Das passt tatsächlich schön ins Bild: Gerade haben zwei Münchner Schülerinnen, um der Langeweile des Lockdowns zu entgehen und weil sie die Aktion berechtigterweise für eine ziemlich coole Idee hielten, ein komplettes Zimmer in Zeitungspapier eingewickelt - elf Tage, 61 Stunden hat die ganze Sache gedauert und glaubt man ihren Schilderungen, war es ganz gewiss keine einfache Aufgabe. Das kann allerdings nur der Anfang gewesen sein, denn hört man sich die Geschichte von Regisseur Joe Baughman an, dann haben die beiden Damen noch einiges an Herausforderungen vor sich. Der Mann nämlich hat für den animierten Videoclip zum neuen Song "Hardline" der Künstlerin Julien Baker ganze 600 Stunden an Feinarbeit gebraucht und sicher auch Unmengen von bedrucktem Papier dazu benötigt. Baughman ergänzt: "It was a fun and ambitious challenge creating something that could accompany such a compelling song. The style of the set design, inspired by a sculpture that Julien created, was especially fun to work in. I loved sifting through magazines, maps, and newspapers from the ’60s and ’70s and finding the right colors, shapes, and quotes to cover almost every surface in the video." Das Stück selbst findet sich (wie übrigens auch "Faith Healer") auf Bakers nächstem Album "Little Oblivions", das Ende Februar bei Matador erscheinen soll.
Update: Noch ein gutes Jahr hin bis zur Tour, dennoch schon mal die Termine für die Agenda.
Und wo wir gerade von der zunehmenden Lust an der Elektrifizierung gesprochen haben - die scheint allem Anschein nach auch Mod-Legende Paul Weller erwischt zu haben. Nachdem im vergangenen Jahr aus bekannten Gründen die Promotour für sein Album "On Sunset" abgesagt werden musste, fand der Mann laut Rolling Stone genügend Zeit, das heimische Archivmaterial neueren Datums zu studieren und das gab offensichtlich den Ausschlag, dem oft beargwöhnten Pop noch etwas mehr Platz einzuräumen. Und so soll die nächste Platte denn "Fat Pop (Volume I)" heißen (weil später auch noch ein weiterer Teil folgen soll), Vorabsingle Nummer eins "Cosmic Fringes" pluckert und pocht dann auch erstaunlich gelöst aus den Boxen. Zu Gast auf dem Album sind, wie wir lesen, Andy Fairweather Low, Lia Metcalfe von The Mysterines, Hannah Peel und sogar die eigene Tochter Leah, die wohl für den Song "Shades Of Blue" Zuarbeit leistete.
Update: Und hier ist dann der Song, bei dem der Nachwuchs half - "Shades Of Blue".
Damit kann man getrost ins Wochenende geschickt werden: Die Leoniden aus Kiel melden sich heute mit einem neuen Track aus der Musikpause zurück und das ganz im Zeichen der Liebe. "L.O.V.E." nämlich heißt der Song, den sie zusammen mit Produzent Markus Ganter aufgenommen haben. Die visuelle Umsetzung der lockeren Tanznummer übernahm ein Design-Kollektiv namens No Talent und weil wiederum für die bewegungstechnische Umsetzung reichlich Publikum geladen werden muss, hängen wir gleich auch noch die geplanten Konzerttermine der Band hintendran - im März sollte das ja wieder möglich sein.
Update: Das Begräbnis also, an dem keiner Schuld, wo niemand dabei sein will - die neue Single der Leoniden heißt "Funeral". Und die findet sich auf dem jetzt benannten Doppelalbum "Complex Happenings Reduced To A Simple Design", das am 20. August 2021 erscheinen wird. Und die Tourtermine sind auch auf dem neusten Stand ... Nachgereicht und neu angemeldet - die Singles "Disappointing Life" und ganz neu "Blue Hour".
Na ja, Humor haben sie ja. Bei Facebook hatten Slut 2019 ein Foto gepostet, an das der Hashtag #gibtsdienoch geheftet war. Klar, das wissen die vier Herren aus Ingolstadt schon selbst, dass sie sehr lang nichts mehr von sich hatten hören lassen. Ganze sieben Jahre ist die Veröffentlichung ihres letzten Studioalbums "Alienation" her, da gerät schon mal in Vergessenheit, dass Slut hierzulande zu den stilbildenden Gitarrenbands der 90er gehörten und mit "Easy To Love" und "Time Is Not A Remedy" ganz vorzügliche Singles am Start hatten. Geschichte, schöne. Danach kamen dann Pelzig und Gender Bombs, Bühnenwerke, Schallnovellen und ähnliche Dinge, aber ein Album war nicht dabei. Das soll nun 2020, so verspricht die Band, definitiv anstehen, eine erste Vorabsingle ist mit dem heutigen Tag auch schon draußen und hört man in "For The Soul There Is No Hospital" rein, glaubt man den vollmundigen Versprechungen der Promoagentur, Slut hätten sich grundlegend gewandelt. Erster Eindruck: Elektronisch, hochmelodisch, ein Hit. Wir warten mit Spannung, was da wohl noch kommen wird, Plattenfakten und Tourdaten jedenfalls sind baldmöglichst versprochen.
Update: Das Video zur ersten Single "For The Soul There Is No Hospital" stammt von Ludwig Noack, die Illustrationen von Bandmitglied und Grafiker René Arbeithuber ... und die gerade digital erschienenen Remixe der Single von Acid Pauli und Console, was dann genaugenommen in Person von Martin Gretschmann ein und dieselbe Quelle ist. In physischer Form erscheinen die Stücke übrigens am Record Store Day ... Und nun haben wir auch die restlichen Fakten auf dem Tisch: Am 18. Juni soll das Album mit zehn Stücken und dem Titel "Talks Of Paradise" bei Lookbook erscheinen (Artwork unten), begleitet wird diese Nachricht von der nächsten Single "Belly Call", das Video stammt von Anton Kaun.
Musik zu entdecken, die wirklich neu, wirklich originell ist, wird im Laufe der Jahre immer schwieriger - alles war im Grunde schon mal da, kommt einem vor wie die Kopie der Kopie der Kopie, wiederholt sich. Das war schon vor fünfzig Jahren so, auch wenn es damals sehr wohl noch Sounds und Ideen gab, die herausragten, tatsächlich überraschten, Türen aufstießen. Und zweifellos gehörten Alan Vega und Martin Rev mit der No-Wave-Formation Suicide zu diesen seltenen Beispielen, sie waren das, was man heute einen Gamechanger nennt. Vega ist 2016 gestorben, sein Nachlaß soll riesig sein und blieb bislang der Allgemeinheit verschlossen - es könnte allerdings sein, dass sich das gerade ändert. Denn das Label Sacred Bones hat heute die Veröffentlichung eines Albums mit dem Titel "Mutator" angekündigt, dass zu großen Teilen aus den originären Masterbändern der Mitte der 90er aus Vegas Archivs stammt und nun von Liz Lamere, seiner Ex-Frau, und seinem engen Freund Jared Artaud (The Vacant Lots) zur finalen Produktion bearbeitet worden ist. Das darf man ruhig eine kleine Sensation nennen, sich sich vielleicht im Zuge der zukünftig noch anstehenden Releases etwas relativieren könnte. Acht Stücke wird die Platte, geplant für den 23. April, enthalten, und mit "Nike Soldier" gibt es schon mal den passend unterkühlten Vorgeschmack dazu - das Video unter Regie von Jaqueline Castel zeigt im Übrigen Kris Esfandiari (Dalmatian, King Woman, Sugar High, NGHTCRWLR).
Update: Und hier kommen mit "Fist" und "Filthy" zwei weitere Songs vom geheimnisvollen Album.
Natürlich geht auch hier der Tag nicht zu Ende ohne die Meldung vom neuen Album von St. Vincent. Dass eines kommen würde, waberte schon wochenlang als Gerücht durch die Gänge, heute nun gab es endlich belastbares Datenmaterial dazu und das hört sich folgendermaßen an: "Daddy's Home", so der Titel des Nachfolgers von "MASSEDUCTION" (2017) wird am 14. Mai bei Loma Vista erscheinen und elf Stücke enthalten. Die erste Auskopplung "Pay Your Way In Pain" ist ein ziemlich extrovertierter Stomp im Stile der 70er, das Video dazu schlägt in die gleiche Kerbe. Dieser Sound wird das ganze Album bestimmen, so Annie Clark, inhaltlich soll die Platte als eine Art Geschichtensammlung funktionieren: "Daddy’s Home collects stories of being down and out in
downtown NYC, last night’s heels on the morning train. Glamour that’s been up for three days straight." Gehen wir mal davon aus, dass sich hinter diesen Stadtansichten ein paar Abgründe, ein paar Reizthemen verbergen, es wäre ja sonst nicht St. Vincent.
Update: Die zweite Auskopplung aus dem Album heißt "The Melting Of The Sun" und kommt mit einem bunten Cartoon-Clip mit Animationen von Chris McD.
Noch nichts mit Winterschlaf in diesem Jahr, es gibt noch ein paar Neuigkeiten. Und diese hier ist keine kleine. Denn Nicolás Jaar und Dave Harrington, gemeinsam für elektronische Arbeitsgemeinschaft Darkside in New York am Schrauben, haben - endlich, möchte man sagen - einen Nachfolger für ihr phänomenales Debütalbum "Psychic" aus dem Jahr 2013 angekündigt. "Spiral", so der Titel, soll am 23. Juli bei Matador Records erscheinen und mit "Liberty Bell" gibt es auch schon eine erste Single davon zu hören. So weit, so kurz, so gut.
Update: Mit "The Limit" haben wir nun einen weiteren Track des Folgealbums zum Vorhören, das Cover-Artwork gibt's obendrein zu sehen.
Wenn man keinen Algorithmus hat, der einem die Nachrichten nach dem Mund sortiert - hier die wichtigen, dort die nichtigen - dann muss man sich wohl selbst mühen. Hier also mal eine der wichtigen, guten, erfreulichen: Die kanadische Post-Rock-Formation Godspeed You! Black Emperor wird nach 2017 via Constellation Records wieder ein Album veröffentlichen. Der Titel lautet "G_d’s Pee AT STATE’S END!", produziert hat, so liest man bei Pitchfork, James Lasek, Release-Tag ist der 2. April.Durchaus Bandtypisches gibt es zu den Eckdaten der Platte zu erfahren - ganze vier Stücke wird sie enthalten, zwei davon mit einer Spiellänge von mehr als zwanzig Minuten, sie heißen wie folgt:
01 A Military Alphabet (five eyes all blind) (4521.0kHz 6730.0kHz
4109.09kHz) / Job’s Lament / First of the Last Glaciers / where we break
how we shine (ROCKETS FOR MARY) 02 Fire at Static Valley 03
“GOVERNMENT CAME” (9980.0kHz 3617.1kHz 4521.0 kHz) / Cliffs Gaze /
cliffs’ gaze at empty waters’ rise / ASHES TO SEA or NEARER TO THEE 04 OUR SIDE HAS TO WIN (for D.H.)
Wem das zu kryptisch, zu verwirrend ist, der sollte jetzt nicht weiterlesen, denn auch der Handzettel zum Erscheinen des siebten Albums bietet sehr eigenwillige Passagen, dort heißt es u.a.:
"... This record is about all of us waiting for the end. all current forms of governance are failed. this record is about all of us waiting for the beginning, and is informed by the following demands= empty the prisons take power from the police and give it to the neighbourhoods that they terrorise. end the forever wars and all other forms of imperialism. tax the rich until they're impoverished ..."
Sagen wir also nicht, wir hätten es nicht gewußt. Coverart und Teaser anbei, Singleauskopplungen sind laut Band nicht zu erwarten, Livekonzerte aber hoffentlich schon.
Update: Und voilá, drei Termine sind für '22 auf der Liste.
Auf die Schnelle ist uns kein un/passenderes Bild eingefallen, aber säßen wir auf dem drehbaren Plastikungetüm während der sogenannten blind auditions in einer dieser doofen Casting-Shows, mit dem Rücken zum vortragenden Künstler also – es würde keine drei Augenblicke dauern, bis wir mit voller Wucht auf den Buzzer hauten. Einmal ganz davon abgesehen, dass Julian Schmit aka. Schmyt in seinem Leben dort hoffentlich nicht mehr stehen wird, wäre es doch eine komische Sache. Denn eigentlich wollen wir doch, das liegt wohl in unserer Natur, niemandem zuhören, der uns geschlagene zwanzig Minuten lang erklärt, wie abgrundtief trostlos und deprimierend sein Dasein ist. Eigentlich, wie gesagt. Dieser Schmyt aber tut genau das auf eine Art, die beim Zuhören etwas zum Schwingen bringt, ein Mitgefühl, ein Wiedererkennen, das Weghören unmöglich macht. Wer Selbstmitleid so gekonnt buchstabiert wie er, der hat die Leute schnell auf seiner Seite.
Ob bei Opener „Gift“ gemeinsam mit RIN, wo er davon singt, dass Liebeskummer nur dann zu ertragen sein, wenn er voll sei wie die See. Oder bei Zwiegespräch mit dem „Taximann“, den er schnurstracks in Richtung Hölle schickt, auch wenn er nicht weiß, was ihn die Fahrt kosten wird. „Jenny“ hat weiche Lippen, aber ein hartes Herz und bei „Poseidon“ kann sich Schmyt nichts Besseres vorstellen, als im blaugrünen Licht ihrer Augen zu ertrinken – sie dafür „geht unter als ginge sie heim“. Apropos Poseidon – nicht der einzige Song mit literarischem Bezug. Denn auch das schönste Stück auf der EP nimmt Bezug auf die Odyssee von Homer, wo der Held sich dem Zyklopen als „Niemand“ vorstellt und so mit List der Rache der zu Hilfe eilenden Ungeheuer entgeht. Bei Schmyt steht der Name allerdings als trauriges Bild seiner Selbstwahrnehmung, mit Hilfe rechnet, einmal ganz unten angekommen, wohl auch er nicht. Es geht also Richtung Abgrund und wir bereitwillig mit. Hoffentlich macht er was draus …
Es kommt (aus gutem Grund) selten vor, dass wir auf einen öffentlich rechtlichen Sender verweisen, heute am Karfreitag soll es aber doch passieren: In der Mediathek des ZDF nämlich stehen seit geraumer Zeit unter den Hashtags StayLive und CovidBeat eine Reihe von Filmen, aufgenommen mit besonderen Menschen in besonderen Kombinationen an besonderen Orten. Neben Inga Humpe meets Sofia Portanet, Finna vs. Peaches und Deine Lakaien plus HOPE finden sich dort seit gestern auch Max Gruber alias Drangsal im Gespräch mit den unvergleichlichen Gewalt, die dazu im Leipziger UT Connewitz auch einige Songs live aufführen. Wir hören also "Deutsch", "Szenen einer Ehe", "Nichts in mir ist einer Liebe wert", das fabelhafte "Tier" gemeinsam mit Gruber selbst, aber eben auch zwei neue Songs. "Unterwerfung" und "Es funktioniert" sind knüppelharte Industrial-Bretter, eingespielt haben Patrick Wagner, Helen Henfling und Jasmin Rilke die Stücke unter anderem auch in den Studios von Clouds Hill, das wiederum hat wohl so viel Energie freigesetzt, dass bald mit weiterem Material als Nachfolge für letzten Tracks "What Can I Do", "Puppe" und "Snooze" zu rechnen ist.
Kaum zu glauben, wie lange es diesmal vom Gerücht zur belastbaren Nachricht gebraucht hat. Obwohl, ein richtiges Gerücht war es ja genaugenommen gar nicht, denn hatte nicht Bassist Lou Barlow selbst im Dezember 2019 davon geschrieben, dass er, sobald der Schneefall beendet sei, bei Kumpel J [Mascis] vorbeischauen und die Sache - wir vermuten: das neue, zwölfte Album - zu einem Ende bringen würde? Nun, keine Ahnung, wo Herr Barlow seinen dauerhaften Wohnsitz aufgeschlagen hat, aber es muss ein fürchterlich kalter, ungastlicher Ort sein, wenn dort der Schnee erst jetzt und nach so langer Zeit das Fallen einstellt. Und mittels dieser Gnade uns zu der Hoffnung verhilft, es könnte tatsächlich etwas werden mit dem 23. April und der Veröffentlichung von "Sweep It Into Space" bei Jagjaguwar. Wer jetzt behauptet, man könne sich ja die Wartezeit getrost mit den anderen Platten der Grungetruppe vertreiben, sie würden ohnehin alle gleich klingen, hat so überhaupt keine Ahnung vom Charakter der Offenbarung, die Alben von Dinosaur Jr ein ums andere Mal genießen. Es wird demnach dringlich, das letzte Studiowerk liegt mit "Give A Glimpse Of What Yer Not" stammt immerhin schon aus dem Jahr 2016 (!). Hier schon mal die erste Auskopplung "I Ran Away", bei der, wie wir lesen, auch Kurt Vile als Produzent und Gastgitarrist zugegen war.
Update: Schon klar - drei Mann im Schnee, zwinker, zwinker. Aber so sieht es tatsächlich aus, das neue Video zur Vorabsingle "Garden".
Eigentlich hatten wir ja gedacht, dass wir den Superlativ für den letzten Remix der 12" von Ganser "Look At The Sun" getrost würden auspacken können, schließlich waren für "Told You So" die Herren von Algiers am Werk - was sollte danach schon noch kommen?! Nun, das Projekt entwickelt sich gegen Ende zu einer erstaunlichen Wundertüte mit erheblichem Steigerungspotential, denn gerade hat die Band aus Chicago partner in crime Nummer vier bekanntgegeben und dies ist nun also Adam Faulkner von der Girl Band aus Dublin. Was wir bei "Self Service" zu hören bekommen, ist ein Noisegewitter sondergleichen, der Song wurde nochmals komplett auseinander- und wieder zusammengebaut. Für alle, die nach dem Anhören noch mehr auf den Geschmack gekommen sind, gibt es zwar leider noch keine Livetermine von Ganser, wohl aber welche der Girl Band - sie werden 2022 nämlich die Idles auf ihrer Europatournee begleiten. Besser geht's also kaum.
For Those I Love „For Those I Love“ (September Recordings)
Die meisten von uns neigen mit zunehmendem Alter dazu, die Zeit ihrer Jugend zu verklären und unangenehme Dinge möglichst auszublenden. Natürliche Sache, das. Macht das Leben leichter. David Balfe wird das nicht gelingen. Nicht nur, weil er im Dubliner Vorort Coolock aufgewachsen ist, einem ziemlich rauen Pflaster, einer harten Schule. Einem Viertel also, in welchem man die Versäumnisse von Politik, die Verwerfungen der Gesellschaft deutlicher als anderswo zu spüren bekommt. Zum anderen, weil sich vor drei Jahren sein engster Freund Paul Curran ebendort das Leben genommen hat. Balfe und Curran waren best buddies, sie spielten zusammen in diversen Punkbands, hingen rum, machten Unsinn, es ließ sich so halbwegs ertragen, das Leben der Vorstadt. Der Schock, als dies mit einem Mal zu Ende war, hat Balfe kurzfristig in die Isolation getrieben, hat ihn nachdenken und hadern lassen. Er ist damit noch lange nicht durch, aber er hat sich entschlossen, seine Musik als Möglichkeit zu begreifen, mit dem Unfassbaren fertig zu werden, es halbwegs zu verarbeiten. Und so ist das Debütalbum des jungen Mannes eine Liebeserklärung an den verlorenen Freund und an die eigene Jugend geworden, ohne diese glorifizieren oder schönreden zu wollen.
Schön daran war nur die Gemeinschaft und genau deshalb heißt diese Platte „For Those I Love“, eine Zeile, die die Zuhörer über alle Songs begleitet wie eine trotzige Erinnerung daran, wofür es sich zu leben lohnt. Balfe schildert in den neun Tracks die schwierigen Verhältnisse, in denen jener Freundeskreis zusammenwuchs, er erzählt von ersten Gewalterfahrungen, die einen Geburtstag zum Albtraum werden ließen („Birthday/The Pain“), von einer Gesellschaft, die Schwäche und Verletzlichkeit nicht verzeiht und besser ausblenden will („Top Scheme“), von Schlaflosigkeit, Armut, aber auch Trost und Zusammengehörigkeit. Die Lyrics pendeln zwischen Anklage und Hoffnung: „We don't know what it is to sleep, when each night your eyes bleed, cause there's not a lot of steps between peace and utter misery, when you're 17 and all you have is love and dreams“ heißt es beispielsweise in „To Have You“, später bei „The Shape Of You“ dann: „Patient and free will heal the pain that's left in me, and that's the truth, the fear in my bones is the only growth I know - we had our youth.“
Sein Vater war es, der ihm den Punk-Poeten John Cooper Clarke nahebrachte, er selbst benennt in Mike Skinner alias The Streets sein erstes und wohl größtes Vorbild und natürlich hört man dessen Sound und Stil, den schwer verständlichen Dialekt, die stolpernden Beats, auf dem Album wie eine Blaupause wieder. Aber eben auch die schönen Synthpop-Melodien der Pet Shop Boys, die klugen Basteleffekte von Jamie XX und die Düsternis des Dubsteppers Burial. Sehr ernsthaft das alles, sehr traurig, aber auch sehr schön – wie Balfe in allen Tracks Gesprächsfetzen aus WhatsApp-Chats seiner Freunde, auch von Curran selbst, einspielt, wie er alle großen Themen stets auf die persönlichen Erfahrungen herunterbricht. „You Live/No One Like You“ ist eine wunderbare Aufzählung der Dinge, die immer schon geholfen haben – die Pogues, Joy Division, der Fußballklub, aber eben auch Wes, Ross, Gilly, Rob und Sam. In jedem und jeder von ihnen lebt das Andenken an den schmerzlich Vermissten weiter, im Hintergrund wummern die Technobeats. Ganz zum Schluß doch noch mal die verzweifelte Frage: „What happened to my best mate? I have a love - and it's full of pain“, Balfe wird noch länger brauchen, wenn er denn überhaupt jemals eine Antwort bekommt …
Wenn eine Band mit einem sehr überschaubaren Werksverzeichnis für mächtig viel Rummel sorgt, dann kann das natürlich viele Gründe haben. Möglichkeit 1 - es ist Jahresbeginn, noch nicht viel los, da stürzt sich die gesamte Musikpresse gierig auf jedes Riff und jeden Akkord, derer sie habhaft werden kann. Möglichkeit 2 - sie sind wirklich gut und der ganze Rummel trifft die richtigen. Weil wir hier deutlich zum zweiten Grund tendieren, können wir also CLAMM aus dem australischen Melbourne nicht unerwähnt lassen. Das Trio hat in aktueller Besetzung mit Maisie Everett (Bass), Miles Harding (Drums und Backing Vocals) und Jack Summers (Gitarre, Gesang) gerade die Veröffentlichung seines Debütalbums "Beseech Me" für den 9. April via Meat Machine angekündigt, angefangen haben sie - damals noch mit Bassist Luke Scott - im Jahr 2019 mit der Single "Dog". Der Song wird sich übrigens genauso auf der Platte befinden wie die erste Auskopplung "Keystone Pols", die wir hier mit dem dazugehörigen Video präsentieren. Ansonsten darf davon ausgegangen werden, dass der klanggewaltige, kantige Post-Punk ziemlich schnell ein ansehnliches Publikum finden wird.
Update: Und hier kommen Titelsong und ein weiterer Track vom neuen Album - sein Name ist "Liar". Aber das ist sicher nur die halbe Wahrheit.
Und wieder ist es an der Zeit, unsere Freunde von Italia 90 zur Sprache kommen zu lassen. Das Quartett aus London hatte im Winter 2019 mit der 12" "III" den erstklassigen Output an EP ergänzt, nun schicken sie sich an, ein weiteres Doppel folgen zu lassen. Die erste Seite "Borderline" thematisiert die Gefahren und Irrtümer des sogenannten "Dritten Weges", einer extremistischen Bewegung, die in Großbritannien wie auch in anderen Ländern mit seiner nationalistischen Ideologie gerade unter Jugendlichen viele Anhänger gefunden hat. Die Band dazu: "Borderline takes aim at the failed third-way ideology that led to our present political moment. 'the thing you created / is the thing you have hated’ takes to task the hegemonic establishment for its complicity in the very brutality it claims to speak against." Die Flipside "Declare" folgt in den nächsten Wochen, der offizielle Release Day ist der 16. April via Brace Yourself Records.
Update: Endlich sieht man sie mal bei der Arbeit - live wäre natürlich noch schöner - hier kommt das Video zu "Borderline".
Das zumindest hat sich nicht geändert: Jedes ernstzunehmende Musikportal hat wohl mindestens eine studentische Hilfskraft eingestellt, die sich den ganzen Tag durch die Websites von ebenfalls ernstzunehmenden Künstler*innen klickt, um jede noch so kleine Änderung oder Ankündigung (Bild, Countdown, kryptischer Code) zu regsitrieren und dann sofort die üblichen Meldungen Marke "XY are up to something" abzusetzen. Nun, uns jedenfalls fehlt dazu die notwendige Kohle und so sind wir auf Zufallstreffer wie diesen angewiesen. Working Men's Club aus Yorkshire haben im vergangene Jahr ein wirklich fabelhaftes Debütalbum abgeliefert, auf welchem die Historie des tanzbaren Post-Punks in aller Gänze vorgeführt wurde. Und nun also: Rätselhaftes Logo - war klar, was folgen musste. Mit "X" geht nun ein neuer Song an den Start, der auch gleich eine heimische Tour für den Herbst einläutet. Sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn uns nicht auch bald noch ein neues Album erwartet...
Dann also der dritte Post des Tages zum Elend dieser Tage, wie könnte es auch anders sein. Selten jedoch klingt das Elend so verführerisch wie jenes von International Music aus Essen. Diese wunderbare Band hat es geschaftt, dass wir den Begriff "Ente" neuerdings zusammen mit "Traum" denken und auch sonst haben die Herren eine gar wunderbare Art, mit Dunkelheit, Tristesse, Verlorenheit und Einsamkeit umzugehen, solche Dinge verlieren bei ihnen den Schrecken, man möchte ihnen ewig lauschen, wenn sie davon singen. Auch ein Wort wie "Misery" mag manchem in eher schlechter Erinnerung sein, unsereiner denkt da an die durchgeknallte Kathy Bates, wie sie dem wehrlosen Bestsellerautor mit dem Vorschlaghammer die Fußknöchel ruiniert - Stephen King also. Hier steht es trotz der traurigen Zeilen für ein maximal entspannntes Uferpicknick, gemütliches Wassergeschipper, Enten natürlich und am Ende für - Stille. Überflüssig zu erwähnen, dass wir nun noch dringender auf das neue Album "Ententraum" warten, das am 23. April bei Staatsakt erscheinen wird.
Gewöhnlich ist an unserem Leben dieser Tage eigentlich so gar nichts - wir hocken zumeist daheim, Sozialkontakte gehen gehen Null, die Nerven gespannt, die Stimmung gereizt, wie's weitergeht, weiß kaum jemand. Eine Möglichkeit - Tür auf, raus, und wenn's nur für ein paar Minuten ist. Annabel Allum hat, das ist anzunehmen, mit den gleichen Widrigkeiten zu kämpfen wie viele von uns, dennoch lässt sie sich offenbar die Stimmung nicht verhageln und legt nach ihrer wunderbaren Lockdown Session einen weiteren schönen Song vor, der hier heißt "Ordinary Life", wurde von Ben Hillier co-produziert und stammt von ihrer aktuellen B-Seiten-EP "Hear Me Out". Also dann: "Its an ordinary longing for something else and something more, loose your feet, knock on the door, it's an ordinary life..."
Angefangen hatte alles mit diesen irren Beats. Metallenen, trockenen, abgehackten Beats – Electro, Grime, Techno, Dance, whatever. Und der Frage: „Can you shoot while dancing, can you dance while you shoot?“ Gestellt wurde sie von einer Frau, die so gar nicht wie eine aussah, die provozieren, die anecken, die unbequem sein wollte. Wie sie in dem abgefuckten Betonklotz stand, die Haare brav zum Knoten hochgesteckt oder offen über die Schultern fallend, unauffällig gekleidet – da wirkte sie fast ein wenig fehlplatziert, ganz so, als hätte der Regisseur sie testen wollen, ob sie in dieser trostlosen Atmosphäre wohl bestehen könnte. Nun, man muß sich um Noga Erez keine Sorgen machen, sie weiß, was sie will, sie kennt das und hält es aus. Geboren in Tel Aviv, einer Stadt, die wie keine zweite in Israel die Gegensätze dieses Landes, der Kulturen, der Religionen und Lebensentwürfe sichtbar werden lässt, wo das tägliche Leben wie nirgendwo sonst den Widerspruch zwischen ultraorthodoxer Selbstbeschränkung und wilder, westlicher Freiheit, zwischen kaum zu verhehlender Armut und überbordendem Luxus spiegelt. Und doch: Der Krieg ist nebenan, ein paar Kilometer weiter und die Frage, der niemand entkommt, heißt demnach: „Wie kannst du damit leben, ohne verrückt zu werden?“
Noga Erez ist nicht verrückt, sie ist politisch. Auf dem ersten Album „Off The Radar“ (2017) und auch auf dem neuen. Krasse Rhymes und Raps bedeuten für sie und ihren Partner Rousso, den Problemen nicht auszuweichen, sondern sie anzunehmen, zu benennen, auch wenn man die Lösung nicht kennt, nicht weiß, wie es am Ende der Straße weitergeht. An Reizthemen ist kein Mangel, seien sie privater oder gesellschaftlicher Natur – für Erez fließen diese beiden Dinge ohnehin unabdingbar ineinander. Toxisches, männliches Machtgehabe („You So Done“), die medieale Dauerbeschallung, der kein Mensch entkommen kann („Views“), Korruption, Waffengewalt, Zukunftsängste. Da sind viel Bitterkeit und Wut in ihren Versen, aber auch Trotz und Stolz, oft mit dem Hinweis auf ihre Kindheit und ihr Elternhaus verbunden – in „Bark Loud“ ist sie das „underdog kid“, bei „Knockout“ dann ein „shitty child“, in „Fire Kites“ wiederum heißt es „little girl became a monster“. Aus dem schwierigen Kind also ist die laute, zornige Frau geworden, die nun selbst reklamiert: „Kids that never grow old, mom's heart 'bout to explode, all tumbling, all stumbling, pacing down the streets, left-right-left, left-right-left. Who's blaming, who's blaming who? Pacing down the streets, Peace is dead, now rest in peace“ („Kids“).
Es sind Kampflieder, allesamt. Deren Sound im Vergleich zum Vorgängeralbum noch vielschichtiger, aber auch tanzbarer geworden ist. Die schweren Killerbeats sind geblieben, die synthetische Grundierung auch, hinzugekommen eine Reihe feiner Brass-Sektionen, wie man sie hierzulande in gemäßigterer Form von La Brass Banda oder Meute kennt. Spannend auch die Verbindung von (Achtung Klischee!) Klub und Kibbuz – traditionelle Klänge ihrer Heimat werden von Tüftler Rousso verfremdet und geloopt, hebräische Zeilen (von ihrer Mutter) eingesprochen, Straßenlärm, Sirenengeheul. Lebendiger und zeitgemäßer kann Musik heute kaum klingen. Apropos zeitgemäß: Nicht von ungefähr entdeckt man an vielen Stellen Parallelen zum Stil von Billie Eilish und ihrem Bruder Finneas, die sanfte, tiefe Stimme, die Vorliebe dunkle Szenerien und ASMR-Effekte, die eine kurzzeitige Nähe und Intimität erzeugen. Eilish scheint eine Schwester im Geiste zu sein – dem Rolling Stoneerzählte Erez gerade, dass beide sich schon längere Zeit kennen und schätzen. Und auch, wenn der Hintergrund hier ein gänzlich anderer scheint, es ist diese besondere Mischung, die unser Hineingeworfensein und unsere unbedingte Suche nach Orientierung in diese/r Welt wohl am besten zum Ausdruck bringen. Jeden neuen Tag – tanzen und kämpfen.
Da darf man dann gern noch mal den Kopf schütteln. Als die Berliner Band The Usual Boys im vergangenen Jahr hier anklopften, waren wir angenehm überrascht, mit welcher Klarheit, Finesse und Selbstverständlichkeit sie ihre Songs - so viele waren es noch nicht - zum Klingen brachten. Jazz, Rock, Pop waren da drin, Coltrane, The Kinks, ein bisschen Weller Paule auch, nicht schwer, sich in den Sound zu verlieben. Um so erstaunter nahm man zur Kenntnis, dass das Quartett mit "still unsigned" grüßte, also für ihre Musik noch kein Label gefunden schien. Das Verflixte: Heute, eine EP ("So, What Now?") und diesen neuen, wunderbaren Song "Josef K." später, hat sich daran offenbar noch nichts geändert - so richtig in den Kopf will einem das nicht. Gut, offene Klubs, in denen sich die gierigen Scouts der Klein- und Kleinstverleger auf der Suche nach dem nächsten big thing herumtreiben könnten, gibt es momentan nicht, aber es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich für Aleksi Oksanen, Ethan Dalziel, Patrick und Rasmus Schmidt nicht bald jemand fände, der die Qualität ihrer Songs zu schätzen weiß. Sonst müssten wir das am Ende noch selbst übernehmen ...