Donnerstag, 30. September 2010

Meine Frau sagt ... [9]



... dass sie schon lang nix mehr sagen durfte, und wer weiß, wie gern gerade sie mal wieder tanzen würde, der wird verstehen, dass dieser Tanztip aus Bochum ganz einfach sein muß. Also, ihre Empfehlung, mein Ausrufezeichen dahinter: Bewegungsbefehl aus dem Pott.

Montag, 27. September 2010

Und sie kommen doch ...



Früher waren es Rauchzeichen oder Buschtrommeln, heute ist es Gezwitscher - zu irgendwas muss das Zeugs ja auch gut sein: Twitter meldet, dass Interpol (ja die) im Frühjahr nächsten Jahres noch einmal nach Deutschland kommen, somit sieht die komplettierte Tourliste wie folgt schon etwas erfreulicher aus:

20.11. 2010 Berlin, Tempodrom
22.11. 2010 Dortmund, Westfalenhalle
03.03. 2011 Hamburg, Docks
04.03. 2011 Hamburg, Docks
10.03.2011 Leipzig, Haus Auensee
12.03. 2011 München, Kesselhaus

Sonntag, 26. September 2010

Gehört_193



No Age „Everything In Between“ (Sub Pop)
Irgendwann bekommt man natürlich ein gewisses Glaubwürdigkeitsproblem, wenn man aller paar Wochen einen neuen Anwärter auf den Sieg in der bunten Lotterie zum Album des Jahres ins Rennen schickt – The Black Keys, LCD Soundsystem, The Divine Comedy, The Roots, natürlich Arcade Fire – zuletzt die zweite Grinderman. Allesamt erstklassige Platten und auf den ersten Blick will sich einem selbst nicht erschließen was denn um Himmels Willen das neue, dritte Album von No Age für einen Platz auf dieser Liste qualifiziert.

Wie auch der wunderbare Vorgänger „Nouns“ ist auch dieses wieder von recht fragwürdiger Produktionsqualität, klingt phasenweise seltsam flächig, blechern und unscharf, so als wäre die Aufnahme vor der finalen Pressung noch über einen Kurzwellensender gejagt worden. Und trotzdem steckt in „Everything In Between“ eine selten gehörte Vielfalt und ungefilterte, ungebremste Energie, roh und bei aller Einfachheit trotzdem – ja, klug. Und man lehnt sich sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, No Age bekommen langsam den Stellenwert, den Fugazi zu Zeiten ihres Bestehens hatten und teilweise auch jetzt in punkto Nachlassverwaltung noch genießen.

Zum Start hämmert bei „Live Prowler“ ein unablässiges Anlassergeräusch auf den Schädel, der Song schleppt sich träge und in reizvoller Monotonie über die kurze Zeit, bevor dann in „Glitter“, der ersten Singleauskopplung, kreischende Noisegitarren mit einem vergleichsweise braven New-Order-Bass kontrastieren. Es bleibt laut und angenehm chaotisch – bei „Fever Dreaming“ legen die beiden Jungs aus L.A. los wie weiland die Ramones, das Jaulen im Hintergrund lässt sich nicht näher verifizieren, und auch „Depletion“ kann und will die Probekeller im Hinterhof nicht verleugnen. Zuweilen bremsen sich Randy Randall und Dean Allen Spunt auch etwas ein, „Common Heat“ oder „Valley Hump Crash“ haben – man reibt sich verwundert die Ohren – sogar liedhafte Züge.

Allein der Umstand, dass man jeden einzelnen der dreizehn Songs kommentieren möchte zeigt, dass No Age mit kleinster Besetzung ein erstaunlich großes Repertoire hervorzubringen in der Lage sind – Garage, Punk, Electro, Shoegazing, Noise, sollen nur kommen! Vieles wirkt grob zusammengehauen, unfertig und bezieht doch genau aus diesem skizzenhaften seinen Zauber. Ganze drei Instrumentaltracks werden auch noch untergebracht und selbst die fallen zum Rest keinesfalls ab. Das stampfende „Sorts“ grandios, „Shed And Transcend“ schnell, dicht, eine Furie, zum abschließenden „Chem Trails“ gerechte Arbeitsteilung am Mikro. No Age gehören im Übrigen auch zu der seltenen Spezies, die sich auch für ihre B-Seiten richtig Mühe geben – das wunderbare „Inflorescence“ mit dem überraschenden Keyboard-Break von der verlängerten „Glitter“-Version ist dafür das beste Beispiel.

Gerade erst am Wochenende konnte man die Klage des kanadischen Entertainers Chilly Gonzales lesen, in Deutschland gäbe es keine Bewunderung ohne Kritik. Lasst uns also damit hier und heute anfangen: Uneingeschränktes, schonungsloses Lobpreisen für diese Band und diese Platte – es würde nicht verwundern, wenn nach The XX auch das Album dieses Jahres eines in schlichtem schwarz/weiß wäre.
http://www.myspace.com/nonoage

Donnerstag, 23. September 2010

DFW_US: 81/99/120



Frohsinn: "Als aktiver Drogensüchtiger zeichnete sich Gately durch seinen wilden und fröhlichen Elan aus. Er hielt die ans Quadrat angeflanschten Ohren steif, lächelte breit, doch weder fügte noch versagte er sich einem Menschen. Er ließ sich nicht auf die Stulle furzen und war ein fröhlicher, aber unerbittlicher Anhänger der Rache-ist-Blutwurst-Schule."
Ärzte: "Die meisten Ärzte betreten die Bühnen ihrer Berufsausübung mit forscher Munterkeit, die sie dann ein wenig reduzieren und dämpfen müssen, wenn die Bühne der fünfte Stock eines Krankenhauses ist, eine Psychatriestation, wo forsche Munterkeit einen Hautgot von Häme bekäme."
Weltmacht: "In den Ver. St. des modernen Am. ist der Staat weder eine Mannschaft noch ein Code, sondern eine Art saloppe Kreuzung aus Wünschen und Ängsten, und der einzige öffentliche Konsens, dem sich ein Junge beugen muß, besteht im anerkannten Vorrang direkten Strebens nach der oberflächlichen und kurzsichtigen Vorstellung persönlichen Glücks."

Gehört_192



Maximum Balloon „Maximum Balloon“ (Interscope)
Man sollte eigentlich annehmen, dass mit dem Namen David Andrew Sitek mittlerweile jeder halbwegs musikalisch interessierte Mensch etwas anzufangen weiß. Für den informationsresistenten Rest hier noch einmal fettgedruckt: David Sitek ist für den intelligenten Pop das, was Rick Rubin für alternde Helden im Vorruhestand ist, ein Veredler, ein Zauberer, der Mann mit dem berühmten „Midas Touch“. Hauptberuflich als Mastermind für TV On The Radio tätig, ist er als Produzent mehr als begehrt und wem die Ehre zuteil wird, mit ihm zusammenarbeiten zu dürfen, darf sich glücklich schätzen – sein Name im Booklet ist pure Währung. Er stand den Yeah Yeah Yeahs und den Liars helfend zur Seite, erbarmte sich der sangestechnisch minderbegabten Scarlett Johansson und arrangierte das quirlige Debüt der Foals. Der Mann hat also zu tun.

Doch offenbar nicht so viel, als dass nicht noch etwas Zeit abfiele für sein Soloprojekt Maximum Balloon. Wie auch bei einigen anderen Hochkarätern in diesem Jahr wird auch hier nicht einfach nur musiziert, sondern kräftig gefeatured – Gästeliste galore! Ohnehin dabei, quasi mit Kollegenrabatt, Tunde Adebimpe (Absence Of Light) und Kyp Malone (Shakedown), auch Katrina Ford (Young Love) ist ein bekanntes TV-On-The-Radio-Darling und war schon auf den ersten Platten der Jungs mit von der Partie, ihre Band wiederum, Celebration, saß mit besagten Yeah Yeah Yeahs und Role Model Karen O. (Communion) gemeinsam im Tourbus.

Die Musik von Maximum Balloon unterscheidet sich indes nicht wesentlich von Siteks Stammkombo – ähnlich funky, flirrend und für Freunde des geschwungenen Tanzbeins gefährlich infektiös. Etwas abseits dieses erfolgversprechenden Schemas vielleicht der flotte Rap der Kollaboration mit dem Meister aller Mixtapes, Theophilus London – „Groove Me“sollte keine Schwierigkeiten haben, den Tanzboden zu rocken. „Young Love“ und „The Lesson“ wiederum kommen etwas wavig daher und passen trotzdem gut ins Gesamtbild. Wenig überraschend dagegen, dass auch David Byrne (Apartment Wrestling) im Kollektiv mitmischt, als anerkannter „Weltmusiker“ und Meister der Wandlungsfähigkeit kennt dieser Mann bekanntermaßen keinerlei Berührungsängste. Das Ende des bunten Reigens bildet Shivarees Ambrosia Parsley mit dem countryesken „Pink Bricks“ – und wir wissen, das David Sitek wieder einmal alles richtig gemacht hat. Ansonsten heißt’s jetzt schnell sein: Sitek sollte gerade frei – ... zu spät.
http://www.myspace.com/maximumballoon

Gefunden_77



"Ich spreche viel mit meinem deutschen Schäferhund."
Ivan Lendl im SZ-Interview auf die Frage "Eine Frau und fünf Töchter im Haus - wie kommen Sie dagegen an?", 23. September 2010

1:2



"S04-Sieg bekommst Du für Geld, Asa's Lächeln ist unbezahlbar ..."
Schalke-Fan Heiko K. aus E. kennt sich aus - seine Antwort nach dem Ausgang des 5. Spieltages

Mittwoch, 22. September 2010

Gehört_191



Laetitia Sadier „The Trip“ (Drag City)
Da sucht man händeringend nach einem Einstieg oder einer passenden Querverbindung, um an das Solowerk von Stereolab-Mitbegründerin Laetitia Sadier besser bebildern zu können und muß gar nicht um so viele Ecken denken. Sadiers Musik, eine sehr entspannte Mischung aus schummrigem Barpiano, altbekanntem Postrock und swingendem Chanson erinnert beim ersten Hören auch an die Musik der schottischen Indiekapelle Camera Obscura. Und die Vermutung liegt nahe, dass deren Name wiederum an eines der Alben von Christa Päffgen alias Nico angelehnt ist, Warhols befohlenem Sidekick für den Egomanen Lou Reed bei Velvet Underground also, geheimnisvolle Sängerin, Model und Schauspielerin in Personalunion, zwei Jahre vor der Taufe von Sadiers Band unter ebenso tragischen wie albernen Umständen ums Leben gekommen. Wenn man es also zwingen will, schließt sich hier der Kreis, denn nicht selten erinnert Sadiers dunkles Timbre an die Stimme ebenjener Nico, ohne jedoch deren stetig mitschwingende eiseskalte Trostlosigkeit und den überharten Akzent zu besitzen.

Von Gänsehaut also keine Spur, eher ein angenehmes Kribbeln auf der Haut stellt sich ein bei diesem „Trip“ durch mal jazzige, mal behutsam rockende Arrangements, denen man sowohl ihre Vorliebe für die sorgsam austarrierte und sparsam instrumentierte Musik als auch lateinamerikanische Rhythmik anhört. Nach den endlosen, fugenartig aufgebauten und sich in wildes Getöse steigernden Loops, die Stereolab vor allem live so gern zelebrierten, sucht man hier vergeblich – alles auf „The Trip“ atmet durch, entspannt sich und erfreut sich am Kleinen. An den bezaubernden Klavierpassagen bei „The Natural Child“, dem sanften Gitarrenpop von „By The Sea“ oder einer fast zu kurz geratenen Interpretation von Gershwins „Summertime“. Mit „Un Soir, Un Chien“ ist zudem ein recht feines, hier gleichsam „entschrägtes“, eingängigeres Cover des Stücks von Les Rita Mitsouko enthalten.

Manches gerät der äußerlich eher kantig wirkenden Französin dann doch etwas schwerer, in den beiden Stücken „Fluid Sand“ und „Statues Can Bend“ verarbeitet sie dem Vernehmen nach den frühen Verlust ihrer jüngeren Schwester. Dass das Album dadurch gehaltvoller, aber nicht tränenrührig wird, bleibt ihr unbestrittenes Verdienst, diese Ernsthaftigkeit in so anmutige und scheinbar schwerelose Melodien zu verpacken wird ihr so schnell niemand nachmachen.
http://www.stereolab.co.uk/

Dienstag, 21. September 2010

Gehört_190



Swans „My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“ (Young God)
Wer von einer, von dieser Platte der Swans erbauliche Unterhaltung, Zeitvertreib und Zerstreuung erwartet, vielleicht in der heimlichen Hoffnung, deren Mastermind Michael Gira sollte sich doch mit etwas mehr als fünfundfünfzig Lebensjahren für unangestrengte Beschaulichkeit und leisere Töne entschieden haben, der kann sich den Weg in den Plattenladen oder das Geld für den Download getrost sparen. Denn das neue Werk der New Yorker NoWave-Legenden jüngster Besetzung gleicht noch immer eher einem wütenden Ungeheuer, noch immer liegen die Stücke der Band als schwer verdauliche Brocken im Magen und wollen nichts weniger als gefallen.

Als vor einigen Monaten die Nachricht von einer Rückkehr der Swans herübertickerte, waren nicht wenige Fans grenzenlos euphorisch. Später ist diese vorbehaltlose Begeisterung einer behutsameren Vorfreude gewichen, nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass weder Gitarrist Norman Westberg als auch die leidenschaftlich verehrte Sängerin Jarboe in der wiedervereinigten Mannschaftsaufstellung auftauchten.

Am destruktiven und morbiden Sound der Swans hat sich trotzdem nichts Wesentliches geändert und gleich im ersten Stück „No Words/No Thoughts“ wird das Terrain abgesteckt und der Abgrund ausgelotet. Es sägt, dröhnt und scheppert, dass sich die Hirnrinde kräuselt – knappe zehn Minuten bedrohliches Wummern, unterlegt mit Giras dunkel grollendem Gesang. Gleich zum zweiten Song „Reeling The Liars In“ hin dann der bekannte, abrupte Wechsel in Tempo und Instrumentierung, keinesfalls jedoch in der Grundstimmung, den schon die Gebrüder Reid auf ihren Frühwerken mit The Jesus And Mary Chain so herrlich zu zelebrieren wußten. Ihnen und vor allem den Cave’schen Bad Seeds sind die Swans überhaupt nur vergleichbar, die abgehackte, druckvolle Extase, die durch wenige, ständige wiederholte und wenig variierte Akkorde erzeugt wird – bei den Stücken „Jim“ und „My Birth“ wird exemplarisch vorgeführt, was den vielschichtigen Soundbombast der Swans fast zum Alleinstellungsmerkmal werden läßt und Billy Corgan noch immer den giftgrünen Neid ins Gesicht treibt.

Der wortgewaltigeste Titel „You Fucking People Make Me Sick“ ist dann, auch diese Irritation durchaus mit Vorsatz, der verspielteste – Giras Stimme mit der kindlichen, gekünstelten Modulation eines Clowns, vielleicht ein Wiedergänger zu Batmans Joker, dunkel dräuend, Pianogewitter, Stukageheule, Posaunenchöre, die Texte wie sonst auch krypisch und mysteriös – nichts, was man sich zur besinnlichen Teestunde gönnt. Kurz vor Schluß wird im gewaltigen „Eden/Prison“ noch einmal dem hypotisch schweren, gehetzten Beat gehuldigt, der diese Band über Jahrzehnte auch live so atemberaubend gemacht hat. Der Schluß ganz ohne Krawall, allein, versöhnlich, vielleicht. “May I find my way to the reason to come home.” – „Thank You, Goodbye. Good Luck.“
http://swans.pair.com/

Gehört_189



Edwyn Collins „Losing Sleep“ (Heavenly)
Dass die Welt keine gerechte sein kann weiß der vernunftbegabte Mensch nicht erst, seit Willi Millowitsch vor Jopi Heesters abberufen wurde, Thilo Sarrazin mehr Bücher verkauft als Heinz Strunk und Phil Collins mit ein paar halbgaren und öden Coversongs mutmaßlich wieder mal alle Verkaufsrekorde brechen wird. Wo, darf man fragen, bleibt der gnädige Lichtstrahl des Herren für einen Mann wie Edwyn Collins, der mit „A Girl Like You“ eben nicht nur diesen einen perfekten Song zum Pop-Kanon der 90er beigesteuert hat. Es gehört dringend kundgetan, das auch die dazugehörige Platte „Georgeous George“ formidabel war, dass Collins ohnehin zu seiner Zeit bei Orange Juice einen Sack voller Unsterblichkeiten produziert hat und, jetzt am Ende des Zeitstrahls angelangt, auch mit seiner aktuellen Platte „Loosing Sleep“ eine, wenn auch leider zu kleine Zahl von Leuten sehr glücklich machen wird.

In Anbetracht zweier überstandener Schlaganfälle kann dieses Album uneingeschränkt als Meisterleistung bezeichnet werden. Der Mann, der ohne weiteres als Stimmdouble für David Bowie auf bequemere Weise Geld hätte verdienen können, hat eine illustre Schar von Gastmusikern an seine Seite gebeten: Johnny Marr gibt sich die Ehre (Come Tomorrow, Come Today), Ryan Jarman von den Cribs und Aztec-Camera-Gründer Roddy Frame (All My Days) sind ebenso mit von der Partie wie Romeo Stodart von den Magic Numbers (It Dawns On Me). Für das schmissige „Do It Again“ stiegen mit Alex Kapranos und Nick McCarthy die Hälfte, also quasi der Franz vom Ferdinand, an Bord und The Drums veredelten das traumhafte „In Your Eyes“. Da hat der Meister ein gutes Händchen bewiesen, die Songs klingen durch die Bank frisch und unverbraucht und haben fast alle gehöriges Hitpotential. Vom ruppigen Blues (Bored) über klassichen Britpop bis zum gut abgehangenen Northern Soul ist alles dabei und Langeweile mag, im Gegensatz zum Spätwerk seines oben aufgeführten Namensvetters, zu keiner Zeit aufkommen. Ob Edwyn Collins nun tatsächlich, wie er rührend meint, „Over The Hill“ ist, bleibt abzuwarten, man möchte es ihm von Herzen wünschen. Und auch bei der Suche nach seiner Wahrheit (Searching For The Truth) möchte man ihn gern noch weiter begleiten.

Soll also in Gottes Namen Lou Bega mit seinem „Mambo Number 5“ durch die Baumärkte der Republik tingeln, für Edwyn Collins sollte es gerechterweise von nun an wieder aufwärts gehen, auf sein Talent und seine wunderbaren Songs hat die Welt lang genug verzichten müssen.
http://www.edwyncollins.com/

Freitag, 17. September 2010

Gehört_188



The Black Angels „Phosphene Dream“ (Blue Horizon)
Wenn man sich die Platte der Black Angels eine Weile angehört hat, fragt man sich unweigerlich, was wohl die Eltern der fünf ihren Zöglingen einst ins Müsli gegeben haben. Gut, das fragt man sich bei Daniela Katzenberger natürlich auch, aber wenn wir das Niveau halten wollen, reden wir besser weiter über Musik. Die Frage lautet also, was bringt jungen Menschen dazu, derart konsequent eine ganze Epoche mit ihrem Sound abbilden zu wollen? Jefferson Airplane als Dauerschleife zum Einschlafen und zur Alleinunterhaltung – Wir sind dann mal weg … - nur die olle Videokassette von „Apocalypse Now“? Oder waren es doch, wie der Name ja nahelegt, eher die subversiveren Töne von Velvet Underground? Nun, der beschlagene Fan wird es wissen, für den Rest ist eigentlich nur entscheidend, dass die Black Angels seit ihrem Bestehen den kompletten Facettenreichtum der 70er wieder und wieder durchleben. Ihr größtenteils psychedelisch eingefärbter Breitwandrock drückt schwer und zähflüssig durch die Boxen, man hat sofort das ganze Szenario des Rausches, der ersehnten Entrückheit der damaligen Generation vor Augen, taumelnd, selbstvergessen, der perfekte Trip. Dabei ist die Musik der Band aus Austin, und das wird all jene ärgern, die sich den Namen gern für grabestiefe und todesnahe Gesänge geborgt hätten, gar nicht so düster und schwarz wie vermutet, die ebenso presenten Black Mountain klingen oft luzider und verhangener. Stücke wie „Sunday Afternoon“ oder auch das beatleske (!?) „Telephone“ sind richtige Glückspillen, kurz, prägnant und voller positiver Energie. Dagegen stehen dann solche wuchtigen Ungetüme wie der Einstieg „Bad Vibrations“, „Yellow Elevator“ und „River Of Blood“, die sich im Vorprogramm der Doors allesamt gut gemacht hätten. Damals. Beim Titelstück kann man exemplarisch hören, dass der Unterschied zum nicht selten breitgewalzten Powerrock der 70er zu heutigen Wiedergängern oftmals nur eine ordentliche Rhythmsection ist, die Songs wirken straffer und in ihrer Kompaktheit zeitgemäßer. Die richtige Platte also für lange und laute Abende. Wer noch einen Extrakick braucht, starrt einfach für die Dauer des Albums aufs idealerweise longplayergroße Cover, der erzielte Effekt ist frappierend. Und preiswert dazu.
http://www.theblackangels.com/

Donnerstag, 16. September 2010

Gehört_187



Abe Vigoda „Crush“ (Bella Union)
Das neue Album von Abe Vigoda wäre für sich allein genommen eigentlich gar keine so große Überraschung. Die Band aus L.A., benannt nach dem Mann, der in Coppolas Mafiaepos „Der Pate“ Corleones engen Vertrauten Sal Tessio mimte, spielt auf „Crush“ die Art von abgedunkeltem und elektronisch frisiertem Wave, wie man sie schon von den Editors aus ihren Anfangstagen, der Mobius Band, The XX und gerade frisch auch bei The Drums hören konnte. Das ist umso erstaunlicher, als dass sie ursprünglich, sozialisiert im Umfeld der Noisekombo No Age, ziemlich lauten, ziemlich wirren Punkrock zum Besten gaben. Und nun: Verspielte 80er Synthies, das Schlagzeug mit Dauermarschbefehl, sorgsam dosierte Gitarrenparts – clever abgemischt und stets mit der tragisch traurigen Note versehen, welche die weiblichen Fans mit Sicherheit reihenweise zu Boden gehen läßt. Nachdem sie für die ersten Songs noch hauptsächlich an den Tasten unterwegs sind, versuchen sie es für „Crush“ und „November“ auch mal mit ein paar verzerrten Saitensprüngen und man kann erahnen, dass ihre Wurzeln nicht die einer x-beliebigen Ultravox- oder New Order-Coverband sind, als welche sie einem nun manchmal erscheinen mögen. Leider verlassen sie diese rauen Pfade recht schnell wieder, kehren mit „Pure Violence“ und „Repeating Angel“ zum unverfänglichen Anfangsrezept zurück und Sänger Juan Velazquez darf weiter seine Wahlverwandtschaften mit David Bowie, Midge Ure und Brian Ferry pflegen. Bei all dem Namedropping soll aber trotzdem nicht verschwiegen werden, dass Abe Vigoda ihren Job durchaus verstehen und eine ordentliche, in den besten Momenten (Beverly Slope) erstaunlich tanzbare Alternative zu durchgestyltem Chartfutter wie den blutarmen Hurts abgeliefert haben. Sie sind halt nur ein wenig spät dran …
http://www.myspace.com/abevigoda

DFW_US: 47/59_1410



Zeitunglesen und Kinder: "... der tagtäglich den Tag herbeiflehte, an dem sich sein eigener lieber verstorbener Vater hinsetzen, husten, die Scheißausgabe des Tucson Citizen aufschlagen und die Zeitung nicht zur fünften Wand im Zimmer machen würde?"
Einschlafen: "Mach die Augen zu und denk was Krauses."

Mittwoch, 15. September 2010

Angespielt_7



G.Rag & Die Landlergschwister "Das Model" (Gutfeeling Records)
Nette Idee, schönes Cover, elektrisch verstärktes Humptata vs. antiseptische Synthetik - gut gemacht.
http://www.gutfeeling.de/

Dienstag, 14. September 2010

Gefunden_76



Klar, wenn man an gleicher Stelle die Ärzte lobend für ihre Neuerfindung der Dreifach-Helix erwähnt hat, dann muß man natürlich auch Jack White mal lobend erwähnen. Der ist jetzt nämlich zu allem Überfluß unter die Marketing-Strategen gegangen und hat sich ebenfalls ein neues Vinyl-Format ausgedacht - quasi die 7" in der 12", eine Art Kinderüberraschung für Musikliebhaber, oder poetischer: "The Triple Decker Record". Wer's nicht glaubt - selber kucken ...

Gehört_186



The Hundred In The Hands "The Hundred In The Hands" (Warp)
Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen hat neulich in einem Interview zu seinem neuen Buch „Freiheit“ eine ziemlich düstere Prognose über die Entwicklung seines Heimatlandes abgegeben. Es gehe unweigerlich den Bach runter damit, waren sinngemäß seine Worte. Ganz verwegen könnte man jetzt in der Musik von The Hundred In The Hands ein weiteres Indiz für diesen zwangsläufigen Niedergang sehen, denn es gab in den letzten Jahren wohl kaum eine Band, die zwar aus dem Melting Pot musikalischer Kreativität, also aus New York kam und so unverschämt „german“ klang wie dieses Duo. Nun mag sich mancher im ersten Überschwang freuen und reklamieren, dass doch nichts Falsches daran sei, wenn sich auch die Amis mal an deutscher Hochkultur orientieren. Nur, und da hakt die Sache etwas, so hoch ist die Kultur nicht, die hier zitiert wird, soll heißen, The Hundred In The Hand klingen verdächtig oft nach Klee, Mia und Zweiraumwohnung und das sind, mit Verlaub, nicht gerade Inbegriffe ambitionierter Innovation. Auch Klee haben es verstanden, auf ihren Alben liebenswerte Ereignislosigkeit in watteweiche und wohldosierte Gitarrenhooks und allerhand synthetische Klangtapete zu packen, nichts davon klang wirklich unangenehm, vieles mit der Zeit aber reichlich langweilig und öde. Diese Platte scheint ähnlich gestrickt, poppige und gefällige Liedchen, die keinem weh tun und den Hörer nicht vor allzugroße Herausforderungen stellen. Phasenweise gelingen ihnen sogar ganz hübsche Perlen, „Lovesick“ und „Dead Ending“ bleiben etwas länger haften, der große Rest aber zieht schnell vorbei. Natürlich versuchen sich die zwei in ihren besseren Momenten, vornehmlich im letzten Drittel auch an klangvolleren Namen, bei „Last City“ und „Dressed In Dresden“ meint man als Vorbilder Siouxie & The Banshees durchzuhören, „Gold Blood“ könnte so auch von den früheren Yeah Yeah Yeahs stammen und an anderen Stellen wieder meint man eine Vorliebe für Malaria und X Mal Deutschland durchzuhören. Alles in allem scheint es, dass The Hundereds In The Hands bei aller „Catchyness“ ein wenig die Reibungsflächen vernachlässigt haben. Als Debüt geht das dennoch in Ordnung, es bleibt genügend Luft nach oben für den Nachfolger.
http://www.myspace.com/thehundredinthehands

Montag, 13. September 2010

Gefunden_75



"Lothar Matthäus ist eine Lebensform, die ohne die BILD-Zeitung gar nicht denkbar wäre."
Volker Pispers in "Volker Pispers & Gäste", Samstag, 11.09.2010, 3sat

Sonntag, 12. September 2010

Gehört_185



Grinderman „2“ (Mute)
Nicht wenige Menschen denken ja gern in Bildern. Meine hierzu sehen ungefähr so aus: Es muss vor knapp fünf Jahren passiert sein, da war es der Herrgott leid und er schickte seinem Knecht Nick Cave im Traum eine seiner beeindruckendsten biblischen Gestalten (denn auch er hatte Caves literarische Ergüsse gelesen und wusste wo er zu packen war). Er sandte ihm also einen Erzengel, dieser baute sich mit Flammenschwert und Donnerhall vor ihm auf und sprach davon, dass man oben im Himmel dieses rührselige Zeug, diese Lonely-Boatman-Nummern und den ganzen erbaulich, schwülstigen Pianokram nicht mehr hören wolle, Cave solle sich zusammenreißen und, so des Engels wörtliche Botschaft, „endlich Musik mit Eiern machen“. Und siehe da, Cave zeigte sich einsichtig und scharte alte Weggefährten um sich, um künftig wieder dem dreckigen Bluesrock, der Zote und den Körpersäften aller Art, kurz: seinen eigentlichen Wurzeln zu huldigen. Mit dem Ergebnis, dass seine Anhängerschaft, wenigstens zu großen Teilen, wiederum ihm huldigte.

Klar, dass sie sich und uns das ganz harten Birthday-Party-Revival nicht mehr gaben, ein „King Ink“ würde aus Cave nicht wieder werden, aber nach dem fulminanten Debüt mit dem wohl deftigsten Seniorenrock, seit olle Iggy seine Plastikhosen wieder in dem Schrank gehängt hat, gibt es nun das zweite Album von Grinderman und, das ist die Überraschung, es ist das bessere der zwei geworden.

Lange hat man nicht mehr so energische, gnadenlos scheppernde Akkorde von – sorry und mit allem Respekt – so alten Männern zu hören bekommen. Die ersten vier Songs strotzen geradezu vor Kraft und Spielwut, einer versucht gleichsam den anderen zu übertrumpfen und auf einmal wirken Jack White’s Dead Weather wie eine harmlose, juvenile Laienspieltruppe. Hier und jetzt setzt der Meister selbst wieder den Standard und ordnet die Hierarchie. „Worm Tamer“ haut einen schlicht um und „Heathen Child“ gelingt selbiges sogar ohne das fantastische Featuring von Robert Fripp aus der gepimpten „Super“-Version. Bei aller Breitbeinigkeit sind die vier jedoch vom einfallslosen Gebolze soweit entfernt wie Cave selbst von päpstlicher Frömmigkeit. Die Songs sind allesamt klug arrangiert, klingen frisch und unverbraucht und erscheinen entschiedener, klarer als noch auf ersten Grinderman-Album.

Das fast siebenminütige „When My Baby Comes“ täuscht bis zur Hälfte mit trügerischer Zurückhaltung, doch nach dem Taktwechsel erwacht das Bluesmonster und fegt alles hinweg, was noch auf Gnade hoffte. Erst bei der behutsam pochenden Selbstbetrachtung von „What I Know“ lässt uns Cave einen Moment der Ruhe, Atemholen für den großartigen Rest. Ein Hochamt auf das Böse schlägt einem bei „Evil“ um die Ohren und „Kitchenette“ lässt den Sound für fünf Minuten auf der Schlachtbank zerstückeln. Das soulige „Palaces Of Montezuma“ erinnert am ehesten an Caves Zeit mit den Bad Seeds und wirkt im Vergleich zum rohen, geschredderten Rest fast anschmiegsam und zahm. Nichts davon wiederum beim krönenden Abschluss, der „Bellringer Blues“ kreischt und dröhnt noch einmal als Gesamtsumme der vorangegangen fünfunddreißig Minuten.

Solange Nick Cave im Stande ist, solche Höllenmusik zu machen, muss einem um den Mann nicht bange sein. Und solange weit droben ab und an Bedarf nach solcher Unterhaltung besteht, braucht man auch das Jenseits nicht sonderlich fürchten. Das Rennen um den Jahrespoll jedenfalls scheint mit dieser Platte fast entschieden.
http://www.myspace.com/grinderman

Freitag, 10. September 2010

Gehört_184



Black Mountain „Wilderness Heart“ (Jagjaguwar)
Als Einstieg zur neuen, dritten Platte von Black Mountain ist das Video zur Single „Old Fangs“ ganz gut geeignet: weichgezeichnete 70er-Optik, torkelnde Super 8, Ford Mustang, eine Menge cooler Typen und zum Schluß eine okkulte Drogenmesse. Es würde nicht wundern, käme Dennis Hopper noch in Begleitung von Natural Born Killer Mickey Knox um die Ecke gechoppert. Dazu feiner Rock-Standard, der, und das ist vielleicht die Kehrseite, so auch von den Queens Of The Stone Age kommen könnte. Will sagen, besagtes „Old Fangs“ und „The Hair Song“ zeigen, dass die Kanadier um Stephen McBean, zur Mitte des Jahrzehnts angetreten als die Rettung des Psychedelic Rock, mittlerweile durchaus die gängigen Muster und Gassenhauer des Genres beherrschen und auch selbst bestimmen. Sorgen, sie würden damit der Langeweile anheim fallen, muß man sich trotzdem nicht machen. Zwar sind sie nicht mehr so unberechenbar wie beim düsteren Debüt und der grandiosen Single „Druganaut“, auch die ausufernden Progrock-Epen vom Nachfolger „In The Future“ wie „Tyrants“ und „Bright Lights“ fehlen auf dem neuen Album. Trotzdem haben sie sich eine ganze Menge Wucht und Griffigkeit bewahrt, die schwerblütigen Riffs bei „Rollercoaster“ zeugen ebenso davon wie der staubtrockene Klopper „Let Spirits Ride“. McBean und Kollegin Amber Webber teilen sich mittlerweile fast jeden Song, mit „Burried By The Blues“ gelingt ihnen eine ansehnliche Rockballade, später darf Webber noch den Titelsong veredeln und erinnert mit ihrem zartrauchigem Timbre ein wenig an Duke Spirits Liela Moss. Nicht jeder Song gelingt als großer Wurf, von den zwei ruhigeren Stücken am Ende zum Beispiel kann nur „Sadie“ überzeugen – trotzdem ein ordentliches Album, weniger spektakulär, aber noch mit ausreichend Dampf im Kessel.
http://www.myspace.com/blackmountain

Gehört_183



Junip „Fields“ (City Slang)
Irgendwo habe ich neulich gelesen, der gemeine Hausspatz wäre als Spezies vom Aussterben bedroht und schon mit einem Bein auf der roten Liste des WWF. Traurig. Bis hierhin sollte er allerdings noch immer einen guten Job gemacht haben, denn dass José González‘ neue Band Junip ein unbedingter Geheimtip dieses Herbstes werden würden, das haben die Spatzen schon sehr früh von den Dächern gepfiffen. José González ist nun beileibe kein Unbekannter mehr und wer seine 2005 erschienene Platte „Verneer“ sein Eigen nennt, der hat zum einen für die kalten Tage schon gut vorgesorgt und weiß zudem auch, was ihn mit Junip so ungefähr erwartet. Denn so riesig ist der Unterschied nicht zum Soloschaffen des argentinisch stämmigen Schweden, wie auch ihre Brüder im Geiste, die charmanten Midlake, peppen Junip ihren feingesponnenen Folk mit ein wenig Elektronik und Perkussion auf und einige der Songs auf „Fields“ verleiten so durchaus zum vorsichtigen Fingerschnippen. Ab dem zweiten Durchlauf lassen sich die mal helleren, mal besinnlicheren Lieder alle mühelos mitsingen. Höhepunkte kann man bei dieser Klasse schwer ausmachen, „Without You“ erinnert angenehm an die Großtaten von Simon & Garfunkel, ohne in die Kitschfalle zu laufen, „Howl“ pluckert bezaubernd dahin und ähnlich schönes wie das fast schon meditative „Bitter & Sweet“ haben wir in diesem Jahr auch schon von den Broken Bells gehört. Wird also nicht lang dauern, bis aus dem Geheimtip ein Kaufbefehl geworden ist. Und jetzt her mit der Petition zum Schutz des treuen Spatzenvogels!
http://www.junip.net/