Montag, 11. Januar 2021

Black Country, New Road: Nicht übertrieben [Update]

Keine Angst, wir werden uns jetzt nicht auch noch zu Fernsehkritikern aufschwingen, aber weil gerade die neueste Ausgabe von Echoes mit Jehnny Beth auf ARTE zu sehen war, vielleicht doch ein paar Sätze: Das LineUp der Sendung, die ja zur einen Hälfte Live-Performance und zur anderen Talk ist, hätte ja eigentlich für genügend Spannung sorgen müssen - und musikalisch traf das auch ganz sicher zu. Eigenartig aber doch der Stuhlkreis - Beth hin- und hergerissen zwischen Fangirl und umtriebiger Moderatorin, Gordon übermüdet und etwas gelangweilt und Ed O'Brien redete sehr gern und sehr viel. Und zwischendrin unter all den etablierten Halbgöttern Sänger und Gitarrist Isaac Wood und Bassistin Tyler Hyde von der Londoner Band Black Country, New Road. Man möchte jetzt nicht unbedingt mit einem Vergleich eröffnen, aber wenn man die insgesamt sieben Musiker*innen agieren sieht, fühlt man sich doch sehr an die frühen Arcade Fire und an die noch viel früheren Talking Heads erinnert, die ja zuweilen in ähnlicher Zahl die Bühne enterten. Und auch der Sound des Kollektivs pendelt stark zwischen diesen und anderen Polen - Jazz, Folk, Funk und Indierock, es könnte nicht vielfältiger zugehen. Bei der Vorstellung hatte Wood in die Kamera gesprochen: "Wir werden heute ein schnelles, ein langsames, ein langsames und ein ruhiges Stück spielen", was nicht ganz der Wahrheit entsprach, denn genaugenommen spielten sie mehrere Songs, die alle sowohl schnell, laut, langsam und ruhig waren. Und unglaublich intensiv dazu. Die taz hatte schon im vergangenen Jahr anlässlich ihr zweiten Single "Sunglasses" mit der dringenden Aufforderung "Believe the hype!" getitelt und genau das wollen wir denn auch tun. Gerade ist das Kollektiv zum Label Ninja Tunes gewechselt und dort soll Anfang Februar ihr Album "For The First Time" erscheinen. Und ja, wir werden die Tourtermine der Band für das Frühjahr hier wider besseren Wissens dennoch notieren, damit niemand vergisst, wofür es sich lohnt, den Virus in den verdammten Arsch zu treten.

19.01.  Köln, Bumann und Sohn
01.02.  Zürich, Bogen F
05.02.  Berlin, Urban Spree
11.02.  Hamburg, Hafenklang
13.02.  München, Orangehouse

Update: Heute kommt mit "Track X" ein neuer Song daher - ruhig, verwackelt, leicht dissonant, zauberhaft.









Freitag, 8. Januar 2021

Kings Of Leon: In alter Verbundenheit

Das ist ja nicht immer eine Frage des Wollens. Sondern manchmal auch des Hoffens. Und deshalb steht hier also auch die Nachricht von den Albumplänen der Kings Of Leon, auch wenn man die Herren Followill ja eigentlich schon mit ihrer letzten Platte "WALLS" aus dem Jahr 2016 hatte gen Massengeschmack ziehen lassen. Allzu bräsig und mittelmäßig war diese Platte geraten und natürlich musste man sich Augen und Ohren reiben, dachte zurück an ihre Anfangszeiten und kam aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Es ist anzunehmen, dass dies auch mit der gerade angekündigten Veröffentlichung von "When You See Yourself" am 5. März nicht ändern wird, schließlich sind neben diversen Soundschnipseln schon die beiden Stücke "The Bandit" und "100.000 People" zu haben und unterfüttern eher die Vorbehalte. Trotzdem - aus alter Verbundenheit ...




Donnerstag, 7. Januar 2021

Nick Cave: Der Gott des Gemetzels

Zugegeben, die Enttäuschung überwog zunächst, als Nick Cave Ende vergangenen Jahres seine mehrfach verschobene Europatournee dann doch absagte. Aber es gab einen hoffnungsvollen Nachsatz, der nun vom Australier selbst unterfüttert wurde. Es hieß nämlich, er wolle sich anstatt um die Unwägbarkeiten von Live-Auftritten lieber um ein neues Album kümmern - es wäre lt. NME das mittlerweile achtzehnte. In seinem aktuellsten Eintrag der Red Hand Files steht dann tatsächlich der entsprechende Hinweis: "Anyway, as promissed in my last issue, I did go into the Studio - with Warren [Ellis] - to make a record. It's called CARNAGE." Ein Gemetzel also, das klingt verheißungsvoll (nach dieser Nacht) und läßt ahnen, dass es nach den letzten eher ruhigen Werken hier vielleicht wieder etwas forscher zur Sache geht. Cave's letze Arbeit war denn auch die Essenz der Besinnlichkeit, hatte er doch, den Einschränkungen des allgemeinen Lockdowns folgend, für das großartige Doppelalbum "Idiot Prayer" viele seiner aktuellen und älteren Songs neu ausschließlich für das Piano interpretiert und im fast menschenleeren Alexandra Palace aufgeführt (die letzte Studioplatte war "Ghosteen" aus dem Jahr 2019).

Mittwoch, 6. Januar 2021

TV Priest: Aufputschmittel [Update]

Erwähnt hatten wir diese vier sympathischen Herren schon mal im Frühjahr, zu der Zeit hatten sie gerade ihre Single "House Of York" rausgehauen. Die Rede ist von der Londoner Kapelle TV Priest, just heute hat das Quartett für den 13. November die Veröffentlichung seines Debütalbums "Uppers" via Hand In Hive Records bekanntgegeben und weil mittlerweile neben "Runner Up" mit "This Island" auch noch eine weitere Single erschienen ist, können wir hier gleich zwei aktuelle Songs präsentieren. So gut wie die klingen, machen wir das natürlich gern - als legales Aufputschmittel sozusagen.

Update: Dass dieses angekündigte Debütalbum eines ist, auf das man sich ehrlichen Herzens freuen darf, beweisen auch die dritte und vierte Vorabsingle von TV Priest - hier kommen "Slideshow" und "Decoration". Die Platte kommt jetzt übrigens am 5. Februar bei Sup Pop auf den Markt ... und deshalb hier mit "Press Gang" noch einen weiteren Vorgeschmack.








Slowthai: Noch Fragen offen [Update]

Die Sache mit Tyron Kaymon Frampton ist ja noch nicht ausgestanden. Bekanntlich hatte sich der durchaus talentierte junge Mann, der auch auf den Namen Slowthai hört und im vergangenen Jahr mit seinem fabelhaften Debüt "Nothing Great About Britain" überraschte, einen nicht unerheblichen Fehltritt erlaubt, als er sich bei den NME Awards gegenüber der Moderatorin Kathrine Ryan respektlos und übergriffig zeigte. Danach kam viel Schelte und man weiß jetzt nicht so genau, wo er inzwischen steht, wie weit ihm dieser Skandal karrieretechnisch geschadet hat, obschon ihn ja selbst die Leidtragende später in Schutz nahm. Vor einigen Wochen ist dann seine neue Single "Feel Away" zusammen mit James Blake und Mount Kimbie erschienen, nun folgt die offizielle Bekanntgabe seines zweiten Albums "TYRON" und die Veröffentlichung eines weiteren Tracks namens "nhs". Man liest dazu, dass die kommende Platte auch Slowthais ruhige, ja weiche Seite zeigen werde, im übrigen stehen auf der Gästeliste noch Künstler wie Skepta, A$AP Rocky, Denzel Curry, Dominik Fike und Deb Never. Nun ja, es bleibt also abzuwarten, spätestens am 2. Mai 2021 sind wir dann schlauer.

Update: Und hier nun Track Nummer drei vom neuen Album - "Thoughts" ist einmal mehr ein ziemlich persönlicher Song, der mit seiner Kindheit, Jugend und dem heutigen Auf und Ab hadert ... Und schon der nächste bitte - "MAZZA" zusammen mit A$AP Rocky.










Dienstag, 5. Januar 2021

The Lathums: Britisch, aber anders

Dass der britische NME gerade wieder mal eine hervorragende britische Band entdeckt hat, ist ansich nichts Umwerfendes, heißt es doch nur, dass er seine Hausaufgaben ordentlich macht und das darf man ja von einem Blatt dieser Tradition wohl erwarten. Dennoch lohnt es sich, ein Ohr oder auch zwei zu riskieren, denn The Lathums aus dem Örtchen Wigan (immerhin Heimstadt von Richard Ashcroft und Limahl) gehen mal nicht mit der schnodderigen Überheblichkeit zu Werke, die man sonst aus dem Königreich gewohnt ist. Vielmehr präsentiert das Quartett um Sänger Alex Moore eine ziemlich geschmeidige Spielart von souligem Indierock. Vier EP haben die Jungs bislang vorgelegt, die letzte heißt "Ghosts" und brachte nicht nur den Durchbruch auf der Insel, sondern auch reichlich Lob der einschlägigen Prominenz, unter anderem von Tim Burgess. Wer beim Geburtsort etwas gestutzt hat, weiß wahrscheinlich, dass auch der englische Fußball das Städtchen kennt - der Klub Wigan Athletic hat sogar eine längere Zeit in der obersten Spielklasse zugebracht, scheint nun aber weiter unten im Tableau finanziell in Schwierigkeiten zu stecken, nicht umsonst haben auch The Lathums schon zur Rettung aufgespielt. Hier jedenfalls mal drei der aktuellen Songs der Band, wir hören und sehen "All My Life", "I See Your Ghost" und das brandneue "Foolish Parley", in welchem die Kerle mit Clownsmaske mal vorwärts, mal rückwärts (und irgendwie doch vorwärts) durch's Bild stolpern. Ob aus den drei Deutschlandterminen im Februar tatsächlich etwas wird, ist zwar mehr als fraglich, wir schreiben sie aber (mehr aus Trotz) dennoch hin.

22.02.  Berlin, Frannz Club
23.02.  Hamburg, Knust
24.02.  Köln, Gebäude 9






Montag, 4. Januar 2021

Jim Keller: Gekonnt gegroovt

Und weil wir gerade bei den ergrauten Männern sind - und das ist jetzt weiß Gott nicht despektierlich gemeint, schreibt hier doch selbst ein solches Exemplar - wollen wir auch noch diese Meldung von Brooklyn Vegan teilen. Das Onlineportal nämlich hatte vor einiger Zeit ein neues Studio-Solo des Altmeisters Jim Keller angekündigt, dem Herrn also, der Anfang der 80er mit der Wave-Kapelle Tommy Tutone den Hit "867 5309 Jenny" auflegte. Hernach betreute er neben eigenen Arbeiten und drei Studioplatten vor allem Philip Glass als Manager - nach den letzten Kompositionen folgten allerdings knappe sieben Jahre Pause. Nun kommt Keller am 21. Februar mit "By No Means" zurück, produziert hat Mitchell Froom und auf der Gästeliste finden sich solch honorige Namen wie David Hidalgo von Los Lobos, Michael Urbano (Tod Rundgren) und Bob Glaub (Jackson Browne). Wer also gut abgehangenen Gitarrengroove mag, ist bei den folgenden Stücken bestens aufgehoben - hier in der Reihenfolge des Erscheinens "Easy Rider", "Don't Get Me Started" und ganz frisch und etwas dunkler "Mistakes".








Jim Sclavunos: Spätes Debüt

Wieder ein schöner Einzeltrack, das Jahr kommt langsam auf Touren: Jim Sclavunos, dieser Name hat für viele Musiklover*innen einen fast schon magischen Klang, hat der amerikanische Musiker doch schon mit so vielen Künstler*innen zusammengearbeitet, dass einem beim Vorlesen fast schwindlig werden kann. Angefangen natürlich bei Nick Cave, dem er als festes Ensemblemitglied (und Drummer) der Bad Seeds eine unverzichtbare Größe ist, weiter mit Lydia Luch, Sonic Youth, Tav Falco, The Cramps, Marianne Faithfull, Beth Orton, Alex Chilton, Iggy Pop, und, und, und. Auch als Produzent und Remixer hat sich der Mann einen Namen gemacht, weniger bekannt ist Sclavunos allerdings für Soloauftritte - doch genau das ist jetzt passiert. Für den sogenannten Music Venue Trust's Grassroots Music Crisis Fund hat er seinen allerersten Alleingang aufgenommen, natürlich mit erlesener Backingband, aber eben auch dem Platz am Mikro. "Holiday Song" nennt sich das melancholisch-besinnliche Stück und wenn man sich von der Wärme einfangen lässt, möchte man danach gern noch mehr davon. Nick Cave hat übrigens zu dem Stück gesagt: "Beautiful and complex song and a sweet and generous offering. Really Beautiful and true to the bone!" 

Sonntag, 3. Januar 2021

Amyl And The Sniffers: Der richtige Kick

Wer Ende der Siebziger nach einem geeigneten musikalischen Kick gegen die eigene Lethargie suchte, der griff sich öfters einen Song, der es aus dieser Zeit mühelos zum All-Time-Classic geschafft hat und seither auf keiner noch so abgeranzten Absturzparty fehlen durfte - die Rede ist von "Born To Be Alive" des französischen Sängers Patrick Hernandez. Natürlich ist die Nummer 1979 nicht nur im Heimatland des Musikers auf Platz 1 geschossen, sondern quasi auf der ganzen Welt, hierzulande erreichte das Stück zudem zusätzliche Berühmtheit, weil ein Spaßvogel vor zehn Jahren meinte, unter den Song eine Art Hitler-Collage montieren zu müssen - nun ja. Jedenfalls kann man sich auch 2021 einen ordentlichen Schub von dem Titel holen, denn gerade haben ihn die australischen Amyl And The Sniffers nochmals durch in die Mangel genommen und plötzlich klingt das Ganze sogar überraschend frisch. Neues Jahr kann also kommen. Wer sich weiter mit Amy Taylor amüsieren möchte, darf auch gern noch ihr aktuelles Duett mit den Viagra Boys zu John Prines "In Spite Of Ourselves" anhören.

Freitag, 1. Januar 2021

Elvis Costello: Schieb ab! [Update]

Eine gebührende Verabschiedung des vergangenen Jahres ist Elvis Costello da gelungen. Nachdem sich Altersgenosse Iggy Pop bekanntlich schon mit dem blöden Virus in den Haaren hatte, legt der Brite jetzt mit "Farewell, OK 2020" einen passenden Song auf, mit dessen Hilfe es uns vielleicht gelingt,  etwas weniger missmutig auf 2020 zurückzublicken. Soll heißen: Es ist vorbei, es liegt hinter uns, es war scheiße und nun liegt es an an jedem selbst, nach vorn zu blicken. Also irgendwie auch eine ansprechende Begrüßung für alles, was so kommen mag.

Update: Die ursprünglich geteaserte Version unterscheidet sich übrigens recht stark vom Endprodukt - hoffentlich trifft das nicht auch auf die Hoffnungen betreffs 2021 zu ...



Mittwoch, 30. Dezember 2020

Run The Jewels: Keine weiße Weihnacht!

Hätte es CLIPPING und ihr sensationelles Album "Visions Of Bodies Being Burned" 2020 nicht auch noch gegeben, es wäre ohne Zweifel auf hier das Jahr von Killer Mike und El-P gewesen. Nun, das ist es, glaubt man dem Ranking der führenden Musikportale, wahrscheinlich wegen des ebenso grandiosen "RTJ4" ohnehin, ein Platz hoch oder runter werden die beiden sowieso verschmerzen. Und um das Ganze zu unterstreichen, schicken sie nun für die Single "Walking In The Snow" einen feinen Animationsclip von Chris Hopewell auf die letzten Meter, dem Mann also, der auch schon "Don't Get Captured" von "RTJ3" und ebenso Radioheads "Burn The Witch" gebastelt hatte. Im aktuellen Streifen tritt das Duo erneut im Spielfigurenoutfit auf, also eher oldschool und somit im krassen Gegensatz zu dem Clip ("No Save Point"), den Run The Jewels zum Release des Computerspiels "Cyberpunk 2077" vor einigen Wochen veröffentlicht haben. Die Message der aktuellen Single ist klar - keine weiße Weihnacht!



Montag, 21. Dezember 2020

Lisa Li-Lund: Emotional schwierig

Da müssen wir gar nicht groß nach Ausflüchten suchen, so ist es nun mal: Das dämliche Virus hat uns emotional derart im Griff, dass wir scheinbar Alltägliches aus früheren Zeiten gnadenlos überhöhen - einem flüchtigen Händeschütteln zur Begrüßung im TV folgt sofort der erschreckte Aufschrei, bei einer innigen Umarmung an gleicher Stelle wiederum heulen wir Rotz und Wasser. Es ist zum Verrücktwerden. Nicht anders geht es uns beim Video zu diesem Song hier, wobei erst einmal völlig unerheblich ist, von wem es und er stammt, die Szenerie scheint so unglaublich fern zu sein in all ihrer Unbekümmertheit, dass es einem schier den Hals abschnüren will. Ein paar Informationen dennoch, denn natürlich ist auch das Lied an sich erwähnenswert. "Your Words, Our World" stammt von der französisch-schwedischen Künstlerin Lisa Li-Lund, mit bürgerlichem Namen Lisa Benouaisch, Schwester von André und David-Ivar Herman Düne. An dieser Stelle sollte es vielleicht schon klingeln, denn Herman Dune sind zumindest Anhängern des Genres Anti-Folk mehr als nur ein Begriff.

Aber wir schweifen ab - Lisa Li-Lund jedenfalls hat schon einige eigene Alben aufgenommen und plant nun für das nächste Jahr bei Pan European Recordings die nächste Studioplatte mit dem Titel "Glass Of Blood". Der vorliegende Song ist allerdings schon etwas älter und bereits im Jahr 2018 auf dem Labelsampler "Voyage III - Beyond Darkness" erschienen, das Video allerdings von Axelle Van Dorpp, einer langjährigen Freundin, ist soweit aktuell. Und wer wissen will, wieso die Träne  kommen, kann den folgenden Kommentar vielleicht ganz gut gebrauchen: "Sie bot mir an, ein Video mit Archivbildern zu machen. Ich war erstaunt zu sehen, womit sie arbeiten wollte, da es sich um Bilder handelte, die ich selbst vor Jahren für ein persönliches Projekt benutzt hatte, von dem sie wiederum keine Ahnung hatte. Sie wählte die Bilder vom Strand, um unserem stressigen Quarantäneleben zu entkommen, sie mit etwas Meer und Sonne aufzuhellen und mir die Möglichkeit zu geben, in die Zeit zu reisen, als ich in Kalifornien lebte. Und so kommen süße und weiche Einstellungen zu einem Lied, das für mich ein sehr schweres, persönliches, emotionales ist, und ich mag den Kontrast, der dadurch entstanden ist." Hinzufügen wollen wir gern noch eine Coverversion des Songs "The Frontier Index", den sie im vergangenen Jahr einem Tribute-Sampler beigesteuert hat, der zu Ehren von D.C. Bermann entstanden ist, dem Sänger der Silver Jews, der sich 2019 das Leben nahm.




Sonntag, 20. Dezember 2020

Make Boys Cry: Let's get lost

Auch wenn man mit dem Begriff Neo-Klassik nicht sonderlich viel anzufangen weiß (irgendwie klingt das so hilflos wie Nu-Metal oder die traurige Kategorisierung unter den Buchstaben U und E) - was das Hamburger Label Audiolith da mit dem Projekt Make Boys Cry präsentiert, ist zunächst einmal überraschend und selbst für Hamburger Verhältnisse recht ungewöhnlich. Kein rotziger Punk also, kein Bleep-Techno und kein Hanseaten-Hip-Hop, sondern eine Mischung aus klassischem Piano und experimenteller Elektronika, irgendwo zwischen Yann Tiersen, Michael Nyman und Niels Frahm. Dass die Künstlerin Julia Pustet, auch als Pianistin, Produzentin und Komponistin mit den Lebensmittelpunkten Leipzig und Berlin geführt, hinter dem Projekt steckt, darf vorerst nur vermutet werden, fest steht aber, dass ihr erstes Album "Glass Cannon" mit ganzen zwanzig Tracks gerade erschienen ist. Das Grundthema, so die Linernotes, sei der Gegensatz zwischen Weichheit und Härte, anschaulich visuell übersetzt im Clip zur Single "Skip Me" von Arwid Wünsch, ansonsten bleibt einem erst einmal nur, sich in den wunderbaren Melodiebögen des Werkes zu verlieren - und das ist jetzt nicht die schlechteste Lösung.


Chilly Gonzales: Frohe Botschaft [Update]

Okay, face the truth: Weihnachten naht. Auch wenn die Temperaturen da draußen nicht danach sind, auch wenn wir gerade erst die mutmaßlich wichtigste frohe Botschaft bekommen haben - das Fest kommt trotzdem. Und obwohl wir nicht gerade als der Ort für beseeltes Klingelingeling bekannt sind, die folgende Nachricht ist schon eine schöne. Denn der personifizierte Musiksachverstand, -liebhaber und geniale Künstler Chilly Gonzales aus Kanada hat ja bekanntlich vor kurzer Zeit ein Buch über Enya (KiWi) veröffentlicht und gerade weil er der ist, der er ist, kann man davon ausgehen, dass sich die Lektüre lohnt (auch wenn man mit der Musik erst einmal superdollen Kitsch verbindet). Doch damit nicht genug, nun schickt sich der eleganteste Bademantelträger seit Udo Jürgens an, auch noch ein Weihnachtsalbum zu veröffentlichen. "A Very Chilly Christmas" wird am 13. November auf seinem eigenen Label Gentle Threat erscheinen und neben Duetten mit Jarvis Cocker und Feist auch ein Cover von Mariah Careys Oberschnulze "All I Want For Christmas Is You" enthalten. Dazu kommen noch Klassiker wie "O Tannenbaum", "Jingle Bells", "Silent Night" und "Last Christmas", selbst an das vor einiger Zeit von Helene Fischer verunstaltete "Maria durch ein Dornwald ging" hat er sich herangetraut. Und, das sagen wir jetzt nicht einfach so daher, wir sind mächtig gespannt!

Update: Mittlerweile wissen wir, dass die Platte überaus großartig ist, nun ist auch ein kleines Musical dazu auf Arte dazu erschienen - voilá!




Samstag, 19. Dezember 2020

Alicia Gaines: Zurück zum Selbst

Man trifft ja hierzulande leider immer noch Unbelehrbare, die meinen, sie müssten unter den gänzlich ungerechtfertigten Einschränkungen des öffentlichen Lebens unvorstellbar leiden. Hier empfiehlt sich ein kurzer Blick in die USA, um sich zu vergegenwärtigen, wieviel unermessliches Leid von einem Menschen angerichtet werden kann, der sich allen wissenschaftlichen Ratschlägen verweigerte und seine Landsleute davon überzeugen wollte, dieses Virus werde sich von einem Moment auf den anderen einfach so in Luft auflösen. Dass seine Zeit abgelaufen scheint, ist da wahrlich nur ein schwacher Trost. Chicago im Staate Illinois belegt zwar auf der traurigen Hitliste der am stärksten von der Krise betroffenen amerikanischen Großstädte keine führende Platzierung, doch auch in Windy City wütet die Pandemie ausreichend schlimm, auch hier regieren seit langem schon Angst und Misstrauen, bestimmen Quarantäne und Lockdown einmal mehr die Tagesordnung. Schlimm für die Ärmsten und die Schwächsten, wozu, das machte kürzlich Chicagos Bürgermeisterin Lauri Lightfoot schmerzlich öffentlich deutlich, vor allem die schwarze Bevölkerung gehört. Unangenehm nicht zuletzt auch für Künstler*innen, denen fast das komplette Betätigungsfeld genommen ist. Erfreulich deshalb, dass Alicia Gaines, Bassistin der Band Ganser - in diesem Jahr mit dem tollen Album "Just Look At That Sky" (Felte Records) - trotzdem Zeit und Muße hatte, uns ein paar ihrer diesjährigen Favoriten näherzubringen und mit entsprechenden Kommentaren zu versehen. Gaines, die sich auch als Graphikdesignerin einen Namen gemacht hat, ist weit davon entfernt, nur im eigenen Art-Rock/Post-Punk-Garten zu wildern und um lohnende Tipps in Sachen Musik ohnehin nie verlegen (erst kürzlich kam sie mit dem furiosen Debüt der britischen Fusion-Jazz-Legenden This Heat aus dem Jahr 1979 um die Ecke). Und so erwarten uns auch hier eine Reihe von Überraschungen...

Fiona Apple
"Fetch The Bolt Cutters"

"Ich glaube, dieses Album hat die Menschen so intensiv angesprochen, weil es wirklich unter die Haut geht. Indem Apple in einige der tiefsten, unruhigsten Ecken ihres Geistes schaut, schaut sie auch in unsere. Die Themen dieser Platte sind so persönlich, dass sie eine Art kollektives, unterbewusstes Meer von Bedürfnissen erreichen, die wir alle teilen. Es gibt einen raffinierten Trick in ihrem bekenntnishaften Stil, der mich nach vorne bringt, mich aber genauso unruhig zurücklässt wie dieses Werk. So nah wir dem, was in Fiona Apples Kopf vor sich geht, mit dieser Musik zu kommen glauben, wir werden sie nie so klar sehen, wie sie sich selbst sieht."

*

Kate NV
"Room For The Moon"

"Es gibt bestimmte Künstler*innen, bei denen ich es vermeide, zu viel zu recherchieren, und Kate NV fällt unter diese Kategorie. Dieses russische Art-Pop-Album verweist auf die besten Teile der Geschichte dieses Sounds und bietet gleichzeitig eine völlig neue Perspektive. Nachdem ich "Room For The Moon" gehört habe, bin ich sofort wieder in Martin Dupont, das Yellow Magic Orchestra und Fad Gadget eingetaucht. Zudem hat Kate NV auch einige der originellsten Musikvideos produziert."

*

keiyaA
"Forever, Ya Girl"

"Diese Platte ist so einzigartig, dass ich mich dabei ertappt habe, sie auf Repeat zu hören, um ihre Produktion zu entschlüsseln. Es gibt so viele Verankerungen zum traditionellen Neo-Soul-Sound, trotzdem findet keiyaA immer wieder neue Wege findet, um in experimentelle Gefilde abzuschweifen. Anstatt ihre Stimme an die Musik anzupassen, beugt sich diese Musik dem Gesang und windet sich um ihre Gedanken auf eine Weise, die wiederum nicht schlecht zu Fiona Apples 'Fetch The Bolt Cutters' passt."

*

Protomartyr
"Ultimate Success Today"

"Protomartyr klingen durchweg wie das Ende der Welt. Auf 'Ultimate Success Today' fühlt sich der kollektive Sound an wie ein Mann, der sich einer massiven, bedrückenden und definitiv tödlichen Flutwelle gegenübersieht. Er sah die Welle allerdings schon lange kommen - die Band hat es sich auch auf früheren Alben zum Anliegen gemacht, uns zu sagen, dass diese Welle längst auf dem Weg ist. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Erliegen und der Kapitulation, und Protomartyr finden ihre Erlösung, während sie von den brechenden Fluten des Unheils und den Sirenenhörnern verschluckt werden."

*

Clipping.
"Visions Of Bodies Being Burned"

"Es gibt da diese einzigartige Sequenz nach 18 Sekunden im vorletzten Track "Enlacing", die vielleicht und  passenderweise mein einprägsamster Musikmoment des Jahres ist. Der eingängige und so vertraute Aufbau des Intros schwillt zu voller Erwartung an, bevor er wie ein Ballon zerplatzt und der Boden aus der Produktion auf eine solch komplette Art und Weise herausfällt, dass ich beim ersten Hören zurückgescrollt und immer wieder versucht habe, die Effekte herauszuhören, die ein solch plötzlichen Fall in die absolute Schwärze, in die Trostlosigkeit möglich machen. Das ganze Jahr über war ich irgendwie damit beschäftigt, dieses Gefühl für mich herauszuarbeiten - und Clipping. haben es geschafft, das in Musik umzusetzen."

Eine kurze Nachbemerkung noch: Die Antwort auf die Frage, welche denn ihre musikalischen Allzeit-Favoriten seien, fiel Alicia Gaines dann nicht ganz so einfach. Was Wunder, wer legt sich schon gern fest, wenn so viel von Stimmungen, also den persönlichen Hochgefühlen und Tiefschlägen abhängt und jeder Gemütszustand nach anderen Ausdrucksmöglichkeiten, einem anderen Soundtrack verlangt. Für die Zeit der Quarantäne aber waren es dann letztendlich diese fünf Kandidaten - Änderungen jederzeit möglich:

Talk Talk "Spirit of Eden"
Thom Yorke "ANIMA"
Supergrass "In It For the Money"
Blonde Redhead "Fake Can Be Just As Good"
Peter Gabriel "3 (Melt)"

Freitag, 18. Dezember 2020

PAAR: Im Rotlicht

Man möchte der Stadt München ja nicht zu nahe treten, aber da können sich die Herren Batic und Leitmayr seit Jahren sonntäglich noch so viel Mühe geben - in Sachen schillernd verruchtes Verbrechermillieu wird da einfach nichts G'scheits mehr draus werden. Und auch das Rotlicht glimmt hier nur ganz blass, selbst Hannover (!) und Bielefeld (!!) haben da mit einem eigenen Hells-Angels-Chapter deutlich mehr zu bieten. Das macht die Suche nach geeigneten Locations natürlich etwas schwerer, aber mit etwas Ausdauer findet, wer will, dann doch Geeignetes. So geschehen auch bei den Arbeiten zum neuen Video der fabelhaften Münchner Band PAAR. Regisseur Leo van Kann jedenfalls hat zum Song "Beauty Needs Witness" vom feinen Album "Die Notwendigkeit der Notwendigkeit" die Red Piano Bar in der ehrwürdigen Schillerstraße aufgetan und dort eine gehörig schwitzende Band und den einigermaßen bizarren Animiertanz von Michael Gempart gedreht.

Bahrenfeld: Lokale Größe

Wenn der gute Lars Lewerenz so richtig bolle stolz ist, dann kann und will er das nicht verbergen, dann scheint er vor laufender Kamera wegen der Vorfreude schier zu platzen: So auch hier, denn der Labelgründer von Audiolith kann endlich wieder einmal ein Kind vom Kiez, seinem Kiez, vorstellen, und der heißt eben nicht Schanzenviertel, St. Pauli oder Altona - sondern: Bahrenfeld. Dort groß geworden ist also auch Finn Lübke, der unter dem gleichlautenden Pseudonym nun sein Projekt mit der EP "Ponton" einer breiteren Öffentlichkeit vorstellt. Und da kommt dann eben der Lars mit seiner Idee vom Drohneninterview (ganz stilvoll mit Hermeshochhaus und Trabrennbahn) gerade recht. Zwei der insgesamt sechs Tracks ("Heck" und "Quartier") gibt es vorab auch zu sehen, den Rest seit gestern auf all den üblichen Kanälen dieser Welt. Und wer dann auch noch die Synchro von Bud Spencer erkennt, ist um so glücklicher, natürlich auch außerhalb von Bahrenfeld.





Mittwoch, 16. Dezember 2020

Arlo Parks: Mit langem Anlauf [Update]

Was die gerade erwähnte Nilüfer Yanya schon geschafft hat, steht dieser Künstlerin noch bevor. Und doch ist wohl mit einem ähnlich durchschlagenden Erfolg zu rechnen: Denn Arlo Parks, ebenfalls in London daheim, hat mit ihren bislang erschienenen Songs die Kritik derart verzaubert, dass die Erwartungen nicht gerade klein sein werden, wenn im Januar ihr Debütalbum "Collapsed In Sunbeams" erscheinen wird. Gerade veröffentlichte die junge Songwriterin den Song "Green Eyes", der zusammen mit Clairo entstanden ist, erst kürzlich waren von ihr die Stücke "Black Dog" und "Eugene" im Netz aufgetaucht. 

Update: Mit "Caroline" gibt es heute einen neuen Song vom Debüt zu hören.






Dienstag, 15. Dezember 2020

Viagra Boys: Selbsterkenntnisse [Update]

Diese Art von Selbsteinsicht wünscht man anderen Gestalten auf dem Planeten ebenfalls sehr dringend, nicht zuletzt denen in hohen politischen Ämtern. Aber bei sich selbst damit anzufangen ist bei weitem nicht die schlechteste Idee. Sebastian Murphy, Sänger der schwedischen Punk-Kapelle Viagra Boys, ist keineswegs stolz auf jeden Moment seines Lebens - in der Pressemitteilung zum neuen Album seiner Band, die heute die Runde macht, formuliert er das ungewohnt offen: "We wrote these songs at a time when I had been in a long-term relationship, taking drugs every day, and being an asshole. I didn’t really realise what an asshole I was until it was too late, and a lot of the record has to do with coming to terms with the fact that I’d set the wrong goals for myself." Nun, seinen Humor hat er trotzdem nicht verloren, denn im Clip zur Single "Ain't Nice" (produziert von der Kreativagentur SNASK aus Stockholm) gibt Murphy die übergriffige Nervensäge, die sich mit allem und jedem anlegt - besonders schön, wenn ihn die Kamera aus dem Blickfeld verliert, weil er wieder irgendwo hängengeblieben ist. "Welfare Jazz", so der Name des Nachfolgers von "Street Worms", soll mit dreizehn Songs am 8. Januar bei YEAR0001 erscheinen, die dazugehörige Tour startet wie schon gepostet im Mai.

19.05.  Leipzig, Conne Island
21.05.  Vienna, Flex
23 05.  München, Technikum
24.05.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
25.05.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
30.05.  Köln, Kantine 

Update: Und schon das zweite Video zu einem Song von der neuen Platte - hier kommt "Creatures" mit dem Clip von Eric Kockum, Falco zum Albträumen ... Und weil man von den Viagra Boys grundsätzlich mal so ziemlich alles erwarten darf - warum also nicht mal eine Karaoke-Version des alten John-Prine-Klassikers "In Spite Of Ourselves", hingebungsvoll dargeboten gemeinsam mit der wundervollen Amy Taylor von Amyl And The Sniffers?








Sonntag, 13. Dezember 2020

Georgia: Runter vom Index

Okay, es ist nun mal so, dass man bestimmte Songs auf ein Art persönlichen Index gesetzt hat, die also so überhaupt nicht angefasst geschweige denn geändert werden dürfen. Meistens sind das Stücke, die mit wertvollen Erinnerungen aus der Kinder- und Jugendzeit verbunden sind und würde sich jemand an dieser Musik vergreifen, so die Denke, dann täte er oder sie das eben auch ein Stück weit an der eigenen Vita. Zu diesen Stücken gehört nun zweifellos für viele auch Kate Bush's "Running Up That Hill" vom Album "Hounds Of Love", ein wahrhafter Monolith der 80er. Bush hat viele großartige Singles und Platten veröffentlicht und, um im Bilde zu bleiben, vieler Leben bereichert und geprägt, aber kein Lied war wie dieses. Ähnlich sieht es wohl auch Georgia Rose Harriet Barnes, kurz Georgia genannt, britische Künstlerin aus London. Obschon erst 1990 geboren, ist auch sie mit der Musik von Kate Bush aufgewachsen. Und wusste wohl um das Wagnis, sich an ein Cover des Songs heranzuwagen, noch dazu ein tanzbares. Gemeinsam mit ihrem Bruder Sid Barnes, der für das Video eine Ballettchoreografie einstudiert hat, nahm sie die Herausforderung an - und wir bleiben, allen Vorbehalten zu Trotz, staunend vor dem Bildschirm sitzen. Es ist nicht die gleiche Magie wie damals, aber die Erinnerung daran kommt für drei Minuten zurück.