Freitag, 22. Oktober 2021

Boy Harsher: Der reine Horror

In Sachen Endzeitfantasien haben die beiden sicher einige Erfahrungen, schließlich lassen sich zu ihrer Musik reichlich Bilder heraufbeschwören, die dazu passen: Boy Harsher, Synthpop-Duo aus Massachusetts, konnten spätestens mit ihrem Album "Careful" aus dem Jahr 2019 für Furore sorgen, nun haben sie ein weiteres im Kasten. Und weil Dystopie und Horror nicht allzu weit voneinander entfernt liegen, werden sie ihre nächste Platte als Soundtrack zu einem eigens gedrehten Kurzfilm dieses Genres veröffentlichen. "The Runner", so der Titel des Gruselstreifens, kommt via Nude Television in die Kinos, der Soundtrack erscheint am 21. Januar bei Nude Club und City Slang mit acht Tracks, zum Opener "Tower" gibt es einen sparsamen Visualizer. Sängerin Jae Matthews meint dazu: "We wrote ‘Tower’ several years ago and although it’s evolved over the years, its initial intent remains the same – that feeling of being enveloped, suffocated, entrapped in a relationship, which in turn manifests into reckless attack. What you love the most can make you into a monster. And that’s what this song is about, being a paralyzed fiend."

16.02.  Leipzig, Werk 2
17.02.  Berlin, Astra
18.02.  Frankfurt, Zoom





Mittwoch, 20. Oktober 2021

Bodega: Immer unter Strom

Als diese Band 2018 auf der Bildfläche erschien, gehörten sie mit einem Schlag zum Interessantesten, was Post-Punk aus New York zu bieten hatte. Entsprechend euphorisch wurde "Endless Scroll", das Debüt von Bodega, aufgenommen, entsprechend groß war die Neugier auf Konzerte, der Andrang ebenso. Klar, dass die Erwartungen an das Nachfolgealbum (nach einer Reihe von EP) ebenfalls ziemlich hoch sind - am 11. März kommt "Broken Eqipment" via What's Your Rupture? in den Handel und geht es nach der ersten Single "Doers" (hier mit Flidpside "Top Hat No Rabbit"), dann müssen wir uns um den anhaltenden Hype keine Sorgen machen. Der Song persifliert die allgemeine Umtriebigkeit, das zwangshafte Kümmern, Darstellen, Posen der sogenannten Macher, das eine/n jede/n von uns kirre bis irre werden lässt. 

25.04.  München, Hansa 39
26.04.  Köln, Bumann und Sohn
27.04.  Hamburg, Molotow





NUKULUK: Gegen Langeweile

Manchmal kann man ein Gähnen followed by Maulsperre kaum vermeiden - da lesen wir von Coldplay, die mit einem Haufen kaum flügge gewordener, südkoreanischer Pos(t)erboys dem geschmacklosen Kitsch die nächste Ehre erweisen, da zeigen sich die Rolling Stones völlig unbeeindruckt vom Tod ihres Drummers und wollen es stadiontourtechnisch aber noch mal ganz genau wissen, Lana Del Rey stellt ihre monatliche Platte vor und olle Kanye nennt sich fürderhin Ye. Ach Gottchen, es langweilt brutal. Wie gut, dass es in London noch junge Menschen gibt, die anderes als das Übliche machen wollen. NUKULUK zum Beispiel, ein fünfköpfiges Hip-Hop-Kollektiv unter der Ägide von Produzent und Songwriters Syd Nukuluk. Vor zwei Wochen hat die hibbelige und ziemlich freshe Crew ihre Debütsingle "OOH AH" vorgestellt, nun schieben sie "FEEL SO" nach. Das alles stammt von einer EP mit dem Titel "Disaster Pop", die am 17. November erscheinen soll - wir sind schon mächtig gespannt.



Dienstag, 19. Oktober 2021

Shortparis: Die Interessanteren

Immer ein wenig verstörend, immer ein wenig blutig - Shortparis aus St. Petersburg sind mit einem aktuellen Video zurück. Nachdem in diesem Jahr mit "Yablonny Sad" ihr mittlerweile viertes Album erschienen ist, fanden sich die Mannen um den charismatischen Sänger Nikolai Komyagin auch in den hiesigen Feuilletons wieder und konnten sich so - um im neoliberalen Sprech der Zeit zu bleiben - neue Käuferschichten erschließen. Von besagter Platte stammt nun auch der Song "Lyubov moya budet tut", dessen Video in Eigenregie der Band entstanden ist - weitere Stücke finden sich in einem früheren Post. Das Material zusammengenommen sollte dann auch klar sein, dass hier allemal mehr Potential dahintersteckt als beispielsweise bei den südkoreanischen Milchbubis, nur hat das eben Chris Martin noch nicht mitbekommen. Oder sollten wir besser sagen: Zum Glück?



Donnerstag, 14. Oktober 2021

Egyptian Blue: Angstgetrieben

Neues aus Brighton: Das Post-Punk-Quartett Egyptian Blue, in den letzten Jahren mit einer Reihe EP aufgefallen, plant für die nächste Zeit die Veröffentlichung eines Debüts im Langformat. Wann genau das sein wird, darauf hat sich ihr Label YALA! noch nicht festgelegt, wohl aber auf die Veräußerung einer ersten Vorabsingle mit Namen "Salt". Zu dessen Entstehungsgeschichte wiederum erklärt Sänger Andy Buss bei DIY: "The song came from a series of anxiety dreams containing monotonous behaviours that felt like walls closing in. That sense of chasing my own tail. Jumping into the dark pit of the pandemic only served to heighten this".

Sea Power: Naheliegende Verkürzung [Update]

Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass eine Band ihren Namen ändert, weil die Zeiten nicht die selben geblieben sind und nun, im neuen Licht betrachtet, ein Beigeschmack hinzugekommen ist, auf den man nicht ständig hingewiesen werden möchte, der einen unter einen gewissen Rechtfertigungsdruck setzt. So geschehen in jüngerer Vergangenheit mit der kanadischen Gruppe Viet-Cong, die sich 2015 einfach in Preoccupations umbenannte, im vergangenen Jahr hatten selbst die Dixie Chicks genug und wollten fürderhin nur noch unter The Chicks firmieren. Die Kapelle British Sea Power aus Reading hatte sich, so liest man, schon länger mit dem Gedanken getragen, eine Kürzung vorzunehmen - das Erstarken von Nationalismus und Populismus im Zuge des unsäglichen Brexits hat sie nun den Schritt endgültig vollziehen lassen und so wird auf dem nächsten Album "Everything Was Forever" nur noch Sea Power vermerkt sein. Die erste Single "Two Fingers" wiederum ist von Albtraumgestalten des amerikanischen Autors HP Lovecraft bevölkert, einem so berühmten wie umstrittenen Manne, der nicht nur bedeutende Bücher geschrieben hat, sondern wohl auch ein gnadenloser und unausstehlicher Rassist war. Die neue Platte jedenfalls soll als Nachfolger von "Let The Dancers Inherit The Party" (2017) am 11. Februar 2022 erscheinen. 

Update: Und wir haben mit "Folly" einen weiteren Song von den Rückkehrern.  



Emma Ruth Rundle: Immer ein Ereignis [Update]

Keine Gitarren diesmal, nur ein Piano. Aber was heißt hier "nur"? Wenn Emma Ruth Rundle die Bühne betritt, dann ist das unabhängig vom Instrumentarium immer ein Ereignis. Das war beim letzten Studioalbum "On Dark Horses" so und ebenfalls beim gemeinsamen Projekt "May Our Chambers Be Full" mit der amerikanischen Metalband Thou. Wie sich nun das gerade angekündigten Solowerk "Engine Of Hell", VÖ 5. November bei Sargent House, anfühlen wird, wissen wir noch nicht, die erste Auskopplung "Return" zieht einen aber sofort in den Bann. Sie selbst sagt in den Linernotes dazu: "Here are some very personal songs; here are my memories; here is me teetering on the very edge of sanity dipping my toe into the outer reaches of space and I’m taking you with me and it’s very fucked up and imperfect." 

Update: Hier kommt mit "Blooms Of Oblivion" der zweite Song vom Album, das Video hat die Sängerin gemeinsam mit John Bradburn gedreht.




Marissa Paternoster: Ohne Illusionen

Das klingt jetzt nicht nach der klassischen Friedenstaube, eher nach einem ziemlich zerstörten Vogel: Marissa Paternoster, Sängerin der Screaming Females, hat mit der Ankündigung des ersten Soloalbums unter ihrem Namen die Single "White Dove" geteilt. Und wenn man sie im Video mit trübem Blick und ziemlich derangiert im feierlichen Kleid über einen Friedhof laufen sieht, wie sie von einer weißen Taube mit blutgetränkten Flügeln singt, dann hat das etwas ziemlich Desillusioniertes, Deprimierendes. Die nachfolgenden Songs auf der Platte heißen dann im Übrigen "Black Hole" und "I Lost You" und man kann sich denken, dass auch diese nicht gerade vor Fröhlichkeit bersten. Macht nix, Paternoster war schon bei ihrer Band als eindrucksvolle und emotionale Persönlichkeit in Erinnerung, dem Solo wird das ebenfalls gut tun. Entstanden ist dieses gemeinsam mit Andy Gibbs von der Metalformation Thou und Produzent Eric Bennett, mit dabei außerdem Shanna Polley und Cellistin Kate Wakefield - am 3. Dezember erscheint "Peace Meter", so der Titel, bei Don Giovanni Records.



Mittwoch, 13. Oktober 2021

Bambara: Alles muss raus!

Was soll man sagen - selbstbewußt ist er ja. Reid Bateh, Sänger der amerikanischen Band Bambara, ließ sich für das Cover des neuen Mini-Albums "Love In My Mind" einfach mal en face mit weit ausgeschnittenem Hemdkragen fotografieren, eine Sache, die sich außer Hugh Grant eigentlich nur wenige Männer trauen. Aus Gründen. Nun ja, Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, wichtiger ist ja, dass Bambara tatsächlich neu angreifen, nachdem sie wie viele andere ihr letztes Album ("Stray", 2020 auf Wharf Cat) kaum promoten und schon gar nicht live bespielen konnten. "Mythic Love", die erste Single, scheppert dann auch mächtig los, weitere fünf Stücke werden noch folgen, darunter, wie man liest, auch Gesangsduette mit Bria Salmena (Orville Peck/Frigs) und Drew Citron (Public Practice) - am 25. Februar geht alles raus.

17.03.22  Hannover, Cafe Glocksee
18.03.22  Berlin, Urban Spree
21.03.22  Hamburg, Hafenklang
25.03.22  Haldern, Haldern Pop Bar UG
28.03.22  Köln, Bumann und Sohn



Baxter Dury: Ausnahmeerscheinung

Was für ein schöner Titel! Und was für ein toller Kerl - immer noch! Baxter Dury, von dem wir hier reden, hat wohl Zeit seines bisherigen Lebens immer etwas an dem Schatten seines berühmten Vater kauen müssen - Grund dafür gab es eigentlich keinen, denn als er zur Jahrtausendwende damit begann, eigene Soloplatten zu veröffentlichen, war schnell klar, dass er sich in keinster Weise verstecken muss. Seine Musik war immer zu gleichen Teilen verführerisch, diabolisch und subversiv, der Mann konnte im Maßgeschneiderten durch Casino, Nobelabsteige oder Gosse ziehen und machte doch immer eine gute Figur. Vor einem Jahr erschien sein wunderbares Album "The Night Chancers", nun hat er eine veritable Hitcompilation angekündigt - und zwar unter dem Namen "Mr Maserati 2001 To 2021", hach! Darauf finden sich Stücke seiner bislang sieben Studiowerke bis hin zum Debüt "Len Parrot's Memorial Lift" aus dem Jahr 2002. Und ein neuer Song namens "D.O.A" - die Idee dazu kam Dury, so schreibt er, während des Lockdowns, als sein Sohn Kosmo die Playlisten füllte. Darauf fanden sich dann also Stücke von Frank Ocean, Kendrick Lamar und Tyler, The Creator - "They’re embracing everything – sexuality, politics, all of it – and I find that inspiring." Alles zusammen am 3. Dezember bei Heavenly Recordings.



Sleaford Mods: Seltenheitswert

Auch wenn sich Jason Williamson und Andrew Fearn so gut miteinander verstehen, dass man manchmal meint, die beiden von den Sleaford Mods seien Brüder - sind sie natürlich nicht. Phil und Paul Hartnoll von einem anderen britischen Duo, Orbital nämlich, sind sehr wohl Geschwister, seit dem Ende der 80er setzen die beiden wegweisende Akzente in Sachen Techno, Trance und House (letztes Album "Monsters Exit" 2018). Und just am heutigen Tag haben Orbital den Remix von "I Don't Rate You", einem Track des aktuellen Mods-Albums "Spare Ribs" vernetzt. Was nicht nur eine überaus erfreuliche Sache ist, sondern auch eine kleine Rarität. Denn so gern Williamson sich zu anderen Künstlern ins Studio gesellt, so selten lassen die Mods Hand an ihre eigenen Songs legen. Deshalb gehört natürlich auch das Rework desselben Tracks aus den Händen von extnddntwrk, dem Moniker von Fearn selbst, mit zum Pflichtprogramm.



Sonntag, 10. Oktober 2021

Nalan: Viele Gesichter

Man kennt sie also, auch wenn man sie so nicht kennt: Als vor zwei Jahren das Debütalbum der Gaddafi Gals erschien, waren nicht nur die Kritiken hierzulande übereinstimmend euphorisch, es fiel vor allem auf, dass die vier Künstler*innen auch international punkten konnten. Was sich dieses Land wiederum gern ans Revers heftet, macht sich immer gut in Sachen Integration und Reputation. Naja. Nalan Karacagil muss sich diese Gedanken nicht machen, sie ist ohnehin unter mehreren Identitäten unterwegs - mit Band, als DJane alias Slimgirl Fat und seit längerer Zeit auch solistisch. Zunächst gab es erste Arbeiten unter dem Pseudonym Nalan381, 2018 die EP "Ugly" und nun soll im Dezember "I'm Good. The Crying Tape" erscheinen. Viel Material also, das man sich zusammensuchen kann - lohnenswert ist es alles. Vom Longplayer liefern wir hier jedenfalls neben der bereits bekannten Single "I'm Good" auch die aktuelle "Sorry" mit, Trennungsgedanken, eingebettet warmen RnB-Sound und ihre wunderbar weiche Stimme. Produziert hat beide Stücke im Übrigen walter p99 arke$tra, mit dem sie schon diverse Male (s.u.) zusammenarbeitete.







VLURE: Der passende Moment [Update]

Ganz ehrlich - einen Song mit diesem Titel genau heute, genau jetzt, das ist schon eine beängstigende, schicksalshafte Fügung. Weil aber nicht davon auszugehen ist, dass sich die schottische Gothrock-Band VLURE näher mit den Irrungen und Wirrungen der deutschen Politik beschäftigen, posten wir ihre Single "Shattered Faith" ganz einfach deshalb, weil die Bilder so schön vintage wirken und die Posen so herrlich überdreht. Bringt allemal Ablenkung im schnöden Alltag, war aber sicher genauso ernst gemeint, wie wir in anderem Zusammenhang geunkt haben. Oder - mit ihren eigenen Worten: "The story itself is about running from your inner demons, it's a response to strife, to desire and life. Shout to Ophidian the snake for being sound and not flying for us." 2020 in ihrer Heimatstadt Glasgow gegründet, gab es bislang von Hamish Hutcheson (Gesang), den Brüdern Conor Goldie (Gitarre) und Niall Goldie (Bass), Alex Pearson (Keyboards) und Schlagzeuger Carlo Kriekaarderst ein Tondokument für einen größeren Zuschauerkreis zu hören, die Single "Desire" teilen wir denn auch hier zusammen mit der neuen und warten auf weitere Treffer.

Update: Mit geschorenem Schädel, flackerndem Licht und irrem Blick wirkt das Video zur neuen Single "Show Me How To Live Again", ihrer ersten Veröffentlichung bei So Young Records, gleich noch ein Stück beeindruckender.




Orton: Den eigenen Weg finden [Update]

Weil wir erst kürzlich über Shoegazing sprachen: Für Ende Oktober ist bei Phlexx Records diese schöne 12" angekündigt - "Sparring" der Name, stammt sie von einem jungen Mann namens Will Crumpton aus Nottingham, der unter dem Alias Orton gerade mit der Single "Your Way" debütiert. Der Song wird einer von fünf Tracks der besagten EP sein, deren Stücke mit einer Reihe von Livemusikern in mehreren Studios seiner Heimatstadt entstanden sind, final abgemischt hat sie Alex Wharton (My Bloody Valentine, Radiohead, Portishead) in den Londoner Abbey Road Studios. Crumpton zu seinem Start in den Linernotes: "I wrote 'Your Way' earlier this year after being on universal credit for a couple of months at the time. I had a lot of people giving me their take on what I should be doing with my life and this song explains the struggle of finding my own way during the time and going forward. It goes deep into ideas and expectations both growing up and being an adult, how you’re expected to fit into some sort of system. This was the changing point for me as I began to realise advice is just advice, if you think you have a better idea then do it."

Update: Nicht weniger gelungen - hier kommt mit "Amongst Us" die zweite Auskopplung aus der EP.



Freitag, 8. Oktober 2021

Isolation Berlin: Fluchtgedanken

Isolation Berlin
„Geheimnis“

(Staatsakt)

Nun, das könnte jetzt doch schwierig werden. Lockdown kein Thema gerade, neue Platte endlich draußen, Tourtermine gefixt. Und dann das: „Ich zieh' mich zurück, Stück für Stück, in mein Schneckenhaus. Noch ein letzter Blick, ich schaue mit Schrecken raus … Ich komme hier nie wieder raus, lass' die Rollos runter und stelle mich tot“, so singt nun also Tobias Bamborschke. Jetzt, wo vieles wieder zu gehen scheint, wo die Clubs geflutet und die Konzerthallen vorsichtig gefüllt werden, bläst der Kopf der Berliner Band zum Rückzug, machen Isolation Berlin mit ihrem neuen, dritten Album eine regelrechte Fluchtplatte. Aber keine über die Flucht nach vorn eben – sondern eher nach drinnen: „Ich zieh' mich zurück, schließe mich ein, schließ' euch aus“. Bamborschke wird, so hoffen wir, den Widerspruch aushalten, er ist schließlich Künstler genug und braucht nicht nur die Studiowände, sondern auch die Bühnenbretter, braucht die Bestätigung, die Rückkopplung aus dem Publikum. Und doch.



Fällt auf, dass er vor drei Jahren noch so gierig nach dem nächsten Kick verlangte – heute dagegen zieht es ihn weg, macht er zu, schottet sich besser ab. „Ich hab private Probleme, für die ich mich schäme, doch ich will nicht darüber reden“, so singt er an anderer Stelle und das klingt nicht so, als wolle er sich auf die öffentliche Couch legen oder als suche er ein klärendes Zwiegespräch, einen Austausch. Was jetzt, die Vermutung liegt nahe, auch damit zu tun haben könnte, dass heutzutage jede und jeder ihren/seinen intimsten Kummer in die sozialen Netzwerke hineinjammert, als sei gerade dort nicht nur Häme, sondern Hilfe zu erwarten. Flucht also: In geträumte Identitäten, zum Beispiel die von Nina Hagen. Der Elterliche Plattenschrank hat ihm vor Zeiten die Begegnung der dritten Art verschafft, seitdem verehrt er die Frau, die oft als Spinnerin und Ufotante verschrien und belacht worden ist.



Flucht vor – wir ahnen es nur, deuten hinein – Erinnerungen, unschönen Erlebnissen aus Kindheit und Jugend, wo Träume und Wünsche nicht zum vorherrschenden Männlichkeitsideal passen wollten (schön überzeichnet vom Lippenstift auf den Pressebildern) und in wüste Gedanken mündeten: „Ich wünschte alle wären tot oder wenigstens ein bisschen netter“ („Ich hasse Fußballspielen“). Fluchtgedanken auch in Stellvertretung – die „Klage einer Sünderin“ führt sie mit Blut an den Händen direkt in die erlösenden Fluten der See, die kruden Fantasien treiben den Wutbürger mit Faust in der Tasche in die Verzweiflung (ganz toll: „Stimme Kopf“), der Verlassene, Vereinsamte zeichnet die Dämonen der Nacht auf‘s Papier in der Hoffnung auf Linderung oder Erlösung. Alles passiert hier im Kopf, scheint eingeschlossen, gnadenlos präsent. Bamborschke entwirft das Bild eines gepeinigten Sonderlings, der, auf sich selbst zurückgeworfen, die Ruhe herbeisehnt und zugleich hasst wie nichts sonst.



Das „Geheimnis“ bleibt er schuldig, wir wissen nur, dass es dunkel und tief verborgen in seinem Hirn tobt. Positives, Erfreuliches dagegen hören wir nur selten auf diesem Album. Ganz zu Beginn vielleicht, da scheint sie kurz auf, die große Liebe, die über allem ist, die als einziges zählt. Und trotzdem steht er am Ende mit hängenden Schultern im leeren Saal, „Enfant Perdu“, da ist schon alles vorbei, die Show, der Erfolg, das Leben sogar. Das alles ist nicht angenehm zu hören, großartige Songs sind es dennoch geworden. Auch weil er sie zu präsentieren versteht, emotional, mal schreiend, mal wispernd, mal trotzig, mal matt. Mit einer Band, die das wunderbar zu illustrieren weiß, die die wenigen Höhen und vielen Tiefen mit ihm spielerisch auslotet. Und wer weiß, vielleicht wird ja doch noch etwas gut – wenn man ihn einfach lässt: „Ich will nicht wissen, was ich besser machen kann“, heißt es in „Enfant Terrible“, aber dann auch: „Ich werd mich ändern, wenn ich kann, ich werd mich ändern, irgendwann.“

Donnerstag, 7. Oktober 2021

The KVB: Die Welt in Flammen [Update]

Gerade erst hatten W.H. Lung mit einer neuen Single die glorreiche Historie ihrer Heimatstadt Manchester beschworen, da kommt auch schon die nächste Band um die Ecke, um exakt das Gleiche zu tun. Denn: The KVB, also Kat Day und Nicholas Wood, haben nach ihrer letzten Studio-EP "Submersion" (2019) einen ersten Song veröffentlicht. "World On Fire" steht in der klassischen Rave-Tradition ihrer Heimat, zum Inhalt des Tracks äußern sich die beiden in einem Statement wie folgt: "'World On Fire' wurde Ende 2019 geschrieben und befasst sich im Kern mit der Dualität bestimmter Phrasen wie ‚set the world on fire‘, die zerstörerisch klingen, aber eben auch etwas Bemerkenswertes beinhalten. ... Im Laufe der Zeit sind wir alle gegenüber schlechten Nachrichten und schrecklichen Ereignissen via TV und soziale Medien desensibilisiert worden. Wenn heute viele Leute abbremsen, um einen Autounfall zu begaffen, dann fühlt es sich an, als ob wir alle immer mehr davon besessen sind, die Welt in Flammen zu sehen." Die Single ist heute bei Invada Records erschienen, gut möglich, dass bald mehr Informationen folgen.

Update: Jetzt also doch - mit der nächsten Single "Unité" folgt auch die Ankündigung eines neuen Albums, "Unity" soll am 26. November erscheinen.





Mittwoch, 6. Oktober 2021

Big Thief: Das ganz große Ding

So, dann wollen wir hier mal schnell updaten, denn Big Thief aus New York und im Speziellen deren Sängerin Adrianne Lenker gehören noch immer zu unseren Lieblingen: Vor einigen Wochen gab es ja von dem Quartett schon neues Material zu hören, die Singles "Little Things", "Sparrow" und "Certainty" erschienen und heute zeigt sich, dass alle Hoffnungen auf eine weitere Studioplatte gar nicht so verkehrt waren. Für 2022 haben die vier nämlich nicht nur ein paar Konzerttermine angekündigt, sondern auch ein Doppelalbum - allein sein Name fehlt uns noch. Dafür gibt es Vorabsong Nummer vier mit dem Titel "Change" zu hören, so lässt sich das Warten besser aushalten. Es sei auch noch erwähnt, dass Big Thief zum LineUp des neuen Berliner Festivals Tempelhof Sounds gehören, neben Bands wie Interpol, den Idles, den Fontaines DC und Sophie Hunger.

09.02.  Zürich, Kaufleuten
10.02.  München, Café Muffathalle
13.02.  Berlin, Huxleys Neue Welt
16.02.  Hamburg, Fabrik
18.02.  Köln, Live Music Hall
10.-12.06.  Berlin, Tempelhof Sounds







Dienstag, 5. Oktober 2021

Figure Of Speech: Right here, right now

Figure Of Speech 
„Figure Of Speech?“ 
(Bandcamp) 

Eines der wenigen Probleme bei Independent-Produktionen ist der Umstand, dass man sich für Informationen gelegentlich ganz schön strecken muss. Insbesondere, wenn man nicht eben um die Ecke wohnt. Beispiel Figure Of Speech: Die main facts zu diesem spannenden Projekt werden einem selbst im allwissenden Netz nicht gerade auf dem Silbertablett serviert. Dass sich als treibende Kraft der Grafiker Derek Edwards aus Bristol dahinter verbirgt, ist schnell klar, alles Weitere erschließt sich Stück für Stück wie bei einem Puzzle. Eine zentrale Rolle übernimmt dabei Black Lives Matter – aus Anlass des von dieser Bewegung mitinitiierten, vielbeachteten Sturzes der Edward-Colston-Statue in seiner Heimatstadt schrieb Edwards ein Gedicht, dass wiederum Scott Hendy alias Boca 45, ebenfalls in Bristol wohnhaftem DJ und Labelgründer, zu Ohren kam. Schwer begeistert von der Wirkkraft dieses Textes, so berichtet Hendy, suchte er den Kontakt zu Edwards, wenig später schon arbeiteten die beiden an den ersten Tracks, die nun mit etwas Verzögerung als Verbindung der musikalischen Skills des einen und der Wortgewalt des anderen auf dem vorliegenden Debüt erscheinen. 

Schon mit der ersten, vor einigen Wochen vorausgekoppelten Single „Stand Firm“ kam Edwards unmissverständliche Ansage zum eigentlichen Anliegen des Albums: „This is an anti-racist-album“. Und so reflektieren denn die insgesamt fünfzehn Tracks alltägliche Erfahrungen und Demütigungen mit/durch strukturellen Rassismus, Edwards zieht den Spannungsbogen seiner Betrachtungen aus dem Alltag seiner Heimatstadt bis hin zur generellen Lebenssituation farbiger Menschen weltweit. Kämpferische Töne natürlich, wo Frustration und Wut gleichermaßen durchklingen, aber auch fast szenische Aufbereitungen wie der Vortrag zu schwarzem Selbstverständnis bei „Mistaken Identity“ oder die Aneinanderreihung von Vorurteilen und Beschwichtigungen weißer Meinungsmacher in „Get Over It“. Wieder an anderer Stelle wird die emotionale Rede des Cricket-Stars Michael Holding eingespielt, der in einem Interview anprangerte: „History is written by the people who do the harm, not by the people who are harmed. We need to go back and teach both sides of history. Until we do that and educate the entire human race, this thing will not stop.“

So beeindruckend die Lyrics, so überraschend der Sound: Schon nach wenigen Minuten ist man in der Erinnerung bei den Veröffentlichungen des Kunstkollektivs Sault aus London, die mit Vielseitigkeit und Facettenreichtum schon 2020 quasi die komplette schwarze Musikhistorie auf ihren Alben Revue passieren ließen – Ähnliches gelingt hier auch Edwards und Hendy, allerdings in deutlich kleinerer Besetzung. Flirrender Afropop, Fusion Jazz, Soul, RnB, Hip-Hop. Oldschool-Rap-Einlagen Marke De La Soul wechseln mit klassischem Bristol-Sound á la Massive Attack, Boca 45 hat hier mit seinem Ideenreichtum tatsächlich ganze Arbeit geleistet. Ein Beweis also, dass mit den richtigen Leuten zur richtigen Zeit am richtigen Ort durchaus Erstaunliches gelingen kann. Mit diesem Hinweis schließt sich übrigens auch ein Kreis zu Edwards Aktivitäten. Er gehört nämlich (neben der Arbeit für seine eigene Agentur Patwa) zu den Mitbegründern der Online-Lernplattform Bridging Histories, die es sich zum Ziel gemacht hat, Möglichkeiten und Inhalte unabhängig von Alter, Bildungsstand, Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht zu fördern und zu vernetzen. Ein eindrückliches Beispiel für den Sinn und die Notwendigkeit solcher Anstrengungen hat er mit seinem Debütalbum gerade selbst abgeliefert.

Freitag, 1. Oktober 2021

Public Service Broadcasting: Liebeserklärung

Public Service Broadcasting
„Bright Magic“

(Play It Again Sam)

Auch wenn es das Ganze erst mal auf eine ziemlich alltägliche Stufe herunter zieht: Zu Berlin hat eigentlich jede und jeder eine Meinung. Wenn das Wetter im Small Talk nichts mehr hergibt und die üblichen Floskeln aufgebraucht sind, kann man immer noch – je nach Gusto – über die Hauptstadt spotten, schimpfen oder schwärmen. Auf der Hitliste der Allerweltskommentare ganz vorn rangieren so Sachen wie „Zum Urlaubmachen ist es ja toll, aber leben möchte ich da nicht“, „Da hat’s mehr Schwaben als in Stuttgart…“, „Im Winter ist es nicht auszuhalten!“ oder „Das alte Flair ist doch eh schon komplett weggentrifiziert…“ Ganz nebenbei gibt es kaum etwas, was die Einwohner*innen der Stadt (auch wenn sie selbst ein durchaus zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Kiez haben) mehr aufregt, als dass ihnen alle und immer ungefragt die Meinung zu ihrer Stadt meinen mitteilen zu müssen, ganz so, als wäre man ein wandelndes Trip-Advisor-Portal, wo aller Unsinn rund um die Uhr hineingerufen werden dürfte.

Ein Album wie „Bright Magic“ von der Londoner Formation Public Service Broadcasting ist da eine wahre Wohltat, denn es funktioniert auf ganz gegenteilige Art – wohlwollend, kunstvoll, klug und vor allem maximal unaufdringlich. Anders als beim Film, wo jeder sein „Berlin Alexanderplatz“, „Babylon Berlin“, „Kinder vom Bahnhof Zoo“, „Himmel über Berlin“ oder „Victoria“ sofort parat hat, ist das Feld in Sachen Popkultur meets Berlin-Hommage nun nicht gerade unübersichtlich sortiert. Ein bisschen Hass und ebenso viel Love in Liedform neueren Datums gibt es wohl, aber monothematische Platten sind abgesehen von den gut abgehangenen Standards der Herren Reed, Pop und Bowie eher Mangelware (und endgültig nein, Pink Floyds „The Wall“ hat mit Berlin nun wirklich nicht viel zu tun). Insofern ist das, was J. Willgoose, Esq. mit Band hier anbietet, schon eher eine Seltenheit.



Es gibt in diesem so sorgfältig wie liebevoll arrangierten Werk eine derart große Anzahl von Querverweisen, Referenzen und Zitaten, dass man sich schon nach wenigen Augenblicken wie in einer Zeitkapsel zu fühlen beginnt, die über einer sich ständig verändernden Animation die Zeitachse entlang zu schweben scheint. Töne, Geräusche, Bilder bauen Stimmungen auf, beleuchten Vertrautes und holen Unbekannteres hervor. Informativer als die Redakteure von FM4 könnte man das alles kaum aufschreiben, weshalb wir an dieser Stelle einfach auf den dortigen Exkurs verlinken. Erwähnt werden soll natürlich trotzdem, dass der Sound der einzelnen Tracks einen immer wieder an anderer Stelle packt und ein jedes Mal auf’s Neue fasziniert.



Seien es Blixa Bargelds Betrachtungen eines kalten, modernistischen und wuchernden Molochs („Der Rhythmus der Maschinen“), die natürlich Erinnerungen an Fritz Langs meisterhaften Streifen „Metropolis“ evozieren, seien es die beiden Gastspiele von Anna Lena Bruland alias EERA, die bei „People Let’s Dance“ die Historie der legendären Berliner Clubkultur mit Dschungel, WMF, Tresor bis hin zum Berghain Revue passieren läßt und dabei von ein paar Takten Depeche Mode begleitet wird. Kurz darauf wird ihre Stimme dann zart und weich, wenn sie die Verse zu „Gib mir das Licht“ in das wohlige Dunkel sanften Jazzpops taucht. Ein ebenso bemerkenswerter, wenn auch gänzlich anderer Auftritt gelingt Andreya Casablanca – die Frontfrau der Berliner Band Gurr gibt zu kratzigen Gitarren ihre Interpretation von Marlene Dietrich in „Blue Heaven“.



Der Höhepunkt dann ganz zum Schluss („Ich und die Stadt“), hier liest Schauspielerin Nina Hoss das Gedicht „Augen in der Großstadt“ von Kurt Tucholsky zu sparsamen, wabernden Synth-Klängen. Willgoose Esq. dazu in den Linernotes: „Auch wenn man Deutsch nicht versteht, ist es ein wundervolles Gedicht, allein vom Rhythmus her. Er fasst für mich fast alles zusammen, was ich in meiner Zeit in Berlin erlebt habe. Diese flüchtigen Momente, die unvorhergesehenen Begegnungen und Zufälle, die alle deine Geschichte ein wenig ändern können. Und bevor du er merkst, ist alles vorbei und wird sich so nie wieder ereignen. Der Song drückt die Melancholie, aber auch die Dankbarkeit aus, dass ich all diese Erlebnisse haben konnte und es ist ein Glück, dass ich dieses wunderschöne Gedicht gefunden habe, um meine Berlingeschichte und das Album zu einem wunderschönen Ende zu bringen.“ Eine Liebeserklärung zum Anhören, für Berliner*innen und solche, die die Stadt nur flüchtig kennen und irgendwie trotzdem mögen.

Glowie: Mission Neustart [Update]

Pop ganz ohne Melancholie, dafür mit viel Power kommt gerade von Glowie. Die isländische Künstlerin, wir erinnern uns, legte 2018 mit dem Song "Body" einen wahrhaften Raketenstart hin, es folgten weitere feine Singles, ein Album gab es leider nicht. Dafür leider viel Ärger mit dem Majorlabel, dem sie mittlerweile entkommen ist und nun independent arbeitet. Dem Selbstbewußtsein hat der Rummel offensichtlich nicht geschadet, "Thowback" ist das, was man einen banger nennt, hier wird die Rückkehr an die Spitze mit fetten Beats und ordentlichen punchlines zelebriert. Wollen wir hoffen, dass sie diesmal mehr Zeit hat, ihr Talent ausführlich zur Geltung  zu bringen.

Update: Wie man ein ernstes Thema in einen tollen Popsong verpackt, zeigt sie uns mit der zweiten Single "ADHD" - kleiner Mutmacher für Eltern und Kinder mit ähnlichen Problemen.