Dienstag, 19. Mai 2009

Gefunden_17



Irgendwie hat man es ja geahnt, aber dennoch nicht wahrhaben wollen. Zuerst tauchte Jürgen Vogel in Schweigers Nicht-Film "Keinohrhasen" als grenzdebile Karrikatur seiner selbst auf - okay, nur eine winzige Nebenrolle, ein entschuldbarer Gefallen vielleicht. Dann allerdings rutschte er, wie die gesamte mittelmäßige C- oder D-Prominenz immer öfter bei diversen sinnfreien Chartshows Marke "Die 50 intelligentesten Scooterhits seit Kriegsende" von rechts/links/oben/unten ins Bild und gab ebenso sinnfreie Kommentare ab - nicht gut. Noch weniger gut dann die Rolle als Pausenclown in der "Schillerstraße", der WG also, die seit dem Abgang von Cordula Stratmann so interessant geworden ist wie ein Vierkantholz von OBI. Und nun also seine neueste "große" Rolle im aktuellen Werbespot der Sparkasse - unangenehm humorarm, provozierend geistlos. Und da fragt man sich kopfschüttelnd: Warum Jürgen? War's die Kohle? War's dieses universale Ben-Becker-Gefühl namens Ich-mach-was-ich-will-und-scheiß-drauf? Bitter allemal, wenn so nach und nach aus Hoffnungsträgern Suppenkasper werden. Sicher scheint nur zu sein, dass die Zahl der wackeren Neinsager zum Allerweltsblödsinn immer, immer kleiner wird ...
Wer's trotzdem sehen will

Freitag, 15. Mai 2009

Gehört_30



The Maccabees "Wall Of Arms" (Universal)
Also wenn der Bruckmaier Karl schon in seiner sparsam kommentierenden Tipprunde mit ganzen vier Sternen daherkommt und gewohnt pointiert ein „taugen was“ dazugibt, dann ist fast genug gesagt und die Laufrichtung schon vorgegeben. Üblicherweise tut man Bands mit Sätzen wie „klingt nach ...“ ja eher unrecht und trifft sowieso selten ins Schwarze, bei den Maccabees sollte das aber eher als Kompliment verstanden werden, denn Sänger Orlando Weeks kann tatsächlich so herrlich jammern wie Win Buttler von den mittlerweile übermächtigen Arcade Fire und in den besten Momenten klingen die Maccabees wirklich wie Echo And The Bunnymen. Und die waren nicht die Schlechtesten. Wunderbare Songs zu Hauf, fast alle sehr tanzbar und mit ruhelosem Beat verfeinert, wenn überhaupt welche herausstechen, dann vielleicht das etwas angedunkelte „No Kind Words“, das nervöse „Love You Better“ oder „William Powers“, bei dessen Komposition wohl jemand einen Gedanken an The Edge verschwendet hat. Alles ganz toll, nix zu bemängeln. Na ja, fast nix – das Cover ist Scheiße.

Gehört_29



Bill Callahan „Sometimes I Wish We Were ...“ (Drag City)
Da kann ich jetzt zur Abwechslung mal ganz unbefangen drauflos schreiben, denn so richtig viel weiß ich bisher nicht von Bill Callahan. Gut, er hat den Hauptteil seines bisherigen Werkes unter dem Namen Smog veröffentlicht und er ist nur drei Jahre älter als ich. Nichts, also, womit man großartig hausieren gehen könnte. Eine seiner letzten Smog-Platten „A River Ain’t Too Much To Love“ hat jedoch schon einen würdigen Ehrenplatz in meiner CD-Sammlung gefunden, ist sie doch ein so ausgezeichnetes Stück Musik, eines von den Werken, dass man beim Hausbrand schnell noch aus dem Regal reißen will, weil man ohne meint nur halb so gut leben zu können. Überhaupt, dieser Mann hat eine Stimme, die im Zusammenspiel mit der sehr reduzierten Klangkulisse ein Schimmern, einen Glanz entwickelt, der einen innerlich – ja, irgendwie zur Ruhe kommen läßt, einfach so. Das geht einem bei dem neuen Album nicht viel anders, auch wenn es nicht ganz so zugänglich scheint wie das besagte von Smog. Die Texte kann man ohne Zweifel literarisch nennen, kleine vertrackte Erzählungen über Träume, Verlustängste, Beziehungsgedanken – manche voll von schwarzem Humor und Lautmalerei wie bei „Eid Ma Clack Shaw“, andere lyrisch verbrähmt wie das großartige „Too Many Birds“, wo die Schlußzeile „If You Could Only Stop Your Heartbeat For One Heartbeat“ fast mantraartig aufgebaut wird. Callahan ist wohl kein Mann, der vor lauter Optimismus den ganzen Tag jubelnd durch die Gegend hüpfen muß, eher ein melancholischer, enttäuschter Fatalist („It’s The End Of Faith, No More Must I Strike, To Found My Peace In The Life … It’s Time To Put God Away, I Put God Away“ im neunminütigen Schlußstück „Faith/Void“), ein Tagträumer vielleicht. Man sollte sich den einzelnen Songs mit Behutsamkeit nähern, allesamt sind sie es der Mühe wert, auch wenn mancher nicht gleich zu Beginn in’s Ohr gehen will. Sind sie jedoch einmal drinnen, dann für sehr lange Zeit …

Mittwoch, 13. Mai 2009

Sag zum Abschied leise servus ...



Nun hat’s also auch die GALORE erwischt – im Zuge der allgemeinen Krise der Printmedien, meint hier vor allem Publikumstitel, verabschiedet sich jetzt auch das Interviewmagazin mit der 49. Ausgabe in Richtung Internetportal und damit – so bleibt zu vermuten – alsbald in Richtung Bedeutungslosigkeit. Gestartet mit einer Menge Ambition und Herzblut gingen dem Heft irgendwann die interessanten Gesprächspartner und also auch die Leser aus – mein Abo haben sie mit dem wohl gutgemeinten aber völlig missratenen Relaunch vor gut zwei Jahren verschenkt. Man wollte zuletzt alles und somit viel zu viel sein, neben den Gesprächen wurden nach und nach noch allerlei verzichtbare Rubriken ins Blatt gehoben, die man so und besser schon von unzähligen anderen Heften zur Genüge kannte, die klare optische Linie wurde zugunsten eines wahren Layoutwirrwarrs aufgegeben. Wirklich gut geführte Interviews fand der Leser immer seltener, so überrascht das Ende nicht wirklich. Sei’s drum, eine vergebene Chance vielleicht, ein wenig Trauer bestimmt ... http://www.galore.de/

Gehört_28



Jarvis Cocker „Further Complications“ (Indigo)
Kurz nachdem man die Play-Taste gedrückt hat, ist man fast versucht noch einmal zu kontrollieren, ob die CD nicht falsch belabelt ist – wer oder was zum Teufel schreit, hechelt und bellt denn da? Bist Du’s wirklich, Jarvis? Anscheinend schon, auch wenn der Wiedererkennungseffekt am Anfang denkbar gering ausfällt. Aber nach dem knarzenden Instrumental „Pilchard“ gelangt man kurz in ruhigere Fahrwasser und hat ihn wieder, den alten Crooner. Wenn auch viele Songs im ungewohnten Rockgewand wie „Caucasian Blues“ mehr als gewöhungsbedürftig klingen, manche sogar richtig daneben („Fuckingsong“ und „Homewrecker!“), so ist man mit anderem Material schnell wieder versöhnt. „I Never Said I Was Deep“ ist eine richtige Perle – ein Beispiel dafür, dass Cocker sich in seinen brillanten Momenten erschreckend nahe an David Bowie heranmusiziert hat. Wundervoll. Dass am Ende dann noch für „You’re In My Eyes“ die Diskokugel ausgepackt werden muß und dazu klebrig soulige Chöre mit schwülstig eindimensionalem Text zum Besten gegeben werden verzeiht man ihm dann um so leichter. A Propos Faltenrock: Ein Tip noch für unsere Angie, die ja gleichnamigen Song für den letzten Bundeswahlcontest dankenswerterweise nicht verwenden durfte – zur Erschließung neuer, jüngerer Wählerschichten bietet sich Cockers „Angela“ bestens an. Nur an Alter (“nearly 23”) und Übersetzung wird Frau Pastorentochter wohl noch etwas feilen müssen: „Boom you blew my mind (Angela), I feel the sap rising tonight (Angela), a dry stick at the end of a branch and an overzealous hand …”

Dienstag, 12. Mai 2009

Gefunden_16



Balsam auf die geschundene Seele des ewig unverstandenen Depeche-Mode-Fans ;-), ganz nebenbei noch den Jungs von der Tierhandlung und Timur... äh Bono und seinem Trupp ordentlich eine mitgegeben. Man mag von Alexander Gorkow halten was man will, er holt mit diesem Artikel das nach, was die Süddeutsche aus Ignoranz und/oder selbstverordneter Möchtegernhippness bisher hat vermissen lassen. Fast eine Hommage: Depeche Mode in Tel Aviv

Dienstag, 5. Mai 2009

Gehört_27



Maximo Park „Quicken The Heart“ (Warp)
Irgendwie ist es schade, denn so richtig falsch haben Maximo Park nichts gemacht mit ihrem dritten Album „Quicken The Heart“. Sie klingen immer noch so atemlos und hektisch wie bei ihrem Debüt „A Certain Trigger“, sie haben noch immer die großen Geste parrat und als Berufsjugendliche wie so manche ihrer Kollegen mag man sie auch nicht beschimpfen. Doch was 2003 noch spannend wirkte, klingt heute leider nicht mehr ganz so zwingend, seltsam zerissen und uninspiriert. Sie wissen wohl noch wie’s geht, aber von der Güte solcher Songs wie „Apply Some Pressure“, „Graffiti“ oder auch dem späteren „Our Velocity“ ist leider weit und breit nichts mehr zu hören. Woran’s wohl liegen mag? Man hat diesen Sound, der vor Jahren noch unverwechselbar war, mittlerweile in zahlreichen Variationen gehört, manches Mal wie bei den grandiosen Foals war die Kopie sogar noch einen Tick besser als das Original. Und wenn so viele an der selben Suppe kochen, ist man gut beraten, etwas am Rezept zu ändern. So allerdings hat es dann doch nur zum streckenweise schalen Einheitsbrei gereicht, ohne Mut zum Risiko. Schade, nochmal.

Samstag, 25. April 2009

Gefunden_15



"... Posselt ist eher stark gebaut und rundköpfig. Dem Grundkonzept des Halses, also einer deutlich abgesetzten Verbindung zwischen Torso und Kopf, scheint er skeptisch gegenüberzustehen. ... Und dann hat Posselt einen Schnurrbart. Der steht in zwei deutlich voneinander abgesetzten Haarbalken auf der Oberlippe. Man meint, der geteilte Schnurrbart habe sich gebildet aus einem Paar verrutschter Augenbrauen, die in der Annahme, der Mund werde sich später zu einem solitären Zyklopen-Auge entwickeln, bereits prophylaktisch gewachsen sind."
Kurt Kister in der Süddeutschen Zeitung vom 25./26. April 2009 zum Wahlkampfplakat des CSU-Kandidaten Bernd Posselt

Freitag, 24. April 2009

Gehört_26



The Breeders "Fate To Fatal" (The Breeders)
Kurze Platte, kurze Kritik - Volltreffer. Nachdem der letzte Longplayer der Breeders "Mountain Battles" selbst eingefleischten Fans etwas zu durchwachsen und unentschlossen war - sie waren im Nachhinein wohl selbst nicht so ganz zufrieden damit - ist ihnen mit ihrer ersten selbstproduzierten und -vertriebenen E.P. "Fate To Fatal" ein kleines Meisterwerk gelungen. Es enthält neben dem gleichnamigen, gewohnt kracherten Eröffnungsstück drei ungewöhnlich ruhige Songs: Bei "The Last Time" überlassen Deal und Conelly gleich dem Screaming-Trees-Frontmann Mark Lanegan das Mikro - sicher kein Fehler. Hernach eine gelungene, verhaltene Coverversion von Bob Marleys "Chances Are" und am Schluß gute fünf Minuten verschrobener Blues wie zu besten "Title TK"-Zeiten, "Pinnacle Hollow" beschließt ein sehr willkommenes Lebenszeichen. Wollen wir mal hoffen, Mr. Black aka Francis hat auch gut hingehört und weiß das Potential für das laut Gerüchten bald geplante neue Pixiesalbum zu nutzen. Besser wär' das.

Hören+Sehen



SONIC YOUTH, Haus der Kunst, 23.04.2009
Die Gefahr einer Überhöhung ist bei einer Band wie Sonic Youth, die ich zwar nicht seit ihren ersten Tagen, aber doch schon seit vielen Jahren in großer Zuneigung begleite, durchaus gegeben. Deshalb kann es gerade bei der Nachbetrachtung zum Konzert im Haus der Kunst zu schamlos unkritischen Schwelgereien kommen – ich möchte mich dafür allerdings nicht entschuldigen müssen. Denn was kann ich dafür, dass sich so viele Komponenten zu einem nahezu perfekten Ganzen ergänzt haben. Das Ambiente: Dosenbier in den heiligen Hallen. Aber gern. Zünftige Saunaluft bzw. deren Mangelverwaltung, dazu eine ambitionierte Ansage von Chris Dercon himself mit der Bitte, doch auch die Ausstellung von Gerhard Richter nicht zu vergessen. Mal schaun. Die Band: Ganze vier Gitarren inkl. wanderndem Bass, ein prächtig aufgelegter Schlagzeuger und das liebgewonnene Reihum am Mikrofon, leidenschaftlich Lee Ranaldo, gewohnt schluffig Thurston Moore und herrlich extatisch Kim Gordon. Überhaupt: KIM GORDON. Schwarzes Chiffonkostüm, sehr mini, einmal mehr omnipräsent bei Gesang und Tanz ... – besser, ich höre sofort auf, bevor es allzu peinlich wird und ich Probleme mit meiner Frau bekomme. Die Setlist war eine angenehm ausgeglichene – neue Songs vom kommenden Album „The Eternal“, geradliniger, melodiöser und etwas eingängiger als die älteren, wechseln mit Klassikern zu gleichen Teilen – phänomenale Höhepunkte natürlich „C’ross The Breeze“ und „Hey Joni“ vom legendären 88’er „Daydream Nation“, „100%“ ein Heuler vor dem Herrn und am Ende die obligatorische, zehnminütige Feedbackorgie – vier Menschen arbeiten sich völlig selbstvergessen an ihren Instrumenten ab, ein jeder wie mit einer Art Wünschelrute bewaffnet auf der Suche nach dem endgültigen, dem erlösenden Ton. Ein Erlebnis. Und gut zu sehen und zu hören, dass jahrzehntelang gelebte Verweigerung so vollkommene Formen erreichen kann. Immer wieder.

Donnerstag, 23. April 2009

Gefunden_14



"I can smell burning flesh ... and I hope to God it's human."
Morrissey auf dem Coachella-Festival 2009.

Dienstag, 21. April 2009

Gefunden_13


Man hört es förmlich aus dem Off:
„Nee, das is jetzt nicht Euer Ernst! Ich selber?“
„Doch, das kommt gut – total autenthisch! Mach mal!“
„Aber die Scheißdinger halten nich – bescheuerte Marketingidee!“
„Jetzt hab Dich nich so – die Kohle willste doch auch einstecken.“
(Ganz leise) „Verwichste Agenturfuzzis!“
„Was meinste?“
„Nix – mach ja schon ...“
Und er macht und gibt sich richtig Mühe. Jarvis Cocker bastelt für seine neue Single „Angela“ höchstselbst an seiner Website – sehr nett anzuschauen. Und natürlich auch anzuhören, klar ...
www.jarviscocker.net

Gehört_25



Metric „Fantasies“ (Pias UK)
Ja, was soll man Metric eigentlich vorwerfen? Sie haben mit „Fantasies“ ihr bislang viertes Studioalbum abgeliefert und klingen darauf so teuflisch einschmeichelnd, dass man automatisch ein schlechtes Gewissen bekommen muß, wenn man einen Haken daran sucht. Und leider auch findet – denn das war von Anfang an das Problem der Kanadier: Sie klingen leider so unglaublich glatt, dass einen das Gefühl beschleicht, sie hätten sich vor jeder Platte mit einem Universalratgeber hingesetzt, der da heißt „Moderner Indierock im Wandel der Zeiten, Vol. 1-4“. Und dass sie gut aufgepaßt haben, hört man „Fantasies“ eben an – windschnittige Rocksongs, perfekt in Aufbau und Auswahl der Zutaten, hier eine Prise Breeders, da ein Zitat von House of Love, ganz viel Garbage (Brüder und Schwestern im Geiste) kann gar nicht schaden, alles langsam köcheln lassen, sorgsam abschmecken – fertig: „Gimme Sympathy“, „Help I’m Alive“, „Blindness“, „Collect Call“, und und und ... Dummerweise klingt das halt alles nach dem zweiten Durchlauf nicht mehr so richtig spannend und später einfach nur noch langweilig. Und wenn dann zur Mitte noch so ein billiges Liquido-Riff durchschimmert, ist es leider ganz aus. Fazit: Zuviel gewollt und allzu wenig dafür getan. Die Bude wird wohl trotzdem voll werden, befürchte ich. Geschenkt.
Metric "Fantasies" Komplettstream

Montag, 20. April 2009

Bitte nicht stören!



Quasi als Nachtrag: Eingetroffen ist die Deluxe-Edition von "Sounds Of The Universe" und wird nun natürlich entsprechend zelebriert - also: Pssssst!

Donnerstag, 16. April 2009

Gehört_24



Depeche Mode „Sounds Of The Universe” (Mute)
Ja, wie nun angehen die Schreibe über eine Sache, bei der Voreingenommenheit Gesetz und Objektivität schlichtweg unmöglich sind? Machen wie die Onlineschreiber beim Spiegel, die zwar besser hingehört haben als vermutet, sich aber dennoch grob im Kontext vergreifen und das Phänomen Depeche Mode lieber abschätzig belächeln als sich die Mühe zu machen es zu erklären? Wie die ZEIT, die sich gar nicht den Anschein gibt, sie hätte die Platte anhören wollen und sich lieber jammernd darin ergeht, wie kritiklos und speichelleckerisch doch die restliche Journaille seit Jahren mit den Synthiepoppern umspringt? Oder gar wie die WELT, die seit Urzeiten ausgewiesene Weg- oder Nichthörer im Feuilleton unterbringt, welche wiederum vor einigen Monaten den famosen FAZ-Artikel über Guns N’Roses gelesen haben müssen und soviel Gefallen daran fanden, dass sie nun glauben, so einen Verriss kriegen sie auch hin? Kriegen sie nicht – Jungens, das geht nicht ohne Hirn und Herz! Man muss keine Eloge wie das Fachmagazin de:bug verfassen, aber man kann sich durchaus kritisch mit dem Album als Ganzem und mit den einzelnen Songs auseinandersetzen, wie zum Beispiel die Frankfurter Rundschau oder der Tagesspiegel es getan haben.

Das neue Album also, SOTU sein faninterner Nickname, ist ein sehr widersprüchliches geworden, zerrissen, unentschieden, eher geklotzt als gekleckert. Bewusst retro, mit haufenweise alter Technik bespielt und oft in der Dosierung übertrieben, dem mächtigen, brazzigen Sound den Vorzug gebend vor den feinen, eher leisen Tönen. Es ist nichts wirklich neues dabei, textlich pendelt man wie gewohnt zwischen Weltschmerz und Liebestrieben, viele Klangspuren, Geräusche erinnern an Phasen oder auch Songs der Bandhistorie, der Mix ist interessant, zuweilen krude und ja, es stimmt, das Album arbeitet sich in die Gehörgänge, man sollte sich also etwas Zeit damit lassen.

Einzeln und wohlwollend betrachtet bleibt es trotzdem ein gutes, ehrliches Stück Arbeit, die besseren Songs überwiegen meines Erachtens auf der Habenseite: Unentschlossen noch grollt der soulige Opener „In Chains“, bis eine beißende Fuzzgitarre ihn mitleidlos zersägt, der Nachfolger „Hole To Feed“ wirkt schon runder, tanzbarer mit seinem nervösen Beat. „Wrong“ als Single unschlagbar und auch das große Versprechen vorab, wuchtig, mit formidablen Backingvokals verfeinert. „Fragile Tension“ im Anschluss verblasst etwas und erinnert in seiner schluffigen Art ein wenig an das ähnlich leidenschaftslose „Lilian“ vom Vorgängeralbum, auch „Little Soul“ kann trotz 80er Glockenspiel und zu kurzer Bluesgitarre am Ende nicht überzeugen, Gahan leiert seltsam unmotiviert. „In Sympathy“ wiederum ein Klon des glattgebügelten „Precious“, allzu windschnittig und kantenarm – „Peace“ hingegen lässt einen wieder in Vergangenem schwelgen, gemahnt fast schon an Zeiten von „A Broken Frame“ und dreht den Gesang in erstaunliche Höhen. Der Folgesong „Come Back“ war in der Studioversion als Ballade verstanden und da auch sehr gelungen, auf dem Album ist er mit einer durchaus verzichtbaren Gitarrenspur aufgepimpt und mit diesem Bombast leider ziemlich unverdaulich. Das Instrumentalstück „Spacewalker“ ist – ein Luxusproblem – das ärgerlichste Stück der Platte, zwei Minuten flaumiges Nichts, Sachen, die man getrost Klaus Schulze oder Jean Michel Jarre überlassen kann. Zum Abschluß aber dann nur noch Gutes: „Perfect“ ist nicht das, sondern einfach in Ordnung, „The Truth Is/Miles Away“ mit stampfendem Beat, live eine ganz sichere Nummer. Der Höhepunkt dann von und mit Martin Gore – „Jezebel“ leise, behutsam, mit zarten Melodiebögen und den so vermissten kleinen Geniestreichen. Der einzige Vorwurf an „Corrupt“ ist die falsche Platzierung im Gesamtmix, so als hätte man dem kleinen Blonden den grandiosen Abgang inkl. Vorhang nicht gönnen mögen, solide Arbeit trotzdem. Ein wenig werden sich diese Eindrücke sicher noch verschieben in den nächsten Wochen, manches wird schnell verblassen, anderes erst langsam auftauchen müssen – ein Abgesang ist dieses Album aber mit Sicherheit nicht geworden ...

Mittwoch, 15. April 2009

Noch ein paar Tage ...



... und das Ding ist draussen. Endlich möchte man sagen, denn als gesetzestreuem Endkonsumenten geht es einem langsam mächtig auf den Keks, dass alle Welt schon Urteile abzugeben weiß, wo doch außer "Wrong" noch nichts draußen ist. Der deutsche Rolling Stone ist bei schlappen zweieinhalb Sternen hängengeblieben, Spiegel-Online macht die Jungs zur teutonisch-metallischen Depriband und bringt sie in einem Atemzug mit Fury In The Slaughterhouse und Peter Maffay. Na gut, Fachverständnis war offensichtlich auch hier nicht das bestimmende Einstellungskriterium, Schmarren halt. Ein letztes Mal der Blick zurück, bevor's am Freitag ff. in die Gegenwart geht - sehr kurz gefaßt und natürlich subjektiv die fünf besten Songs ohne Rangfolge:

Stripped (Black Celebration): Wunderbar harmonisches Zusammenspiel von Gefühl und Maschine, selten hat ein Lied das Wesen der Band besser wiedergegeben als dieses - perfekte Länge: Highland-Mix.

Master & Servant (Some Great Reward): Dieses Lied als Statement, allein vor zweihundert Leuten im Dorfgasthof auf der Tanzfläche, selbstverloren, im stampfenden Beat aufgelöst - perfekte Länge: Slavery-Whip-Mix, neunminütige Hypnose.

Something To Do (Some Great Reward): Fiebriger Sound, metallisches Geklirr, gehetzte Lyrics, herrlich - perfekte Länge: Metal-Mix.

Agent Orange (Music For The Masses/B-Seite): Depeche Mode waren und sind immer auch eine gute Band für reine Instrumentalmusik, stellvertretend diese verstörend melodische Skizze, schweres Maschinengewehr, Rotorblättersound, Apocalypse now.

Clean (Violator): Eine der besten Balladen, unterkühlter und doch anrührender Seelenschmerz, wundervoll pointierter Sound, Fadeout - danach nichts mehr.

Für Ungeduldige: SOTU Prelistening

Donnerstag, 9. April 2009

Gehört_23



Junior Boys "Begone Dull Care" (Domino)
Aufmerksam geworden bin ich auf die beiden Kanadier eigentlich durch diverse Remixe, die sie entweder anderen angeschafft haben oder sich selbst haben verhackstücken lassen. Alles sehr kluges und abwechslungsreiches Geplucker, die neue Platte ist in dieser Hinsicht keinen Deut schlechter. Man bewegt sich gekonnt in einer stets tanzbaren Mixtur aus hartem Beat (sehr schön: „Work“), luftigen Italodiskozitaten („Bits & Pieces“) und einem wirklich nur leichten Hauch von House. Stimmlich sind sie nicht ganz so dolle bestückt, erinnern da ein wenig an Obereintänzer Justin Timberlake. Einige Anleihen kann man sicher auch bei Prince finden – die meines Erachtens eher schwächere Single „Hazel“ ist schon purer Funk und schielt mächtig nach „Sign ‚O’ The Times“. Die Höhepunkte für mich eher die flächigeren, raumgreifenden Stücke wie „Parallel Lines“ und „Dull To Pause“ – Entspannung rules! Eine runde Sache, fast ein Kleinod, eines von diesen Alben eben bei denen man froh ist, sie entdeckt zu haben.
"Begone Dull Care" im Komplettstream

Mittwoch, 8. April 2009

Eine kleine Horrorshow ...



Man kann wohl ohne viel Widerrede behaupten, dass es zuweilen nichts anstrengenderes und langweiligeres gibt als das Anschauen von Fotos im Freundeskreis. Früher ein Muß: der Diaprojektor, der nach cirka zehn Minuten sowas von schweineheiß wurde, dass die Dias im Rahmen fast geschmolzen sind. Und wenn man es nicht mehr aushielt, konnte man wenigstens mithilfe der Zigarette lustige Rauchzeichen in den Lichtkegel blasen ... Heute regiert natürlich das Notebook die Werkschau, viel spannender wird sie dadurch aber leider auch nicht. Deshalb kann man die Leute von Spiegel-Online nur für ihren Mut bewundern, so eine Art Projektor ins Netz zu stellen, ihn „einestages“ zu nennen und mit ihm einen versonnenen und verqueren Blick auf alles Vergangene zu werfen. Daß die Idee trotzdem funktioniert, liegt zum einen an der vielfältigen und manchmal recht kuriosen Themenauswahl und natürlich an den gewohnt spitzen Kommentaren. Sehr schön anzuschauen zum Beispiel die Sammlung von Bildern ostdeutscher Rockmusiklegenden – abgebildet als stilbildende Geschmacksverirrungen z.B. Elektra, Karat, Pudhys (natürlich!), allesamt ausgerüstet mit Hilfe des Komplettbaukastens deutscher demokratischer Popeleganz. Unentbehrlich: Stern- und/oder Pfeilgitarren, Dauerwelle, Lederschlips und die schwere Wahl zwischen Karotte oder Schlag. Nicht dabei leider Fashion Victims wie Rockhaus, Berluc (No More Hiroshima!) und Gruppe Elefant, von Keks und Possenspiel ganz zu schweigen. Reinschauen und Stöbern lohnt sich!

Montag, 6. April 2009

Noch 2 Wochen ...



Der Tag rückt näher - so langsam sieht man Land, wenn auch noch weit hinten am Horizont, und so wird es Zeit, die Maßstäbe zu setzen für die neue Platte. Depeche Mode haben ja mit elf Studioalben in knapp dreißig Jahren Bandgeschichte ein beachtliches Werk zusammen und obwohl man sie getrost als Single-Band bezeichnen kann, sind auch die Alben in ihrer Gesamtheit durchaus diskutabel und hier in folge höchst subjektiv gelistet:

11. Speak And Spell (1981) > für die Zeit sicher bahnbrechend, aus heutiger Sicht aber eher zu niedlich und zu pubertär;
10. A Broken Frame (1982) > immer noch eine Spur zu niedlich, aber schon mit ersten Ansätzen zum Schwergewicht;
9. Exciter (2001) > mit „Shine“ zwar einen der besten neuen Songs im Gepäck, ansonsten aber zu unentschieden, selten mit Biß und mit „Death Of Night“ ein ganz böser Schnitzer;
8. Playing The Angel (2005) > „Der Tag der toten Ente“ auf dem Cover, die Songs zuweilen zu nahe am Formatradio und Gahan als Ideengeber ohne große Impulse;
7. Songs Of Faith And Devotion (1993) > einige Klassiker, ein herrlich kruder Opener „I Feel You“ mit Tinitusgarantie, leider auch belanglosere Songs und lästige Soulversuche;
6. Ultra (1997) > auch da zu Beginn die Horrorshow, Platte als Ganzes zwar sehr glatt, aber auch sehr gefällig produziert und mit wunderbaren Hooks;
5. Violator (1990) > vielfach als Meilenstein bezeichnet, fast keine Schwachpunkte und bestes Livepotential, in seiner reduzierten und punktgenauen Art einzigartig;
4. Music For The Masses (1987) > der Sprung übern Teich und dazu die perfekte Karaokescheibe, trotzdem auch angenehm verstörende Kanten in „Little 15“ und „PIMPF“;
3. Black Celebration (1986) > knochentrocken, ironisch, plakativ – „Crowdpleaser“ und „Tearjerker“ in einem;
2. Construction Time Again (1983) > das experimentellste, das politischste Album, Depeche Mode mit dem meisten Mut und richtungsweisender Selbstfindung
1. Some Great Reward (1984) > das Destillat: alles an Bord, was diese Band so einzigartig macht, unschlagbar ...
Interview mit Andy Fletcher in der WamS

Gehört_22



Yeah Yeah Yeahs „It’s Blitz!“ (Polydor)
So ist das also, wenn große Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen und sich dann herausstellt, dass es doch nur an der tief stehenden Sonne lag und sich der angebliche Riese nun als kleiner Zwerg entpuppt. So geschehen beim neuesten Werk der Yeah Yeah Yeahs. Man hatte es ja schon verschiedentlich gelesen: Karen O., die ungezähmte Widerspenstige und ihre Kollegen aus New York machen jetzt in Electro! Und wie das so ist bei allem, was als ultimativer Hype gepriesen wird: Misstrauen war angebracht. Und aus jetziger Sicht auch mehr als berechtigt. Denn abgesehen von der länger bekannten ersten Single „Zero“, die unbestritten ihre Qualitäten besitzt und ein, zwei weiteren ansprechenden Songs bekommt die Platte, sorry!, ihren Arsch nicht hoch. So wird bei „Heads Will Roll“ das Brachialriff der Stooges aus „I Wanna Be Your Dog“ wiederholt zu Tode geritten - das, liebe Miss O., hat Madonna mit „I Love New York“ vor Jahren schon weitaus besser hinbekommen. Mit „Skeletons“, „Runaway“ und „Little Shadow“ haben sich eindeutig zu viele müde Balladen auf das Album geschlichen und epische Breite ist nicht nun mal nicht so das, was man sich von hippen Trendsettern aus dem Melting Pot der Musikszene erwartet. Die zappeligen Stampfer zwischendrin bringen den Daumen leider nicht wieder nach oben – als Sinnbild dafür „Hysteric“: ein falsches Versprechen, kreuzbrav und am Schluß gepfiffene Ratlosigkeit, klingt er wirklich so, der „Wind Of Change“? Letzten Endes sollte man den Yeah Yeah Yeahs dringend die Rückkehr zum Kurzformat ans Herz legen – ihre beiden E.P.’s waren kraftvolle, eingängige Meisterwerke – von dieser Platte aber bleibt leider nur das nette Cover in der Erinnerung zurück ...
"It's Blitz!" im Komplettstream