Samstag, 31. Oktober 2020

Lizzy Young: Herrlich böse

Lizzy Young
„Cocoo Banana“

(GFY Records)

Durchaus tröstlich: Woran selbst das doofe Virus nichts zu ändern vermochte – auch das laufende Jahr ist in musikalischer Hinsicht ein überwiegend weibliches geworden. Denken wir an 070 Shake, denken wir an Banoffee, Jessie Reyez, Billy Nomates, Haim, Dana Margolin, Romy Vager, Adrianne Lenker, Nadine Shah und erst kürzlich Ela Minus. Starke Platten, wichtige Themen, dagegen nehmen sich Durchlauferhitzer wie Pearl Jam, The Killers und selbst der Boss himself seltsam lahm und spannungsbefreit aus. Wie sollte es auch anders sein – die einen verteidigen schwindendes Terrain, die anderen erobern es mit Wut, Verve und Inspiration. Soll keiner behaupten, die Welt wäre nicht gerecht. Und genau in diese Kerbe schlägt auch Lizzy Young, eine weitere Überraschung der Saison. Hat man sich die ersten Takte ihres Debütalbums angehört, fragt man sich schon, wie diese Frau das denn so fabelhaft zusammenbringen kann: Lässigkeit, Ernsthaftigkeit, beißenden Spott und ein klein wenig Pathos, diese dunkle Stimme, diese Eleganz. Nun, auch wenn Young schon seit zehn Jahren in New York lebt, stammt sie doch ursprünglich aus Paris und war vor ihrer Solokarriere als Bassistin unterwegs – Frage beantwortet.



Youngs Poesie, in zehn Songs gepackt, ist wunderbar sprunghaft, provokant und sehr direkt. Zum Beispiel beim Thema toxic masculinity, hier wird sie selbst für ihre Verhältnisse ungewöhnlich deutlich: „I’m tired of all those fuckers, those shit heads and that fucking garbage, I just want to dance, I just want to dance, maybe we kill all the men …“, singt sie – unmissverständlicher geht’s kaum. Wunderbar bissig auch „Obvious“, man darf annehmen, dass Young mit Begriffsstutzigkeit und offenkundiger Ingnoranz nur schwer umgehen kann, wenn sie Offensichtliches aufzählt: „If it rains outside you will be wet, if you can’t swim you will drown, if you don’t clean, it will get dirty, money makes money – I’m here to tell you the obvious.“ Schonungslose Bestandsaufnahme ist ihre Sache, ihre Beobachtungen, wie im Titelsong des Albums, sind selten angenehm, aber stets ehrlich – die Botschaft lautet: Wir sind, wie wir sind und schlagen uns mehr schlecht als recht durch’s Leben.



Dass sie all die Songs selbst eingespielt und am Rechner instrumentiert hat, macht die Stücke noch bemerkenswerter, die Art von LoFi-Pop ist ja gerade sehr en vogue und in Lockdown-Zeiten eine durchaus probate Alternative zur aufwändigen Studioproduktion samt Liveband. Die zu Recht sehr angesagte britische Solomusikerin Billy Nomates kann als geglücktes Beispiel gelten und selbst Charli XCX hat sich bekanntlich für ihre Platte „How I’m Feeling Now“ recht erfolgreich daran ausprobiert. Young bevorzugt einen sparsam arrangierten Sound zwischen Chanson, Post-Punk und Gothpop, man entdeckt in ihren Stücken eine Menge spannender Effekte, mal unterlegt mit trockenen Beats, dann wieder mit spielerischen Casiotone-Klängen, ganz wie es dem performativen Charakter der Stücke, die ja durchaus auch mal auf die Bühne sollen, dient. Wer übrigens meint, Young ließe auf ihrem Album den Spaß vermissen, der darf sich gern das Stück „She Farts While She Walks“ anhören, Humor ist eben nicht jederman(n)s Sache, haha.



Freitag, 30. Oktober 2020

Sleaford Mods: Der Mensch als Masse

Dass ihnen die Themen ausgehen, der Frust und die Wut weniger würden, damit war nicht zu rechnen. Und trotzdem freut man sich in einer Zeit, die mit guten Nachrichten geizt, über eine wie diese: Die Sleaford Mods werden am 15. Januar 2021 ein neues Album veröffentlichen, "Spare Ribs" wird es heißen. Ein paar Überraschungen halten Jason Williamson und Andrew Fearn darauf bereit - neben einem Duett mit Billy Nomates, auf deren Album ja auch Williamson schon zu Gast war, gibt es unter den dreizehn Tracks auch noch zwei weitere Features, und zwar mit Amy Taylor von Amyl And The Sniffers ("Nudge") und der politischen Aktivistin Dr. Lisa McKenzie ("Top Room") von der Durham University. Ein weiterer Funfact: Das Video zur aktuellen Vorabsingle "Mork N Mindy (feat. Billy Nomates)" hat Regisseur Ben Wheatley gedreht, der gerade mit seinem Remake des Hitchcock-Klassikers "Rebecca" im Gespräch ist. Ein Film, in welchem auch Williamson einen durchaus witzigen Cameoauftritt hat.

Der Titel des Albums ist natürlich nicht ganz zufällig gewählt, sondern auf das katastrophale Management der Krisensituation im England Boris Johnsons gemünzt, wo jeder Einzelne nur noch als austauschbares, funktionierendes Ersatzteil im abrufbaren Lager wahrgenommen wird. Das Statement dazu via Twitter: "Our lives are expendable under most governments, secondary under a system of monetary rule. We are stock if you like, parts on a shelf for the purposes of profit, discarded at any moment if fabricated or non-fabricated crisis threatens productivity. This is constant, obviously and notably in the current pandemic. The masses cannot be present in the minds of ill-fitting leaders, surely? Or else the realisation of their catastrophic management would cripple their minds. Much like the human body can still survive without a full set of ribs we are all 'spare ribs’, preservation for capitalism, through ignorance and remote rule, available for parts."




Danny Elfmann: Grusel vom Fachmann

Irgendwie sollte man ja annehmen, die Amerikaner hätten nach quasi dreieinhalb Jahren Dauergruseln die Lust an Halloween einigermaßen verloren. Stimmt aber nicht, Donald Trump hat ihnen diesen Spaß offenbar nicht nehmen können und so werden wohl auch morgen Abend wieder literweise Kunstblut fließen, Narben gebastelt und Kürbisse flackern. Wer noch nach dem passenden Visual für die besagte Nacht sucht, dem hat kein geringerer als Danny Elfman mit der Single "Happy" ein hübsches Present vor die Tür gelegt - den Mann kennt man natürlich als Komponist für Tim Burton, Die Simpsons und weitere Trilliarden andere tolle Soundtracks resp. Filmscores. Nennen wir das Stück einfach mal die Antithese zu Pharrell Williams gleichnamigem Titel.




Donnerstag, 29. Oktober 2020

Herizen: Einfach mal zuhören

Die Krise macht Zweifler aus uns allen. Das ist so ein Lehrsatz, den man in den letzten Monaten verinnerlicht hat. Und: Sie trifft jede/n auf andere Art und kaum eine/r ist bevor- oder benachteiligt. Zu behaupten, die jungen Menschen könnten damit besser umgehen, weil sie ja nicht zu den benannten Risikogruppen gehörten und ohnehin noch so viel Leben vor sich hätten, ist also genauso zu kurz gedacht wie die Behauptung, das bisschen Feiern im Freundeskreis ließe sich ja wohl leicht verschmerzen. Es kann nicht schaden, ihnen etwas genauer zuzuhören - man erfährt nicht selten manch aufrichtige und überraschende Dinge und darf die, ganz nebenbei, gern auch mal mit den Zeiten vergleichen, als man selbst noch in dem Alter war. Das hilft manchmal zum besseren Verständnis. Musik hat im Übrigen auch eine sehr vermittelnde Wirkung, auch hier lassen sich Vorurteile abbauen, mit Hilfe der Musik kann man Zugang finden, wo vorher noch Schranken waren - pathetisch gesprochen. Dabei muss man nicht zwingend ein ganzes Konzert von Billie Eilish erleben (was dennoch sehr unterhaltsam sein kann), es reicht beispielsweise auch diese kurze EP von Herizen, einer kubanisch-jamaikanischen Künstlerin. 2018 ist ihre Debüt-EP "Come Over To My House" erschienen, gerade nun die neue 12" mit dem Titel "Demon" und vier Tracks. Das Kurzformat ist kein explizites Lockdown-Produkt, hat aber trotzdem ein paar lohnenswerte Sätze zum Nachdenken von der Musikerin selbst mit auf den Weg bekommen: " I want to be more than myself every year. I don’t want to stop making music. I’m not hiding from pain. I’m a human, and this is how I express myself. I hope it can get people through similar situations. Go into love blindly, trust it, and don’t be scared of how it’s going to end up. The message I want to send is it’s good to get hurt. You’re stronger afterwards." Ihr Sound, eine wunderbare Melange aus futuristischem Pop und souligem Songwriting, ist denn auch wie gemacht für spätherbstliche, frostige Tage - dass bald wieder bessere kommen, wissen wir.







Dienstag, 27. Oktober 2020

Ela Minus: Selbst gemacht

Ela Minus
„Acts Of Rebellion“

(Domino Recordings)

Eine wirklich schöne Überraschung hatte sich schon im Frühjahr dieses verflixten Jahres angekündigt, nun ist sie zur Gewissheit geworden: Die im kolumbianischen Bogotá geborene Musikerin Gabriela Jimeno, nach einem Studium am renommierten Berklee-College mittlerweile im New Yorker Stadtteil Brooklyn daheim, veröffentlichte da nämlich ihre erste neue Single „They Told Us It Was Hard, But They Were Wrong“ unter ihrem Pseudonym Ela Minus. Sanfter, unterkühlter Wavepop, den sie in kompletter Eigenregie fabriziert. Was da recht geheimnisvoll und dunkel aus den Boxen pulsierte, findet nun auf dem Debütalbum seine konsequente Fortsetzung. Jimeno ist eine Künstlerin, die an Eigenverantwortung und die positive Kraft der Veränderung im Kleinen glaubt, verbindet also das handwerkliche DIY mit der Credo des Punk und klingt dabei doch äußerst geschmeidig. Neben der besagten Single waren auch die nachfolgenden Tracks „“Megapunk“, „El cielo no es de nadie“ und das aktuelle „Dominique“ Dokumente ihrer persönlichen Rebellion gegen Fatalismus, Eskapismus und Resignation.



„We can’t seem to find any peace of mind, as much as we try, there’s no way out but fight. You won’t make us stop“, heißt es zum Beispiel an einer Stelle, ähnliche Textbeispiele lassen sich in vielen Stücken auf dem Album finden. “I think hope starts by accepting and seeing the problem,” sagte sie dem Netzportal Stereogum, “I think it’s more of a realist approach. To the fact that we have to keep going. Either we are hopeful, or it’s going to be a pain in the ass to keep living.” Zuversicht ist bei ihr also Programm, nur ganz selten dringen Ängste und Zweifel durch die Zeilen. So etwa im Lockdown-Song „Dominique“, wo sie mit der tagelangen Isolation hadert: “Today I woke up at 7pm, my brain feels like it’s going to break. I haven’t seen anyone in a couple of days, I’m afraid I forgot how to talk, to anyone else that’s not myself.” Dem Schrecken des allmächtigen Internets, voller Hass, Häme und Selbstermächtigung dieser Tage, stellt sie dann einen fast kindlichen Trotz gegenüber, wenn sie zum Instrumental „Let Them Have The Internet“ erzählt (kulturnews), man solle es doch den Verschwörern und Wutbürgern überlassen und selbst alle Verbindungen kappen – ein Treffen mit Freund*innen wäre die weitaus bessere Alternative. Mit dem Musiker Helado Negro hat sie das dann tatsächlich auch getan, herausgekommen ist mit „Close“ der bezaubernde Kehraus einer sehr feinen Platte.



Hypoluxo: Locker gerockt

Kurzer Einwurf in Sachen locker gerocktem Gitarrensound: Die New Yorker Kapelle Hypoluxo schickt sich für den 20. November an, ihr drittes Album zu veröffentlichen. 2016 sind die vier Amerikaner mit dem Debüt "If Language" bei Broken Circles Records gestartet, zwei Jahre darauf erschien "Running On A Fence". Von der kommenden Platte waren zuvor die Singles "Ridden" und "Nimbus" ausgekoppelt worden, nun kommt mit "Shock" ein weiterer Vorabsong dazu.

 



Steiner und Madlaina: Zornige Rückmeldung [Update]

Wenn man sich im Jahr 2018 hätte auf ein Album einigen sollen, dass einen im guten Sinne bewegte und aufwühlte, dann wären Nora Steiner und Madlaina Pollina mit ihrem Debüt "Cheers" zweifellos auf die Shortlist gekommen - die Songs darauf, egal ob englisch, deutsch, italienisch oder schwyzerdütsch gesungen, gingen einfach zu Herzen und rotierten noch Monate danach auf der Hirnrinde. Wunderbare Musik einfach. Man muss das auch deshalb vorwegschicken, weil Steiner und Madlaina gerade via Glitterhouse Records ihre nächste Platte "Wünsch mir Glück" angekündigt haben und die erste Single "Wenn ich ein Junge wäre (Ich will nicht lächeln)" klingt nun doch ziemlich anders, eher schroff, zornig, schräg und hat so gar nichts von einer Umarmung. Kunststück, die Zeiten sind nicht danach und deshalb arbeiten sich die beiden Frauen hier wohl auch an einem der bestimmenden Themen dieser Tage, der weiblichen Selbstbestimmtheit, ab. Und weil Lieder verschiedener Couleur auch vorher schon bei ihnen im Programm waren, warten wir einfach mal ab, was uns im Januar sonst noch so erwartet.

Update: Zu behaupten, erst mit dieser neuen, zweiten Single hätten Steiner und Madlaina die Promo für ihre neue Platte begonnen, wäre dann doch etwas anmaßend, tatsächlich aber klingt "Prost, mein Schatz!" wie die übervolle Mixtur aus Liebe und Schmerz, mit der sie vor Jahren bekannt geworden sind.





Sonntag, 25. Oktober 2020

Die Ärzte: Die Müdigkeit der Superlativisten

Die Ärzte
„HELL“

(Hot Action Records)

Es gibt eine Menge Binsenweisheiten in der Popmusik, eine wichtige lautet: „Je größer der Rummel, desto geringer die Ausbeute.“ Gilt es auch hier, auch bei der besten Bänd der Welt? Nun, man hätte stutzig werden können, als der ersten ordentlichen Single „Morgens Pauken“ mit „True Romance“ gleich eine ziemlich durchschnittliche folgte. Dann kam der greise Otto Waalkes und machte sich ans Unboxen (zeitgemäß für: Auspacken), wurden jede Menge prominente Kolleg*innen für ein standesgemäßes Juxvideo zusammengeschnitten. Der verläufige Höhepunkt hernach mit dem Jingle der Tagesthemen im Ärzten Deutschen Fernsehen und Edelfan Ingo – lustig das alles, aber eben auch, siehe oben, verdächtig viel Tam Tam. Und weil die Binse selten lügt, stimmt sie leider auch hier. Jawohl, wir haben uns irre gefreut, als im vergangenen Jahr statt eines Abgesangs das Gerücht durchsickerte, es gäbe neues Material plus Tourtermine. „In The Ä Tonight“ sollte der Spaß heißen, da wollte man ihnen auch gern den obilgatorischen Coronasong verzeihen, der für die Verhältnisse von BFR nur so mittelwitzig war, man ahnte ja, was folgen würde.

Ahnte man eben nicht, muss man heute feststellen, denn die Lieblingsband konnte dem blöden Virus zwar frech entgegengrinsen, die Konzerreise mußte dennoch um ein komplettes Jahr verschoben werden. Wenigstens ein Album (das vierzehnte!), wenigstens einen  Sack voll neue Songs. Nun ja, im Nachhinein scheint es, als hätten sich die drei den Leitsatz aus „Achtung: Bielefeld“ etwas zu sehr zu Herzen genommen – man möchte es kaum glauben, aber der Spaß ist durchaus überschaubar, Langeweile (Autsch!) macht sich breit, wenigstens ein bißchen. Und ein bißchen ist deutlich mehr, als man von Die Ärzte gewohnt ist. Durchhänger hatte es, klar soweit, selbst auf den letzten Großtaten „Jazz ist anders“ und „Auch“ gegeben, dass es jetzt allerdings so viele sein würden, macht die Sache dann schon besonders. Nun war Schwerstarbeit für’s Hirn seit jeher nicht die Sache der drei, ihre Welt war schon immer klar strukturiert – wir sind die Guten, die anderen die Doofen, hau rein! 

Dass es um ihre Ideen allerdings so schmal bestellt sein würde, überrascht dann schon etwas. Bis zur besagten Single, einer abermaligen Variation zum Thema Punkrock, sind schon drei Stücke vorbei und so recht merken wollte man sich keines davon. Danach ein mäßig spannendes „Westerland“-Revival, etwas über Kunst und Schmerz und dann kommt mit „Ich, am Strand“ zum ersten Mal so etwas wie die bandtypische Irritation auf, mit der sie früher so gut zu punkten wußten – ein überraschender Dreh, ein Lachen, das im Halse stecken bleibt, weil es eben doch mal anders läuft als gedacht. Der verfahrene Lebenslauf (heute: Timeline) des Protagonisten hat sogar etwas regelrecht Rührendes, nicht unbedingt ein brüllender Schenkelklopfer, sondern etwas (oha!) zum Nachdenken. Nur leider: nur eine feine Einzelleistung. Denn was folgt, sind hübsche, aber recht vorhersehbare Stücke über Plastiktüten und fehlgeleitete Scheibenweltler. Der Antinazi-Skiffle „Liebe gegen rechts“ ist nett und „Alle auf Brille“ mit seinem Oi-Punk-Gegröle sogar recht originell.

Es sagt einiges über Die Ärzte 1.0, dass ein so schön gesungenes Liebeslied wie „Leben vor dem Tod“ zu den stärksten Songs auf diesem Album zählt. Die Gaudikuh können wohl auch sie nicht ewig melken, selbst ihnen merkt man Ermüdungserscheinungen an, selbst sie wiederholen sich. Dazu: Die Zeiten, in denen eine Platte des Trios auf dem Index landete, sind längst vorbei. Weil heute alles sagbar ist und das mediale Grundrauschen aus den Netzwerken, diesen oft unerträglichen Laberblasen, immer und überall zu hören ist, wirken selbst Die Ärzte zuweilen seltsam überholt. Ganz am Ende versuchen sie es bei „Woodburger“ noch einmal, mit einer Kreuzung aus Schrammelfetzen und lässigem Funk, wo sie uns die sattsam bekannten, homophoben Klischees nebst Liechtensteinscher Überzeichnung um die Ohren hauen, das klappt, das ist frech, provoziert Widerspruch und Diskussion. Dass aber in der Hölle nicht mehr von dem Zeug gespielt wird, ist schade und für einen weiteren Superlativ leider zu wenig.

The Düsseldorf Düsterboys: Zum Trost

Zu Zahlen und Mathematik haben wir ja im Laufe der leidigen Corona-Krise ein anderes Verhältnis bekommen, plötzlich sind wir mit dem exponentiellen Wachstum, mit Prozentwerten, Inzidenzen, Wahrscheinlichkeiten und Hochrechnungen konfrontiert und müssen unser tägliches Leben danach ausrichten. 300 zum Beispiel. Das klingt erst einmal recht viel. Für einen Infektionsindex beispielsweise ist das sogar viel zu viel, Sperrstunden, hochgeklappte Bürgersteige, Abriegelung sind die häufige Folge. 300 kann aber auch sehr wenig sein. Wenn wir jetzt mal sehr weit ausholen, dann sind 300 Pressungen einer limitierten Schallplattenauflage geradezu lächerlich wenig, vor allem, wenn am sogenannten Record Store Day ein ganzes Land (naja, so ungefähr) danach giert. The Düsseldorf Düsterboys verkauften im vergangenen Jahr von ihrem Album "Nenn mich Musik" via Staatsakt bekanntlich einige Einheiten mehr und dafür, dass sich auf der Platte die verrauchteste und skurrilste Tresenposie seit langem fand, war das schon ziemlich erstaunlich. Und nun haben die Herren ihre aktuelle EP "Im Winter", auf Vinyl in besagter Kleinstmenge zum RSD erschienen, endlich digital zugänglich gemacht. Soll heißen, viele getröstet, die zuvor leer haben ausgehen müsen. Vier wunderbare Stücke über Herbstblätter, Palmen, Linienflüge und die Rätsel der Zweisamkeit. Flankiert wird die Veröffentlichung von einem Video zum Titelsong des letzten Albums (Regie Felix Aaron) und Tourterminen für die nahe und entferntere Zukunft.

09.12.20  Potsdam, Waschhaus
10.12.20  Hamburg, Knust
11.12.20  Hamburg, Knust
09.03.21  Nürnberg, Club Stereo
10.03.21  Wien, Rhiz
11.03.21  Graz, Scherbe
12.03.21  Salzburg, ARGEkultur
13.03.21  Innsbruck, Talstation
03.12.21  Braunschweig, Nexus
04.12.21  Lüneburg, Salon Hansen
08.12.21  Bielefeld, Bunker Ulmenwall
09.12.21  Köln, Gebäude 9
10.12.21  Hannover, Cafe Glocksee
11.12.21  Berlin, Hole 44



Samstag, 24. Oktober 2020

Loma: Viel Zeit zum Wirken

Loma
„Don’t Shy Away“

(Sub Pop)

Die Behauptung, Brian Eno habe sich Zeit seines nunmehr schon gut siebzigjährigen Lebens um die Musik so verdient gemacht wie kaum ein anderer Künstler, ist wahrscheinlich nicht allzu gewagt – allein seine Arbeiten mit und für Roxy Music, die Talking Heads und sein Solowerk im Dienste von Ambient, Art-Rock, Jazz und experimentellem Pop füllen sowohl Plattenschränke als auch Regelmeter an Dissertationen. Dass er sich dieses innovative Wirken bis ins Heute hinein bewahrt hat, will ebenfalls keiner bestreiten, erst kürzlich hat er wie zum Beweis und quasi als Nebenverdienst, das Fortbestehen dieser Band hier gesichert. Loma, also Emily Cross, Dan Duszynski und Jonathan Meiburg, so geht die Geschichte, hatten mit dem Ende ihres um 2017 gestarteten Projektes wegen verschiedenster Wirren und Probleme eigentlich schon abgeschlossen, da erhielt Cross eine Mail, ebenjener Brian Eno hätte in der BBC eine kleine Lobeshymne auf „Black Willow“, ein Stück vom selbstbetitelten Debüt, verfasst. Mit solch einem ehrenwerten Kommentar im Rücken ließen sich offenbar auch bestehende Meinungsverschiedenheiten und Egoismen schneller beiseite schieben und so begann bald die Arbeit an „Don’t Shy Away“, dem zweiten Album.



Und dieses ist, das läßt sich schnell erkennen, die Mühe wert gewesen. War schon der Erstling wegen seiner minimalistischen Grooves und seiner Experimentierfreudigkeit, die dennoch auch den melodiösen Folkpop nicht außen vor läßt, von großem Reiz, schließt das neue Werk nicht nur nahtlos daran an, sondern arbeitet noch einige Facetten mehr dazu aus. Die Art und Weise, wie Loma verschiedenste Jazz-Elemente, insbesondere dronige Bläser-Parts, in die Songs flechten, wie Cross‘ wunderbar warme, sinnliche Stimme den Stücken Halt und Richtung gibt, wie sie diese bewundernswerte Balance aus meditativen und tanzbaren Elementen über die komplette Spiellänge aufbauen und halten können, ist schon erstaunlich. Dabei geht der Blick, den sie von Beginn an zu schärfen gedenken („I Fix My Gaze“) in drei Richtungen – nach innen, zum Gegenüber und in die Natur. Und sinniert dort über die angenehmen wie die schmerzhaften Erfahrungen, die Zweifel und den Sinn und die scheinbare Unabänderlichkeit unserer Existenz. 



Die Bilder dazu sind von großer Kraft, ob es der wundersame, auch widerständige Ocotillo-Strauch ist oder das uralte Gestein, das das Wasser teilt, überall finden sich Allegorien auf das Leben in all seinen Verzweigungen und mit all den Rätseln, die es uns immer wieder auf’s Neue aufgibt. „Don’t Shy Away“ ist ein Psycho-Tripp im besten Sinne, eine Veröffentlichung der Innerlichkeit, ein Hervorwagen. Dass dies Zeit braucht, spürt man hier besonders, deshalb gibt es keine Längen, sondern vielmehr die Einladung, all die Worte, Sounds, Geräusche wirken zu lassen, sie auch in sich selbst zum Klingen und Schwingen zu bringen. Geschmeidig wie „Half Silences“, ungeduldig und nervös wie bei „Given A Sign“, mit den fast schon fernöstlichen Tönen in „Breaking Waves Like A Stone“ oder der mystischen Majestät von „See A Thorn“. Dass Eno ganz zum Schluß sogar noch selbst mit Hand angelegt hat und das entrückte „Homing“ zu einer Art Gastgeschenk an Loma macht, rundet diese ohnehin schon bemerkenswerte Story perfekt ab. Schwer vorstellbar, dass wir hätten darauf verzichten müssen.




Dienstag, 20. Oktober 2020

Nilüfer Yanya: Kurz ausgebremst

Berechtigte Frage - gerade heutzutage: "Feeling Lucky?" Nun, die Dame, die sie stellt, hat noch im vergangenen Jahr allen Grund gehabt, hier mit "Ja" zu antworten, denn Nilüfer Yanya aus London vollführte schließlich 2019 mit ihrem Debütalbum "Miss Universe" einen wahrhaften Raketenstart, die ausführliche Konzerttournee folgte und alles hätte so weitergehen können. Doch dann kam bekanntlich der Spielverderber mit dem C im Namen und alles musste eingebremst werden - auch diese Karriere. So gibt es wenigstens jetzt eine neue EP mit drei Songs von ihr zu hören, am 11. Dezember erscheint bei ATO die 12" mit dem eingangs angesprochenen Titel und die erste Hörprobe "Crash" beschäftigt sich - mindestens im übertragenen Sinne - mit der Flugangst. 




Marika Hackman: Gesammelte Obsessionen [Update]

Die Neueinspielung fremder Ware ist ja während der Coronazeiten unter Musiker*innen zum vielgenutzten Zeitvertreib, um nicht zu sagen Massensport geworden und beileibe nicht alles, was man da so zu hören bekommt, ist gelungen. Einige aber ragen heraus, einige wagen sich auch gleich an ein ganzes Album mit Coverversionen. Gerade haben Kurt Wagner und Lamchop solches angekündigt, nun meldet auch Marika Hackman eine entsprechende Veröffentlichung. Von der eigenwilligen Songwriterin war ja erst im letzten Jahr das viel beachtete Werk "Any Human Friend" erschienen, nun also soll am 13. November "Covers" folgen, gefüllt mit Variationen von Muna, Beyonce, Radiohead, Elliott Smith, The Shins und Grimes, von letzterer gibt es hier schon den Song "Realiti", ursprünglich auf dem Album "Art Angels" zu finden. Generell sagte Hackman übrigens zu ihrer Arbeit in den Linernotes: "When it comes to covers, I like to pick songs which I have been listening to obsessively for a while. It gives me a natural understanding of the music, and lets me be more innovative with how I transform it."

Update: Zwei weitere Stücke vom Coveralbum - hier kommen "Between The Bars" von Elliott Smith und "All Night" von Beyoncé.

 




Sonntag, 18. Oktober 2020

Salem: Nie wirklich weg

Dass Witch House nie wirklich weg oder aus der Mode war, weiß, wer Billie Eilish kennt und mag genauso wie Anhänger*innen von Trap - irgendwo findet sich irgendwie immer ein Versatzstück, ein Bezug ... Jetzt kommen also auch die Protagonisten dieses Subgenres wieder auf die Tagesordnung, die um das Jahr 2010 für Furore sorgten. Ganz dick im Geschäft damals Jack Donoghue und John Holland, die unter dem Namen Salem und damals noch zusammen mit Heather Marlatt das Debütalbum "King Night" veröffentlichten und kurz ziemlich hell glühten. Und nun - Überraschung, sind sie als Duo wieder da, am 30. Oktober erscheint laut Brooklyn Vegan mit "Fires In Heaven" eine neue Platte und mit "Red River" und "Starfall" liegen mittlerweile auch zwei der elf Songs zum Anhören vor. Als Zugabe hier noch zwei Remix der Formation und zwar zu "Try It On" von Interpol und "Till The World Ends" einer jungen Dame namens Britney Spears.






 

Freitag, 16. Oktober 2020

Disarstar: Gegen das Klischee


Doch was mehr als Nike und Pommes? Stille Tage im Klischee, schon klar. Der Track liegt ja nun auch schon wieder eine Zeit zurück, Disarstar hat ihr 2019 auf sein drittes Album "Bohemien" gepackt und die Sache war für viele entschieden. Danach allerdings kam schon "Klassenkampf und Kitsch" und im kommenden Jahr steht mit "Deutscher Oktober", das wissen wir jetzt auch, schon das nächste Album an. Und von dem gibt es jetzt mit "Sick feat. Dazzit" die erste Single zu hören und die will ja dann so gar nicht zum verwöhnten Dampfplauderer passen.

12.05.  München, Strom
13.05.  Nürnberg, Z-Bau
14.05.  Stuttgart, Im Wizemann
15.05.  Frankfurt, Nachtleben
18.05.  Hannover, Musikzentrum
19.05.  Leipzig, Moritzbastei
20.05.  Berlin, SO36
21.05.  Bremen, Tower Musikclub
27.05.  Dortmund, FZW
28.05.  Düsseldorf, Spektakulum
29.05.  Köln, Luxor
30.05.  Hamburg, Große Freiheit 36



The Screenshots: Weltverbesserer, strictly underrated

The Screenshots
„2 Millionen Euro Umsatz mit einer einfachen Idee“

(Staatsakt)

Hey Krefeld, wir müssen reden: Offensichtlich habt ihr ja vor Ort eine/n ganz emsigen Stadtschreiber*in sitzen, die/der in den letzten Jahren eine Wikipedia-Seite gebastelt hat, hinter der sich manch größere Stadt in Deutschland aber so was von verstecken kann. Daran ist grundsätzlich überhaupt nichts auszusetzen, denn wer seine Heimatstadt liebt, der schreibt. Gern auch mehr. Krefeld verzeichnet, nur so als Beispiel, unter „8. Kultur“ sogar einen eigenen Unterpunkt „8.3. Nachtleben“ und den hat nicht mal Big Bolle Berlin! Was ihr uns aber mal dringend erklären müsst: Ralf Hütter lasst ihr nicht unter den Tisch fallen (schon klar), selbst eine angeranzte Metalkombo wie Blind Guardian findet ihren Platz (meinetwegen) – aber wie kann man denn eine so fabelhafte Band The Screenshots gänzlich unerwähnt lassen? GEHT’S NOCH?!



Dabei sollte nun fast jeder in diesem Land mitbekommen haben, dass Susi Bumms, Dax Werner und Kurt Prödel seit Anbeginn ihrer linksrheinischen (haha!) Karriere herrliche Lieder fabrizieren, die das Kunststück fertigbringen, sowohl ins Poesiealbum als auch an den verrauchten Mitternachtstresen zu passen. Schlichtheit darf hier mal als Kompliment verstanden werden und schon „Google Maps“, „Heimat“, „Männer“ oder „Fußball ist cool“ waren charmante Zweiminüter zum Mitgrölen der Extraklasse, die zu ignorieren nachgerade unverzeihlich ist. Und auch die neue Platte zwinkert einem verschwörerisch zu, hält sogar feine Reime über Angela Merkel und Christian Lindner bereit, die so gar nicht peinlich sind und macht kein Hehl daraus, dass sich die drei – irgendwo zwischen Die Sterne und Die Ärzte – als Gegenentwurf zum allzu verkrampften, deutschen Diskursrock sehen.



Soll heißen: Seine Meinung zu sagen muss nicht immer so wahnsinnig anstrengend und verkrampft klingen, das kann man auch mit etwas Gripps auf so lässige, gewitzte Weise tun. Und so outen sich The Screenshots einmal mehr als Antistreber, Abhänger, sympatische Hochstapler, Serienjunkies. Sie heißen die ganze Welt daheim willkommen, grüßen ihre Ängste, sie weinen dem Gutem im Bösen ein paar Tränen nach („Walther White ist tot und vieles in mir auch!“) und wenn Susi auf wunderbar schiefe Weise die Zeilen „John Mayer hat mir gesagt, mein Körper ist ein Wunderland“ singt, dann könnte das ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Kitsch sein oder eine Persiflage auf die sagenhafte Stumpfheit der Popindustrie – beides passt, beides ist schön. Es wird, das ist die (nicht allzu gewagte) Prognose, in diesem Jahr aus diesem Land nichts Besseres mehr kommen. Zeit, das auch zu würdigen. Hallo Krefeld, HAST DU DAS VERSTANDEN?

22.01.  Münster, Gleis 22
23.01.  Köln, Gebäude 9
16.02.  Bremen, Lagerhaus
17.02.  Hamburg, Molotow
18.02.  Berlin, SO36
19.02.  Leipzig, Naumanns
24.02.  Wiesbaden, Schlachthof
25.02.  Karlsruhe, Kohi
26.02.  Nürnberg, Club Stereo
27.02.  Augsburg, Soho Stage
01.03.  Wien, B72
02.03.  Salzburg, Rockhouse
03.03.  München, Kranhalle
05.03.  Dresden, Scheune
06.03.  Bochum, Die Trompete
15.04.  Osnabrück, Popsalon Festival
19.08.  Dornstadt, Oberwiesenfestivalgelände

Dienstag, 13. Oktober 2020

The Body: Alles gesehen

Drei mal Noise aus verschiedenen Richtungen steht zu später Stunde auf dem Programm: Zunächst einmal die amerikanischen Doom-Metaller The Body. Schon 1999 in Providence, Rhode Island gegründet, hat das Duo aus Chip King und Lee Buford mindestens so viele eigenständige Alben fabriziert wie kollaborative Werke eingespielt, beispielsweise mit Krieg, Uniform, Thou und Full Of Hell. Nach "I Have Fought Against It, But I Can't Any Longer" aus dem Jahr 2018 steht nun für den Januar eine neue Platte mit dem Titel "I've Seen All I Need To See" via Thrill Jokey ins Haus. Und hört man sich "A Lament", das erste der acht Stücke, an, will man daran nicht zweifeln.



The Bug Ft Dis Fig: Düster kalte Seele

Weiter geht es mit einer ebenso eigenwilligen Paarung namens The Bug Ft Dis Fig. Dahinter verbirgt sich einerseits der gebürtige Engländer Kevin Martin, der unter dem Pseudonym The Bug und anderen Monikern seit den 90ern experimentelle Club-Sounds verschiedenster Stilrichtungen wie Dubstep, Reggae, Dancehall, Noise, Grime, Industrial produziert hat und mit Szenegrößen wie Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten), Alec Empire (Atari Teenage Riot), Burial, John Zorn und Justin Broadrick gemeinsame Sache machte. Hinter Dis Fig wiederum steht die Wahlberliner Solokünstlerin Felicia Chen - zusammen haben die beiden nun das Werk "The Blue" aufgenommen, das im November bei Hyperdub erscheinen soll. Die erste Single "You" kündet beispielgebend von dunklem, unterkühltem Sound, der doch auf gewisse Weise berührt, was sicher auch an dem beeindruckenden Video von Sander Hutkruijer liegt.




GHXST: Keine Gnade

Zu guter Letzt folgt noch die zum Duo geschrumpfte Band GHXST. Jahrelang in Brooklyn, New York beheimatet, sind Shelley X und Chris James nun nach Kalifornien umgezogen und haben in dieser Phase gemeinsam mit dem Produzenten James Aparicio (Grinderman, Spriritualized, Nick Cave) die neue EP "Dark Days" aufgenommen. Nach ihrem letzten Kurzformat "Gloom" (2018) kam mit "P.U.R.R" vor einigen Wochen das erste Lebenszeichen, nun schieben die beiden "It Falls Apart" nach, benannt nach dem gleichnamigen Buch von James Baldwin. Gewaltige Rückkopplungen, verzerrte Gitarren, der Gesang immerhin zu erahnen - sie kennen keine Gnade.




Stevie Wonder: Zurück aus Gründen

Natürlich reden wir hier nicht von irgendeiner Stimme, wir reden von Stevie Wonder. Dem Mann, der selbst den größten Ignoranten unter uns manchen Geburtstag versüßt hat. Wer etwas aufmerksamer unterwegs ist, hat mit Sicherheit wenigstens ein Album des legendären Soulmusikers im Schrank stehen - hier ist es beispielsweise das grandiose Doppelalbum "Songs In The Key Of Life". Die letzte Soloplatte stammt schon aus dem Jahr 2005, Wonder erreichte mit "A Time To Love" immerhin noch den fünften Platz in den Billboard-Charts. Dass nun gleich zwei neue Songs von ihm erscheinen, hat natürlich einen gewichtigen Grund - in Amerika stehen die Wahlen an und damit mehr denn je eine Richtungsentscheidung für das Land und für die Welt - weiter in Richtung Abgrund und Bürgerkrieg oder doch die Chance zur Rückbesinnung auf das friedliche Miteinander der Rassen, Geschlechter, Religionen und Kulturen. "Can't Put It In The Hands Of Fate" hat er denn gleich zusammen mit Rapsody, Cordale, Chika und Busta Rhymes aufgenommen, bei "Where Is Our Love Song" gibt es ein Wiederhören mit Gary Clark Jr.



Working Men's Club: Das letzte Zucken

Working Men’s Club
„Working Men’s Club“

(Heavenly Recordings)

Reden wir nicht lang drum herum: Was für ein Debüt! Natürlich werden haufenweise Leute um die Ecke kommen mit dem immergleichen Vorwurf, hier werde doch nur eine uralte Suppe aufgekocht und erneut zum Verzehr angeboten. Doch die Nörgler und Spaßverderber vergessen gern, dass erstens – ist es so gut gemacht wie hier – auch dazu eine Menge Talent gehört. Zum zweiten, und das sollte das Hauptargument für den WMC sein: Das Quartett um Sänger und Gitarrist Sydney Minsky-Sargeant (nebenbei – was für eine Name!) leiht nicht nur aus, erinnert nicht nur entfernt, läßt nicht nur anklingen. Nein, der Working Men’s Club feiert die komplette britische Musikhistorie der letzten Jahrzehnte einmal quer durch den berüchtigten Gemüsegarten. Wir treffen die Arctic Monekys wie auch die Happy Mondays, wippen zu New Order und Factory Floor, den souligen Groove gibt’s von Gillespie’s Primal Scream und den Funk von Heaven 17, die Stone Roses fehlen nicht und auf gar keinen Fall The Fall. Fast mitleidig möchte man auf jene blicken, die immer mit dem erhobenen musikhistorischen Zeigefinger „Ja, aber…“ sagen müssen – lasse reden, wir sind tanzen.


Dass der WMC aus Manchester kommt, muss man wohl nicht extra erwähnen, man hätte ihn sowieso nirgendwo anders hingesteckt. Ahnen ließ sich die Erfolgsgeschichte schon im Sommer 2019, als die Single „Teeth“ den Dancefloor aufmischte, in diesem Jahr folgten dann „A.A.A.A“ und „White Rooms And People“ und spätestens jetzt war alles soweit klar. Die volle Dröhnung? Kein bisschen schlechter, im Gegenteil. „Valleys“ und „Be My Guest“ mit hartem, maximal elektrifiziertem Beat, „Outside“ und besagtes „White Rooms And People“ etwas anschmiegsamer, aber eben auch sehr funky. „Flowers blooming, people talking, shit about you, so confused“, singt herrlich rotzig Minsky-Sargeant und resümiert entsprechend lakonisch: „Dawn a new day and old age come for me.“ An anderer Stelle perfektioniert er seine Schnodrigkeit im Duett mit Bandkollegin Mairead O’Connor – „I hate tomorrows!“, Mark E. Smith wäre stolz gewesen. Irgendwann brüllen und kreischen dann auch die Gitarren, erst zu „Cook A Coffee“, später beim lärmenden Zwölfeinhalbminüter (!) „Angel“. Kann schon sein, das Boris Johnson und seine Verbrecherclique Cool Britannia a.D. totgewirtschaftet haben – es zuckt aber noch und zwar im Takt des WMC.