Freitag, 31. Juli 2020
Billie Eilish: Eine gute Wahl
Donnerstag, 30. Juli 2020
Haiku Hands: Richtig gutes Zeug
Schon lustig: Die drei Damen sehen mit ihren quadratischen Papphüten ein wenig wie die australische Variante von Deichkind aus - musikalisch geht da wohl was zusammen, Deiche und dazugehörige Kinder wird's in Down Under wohl auch genügend geben. Ist ja Küste massig dort. Doch darum geht es hier eigentlich nicht, vielmehr wollen wir informieren, dass Claire Nakazawa, Beatrice Lewis und Mie Nakazawa aka. Haiku Hands gerade für den 10. September die Veröffentlichung ihres selbstbetitelten Debütalbums via Mad Decent bekanntgegeben haben. Und wir, die wir bisher so viel Gefallen an Songs wie "Man Bitch" und "Dare You Not To Dance" gefunden haben, freuen uns auf Kommendes und lauschen schon mal der ersten Auskopplung "Fashion Model Art", aufgenommen gemeinsam mit dem amerikanischen Dance-Duo Sofi Tukker.
Angel Olsen: Düsteres Versprechen
So richtig klar ist das nicht, warum wir hier außer ein paar Randnotizen nur eines der vier bislang erschienen Alben von Angel Olsen ausreichend gewürdigt haben. An deren Qualität (ganz davon abgesehen, dass uns dieses Urteil kaum zustände) kann es beileibe nicht gelegen haben, denn schlechter als das vorzügliche "Burn Your Fire For No Witness" aus dem Jahr 2016 waren die anderen keinesfalls. Und so können wir uns nur auf Überlastung, Alterskurzsicht und Ignoranz herausreden und versuchen, nun alles besser zu machen. Glücklicherweise schickt sich die Künstlerin aus St. Louis an, dem letztjährigen "All Mirrors" via Jagjaguwar gleich eine weitere Platte mit dem Titel "Whole New Mess" folgen zu lassen. Und der vorab veröffentlichte Titelsong mit seiner einsamen, blechernen Gitarre und Olsens eindringlichem Gesang über das Chaos des Lebens könnte denn auch nicht verheißungsvoller klingen - "When all fades to black, I'll be getting back, on track", am 28. August wissen wir mehr.
Muzz: Ganz bei sich [Update]
Muzz
„Muzz“
(Matador)
Dass der Mann mit seinen Identitäten nicht durcheinander kommt, ist ein kleines Wunder: Paul Banks hat aus der Vielzahl seiner musikalischen Interessen nie ein Hehl gemacht und wer meinte, Banks müsse, weil er mit seiner Band Interpol dem Wave-Rock zu neuer Blüte verholfen hatte, ständig und überall The Chameleons, Television und Joy Divison als seine Vorbilder preisen, der hatte sich kräftig geschnitten. Bislang nämlich zählten, wenn die Rede darauf kam, hauptsächlich Hip-Hop-Künstler zu seinen Favoriten, eben das der Grund, warum er zusammen mit dem Wu-Tang-Boss RZA als Banks+Steelz eine gemeinsame Platte aufgenommen hat (und dies bald wieder tun will). Nun also darf man vermuten, er hat in den Referenzkanon einige Größen aus Jazz, Soul und Country aufgenommen. Gemeinsam mit Matt Barrick an den Drums und Jugendfreund Josh Kaufman (Gitarre) bespielt er auf dem Debüt seiner neugegründeten Formation Muzz nämlich ein erstaunlich klassisches, aber deshalb nicht weniger berückendes Repertoire, hier steht ausgewogenes, sorgsam arrangiertes Songwriting weitaus deutlicher im Mittelpunkt als früher noch die düstere Pose. Wobei auch diese Produktion vom markant schimmernden Klang seiner Stimme lebt.
Dennoch: An die kommerziell erfolgreichsten Zeiten von Interpol und somit an Songs wie „Slow Hands“ oder „Evil“ erinnert hier maximal die Single „Knuckleduster“ mit ihrem treibenden Schlagzeug und den forschen Gitarrenakkorden, der Rest des Albums kommt eher sanft und reduziert daher. Stücke wie „Evergreen“, „Patchouli“ oder „Summer Love“ wiegen sich vielmehr im Downtempo, glänzen mit eleganten Bläsersätzen, Pianopassagen, Streichern und beim Hören des Abschlußstückes „Trinidad“ wäre sicher auch Leonard Cohen ein wohlwollendes Lächeln übers Gesicht gehuscht. Melancholie, Wehmut, Besinnlichkeit bestimmen den Takt, Muzz wirken im Zusammenspiel sehr bei sich und erreichen so mit eigentlich recht konventionellen Mitteln eine Intensität und Tiefe, die Banks und seinen Kumpanen Kessler und Fogarino zumindest in den letzten Jahren nicht mehr so recht gelingen wollte. Und das ist dann sowohl für uns als auch für den vielbeschäftigten Multitasker aus New York eine erfreuliche Nachricht.
Update: Das aktuelle Video zu "Summer Love" kommt mit Collagen von Andrew McGranahan und Animationen von Sabrina Nichols.
„Muzz“
(Matador)
Dass der Mann mit seinen Identitäten nicht durcheinander kommt, ist ein kleines Wunder: Paul Banks hat aus der Vielzahl seiner musikalischen Interessen nie ein Hehl gemacht und wer meinte, Banks müsse, weil er mit seiner Band Interpol dem Wave-Rock zu neuer Blüte verholfen hatte, ständig und überall The Chameleons, Television und Joy Divison als seine Vorbilder preisen, der hatte sich kräftig geschnitten. Bislang nämlich zählten, wenn die Rede darauf kam, hauptsächlich Hip-Hop-Künstler zu seinen Favoriten, eben das der Grund, warum er zusammen mit dem Wu-Tang-Boss RZA als Banks+Steelz eine gemeinsame Platte aufgenommen hat (und dies bald wieder tun will). Nun also darf man vermuten, er hat in den Referenzkanon einige Größen aus Jazz, Soul und Country aufgenommen. Gemeinsam mit Matt Barrick an den Drums und Jugendfreund Josh Kaufman (Gitarre) bespielt er auf dem Debüt seiner neugegründeten Formation Muzz nämlich ein erstaunlich klassisches, aber deshalb nicht weniger berückendes Repertoire, hier steht ausgewogenes, sorgsam arrangiertes Songwriting weitaus deutlicher im Mittelpunkt als früher noch die düstere Pose. Wobei auch diese Produktion vom markant schimmernden Klang seiner Stimme lebt.
Dennoch: An die kommerziell erfolgreichsten Zeiten von Interpol und somit an Songs wie „Slow Hands“ oder „Evil“ erinnert hier maximal die Single „Knuckleduster“ mit ihrem treibenden Schlagzeug und den forschen Gitarrenakkorden, der Rest des Albums kommt eher sanft und reduziert daher. Stücke wie „Evergreen“, „Patchouli“ oder „Summer Love“ wiegen sich vielmehr im Downtempo, glänzen mit eleganten Bläsersätzen, Pianopassagen, Streichern und beim Hören des Abschlußstückes „Trinidad“ wäre sicher auch Leonard Cohen ein wohlwollendes Lächeln übers Gesicht gehuscht. Melancholie, Wehmut, Besinnlichkeit bestimmen den Takt, Muzz wirken im Zusammenspiel sehr bei sich und erreichen so mit eigentlich recht konventionellen Mitteln eine Intensität und Tiefe, die Banks und seinen Kumpanen Kessler und Fogarino zumindest in den letzten Jahren nicht mehr so recht gelingen wollte. Und das ist dann sowohl für uns als auch für den vielbeschäftigten Multitasker aus New York eine erfreuliche Nachricht.
Update: Das aktuelle Video zu "Summer Love" kommt mit Collagen von Andrew McGranahan und Animationen von Sabrina Nichols.
Protomartyr: Der Sommer und der Schmerz [Update]
Protomartyr
„Ultimate Success Today“
(Domino Records)
Mit der Behauptung, die Detroiter Post-Punk-Formation Protomartyr habe mit diesem, ihrem fünften Album die perfekte Sommerplatte abgeliefert, werden wir sicherlich einiges Kopfschütteln ernten. Nicht so voreilig. Wer sagt denn, dass Musik für diese Jahreszeit immer knallbunt und quietschfidel zu klingen hat? Wir reden schließlich nicht von irgendeinem Sommer, sondern vom jetzigen und der ist nun mal – dem Virus sei Dank – in vielerlei Hinsicht ein ziemlich trüber geworden. Insofern passt es ganz gut, dass Joe Casey mit „Ultimate Success Today“ sein bislang dunkelstes Werk besungen hat – depressive Selbstbetrachtungen und düstere Voraussagen treffen auf schroffe, schiefe Gitarrenwände, die irrlichternden Saxophonparts, die jetzt immer häufiger auftauchen, tragen auch nicht viel zur Erhellung der Szenerie bei.
Was sich ausnimmt wie das perfekte Storyboard zur Krise, hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Protomartyr haben die Songs schon Mitte letzten Jahres aufgenommen, als noch keiner ahnen konnte, wie sehr unsere Gesellschaft auf die Probe gestellt werden würde. Keine Coronaplatte also, auch wenn sie uns genauso klingt. Casey hat in zahlreichen Interviews erklärt, er sei dieses Album so angegangen, als ob es sein letztes werden würde, was bedrohlicher klingt, als es wirklich ist. Er wollte so wohl die Essenz seiner Gedanken und Emotionen in die einzelnen Stücke bekommen und das scheint ihm auf bedrückende Weise gelungen. Schon den Opener „Day Without End“ hätte wohl Ian Curtis auch nicht besser geschrieben: „An empty space, that’s the whole of me … a floating shadow of a hand across my heart“, heißt es dort, bevor zum ersten Mal die bittere Titel-Phrase „ultimate success today“ auftaucht, man wird sie noch öfters hören im Laufe der zehn Songs.
In der Folge viel Hadern, Raunen, Wüten – da ist der drohende Polizeistaat, den die Eliten schrittweise und ohne große Gegenwehr in Stellung bringen („Processed By The Boys“), wird in „The Aphorist“ Verschwörungstheorien nachgespürt. Auch das Sommerwetter („Summer in the city, bring me low“) kann Casey nicht aufheitern, selbst wenn ihm Kelley Deal von The Breeders zur Seite springt, besagtes „June 21“ (Update: Video) endet dann auch nach langen fade out mit unangenehmem Fliegensummen, die unschönen Bilder von Fäulnis und Verwesung sind schnell im Kopf parat. Der Zeitung Jungle World sagte er gerade dazu den Satz: „Die Dunkelheit kann am Tag viel schlimmer sein als in der Nacht" – wer diese Lieder hört, muss ihm das leider sofort glauben.
So richtig bitter und direkt wird es dann bei „Tranquilizer“, hier schmirgeln die Töne die letzte trügerische Oberfläche weg, übrig bleiben Schmerz, Angst und Sehnsucht nach Betäubung und also Erlösung („Dissolve the pain, relief again, tranquilizer, get out, sit down…“). Versöhnung und Trost sind erst dann zu erwarten, wenn das Leid begraben, man also als Wurm unter der Erde ist, „Worm In Heaven“ klingt denn auch so befreiend, wie nur ein endgültiger Abschied es sein kann. Seine Stimme sei nicht gemacht für feel-good-songs, so sagt Casey und trotzdem hoffe er (ob ernst gemeint oder nicht), dass er irgendwann auch mal ein richtig süßes „Happy-Album“ (Jungle World) zuwege bringe. Weil aber „Ultimate Success Today“ so ehrlich und anrührend geworden ist, weiß man nicht, ob dieser Wunsch jemals in Erfüllung gehen sollte. Irgendwie ist einem dieser Typ, mag er noch so traurig sein, auf diese Art viel näher.
„Ultimate Success Today“
(Domino Records)
Mit der Behauptung, die Detroiter Post-Punk-Formation Protomartyr habe mit diesem, ihrem fünften Album die perfekte Sommerplatte abgeliefert, werden wir sicherlich einiges Kopfschütteln ernten. Nicht so voreilig. Wer sagt denn, dass Musik für diese Jahreszeit immer knallbunt und quietschfidel zu klingen hat? Wir reden schließlich nicht von irgendeinem Sommer, sondern vom jetzigen und der ist nun mal – dem Virus sei Dank – in vielerlei Hinsicht ein ziemlich trüber geworden. Insofern passt es ganz gut, dass Joe Casey mit „Ultimate Success Today“ sein bislang dunkelstes Werk besungen hat – depressive Selbstbetrachtungen und düstere Voraussagen treffen auf schroffe, schiefe Gitarrenwände, die irrlichternden Saxophonparts, die jetzt immer häufiger auftauchen, tragen auch nicht viel zur Erhellung der Szenerie bei.
Was sich ausnimmt wie das perfekte Storyboard zur Krise, hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Protomartyr haben die Songs schon Mitte letzten Jahres aufgenommen, als noch keiner ahnen konnte, wie sehr unsere Gesellschaft auf die Probe gestellt werden würde. Keine Coronaplatte also, auch wenn sie uns genauso klingt. Casey hat in zahlreichen Interviews erklärt, er sei dieses Album so angegangen, als ob es sein letztes werden würde, was bedrohlicher klingt, als es wirklich ist. Er wollte so wohl die Essenz seiner Gedanken und Emotionen in die einzelnen Stücke bekommen und das scheint ihm auf bedrückende Weise gelungen. Schon den Opener „Day Without End“ hätte wohl Ian Curtis auch nicht besser geschrieben: „An empty space, that’s the whole of me … a floating shadow of a hand across my heart“, heißt es dort, bevor zum ersten Mal die bittere Titel-Phrase „ultimate success today“ auftaucht, man wird sie noch öfters hören im Laufe der zehn Songs.
In der Folge viel Hadern, Raunen, Wüten – da ist der drohende Polizeistaat, den die Eliten schrittweise und ohne große Gegenwehr in Stellung bringen („Processed By The Boys“), wird in „The Aphorist“ Verschwörungstheorien nachgespürt. Auch das Sommerwetter („Summer in the city, bring me low“) kann Casey nicht aufheitern, selbst wenn ihm Kelley Deal von The Breeders zur Seite springt, besagtes „June 21“ (Update: Video) endet dann auch nach langen fade out mit unangenehmem Fliegensummen, die unschönen Bilder von Fäulnis und Verwesung sind schnell im Kopf parat. Der Zeitung Jungle World sagte er gerade dazu den Satz: „Die Dunkelheit kann am Tag viel schlimmer sein als in der Nacht" – wer diese Lieder hört, muss ihm das leider sofort glauben.
So richtig bitter und direkt wird es dann bei „Tranquilizer“, hier schmirgeln die Töne die letzte trügerische Oberfläche weg, übrig bleiben Schmerz, Angst und Sehnsucht nach Betäubung und also Erlösung („Dissolve the pain, relief again, tranquilizer, get out, sit down…“). Versöhnung und Trost sind erst dann zu erwarten, wenn das Leid begraben, man also als Wurm unter der Erde ist, „Worm In Heaven“ klingt denn auch so befreiend, wie nur ein endgültiger Abschied es sein kann. Seine Stimme sei nicht gemacht für feel-good-songs, so sagt Casey und trotzdem hoffe er (ob ernst gemeint oder nicht), dass er irgendwann auch mal ein richtig süßes „Happy-Album“ (Jungle World) zuwege bringe. Weil aber „Ultimate Success Today“ so ehrlich und anrührend geworden ist, weiß man nicht, ob dieser Wunsch jemals in Erfüllung gehen sollte. Irgendwie ist einem dieser Typ, mag er noch so traurig sein, auf diese Art viel näher.
Disclosure: Frische Ware [Update]
Da sind sie also wieder, die beiden blassgesichtigen Milchbärte mit den Kritzelgesichtern. Okay, Housemusik kann ja manchmal ziemlich anstrengend und/oder ermüdend sein - ihre war es nie: Disclosure haben ein neues Album angekündigt und wie der Branchendienst Pitchfork gerade meldet, standen für dieses reichlich Biz-Größen auf der Paylist, als da wären Kehlani, Syd, Common, Kelis, Slowthai, Mick Jenkins und viele andere. Das Ding soll auf den Namen "ENERGY" hören und schaut man sich den ziemlich verrückten Clip zum Titelsong an, gibt es kaum Zweifel an der richtigen Benennung. Von ihrer unlängst erschienenen EP "Ecstasy" ist im Übrigen kein Stück auf der neuen Platte zu finden, alles frische Ware also.
Update: Es gibt ja nicht wenige Menschen, die haben schon vor der Einlieferung ins Krankenhaus ganz heftige Albträume, weil dort ja wer weiß nicht was alles passieren kann. Diese sollten sich besser das Video zur neuen Single "My High" von Disclosure nicht anschauen - es könnte sein, dass den Ängsten damit unnötig Vorschub geleistet wird. Ansonsten ist der Song mit Features von Slowthai und Aminé ein richtiger Wachmacher, egal ob nun auf oder neben dem Krankenbett ... zur Reha dann die vierte Vorabsingle "Douha (Mali Mali)" mit Fatoumata Diawara, wem es danach nicht besser geht, der ist eh schon verloren.
Update: Es gibt ja nicht wenige Menschen, die haben schon vor der Einlieferung ins Krankenhaus ganz heftige Albträume, weil dort ja wer weiß nicht was alles passieren kann. Diese sollten sich besser das Video zur neuen Single "My High" von Disclosure nicht anschauen - es könnte sein, dass den Ängsten damit unnötig Vorschub geleistet wird. Ansonsten ist der Song mit Features von Slowthai und Aminé ein richtiger Wachmacher, egal ob nun auf oder neben dem Krankenbett ... zur Reha dann die vierte Vorabsingle "Douha (Mali Mali)" mit Fatoumata Diawara, wem es danach nicht besser geht, der ist eh schon verloren.
Mittwoch, 29. Juli 2020
Agent Blå: Mittendrin, doch nicht dabei
Neuigkeiten aus Schweden und diesmal keine Fallzahlen, ausgezählt von Wissenschaftlern bekannter Institute oder Universitäten. Unsere Meldung ist, wie könnte es anders sein, musikalischer Natur, denn die Band Agent Blå schickt sich an, am 2. Oktober eine neue EP mit Namen "Atopos" via Kanine Records zu veröffentlichen. Im vergangenen Jahr erschien mit "Morning Thoughts" das letzte Studioalbum der Formations aus Göteborg, die 2015 mit ihrer Single "Strand" debütierte und zwei Jahre später den selbstbetitelten Longplayer folgen ließ. 'Atropos" stammt im Übrigen aus der Philosophie der ehrwürdigen Herren Platon und Sokrates und bezeichnet die sog. Ortlosigkeit, genauer gesagt Personen, die zwar in einer Gesellschaft leben, sich aber nicht in diese einfügen können/wollen. Naja, so in etwa jedenfalls...
Dienstag, 28. Juli 2020
Babeheaven: Schöpfungsgedanken
Unsere Vorliebe für die betörende Stimme von Nancy Anderson und den Sound ihrer Band Babeheaven können wir schlecht verbergen - und wollen es auch gar nicht. Gerade heute, wo das Duo aus dem Londoner Westen endlich sein Debütalbum "Home For Now" angekündigt hat. Erscheinen soll die erste Studioplatte am 6. November via AWAL und nach der Single "Human Nature" schieben die beiden heute mit "Cassette Beat" eine weitere hinterher. Zur Intention des Songs äußerte sich Anderson wie folgt: "I wanted to write a song about creation. Whenever we create we subsequently end up destroying something in a huge way or a small way. But there is always light behind the dark even when you can’t see it yet. It’s a comment on media, how we ingest it at an unhealthy rate - the news becomes fads instead of feeling real. I wrote this song about communication and how we consume it in so many different ways. I didn’t want it to be too negative so I wrote the chorus as a relief from the darkness of the verses.”
Tricky: Kontrastprogramm reloaded [Update]
Gerade noch mal nachgeschaut - ganze fünfundzwanzig Jahre sind seit seinem Debüt "Maxinquaye" vergangen, 1995 ist das Album erschienen und selbst nach dieser langen Zeit ist das Teil noch immer ein großes. Heute nun hat Tricky (von ihm reden wir hier) seine nunmehr vierzehnte Studioplatte angekündigt - "Fall To Pieces" wird am 4. September beim Label False Idols veröffentlicht, wo auf vor drei Jahren der Vorgänger "Ununiform" verlegt worden ist. Und wie es eigentlich immer ist beim alten Grantler - am besten ist er, wenn er das Weiche, Zarte mit dem Schroffen, Unnahbaren mischt. Auf der neuen Single "Fall Please" ist für den ersten Part die polnische Künstlerin Marta Zlakowska zuständig, die dem dunklen Sound ihre Stimme leiht. Übrigens nicht das erste Mal, schon im vergangenen Jahr haben sich die beiden für "Makes Me Wonder" getroffen.
Update: Und weil's so gut geklappt hat, besingt Marta auch die zweite Auskopplung - hier kommt "Thinking Of" zusammen mit ein paar Tourterminen.
06.02. Hamburg, Elbphilharmonie
08.02. Köln, Gebäude 9
09.02. Berlin, Metropol
Update: Und weil's so gut geklappt hat, besingt Marta auch die zweite Auskopplung - hier kommt "Thinking Of" zusammen mit ein paar Tourterminen.
06.02. Hamburg, Elbphilharmonie
08.02. Köln, Gebäude 9
09.02. Berlin, Metropol
Ganser: Beklemmend zeitgemäß
Ganser
„Just Look At That Sky“
(Felte Records)
Auf das erste Post-Lockdown-Rockalbum werden wir wohl noch eine ganze Weile warten müssen. Nicht nur, weil der ganze Spuk leider noch nicht vorbei ist, sondern auch, weil ein klassisches Band-Setup einfach ein paar Dinge braucht, auf die hippe Bedroom-Popper und Folklore-Kuschler (nur echt mit der Strickjacke) leicht verzichten können – mehrtägige Liveaufnahmen im Studio sind eben nicht zu ersetzen, momentan aber schwer zu bewerkstelligen. Und so haben auch Ganser aus Chicago das Material ihres zweiten Albums schon im vergangenen Jahr eingespielt, ähnlich ging es vor Tagen ihren Geistesverwandten von Protomartyr. Und wir können uns glücklich schätzen, dass die vier nicht auf die Idee gekommen sind, daraus eine coronabedingte Akustikvariante zu machen. Denn was diese Platte auszeichnet und aus dem mediokren Rest hervorhebt, sind diese sperrige, rauschhafte Energie, sind die schmirgelnden Gitarrenriffs von Charlie Landsman, sind Brian Cundiffs düster hämmernde und wuchtige Drums, der mal elegant-düstere, mal erdig anmutende Bass von Alicia Gaines, die sich zudem paritätisch das Mikrophon mit einer zornig und entfesselt performenden Nadia Garofalo teilt.
Schon die dem Album vorangegangen Singles und EP ließen ahnen, dass Ganser nach dem beachtlichen Debüt „Odd Talk“ nicht gewillt waren, beim Sound nachzugeben, gar zu glätten und so klingt „Just Look At That Sky“ noch eine Spur wilder, explosiver, bringen sie hier noch mehr Noise, Feedback und Schroffheit ins Spiel. Und ganz wie bei den erwähnten Post-Punk-Kollegen aus Detroit muten die Stücke trotz des Vorlaufs gerade so an, als wären sie just in den Zeiten des Stillstands, der großen Verunsicherung, der um sich greifenden Paranoia geschrieben und aufgenommen worden. Was man durchaus als wesentliche Qualität vermerken darf. Die zunehmende Verzweiflung der letzten Wochen und Monate, die viele Menschen in sozialen und ganz realen Notstand, in Angst und Einsamkeit getrieben hat, spiegelt sich auf bedrückende Weise in den klanglichen Verwerfungen und den assoziativen Texten wieder. Die Band selbst hat mit ihrem kürzlich geposteteten Tweet die Lage sehr treffend und nicht ohne bitteren Unterton beschrieben: „This is a hell of a time to be in a band named after a dissociative disorder.“
„Hell of a day“ heißt es denn auch im Opener „Lucky“, der mit druckvollem Tempo die Richtung für die kommenden knapp vierzig Minuten vorgibt, Ganser werden in Folge kaum vom Gaspedal gehen. Ein anhaltendes Zerren, Kreischen und Wummern, zuweilen unterlegt von repetitiver Melodik schöner Gitarrenakkorde („Self Service“) oder kurz aufblitztenden Bläsersätzen („Bags For Life“) – erst bei der aktuellen Singleauskopplung „Emergency Eqipment And Exits“ verlangsamen sie zur Mitte des Stückes hin die Taktung, der Song hält aber, auch eingedenk des verstörenden Videos, die Spannung. Als stilistisch herausragend notieren wir zwei weitere Tracks – „Told You So“ gerät erstaunlich funky, das wunderbare „Shadowcasting“ überrascht dagegen mit sanft schimmerndem Groove und ungewöhnlich harmonischen Synthspuren. Wie viele andere Musiker*innen auch hatten sich Ganser viel vorgenommen in diesem Jahr, es ist ganz anders gekommen. Die chaotischen, zutiefst frustrierenden Zustände im eigenen Land, die Ungewissheit, wie lange die Pandemie noch anhält und an Nerven und Kräften zehrt – es sind ungewöhnliche Zeiten für alle. Diese Platte ist ein beeindruckendes Spiegelbild aller Kräfte geworden, die uns beanspruchen, zwischen denen wir aufgerieben werden. Sie klingt auf beklemmendste Weise zeitgemäß, viel mehr kann Kunst dieser Tage kaum leisten.
„Just Look At That Sky“
(Felte Records)
Auf das erste Post-Lockdown-Rockalbum werden wir wohl noch eine ganze Weile warten müssen. Nicht nur, weil der ganze Spuk leider noch nicht vorbei ist, sondern auch, weil ein klassisches Band-Setup einfach ein paar Dinge braucht, auf die hippe Bedroom-Popper und Folklore-Kuschler (nur echt mit der Strickjacke) leicht verzichten können – mehrtägige Liveaufnahmen im Studio sind eben nicht zu ersetzen, momentan aber schwer zu bewerkstelligen. Und so haben auch Ganser aus Chicago das Material ihres zweiten Albums schon im vergangenen Jahr eingespielt, ähnlich ging es vor Tagen ihren Geistesverwandten von Protomartyr. Und wir können uns glücklich schätzen, dass die vier nicht auf die Idee gekommen sind, daraus eine coronabedingte Akustikvariante zu machen. Denn was diese Platte auszeichnet und aus dem mediokren Rest hervorhebt, sind diese sperrige, rauschhafte Energie, sind die schmirgelnden Gitarrenriffs von Charlie Landsman, sind Brian Cundiffs düster hämmernde und wuchtige Drums, der mal elegant-düstere, mal erdig anmutende Bass von Alicia Gaines, die sich zudem paritätisch das Mikrophon mit einer zornig und entfesselt performenden Nadia Garofalo teilt.
Schon die dem Album vorangegangen Singles und EP ließen ahnen, dass Ganser nach dem beachtlichen Debüt „Odd Talk“ nicht gewillt waren, beim Sound nachzugeben, gar zu glätten und so klingt „Just Look At That Sky“ noch eine Spur wilder, explosiver, bringen sie hier noch mehr Noise, Feedback und Schroffheit ins Spiel. Und ganz wie bei den erwähnten Post-Punk-Kollegen aus Detroit muten die Stücke trotz des Vorlaufs gerade so an, als wären sie just in den Zeiten des Stillstands, der großen Verunsicherung, der um sich greifenden Paranoia geschrieben und aufgenommen worden. Was man durchaus als wesentliche Qualität vermerken darf. Die zunehmende Verzweiflung der letzten Wochen und Monate, die viele Menschen in sozialen und ganz realen Notstand, in Angst und Einsamkeit getrieben hat, spiegelt sich auf bedrückende Weise in den klanglichen Verwerfungen und den assoziativen Texten wieder. Die Band selbst hat mit ihrem kürzlich geposteteten Tweet die Lage sehr treffend und nicht ohne bitteren Unterton beschrieben: „This is a hell of a time to be in a band named after a dissociative disorder.“
„Hell of a day“ heißt es denn auch im Opener „Lucky“, der mit druckvollem Tempo die Richtung für die kommenden knapp vierzig Minuten vorgibt, Ganser werden in Folge kaum vom Gaspedal gehen. Ein anhaltendes Zerren, Kreischen und Wummern, zuweilen unterlegt von repetitiver Melodik schöner Gitarrenakkorde („Self Service“) oder kurz aufblitztenden Bläsersätzen („Bags For Life“) – erst bei der aktuellen Singleauskopplung „Emergency Eqipment And Exits“ verlangsamen sie zur Mitte des Stückes hin die Taktung, der Song hält aber, auch eingedenk des verstörenden Videos, die Spannung. Als stilistisch herausragend notieren wir zwei weitere Tracks – „Told You So“ gerät erstaunlich funky, das wunderbare „Shadowcasting“ überrascht dagegen mit sanft schimmerndem Groove und ungewöhnlich harmonischen Synthspuren. Wie viele andere Musiker*innen auch hatten sich Ganser viel vorgenommen in diesem Jahr, es ist ganz anders gekommen. Die chaotischen, zutiefst frustrierenden Zustände im eigenen Land, die Ungewissheit, wie lange die Pandemie noch anhält und an Nerven und Kräften zehrt – es sind ungewöhnliche Zeiten für alle. Diese Platte ist ein beeindruckendes Spiegelbild aller Kräfte geworden, die uns beanspruchen, zwischen denen wir aufgerieben werden. Sie klingt auf beklemmendste Weise zeitgemäß, viel mehr kann Kunst dieser Tage kaum leisten.
The Limiñanas: Unschlagbare Kombi
So Leute, hiermit können wir offiziell verkünden, dass alle Bemühungen, den Sommerhit des Jahres 2020 zu finden, offiziell einzustellen sind. Denn an diesem hier wird weder akustisch und visuell ein anderer vorbeikommen. Wie nicht anders zu erwarten, kommt das Stück aus Frankreich, genauer aus Perpignan, dem Städtchen also, in dem das fabelhafte Duo The Limiñanas beheimatet ist. Zuletzt von Marie und Lionel erschienen ist der Soundtrack zur Verfilmung von "La Bel Été" von Pierre Creton (u.a. mit Étienne Daho), zwei Jahre zuvor schon das wunderbare Studioalbum "Shadow People" unter Mitwirkung von Anton Newcombe, Peter Hook, Emanuelle Seigner und Bertrand Belin. Nun also "Calentita", bei dem keine Geringere als Nuria die Gaststimme übernimmt - und ein alter Bekannter auftaucht: Foulke de Boixo, der schon auch unnachahmliche Weise durch manches Video der Band tänzelte (wie unten zu sehen). Was sonst noch von den beiden zu erwarten ist, bleibt zunächst ungewiss.
Liela Moss: Alleine rocken [Update]
Von dieser Dame hier allerdings haben wir schon geschwärmt, als ihre damalige Band noch als Geheimtipp galt und sie mit dieser in kleinen Clubs spielen konnte, ohne Gefahr zu laufen, von der begeisterten Meute überrannt zu werden. Die Rede ist von Liela Moss und The Duke Spirit. Gut, als das furiose Album "Cuts Across The Land" erschien, war dieser Blog noch gar nicht geboren (2005), trotzdem trieb sich der Schreiberling damals schon in berüchtigten Clubs wie dem Münchner Atomic Cafe herum und genau dort hing er - es läßt sich nicht anders beschreiben - an ihren Lippen (im übertragenen Sinne selbstverständlich). Die Kapelle hat dann leider nicht mehr ganz an das Feuer der ersten Stücke anknüpfen können, Moss allerdings konnte Stimme und Energie durchaus konservieren Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie eine monothematische Solo-EP mit dem Titel "A Little Bit Of Rain" mit lauter verregneten Coverversionen (The Cure, Eurythmics, Tina Turner und Scott Walker), nun ist für den 7. August bei Bella Union ein ganzes, neues Album angekündigt. "Who The Power" wird der Longplayer heißen und die erste Single nennt sich "Atoms At Me".
Update: Und hier kommt mit "Turn Your Back Around" eine zweite Single mit Video.
Update: Und hier kommt mit "Turn Your Back Around" eine zweite Single mit Video.
Montag, 27. Juli 2020
Silverbacks: Keine Zeit zu verlieren
Silverbacks
„Fad“
(Central Tones)
In ein paar Tagen dürfte (auch hier und sicher berechtigterweise) ein mächtiges Tosen anheben, denn dann wird das zweite Album der Dubliner Kapelle Fontaines D.C. erscheinen, einer jungen Truppe, die im vergangenen Jahr mit ihrem Debüt alles weggebügelt hat, was sich sonst noch so an der Rettung des Gitarrenrock auf diesem Erdball abmüht. Nun gilt es nicht gerade als Akt der Höflichkeit, einen Text mit dem Hinweis auf die Konkurrenz zu beginnen – dafür schon mal vorab ein dickes „Sorry, guys!“ – aber im Gegenzug ist es nur fair zu erwähnen, dass die irische Hauptstadt weit mehr zu bieten hat als diese eine Band mit diesem einen Sound. Ungefähr zeitgleich nämlich traten die Silverbacks auf den Plan, 2017 von den Brüdern Dan und Kilian O’Kelly gegründet und wenig später mit Peadar Kearney, Emma Hanlon und Gary Wickham komplettiert, und diese lassen sich nicht so einfach auf ein Genre festnageln, was man ihrem gelungenen Erstling „Fad“ durchaus anhört.
Ihre Vorbilder, so werden sie nicht müde zu betonen, liegen nämlich eher in der Musik der Spätsiebziger, irgendwo zwischen Television, Thin Lizzy und den Talking Heads und das ist nun beileibe keine kleine Bandbreite. Dass sich der Klang der Band entsprechend gewandelt und geweitet hat, läßt sich den zehn Stücken (und drei instrumentale Interludes) des Albums leicht anhören: Wo frühere Nummern wie die Singles „Dunkirk“, „Just In The Band“ und „Pink Tide“ noch ordentlich krachen, geben sich spätere Songs schon deutlich lässiger, entspannter. Gerade die Stücke, bei denen sich auch Bassistin Emma mal das Mikrophon schnappt, lassen die Lust am Ausbruch erkennen – „Klub Silberrücken“ (haha) macht sich schon ziemlich locker, „Muted Gold“ flirtet mit dem Funk der Foals aus Gründertagen und „Up The Nurses“ läßt vorsichtige Psychrock-Anleihen erkennen. Der Drang zur Diversität gründet, so behaupten einige Spaßvögel, im Alter der fünf – fast alle sind schon jenseits der dreißig – und so haben es die Silverbacks entsprechend eilig mit dem Ausprobieren. Angeblich gibt es schon genügend Material für ein bis zwei Folgeplatten, wenn sie so fein klingen wie der erste Wurf, sind sie jedenfalls höchst willkommen.
„Fad“
(Central Tones)
In ein paar Tagen dürfte (auch hier und sicher berechtigterweise) ein mächtiges Tosen anheben, denn dann wird das zweite Album der Dubliner Kapelle Fontaines D.C. erscheinen, einer jungen Truppe, die im vergangenen Jahr mit ihrem Debüt alles weggebügelt hat, was sich sonst noch so an der Rettung des Gitarrenrock auf diesem Erdball abmüht. Nun gilt es nicht gerade als Akt der Höflichkeit, einen Text mit dem Hinweis auf die Konkurrenz zu beginnen – dafür schon mal vorab ein dickes „Sorry, guys!“ – aber im Gegenzug ist es nur fair zu erwähnen, dass die irische Hauptstadt weit mehr zu bieten hat als diese eine Band mit diesem einen Sound. Ungefähr zeitgleich nämlich traten die Silverbacks auf den Plan, 2017 von den Brüdern Dan und Kilian O’Kelly gegründet und wenig später mit Peadar Kearney, Emma Hanlon und Gary Wickham komplettiert, und diese lassen sich nicht so einfach auf ein Genre festnageln, was man ihrem gelungenen Erstling „Fad“ durchaus anhört.
Ihre Vorbilder, so werden sie nicht müde zu betonen, liegen nämlich eher in der Musik der Spätsiebziger, irgendwo zwischen Television, Thin Lizzy und den Talking Heads und das ist nun beileibe keine kleine Bandbreite. Dass sich der Klang der Band entsprechend gewandelt und geweitet hat, läßt sich den zehn Stücken (und drei instrumentale Interludes) des Albums leicht anhören: Wo frühere Nummern wie die Singles „Dunkirk“, „Just In The Band“ und „Pink Tide“ noch ordentlich krachen, geben sich spätere Songs schon deutlich lässiger, entspannter. Gerade die Stücke, bei denen sich auch Bassistin Emma mal das Mikrophon schnappt, lassen die Lust am Ausbruch erkennen – „Klub Silberrücken“ (haha) macht sich schon ziemlich locker, „Muted Gold“ flirtet mit dem Funk der Foals aus Gründertagen und „Up The Nurses“ läßt vorsichtige Psychrock-Anleihen erkennen. Der Drang zur Diversität gründet, so behaupten einige Spaßvögel, im Alter der fünf – fast alle sind schon jenseits der dreißig – und so haben es die Silverbacks entsprechend eilig mit dem Ausprobieren. Angeblich gibt es schon genügend Material für ein bis zwei Folgeplatten, wenn sie so fein klingen wie der erste Wurf, sind sie jedenfalls höchst willkommen.
Run The Jewels: Jetzt ist die Zeit [Update]
Run The Jewels
„RTJ4“
(BMG)
Gedacht war der Ablauf so wohl nicht. Doch Drehbuch und Dramaturgie schreiben in diesen Tagen leider andere. Und plötzlich spielen dann Dinge wie Style oder die geplante PR-Strategie nur noch eine untergeordnete Rolle, denn in den USA steht Grundsätzliches in Frage und ein Land am Abgrund. Das Statement des Duos dazu, geteilt über soziale Netzwerke, ist zweifellos ein klares: “Fuck it, why wait. The world is infested with bullshit so here’s something raw to listen to while you deal with it all. We hope it brings you some joy. Stay safe and hopeful out there.” Und während die Beats wie Maschinengewehrsalven im ersten Track „Yankee And The Brave“ das Hirn noch ordentlich durchschütteln, ergänzt dieses den Soundtrack zu den Ereignissen noch um frühere Alben wie “It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back” und „Fear Of A Black Planet“, mischt die Jukebox aus der Erinnerung die Singles „Fight The Power“, „Fuck The Police“ und den unvermeidlichen „Cop Killer“ hinzu. Der Spaß ist vorbei, es ist ernst und es war wohl lange nicht mehr so dringend.
Da gehen einem die acht emotionalen Minuten der Rede von Michael Render aka. Killer Mike nicht aus dem Kopf, wie er mit stockender Stimme im CNN-Gebäude von Atlanta steht und als Sohn eines Police Officers den Spagat zwischen allzu verständlicher Wut, Frustration und gebotener Besonnenheit wagt: “I am duty-bound to be here to simply say: That it is your duty not to burn your own house down for anger with an enemy. It is your duty to fortify your own house, so that you may be a house of refuge in times of organization. And now is the time to plot, plan, strategize, organize, and mobilize.” Acht Minuten, die mehr Klugheit, Verstand und Gefühl enthalten als alle Reden Donald Trumps der vergangenen dreieinhalb Jahre Amtszeit in Summe. Acht Minuten, die zeigen, dass der Konflikt zwischen kühlem Kopf und heißem Herzen einen Mann wie ihn, einen schwarzen Musiker und Familienvater mit jeder Menge Verantwortung, schier zu zerreißen droht.
Vor solch chaotischer Kulisse gerät der Inhalt des vierten Albums seit Gründung anno 2013 fast in den Hintergrund. Dabei ist es, man hatte es irgendwie erwartet, nicht nur ein, wenn nicht sogar das politische Statement zur Zeit geworden, sondern auch eine Manifestation ihrer Vormachtstellung im aktuellen Hip-Hop-Kosmos. Zumindest an der Ostküste. Die Liste der Kollaborateure ist lang, neben Zack De La Rocha, Greg Nice, DJ Premier, 2 Chainz, A$AP Ferg und Pharrell Williams finden sich auf Nummer vier auch Features von Josh Homme und Mavis Staples, produziert hat nicht nur El-P selbst, Matt Sweeney und David Sitek haben ebenfalls Hand an einzelne Tracks gelegt. Den Punch der zwölf Stücke darf man durchaus als knackig bezeichnen, sehr gelungen (und im Sinne des Wu-Tang durchaus traditionell) die Ausflüge in Richtung Jazz, Funk, Techno, Reggaeton und Soul. Knappe vierzig Minuten maximal aufgerüstete, hochgepitchte Bassmucke, wollte man etwas hervorheben, dann vielleicht das sphärisch pumpende, hochdramatische Abschlußdoppel „Pulling The Pin/A Few Words For The Firing Squad“ als Mischung aus Bondsong und stolzer Proklamation vor dem finalen Sturm, Ende ungewiß.
Update: "Look at all those slave masters posin' on yo' dollar" - any questions? Das neue Video (s.o.) zur aktuellen Single "JU$T" featuring Pharrell Williams und Zack De La Rocha.
„RTJ4“
(BMG)
Gedacht war der Ablauf so wohl nicht. Doch Drehbuch und Dramaturgie schreiben in diesen Tagen leider andere. Und plötzlich spielen dann Dinge wie Style oder die geplante PR-Strategie nur noch eine untergeordnete Rolle, denn in den USA steht Grundsätzliches in Frage und ein Land am Abgrund. Das Statement des Duos dazu, geteilt über soziale Netzwerke, ist zweifellos ein klares: “Fuck it, why wait. The world is infested with bullshit so here’s something raw to listen to while you deal with it all. We hope it brings you some joy. Stay safe and hopeful out there.” Und während die Beats wie Maschinengewehrsalven im ersten Track „Yankee And The Brave“ das Hirn noch ordentlich durchschütteln, ergänzt dieses den Soundtrack zu den Ereignissen noch um frühere Alben wie “It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back” und „Fear Of A Black Planet“, mischt die Jukebox aus der Erinnerung die Singles „Fight The Power“, „Fuck The Police“ und den unvermeidlichen „Cop Killer“ hinzu. Der Spaß ist vorbei, es ist ernst und es war wohl lange nicht mehr so dringend.
Da gehen einem die acht emotionalen Minuten der Rede von Michael Render aka. Killer Mike nicht aus dem Kopf, wie er mit stockender Stimme im CNN-Gebäude von Atlanta steht und als Sohn eines Police Officers den Spagat zwischen allzu verständlicher Wut, Frustration und gebotener Besonnenheit wagt: “I am duty-bound to be here to simply say: That it is your duty not to burn your own house down for anger with an enemy. It is your duty to fortify your own house, so that you may be a house of refuge in times of organization. And now is the time to plot, plan, strategize, organize, and mobilize.” Acht Minuten, die mehr Klugheit, Verstand und Gefühl enthalten als alle Reden Donald Trumps der vergangenen dreieinhalb Jahre Amtszeit in Summe. Acht Minuten, die zeigen, dass der Konflikt zwischen kühlem Kopf und heißem Herzen einen Mann wie ihn, einen schwarzen Musiker und Familienvater mit jeder Menge Verantwortung, schier zu zerreißen droht.
Vor solch chaotischer Kulisse gerät der Inhalt des vierten Albums seit Gründung anno 2013 fast in den Hintergrund. Dabei ist es, man hatte es irgendwie erwartet, nicht nur ein, wenn nicht sogar das politische Statement zur Zeit geworden, sondern auch eine Manifestation ihrer Vormachtstellung im aktuellen Hip-Hop-Kosmos. Zumindest an der Ostküste. Die Liste der Kollaborateure ist lang, neben Zack De La Rocha, Greg Nice, DJ Premier, 2 Chainz, A$AP Ferg und Pharrell Williams finden sich auf Nummer vier auch Features von Josh Homme und Mavis Staples, produziert hat nicht nur El-P selbst, Matt Sweeney und David Sitek haben ebenfalls Hand an einzelne Tracks gelegt. Den Punch der zwölf Stücke darf man durchaus als knackig bezeichnen, sehr gelungen (und im Sinne des Wu-Tang durchaus traditionell) die Ausflüge in Richtung Jazz, Funk, Techno, Reggaeton und Soul. Knappe vierzig Minuten maximal aufgerüstete, hochgepitchte Bassmucke, wollte man etwas hervorheben, dann vielleicht das sphärisch pumpende, hochdramatische Abschlußdoppel „Pulling The Pin/A Few Words For The Firing Squad“ als Mischung aus Bondsong und stolzer Proklamation vor dem finalen Sturm, Ende ungewiß.
Update: "Look at all those slave masters posin' on yo' dollar" - any questions? Das neue Video (s.o.) zur aktuellen Single "JU$T" featuring Pharrell Williams und Zack De La Rocha.
Samstag, 25. Juli 2020
Clan Of Xymox: Das gewisse Schaudern
Eine unerwartete Rückkehr gilt es zu erwähnen, dabei geht es allerdings weniger um das wer, sondern eher um das wie: Die niederländische Gothformation Clan Of Xymox hat sich nach drei Jahren mit einem neuen Album zurückgemeldet und klingen darauf - das ist das eigentlich erstaunliche - so jung wie lange nicht. Drei Jahre nach "Days Of Black" veröffentlicht die Band aus Nijmegen also "Spider On The Wall" und hört man sich die ersten Takte des Openers "She" an, meldet sich gleich eine ganze Epoche in Schwarz zurück, denn auch ein paar feine Cure-Gitarren haben sich in den Track verirrt. Und so geht das mit dem Wiedererkennen und Revuepassieren über die komplette Spieldauer der Platte - dark 80ies at it's best. Und beim Anhören muss es zur allgemeinen Freude nicht bleiben, denn die vier werden demnächst auch live wieder für das gewisse Schaudern sorgen.
28.11. Nürnberg, Der Cult
11.12. Rüsselsheim, Das Rind
16.01. Hamburg, Headcrash
17.01. Berlin, Frannz Club
28.11. Nürnberg, Der Cult
11.12. Rüsselsheim, Das Rind
16.01. Hamburg, Headcrash
17.01. Berlin, Frannz Club
The Strokes: Die alte Magie [Update]
The Strokes
„The New Abnormal“
(RCA)
Es gibt wohl kaum ein Volk auf der Erde, welches unsere Vorurteile so treu begleiten wie das der US-Amerikaner. Und wohl auch keines, das sie so oft und gern bestätigt. Und das sagt nicht nur viel über die Menschen dort, sondern eben auch einiges über die Menschen hier, über uns. Wie schön läßt sich gerade jetzt über den steindummen Präsidenten und seine offensichtlich fehlgeleitete, unbelehrbare Gefolgschaft lästern, über den, der Tag für Tag den allergrößten Mist verzapfen kann und jene, die aus dem ganzen Bullshit noch immer eine Heilsbotschaft herauszulesen vermögen. Jeder Herde ihren Hirten, mitgehangen, mitgefangen, was soll’s. Auch wenn es nicht immer derart extrem war, was sich da drüben abspielte, suspekt waren sie uns schon immer, diese Amis. Nun sind die New Yorker so wenig ungebildete, kulturlose Amerikaner wie die Münchner als grobklotzige und schiefmäulige Lederhosenbayern durchgehen (beides sind im Übrigen allergröbste Übertreibungen, versteht sich), aber im Jahr 2001 haben wir diese Amis für einen Moment mal richtig beneidet – und zwar trotz George W. Bush jr., der uns heute fast wie eine harmlose Weichzeichnung staatsmännischen Dummbeuteltums erscheint. 2001 nämlich erschienen mit Julian Casablancas, Nick Valensi, Albert Hammond jr., Nikolai Fraiture und Fabrizio Moretti fünf Typen auf der Bildfläche, die auf Vorurteile einen feuchten Dreck gaben, sich The Strokes nannten und mit ihrem Debüt „Is This It“ die Popwelt wahrlich im Handstreich nahmen – arrogant, lässig, herausfordernd und ungemein talentiert.
Wir müssen jetzt nicht die komplette Saga dieser „The“-Band und der von ihr begründeten Ära wieder aufrollen, machen wir es kurz: Sie haben das irrsinnige Überrumpelungstempo nicht durchhalten können, die beiden Folgeplatten „Room On Fire“ und „First Impressions On Earth“ waren noch von annähernd bestechender Qualität, dann ging’s dahin, es wurde beliebig, es wurde anstregend, es fehlte an vielem und selbst Casablancas investierte seine Begabung lieber in Soloarbeiten und Kollaborationen, anstatt sich auf die Suche nach einem Ausweg zu machen. Das hat er, und damit kommen wir zum überaus erfreulichen Teil der Geschichte, einem Mann überlassen, der sich auskennt mit verschenktem Potential und traurigen Durchhängern. Genie Graubart Rick Rubin nahm sich also der lust- und erfolglosen Truppe an und wer die Strokes nach wie vor und weiterhin für ein gnadenlos überschätztes, überhebliches Marketingprodukt hält, den dürfen wir an dieser Stelle der Lektüre verabschieden. Denn es folgt nicht weniger als die schamlose Lobeshymne auf eine Platte, die so nicht zu erwarten war und genau deshalb unseren ganzen Respekt verdient hat.
Schon die ersten Takte der Vorabsingle „At The Door“ ließen ahnen, dass die Herren das wiedergefunden hatten, was die Amerikaner wie keine andere Musiknation als magisch verehren (obwohl es doch aus Afrika stammt): Das Mojo. Wie kaum eine andere Rockband der Neuzeit nämlich besaßen The Strokes ein untrügliches Gespür für griffige Melodien, Akkordfolgen und Tempi, sie wußten in ihren Erfolgstagen stets, wann etwas härter, wann sanfter angefasst werden, wann die Stimme hoch und wann runter muss, wie es eben klingen soll, um cool zu sein. Jeweils aus einem einzigen Riff bastelten sie so wieder und wieder Stücke, die im Radio mühelos alle anderen überstrahlten. Und tun es wieder: „The Adults Are Talking“ hat diese Chords, dazu ein paar synthetische Drumsets und Casablancas erstaunlich weichen Gesang. Ebenso „Selfless“ und die locker rausgeschüttelten Singles „Brooklyn Bridge And Chorus“ und „Bad Decisions“, die Stimme weiter erfreulich wandelbar, mal im Falsett, mal als Geschrei, doch immer passend. Im Gegensatz zu den bemüht experimentellen Versuchen von „Ankles“ und „Comedown Machine“ finden sie hier die Balance aus vertrauter Stärke und vorsichtiger Auffrischung.
Als weiterer Höhepunkt dann „Eternal Summer“ – was haben sie da nicht alles reingepackt: Soul und Funk zucken und flirren durch den Song, ein bisschen Softrock von Toto, auch Prince und Bowie dürfen nicht fehlen, dazu ein paar ungewohnt schiefe Töne aus der Gitarre und, ebenso überraschend, der Grant von Casablancas. Schon über die Hälfte und noch kein Zeichen von Schwäche? Es bleibt dabei. „Why Are Sundays So Depressing?“ könnte aus der Hochzeit der Band stammen, der Song pflegt einmal mehr die egale Attitüde des einstigen Studentenbundes: „I sing a song, I paint a picture, my baby's gone, but I don't miss her, like a swan, I don't miss swimming, all my friends left, and they don't miss me“ heißt es da zu schräg-psychedelischen Klängen – miese Stimmung, toller Song. Ganz am Ende gelingt ihnen dann sogar noch eine versöhnliche, nostalgische Liebeserklärung an ihre Heimatstadt. Was Interpol mit „NYC“ noch angemessen düster zeichneten, färben sie für „Ode To The Mets“ in dämmrigen Vintagetönen, Großstadtschlendern, erste Gitarrengriffe, Baseball natürlich, und viel Wehmut (die man heute beim bangen Blick in die Nachrichten noch mehr verstehen kann): „Gone now are the old times, forgotten, time to hold on the railing, the Rubik’s Cube isn’t solving for us, old friends, long forgotten … The only thing that's left is us, so pardon the silence that you're hearing, is turnin' into a deafening, painful, shameful roar.“ Sie sind erwachsen geworden, die fünf. Und, wenigstens für dieses eine Mal, ganz gewiss nicht schlechter.
Update: Knappe sieben Minuten als Geschichtsstunde und Nostalgie-Clip - das Filmchen zu "Ode To The Mets" von Warren Fu.
„The New Abnormal“
(RCA)
Es gibt wohl kaum ein Volk auf der Erde, welches unsere Vorurteile so treu begleiten wie das der US-Amerikaner. Und wohl auch keines, das sie so oft und gern bestätigt. Und das sagt nicht nur viel über die Menschen dort, sondern eben auch einiges über die Menschen hier, über uns. Wie schön läßt sich gerade jetzt über den steindummen Präsidenten und seine offensichtlich fehlgeleitete, unbelehrbare Gefolgschaft lästern, über den, der Tag für Tag den allergrößten Mist verzapfen kann und jene, die aus dem ganzen Bullshit noch immer eine Heilsbotschaft herauszulesen vermögen. Jeder Herde ihren Hirten, mitgehangen, mitgefangen, was soll’s. Auch wenn es nicht immer derart extrem war, was sich da drüben abspielte, suspekt waren sie uns schon immer, diese Amis. Nun sind die New Yorker so wenig ungebildete, kulturlose Amerikaner wie die Münchner als grobklotzige und schiefmäulige Lederhosenbayern durchgehen (beides sind im Übrigen allergröbste Übertreibungen, versteht sich), aber im Jahr 2001 haben wir diese Amis für einen Moment mal richtig beneidet – und zwar trotz George W. Bush jr., der uns heute fast wie eine harmlose Weichzeichnung staatsmännischen Dummbeuteltums erscheint. 2001 nämlich erschienen mit Julian Casablancas, Nick Valensi, Albert Hammond jr., Nikolai Fraiture und Fabrizio Moretti fünf Typen auf der Bildfläche, die auf Vorurteile einen feuchten Dreck gaben, sich The Strokes nannten und mit ihrem Debüt „Is This It“ die Popwelt wahrlich im Handstreich nahmen – arrogant, lässig, herausfordernd und ungemein talentiert.
Wir müssen jetzt nicht die komplette Saga dieser „The“-Band und der von ihr begründeten Ära wieder aufrollen, machen wir es kurz: Sie haben das irrsinnige Überrumpelungstempo nicht durchhalten können, die beiden Folgeplatten „Room On Fire“ und „First Impressions On Earth“ waren noch von annähernd bestechender Qualität, dann ging’s dahin, es wurde beliebig, es wurde anstregend, es fehlte an vielem und selbst Casablancas investierte seine Begabung lieber in Soloarbeiten und Kollaborationen, anstatt sich auf die Suche nach einem Ausweg zu machen. Das hat er, und damit kommen wir zum überaus erfreulichen Teil der Geschichte, einem Mann überlassen, der sich auskennt mit verschenktem Potential und traurigen Durchhängern. Genie Graubart Rick Rubin nahm sich also der lust- und erfolglosen Truppe an und wer die Strokes nach wie vor und weiterhin für ein gnadenlos überschätztes, überhebliches Marketingprodukt hält, den dürfen wir an dieser Stelle der Lektüre verabschieden. Denn es folgt nicht weniger als die schamlose Lobeshymne auf eine Platte, die so nicht zu erwarten war und genau deshalb unseren ganzen Respekt verdient hat.
Schon die ersten Takte der Vorabsingle „At The Door“ ließen ahnen, dass die Herren das wiedergefunden hatten, was die Amerikaner wie keine andere Musiknation als magisch verehren (obwohl es doch aus Afrika stammt): Das Mojo. Wie kaum eine andere Rockband der Neuzeit nämlich besaßen The Strokes ein untrügliches Gespür für griffige Melodien, Akkordfolgen und Tempi, sie wußten in ihren Erfolgstagen stets, wann etwas härter, wann sanfter angefasst werden, wann die Stimme hoch und wann runter muss, wie es eben klingen soll, um cool zu sein. Jeweils aus einem einzigen Riff bastelten sie so wieder und wieder Stücke, die im Radio mühelos alle anderen überstrahlten. Und tun es wieder: „The Adults Are Talking“ hat diese Chords, dazu ein paar synthetische Drumsets und Casablancas erstaunlich weichen Gesang. Ebenso „Selfless“ und die locker rausgeschüttelten Singles „Brooklyn Bridge And Chorus“ und „Bad Decisions“, die Stimme weiter erfreulich wandelbar, mal im Falsett, mal als Geschrei, doch immer passend. Im Gegensatz zu den bemüht experimentellen Versuchen von „Ankles“ und „Comedown Machine“ finden sie hier die Balance aus vertrauter Stärke und vorsichtiger Auffrischung.
Als weiterer Höhepunkt dann „Eternal Summer“ – was haben sie da nicht alles reingepackt: Soul und Funk zucken und flirren durch den Song, ein bisschen Softrock von Toto, auch Prince und Bowie dürfen nicht fehlen, dazu ein paar ungewohnt schiefe Töne aus der Gitarre und, ebenso überraschend, der Grant von Casablancas. Schon über die Hälfte und noch kein Zeichen von Schwäche? Es bleibt dabei. „Why Are Sundays So Depressing?“ könnte aus der Hochzeit der Band stammen, der Song pflegt einmal mehr die egale Attitüde des einstigen Studentenbundes: „I sing a song, I paint a picture, my baby's gone, but I don't miss her, like a swan, I don't miss swimming, all my friends left, and they don't miss me“ heißt es da zu schräg-psychedelischen Klängen – miese Stimmung, toller Song. Ganz am Ende gelingt ihnen dann sogar noch eine versöhnliche, nostalgische Liebeserklärung an ihre Heimatstadt. Was Interpol mit „NYC“ noch angemessen düster zeichneten, färben sie für „Ode To The Mets“ in dämmrigen Vintagetönen, Großstadtschlendern, erste Gitarrengriffe, Baseball natürlich, und viel Wehmut (die man heute beim bangen Blick in die Nachrichten noch mehr verstehen kann): „Gone now are the old times, forgotten, time to hold on the railing, the Rubik’s Cube isn’t solving for us, old friends, long forgotten … The only thing that's left is us, so pardon the silence that you're hearing, is turnin' into a deafening, painful, shameful roar.“ Sie sind erwachsen geworden, die fünf. Und, wenigstens für dieses eine Mal, ganz gewiss nicht schlechter.
Update: Knappe sieben Minuten als Geschichtsstunde und Nostalgie-Clip - das Filmchen zu "Ode To The Mets" von Warren Fu.
Freitag, 24. Juli 2020
Diamond Thug: Auf der dunklen Seite
Patricia Lalor: Next Wunderkind? [Update]
Update: Und nun wissen wir, dass alles Neue von einer EP namens "Do It Again" stammt, die in Kürze erscheint - hier ist der nicht weniger feine Titeltrack.

Donnerstag, 23. Juli 2020
Throwing Muses: Endlich Fakten [Update]
Update: Nachdem der Release des Albums nun auf den 4. September geschoben ist, an dieser Stelle zwei weitere Songs davon - hier kommen "Milk At McDonald's" und ganz neu "Bo Diddley Bridge".
Uniform: No sweet childhood [Update]
So, jetzt ist mal kurz Schluß mit lustig, am Ende des Tages wollen wir uns noch mal eher der Härte widmen: So zum Beispiel der New Yorker Industrial-Metal-Formation Uniform. Genaugenommen besteht diese nur aus zwei Musikern, nämlich dem Sänger Michael Berdan und dem Gitarristen Ben Greenberg. Gemeinsam haben die beiden seit 2013 drei Studioalben veröffentlicht, nun soll am 11. September via Sacred Bones Nummer vier "Shame" hinzukommen, erstmals eingespielt mit dem neuen Drummer Mike Sharp. Die Vorabsingle "Delco" ist nach einer Kurzform für Berdans Heimat Delaware County benannt, was aber keineswegs auf guten Erinnerungen fußt, sondern laut Brooklyn Vegan eher von düsteren Coming-Of-Age-Zeiten voller Angst, Einsamkeit und Depression erzählt. Entsprechend wütend klingt es dann auch.
Update: Und hier die zweite Single des Albums - "Dispatches From The Gutter" als brandheiße Lieferung sozusagen.
Update: Und hier die zweite Single des Albums - "Dispatches From The Gutter" als brandheiße Lieferung sozusagen.
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