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Mittwoch, 11. September 2019

Ceremony: Bloß kein Dogma

Ceremony
„In The Sprit World Now“

(Relapse Records)

Nein, man muß das nicht wirklich machen. Um ein ungefähres Gefühl dafür zu bekommen, welchen Weg, welchen Wandel diese Band in den vierzehn Jahren ihres Bestehens zurückgelegt hat, kann es aber schon recht hilfreich sein, sich mal das Debüt „Violence Violence“ aus dem Jahr 2006 um die Ohren hauen zu lassen. Ceremony sind damals im kalifornischen Städtchen Rohnert Park (nicht von ungefähr nur schlappe sieben Autostunden von Hermosa Beach entfernt, dem mythischen Gründungsort von Black Flag) tatsächlich als ziemlich schnelle und laute Hardcore-Truppe gestartet, denen kein Ton zu brutal war – ihre Konzerte, so hört man, waren hitzige Angelegenheiten. Irgendwann, mutmaßlich so um die Produktion ihres Album „Zoo“ im Jahr 2012, muss es Sänger Ross Farrar wohl mit der Angst zu tun bekommen haben, auf ewig den alternden Outsider geben zu müssen, nur die wenigsten schaffen das schließlich mit Anstand und Würde. Also entschied er sich zusammen mit seinen Kollegen zur Vollbremsung mit anschließender Kehrtwende, setzte ein „Post-“ vor den Punk und nahm „The L-Shaped Man“ auf, eine erstaunlich schlüssige und überaus gelungene Kurskorrektur.

Diese im Hinterkopf, ist der Sprung zur aktuellen „In The Spirit World Now“ zwar nicht mehr ganz so krass und überraschend, dennoch erweisen sich Ceremony auch hier als überaus mutig – auf einen einmaligen Ausrutscher kann sich nun jedenfalls niemand mehr herausreden. Die elf neuen Stücke (plus drei Interludes) orientieren sich in ihrer Machart stark am dreckig-funkigen MashUp aus Synthesizer und Gitarre, wir hören Devo, hören Wire und vor allem Gang Of Four heraus. Sie machen das so gekonnt und ideenreich, dass von bloßer Abkupferei keine Rede sein kann (ohnehin hat man vor dem Schwenk soviel Respekt, dass der Retrogedanke in den Hintergrund rückt), es gibt herrlich zackige Momente wie „We Can Be Free“, „Years Of Love“ und „From Another Age“, die allesamt nicht die Dreiminutenmarke reißen, den Electropunk von „Never Gonna Die Now“ und den bösen Bass der Leadsingle „Presaging The End“.



Langeweile will einfach keine aufkommen, gerade auch weil sich Ceremony, anders als beim Vorgänger, keinerlei Verschnaufpause gönnen und in die fünfunddreißig Minuten nirgends Füllmaterial einbauen. Allein die Drums zu Beginn von „Further I Was“ pumpen so wunderbar, dass man die brüllenden Riffs aus der Vorzeit schnell vergessen hat. Auch inhaltlich huldigen Farrar und Kollegen der Veränderung, der Reue, bitten hier („Turn Away The Bad Thing“) um Gnade und preisen dort den Aufbruch in Freiheit („We Can Be Free“). Und wer sich von einem so kompakten, knackigen Schlußsong wie „Calming Water“ nicht endgültig umstimmen läßt, den können Ceremony getrost auf der Strecke lassen. Notorischen Zweiflern sei im Übrigen ein Instrumentalstück mit dem Namen „Dogma“ von einer frühen 7“ aus dem Jahr 2008 empfohlen – Piano, vereinzelte Paukenschläge, irrlichternde Gitarren, null Hardcore. Vielleicht eine Komposition in weiser Voraussicht, der Name augenzwinkerndes Programm. Wir für unseren Teil bleiben auf alle Fälle an Bord.

09.11.  Münster, Sputnikhalle
10.11.  Hannover, Cafe Glocksee
12.11.  Hamburg, Hafenklang
13.11.  Leipzig, Conne Island
14.11.  Jena, Kassablanca
16.11.  Berlin, Cassiopeia

Samstag, 16. Mai 2015

Ceremony: Nach dem Rausch

Ceremony
„The L-Shaped Man“
(Matador)

Wer das gewusst haben will, brauchte schon sehr feine Antennen und dazu ein sehr enges Verhältnis zur Kristallkugel: Dass Ceremony ihren Sound von einem Album zum nächsten so grundlegend ändern würden, ließ sich wirklich nur erahnen, wenn man bei „Zoo“ 2012 jede Note auf den Seziertisch legte. Gut, von Hardcore sprachen auch bei dieser Platte nur noch wenige, dennoch – es war laut, es war hart und es existierten von den damaligen Konzerten noch Aufnahmen, wo nach ein paar Takten kein vor und kein auf der Bühne, kein oben und kein unten auszumachen war, Band und Publikum in einem wilden, euphorischen, ausgelassenen Durcheinander. Ähnliches wird es, so läßt sich vermuten, mit den aktuellen Songs nicht mehr geben. Denn wo sich vormals noch Wut und Unzufriedenheit Bahn brachen, Gitarrenbretter den kleinsten Ansatz von Nachdenklichkeit hinwegfegten und nur ein verstecktes „Do it again and again and again…“ die Nähe zu Joy Division vermuten ließ, da dominieren nun die dunklen, wavigen und basslastigen Klänge des Post-Punk.

Man hört, dass private Beziehungsprobleme von Sänger Ross Farrar diesen Schwenk auslösten und doch mag man es kaum glauben – zu krass sind die Unterschiede, zu deutlich ist die Richtungsänderung. Wo gerade noch die Suicidal Tendencies, ja sogar Minor Threat zu Vorbildern taugten, stehen jetzt Wire, New Order und Gang Of Four auf der Liste. Und ist das schlecht? Nicht, wenn es so gut und glaubhaft gemacht ist wie von Ceremony. Sie werden, soviel ist gewiss, sehr viel Prügel einstecken müssen für die neuen Töne, bei jeder Umdrehung der Platte auf dem Teller unkt die innere Stimme „Oh-ooh!“ und die Gemeinde der Alternativ-Metaller ist nun nicht gerade für übergroße Nachsicht bekannt.

Trotzdem muss man anerkennen, dass sie diese, ihre neue Sache ganz gut machen. Die Stücke kommen satt und düster daher, der Bass rollt, die Drums scheppern gewaltig und auch die nötige Leidenschaft fehlt nicht. Farrar hat, wen wunderts, viel zu erzählen über die Schlechtigkeit der Welt: „You told your friends you were fine, you thought you were fine too, you told your family twice, how your way find out. But nothing is ever fine, nothing ever feels right, you have to tell yourself, you tried… (Exit Fears).” Zuweilen, wie bei “The Party”, tönt das Ganze sogar ein wenig gothy, Bauhaus lassen also ebenfalls grüßen. Über die gesamte Spiellänge fehlt es den Songs vielleicht ab und an ein wenig an Unterscheidbarkeit. Ein Nachteil des neu gewählten Genres – beim rauschhaften Gitarrenkrach ist Abwechslung seltener gefragt, hier und jetzt schon eher. Egal, es bleibt dennoch ein toller Wurf und eine der ersten richtigen Überraschungen des Jahres. http://ceremonyhc.com/

Der Komplettstream des Albums steht momentan bei Matablog.


Ceremony - The Separation and The Understanding from Ross Thomas on Vimeo.

Freitag, 19. Juli 2019

Ceremony: Anhaltend konsequent [Update]

Wenn man weiß, woher sie kamen, dann ist ihre Entwicklung noch immer erstaunlich: Gleich in der Kopfzeile des Eintrags der kalifornischen Formation Ceremony steht noch "punk band" vermerkt, diese Klassifizierung werden sie wohl mit ihrem neuen Album endgültig kündigen müssen. Schon für den Vorgänger "The L-Shaped Man" aus dem Jahr 2015 hätte ein Post- davor gemusst, waren plötzlich Wire, New Order und Gang Of Four die Soundpaten, wo früher infernalischer Krach den Ton bestimmte. Nun soll also am 23. August "In The Spirit World Now" erscheinen und der erste Ausblick "Turn Away The Bad Thing" darf schon mal als Warnung gelten.

Update: Die Irritationen halten an - auch mit dem Titelsong (und dazugehörigen Video von Muted Widows) bleiben Ceremony unkalkulierbar.





Donnerstag, 9. März 2017

Dead Ceremony: Geschmeidige Irreführung

Das gehört natürlich zum Kapitel der vorsätzlichen Irreführung: Christopher Stewart, David Trevillion, Harry Pearce und Neil Allen werden den Bandnamen Dead Ceremony nicht ohne Grund und vor allen nicht ohne ein verschmitztes Grinsen im Gesicht gewählt haben, denn wer hinter dem Quartett aus dem englischen Tunbridge Wells eine garstige Deathmetal-Formation erwartet, den müssen wir doch enttäuschen. Eher ist das Gegenteil der Fall - die Jungs spielen einen sehr geschmeidigen Synthpop und ihre neue Single "Oh Boy" darf als Paradebeispiel gelten. Das Stück folgt der Debüt-EP "Tell Me Lies" aus dem vergangenen Jahr und auch diese kann man sich getrost noch einmal geben.



Freitag, 22. November 2013

Ceremony: Mittendrin

Apropos live: Von der kalifornischen Hardcore-Kapelle Ceremony gibt es bei Matablog einen gut halbstündigen Konzertmitschnitt eines Auftritts in Philadelphia im August diesen Jahres. Unterhaltsam deshalb, weil man schon nach kurzer Dauer komplett die Orientierung verliert, wo denn nun genau die Bühne ist und wer um Himmels Willen überhaupt zur Band gehört - grandios!

Mittwoch, 11. März 2015

Ceremony: Hardcoremeditation

Zuerst war da nur das blasse Himmelblau, dann ein Schriftzug über beigefarbenem Quadrat und eine Jahreszahl - die Message: Ceremony, Hardcore-Punks aus Kalifornien, werden demnächst via Matador den Nachfolger ihres Albums "Zoo" aus dem Jahr 2012 veröffentlichen. Wann genau, steht noch nicht fest, aber die Häufigkeit der Nachrichten im Netz via Twitter, Instagram und Tumblr nimmt zu - letztes Statement der Band: "The record is coming soon, yes - very soon." Ah, ja. Die Zeit kann man sich bis dahin damit vertreiben, auf ihrer Homepage kleine Schlangenlinien ins passende Kästchen zu malen - schon probiert, hat eine fast meditative Wirkung. Nachfolgend zur Einstimmung das Video zu "Adult", der zweiten Single des letzten Albums.

Montag, 20. Juli 2015

Ceremony: Mal ganz anders

Ein gutes Beispiel für angstfreies Remixen bekannten Materials dürfen hiermit auch Ceremony beisteuern: Ihren Song "Your Life In France" vom Album "The L-Shaped Man" haben die kalifornischen Post-Punks den Ninos Du Brasil in die Hand gegeben, hier via Matador - klingt ungewohnt und gut.

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Second best

Der meist gecoverte Titel von Joy Division ist - klar: "Love Will Tear Us Apart". Bei New Order hätte wohl "Ceremony" das Zeug dazu, obwohl der Song aus dem Jahr 1981 eigentlich beiden Bands zugeschlagen werden könnte. Nun jedenfalls haben sich die Chromatics des Stückes angenommen, die ohnehin für zauberhafte Cover bekannt sind - Stichwort: "Into The Black" von Neil Young. "Ceremony" jedenfalls zu hören bei Pitchfork.

Dienstag, 28. April 2015

Ceremony: Tatsache

Und da ist auch schon die zweite Kostprobe von "The L-Shaped Man", dem nächsten Album der Kalifornier Ceremony. Es war ja nach der ersten ("The Separation And The Understanding") schon zu hören, dass die ehemals auf Hardcore gebürstete Kapelle einen Stilwechsel vollzogen hat - auch der neue Song "Your Life In France" legt diesen Schluss nahe und macht dabei gar keine so schlechte Figur.


Mittwoch, 18. Dezember 2019

Oberpollinger 2019: Die besten Alben



20
These New Puritans
"Inside the Rse"

Wie immer man das bewertet, wie sehr es einem Musikliebhaber stinkt – Pop- und Rockmusik hat sich in den letzten Jahren geändert, weil sich unsere Hörgewohnheiten geändert haben, weil die Quellen, aus denen wir schöpfen, andere geworden sind und das wiederum einen nicht wegzudiskutierenden Einfluss auf diejenigen hat, die Musik im handwerklichen Sinne machen. Es gibt unzählige Erhebungen, wie Songs beschaffen sein müssen, um unsere Geduld heutzutage nicht überzustrapazieren, Streamingdienste füttern damit die Menschen, die für sie die passenden Algorithmen basteln, Neurowissenschaftler durchleuchten für ihre Analysen unsere Gewohnheiten bis in den kleinsten Hirnwinkel, wissen, wie lang ein Intro sein darf, auf welche Stimme wir wie empfindlich reagieren, was einen Hit ausmacht und was eben nicht. Es ist anzunehmen, dass Jack und George Barnett keine allzu großen Freunde solcher Regeln und Erhebungen sein dürften ... [mehr]

19
Nick Cave
"Ghosteen"

Natürlich hätte man sich damals wundern können, wie schnell nach dem tragischen Unfalltod seines Sohnes im April 2015 Nick Cave das Album „Skeleton Tree“ veröffentlichte. Doch wie sonst soll der Künstler Verlust, Verzweiflung und Hilflosigkeit, die ihm plötzlich so nah an Leib und Seele gerückt sind, verarbeiten, wenn nicht mit seinen ureigensten Mitteln? Mag sein, dass es Cave zupasse kam, dass er sich ohnehin als Trauerarbeiter und Schmerzensmann begreift, dass ihm die dunkle Materie Zeit seines Musikerlebens vertraut ist. Dieses Unglück jedoch hatte eine andere, eine unmittelbare Qualität, auf die wohl niemand, auch nicht Cave, jemals vorbereitet ist. Wie auch. Um so schwärzer dann die ersten Songs danach, „I Need You“ bekam man aus dem Schädel nicht mehr heraus – das Leid wurde selbst dem Zuhörer ein Stück weit begreifbar. Und war, das wissen wir jetzt, doch nur der Anfang ... [mehr]

18
Ceremony
"In The Spirit World Now"

Nein, man muß das nicht wirklich machen. Um ein ungefähres Gefühl dafür zu bekommen, welchen Weg, welchen Wandel diese Band in den vierzehn Jahren ihres Bestehens zurückgelegt hat, kann es aber schon recht hilfreich sein, sich mal das Debüt „Violence Violence“ aus dem Jahr 2006 um die Ohren hauen zu lassen. Ceremony sind damals im kalifornischen Städtchen Rohnert Park (nicht von ungefähr nur schlappe sieben Autostunden von Hermosa Beach entfernt, dem mythischen Gründungsort von Black Flag) tatsächlich als ziemlich schnelle und laute Hardcore-Truppe gestartet, denen kein Ton zu brutal war – ihre Konzerte, so hört man, waren hitzige Angelegenheiten. Irgendwann, mutmaßlich so um die Produktion ihres Album „Zoo“ im Jahr 2012, muss es Sänger Ross Farrar wohl mit der Angst zu tun bekommen haben, auf ewig den alternden Outsider geben zu müssen, nur die wenigsten schaffen das schließlich mit Anstand und Würde. Also entschied er sich zusammen mit seinen Kollegen zur Vollbremsung mit anschließender Kehrtwende, setzte ein „Post-“ vor den Punk und nahm „The L-Shaped Man“ auf, eine erstaunlich schlüssige und überaus gelungene Kurskorrektur ... [mehr]

17
Dave
"Psychodrama"

Das Konzeptalbum gilt ja im HipHop nicht gerade als State of the Art, natürlich gibt es mit Kendrick Lamar, Ghostface Killah, The Roots, Aesop Rock und Jay-Z einige mehr als gelungene Beispiele, doch zählen diese eher zur Ausnahme denn zur Regel. Insofern ist der Ansatz des jungen Londoner Rappers Dave Santan zunächst einmal ein ungewöhnlicher, sich für sein Debütalbum „Psychodrama“ auf die Therapiecouch zu legen und diese Sprechstunde dann hernach als Platte zu veröffentlichen. Das, was den einleitenden Worten des „behandelnden Arztes“ folgt, dreht sich dann natürlich wenig überraschend, weil von allgemeiner, dringlicher Relevanz, um die Sozialisation farbiger Jugendlicher in den Brennpunktvierteln westeuropäischer Megacities, um Alltagsrassismus, fehlende Chancengleichheit, gesamtgesellschaftliche Verwerfungen, Abstiegsängste, Empathieverlust. Und die arbeitet Dave Santan stellvertretend für seine Generation in seiner Sitzung ab ... [mehr]

16
Amyl And The Sniffers
"Amyl And The Sniffers"

Dann wenn es ungemütlich wird, dranzubleiben, das ist hier nicht ganz unwichtig. Und ungemütlich im Sinne von irritierend wird es mit Amy Taylor schnell. Die schlagfertige Frontfrau der australischen Punkband mit der blondierten Vokuhila-Frise auf der Bühne zu sehen, ist ein derart explosives Erlebnis, dass man es wohl nicht so schnell vergisst. Und es gibt wohl keinen Ort, wo sie lieber ist als genau dort. Was sie dort an roher Energie auspackt, an Lautstärke, Schweiß, ist archaisch, ist Rock’n Roll. Joan Jett, Patti Smith, die frühe Debbie Harry vielleicht, das sind die Koordinaten, in denen sich Taylor bewegt. „I’m an angry person“, hat sie dem Magazin Loud And Quiet gesagt, „I’m not going to apologize for that, that’s just who I am. It’s bit like being a champagne bottle; if you don’t pop the lid off every now and then, the whole thing will eventually explode” ... [mehr]

15
Lambchop
"This (Is What I Wanted To Tell You)""

Von der britischen Band Radiohead gibt es einen Song, der sich für das Quintett fast als programmatisch erwiesen hat: “How To Disappear Completely”. Nun, entgegen allen Gerüchten sind Thom Yorke und Kollegen noch immer ziemlich gegenwärtig, es könnte allerdings sein, dass nun mit Lambchop andere nach fünfundzwanzig Jahren Bandgeschichte und dreizehn Alben den Schritt in die Unendlichkeit wagen. Mit seiner Mütze nämlich scheint Kurt Wagner, der sympatische Murmler aus Nashville, nun auch jedwede Zurückhaltung abgelegt zu haben, was den Sound seiner Band angeht. Vor einigen Jahren traten Lambchop noch als Dutzend im Vielklangkollektiv auf, 2006 nach „Damaged“ dann ein erster Break – bis heute zählen noch fünf ständige Mitglieder zur Stammbesetzung. Was auch daran liegt, dass sich die Songs im Laufe der Jahre vom alternativen Country über den Post-Rock hin zu elektronischen, auch experimentellen Gebilden entwickelt haben und nunmehr, wenn auch überaus kunstvoll, größtenteils aus Bits und Bytes bestehen ... [mehr]

14
Drahla
"Useless Coordinates"

Wenn die These stimmt, wonach der Zustand einer Gesellschaft daran zu bemessen ist, wie sehr die widerständige Musikszene eines Landes prosperiert und von welcher Qualität sie ist, dann geht es Großbritannien zurzeit wirklich schlecht (und Deutschland btw noch viel zu gut). Wie auch zuvor schon zu Zeiten von Thatcher und Major hält jede Woche mehrere verheißungsvolle und spannende Neuzugänge bereit, die Grime- und Rap-Szene floriert, Rock und Pop ebenso und selbst Nischen wie der Jazz werden plötzlich hell ausgeleuchtet. Nachdem die Liste ordnungsgemäß pöbelnder Punk- und Post-Punk-Kapellen fast täglich aktualisiert werden muß, machen mit Drahla auch die bislang etwas unterrepräsentierten Kunststudenten wieder lauter. Ohne dass man von dem Trio aus Leeds die Parallelen direkt bestätigt bekäme, sind Ähnlichkeiten zwischen ihrem Werdegang und dem der New Yorker No-Wave-Heroen Sonic Youth zu erkennen: Das betont gleichwertige Nebeneinander von zeitgenössischer, bildender Kunst und roher Musikgewalt („The art side of things is equally as important as the music“, Sängerin Luciel Brown im NME), der performative Ansatz ihrer Video- und Liveauftritte und die sorgfältige DIY-Auswahl grafischer Mittel bei der Gestaltung ihrer Veröffentlichungen – das alles rückt Drahla in die Nähe von Gordon, Moore und Co ... [mehr]

13
Die Kerzen
"True Love"

Vielleicht hat der olle mecklenburgische Herzog Christian Ludwig II. ja damals irgendwie geahnt, dass das nicht anginge. Dass also eine so wunderbare Band wie Die Kerzen unmöglich aus einem Ort Names Klenow kommen könne. Das macht sich zwar im berlinerischen Dialekt ganz dufte, würde aber dem Charakter des Quartetts in keinster Weise gerecht werden. Und so hat der Hochwohlgeborene schon Mitte des 18. Jahrhunderts ein paar Prunkbauten in der Nähe errichten lassen und die Gegend dann ausgesprochen weise zu Ludwigslust umgetauft. Und das wiederum trifft die Kerze oder besser den Nagel auf den Kopf. Denn mit Lust assoziiert man die Musik von Jelly Del Monaco, Die Katze, Fizzy B und Super Luci sofort, dem Adel sei Dank. Soll heißen: Wahre Liebe, New Romantic, Schmachten, Schwelgen – Wham? Bham! Und es wird einige geben, die behaupten wollen, diese Platte wäre wie gemacht für einen heißen Sommer – stimmt ja. Aber sie macht sich ebenso gut vor einem knisternden Kamin an graufrostigen Wintertagen, man kann sich zu den Songs mit schweißperlenbesetzter Haut in der Sonne aalen oder unter meterdicken Wolldecken verkriechen, sie wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Allwetterplatte sozusagen ... [mehr]

12
DIIV
"Deceiver"

Mit jeder aktuellen Bewertung werden ja in der Regel auch die Erinnerungspreise vergeben – klingt wie das, gemahnt an jenes, es läßt sich eigentlich immer etwas finden, das die Zuordnung einfacher und dem Rezensenten die Arbeit leichter macht. Den entsprechenden Pokal in dieser Kategorie werden in diesem Jahr zweifellos die vier jungen Herren von DIIV zugesprochen bekommen. Weil sie an eine Epoche erinnern, bei der sie selbst noch gar nicht ans gemeinsame Musizieren dachten. Genaugenommen haben Zachary Cole Smith und Andrew Bailey ihre Formation (in wechselnden Besetzungen) erst 2011 ans Laufen gebracht, ganze zwanzig Jahre, nachdem beispielsweise ein gewisser Billy Corgan zusammen mit den Smashing Pumpkins das Debüt „Gish“ veröffentlichte, nach Alternative, nach Grunge und natürlich auch nach Shoegazing, zumindest, wenn wir von der Gründergeneration reden. Bei all diesen Stilrichtungen nämlich haben sich DIIV großzügig bedient und zwar so gekonnt, dass sie mit ihrem eigenen Erstling „Oshin“ und erst recht mit dem folgenden „Is The Is Are“ die Vorbilder fast vergessen ließen. Ganz nebenbei sah Cole auch eine Ecke besser aus als Corgan und sorgte so für reichlich gerötete Wangen und Ohnmachtsanfälle bei der weiblichen Anhängerschaft ... [mehr]

11
Gaddafi Gals
"Temple"

Die Zeit der Eindeutigkeit ist längst vorbei, die schubladengerechte Sortierung, Etikettierung kaum mehr möglich. Das gilt für die Gesellschaft allgemein, wo links und rechts als verlässliche Standortkriterien mehr und mehr zu verschwinden bzw. zu verschwimmen scheinen (weil sich der Populismus überall gleichermaßen breitmacht und Linksfaschisten und Ökonationalisten wie selbstverständlich in gegnerischen Biotopen wildern. Das gilt für die Geschlechtertrennung, Stichwort Genderdebatte, LGBTQIA und natürlich auch für die Kunst, meint hier speziell die Musik. Wo früher der Rock eben nur Rock war und auch bei Metal, Rap oder Soul klare Grenzen gezogen wurden, werden heute alle erdenklichen Stilrichtungen nach Herzenslust miteinander vermischt. Das Nachsehen hat, wer die Scheuklappen nicht rechtzeitig vom Kopf bekommt – gut so. Je vielfältiger, facettenreicher es wird, um so mehr hakt es naturgemäß bei der Umschreibung, man braucht ein paar Vokabeln mehr, um eine Vorstellung zu vermitteln resp. zu bekommen, was genau einen hier erwartet ... [mehr]

10
Ilgen-Nur
"Power Nap"

Wo wir gerade bei den Etiketten waren (MUNA): Diese Frau hier hat eine ganze Menge davon abbekommen: übellaunig, arrogant, queer, Slacker – an Ilgen-Nur Borali scheiden sich nicht nur Geister, sondern Sympathien. Und wer’s einem nicht eben einfach macht, hat’s dann halt schnell verkackt. Da werden Selbstbestimmtheit und Eigensinn mit Arroganz verwechselt, schlecht drauf sind ohnehin immer nur die anderen, undankbar sowieso (schließlich kommt sie ja aus der schwäbischen Provinz). Dabei würde es reichen, läse man das eine oder andere Interview mit ihr oder, noch nachhaltiger, würde sich in Ruhe und möglichst ohne Vorbehalte ihre Musik anhören ... [mehr]

9
Little Simz
"Grey Area"

Schon lustig: Da lassen gerade Cardi B und Nicky Minaj, beide ausgewiesene Könnerinnen ihres Fachs, ein wunderbar böses Beef auf heißer Flamme brutzeln und merken dabei nicht, dass der Spot schon ganz woanders hinscheint. Mittlerweile hat nämlich Simbiatu Ajikawo, besser bekannt unter dem Pseudonym Little Simz, den beiden in Sachen Aufmerksamkeit den Rang abgelaufen. Geboren im Londoner Stadtteil Islington, tauchte die mittlerweile fünfundzwanzigjährige Grime-Rapperin erstmals 2010 mit einem Mixtape auf, das auch in Kollegenkreisen für einiges Aufsehen sorgte, spätestens mit ihrem Debüt „A Curious Tale Of Trials + Persons“ und dem darauffolgenden Multimediaprojekt „Stillness In Wonderland“ ging es mit ihr steil bergauf. Nun also „Grey Area“, ein knackiges Statement voller irre schneller und ebenso scharfer Rhymes, derber Beats und erstaunlich vielseitigen Ausflügen in Richtung Soul, Funk, Jazz und Trip Hop ... [mehr]

8
Nilüfer Yanya
"Miss Universe"

Der Beginn: Befremdlich. Eine künstliche Stimme – Alexa, Siri, whatever – bedankt sich für das Interesse, begrüßt die Teilnahme, die gleichbedeutend ist mit der Übergabe persönlicher Daten und stellt eine Verbesserung, gar eine Verlängerung der Lebensumstände in Aussicht. WWAY Health (We Worry About Your Health) heißt das Programm, mit dem die junge Londonerin Nilüfer Yanya ihr Debütalbum eröffnet, es steht für die Inanspruchnahme unseres sozialen Umfelds durch einen vernetzten, künstlich generierten Rundumservice, der uns glauben machen soll, alles sei in Ordnung, alles sei in guten Händen. Doch gleich darauf, in ihrer ersten Hitsingle „In Your Head“, folgt er auch schon, der Hilferuf einer Generation, die sich zunehmend in Abhängigkeit der sozialen Medien sieht, einer Generation, der Schritt für Schritt die Realität abhandenkommt: „Some validation is all I need!“ ... [mehr]

7
Trettmann
"Trettmann"

Seine Kontrahenten, Endgegner quasi, kann man sich ja selten aussuchen, diesen hier aber hat er sich zumindest selbst eingebrockt: Seit Trettmann 2017 mit dem Album „DIY“ fast aus dem nichts abräumte, war klar, dass die Herausforderung für die nächste Platte riesig sein würde. Weil diese Songs direkt aus der Tristesse des Wohnbetons kamen und von allem so viel hatten – so viel Sanftmut, so viel Trauer, Trotz, Liebe, Schmerz, weil es so wohlig groovte wie die leibhaftige Versuchung. Erwischte es einen in richtigen Moment, war Widerstand zwecklos, gab es kein Entrinnen, Gegenmittel Fehlanzeige. Und die größte Gefahr war (und ist), dass man sich diese Songs überhörte, dass es irgendwann einfach nicht mehr gehen würde. Insofern waren die kleinen Methadon-Schübe sehr hilfreich, die Trettmann in den vergangenen Wochen ganz ohne Rezept verabreichte – nicht wenige meinten ja schon, der Tretti wäre zu oft in zu vielen Tracks zu finden, Cro, Kantereit hier, Dendemann und Herre dort, Seeed im Kommen, kann man so sehen. Wenn da nicht diese Sucht wäre ... [mehr]

6
The Murder Capital
"When I Have Fears"

Es sind tatsächlich andere Zeiten. Wir kennen ja durchaus Jahre, da war kein Mangel an jungen, aufstrebenden Gitarrenbands, da gaben sich die talentiertesten unter ihnen wöchentlich mit Verve die Klinke in die Hand, viele teilten sich ein „The“ im Namen und machten gleich einen Trend daraus – lang ist’s her. Heute dagegen ist die Spitze nicht breit, sondern eher dünn, übersichtlich besetzt, haben Pop und Rap den Indierock in Sachen Novitäten längstens überholt und wegen des Mangels ist die Freude jedes Mal um so größer, findet sich doch ein würdiger Vertreter, der dem oft totgesagten Genre ein wenig Hoffnung gibt und Glanz verleiht. Dass die Iren diesen Kampf ganz vorn mit ausfechten, ist ansich keine so große Überraschung (sind sie doch seit jeher eine Nation von Musikverrückten in des Wortes bestem Sinne), erstaunlich ist aber schon, dass mit den Silverbacks, den Fontaines D.C. und eben jener fünfköpfigen Post-Punk-Formation The Murder Capital gleich drei Bands aus Dublin mitmischen ... [mehr]

5
KUMMER
"KIOX"

Ein wenig Nähkästchengeplauder: Eigentlich wollten wir zu dem Kummer-Album gar nichts machen. Weil einem das Kraftklubkaspermateriadrangsalding, dieses Wie-du-mir-so-ich-dir mit der Zeit kräftig auf den Keks ging (Ketzerei!) und man sich wünschte, sie würden sich besser um ihre eigenen Platten kümmern als um die der hochgeschätzten Kollegen. Dann aber kam kürzlich dieser freundliche und offensichtlich maximal euphorisierte Junge auf einen zu und behauptete (ganz außer Atem, was sonst nicht so seins ist), dass ebenjener Felix Kummer gerade mit „KIOX“ ein Album abgeliefert habe, dass er (der Junge also) für das beste seines Lebens hielte. Mindestens. Das wiederum konnten wir natürlich so nicht unbesprochen stehenlassen und haben das ultramarinfarbene Teil dann doch mal auf den Plattenteller gelegt und siehe da – es war kein Fehler ... [mehr]

4
Slowthai
"Nothing Great About Britain"

Manchmal denkt man ja, das alles wäre ein einziger großer Slapstick, den die Briten da mit ihrem Brexit und dem ganzen Drumherum so veranstalten und der Running Gag, wann die nächste Folge davon wohl auf Netflix gesendet wird, kommt nicht von ungefähr. Doch auch wenn das Ganze zuweilen nicht einer gewissen Komik entbehrt, ja die Sitzungen des britischen Parlaments für unsere Augen recht bizarr wirken, sind die Vorgänge im Königreich alles andere als lustig. Das staatliche Gesundheitssystem kollabiert, der gesellschaftliche Frieden und die zwischenmenschliche Solidarität sind mehr als brüchig, Nationalismus, Revisionismus und Populismus wieder auf dem Vormarsch und im ganzen Land machen sich Hoffnungslosigkeit und Fatalismus breit – „Nothing great about Britain“, fürwahr. Tyron Kaymone Frampton, der Junge also, der sich hinter dem Pseudonym Slowthai verbirgt, ist kein Sprücheklopfer, kein Schauspieler, er weiß, wovon er redet, wenn es um schwierige Verhältnisse geht: Die alleinerziehende Mutter war bei seiner Geburt in Northampton noch minderjährig, sein kleinerer Bruder verstarb frühzeitig an einer Muskelerkrankung – es gibt wahrlich günstigere Umstände für einen Heranwachsenden ... [mehr]

3
Sleaford Mods
"Eton Alive"

Wie lange das schon so geht? Keine Ahnung. Gefühlt arbeiten sich orientierungslose Politiker am zweifelhaften Votum ihres Volkes seit Jahrzehnten ab. 2012 hat wohl der erste Brite „Raus!“ geschrien, wenig später waren es dann so viele, dass man es nicht mehr ignorieren konnte und nun plagen sich Regierende und Regierte gleichermaßen mit der folgenschweren Entscheidung trotzköpfiger Separatisten. Ob schwarze Sturmhaube, rote Fahne oder gelbe Weste – die Angst ist diffus, die Wut auch, der Druck steigt. Und die Sleaford Mods sind immer noch zur Stelle. Doch ebensowenig, wie der Brexit nur ein britisches Problem ist, sind die Sleaford Mods eine Brexit-Band. Die Frustration und Aggressivität der Lyrics von Jason Williamson speisen sich vielmehr aus den Erlebnissen eines wohl beschleunigten, aber andauernden Niedergangs unserer westeuropäischen Gesellschaft der vergangenen Dekaden, der Brexit ist also nicht mehr als ein Ausschnitt aus dem Storyboard zur Krise ... [mehr]

2
Viagra Boys
"Street Worms"

Das ist schon verflixt: Die Freude darüber, dass es jemand mit der Political Correctness nicht ganz so genau nimmt, ist nun auch schon wieder ziemlich korrekt und man weiß gar nicht mehr, ob man mit dem Beharren auf künstlerischer Freiheit noch auf der richtigen Seite steht – und wo diese überhaupt ist? Je mehr Gedanken man sich darüber macht, so scheint es, desto schlimmer wirds. Wohltuend deshalb, wenn sich mal wer nach vorn wagt ohne groß zu überlegen. Die schwedischen Viagra Boys geben schon mit ihrem Namen Auskunft darüber, wie sie es mit hehren Begriffen wie sozialer Verantwortung und gesellschaftlichem Bildungsauftrag so halten. Genaugenommen sind das Dinge, über welche die fünf Kerle aus Stockholm eher selten nachdenken, sind sie doch der Meinung, ein jeder sollte den Anspruch zwischen ausgelassener Party und kritischer Hinterfragung mit sich selbst ausmachen – so jedenfalls haben sie es gerade dem OX-Magazin erzählt. Und so klingt auch ihr Debütalbum. Dort wird der Rock noch in fetten Lettern geschrieben, gibt es dreckige Gitarren, werden die Drums wie auf der Galeere gehauen und sind die Texte anständig rüde ... [mehr]

1
Fontaines D.C.
"Dogrel"

Betrachtet man das Große und Ganze, ist das natürlich nur eine Randnotiz, aber man kommt nicht umhin festzustellen: Den Briten geht es momentan an allen Ecken ziemlich nass rein. Da schüttelt alle Welt den Kopf über ihr (die einen sagen unterhaltsames, die anderen behaupten würdeloses) Gezeter und Gezerre zum EU-Austritt, zu anderen gesellschaftlichen Themen werden sie gleich gar nicht mehr wahrgenommen. Und dann tritt plötzlich eine Band wie die Fontaines D.C. auf den Plan und liefert ein furioses Debüt ab, das so urbritisch wie nur irgendwas klingt und die besten Erinnerungen an längst vergangenen Ruhm weckt, an die Libertines, an Oasis und Maximo Park. Und woher kommen sie? Aus Dublin! Also mehr Demütigung geht nicht. Und wie sie kommen! Man kann sich wirklich auf lange Zeit an keine Band mehr erinnern, die aus dem Stand mit einem derartigen Punch aufgeschlagen ist, die ein solch komplettes Album abgeliefert hat ... [mehr]

Donnerstag, 26. März 2015

Ceremony: Edle Kühle

Kürzlich schon im Gespräch - jetzt mit ein paar Daten mehr unterfüttert: Ceremony haben für Mitte Mai ihr neues Album "The L-Shaped Man" angekündigt. Die erste Single wird "The Seperation And The Understanding" heißen und dafür gibt es auch schon paar Bilder. Das Stück ist für ihre Verhältnisse ungewohnt kühl und zahm, Vergleiche mit Joy Division, die ja sonst so locker sitzen, drängen sich hier auf.


Mittwoch, 20. Mai 2020

SPICE: Lohnender Ableger [Update]

Wenn Ross Farrar mit von der Partie ist, heißt es Obacht geben: Dieser Mann nämlich ist Sänger bei Ceremony, einer Band also, die ursprünglich mal mit Hardcore startete, mittlerweile aber - und das ist in diesem Falle überhaupt nicht von Nachteil - in anderen Teichen fischt. Seit ihrer Platte "The L-Shaped Man", spätestens aber it dem letzten Album "In The Spirit World Now" haben Ceremony sich in Richtung Post-Punk und Wave bewegt und sich dabei ganz gewiß nicht zum Affen gemacht. Farrar jedenfalls hat nun zusammen mit seinem Drummer Jake Casarotti eine weitere Formation namens SPICE gegründet, mit dabei sind laut Brooklyn Vegan auch noch Bassist Cody Sullivan (Sabertooth Zombie, No Sir), Ian Simpson an der Gitarre (Creative Adult, No Sir) und Victoria Skudlarek an der Violine. Am 17. Juli soll bei Dais Records das selbstbetitelte Debüt erscheinen (Produzent Sam Pura), neun Songs werden sich darauf befinden und einer davon hört auf den Namen "First Feeling". Laut Farrar geht es in den Stücken vor allem den Schmerz, der uns tagtäglich in den unterschiedlichsten Situationen und Formen begegnet und mit dem fertig zu werden unsere immer wiederkehrende Aufgabe ist.

Update: Und hier kommt ein zweiter Song vom neuen Album - "All My Best Shit" haut in die gleiche Kerbe, sozusagen.





Donnerstag, 28. Mai 2015

Ceremony: Nur zwei dabei

Auf die Nachricht haben wir lang gewartet, dass sie so sparsam ausfällt, ist dann weniger schön: Für ganze zwei Termine werden die vom Hardcore zum Waverock konvertierten Ceremony im Sommer nach Deutschland kommen, um ihr wunderbares Album "The L-Shaped Man" zu präsentieren - freuen können sich Hamburg und Köln. Ob es dort dann auch so zugeht wie auf der Record Release Party in Berkeley beim Cover des Kennedys-Songs "California Über Alles" wird sich zeigen.

15.08.  Köln, Underground
16.08.  Hamburg, Hafenklang

Mittwoch, 9. Juni 2021

Deafheaven: Nicht das Erwartbare

Fast hätten sie uns soweit gehabt, fast wären wir vom Glauben abgefallen: Man hat ja nun schon einige Wandlungen mitgemacht, manche zum Schlechteren, andere zum Besseren. Dass sich eine eingeschworene Hardcore-Kapelle wie Ceremony beispielsweise ziemlich abrupt dem Post-Punk, Wave und sogar Pop zuwendet, war nur im ersten Moment befremdlich, sie haben den Schwenk tatsächlich sehr gut hinbekommen. Dass dies den Blackgazern von Deafheaven auf ähnlich überzeugende Art geglückt wäre, ist reine Spekulation, denn glücklicherweise ist der Versuch dann doch ausgeblieben - vorerst. Die neue Single "Great Mass Of Color" jedenfalls lässt uns lange Zeit im Ungewissen, wohin denn die Reise der Kalifornier gehen mag, alles beginnt verträumt und zart und sehr, sehr melodisch, ganz fünf Minuten wartet man eigentlich nur auf den einen, großen Knall. Der dann tatsächlich auch kommt - wütendes Geschrei, brutales Gitarrenfeedback, wieder zu Hause. Das Quintett um Sänger George Clarke ist allerdings bekannt dafür, im eigenen Metier mit viel Lust zu irritieren, das Typische, schablonenhaft Erwartbare ist ihnen ein Graus. Insofern darf man sicher auch von dem neuen Album "Infinite Granite" einiges an Überraschung erwarten, am 20. August kommt der Nachfolger von "Ordinary Corrupt Human Love" via Sargent House.



Donnerstag, 23. August 2012

Second Coming

Die Tour zur aktuellen Platte "Always" haben Xiu Xiu zur Freude aller, die dabeiwaren, gut gemeistert, nun gibt es aus Anlaß der Veröffentlichung eines Reissues ihres Albums "The Air Force" von 2006 einen Nachschlag - auch Good Old Germany ist gebucht:

04.11.  Nürnberg, K4
05.11.  Wiesbaden, Schlachthof
06.11.  Erfurt, Theater Am Palais
07.11.  Dresden, Beatpol
08.11.  Würzburg, Cafe Cairo
12.11.  Köln, Baustelle Kalk
15.11.  Heidelberg, Karlstorbahnhof

Passend dazu - immer wieder schön: Xiu Xiu mit dem Joy-Division-Cover "Ceremony":

Mittwoch, 11. April 2012

Geteiltes Leid

Xiu Xiu, Kranhalle, München, 10. April 2012 (Support: AU)
Konzerte von Xiu Xiu sind so etwas wie Leiden im halböffentlichen Raum, der Besucher zahlt also einen kleinen Beitrag, um einen bestmöglichen Ausblick auf die Selbstgeißelung von Jamie Stewart, vorgetragen mit seiner derzeit dreiköpfigen Begleitband, zu erhaschen. So auch am gestern in der mäßig gefüllten Kranhalle des Münchner Feierwerks. Fairerweise sollte man keinem Menschen vorwerfen, sich an diesem Abend für eine andere Form der Unterhaltung entschieden zu haben – die Auftritte der Amerikaner gelten als nicht sonderlich einfach rezipierbar, angefangen bei der quasi nicht vorhandenen Interaktion mit dem Publikum, verbreiten die vier auf und vor der Bühne ein körperlich spürbares Unwohlsein, eine unangenehme Schnittmenge aus schroffer, abweisender Gestik und gehetzter Unruhe. Am deutlichsten fokussiert sich das natürlich in der Person Jamie Stewarts selbst – ein Getriebener, der sich mit entrücktem Blick über seiner Gitarre krümmt, seine (selbstbezeugt) kranke Gefühlswelt den neugierigen Blicken da unten zum Fraß vorwirft und dabei augenscheinlich derart unter Druck steht, dass man meint, er werde den Abend nicht heil zu Ende bringen können.

Tut er natürlich doch – bei allem Befremden muss man ihm und seiner Band zugute halten, dass die Musik, die diese zur Schau gestellte Qual untermalt und transformiert, wunderbarer, feinster Indie- und Postrock ist – kalt, natürlich, aber eben auch faszinierend. Das gilt für die Stücke seines fabelhaften neuen Albums „Always“, hier vor allem die Single „Hi“, „Joey’s Song“ und „Beauty Towne“, genauso wie für ältere Songs, mit „Fabulous Muscles“, „The Fox And The Rabbit“, „I Love The Valley, OH!“ mischt er sein Set ausgewogen zwischen früher und heute. Zwischendurch immer wieder die fast zwanghafte Mundspülung mittels zweier verschiedener Flüssigkeiten, das eigenhändige Wechseln einer Gitarrensaite (anderswo vom emsigen Roadie mittels Zweitinstrument schnell überbrückt) gerät bei Stewart – keiner im Publikum wagt auch nur einen Laut von sich zu geben – zur spannungsgeladenen, sprichwörtlichen Zerreißprobe. Um so lauter dann der Jubel für zwei gelungene Coverversionen: Schon „Ceremony“ aus dem Spätwerk von Joy Division scheint wie für diese Band und diesen Abend gemacht, bei der furiosen Zugabe „Frankie Teardrop“ von Suicide taumelt und springt Stewart, vom eigenen Mikrofonkabel gewürgt, mit luzidem Grinsen über die Bühne – die ganz große Show. Und mit Sicherheit das Ende eines eigenwilligen, aber gelungenen Abends. Xiu Xiu "Gray Death", Bowery Ballroom, 2010

Donnerstag, 20. Februar 2020

Choir Boy: Wo die weichen Kerle wohnen

Die letzte Monate haben wir hier ja ziemlich ausführlich und jederzeit völlig zu Recht Die Kerzen aus dem meck-pommerschen Ludwigslust (aka. Berlin, haha) gefeiert, heute dürfen wir daran erinnern, dass natürlich auch weit überm Teich solche sanften Töne, gespielt von ebenso sanften Männern, zu Hause sind. Denken wir beispielsweise an die Band Choir Boy aus Salt Lake City, die gerade die Veröffentlichung ihres zweiten Albums ("Gathering Swans", 8. Mai) nach dem Debüt "Passive With Desire" via Dais Records bekanntgegeben hat. Zur Kapelle gehören neben Sänger Adam Klopp (der mit dem Blutauge) Bassist Chaz Costello, Jeff Kleinman (Keyboard, Saxophon) und Gitarrist Michael Paulsen. Man mag es ja kaum glauben, aber vor nicht allzu langer Zeit haben die vier Jungs noch mit so unterschiedlichen Acts wie Ceremony oder Cold Cave die Bühne geteilt, die Überschneidungen im Fanlager dürften überschaubar gewesen sein. Macht aber nix, zeugt vor allem von viel Selbstbewußtsein. Im neuen Video zur Vorabsingle "Complainer" hantiert das Quartett im Handkameragefunzel mit gruseligen SM-Requisiten aus den 80ern, der Sound dazu ist butterweich - was soll da wohl noch schiefgehen?



Mittwoch, 10. August 2016

Sunflower Bean: Nachhilfe

Alle Kurzentschlossenen, die noch etwas Platz im sommerlichen Terminkalender übrig haben und auf lässigen Gitarrenrock stehen, könnte der neue Clip von Sunflower Bean zu einem Besuch der anstehenden Live-Shows animieren. Das Stück "Come On" stammt im Übrigen vom Album "Human Ceremony", das im Februar diesen Jahres bei PIAS erschienen ist.

25.08.  Hamburg, Molotow
26.08.  Berlin, Lido
27.08.  München, Strom
28.08.  Wien, B72
30.08.  Zürich, Ziegel Oh Lac
31.08.  Dudingen, Bad Bonn

Freitag, 24. November 2017

Glassjaw: Atypisch

In gewisser Weise läßt sich die New Yorker Post-Hardcore-Kapelle Glassjaw mit Bands wie Deafheaven, Sunn O))) oder Ceremony vergleichen - ohrenbetäubender Krach, aber optisch weit weg vom genretypischen Klischee. Aber auch in Sachen Output bewegen sich Daryl Palumbo, Justin Beck, Travis Sykes und Chad Hasty auf einem sehr eigenen Level, ganze zwei Alben hatten die Herren bislang im Angebot, das letzte datiert mit "Worship And Tribute" immerhin schon auf 2002. Nun soll am 1. Dezember das dritte hinzukommen, "Material Control" erscheint bei Century Media und neben einem alten Stück aus dem Jahr 2015 ("new white extremity") wird sich auch die aktuelle Vorabsingle "shira" darauf finden.



Mittwoch, 19. Februar 2014

Eagulls: Das Bild macht die Musik

Eagulls
„Eagulls“

(Partisan)

Geschmackloser Reihenhausklinker, ausgebrannte Autowracks vor lebloser Wohnkulisse, verwaiste Kinderspielplätze ebenda – die Eagulls wissen sehr wohl, dass nicht allein der Ton, sondern auch das Bild die Musik macht. Punkrock der groben Sorte aus Leeds, der gegen die lieblose Tristesse anschreit, den ihre Covershots zeigen; das Quintett um Mark Goldsworthy, Henry Ruddel, Liam Matthews, Tom Kelly und Sänger George Mitchell spielt einen schnellen, einen dreckigen Garagensound. Man kann sie ohne weiteres zu den Holograms, Ceremony oder Iceage ordnen, mit allen drei Bands haben sich die Jungs auch schon Tourbus und Bühne geteilt. Viel Abwechslung zwischen den einzelnen Songs sollte man nicht erwarten, alles stampft und macht vorwärts, zum lauten Lärm gibt es ab und an sogar mal eine gefällige Melodie. Etwas aus der Reihe fallen vielleicht das träge “Possessed” und der Schluß mit “Soulless Youth”, hier eröffnet ein wüstes Nebelhorn für den dunklen Bass – ein Album für Puristen.

17.04.  Bern, ISC
19.04.  Zürich, Elmo Delmo
21.04.  Köln, Blue Shell
22.04.  Hamburg, Hafenklang
25.04.  Berlin, Comet Club