich ein Best-Of ist, aber ja, das fühlt sich für uns alle immer noch so an. Und wir sind wahnsinnig aufgeregt, weil wir nicht wissen, ob das jemand mag …

Aber das kann doch jetzt nur Koketterie sein …
… Nein! Wirklich nicht, Null Komma Null! Wir selbst wissen natürlich schon, dass es total großartig ist, selbst die Stücke, bei denen wir uns am Anfang eher unsicher waren. Wir haben ja ganz bewusst in ganz kurzer Zeit die Lieder geschrieben und dann gleich komplett live im Studio eingespielt. So also, dass es auch für uns aufregend ist und nicht alles so klingt wie bei anderen Bands, die lange hinarbeiten und proben. Wir wollten es wie in den Siebzigern mit allem Drumherum, auch dem Gesang, an einem Stück aufnehmen und sind im Nachhinein total glücklich, weil genau diese Energie auch herauszuhören ist.
 

Du schreibst ja in den Notizen zur Veröffentlichung davon, die Platte sei wie das Schiff, das Kinski in „Fitzcarraldo“ durch den Urwald ziehen lässt – wahnwitzig, überfordernd, zügellos. Meint das diese Aufnahme für Dich?
Ja, genau das war die Idee dabei. Dass man sich selber angreifbar macht und nicht einfach nur Dinge im Studio abarbeitet.

Ich lese da auch eine gewisse Sehnsucht nach Planlosigkeit und Kontrollverlust heraus?
Ja, das fehlt mir heute total, das ist für mich eines der wichtigsten Elemente des Lebens. Inzwischen können Menschen nicht einmal mehr miteinander telefonieren, ohne sich vorher dreimal zu überlegen, was denn wohl herauskommt bei dem Gespräch, vom Treffen ganz zu schweigen. Neulich hat ein Freund einfach bei mir daheim an der Wohnungstür geklingelt – und ich war schockiert! Kann man sich kaum vorstellen …

Und da hat die Pandemie sicher noch ein Übriges zu getan ...
Ja natürlich, noch mehr wollen wir vorher wissen, was passiert, was kommt dabei raus, im besten Fall – was kommt dabei für mich selbst raus.

Du hast, das kann man wohl sagen, keine besonders hohe Meinung von der Spezies Mensch und Du nimmst Dich selbst da auch nicht aus?
Es gibt da schon beide Seiten, ich bin in der Hinsicht eher zwiegespalten. Ich liebe den Menschen, und ich versuche ihn auch so zu sehen, dass ich immer wieder naiv und unvoreingenommen auf ihn zugehe. Aber ich werde genauso oft und immer wieder von ihm enttäuscht. Deshalb dann ein Text wie „Stumpfer werden“.



Aber gibt es dennoch Momente, wo Du positiv überrascht, ja vielleicht überwältigt wirst?

Ja schon, beispielsweise beim kreativen Arbeiten, wie vorhin beschrieben, da passieren solche Dinge. Oder die Tage in Wien, wo wir tagelang aufgenommen, viel geredet, viele Menschen getroffen haben. Andere würden sagen, dass das vor allem harte Arbeit ist, aber wir haben das schon auch als Geschenk empfunden, eine sehr intensive Zeit. Das gibt es immer wieder, der Funken glimmt also noch. Wenn man keine Erwartungen hat, geht es einem natürlich besser. Aber man hat sie halt trotzdem …

Und die Enttäuschung gehört dann mit dazu, genauso wie die Freude?
Ja. Ich denke mir, wenn man etwas will vom Leben, muss man halt auch bereit sein, sich reinzuschmeissen, der Typ bin ich eben. Ich habe so was Christoph-Schlingensief-haftes, den Willen, erst mal alle Energie reinzugeben. Und wenn dann nichts zurückkommt, dann ist das so. Und dann tut das weh, aber dann schaust du, was der Schmerz mit dir macht – und schon ist da der nächste Punkt, der interessant ist. Die Alternative dazu ist: Du liegst nur im Bett und kuckst Netflix. Da bist du auf der sicheren Seite, das kannst du ewig machen, kannst dich immer weiter runtergraden und dich dann irgendwann über Squid Games freuen.

Du scheinst mir ein sehr rigoroser Mensch zu sein, sehr klar in seinen Entscheidungen. Gibt es für Dich Sachen, die unverhandelbar sind – nicht nur musikalisch, sondern generell?
Also eines, das ich aus meinen tausend Jahren Leben gelernt habe: Ich möchte nichts mehr mit Idioten zu tun haben. In dem Moment, wenn sich jemand als solcher offenbart – und das geht in der Regel recht schnell – dann bin ich da einfach raus, egal ob er mir etwas bringt oder nicht. Weil ich weiß, dass mich das unglücklich macht. Was die Musik und die Texte angeht, da möchte ich zu keiner Sekunde beliebig sein. Entweder es macht mich glücklich oder verschafft mir eine Gänsehaut, bewegt etwas – oder ich lass es einfach bleiben.

Foto: Patrick Tjorven Stein


Also lieber einen Song weniger als einen schlechten …
Ja, unbedingt. Das ist überhaupt kein Problem. Und das ist dann natürlich auch eine gewisse Arroganz, die man mir gern vorhalten kann. Aber wir schulden als Band überhaupt niemandem irgendwas, nur wir müssen selber glücklich sein.

Deshalb vielleicht auch die Singles als Ausdrucksform?
Möglich. Am Anfang hat uns natürlich jeder gefragt: Warum macht ihr das denn so, seid ihr verrückt? Wenn ihr kein Album habt, dann könnt ihr doch nicht touren. Und wir: Ja, dann touren wir halt nicht. Und am Ende waren wir jedes Jahr weit mehr unterwegs als andere. Und jetzt fragen uns die gleichen Leute: Warum macht ihr denn ein Album, das ist doch gar nicht mehr zeitgemäß? Aber diese Frage interessiert uns gar nicht! Wenn es nach der zehnten Single nicht mehr spannend ist, machen wir halt etwas anderes. Es sind also keine strategischen Überlegungen, die uns zu den Entscheidungen bringen, sondern eher die Überlegung: Was bewegt uns?

Da hilft es natürlich auch, independent, also unabhängig zu sein?
Absolut. Es gibt da keinerlei Masterplan, wir haben uns nichts Spezielles vorgenommen. Das Einzige, was wir als Band versuchen wollen, ist, eine gute, eine außergewöhnliche Zeit zu haben. Weil unser aller Leben in der Regel total langweilig ist – das ist okay, aber die Musik gibt uns die Möglichkeit, daraus für eine Zeit lang auszubrechen. Gerade planen wir beispielsweise eine Tour durch Osteuropa, wir werden also zum Beispiel in Bukarest spielen! Da war ich noch nie. Das ist vielleicht ein bisschen so wie Berlin in den Neunzigern und ich bin mir ganz sicher, dass dort etwas passieren wird.

Ungewöhnlich ist die Platte jedenfalls allemal.
Ja, das fing ja schon mit der Produktion an: Dass sich einer der Top-Leute wie Alexander Almgren aus New York meldet und fragt, ob er was mit uns machen kann, ist ja eh schon unglaublich. Ich habe ihm dann, noch etwas skeptisch, einen Song geschickt und ein paar Stunden später schon kam etwas zurück – und das war richtig gut gemischt. Almgren sagte, er sei mit siebzehn in Berlin gewesen, habe dort ganz viel Beton und eben auch Aphex Twin gesehen und genau daran habe ihn unser Sound erinnert. Und so habe er die Aufnahmen dann klingen lassen. Und ich spür das! Und auch das Cover …


… das aussieht wie eine organische Figur?
Genau, eine organische Figur, die total seelenvoll wirkt, die man aber nicht versteht. Für mich ist das ein Sinnbild für uns alle, so sind wir Menschen, wir raffen gar nichts. Wenn man das Cover dann auseinanderklappt, sieht das so ein wenig wie Hieronymus Bosch aus. Ich meine, Cameron Michel, von dem das Bild stammt, verkauft sonst Bilder und Collagen für richtig viel Geld und dann gibt er uns das einfach, weil ihm gefällt, was wir machen! Da sind wir dann wieder bei dem besagten Funken, bei den positiven Überraschungen. Die neuen Songs scheinen noch härter, noch kantiger, klarer zu sein – mehr Industrial, mehr Elektronik, wie würdest Du ihren Charakter definieren? Das ist total lustig, weil wir das als absolute Popmusik empfinden, ganz hart am Schlager.

Ähh – okay!?

Nee, jetzt mal ernsthaft: Entscheidend ist für mich das Gefühl, dass vor uns sowas noch niemand gemacht hat. Ich denke manchmal wirklich, dass wir diese Musik erfunden hätten! Klar, die dockt schon irgendwo an, in den 80ern, irgendwo bei PIL vielleicht, aber die Art, wie wir damit umgehen, wie wir Musik und Texte zusammensetzen, das ist für mich tatsächlich neu. Wenn ich zum Beispiel Jasmin [Rilke] bei „Manchmal gehe ich unter Menschen“ höre, wie sie singt: “Wir sind mechanisch, wir sind zerbrechlich!“, das hat für mich so viel Stärke …

… da muss ich Dir gestehen, dass ich beim ersten Mal, wo ich das Lied noch ohne Textvorlage gehört habe, immer statt „mechanisch“ komischerweise „McDonalds“ verstanden und es überhaupt nicht kapiert habe!
Haha, da bist du tatsächlich schon der Zweite! Same, same, but different … Aber es ist ja nicht so, dass wir vorher keine Zweifel gehabt hätten. Als wir beispielsweise den Kinderchor für „Stumpfer werden“ eingespielt haben, war uns nicht ganz klar, ob das so funktioniert. Aber wir wollten es dann alle drei eben so haben und jetzt haben wir es live gespielt und die Leute sind einfach durchgedreht.

Ihr seid ja vor allem eine Live-Band. Was muss dort sein, was ist auf der Bühne – mal abgesehen von Deinem Anzug – wirklich unabdingbar?

Also wichtig ist zunächst, dass es kontrastreich ist, schwarz-weiß fast – sehr hell, sehr dunkel. Es muss laut sein und, ganz entscheidend, man muss die Texte verstehen können. Bei vielen Bands ist die Lautstärke der einzige Faktor, aber für uns muss es eben auch verständlich sein, sonst ist es leer und Quatsch. Und tanzen muss man können! So gesehen sind die Anforderungen an ein Gewalt-Konzert schon ziemlich hoch: Man soll es sehen, fühlen, verstehen können, es soll körperlich sein – und eben tanzbar. Viele Künstler picken sich daraus meist eine einzelne Komponente heraus – wir wollen das alles auf einmal haben! In den besten Momenten auf einem Konzert machen die Leute dann die unterschiedlichsten Dinge – schreien, weinen, springen und zwar gleichzeitig, in einem einzigen Augenblick. Und das ist wundervoll!

Das Debütalbum "Paradies" erscheint am 5. November bei Clouds Hill Records, in der Standardversion enthält es zehn neue Songs, in der Deluxe-Box eine weitere Auswahl von elf früheren Stücken/Singles und das Buch "Paradies: Gewalt" von Patrick Wagner, illustriert von der Berliner Künstlerin Fehmi Baumbach. 

Donnerstag, 28. Oktober 2021

Spoon: Lass knattern!

Wenn wir jetzt mal ganz ehrlich sind: Rockmusik im klassischen Sinne ist nicht gerade tot, riecht aber mittlerweile schon etwas streng. Den Indierock in allen Variationen gnädigerweise beiseite gelassen, gibt es nicht allzu viele Bands, die dem Genre noch zu Relevanz verhelfen könnten. The Black Keys vielleicht mit ihrer Spielart des Blues-Rock, die neue Single von Jack White dagegen war dann schon nicht mehr ganz so überzeugend. Aber hey, wir haben ja noch Austin, Texas. Und also: Spoon! Ja, Britt Daniel und Kollegen gibt es sehr wohl auch noch, gleichwohl liegt ihre letzte Studioplatte "Hot Thoughts" auch schon wieder ganze vier Jahre zurück - gut war sie trotzdem. Doch nun ist für den 11. Februar 2022 ihr neues Album "Lucifer On The Sofa" via Matador Records angekündigt. Und für das Video der ersten Single "The Hardest Cut" haben sich die fünf Herren gleich mal ein schönes Story-Board in Tarantino-Zombie-Optik einfallen lassen und die Gitarren knattern ebenfalls sehr schön. Produziert hat die zehn Songs übrigens Mark Rankin (Bloc Party, Adele, Queens Of The Stone Age), überdies gab Daniel zu Protokoll, er habe in der letzten Zeit viel ZZ Top gehört - wir sind sehr zufrieden.



Dienstag, 26. Oktober 2021

Little Simz: Die Mutmacherin [Update]

Little Simz
„Sometimes I Might Be Introvert“

(Age 101/Rough Trade)

Jetzt müssen wir zu Beginn doch ganz kurz mal in die Zukunft und das gemeinsam mit Sibylle Berg. Diese hat ja vor einiger Zeit eine grandiose Dystopie mit dem Namen „GRM“ geschrieben, in der es nur am Rande um Grime geht – die Musik ist hier mehr Trost und Rückzugsort der Protagonisten und weniger Hauptthema des Romans. Namen werden selten genannt, der von Little Simz aus London ist allerdings schon mit dabei. Und weil sie in dieser heraufdämmernden, endzeitlichen Utopie schon zu den Etablierten, den Superstars gehört, sind die Kommentare zu ihr eher zurückhaltend, vielleicht sogar enttäuscht. Wie schnell diese Zukunft Realität werden kann, sieht und hört man nun an dem aktuellen zweiten Album der Künstlerin. An Selbstvertrauen hat es Simbiatu Ajikawo, Spitzname Simbi alias Little Simz aus dem Stadtteil Islington seit Anbeginn ihrer Karriere noch selten gemangelt, das ist gut so und vollkommen berechtigt – insofern ist der Titel der neuen Platte natürlich schon mal einen Extrapunkt wert.



Ihr Debüt „Grey Area“ war ein Meilenstein, schon dort merkte man deutlich, dass sie unbedingt Grenzen weiten, Stile verbinden wollte, ausschließlich Grime war nicht die Lösung. Den Weg setzt sie auf „Sometimes I Might Be Introvert“ konsequent fort, es beginnt orchestral, mächtige Bläser kündigen den Auftritt an und setzen auf beeindruckende Weise den Kurs – weiblich und schwarz, darum kreist das Album, das ist die Klammer, das Anliegen, das später noch um den Wert der Familie ergänzt wird. „I’m a black woman and I’m a proud one“ – die Zeile aus „Introvert“ ist Tatsache und unverhandelbares Statement zugleich, im darauffolgenden „Woman“ fügt sie diesem zusammen mit Dauergast Cleo Sol die entsprechenden Facetten hinzu. Weniger hart dann, sondern mit souligem Groove.



Little Simz beherrscht ihr Fach, als wäre sie schon Jahrzehnte im Geschäft – die stilistischen Wechsel meistert sie mit bewundernswerter Sicherheit, sie sind die herausragende Stärke dieses Albums. Die schnellen Rhymes sind mal eingebettet in weichen, sanft federnden RnB, dann wieder zu harten Beats gesetzt wie bei „Speed“ und „Rolling Stone“, perkussive Elemente wechseln mit musicalhaften Interludes, später wendet sie sich überzeugend und in Begleitung von Obongjayar aus Nigeria dem Afropop zu. Thematisch wird in der Rückschau ihr Weg bis ins Heute nachgezeichnet, gibt es beißende Ironie („The Rapper Came To Tea“ mit Schauspielerin Emma Corin), nachdenkliche Adressen an Männer im Allgemeinen und den Vater im Speziellen (u.a. „I Love You, I Hate You“), Liebeslieder natürlich und vor allem die Mutmacher, die Aufrufe, es ihr gleichzutun, sich nicht unterkriegen zu lassen. Self-Empowerment rules, in der Tat drängen derzeit viele Künstlerinnen mit Talent nach vorne – so schnell so gut wie Little Simz war bisher noch keine.

Update: Der kenianische Filmemacher Jeremy Ngatho Cole (Cleo Sol, Young Fathers) hat ein neues Video für den Song "I Love You, I Hate You" gedreht, in welchem Little Simz die Beziehung zu ihrem Vater thematisiert.



Sonntag, 24. Oktober 2021

PVRIS: Nichts weniger als gewaltig

Okay, das könnte dann doch ganz interessant werden: Als im August die erste neue Single "Monster" der amerikanischen Elektropopband PVRIS erschien, horchte man schon auf - störrische, elektrische Gitarren spotzten zu bösen Beats und erwiesen sich zusammen mit dem Video als passende Kulisse für den grimmigen Text. Nun, ein paar Monate später, wird klar, dass Lynn Gunn nicht locker lassen wird, denn auch der nächste Song "My Way" zeugt vom Kampf mit Erwartungen, von harten Zeiten und ebenso harten Entscheidungen. Und auch wenn noch immer nicht ganz klar ist, wohin das alles führen wird - von einem neuen Album ist bislang noch nicht die Rede - es wird wohl nichts weniger als gewaltig werden.