Samstag, 14. September 2019

Trettmann: Kein Entrinnen

Trettmann
„Trettmann“
(Kitschkrieg/Soulforce Records)

Seine Kontrahenten, Endgegner quasi, kann man sich ja selten aussuchen, diesen hier aber hat er sich zumindest selbst eingebrockt: Seit Trettmann 2017 mit dem Album „DIY“ fast aus dem nichts abräumte, war klar, dass die Herausforderung für die nächste Platte riesig sein würde. Weil diese Songs direkt aus der Tristesse des Wohnbetons kamen und von allem so viel hatten – so viel Sanftmut, so viel Trauer, Trotz, Liebe, Schmerz, weil es so wohlig groovte wie die leibhaftige Versuchung. Erwischte es einen in richtigen Moment, war Widerstand zwecklos, gab es kein Entrinnen, Gegenmittel Fehlanzeige. Und die größte Gefahr war (und ist), dass man sich diese Songs überhörte, dass es irgendwann einfach nicht mehr gehen würde. Insofern waren die kleinen Methadon-Schübe sehr hilfreich, die Trettmann in den vergangenen Wochen ganz ohne Rezept verabreichte – nicht wenige meinten ja schon, der Tretti wäre zu oft in zu vielen Tracks zu finden, Cro, Kantereit hier, Dendemann und Herre dort, Seeed im Kommen, kann man so sehen. Wenn da nicht diese Sucht wäre…



Gut also, dass sie nun da ist, die Neue. Auf der es natürlich nicht ums Obsiegen, um den Gegner oder Feind geht (weil der für ihn und seine Freunde gleichermaßen in der selben, braunen Ecke hockt). Es sind eher die Erwartungen, denen es standzuhalten gilt, die Maßstäbe, die einer Erfolgswelle auch immer einen Erfolgsdruck folgen lassen. Würde er also bestehen? Aber klar doch. Wer mit 45 noch trendet, wie er selbst singt, dem muss wohl kaum bange sein, dem ist eine Lässigkeit zu eigen, die sich die Jungen erst erarbeiten, erleben müssen. Ohnehin darf man davon ausgehen, dass die höchsten Ansprüche an ihn auch von ihm kommen. Was genaugenommen für jeden ernsthaften Künstler gilt und dann doch keine ganz so neue Erkenntnis ist.



Wie er’s schafft? Nun, die Mischung ist die gleiche geblieben, auch dank Team Kitschkrieg. Also Dancehall meets Trapgrooves meets softe Technobeats, Autotune rules, „Fiji Kris, pass di 808“, weiter so. Die Freunde dazu sucht man sich bekanntlich selbst aus und über GZUZ ist alles Nötige gesagt (siehe SPEX), KeKe haut um, Alli Neumann ist okay, der Don bleibt er natürlich selbst. Manchmal kommt einem die neue Platte etwas intimer vor, das kann aber auch an der Dauerschleife liegen – sehr viel Gefühl, wunderbare Poesie, immer über Liebe. Die dosierte, die vergebliche, die unmögliche, die neu entdeckte und die vergangene. Wie Trettmann diesen Erinnerungen nachspürt und -textet, macht einen immer noch (oder schon wieder) ganz schummrig im Kopf und stellt die Haare auf.



Das gilt auch und insbesondere für „Stolpersteine“, ein leises, behutsames und tiefernstes Stück. Wie er mithilfe der vieldiskutierten Aktionskunst von Gunter Demnig und Brechtzitat die Vergangenheit ins Heute holt, den Bogen schlägt von historischer Gräuel zur bedrohlichen Gegenwart, wie am Ende einer durchtanzten Nacht nur ein Name auf einem Stein ausreicht, um Gedanken anzustoßen, selbst wenn der Schädel schon benommen ist – das ist, was man bei ihm wohl einen „Billie Holiday“-Moment nennen darf. Anders schön dagegen das herrlich groovende „MDMDF“, Steel-Guitar, Federn in Freiheit, Losgelassen. Und natürlich, unerwartet, ungewohnt, trotzdem gelungen: Die Geburt von Tochter „Margarete“ aus dem Tourtagebuch vertont – anrührend, auch wenn’s viele vor ihm taten, aber: „Was mich zum Tretti macht, ich tu das, was mich happy macht.“ Soll er nur, geht uns doch nicht anders.

Tourdatenhttps://trettmann.de/

Freitag, 13. September 2019

Ilgen-Nur: Schnell verkannt

Ilgen-Nur
„Power Nap“
(Power Nap Records)

Wo wir gerade bei den Etiketten waren (MUNA): Diese Frau hier hat eine ganze Menge davon abbekommen: übellaunig, arrogant, queer, Slacker – an Ilgen-Nur Borali scheiden sich nicht nur Geister, sondern Sympathien. Und wer’s einem nicht eben einfach macht, hat’s dann halt schnell verkackt. Da werden Selbstbestimmtheit und Eigensinn mit Arroganz verwechselt, schlecht drauf sind ohnehin immer nur die anderen, undankbar sowieso (schließlich kommt sie ja aus der schwäbischen Provinz). Dabei würde es reichen, läse man das eine oder andere Interview mit ihr oder, noch nachhaltiger, würde sich in Ruhe und möglichst ohne Vorbehalte ihre Musik anhören.

„No Emotions“ beispielsweise, ihre erste EP aus dem Jahr 2017 und vor allem ihr überaus gelungenes Debütalbum „Power Nap“. Und man darf sich auch selbst fragen, ob denn wohl jemand eine Künstlerin verlegen möchte, die ihr Publikum, sonnenbrillenbewährt, ständig gelangweilt von der Bühne herunter angähnt (den Eindruck muss man haben, liest man die entsprechenden Kommentare). Oder ob es nicht tatsächlich so ist, dass diese Künstlerin, längst schon wohnhaft in Hamburg, ein ausgesprochen großes Talent und Gespür für gutes Songwriting besitzt. Und aus ihrem Wesen, aus ihrer Eigenart eben das wertschöpft, was nicht wenige dann auch hören wollen. Und feststellen, dass die Vergleiche mit Referenzen ihres Fachs – Nilüfer Yanya, Mitski, Eliza Shaddad oder Courtney Barnett – keinesfalls verwegen, sondern durchaus zulässig sind.



I spent my days in my head
reliving moments I tend to forget
spent my days in my zone
I might be the happiest
when I’m on my own

Wer die dunklen Momente im Leben nicht verleugnet oder verdrängt, dem ist der Wunsch, einfach liegen zu bleiben, niemandem als sich selbst verpflichtet zu sein (was ohnehin schon anstrengend genug sein kann) keinesfalls fremd. Der- oder diejenige weiß, dass der eigene Kopf Traumpfade oder Umwege genug bietet, um den Tag zu verbringen – „In My Head“, der erste Song auf dem Album, ist also nicht nur wunderschön anzuhören, sondern auch sehr nachvollziehbar. Und klingen sie uns nicht wunderbar vertraut, diese dunkel schillernden Moll-Harmonien, die Gitarrenakkorde, die einen schon bei Interpol oder The Cure mit ihrer Entrücktheit verzaubert haben? Es sind Stücke, zu denen Lustlosigkeit, Langeweile, Überdruss einfach dazugehören und die trotzdem sagenhaft gut klingen – „Silver Future“ beispielsweise mit dem tollen Drum-Part im letzten Drittel, „Soft Chair“ mit seinen Bläsersätzen und 90er-Verweisen und die verzerrte Neil-Young-Gitarre bei „New Song II“.



Und ganz so düster ist es gar nicht alles geworden, was Ilgen-Nur gemeinsam mit dem Nerven-Mann Max Rieger da arrangiert hat, sie singt ja durchaus auch von Augenblicken, die sie bewahren, die sie festhalten möchte („Soft Chair“) oder vom Aufbruch, vom Neustart („Clean Sheets“). Die vornehmlich melancholische Grundstimmung lässt die helleren Momente dann eben deutlicher zutage treten. Zumal sie zu überraschen weiß: Das noiselastige „You’re A Mess“ beispielsweise variiert bei Tempo und Lautstärke, selbst ihr Gesang wird dringlicher, energischer. In die andere Richtung geht der Kehraus „Deep Thoughts“, eine Pianoballade, wie sie selbst John Cale nicht besser hingebracht hätte, reduziert – „I’m on my own, all allone, with my deep thoughts, I’m on my own“, ein kurzer, tiefer Blick in den Abgrund, näher kommt man ihr auf diesem Album kaum. Dämmermusik für Einzelgänger, und zwar im besten Sinne.

Donnerstag, 12. September 2019

Annabel Allum: Zerzauster Sound [Update]

Was soll man sagen - sie sieht noch immer so aus, als wäre sie ziemlich durch den Wind. Zerzauster Schopf, grimmiger Blick, Annabel Allum aus London hat sich im Laufe der letzten Jahre kaum geändert. Und das ist gut so, weil ihr unperfektes Äußeres perfekt mit dem Sound ihrer Songs harmoniert, auch da finden sich schiefe, widerborstige Gitarren, auch da holpert es auf angenehme DIY-Art oft ordentlich. Deshalb haben wir sie hier oft begrüßen dürfen, deshalb ist auch heute von ihr die Rede. Denn gerade ist ihre neue Single "When The Wind Stopped" erschienen, ein paar Tage nach "You Got It Good" - beide Stücke sollen sich auf einer weiteren EP finden, die für den Herbst dieses Jahres geplant ist.

Update: Und nun haben wir also einen Namen für die neue EP - "Gravel Not The Grave" wird sie heißen und am 13. September bei Killing Moon Records erscheinen, mit "Altar To Alter" gibt es hier einen weiteren Vorgeschmack davon ... und noch dazu die letzte Vorabmeldung "Baby Berlin".

Mittwoch, 11. September 2019

Pet Shop Boys: Traumaland

Dieser Tage ein Video von den Pet Shop Boys zu unterschlagen, wäre grob fahrlässig. Obwohl die Herren Tennant und Lowe ja mittlerweile einen Status erreicht haben, in dem sie auch das berühmte Telefonbuch einspielen könnten und dennoch auf Gegenliebe stoßen würden - sie waren und sind auch immer eine politische Band gewesen und während sich nun also ihr Heimatland in seine Bestandteile aufzulösen scheint, singen sie mit den Shootingstars Years And Years über das "Dreamland". Ha! Zu finden ist diese neue Single übringens auf dem nächsten, noch unbetitelten Album, das gerade in den Berliner Hansa Studios gemeinsam mit Stuart Price aufgenommen wurde. Es folgt der EP "Agenda", die in diesem Frühjahr erschienen ist.

Ceremony: Bloß kein Dogma

Ceremony
„In The Sprit World Now“

(Relapse Records)

Nein, man muß das nicht wirklich machen. Um ein ungefähres Gefühl dafür zu bekommen, welchen Weg, welchen Wandel diese Band in den vierzehn Jahren ihres Bestehens zurückgelegt hat, kann es aber schon recht hilfreich sein, sich mal das Debüt „Violence Violence“ aus dem Jahr 2006 um die Ohren hauen zu lassen. Ceremony sind damals im kalifornischen Städtchen Rohnert Park (nicht von ungefähr nur schlappe sieben Autostunden von Hermosa Beach entfernt, dem mythischen Gründungsort von Black Flag) tatsächlich als ziemlich schnelle und laute Hardcore-Truppe gestartet, denen kein Ton zu brutal war – ihre Konzerte, so hört man, waren hitzige Angelegenheiten. Irgendwann, mutmaßlich so um die Produktion ihres Album „Zoo“ im Jahr 2012, muss es Sänger Ross Farrar wohl mit der Angst zu tun bekommen haben, auf ewig den alternden Outsider geben zu müssen, nur die wenigsten schaffen das schließlich mit Anstand und Würde. Also entschied er sich zusammen mit seinen Kollegen zur Vollbremsung mit anschließender Kehrtwende, setzte ein „Post-“ vor den Punk und nahm „The L-Shaped Man“ auf, eine erstaunlich schlüssige und überaus gelungene Kurskorrektur.

Diese im Hinterkopf, ist der Sprung zur aktuellen „In The Spirit World Now“ zwar nicht mehr ganz so krass und überraschend, dennoch erweisen sich Ceremony auch hier als überaus mutig – auf einen einmaligen Ausrutscher kann sich nun jedenfalls niemand mehr herausreden. Die elf neuen Stücke (plus drei Interludes) orientieren sich in ihrer Machart stark am dreckig-funkigen MashUp aus Synthesizer und Gitarre, wir hören Devo, hören Wire und vor allem Gang Of Four heraus. Sie machen das so gekonnt und ideenreich, dass von bloßer Abkupferei keine Rede sein kann (ohnehin hat man vor dem Schwenk soviel Respekt, dass der Retrogedanke in den Hintergrund rückt), es gibt herrlich zackige Momente wie „We Can Be Free“, „Years Of Love“ und „From Another Age“, die allesamt nicht die Dreiminutenmarke reißen, den Electropunk von „Never Gonna Die Now“ und den bösen Bass der Leadsingle „Presaging The End“.



Langeweile will einfach keine aufkommen, gerade auch weil sich Ceremony, anders als beim Vorgänger, keinerlei Verschnaufpause gönnen und in die fünfunddreißig Minuten nirgends Füllmaterial einbauen. Allein die Drums zu Beginn von „Further I Was“ pumpen so wunderbar, dass man die brüllenden Riffs aus der Vorzeit schnell vergessen hat. Auch inhaltlich huldigen Farrar und Kollegen der Veränderung, der Reue, bitten hier („Turn Away The Bad Thing“) um Gnade und preisen dort den Aufbruch in Freiheit („We Can Be Free“). Und wer sich von einem so kompakten, knackigen Schlußsong wie „Calming Water“ nicht endgültig umstimmen läßt, den können Ceremony getrost auf der Strecke lassen. Notorischen Zweiflern sei im Übrigen ein Instrumentalstück mit dem Namen „Dogma“ von einer frühen 7“ aus dem Jahr 2008 empfohlen – Piano, vereinzelte Paukenschläge, irrlichternde Gitarren, null Hardcore. Vielleicht eine Komposition in weiser Voraussicht, der Name augenzwinkerndes Programm. Wir für unseren Teil bleiben auf alle Fälle an Bord.

09.11.  Münster, Sputnikhalle
10.11.  Hannover, Cafe Glocksee
12.11.  Hamburg, Hafenklang
13.11.  Leipzig, Conne Island
14.11.  Jena, Kassablanca
16.11.  Berlin, Cassiopeia

Boy Harsher: Nachgelegt

Einen gehaltvollen Nachtrag zu Boy Harsher, dem Synthpop-Duo aus Los Angeles, das Anfang des Jahres mit dem Album "Careful" (siehe unten "Come Closer") viel Lob einfuhr. Gehaltvoll deshalb, weil Augustus Muller und Jae Matthews zum einen gerade eine Neufassung ihrer EP "Country Girl" aus dem Jahr 2017 veröffentlicht haben, nunmehr mit acht statt der bisherigen vier Stücken - der Track "Send Me A Vision" erhält zudem einen Videoclip, den die beiden unter Mithilfe von befreundeten Musikern und Schauspielern produzierten. Desweiteren gibt es eine Reihe von Liveterminen in die Runde

20.11.  Köln, Luxor
21.11.  Hamburg, Molotow
02.12.  Berlin, Kesselhaus
03.12.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
04.12.  Leipzig, Conne Island
05.12.  München, Ampere



FRANKIIE: Trügerische Bilder [Update]

Der Tag ist noch jung, Zeit deshalb für einen schönen Popsong: Schon im vergangenen Jahr sind uns die vier Damen aus Vancouver aufgefallen, die unter dem Namen FRANKIIE die Gitarren geschmeidig schwingen lassen. "Dream Reader" war wirklich ein ganz feines, verträumtes Stück, es folgte damals ihrer Debüt-EP "Girl Of Infinity" und alles war gut. Und wird noch besser, denn nun haben die Kanadierinnen für den 20. September via Paper Bag Records ihr erstes Album "Forget Your Head" angekündigt und dort findet sich auch die neue Single "Compare", ein Stück, das sich um unsere verflixten Ansichten zu Schein und Sein in der trügerischen Medienblase dreht.

Update: Die neue Single der vier Damen nennt sich "Funny Feelings", auch wenn sie gar nicht so amüsiert dreinschauen.





Dienstag, 10. September 2019

Mit Verwunderung nehmen wir zur Kenntnis ... [02/19]

... daß sich die Sache mit dem Mauerfall vielleicht doch anders abgespielt haben könnte, als Egon Krenz oder Günter Schabowski sich das in ihren Memoiren zurechtgezimmert haben: Denn dieser Mann hier hat sie wohl tatsächlich zum Einsturz gebracht. Und zwar nicht, weil er auf der Suche nach der Freiheit so unfassbar schräg sang, sondern weil David Hasselhoff (ja, um den geht es hier wirklich und wahrhaftig!) ein zutiefst politischer, wacher und grundgütiger Mensch ist. Das jedenfalls will er uns wohl glauben machen, denn wie sonst sollten wir die Nachricht verstehen, nach welcher The Hoff am 27. September ein neues Album mit dem Titel "Open Your Eyes" veröffentlichen wird, auf dem sich - Achtung, jetzt festhalten - Coverversionen von The Lords Of The New Church und The Jesus And Mary Chain befinden werden und der Mann mit der ehemals knappsten roten Badehose allen Ernstes gemeinsam mit Ministry und sogar James Williamson von den Stooges musiziert. Wer diese beiden Pole nicht gleich deckungsgleich übereinanderbringt, der darf sich gern mal den Titeltrack, die besagte Neubearbeitung der Lords, anhören - wenn sie oder er dann doch nur plattesten Rockschmus ausmachen, dann wollen wir bitte darauf verweisen, dass es hier doch wohl in allererster Linie auf den Willen ankommt als ..., ach - lassen wir das.

Nick Cave: Nicht nur für Liebhaber

Das ist jetzt nicht nur etwas für Fans, wird diesen aber besonders gefallen: Gerade ist bei Netflix die fünfte Staffel der grandiosen Serie "Peaky Blinders" mit dem wunderbaren Cillian Murphy auf Sendung gegangen, da teilt der NME eine extralange Version des serienbestimmenden Songs "Red Right Hand" von Nick Cave. Der elfminütige Remix von Raven ist für eine Aufführung eines Balletts im Rahmen des Legitimate Peaky Blinders Festival am 14. und 15. September in Birmingham, dem Handlungsort der Serie, eingespielt worden. Bekanntermaßen ist dies nicht die erste Bearbeitung des Stückes, zuvor hatten sich schon Sllash, Mojo Filter oder auch Flood daran versucht. Ebenso beachtlich wie das Rework ist übrigens auch das LineUp für die beiden Tage, treten vor Ort doch Größen wie Anna Calvi, Primal Scream, die Slaves, Frank Carter And The Rattlesnakes und Nadine Shah auf, deren Songs ja vom Soundtrack in bester Erinnerung sind.



Pumarosa: Gelungene Überraschung [Update]

Ursprünglich stand auf ihrem Etikett ja groß und breit Post-Punk drauf, doch schon mit dem Debütalbum "The Witch" ließ sich das eigentlich nicht mehr halten: Pumarosa aus London sitzen gern zwischen den Stühlen, die da Funk, Drum'n Bass, Jazz und Indierock heißen und wenn nicht alles täuscht, dann wird sich daran auch mit dem neuen Album nichts ändern - zum Glück. Denn die erste Single "Fall Apart", die Isabel Munoz-Newsome und Kollegen gerade vorgestellt haben, stolpert björkish (sagt man so?) dahin, Überraschung gelungen. Die ganze Platte heißt im Übrigen "Devastation", also Verwüstung, was genau das nun wieder bedeutet, werden wir spätestens am 1. November bei Fiction Records erfahren.

Update: Mit "Heaven" gibt es jetzt einen weiteren Track vom neuen Album.



Montag, 9. September 2019

FKA twigs: Hysterie mit Anlauf

Da können fünf Jahre ins Land gehen, Monster zu Präsidenten, Königreiche zu Lachnummern werden, manche Dinge ändern sich trotzdem nicht: 2014 hat Tahliah Barnett, besser bekannt unter ihrem Pseudonym FKA twigs, ihr Album "LP1" veröffentlicht und schon damals glich die Aufwärmphase dafür eher einer Massenhysterie. Ähnliches erwarten wir nun auch vom nächsten Schlag, denn nun steht "Magdalene", der Nachfolger für den 25. Oktober in den Startlöchern. Neun Tracks finden sich darauf, einer davon das fabelhafte "Holy Terrain" (Video von Nick Walker) zusammen mit Future, beteiligt waren außerdem, so hören wir, Skrillex, Nicolas Jaar, Oneohtrix Point Never, Cashmere Cat, Jack Antonoff und Benny Blanco. Das Cover (siehe unten) hat im Übrigen Matthew Stone gestaltet.



Sonntag, 8. September 2019

Breichiau Hir: Heimsuchung

Unsere Sonntagsreise startet heute im walisischen Cardiff und zwar mit halbwegs alten Bekannten: Breichiau Hir haben wir hier ob ihrer Hartnäckigkeit, in ihrer Heimatsprache zu musizieren, schon öfters gelobt, nun erscheint von dem Sextett bei Libertino Records eine neue 7" mit den beiden Stücken "Yn Dawel Bach/Saethu Tri". Sänger und Songschreiber Steffan Dafydd sagt zu den beiden Songs: „In ‚Saethu Tri‘ skizziere ich die Angst oder das Bedauern, die mich manchmal überkommen, und meine Unsicherheit, damit umzugehen. Ich dramatisiere es nicht, sondern habe versucht, es sachlich zu halten, die Taubheit und Langeweile zu vermitteln, die damit einhergehen. Es ist sehr wehmütig und düster. ‚Yn Dawel Bach‘ hat den selben Bezug. Es verweist darauf, dass diese Panik dich jederzeit heimsuchen kann. Sie kann auf dich losgehen, wo immer du bist. Sie fragt nicht um Erlaubnis, sie kommt unangekündigt und ungebeten zu dir."

Slyrydes: Mit Leidenschaft

Nun wieder Irland, dort allerdings mal ins weniger bekannte Küstenstädtchen Galway. Von hier nämlich stammt die Post-Punk-Truppe Slyrydes, ein Quartett, das 2013 gegründet und im Januar mit der Single "Mental Health" einem größeren Publikum bekannt wurde. Es folgte der Song "Point Of View" und nun ganz aktuell das Video zu "Out Patience". Produziert hat Daniel Doherty, für den auch schon die Fontaines D.C. im Studio standen - aus allen Stücken läßt sich die Energie und Leidenschaft von Sänger Marc Raftery unschwer heraushören.





Italia 90: Dritter Streich

Nochmals alt bekannt: Die Londoner Hardcore-Kapelle Italia 90 ist hier seit ihren ersten Versuchen im Frühjahr 2017 unregelmäßig zu Gast, im vergangenen Winter erschien ihre zweite EP (siehe unten) und nun ist für November die dritte Ausgabe angekündigt. Die erste Auskopplung der 12" heißt "An Episode", die restlichen vier Stücke folgen dann beizeiten - Konzerttermine sind vorerst nur auf der Insel vorgesehen, hoffen wir also mal auf zunehmende Gefolgschaft und größere Reichweite.



Monograms: Wahlverwandtschaften

Der letzte Hinweis dieses Wochenendes geht nach Brooklyn. Hier werkeln die Monograms, ein vierköpfiges Kollektiv, denen Bands wie New Order und Joy Division (man hört es schnell) nicht fremd sind. Ursprünglich als Soloprojekt des Multiinstrumentalisten Ian Jacobs gestartet, kamen nach und nach Rich Carrillo (Drums), Michelle Feliciano (Keyboards) und Bassist Sam Bartos hinzu, das Debütalbum "Fade Down Silence" erschien im Dezember 2018. Der dunkle Post-Punk wird sich am 20. September in frischer Aufmachung via PaperCup Music auf dem Album "Living Wire" finden, von welchem wir hier die beiden Stücke "Don't Fight For It" und "Sounds Like Mean Spirit" streamen.

Samstag, 7. September 2019

Lankum: Ein Tag, lebenslang

Bei allem Lob für die neue, irische Klasse sollte man diejenigen nicht vergessen, die sich auch an die traditionellen Klänge der grünen Insel halten. Und da sind wir schnell bei der Band Lankum, deren Album "Between Earth And Sky" wir hier in anderem Zusammenhang schon erwähnt hatten. Das Quartett aus Dublin hat gerade sein neues Werk "The Livelong Day" für den 25. Oktober angekündigt, die erste Single ist eine traditionelle Volksweise namens "The Wild Rover", die Lankum zusätzlich mit einem Video von Ellius Grace in beeindruckender Kulisse versehen haben.



Freitag, 6. September 2019

MUNA: Der Reiz der dunklen Seite

MUNA
„Saves The World“
(RCA)

So richtig bahnbrechend ist diese Erkenntnis zwar nicht, aber sind wir mit unserem andauernden Hang zur Etikettierung nicht ständig dabei einzuteilen, zu kategorisieren und – ja: auszugrenzen? Auch da, wo wir das gerade vermeiden wollen? Warum beispielsweise muss das hier Queer-Pop heißen, nur weil die, die ihn machen, andere oder anders lieben? Wenn uns das nämlich egal sein soll, dann wäre die Musik von MUNA aus Los Angeles einfach nur wunderbarer Pop – gefühlvoll, leidenschaftlich, zuweilen auch pathetisch. Die Hamburger Musikerin Ilgen-Nur Borali hat gerade in einem Interview gemeint, sie selber sähe sich schon unter dem besagten Label, möchte aber ungern von dritten darauf reduziert werden. In diesem Sinne verwenden wir also besser den Slogan der Band selbst, mit dem sie so treffend eine Klammer um ihre bisherige Karriere legt: „Sad soft pop songs for sissies emo queers and crybabies.“

2017 erschien das Debütalbum der drei, schon auf „About U“ gelang es Katie Gavin, Josette Maskin und Naomi McPherson auf bemerkenswerte Weise, Melancholie mit elektrifizierenden Beats zu verknüpfen, schon damals gab es herrlich überzeichnete Theatralik, große Worte, viel Emotion und geschmeidige Melodien im Überfluss. Das also, was großen Pop eben ausmacht. Und der Nachfolger hat davon nicht weniger zu bieten: Der Einstieg mutig – kein Dancetrack, sondern die kurze Powerballade „Grow“ als Ausdruck des Willens, erwachsen zu werden, das Kindliche abzulegen, dem Partybluff endgültig Lebewohl zu sagen. Eine Absicht, ein Ausblick vorerst, denn natürlich führt schon der zweite Song, ihre Single „Number One Fan“, zumindest musikalisch unter die Glitzerkugel – dicke Synths, Gavins unverwechselbar dunkle Stimme besingt die trügerischen Seiten und Verführungen des Stardoms.



Und auch die nächste Vorauskopplung „Stayaway“ ist nach diesem Erfolgsrezept gestrickt – schillernde, überaus eingängige Chords, die Vocals schwelgen, opulente Takte wechseln mit reduzierten Momenten, es geht um die Unabänderlichkeiten der Liebe, um Sehnsüchte und Gefahren des Selbstbetrugs, das Leben also. Die dunklen Seiten, das war vom Start weg so, überwiegen bei MUNA stets gegenüber den hellen, machen aber auch den Reiz der Stücke aus. Ein Song wie „Never“, ein Requiem auf die Liebe, von der Gavin nichts mehr wissen will, wäre ohne die tragische Komponente nicht halb so gut, die Stimme schwankt zwischen Düsternis, wütendem Ausbruch und verzerrtem Crescendo (und kommt da nicht sogar eine Gitarre ins Spiel)?



Es gibt schmerzhafte Kindheits- und Jugenderinnerungen („Taken“), den Clinch zwischen Bindungsangst und Selbstbestimmung („Hands Off“) und ein paar bitterböse Gedanken zu wohlmeinender Fürsorge („Good News“), verpackt in ungewohnt lockere Sommerrhythmen. Der Abschluss dann aber durchaus versöhnlich – „It’s Gonna Be Okay, Baby“ stellt den tröstlichen Mutmacher, soll Zweifel verscheuchen, einen Schuss Zuversicht bringen. Es sind wohl autobiographische Zeilen, die Gavin hier singt, der Weg, den sie beschreibt, führt sie durch Abgründe und Verirrungen, zeigt aber auch Auswege und heilsame Erfahrungen. Es scheint, als sei ihre Welt gerettet worden, im besten Falle kann diese Platte für andere ein Anstoß sein, dasselbe zu schaffen. Und das ist fast schon mehr, als man von guter Popmusik erwarten kann.

Secret Shame: Berufung [Update]

Beginnen wir unsere Wochenendrubrik Sundays Spotlights heute in Asheville, North Carolina. Der Ort ist dem durchschnittlichen Mitteleuropäer vielleicht nicht ganz so geläufig, Literaturliebhabern allerdings sollte er als Geburtsort von Thomas Wolfe schon ein Begriff sein, der Schriftsteller hat seiner Heimatstadt in seinem Roman "Look Homeward, Angel" (hier genannt Altamont) ein ewiges Denkmal gesetzt. Was Ashevilles Jugend höchstwahrscheinlich weniger interessiert, zumindest die fünf Leute, mit denen wir es bei der Band Secret Shame zu tun haben. Lena, Nikki, Matthew, Nathan und Billie jedenfalls schreiben in ihrer Kurzbio den Satz "Some people like to make music - others have to" und wem das noch nicht ernsthaft genug klingt, dem genügt ein Blick auf das obige Bild, um die Grundstimmung ihrer Musik zu ahnen. Düsterer, lauter Post-Punk ist es, dem sie sich seit 2017 verschrieben haben, da erschien ihre erste EP, nun haben sie via Portrayal Of Guilt Records für den 6. September ihr Debütalbum "Dark Synthetics" angekündigt. Und wer hiervon die erste Single "Dark" hört, weiß, dass Lena und ihre Freunde ihren Beruf resp. ihre Berufung tatsächlich sehr ernst nehmen.

Update: Mit "Calm" kommt heute ein weiterer Song vom Debütalbum - ebenso gut natürlich und auch mit Videoclip.





Hater: Entspannte Zwischenmeldung [Update]

Die vier hier können es mal ganz entspannt angehen: Ende des vergangenen Jahres ist die zweite Platte von Hater aus dem schwedischen Malmö erschienen, wie auch ihr Debüt war "Siesta" der erwartete Erfolg, sie wurden gefeiert und werden weiterhin geliebt. Daran wird sich auch nach Veröffentlichung ihrer neuen Double-A-7" "Four Tries Down/It's A Mess" nichts ändern, denn der zarte Gitarrensound ist weiterhin verführerisch gestrickt, verhaltenes Tempo, schöne Stimmen, was will man mehr - physischer Release am 6. September via Fire Records.

Update: Am Tag der Veröffentlichung hier auch noch die Flipside der 7".



Donnerstag, 5. September 2019

Swans: So neu wie altbekannt

Hier kommt es tatsächlich auf genaues Lesen an: Weil Michael Gira nicht nur ein genialer Kopf ist, sondern auch der Mann, der den Begriff des Banddiktators wenn nicht gerade erfunden, so doch mit viel Engagement zur neuen Blüte gebracht hat, hätte man ihm wohl auch die bedingungslose und endgültige Auflösung seiner Formation Swans zugetraut. Zu Ende ging aber nur die Zeit der letztbekannten Besetzungen, mit denen er so tolle Alben wie "My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky" (2010), "The Seer", "To Be Kind" (2014) und "The Glowing Man" (2016) zuwege gebracht hat. Nun also neue KampfgefährtInnen, allesamt laut Gira "people who's work I admire and who's company I personally enjoy". Dazu zählen dann u.a. Ben Frost, Anna und Maria von Hausswolff, Mitglieder der Angels Of Light, Larry Mullins (Ex-Stooges) und Jennifer Gira (siehe unten). Zwölf neue Stücke werden sich auf dem Album finden, das auch in diversen Spanplatten-Verpackungen erhältlich sein soll. Die erste Vorauskopplung "It's Coming It's Real" gibt es mit dem Hinweis auf eine bevorstehende Deutschlandtour im kommenden Jahr gleich hier.