Donnerstag, 30. Juni 2011

Kluge Töne



SBTRKT “SBTRKT” (Young Turks)
Wie viele andere Blogger erliege auch ich, der ich ja mein eigener Schlußredakteur bin, nicht selten der Versuchung, eine Rezension mit einem unüberschaubaren Wust an Ausschmückungen, Füllwörtern und Satzverschachtelungen zu versehen in der irrigen Annahme, das würde dem Verständnis helfen und gefallen. Wozu einen die Eitelkeit doch treiben kann … Bei bestimmten Platten allerdings verbieten sich solche Volten von selbst, dann nämlich, wenn deren hervorstechendeste Eigenschaft die kunstvolle Vereinfachung ist.

Aaron Jerome, mutmaßlich der Mann mit der Maske auf dem Cover, hat auf seinem Album die Reduktion und Sparsamkeit zum Prinzip erhoben und erschafft so ein einzigartiges, wohlklingendes Extrakt. Ob Dubstep, Breakbeats, Minimal Techno oder House, mit Vorliebe stellt Jerome lieber Töne neben- als übereinander, nichts wirkt überladen oder gar zugekleistert und jeder Takt ist sorgsam austariert. Mit Ausnahme des Stückes “Sanctuary” fangen einen die Tracks somit weniger durch geschichtete Flächigkeit als vielmehr durch das bedachte, punktgenaue Arrangement.

Man fühlt sich wieder einmal an den Purismus von The XX erinnert, an The Weeknd und auch, wie bei “Right Thing To Do” an die frühen Faithless. Ein “zuviel” ist ihm ein Graus, bei SBTRKT werden selbst die Vocals, vorzugsweise von Szenegrößen wie Sampha oder Yukimi, dem warm pluckernden Beat untergeordnet, nichts vermag hier die Balance zu stören. Dass solche Musik nicht nur unter Kopfhörer, sondern auch in’s schummrige Clubambiente passt, beweisen das diskotaugliche “Pharoahs” oder die Zugabe “Living Like I Do”.

Ganz ohne die üblichen Verzierungen ist es nun doch nicht gegangen – wer es also in eingedampfter Form braucht, dem sei gesagt: Diese Platte ist ein kleines, sympathisches Meisterwerk – ein Kauf wäre sicher kein Fehler. Schlichter geht’s nun wirklich nicht.
http://www.sbtrkt.com/

Mittwoch, 29. Juni 2011

dt.: Wiedergutmachung, die [feminin]



An gleicher Stelle auch schon mal mächtig geschmäht, verdient Beyoncé für ihren Auftritt in Glastonbury am Sonntag als erster weiblicher Hauptact seit 25 Jahren allen Respekt – „mindblowing“, „fucking amazing“, die deutsche Sprache kann manchmal ziemlich begrenzt sein und die Ausverkaufsprediger („Jesus. They'll be having Kylie next.”/guardian musicblog) waren klar in der Minderheit - anschauen: hier.

Dienstag, 28. Juni 2011

Leichtfertige Grenzgänger



Figurines „Figurines“ (Cargo)
Vom Erfolgskuchen des skandinavischen Indiepop haben die Dänen ja ungerechterweise nur ein paar spärliche Krümel abbekommen, Nachbar Schweden konnte hier, ähnlich wie im literarischen Segment „blutrünstige Serienkiller“, fast konkurrenzlos punkten und sich nahezu die komplette Torte in den gierigen Schlund schieben. Schon allein die Menge an satisfaktionsfähigen Protagonisten – Radio Dept., The Hives, Mando Diao, Cardigans, Peter Bjorn And John, The Knife, und und und war und ist furchteinflößend – kein Wunder also, dass sich die Norweger lieber auf exqusite Clubtunes kaprizierten und die Finnen weiter ihr Image als Heimstatt trinkfreudigiger und blutrünstiger Brachialmetaller pflegen. Dänemark, nun ja: The Raveonettes, The Broken Beats und – die Figurines.

Als deren Wiedererkennungsmerkmal gilt vor allem die hochtönende, leicht quengelige Stimme von Christian Hjelm, eingebettet in die leichtgängigen Popmelodien der restlichen Figurinen. Die klangen auf den Anfangswerken „Shake A Mountain“ (2003) und „Skeleton“ (2005) allerdings noch deutlich rougher und flotter, auch wenn sie in punkto Eingängigkeit wenig eingebüßt haben. Das Instrumentarium wurde für das aktuelle, selbstbetitelte Werk ein wenig erweitert, hier wird jetzt nicht nur gezupft, sondern auch öfters mal gestrichen und auch sonst war man um keine noch so kleine Spielerei verlegen.

Liedhaftes an der Grenze zur Belanglosigkeit würde den Figurines attestieren, wer es nicht so gut mit ihnen meint – zuweilen klingen sie in der Tat etwas zu gefällig und kantenarm. Aufmerken läßt einen hier das untypische „We Got Away“, watteweich, zuckersüß und mit einem Himmel voller Celli, so konsequent gegen die eigenen Ursprünge gebürstet, dass man sich fast schon Sorgen macht. Popsong hin oder her, nicht jedem wird gefallen, was er da zu hören bekommt, auch wenn sich die fünf offensichtlich selbst noch nicht sicher sind, wohin die Reise gehen soll. Ein zu befürchtendes, generelles Lebewohl an den guten alten Rock früherer Tage wäre dann aber doch bedauerlich.
http://www.figurines.dk/

Samstag, 25. Juni 2011

Ruhe sanft, Mr. Columbo



Nun hat er es endlich geschafft, am Donnerstag dieser Woche ist Peter Falk - zuletzt ziemlich gebeutelt von Alter und Alzheimer - mit 83 Jahren in Beverly Hills gestorben. Und natürlich gehört er auch an dieser Stelle gewürdigt, ist er doch maßgeblich für jede Menge unterhaltsame Stunden vor dem heimischen Fernsehgerät verantwortlich - unvergessen, wie er sich als Inspector Columbo mit eingebildeten Professoren, arroganter Semiprominenz und durchgeknallten Militärs mühte, wie er die betörende Faye Dunaway und den verschlagenen Johnny Cash überführte, sich des Nachts am Tatort gemächlich ein Ei pellte, Hund "Hund" verwöhnte und beinahe an einem Toast mit Limonen-Marmelade krepiert wäre. Dazu hat der Mann mit seinem Gastauftritt neben Otto Sander, Bruno Ganz, Solveig Dommartin und Nick Cave dafür gesorgt, dass der Autor dieser Zeilen allezeit auf die Frage nach seinem Lieblingsfilm ohne lang zu überlegen Wim Wenders' "Der Himmel über Berlin" benennen kann. Auch eine Leistung. In diesem Sinne: "Hope, you can see me ..."

Freitag, 24. Juni 2011

Funky wall of sound



TV On The Radio, 23. Juni 2011, Muffathalle München
Es gibt eine eiserne Regel für den Besuch bei Live-Konzerten, die da lautet: „Hast Du eine(n) Band/Künstler(in) schon einmal in ihren/seinen Anfangstagen vor überschaubarer Gefolgschaft erlebt und war dies ein phänomenales (unvergessliches, unwiederbringliches u.ä.) Ereignis, dann vermeide jeden weiteren Besuch, solltest Du sie/ihn später noch einmal in größeren Hallen sehen können. Gehst Du wider besseren Wissens trotzdem hin, dann beschwer Dich nicht!“ Soweit die Regel.

TV On The Radio, seit Jahren mit einem Coolness-Faktor gesegnet, von dem der Großteil des Musikbusiness – männlich, weiblich, jung, alt, schwarz, weiß, egal – nur träumen darf, waren im Jahre 2006 schon einmal in München und spielten eine sagenhafte Show im Hansa 39, vor schätzungsweise nicht mehr als 350 Leuten. Warum also jetzt das Schicksal versuchen und sich mit grob geschätzt fünfmal so vielen Möchtegernhippstern in einer Halle drängen, die als gnadenloses Akkustikgrab verschrien ist? Die Lösung ist recht simpel: Weil eine Band erst dann richtig gut ist, wenn sie den Standard, den sie gesetzt hat, auch nach Jahren und an unvorteilhaften Orten, bestenfalls halten, vielleicht sogar noch toppen kann? Wollen wir doch sehen...

Gleich vornweg: Für den Kammerpop der Vorband Oh! Pears, die sich auf maximal einem Quadratmeter der Bühne ängstlich zusammen-drängte, muß man wahrscheinlich geboren sein – niemand möchte den Jungs zu nahe treten, aber viel schlimmer kann Amy Winehouse in Belgrad auch nicht geklungen haben. Geschenkt, wir kümmern uns um das Hauptprogramm. Wer vergessen haben sollte, dass TVOTR ursprünglich eine Gitarrenband sind – und nach der neuen Platte waren das nicht wenige – dem wird das schon mit den ersten Takten ins Bewußtsein gehämmert: Tunde Adebimpe, Kyp Malone, David Sitek und Jaleel Bunton, unterstützt von einer 1-Mann-Blechsection, geben aus dem Stand dem Affen Zucker und füllen die Halle mit dem, was man getrost eine „funky wall of sound“ nennen kann. Schon der zweite Song stammt vom ersten Major-Album „Desperate Youth, Bloodthirsty Babes“ und auch die nachfolgende Auswahl läßt keine Wünsche offen.

„I Was A Lover“, „A Method“, „Province“, „Dancing Choose“ – sie spielen das laut, aber eben nicht nur, sondern sind wahrscheinlich die einzigen, die bei dieser gehörigen Menge an Dezibel noch leidenschaft-lichen Soul, zähneknirschenden Blues und so manchen harten Rap mit unterbringen können und zwar so, dass die Stücke ein unverwechsel-bares Gesicht erhalten. „Will Do“ vom neuen Album „Nine Types Of Light“ schmilzt ohrenbetäubend und beim brachialen Dreiklang aus „Staring At The Sun“, „Repetition“ und „Wolf Like Me“ brechen auch unten im Publikum alle Dämme – die Halle tobt.

Und weil TV On The Radio offenbar die Band ist, die an diesem Abend jeden glücklich machen kann, dürfen auch die Oh! Pears für eine Zugebe noch ein wenig mittrommeln und lächeln darob seelig in die Runde. Für’s restlos begeisterte Publikum gibt’s am Ende noch eine Extraportion Extase – die Jungs spielen eine knackige Version des Fugazi-Klassikers „Waiting Room“ und sammeln so problemlos die restlichen Punkte bei den Berufspessimisten ein – grandios. Gegen jede Erwartung also ein vorzügliches Konzert: Raus mit schwammigem Kopf, die Ohren pfeifen – glücklich.

Coffee to no go



Auch das ein Zeichen für spätrömische Dekadenz - mitten in München, wo sonst. Gesehen am Kinderspielplatz am Maximilianeum.

Mittwoch, 22. Juni 2011

Bitte Abstand halten



Witches „Forever“ (Bakery Outlet Records)
Auch wenn das mehr als „grungy“ klingt, für das angekündigte Revival reicht es beileibe nicht aus und das ist, um ehrlich zu sein, auch nicht unbedingt notwendig. Denn auch wenn sich die Witches aus der R.E.M.-Heimatstadt Athens/Georgia einige Sahnestücke der Epoche als Vorbilder herausgesucht haben – Lemonheads, Breeders, Dinosaur jr., Sonic Youth, Sleater Kinney – so möchte man doch genügsam und bescheiden bleiben und eine Rückkehr zu Flanellhemd, Zottelbart und endlosem Gitarrengegniedel dankend ablehnen. Da schwelgt man lieber in angenehmen Erinnerungen und dabei, das ist unbestritten, kann „Forever“ mit seinen knapp 35 Minuten gut und gern helfen. Ein kleines, ein dreckiges Album, Cara Beth Satalino und Band verstehen sich ganz hervorragend auf hingebungsvolles Schrammeln – die zehn Songs ähneln einander zu sehr, um einen besonders hervorzuheben. Alles zusammen eine schöne Reminiszenz an längst Vergessenes, Erinnernswertes und besser Verdrängtes. Mit dem nötigen Abstand also durchaus eine feine Platte.
http://www.myspace.com/witchestheband

Hirn an, Klappe zu!



Nicht das es von herausragender Bedeutung wäre, aber da wir gerade schon einmal beim Spielplan der 2. Bundesliga waren und dort die Termine in Ostdeutschland aus leidiger Erfahrung besonders markieren mussten, hier noch ein Nachtrag für die Statistiker unter den Ewiggestrigen: In der neuen Saison stellt der FC St. Pauli neben den Vereinen Hansa Rostock, Wism...sorry, Erzgebirge Aue und Dynamo Dresden einen der vier Vereine mit nur drei ausländischen Profis im Kader. Sollte wie erwartet, aber nicht gewünscht auch noch Carlos Zambrano das Millerntor hinter sich lassen, wäre man auch in dieser Hinsicht ungeschlagen. Den „schlechtesten“ Koeffizienten weisen in dieser Hinsicht übrigens der MSV Duisburg und Eintracht Frankfurt auf, bei ihnen besitzen weniger als die Hälfte der Spieler einen deutschen Paß.

Don't imitate, irritate!



John Maus „We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves“ (Cargo)
Schon nach den ersten Takten dieses Album fragt man sich unweigerlich: Was ist es, was dieser Mann da macht? Und ein paar Umdrehungen später: Und warum gefällt es mir so gut, wenn es doch so befremdlich klingt? Seltsame Fragen also, die einen da anwandeln, seltsame Fragen zu einem seltsamen Mann. Denn mal ehrlich, die Bass-Hooks von „Quantum Leap“ gehören sicher noch zur Kategorie „leicht vermittelbar“, billige Morodermelodien und gerauntes Genuschel über Depressionsfantasien zählen jedoch nicht unbedingt dazu. Und wüßte man nicht aus der einschlägigen Fachpresse, dass John Maus, kotzt er sich auf der Bühne nicht gerade die Seele aus dem malträtierten Leib, nebenamtlich als Dozent für politische Philosophie an einer hawaiianischen Universität arbeitet, also ein Mann des Wortes ist – man hielte ihn für einen durchgeknallten Psychopaten.

Oder was sonst soll man davon halten, dass jemand auf samtweiche, einschmeichelnde Casiotoneklänge einen Aufruf zum massenweisen Lynchmord an Polizisten bettet, gerade so als wollte er seiner Liebsten ein romantisches Ständchen darbringen („Copkiller")? Die Texte bringen wenig Aufschluß, verwischte und zerrissene Gebilde, eher instrumentale Textur als verständlicher Erkenntnisgewinn, zuweilen, wie bei „Crucifix“, nur eben aus diesem einen Wort bestehend. Die Stimmlage schon eher vertraut, mal dunkel wie Frank Tovey, dann croonend wie David Bowie, manchmal kommen einem auch so faszinierende Sumpfblüten wie Gus Black oder die Black Heart Procession in den Sinn.

Was aber einzigartig scheint, ist das irritierend harmonische Nebeneinander von simpelster Songstruktur und Melodieführung und dieser dunklen, kalte Einsamkeit atmenden Stimme, die nie vor Verzweiflung schreit und diese doch gleichsam mit jedem Takt verkörpert. Mal mit kräftigem Hall hinterlegt, mal in Stile gregorianischer Chöre verfremdet, dann wieder als entmenschlichter, phrasierender Taktgeber („Pussy is not a matter of fact“), der Mann weiß zu verunsichern, ohne viel von sich preisgeben zu müssen. Was laut dem unmißverständlichen Titelstatement des Albums auch keine wirkliche Überraschung ist, Maus hat sich schon vor der drohenden Selbstentblößung das eigene, klare Wort genommen. Ein Rätsel also, weiterhin.
http://www.mausspace.com/

Dienstag, 21. Juni 2011

One piece of ... Atari Teenage Riot_Is This Hyperreal?



Track #5 „Codebreaker“ – Alec Empire war in den 90ern mal wild, provokant, politisch korrekt und was für Auskenner, wer sich für 90 Minuten das Hirn wegknallen lassen wollte, ging auf ein ATR-Konzert, „Deutschland has gotta die!“ Gabber, Tekkno, Metal. Heute? Braucht das kein Mensch ...

Britain, the Plugiator



Soll keiner mehr etwas Ehrabschneidendes über die Bewohner des britischen Königreiches (also wellknown as „Inselaffen“) sagen, denn zumindest in punkto Marketing sind uns diese um ein Vielfaches voraus. Während die darbende Tonträgerindustrie hierzulande noch mit verschiedenpreisigen CD-Formaten umeinanderwurstelt, gehen die Strategen auf dem Eiland schon deutlich kreativere Wege. Nach dem „Bezahl doch was Du willst!“- und dem „Kompostiere Dein Booklet“-Modell von Radiohead legen nun die Kaiser Chiefs eine neue, schmucke Variante in Sachen Hörer-Band-Bindung vor.

Für ihr aktuelles Album „The Future Is Medieval“ (Understatement, ick hör‘ dir trapsen ...) stellen die fünf Jungs aus Leeds satte 20 Songs auf ihre Website – für schlappe 7,50 Pfund kann man sich davon zehn passende aussuchen und zur höchstpersönlichen Downloadversion kompilieren. Einfach nach dem Anhören die Stöpsel unter die passenden Spielfiguren stecken, Schalter umlegen und schon läuft der Plugiator. Bleibt natürlich noch die Frage, ob der geneigte Hörer nach all der lustigen Spielerei auch zehn Tracks findet, die ihm das Entgelt wert sind. Aber das ist ja wieder eine ganz eigene Geschichte.

Spielplan steht


Und weil das so ist, hier die persönlich wichtigsten Termine der neuen Saison - die bayerischen natürlich wegen der besten Chancen, den Herzensverein auch mal wieder live zu erleben, die speziellen, östlichen aus erwartbar eher weniger erfreulichen Gründen.

17. Jul St. Pauli vs. FC Ingolstadt
11. Sep St. Pauli vs. 1860 München
20. Nov Hansa Rostock vs. St. Pauli
27. Nov St. Pauli vs. Dynamo Dresden
11. Dez FC Ingolstadt vs. St. Pauli
4. Mar 1860 München vs. St. Pauli
22. Apr St. Pauli vs. Hansa Rostock
29. Apr Dynamo Dresden vs. St. Pauli

Montag, 20. Juni 2011

Neu aus alt und gut dazu



Sons & Daughters „Mirror Mirror“ (Domino)
Da wird sich schon der eine oder andere Miesepeter und Spielverderber finden, der behauptet, die Musik der schottischen Sons & Daughters habe in ungefähr soviel Innovationspotential wie die Gallaghers zusammen Grips im Schädel, überhaupt seien die Bezüge zu Blondie, Siouxie Sioux, The Cure und Echo And The Bunnymen ja so dermaßen auffällig, dass dies natürlich böse gegeißelt gehöre. Ach was, möchte man da entgegnen, wenn’s ordentlich gemacht ist, verträgt ein jedes Jahr so seine drei, vier bassgefütterten Waveaufgüsse wie Blood Red Shoes oder die Long Blondes.

Adele Bethel, Scott Paterson und Freunde geben, das kann man ihnen ruhig attestieren, nicht die schlechteste Figur ab im großen Rund der Nachahmer. Die aktuelle, dritte Platte präsentiert sich gleich zu Beginn wenig anschmiegsam, bei „Silver Spell“ schiebt sich ein schöner, fetter Batzen geballte Synthetik durch den Bildhintergrund und Human Leangue dürfen nun auch noch aufgenommen werden in die Ahnengalerie. Der Sound ist im Vergleich zum eher krachigen, gitarrenlastigen Vorgänger „The Gift“ vielleicht etwas gesetzter, aber auch weniger vorhersehbar geworden, neben der gewohnt rockigen Variante wird nun für manchen Song häufiger elektronisches Equipment angeschlossen, „Orion“ kann da als gelungenes Beispiel gelten, ebenso das dunkel rauschende „Ink Free“.

Bezaubernde Harmonien über trockenem, widerspenstigem Beat, das ist wie gesagt nicht übermäßig spektakulär, auch die Yeah Yeah Yeahs haben dieses Feld schon beackert, aber Stücke wie „Rose Red“ oder der gemächlich pluckernde „Bee Song“ stehen trotz der hörbaren Verwandschaft zu früheren Vorbildern sehr gut für sich. Tobias Levin, deutscher Musiker und Produzent, sagte kürzlich sinngemäß und nicht eben unklug, dass Musik ja nicht nur von neuen, sondern auch für neue Menschen gemacht werde, und jeder Generation bliebe einfach nichts anderes übrig, als die Dinge auf’s Neue auszuprobieren. In diesem Sinne ist „Mirror Mirror“ trotz manchen Vorbehalts dann doch eine recht gute Platte geworden.
www.sonsanddaughtersloveyou.com/

Hinmüsser



Heiko K. aus E. sagt, da muss er hin. Ey, die Red Hot Chili Peppers mal wieder live, das muss. Da hat er wohl recht. Und so wühlt er sich schon seit Tagen durch allerlei englischsprachige Hotlines, bestellt sogar ungehört das angekündigte Album "I'm With You" bei amazon.de, das hier in Deutschland am 26. August erscheinen soll, weil da - so munkelt man - einfacher an die Tickets zu kommen sei. Alles in allem fünf Termine für good old Germany im bitterkalten Spätherbst oder Frühwinter, je nachdem, wo man haust:

07.10. Köln, Lanxess Arena
09.10. Hamburg, o2 World
21.10. Frankfurt, Festhalle
04.12. Berlin, o2 World
05.12. München, Olympiahalle

Na denn Heiko, viel Glück, Alter!
http://www.redhotchilipeppers.de/

Schulte sein Schreibtisch - Teil 5



Mit 28 Jahren bei neun (okay, 8 + 1 x Österreich) Profiklubs unter Vertrag gewesen, das schaffen selbst Arthur Wichniarek und Maurizio Gaudino nicht so ohne weiteres. Aber hier geht es schließlich um den ersten offiziellen Offensivzugang des FC St. Pauli, Mahir Saglik. Selbst Frau Hauptkommisarin Odenthal würde jetzt messerscharf kombinieren: „Saglik? Das könnte ein türkischer Name sein ...“ Und Recht hätte sie. Scheint jedenfalls ein sonniges Kerlchen zu sein, und wenn er den Sturm etwas stürmischer macht, ist er sowieso willkommen. Andere Frage, weitaus wichtiger: Wird bei olle Schulte gerade das Büro geputzt oder wo um Himmels Willen ist sein Schreibtisch?

Gegrillte Wiener in Eppheim



Wie darf man sich das als treuer Gebührenzahler so vorstellen? Da überprüft das OK der Frauen-WM die Buchungen für die einzelnen Stadien und bekommt die große Flatter, weil sich das Wahnsinnsevent anscheinend doch nicht so wahnsinnig verkauft. Meldet sich also das Sekretariat von Herrn Zwanziger beim Sponsor ARD und fragt nach: „Könntet Ihr nicht ...? Also Crosspromotion und so ...?“ Prompte Antwort: „Also wenn neben dem Chef auch noch der Jogi, der Olli, der Michi und vielleicht die Steffi ...?“ Retour: „Also, das mit dem Michi wird nicht klappen, den haben wir gerade rausgeschmissen, aber die anderen, warum nicht ...?“

Hernach muß man sich nur noch schnell auf einen Austragungsort, sprich: ein Ermittlerteam einigen – runder Tisch, schnelle Entscheidungsfindung: Die Furtwängler? War erst mit schwulen Kickern dran, außerdem zu staksig, zu etepetete. Die Thomalla? Ja um Gottes Willen, hier geht’s ja nicht um Spielerfrauen! Außerdem muffelt der Wuttke dann wieder alles kaputt. Also doch die Folkerts, passt genau für so eine Minoritätenmoritat, ist ja im richtigen Leben selbst eine (also Minorität), den Kopper trimmen wir schnell mit ein paar total glaubwürdigen Sprüchen auf Interfan, perfekt.

Haste gedacht. Stefan Niggemeier, neben Kalkofe der einzig legitime Fernsehversteher im Lande, hat am Wochenende in der FAS in anderem Zusammenhang geschrieben, bei Sendungen wie „Big Brother“ oder „Frauentausch“ habe man wenigstens das Gefühl, dass da jemand nach der Produktion noch einmal drüberschaue – sorry, aber dieses Kompliment mag man dem Fußball-Tatort aus Ludwigshafen nicht machen.

Die Chance, eine ansprechende, kühne Geschichte zu erzählen, war ja bei dem Thema durchaus gegeben und dennoch wurde sie für einen holzschnittartigen Klischeeaufguß gnadenlos versemmelt. Abgesehen von den mehr als peinlichen Zwanzigersequenzen („Theo, lass uns nach Eppheim fahren!“), die sich nahtlos einreihen in die Liste der unmöglichsten Gastrollen fussballspielender Prominenz, kurz hinter Berti Vogts („Es riecht nach Gas!“) – mehr als eine Aneinanderreihung von Frauensport- und Gastarbeiterplattitüden bekommt die TV-Kripo nicht hin, der Plot plätschert dahin wie ein Nebenfluß des Rheins und ist von einer spannenden Geschichte leider so weit entfernt wie St. Pauli der 1. Liga.

Weil man sich an die dramaturgischen Fehltritte der ARD-Reihe aber fast schon gewöhnt hat, stoßen einem die handwerklichen Schnitzer in Addition besonders auf. Wenn etwa der psychopathische Platzwart Rennert vor einem dampfenden Kugelgrill steht und Odenthals Assi dann doch eine gekochte Wiener davon gereicht bekommt, dann kann man sich schon ausmalen, wie sich die Herren in der Sendezentrale mit Tränen in den Augen auf die Schenkel klopfen – „Sauber verarscht, die Zuschauer, High Five!“ Auch Authentizität wird allezeit großegeschieben – die streßgeplagte Trainerin wendet sich minutenlang vom Spielfeld ab, nur um dann nach einer abrupten Drehung mordsmäßig eine ihrer Spielerinnen zusammenzuscheißen: „Claudia, du stehst zu weit links, mach den Raum zu, verflucht!“ Aber hallo, da ist Zug drinne bei den Mädels.

„Seid ihr noch dicht?“ fragte Alexander Gorkow dazu in der SZ – der Mann irrt selten und kann sich diese Frage trotzdem schon selbst beantworten. Nein, sie sind es nicht. Weiter spricht er von „Selbstauslieferung an die Mätzchenhaftigkeit ... von Filmleuten, die nicht einen guten Dialog in 90 Minuten zustandebringen.“ Laut Kress-Report hatte der Tatort im Übrigen eine supertoppe Einschaltquote mit über 8 Millionen Zuschauern – man kann sich nur damit trösten, dass diese Zahl schon beim Vorspann gemessen wurde, alles andere wäre beängstigend.

Freitag, 17. Juni 2011

Le Frisur [reloaded]



Kürzlich hatte ich überlegt, der legendären Zwiebelfischchen-Sammlung zur fragwürdigen Namensgebung von Friseur-Innungen zwei neue Kuriositäten aus dem Münchner Landkreis beizusteuern (NiederMyHair/Moosburg und 4Haareszeiten/Wolfratshausen). Hab’s dann aber doch gelassen, das Thema schien wohl durch. Dachte ich. George Lewis aka. Twin Shadow, im letzten Jahr auffällig geworden durch sein gelungenes Elektronikdebüt „Forget“, sieht das offenbar anders und hat sich für seine aktuelle Konzertreise mit dem lustigen Namen „Clear Cuts Tour Fall 2011“ eine nette Idee einfallen lassen. Fünfzehn der angekündigten Gastmetropolen ist eine äußerst schmucke Trendfrisur zugeordnet (hier beachtlich: El Paso) – bestellen Konzertbesucher in einem bestimmten Zeitraum ihre Tickets, erhalten sie zusätzlich ein T-Shirt mit dem Hair-Do ihrer Heimatstadt und einen passenden Button obendrauf. Ganz zuende gedacht scheint das Projekt allerdings nicht, gewünscht hätte man sich, dass Lewis allen Fans freien Eintritt gewährt, die sich dem Veranstaltungsort nach passend frisieren, denkbar für diese Fälle wäre auch eine Art Gutschein für einen Coiffeur im Einzugsgebiet gewesen. Aber vielleicht hebt sich das Twin Shadow ja für seine Deutschlandkonzerte auf – dann nämlich wäre unter Umständen ein Besuch in Moosburg oder Wolfratshausen fällig (s.o.) und der Kreis wäre geschlossen.

Donnerstag, 16. Juni 2011

Zwischen Herz und Bauch



Ada „Meine zarten Pfoten“ (Pampa)
Man kann sich der Platte mit dem skurrilen Titel, hat man erst mal pflichtgemäß die Sache mit dem Esel und dem dazu passenden Geläuf bei Brehm oder Grzimek abgearbeitet, von zwei Seiten nähern. Wer das Risiko scheut, probiert es besser von vorn: Michaela Dippel alias Ada hat den, der sich also auf den klassischen Weg verlegt, mit der hauchzarten Coverversion von Lucious Jacksons „Faith“ recht schnell im Sack – die glockenhellen Tastenanschläge, die butterweichen Gitarrenklänge, die man so auch schon von den fadoverliebten Madredeus gehört hat – keine Chance. Auch nicht bei den folgenden zwei vorwiegend instrumentalen Stücken, die einen, ganz gleich wie sie gemeint sind, unmittelbar den Sand zwischen den Zehen und eine warme Sommerbrise um die Ohren spüren lassen.

Verwegenere Geister und solche, die das Fräulein Dippel aus ihrer Zeit beim Kölner Areal-Label kennen und schätzen und also mit Begriffen wie Minimal und Deep House, auch mit Techno etwas anzufangen wissen, versuchen es eher von der anderen Seite, für sie fängt dieses Album, man konnte es öfters lesen, ohnehin erst mit dem angefunkten „The Jazz Singer“ richtig an. Im hinteren Teil von „Meine zarten Pfoten“ nämlich huldigt die Dame sowohl ihrer Vergangenheit als auch ihrer eigentlichen Passion – eben minimalistischen Housegrooves der feinen, der entspannten Sorte.

Da gelangt man über das eher zurückhaltend pulsierende „Happy Birthday“ mit seinen sparsamen Gesangsloops zum Herzstück und Zentrum der Platte – dem gut siebenminütigen Mantra von „At The Gate“ und ist vom verträumten Beginn Lichtjahre entfernt. Das hier wummert ganz und gar wunderbar, ist also mehr für den Bauch als für’s Herz gemacht und funktioniert auch problemlos über die komplette Distanz.

Dreieinhalb hervorragende Songs also, die verschiedener nicht sein könnten, der Rest ist, ohne respektlos sein zu wollen, besseres Füllmaterial und wohl nicht ohne Grund mit „Intro“ oder „Interlude“ passend betitelt. Eine beachtliche und reizvolle Gradwanderung dennoch, die Frage wird aber sein, ob sie genügend Hörer findet, die bereit sind, sowohl das angenehm vertraute als auch das ungewohnt überraschende Moment in einem Durchgang zu goutieren.www.pamparecords.com

Kleiner Erziehungsberater 2.0



Wer als willfähriger Anhänger des Regisseurs Werner Herzog bisher daheim mit viel Stolz auf seine vollständige Arthouse-Collection aus “Aguirre…”, “Fitzcarraldo”, “Cobra Verde” oder “Bad Lieutenant” geschaut hat, der muß seinen Horizont in nächster Zeit um ein ungewöhnliches, gleichwohl aber reizvolles Produkt des Münchners erweitern. Wie die Süddeutsche Zeitung erfuhr, will Herzog das Buch des amerikanischen Bestsellerautors Adam Mansbach mit dem unzweideutigen Titel “Go the fuck to sleep” vertonen. Mansbach, international eher bekannt durch sein letztes Werk “The End Of The Jews”, ist selbst Vater einer Tochter und hatte aus lauter Wut über die endlosen Einschläferungszeremonien mit dem kleinwüchsigen Monster via Facebook spaßeshalber ein Buch zum Thema angekündigt – anschließend musste er dieses aufgrund der erstaunlichen Resonanz dann auch wirklich schreiben. Gekonnt füllt er schlichte Erbauungsverse mit kaum kinderfreiem Gedankenmaterial auf: “The eagles who soar through the sky are the rest / and the creatures who crawl, run and creep … I know you’re not thirsty. That’s bullshit. Stop lying / Lie the fuck down, my darling, and sleep.” (Streiflicht, SZ) Die deutsche Version soll im Übrigen “Verdammte Scheiße, schlaf ein!” heißen. Eltern wie wir fühlen sich verstanden, endlich. Leg los, Werner, die Welt braucht Dich mehr denn je!

Mapambulo Sax Tape


Ach, was soll man nur von der guten alten SPEX halten – zuerst hebt sie olle St. Bob auf den Titel und sucht – gähn! – den Protestsong des Jahres und dann ruft sie flugs den Summer of Sax aus, weil sie meint, von einer Renaissance des gebogenen Blasrohres gehört zu haben. Kann schon sein, dass das Blech im Allgemeinen und das Saxophon (rechtschreiblich vergewaltigt: Saxofon) im Besonderen wieder etwas näher in den Blickpunkt populärer Musik geraten sind. Möglich, dass gerade das oft als schwülstige Baggerwaffe verteufelte Saxophon seinen Schrecken verloren hat und gerade deshalb aus der Nische Jazz auf Freigang draußen ist – dass da neben Candy Dulfer, Curtis Stigers und Glenn Frey auch durchaus Hörenswertes herausgepustet werden kann, haben neben den erwähnten Planningtorock in neuerer Zeit erst die sagenhaften Foals bewiesen, die eine ganze Platte (Antidotes, 2008) mit der besagten Tröte veredelt haben. Und selbst wenn man als ausgewiesener Indieaner etwas länger die Gedanken kreisen lässt, fallen einem doch eine Hand voll teils altgedienter, mehr als passabler Songs mit jeder Menge Sax ein – voilá:

1. Anne Clark: „Our Darkness“
2. Madness „One Step Beyond“
3. The Cure „A Night Like This“
4. The Stooges „Fun House“
5. The Catch „25 Years“
6. David Bowie „Modern Love“
7. !!! „Steady As The Sidewalk Cracks“
8. The Killers „Can’t Stay“
9. ...