Montag, 13. April 2020

Jade Hairpins: Mit Spaß bei der Sache

Eine Band als mysteriöses Kuriosum, da sind diese beiden Herren hier wirklich ganz vorn dabei: Jonah Falco und Mike Haliechuck, ihres Zeichens Drummer und Gitarrist bei der kanadischen Hardcore-Kombo Fucked Up, fehlte wohl ein Ausgleich zu ihrem sonst so beinharten Band-Job, deshalb hatten sie sich 2018 klammheimlich als rätselhaftes Duo Jade Hairpins in den Äther geschlichen und via Merge Records eine Single mit den Titeln "Mother Man" und "Gracefully" veröffentlicht. Der Sound war überraschend elektronisch, verspielt und tanzbar, gerade der erste Track hätte mühelos als Hidden Track des New-Order-Albums "Technique" durchgehen können. Weil ihnen die Sache so viel Spaß gemacht hat und auch das Label die Arbeit goutierte, ist nun für den 29. Mai das Debütalbum "Harmony Avenue" angekündigt - vor einiger Zeit schon erschien davon der erste Song "J Terrapin", nun folgt das feine "(Don't Break My) Devotion". Wem es beim Anblick des wundersamen Videos nicht sowohl in den Mundwinkeln als auch Beinen zuckt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen - die beiden haben nun wirklich richtig Spaß.





Gum Country: Let's do the Zeitsprung!

Und noch ein paar von diesen Gitarren, allerdings wird schon nach den ersten Tönen klar (zumindest bilden wir uns das ein), dass diese nicht aus England, sondern aus Amerika kommen, genauer aus Vancouver, Kanada: Von dort nämlich stammen Courtney Garvin, die auch schon bei der Band - klar - The Courtneys musizierte, und Connor Mayer. Die Hälfte ihrer sesshaften Zeit verbringen Gum Country, so ihr Name, allerdings auch in Los Angeles, dort haben sie auch das Debütalbum "Somewhere" aufgenommen, das am 14. Juni bei Burger Records und Kingfisher Bluez erscheinen wird. Und wer sich jetzt den wunderbaren Titelsong anhört, wird sich sofort (und nicht nur wegen des Handkamera-Videos im Stile von 120 Minutes) um einige Jahrzehnte zurückversetzt fühlen und zwar in die Zeit von Stereolab, My Bloody Valentine, Yo La Tengo und The Replacements. Als Zugabe liefern wir hier noch die selbstbetitelte 12" der beiden aus dem Jahr 2017 mit, live werden Gum Country im Übrigen noch zu unterschiedlichen Teilen von Bassistin Halle Saxon Gaines und Lauren Early und Luna Nuhic unterstützt. So, und jetzt - Time Warp!



Do Nothing: Tied up in Nottz

Nottingham sollte ja eigentlich als bestes Beispiel dafür gelten, dass Gitarrenmusik tot ist. Zumindest, wenn man es mit Jason Williamson hält, dem Frontmann der Sleaford Mods. Der Mann hat früher selbst mal Indierock (darf man das so sagen?) gespielt, macht aber heute kein Geheimnis daraus, dass er Gitarren und ähnlich analoges Equipment für mehr als verzichtbar hält. Nun gut, er hat mit Andrew Fearn einen Mann an seiner Seite, der mit seinen Sounds und Beats solcherlei Gerätschaften tatsächlich mühelos zu ersetzen versteht. Darüberhinaus dürfte aber auch Mister Williamson das ganze Thema nicht allzu dogmatisch sehen, lädt er doch selbst mit RVG, The Liines, Girl Band oder gerade The Chats selbst ständig tolle Gitarrenbands ins Vorprogramm, die ordentlich krachen. Und seine Heimatstadt? Nun, die verfügt durchaus übere eine prosperierende Musikszene aller Richtungen - nehmen wir Kagoule, Babe Punch, Fat Digester, Slumb Party oder Grey Hairs. Und eben Do Nothing. Wir hatten die vier Herren schon im Dezember des vergangenen Jahres auf dem Schirm, nun haben sie ihre neue EP "Zero Dollar Bill" mit fünf Stücken veröffentlicht. Eines davon "LeBron James", kennen wir schon, der Rest ist ebenso gut und passt mit dem düsteren Post-Punk bestens auf die Liste neben die Fontaines D.C. und The Murder Capital.

Donnerstag, 9. April 2020

David Gilmour: Familientheater

Was dieses doofe Virus nicht alles zusammenbringt - Mitbewohner werden zu Lebenspartnern, wenn es um das ungestörte Umherlaufen in freier Natur geht, Fahrradboten bringen Papierbücher zu Lesenhungrigen, die partu nicht online schmökern wollen und selbst Buchlesungen bekommen via Internetz wieder zu neuem Charme. Ein ganz besonderes Exemplar dieser Gattung beschert uns heute die Familie des Pink-Floyd-Sängers und -gitarristen David Gilmour. Seine Frau Polly Samson, Londoner Autorin und Journalistin, wollte eigentlich ihr neues Buch mit dem Titel "Theater For Dreamers" auf einer Veranstaltung in der Central Hall Westminster vorstellen, aber das blöde C machte ihr und dem Verlag einen fetten Strich durch die Rechnung. Und so entschied sie sich, die Kladde einfach im Kreise ihrer kompletten Familie samt Hund und Kleinstkind vorzustellen, was, wie man sieht und hört, eine recht unterhaltsame Lösung war. Das ganze Arrangement wirkt mit Tischdeckchen, Kerzenleuchtern und Knabberzeug fast schon wie ein royales Sittengemälde und wenn dann der alte Gilmour auch noch "Bird On The Wire" und "So Long Marianne" vom hochverehrten Leonard Cohen auf der Klampfe anstimmt, verfällt man endgültig in Andacht (naja, so fast jedenfalls). Und wer jetzt meint, das Ganze hätten sich auch die beiden Terrys, also Jones und Gilliam, nicht besser ausdenken können, der/die liegt sicher auch nicht ganz falsch.

Monster Florence vs. Miles Kane: Kammermusik

Schon lustig, was vier Wände so auch Menschen machen können. Nein, das meint jetzt ausnahmsweise nicht die eigenen von wegen dem ganzen Corona-Wahnsinn. Sondern Studiowände, speziell die der Abbey-Road-Studios in London. Denn das läßt sich immer fast deckungsgleich verfolgen, wenn wer die heiligen Räume betritt, in denen die Beatles und wer nicht alles noch Umwerfendes eingespielt haben - der Wortlaut ist fast immer derselbe und geht in ungefähr so: "As soon as we got to Abbey Road you could feel how special it is in the history of recorded music - ‘greatness only’ and you can feel it in the air. Wall to wall there are pictures and reminders of sessions that are just legendary. To be able to record there is any musicians dream." Diese Worte stammen übrigens vom Drummer der britischen Band Monster Florence, einem sechsköpfigen Kollektiv aus Colchester, das sich dem Hip-Hop und Grime verschrieben hat und 2018 sein letztes Album "Foul" veröffentlichte. Die Band hat sich kürzlich mit einer größeren Menge an Orchester-Musiker*innen und dem Songwriter Miles Kane in eben jene sagenumwobenen vier Wände begeben, um den Track "Picture Frame" neu einzuspielen - herausgekommen ist ein wahres Kleinod kammermusikalischer Livemusik.



Leonie singt: Zu allen Zeiten [Update]

Leonie singt
„Horizont“
(Gutfeeling Records)

Es ist eben nur die halbe Wahrheit, dass derzeit alles von diesem doofen Virus überlagert wird und man deshalb über anderes nicht reden könne. Vielmehr scheint die Extremsituation, in der wir ausnahmslos alle stecken, das eher zu verstärken, worüber sich immer und jederzeit zu reden lohnt: Wo wollen wir hin? Was hoffen wir, dort zu finden? Wie sieht es mit unserer Mitmenschlichkeit, unserer Empathie, unserer Empfänglichkeit für die Nöte anderer aus? Wie gut kennen wir einander? Wie stark sind wir und reicht das, um durchzukommen? Fragen, die uns sonst im Unterbewusstsein eher leicht streifen, vielleicht auch ein wenig verunsichern, werden nun existenziell, drängend. Und bringen uns nicht selten aus dem Gleichgewicht.

Wir dürfen davon ausgehen, dass Leonie Felle von der dramatischen Zuspitzung unser aller Leben nichts ahnte, als sie die Lieder für ihr neues, zweites Album geschrieben hat, dennoch passen viele auf den zweiten Blick erstaunlich gut in die heutigen Tage. Dabei gehen die Gedanken nicht nur an die düsteren Zeilen des Eröffnungsstücks, die davon sprechen, dass es keinen Ausweg gibt. Der Titelsong kreist um die Ängste, die einen packen, wenn der Boden unter den Füßen zu schwanken beginnt, der Horizont kippt und wir den sicher geglaubten Halt verlieren. So abgeklärt, so klar hat in letzter Zeit noch selten jemand vom Zweifeln und möglichen Scheitern gesungen, Felle tut das in einer Klarheit und Bestimmtheit, die uns innehalten und staunen läßt.



Nicht zu Unrecht hat sie schon mit dem Debüt, auch dieses in einer Mischung aus deutschen und englischen Texten, auch hier stilistisch vielfältig zwischen Folk, Blues und klassischem Indierock, als weibliche Entsprechung des norddeutschen Grüblers und Grantlers Sven Regener (Element Of Crime) gegolten. Und auch ihre Band, bestehend aus Hagen Keller an Gitarre und Akkordeon, Bassist Jakob Egenrieder und Sascha Schwegeler an den Drums, musiziert auf ähnlich spielfreudige Art – wo dort die Trompete der Melancholie mächtig Vorschub leistet, übernimmt bei Leonie singt eine wunderbare Klarinette in Gastrolle die gleiche Funktion. Und wechselt sich wiederum mit schroffen Gitarren oder zarten Streichern ab, ganz danach, welcher Stimmung Felle gerade folgt.

Wir hören eindringliche Lieder über schwierige Momente und schwere Gedanken, die Zweisamkeit, Liebe oder Freundschaft auf den Prüfstand stellen („Wer weiß das schon“/ „Deine Reise“), trotzigen Eskapismus, in fast kindliche Wunschbilder verpackt („Stummer Fisch“). Lauschen ihren verstörenden Beobachtungen in kantigen Reimen, wenn der „Freund ohne Flügel“ lachend in die Tiefe stürzt und folgen ihr später bereitwillig Richtung „Schwarze Berge“, das Dunkel schleicht sich von hinten an, ist allgegenwärtig, unausweichlich. Und doch haben wir es selbst in der Hand, gibt sie uns eine wohlmeinende Empfehlung: „Halt deine Augen offen, such nach dem Licht“.



Es ist eine schöne Platte geworden. Die Wehmut ist zu greifen, aber sie erdrückt nicht, vieles klingt traurig, aber auch Charme und Witz kommen nicht zu kurz. Nicht alles gelingt perfekt, wie auch – das Cover von „I’ll Be Your Mirror“ wirkt seltsam gehetzt, das Weiche, mit dem Nicos Stimme im Original den Song von Velvet Underground prägt und trägt, vermisst man hier ganz. Wunderbar dagegen die zweite Neubearbeitung, so wie Felle Fugazis „I’m So Tired“ interpretiert, funktioniert das Stück und verliert nichts. Vor zwei Tagen hätte auf der Bühne des Münchner Kabaretts Heppel und Ettlich die offizielle Plattentaufe stattfinden sollen, doch der Konjunktiv hat dieser Tage die Regie übernommen und keiner weiß heute, wann das nachgeholt werden kann. Ein Trost bleibt derweil: Der Horizont daheim ist nur kleiner. Aber er bleibt sichtbar.

02.07.  Olching, Haus am See

Update: Bavarian for Lost Highway - das neue Video zu "No Way Out" ist da. Kann man gar nicht oft genug anschauen.



Mittwoch, 8. April 2020

Segbroek: Dunkle Welten, dunkle Tage

Der Tag hat dunkel begonnen, als die befürchtete Nachricht vom Tod des großen John Prine kam, beenden wir ihn also auch etwas düsterer als sonst. Und zwar mit Tönen aus der holländischen Stadt Den Haag. Von dort nämlich stammt die Formation Segbroek, die gerade ihr selbstbetiteltes Debüt vorgelegt hat. Mit Prine hat der Sound der Band wirklich nur insofern zu tun, als daß beides Musik ist, ansonsten liegen sie weitestmöglich voneinander entfernt. Was nicht weiter schlimm ist, denn wer open minded genug ist, wird möglicherweise sowohl das eine als auch das andere inspirierend finden. Segbroek also: Zur Stammbesetzung zählen hier Giuliano Anzani und Kyriakos Charalampides, die unter ihren Pseudonymen DOM und B-STU für den Sound zuständig sind, Lyrics und Gesang wiederum steuert Tea Vaxevanou, in den Linernotes als urbane Anthropologin geführt, bei. Im vergangenen Jahr haben sich die drei im Amsterdamer Kulturzentrum Vondelbunker getroffen, der Ausgangspunkt für das vorliegende Album. Lauscht man den elektronischen Klanggebilden und -strukturen, akzentuiert durch Beats, die mit Bedacht und ohne übertriebene Härte gesetzt sind, erinnert das angenehm an den Wave der 80er (hier: Visage) und an die neueren Vertreter wie Squarepusher, Boy Harsher oder auch Portishead. Zum Gesamtkonzept gehören im Übrigen auch die farbstrengen Visuals von Anna Chocholi und das Artwork des Grafikers Marko Provelengios - all das gibt zusammen ein stimmiges und stimmungsvolles Bild einer Welt, geprägt von Einsamkeit, Verlorenheit und Sehnsucht. Wie gemacht also für Tage wie diese...

Tocotronic: Ohne Hoffnung alles nichts

Das geben wir gern zu - all die gut gemeinten Versuche vieler Künstler*innen, von daheim zu senden, zu unterhalten, sich und uns gewinnbringend zu beschäftigen, sie ermüden. Und langweilen manchmal auch mächtig. Selbst Die Ärzte, auf die wir größte Stücke halten, konnten uns mit ihrem aufgedrehten Corona-Singalong nicht wirklich überzeugen. Heute allerdings wollen wir eine Ausnahme machen, denn Tocotronic haben ebenfalls einen Song zur Zeit, die uns gerade wie eine Unzeit erscheint, geteilt. "Hoffnung" heißt das Lied und Dirk von Lowtzow schreibt dazu im Namen seiner Kollegen folgende Zeilen:

"Wir, die Gruppe Tocotronic, haben uns angesichts der gegenwärtigen Situation entschlossen, ein Lied, an dem wir gerade arbeiten, vorab für euch zu veröffentlichen. Es heißt „Hoffnung“ und soll euch in diesen dunklen Tagen - genau das - Hoffnung schenken. Denn der Text des Liedes, obschon über ein Jahr alt, spiegelt die Verzweiflung über die Vereinzelung, in der sich momentan jede*r befindet, mit einfachen, aber eindringlichen Worten wider und beschwört den Trost und die heilende Kraft, die von Musik und gegenseitiger grenzüberschreitender Solidarität ausgehen können."

Das Video hat Timo Schierhorn geschnitten - wer die Zeit hat, kann ja zu den tristen Aufnahmen Städte-Erkennen spielen, neben den Lyrics, die so schön sind, dass man heulen möchte, macht das alles vielleicht etwas erträglicher...

HOFFNUNG 

Hier ist ein Lied
Das uns verbindet
Und verkündet:
Bleibt nicht stumm

Ein kleines Stück
Lyrics and Music
Gegen die
Vereinzelung

In jedem Ton
Liegt eine Hoffnung
Eine Aktion
In jedem Klang

In jedem Ton
Liegt eine Hoffnung
Auf einen neuen
Zusammenhang

Hier ist ein Lied
Das uns verbindet
Und es fliegt
Durchs Treppenhaus

Ich hab den Boden
Schwarz gestrichen
Wie komm ich aus
Der Ecke raus?

Aus jedem Ton
Spricht eine Hoffnung
Transformation
Aus jedem Klang

Aus jedem Ton
Spricht eine Hoffnung
Auf einen
Neuanfang

Und wenn ich dann
Schweigen müsste
Bei der Gefahr
Die mich umgibt

Und wenn ich dann
Schweigen müsste
Dann hätte ich
Umsonst gelebt

Und wenn ich dann
Schweigen müsste
Bei all der Angst
Die mich umgibt

Und wenn ich dann
Schweigen müsste
Hätte ich
Umsonst gelebt

Wenn ich dich nicht
Bei mir wüsste
Hätte ich Umsonst gelebt

Wenn ich dich nicht
Bei mir wüsste
Hätte ich
Umsonst gelebt

Ghostpoet: Anhaltend düster [Update]

Politik war auch immer dieses Mannes Sache: Obaro Ejimiwe aka. Ghostpoet hat schon immer eine recht klare Haltung vertreten, als Brite kann er irgendwie auch gar nicht anders, denn es gibt bekanntlich vieles auf der Insel, das zur Auseinandersetzung und Stellungnahme einlädt (höfliche Formulierung). Nun hat der Londoner Künstler nach "Dark Days And Canapés" (2017) für den 1. Mai ein neues Album angekündigt, dessen Titel sich wie eine Entgegnung auf Billie Eilishs Debüterfolg liest - "I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep". Im Video zur ersten Single "Concrete Pony" tritt er zusammen mit Lydia Norman und unter Regie von Thomas James vor die Kamera, die Rhymes sind so düster wie der Sound und die Bilder, wer wollte anderes erwarten.

Update: Von Ghostpoet kam dieser Tage ein Tweet, den wohl viele von uns hätten abschicken können, "I just want chat shit and play Fifa. Can I livestream that? I NEED TO GET INVOLVED. PANICKING. I’M BEING LEFT BEHIND!", hieß es da. Dass die neue Single "Nowhere To Hide Now" perfekt zu diesem Hilferuf passt, ist wohl kein Zufall - dunkler geht es kaum, toller Song. Und um wenigstens unsere Stimmung etwas zu heben, hat er auch gleich noch ein paar neue Tourtermine geteilt - wir werden da sein.

18.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
17.10.  Köln, Club Volta
23.10.  Berlin, Columbia Theater
29.10.  München, Strom





Nick Cave And The Bad Seeds: Leidenszeugnis [Update]

Nick Cave And The Bad Seeds
“Ghosteen”

(Rough Trade)

Natürlich hätte man sich damals wundern können, wie schnell nach dem tragischen Unfalltod seines Sohnes im April 2015 Nick Cave das Album „Skeleton Tree“ veröffentlichte. Doch wie sonst soll der Künstler Verlust, Verzweiflung und Hilflosigkeit, die ihm plötzlich so nah an Leib und Seele gerückt sind, verarbeiten, wenn nicht mit seinen ureigensten Mitteln? Mag sein, dass es Cave zupasse kam, dass er sich ohnehin als Trauerarbeiter und Schmerzensmann begreift, dass ihm die dunkle Materie Zeit seines Musikerlebens vertraut ist. Dieses Unglück jedoch hatte eine andere, eine unmittelbare Qualität, auf die wohl niemand, auch nicht Cave, jemals vorbereitet ist. Wie auch. Um so schwärzer dann die ersten Songs danach, „I Need You“ bekam man aus dem Schädel nicht mehr heraus – das Leid wurde selbst dem Zuhörer ein Stück weit begreifbar. Und war, das wissen wir jetzt, doch nur der Anfang.

Denn die Bewältigung des Unbegreiflichen hatte mit „Skeleton Tree“ gerade mal begonnen, auf „Ghosteen“ setzt sie sich in aller Konsequenz fort, noch ausführlicher, düsterer, selbstquälerischer als zuvor. Ist der Sound, den Cave mit seinen Gefährten erzeugte, stets gleichwertiges Stilmittel gewesen, so rückt er ihn auf dem neuen Doppelalbum deutlich hinter den gewaltigen Text, stellt er nur mehr die äußerst reduzierte Begleitung zu den Sprachbildern, Betrachtungen, Balladen biblischen Ausmaßes, wie sie eben nur Cave selbst zu erzählen weiß. Bis weit in das letzte Stück „Hollywood“ hinein, eines von zwei Zwölfminütern, sind keinerlei Drums zu vernehmen, ganz so, als hätte Cave Angst, durch die Schläge die Andacht zu verlieren und so die Zwiesprache mit dem Geist des Vermissten zu stören.

Das nämlich ist auch dieses Werk: Selbst- und Zwiegespräch in einem, ein ständiges Umherwälzen dunkler Gedanken, Ahnungen und Zweifel auf der einen Seite und dann wieder direkte Ansprache an den, zu dem zu sprechen nicht mehr möglich ist – übervoll mit Sehnsucht und Liebe. Eine Totenmesse, fürwahr, viel mehr aber noch die dringende Bitte um Erlösung. „Peace will come in time, peace will come for us“ heißt es im „Spinning Song“ gleich zu Beginn, das klingt noch recht zuversichtlich, doch schon das herzzerreißende „Waiting For You“ läßt ahnen, dass es so schnell nichts wird mit dem inneren Frieden: „Sometimes it’s better not to say anything at all“ singt Cave hier fast als Selbstanklage, gleich danach dann: „Sleep now and take as long as you need, cause I’m waiting for your to return“. Beklemmende Zeilen von einem, der nicht loszulassen gewillt ist.

Und es wird nicht leichter, nicht heller. Biblische Motive tauchen auf, keine Seltenheit bei Cave (mehrmals die Pieta mit dem sterbenden Sohn auf dem Schoß), vermischt mit Sagengestalten – schon das für seine Verhältnisse recht ungewöhnliche, phantastische Covermotiv gibt reichlich Anlaß zur Deutung. Sonst so sonnige Orte wie Malibu erscheinen bei Cave in grellem, seltsam toten Licht, „fields of smoke, black butterflies, screaming horses“, eine wahrhaft gruselige Kulisse („Sun Forest“). Manches wiederum verbleibt im Ungefähren, läßt sich schwerlich deuten, so die Traumwelt in „Galleon Ship“, dem „Leviathan“ oder auch die trostlosen Zeilen von „Fireflies“ – „a star is just a memory of a star, we are fireflies, pulsing dimly in the dark, we are here and you are where you are.“

Besagtes „Hollywood“ als Schlüsselstück, verpackt in eine Art von buddhistischer Weise, schließt dann tatsächlich die Klammer – dramatisch, mit softem Beat zu Bass, Streichern und Piano. Cave hadert hier nochmals mit seinem Hauptthema, der Erlösung: „It’s a long way to find peace of mind“, um wenig später zu erkennen: „Everybody’s losing someone … and I’m just waiting now for my time to come, I’m just waiting for peace to come.” Über den Titel des Albums kann man ja durchaus spekulieren – die Wortverwandtschaft zum Begriff des “Ghosting”, also des Nebeneinanderherlebens zweier Menschen, unfähig zu Kommunikation und Gefühlsregung. Cave ist mit seinem Sohn der Gegenüber dagegen jäh entrissen worden, da wo er reden, mitfühlen möchte, ist niemand mehr, nurmehr eine Erinnerung, ein Geist. Und wir sind Zeugen seines anhaltenden Leidens.



Konzerttermine neu:
29.04.2021  Köln, Lanxess Arena
07.05.2021  Hamburg, Barclaycard Arena
08.05.2021  Berlin, Mercedes Benz Arena
12.05.2021  Wien, Stadthalle
19.05.2021  München, Olympiahalle
03.06.2021  Zürich, Hallenstadion
(alle für 2020 gekauften Karten behalten ihre Gültigkeit)

Dienstag, 7. April 2020

Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs: Auf in den Kampf!

Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs
„Viscerals“
(Rocket Recordings)

Gerade mal wieder (man hat ja die Zeit) einen alten Zeitungsartikel hervorgekramt, der auf das Netzportal Openculture verweist. Dort hatte man vor fünf Jahren eine Liste des russischen (sorry: sowjetischen) Parteinachwuchses Komsomol ausfindig gemacht, auf der zu Zeiten des Kalten Krieges Mitte der 80er eine größere Anzahl westlicher Musiker und Bands landeten, die der Moral eines hoffnungsvollen Jungkommunisten auf das gröbste abträglich waren, sie also auf gefährliche Weise untergruben. Beim Studium der genannten Kandidaten und der aufgeführten Gründe kann man sich aus heutiger Sicht ein Lächeln nicht verkneifen – schließlich werden unter dem Stichwort Neofaschismus Namen wie Julio Iglesias, AC/DC, die Sparks und KISS aufsummiert, Gewalt und Punk in Personalunion evozieren dagegen Black Sabbath, die Scorpions, Depeche Mode, Yazoo und selbst die Village People werden der Aufstachelung zum Ungehorsam geziehen. In das ehrliche Mitleid mit dem gemaßregelten Jungvolk (und zwar in jeglicher Hinsicht) mischt sich da die bange Frage, wie denn die Kaderschmiede wohl reagiert hätte, wären die 7Pigs aus Newcastle schon damals auf dem Markt gewesen. Weil diese erst 2017 mit ihrem Debüt „Feed The Rats“ auf dem Radar auftauchten, bleibt ihnen die Verurteilung durch die übereifrigen Genossen zwar erspart, gleichwohl wären sie ein paar Jahrzehnte früher mit den zehn aktuellen Songs von „Viscerals“ sicher unter einen mördermäßigen Bann gefallen.



Denn viel brachialer und blutiger kann man seine Kundschaft kaum angehen – tonnenschwere Riffs werden da in großer Menge herangewuchtet, die Drums rumpeln wunderbar analog und Sänger Matt Baty malträtiert seine Stimmbänder über die komplette Spiellänge auf gefährlichste Weise. Auf der Bandcamp-Seite der Briten ist übrigens ein schönes Zitat des irischen Dramatikers George Bernard Shaw vermerkt, der gesagt haben soll: „I learned long ago, never to wrestle with a pig – you get dirty, and besides, the pig likes it.“ Von den fünf Herren ist zu hören, dass sie Dreck, Schweiß und Körperkontakt ganz gewiss nicht scheuen, ihre Live-Konzerte sollen (ein Jammer, das in diesen Zeiten so hinzuschreiben) legendär sein. Stilistisch ist das Ganze schwer einzuordnen, wäre der Begriff des Hardrock nicht durch ein paar der oben genannten Truppen auf ewig diskreditiert, könnte man ihn im wortwörtlichen Sinne sogar verwenden – hart definitiv, mal Metal, mal Prog, mal Stoner, mal Punk, irgendwo dazwischen. Dass es trotz Titeln wie „Crazy In Blood“ und „Blood And Butter“ nicht nur um Körpersäfte geht, ist auch klar, „Rubbernecker“ beispielsweise beschäftigt sich mit der Verzweiflung ob des erodierenden Gemeinschaftsgefühls unserer Gesellschaft aus der Sicht eines traurigen Clowns, „New Body“ schildert körperliche Grenzerfahrung und ist zugleich eine solche, ebenso wie das neunminütige „Halloween Bolson“. Auf in den Kampf!

Montag, 6. April 2020

The Strokes: Weitermachen [Update]

Das muß man ihnen ja lassen: Sie erfinden sich einfach immer wieder neu. Und gehen nicht weg. The Strokes haben seit ihrem unbestritten fabelhaftesten Debüt "Is This It" nie klein bei gegeben, haben probiert, getrotzt, durchgehalten. Und auch wenn einige ihrer Kollegen von der "The"-Fraktion und aus den Nullerjahren in der Bedeutungslosigkeit versanken - sie haben sich einen gewissen Ruf erworben, der wenigstens dafür sorgt, für eine Nachricht wie diese den Hypegenerator anzuschmeissen. Von neuem Material kündeten ja schon die letzten Wochen - nun also "At The Door". Und das heißt: Bratzige Synths, Casablancas immer noch leicht angenölte Stimme, dazu ein klassisch gezeichnetes SciFi-Animationsvideo mit Bambi-Optik von Mike Burakoff. Was es nicht hat: Gitarren. Keine zu hören. Dass das für die komplette neue Platte gilt, wollen wir mal bezweifeln, ganz genau wissen wir es aber erst am 10. April, dann nämlich erscheint "The New Abnormal" bei RCA und zwar unter freundlicher Mithilfe vom ollen Rick Rubin. Ebenfalls nicht ganz klar ist wohl die Frage zu beantworten, wie gut sich denn die Herren aus New York so gehalten haben, das letzte Lebenszeichen in Albumlänge "Comedown Machine" war ja 2013 nicht eben eine Offenbarung, da klangen die Solosachen von Casablancas und seine Arbeiten mit The Voidz doch etwas inspirierter.

Update: Und heute kommt mit "Bad Decisions" gleich noch ein neuer Song um die Ecke, dicht gefolgt von "Brooklyn Bridge To Chorus".









Sonntag, 5. April 2020

The Usual Boys: Große Töne, großes Talent

Das ist in der Tat eine beträchtliche Spannweite, die diese vier jungen Herren abdecken wollen: Von der "sexually frustrated nervous energy of The Kinks" ist da zu lesen und ebenso vom Blue Note Jazz der 50er, namentlich hier Lee Morgan, Miles Davis und John Coltrane. Vorbildtechnisch wird also ganz gewiss nicht gekleckert, sondern geklotzt, ganz klar deshalb, dass The Usual Boys aus Berlin kommen. Wer sich aber die vier bislang erschienenen Songs des ambitionierten Quartetts anhört (inklusive eines schönen Modern-Lovers-Covers), bekommt schnell eine Ahnung davon, dass hinter den großen Tönen auch eine ebenso große Menge Talent stecken könnte. Die Gitarren janglen ganz wunderbar, es knirscht, böllert und swingt zu gleichen Teilen und wenn sie diesen Sound auch noch verlustfrei auf die Bühne bekommen, dann sollte Aleksi Oksanen, Ethan Dalziel, Patrick und Rasmus Schmidt noch einiger Erfolg ins Haus stehen. Die aktuelle Single "April Does What She Wants" haben sie in einem einigermaßen dürftigen Studio aufgenommen, sie handelt von einem Mädchen mit mehr Ausstrahlung als Lebenserfahrung und wenn man den vieren glauben will, funktioniert sie bestens als Hangover-Soundtrack. Am besten einfach mal ausprobieren...

Neon Lies: Auffällige Häufung

Foto: Dani Luiz 

Täuscht der Eindruck oder hat der verfrühte Tod von Gabi Delgado die Algorithmen in derart rege Umtriebigkeit versetzt, dass nun wiederum eine Häufung von Empfehlungen aus dem EBM-Spektrum zu beobachten ist? Letzte Woche Local Suicide mit Kalipo, jetzt Neon Lies aus Zagreb. Nun, es sind natürlich nicht die elektronischen Helfer, die hier für Nachschub sorgen (thank God!), sondern findige Labels, die uns den Stoff schicken. Waren es bei den erstgenannten die Audioliths aus Hamburg, ist es hier das Wiener Label Cut Surface, bei dem am 20. April das nunmehr dritte Album "Loveless Adventures" von Neon Lies erscheinen wird. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich im Übrigen der Solokünstler Goran Lautar, der auch noch bei der Post-Punk-Band Modern Delusion als Frontmann auf der Bühne steht - angefangen hat er mit dem Projekt 2015. Neben der aktuellen Single "Drugz" haben wir unten auch noch die Erstauskopplung "Insecurity" verlinkt.



Samstag, 4. April 2020

Familienalbum # 35: The Chats

Also zunächst einmal war da dieses unglaublich tolle Album der australischen Punkband The Chats. Es sollte sich ja langsam rumgesprochen haben, wie herrlich rotzig Josh Price, Eamon Sandwith und Matt Boggis ihre Instrumente zu quälen verstehen - los ging's mit den dreien 2016, als ihre selbstbetitelte Debüt-EP erschien, ein Jahr später dann die nächste 12" mit dem Titel "Get This In Ya", auf der war dann schon "Smoko", so etwas wie ihr Break-Trough-Song, zu finden. Und nun also "High Risk Behaviour", ein wahres Meisterwerk des DIY und garantiert eine der Platten des Jahres. Jetzt könnte man behaupten, das Cover dazu harmoniere auf das Vortrefflichste mit dem Inhalt - was sicher keine allzu steile These ist. Mit etwas Fantasie läßt sich damit aber auch eine Art Evolutionskette der Verpackungskunst klöppeln, denn so simpel die Zeichnungen auf dem Cover erscheinen, erinnern sie doch auch an die Hüllen der ganz Großen und nicht zuletzt an die ikonografischen Werke des Berliner Grafikers Klaus Voormann (Herrgott, mit Fantasie haben wir gesagt!). Wer also für diesen Ausflug bereit ist, für den gibt es hier nicht nur den Stream des Albums der Australier plus Livetermine (postcoronal, versteht sich), sondern auch das aktuelle Familienalbum, wie immer von links nach rechts und oben nach unten.

The Chats "High Risk Behaviour", The Screenshots "Ein starkes Team", Kings Of Leon "Youth And Young Manhood", *The Beatles "Revolver", Wet Wet Wet "Timeless", *Fools Garden "Innocence", No Doubt "Push And Shove", Blur "The Best Of", Queen "Hot Space", Gorillaz "Demon Days", Kiss "Rock And Roll Over", Aeorosmith "Draw The Line", *Fatoni "Andorra", Air "Moon Safari" The Band "Music From Big Pink"

11.10.  Köln, Gloria
12.10.  Hamburg, Gruenspan
13.10.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
31.10.  Hamburg, Knust



Freitag, 3. April 2020

Love A: Grund zum Feiern

Foto: Andreas Hornoff
Was verschickt man lieber in diesen Tagen als: Konzerttermine. Also die ernst gemeinten, nicht die vergangenen oder abgesagten. Obwohl, man weiß ja nie so genau, wie lange die ganze Virus-Misere noch so geht. Und das wissen auch Love A aus Trier nicht, und wollen Ende diesen Jahres dennoch ihr zehnjähriges Bestehen feiern. Ganz am Anfang hießen sie bekanntlich noch Love Academy, genau wie ihre erste 12", die 2010 bei Dense Waves erschienen ist. Es folgten vier Alben, gefüllt mit dem wohl leidenschaftlichsten Punkrock des letzten Jahrzehnts, zumindest wenn es nach dem Gesang von Bandleader Jörkk Mechenbier geht. Ob es vor Tourbeginn noch ein Nachfolgealbum zu "Nichts ist neu" (2017) geben wird, wissen wir nicht, vorerst also erst mal die Termine.

25.11.  Köln, Gebäude 9
26.11.  Hannover, Faust
27.11.  Dresden, Scheune
28.11.  Wiesbaden, Schlachthof
10.12.  Nürnberg, Z-Bau
11.12.  Zürich, Dynamo
12.12.  München, Strom
22.01.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
23.01.  Hamburg, Uebel und Gefährlich

Iceage: Sing den Lagerkoller

Ein Post, zu dem sich jeder weitere Kommentar eigentlich erübrigt. Deshalb nur soviel dazu: Die dänische Punkband Iceage hat nun auch einen Beitrag zur Corona-Krise in die Runde geschickt, der Song heißt passenderweise "Lockdown Blues" und muß deshalb nicht extra erläutert werden. Also: Luftgitarre raus, anhören - mitfühlen. Als weiterführendes Studienmaterial empfehlen wir immer noch das letzte Album der Truppe "Beyondless" bzw. die beiden nachträglichen Singles "Broken Hours" und "Balm Of Gilead".

Orville Peck: Sommersachen

Wetter gut, Stimmung scheiße? Dann unbedingt das neue Video zur aktuellen Single "Summertime" vom großartigen Orville Peck anschauen, dann verfliegt die schlechte Laune von ganz allein. Störender Nebeneffekt: Man möchte sofort in die Natur raus - Bäume umarmen, Laubhaufen kicken, Zweige schütteln, solche Sachen. Mr. Peck sagt zum Song übrigens das Folgende: "I wrote this song a long time ago and to me, Summertime has a few different meanings. Summertime can be a season, a person, or a memory of a happier time that can be difficult to visit. We also wanted the video to focus around the idea of how we treat nature. Ultimately this is a song about biding your time and staying hopeful—even if it means missing something or someone." Hat da wer behauptet, Country-Musik wäre der letzte Husten? Vergesst es!





Donnerstag, 2. April 2020

Cable Ties: Nur Meckern reicht nicht

Cable Ties
„Far Enough“
(Merge Records)

Das ist ja das Schöne – es muß nicht immer alles neu sein, es ist nur wichtig, dass es gut gemacht ist. Die Cable Ties aus dem australischen Melbourne beispielsweise haben den Indierock ganz sicher nicht erfunden, aber sie spielen, ja verkörpern ihn auf perfekte Weise. Und zwar so, dass es bei aller gebotenen Ernsthaftigkeit der besungenen Themen richtig Spaß macht. Seit gut drei Jahren stöpseln Gitarristin Jenny McKechnie, Bassist Nick Brown und Shauna Boyle am Schlagzeug ihrer Instrumente und Mikrofone in die gleichen Amps, sie kommen aus der ziemlich aktiven und wilden DIY-Punkszene der Millionenstadt, die auch und vor allem in den letzten Jahren ein Meltin Pot des Gender-, Trans- und Queer-Rock ist und haben sich dort mit ihrem 2017 erschienen, selbstbetitelten Debüt-Album einen Namen gemacht. Schon da gemahnte ihr Sound, gleichwohl noch sehr Post-Punk, an die Schwestern im Geiste der Riot-Girl-Bewegung in den Staaten, namentlich Bikini Kill und Sleater-Kinney.



Wer jetzt meint, der Hinweis wäre dann doch etwas hochgegriffen, sollte sich besser erst mal „Far Enough“, das vorliegende zweite Album des Trios, anhören – was hier an Energie aus den Boxen scheppert, muss nun wirklich keinen Vergleich scheuen. Es sind nur ganze acht Stücke auf der Platte, die aber haben es, teilweise mit beachtlichen Spieldauer, in sich. Gleich bei „Hope“, dem Opener, wird die Schlagzahl festgelegt, gibt’s nach einem gemächlichen Intro kräftig auf die Mütze: „If I can’t hope, nothing’s ever gonna change. So let your eyes roll, you’ll still be cool when we’re in flames”, heißt es da mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Und sollte danach immer noch wer an der Durchschlagskraft und Spielfreude der drei zweifeln, dann bekommt er/sie im anschließenden „Tell Them Where To Go“ ganz im Britten’schen Sinne von „The Young Persons Guide To The (ähm) Punk Band“ die ganze Kapelle in all ihrer Pracht, meint Wucht, vorgestellt: Polternde Schläge, ein herrlich flatternder Bass und kratzige Gitarren, dazu ermutigt die zornige Sängerin, den angeblichen Herren der Schöpfung ein paar passende Akkorde um die Ohren zu hauen: „Walk out your bedroom and steal your brother’s guitar, go see the folks who took rock back from blokes and who get who you really are – just ignore them all and play.”



Je länger man den Cable Ties zuhört, desto klarer wird, dass sie sich für dieses Album auch etwas ausgiebiger in den späten 70ern bedient haben, damals hieß das noch Hardrock und wurde von Frauen wie Joan Jett und Suzi Quatro intoniert – eine Vorliebe, die im Übrigen auch Amyl und ihre Sniffers, same place, same rage, mit den Kabelbindern teilt. Es folgen weitere Hammerstücke – das siebeneinhalbminütige „Lani“ (dieser Bass!), der bissige Kommentar zur arroganten Gattung des „Self-Made Man“ und das nicht weniger wütende Statement zur dramatischen Umweltkrise, hier gleich im Titel mit den unmissverständlichen Ermahnung „Anger’s Not Enough“ versehen. Wer bis jetzt nicht kapiert hat, dass Schimpfen allein nicht reicht, sondern dringend auch etwas getan werden muss, wird es wohl in diese Leben nicht mehr lernen. Allen anderen ist diese Platte Ansporn und Bestätigung zugleich.



Empress Of: Into the Club [Update]

Es läuft, so scheint es. Einen Tag nach der Albumankündigung der Geschwister HAIM geht auch schon die nächste Künstlerin in Sachen Pop an den Start: Loreley Rodriguez, besser bekannt unter ihrem Moniker Empress Of, hat gerade ihr nunmehr drittes Studioalbum "I'm Your Empress Of" (VÖ 3. April, Terrible Records) angekündigt. Nach den beiden ersten Platten "Me" (2015) und "Us" (2018) hat sie die zwölf neuen Stücke innerhalb von zwei Monaten in den Highlands ihrer Heimatstadt Los Angeles geschrieben, eines davon heißt "Give Me Another Chance" und kommt heute mit einem Video von Alexis Gomez und reichlich Club-Atmo daher. Unbedingt erwähnenswert ist in jedem Falle auch der Song, den Empress Of zum neuen Glanzstück "Look At Us Now Dad" von Banoffee beigesteuert hat, "Tennis Fan" ist ein wirklicher Glücksgriff aus der Tanzkiste (siehe unten).

Update: Und wir bleiben im Club, denn auch die neue Single "Love Is A Drug" kommt eindeutig aus der Glitzerkugel.