Faber
„I Fucking Love My Life“
(Vertigo)
Für Zwischendrin ist Julian Pollina wahrlich nicht zu haben. Zwar macht er seinem Publikum ein paar halbseidene Angebote, präsentiert kurze Videofilmchen in amüsanter Maskerade, aber ernst gemeint sind die kaum. Ernst genug allerdings ist der Rest, den der Junge aus Zürich gerade mit seinem zweiten Album veröffentlicht hat und unterscheidet sich dadurch nicht von seinem grandiosen Debüt „Sei ein Faber im Wind“, das vor zwei Jahren erschien und schon damals alle Extreme auslotete, die unsere bunte Unterhaltungsbranche so zu bieten hat. Wie auf Kommando also ruft er mit seinen neuen Songs im Doppelformat wieder alle auf den Plan – die, die nur Verachtung und Hass für den Songwriter übrighaben und jene, die ihn genau für dieses Spiel mit dem Feuer, für seine Provokationen, seinen fehlende Correctness und seine ätzende Ehrlichkeit lieben. Dazwischen gibt es nichts. Den einen gilt er als weinerlicher Fatalist und selbstverliebter Poser, als eitler Bohemian und sexistischer Sprücheklopfer oder, wenn politisch so überhaupt nichts zusammengeht, gleich als Nestbeschmutzer und Vaterlandsverräter. Andere feiern seine lustvolle Art, Konventionen zu ignorieren, Erwartungen zu enttäuschen und gegen alles und jeden auszuteilen, sie erkennen maßlose Empathie ebenso wie Lust an Untergang und großem Drama.
In der Tat kommen die sechszehn Stücke des aktuellen Albums wie eine sich zuspitzende Fortsetzung des ersten Schwungs daher, noch mehr Wut, noch mehr Verzweiflung, alles scheint potenziert: Der sinnentleerte Wahnsinn des medialen Rummels (den er selbst mit seinem dem Boulevard- und Paparazzi-Chic der Verpackung herrlich auf die Spitze treibt), die Dummheit, das Schweigen, die Untätigkeit. Flackernde Displays und grenzenloser Konsum haben uns soweit sediert, dass Menschlichkeit und Mitgefühl nicht mehr zu erwarten sind, Hauptsache 4g auf dem Handy.. Was Faber da in mehreren Teilen bietet, ist ein durchweg bitterer Abgesang auf die „Generation YouPorn“ und die Gesellschaft im Allgemeinen, die verlernt hat, sich selbst zu entscheiden, sondern zweckoptimiert, überfordert und tatenlos zusieht, wie alles den Bach runtergeht.
In seiner zynischen Überspitzung ist Faber grandios, mit der vollen Kapelle schwelgerischer Streicher und Bläser begleitet er den Höllenritt und schont dabei weder sich noch seine Umwelt. Für ihn scheint dieser Zynismus einzig probates Mittel, eine Reaktion, ein Gefühl, eine Emotion beim Gegenüber auszulösen, denn nur wenn es weht tut, ist es real, wird es spürbar. Mittelmäßigkeit und Seichtheit sind Faber ein Graus („Ihr habt meinen Segen“), er verlangt nach Widerspruch, geballten Fäusten, will lieber laute Leidenschaft und selbst der Schmerz ist ihm willkommen. Denn der zeigt ihm wenigstens, dass er lebt. Wie schwer es ist, dem eigenen Anspruch standzuhalten, davon erzählt er in „Nie wieder“, seiner todtraurigen Drogenhymne („Ich hab so viel zu erzählen. Und gar nichts zu sagen. Ich sag nur noch was ich denke. Doch ich denke nicht mehr viel“), das Ende scheint verführerisch, zum Greifen nah und der Grat, auf dem er tanzt, ein sehr schmaler.
Unter all diesen tiefschwarzen Liedern einen Favoriten zu finden ist da gar nicht so einfach. „Das Boot ist voll“ hat er ja noch einmal abgeändert, als er merkte, dass eitler Text dem eigentlichen Zweck die Show zu stehlen schienen. Selbst die Instrumentierung tritt hier hinter die Anklage zurück, düstere Pianoklänge zu drastischen Zeilen: „Besorgter Bürger, ich besorg’s Dir auch gleich. Wenn sich 2019 ‘33 wieder einschleicht.“ Oder vielleicht der lässige Reggae von „Top“, hier spielt der Kotzbrocken die komplette Klaviatur aus Verachtung und Hohn. Als Gegensatz dazu das über die Maßen rührende „Komm her“, ein Liebeslied für die Schwachen und Gedemütigten, die abgestellt, an den Rand geschoben, übersehen werden – hier eine ausgestreckte Hand, eine Wahrnehmung, eine Umarmung. Und ganz zum Schluß die Kapitulation „Heiligabig ich bi bsoffe“, im Textheft gar in deutscher Übersetzung – Hilferuf und Geständnis zugleich, einfachste Worte: „Alles was mir heilig ist, bist du. Laß mich nicht allein.“ Man kann von ihm halten, was man will, eine krachendere Abrechnung hat in diesem Jahr noch niemand geboten.
28.02. Hannover, Capitol
29.02. Leipzig, Haus Auensee
01.03. Hamburg, Edel Optics Arena
03.03. Berlin, Columbiahalle
05.03. Köln, Palladium
06.03. Wiesbaden, Schlachthof
07.03. Stuttgart, Liederhalle
09.03. Wien, Arena
11.03. München, Tonhalle
12.03. Zürich, X-Tra
13.03. Zürich, X-Tra
Mittwoch, 6. November 2019
Messer: Anhaltende Wandlung [Update]
Reichlich frohe Nachrichten in den letzten Tagen, was deutschsprachige Bands angeht - Einhorn, Pauls Jets, Turbostaat, Blond und The Screenshots. Und das war beileibe noch nicht alles. Dass Messer aus Münster bald ein neues Album vorlegen werden, ist schon länger kein Geheimnis mehr, wir hatten die erste Single "Anorak" natürlich schon im Programm. Jetzt ist mit "Der Mieter" ein ziemlich funkiger Nachfolger erschienen (man darf sich also über die Wege dieser tollen Band weiter wundern), das Video zum Song stammt von Leonie Hahn, den den Filmrollen sehen wir Altine Emini, Annedore Antrie, Samuel Simon, Svenja Polonji und Thomas Kaschel.
Update: Man munkelt von einem Album namens "No Future Days", die Tour jedenfalls hat schon mal den offiziellen Titel weg - hier also die Termine der No-Future-Reise. Und obendrein nachgereicht den Diskomix von "Anorak" von Toto Belmont.
13.03. Köln, Gebäude 9
14.03. Münster, Gleis 22
20.03. Hannover, Café Glocksee
21.03. Wuppertal, Die Börse
22.03. Saarbrücken, Sparte 4
23.03. Stuttgart, Merlin Kulturzentrum
24.03. München, Milla
25.03. Wien, Rhiz
26.03. Dresden, Scheune
27.03. Berlin, Musik und Frieden
28.03. Hamburg, Knust
Update: Man munkelt von einem Album namens "No Future Days", die Tour jedenfalls hat schon mal den offiziellen Titel weg - hier also die Termine der No-Future-Reise. Und obendrein nachgereicht den Diskomix von "Anorak" von Toto Belmont.
13.03. Köln, Gebäude 9
14.03. Münster, Gleis 22
20.03. Hannover, Café Glocksee
21.03. Wuppertal, Die Börse
22.03. Saarbrücken, Sparte 4
23.03. Stuttgart, Merlin Kulturzentrum
24.03. München, Milla
25.03. Wien, Rhiz
26.03. Dresden, Scheune
27.03. Berlin, Musik und Frieden
28.03. Hamburg, Knust
Dienstag, 5. November 2019
Fontaines D.C.: Vorrecht der Jugend
Fontaines D.C.
Support: The Altered Hours
Die Kantine, Köln, 4. November 2019
Komplexität ist nicht gerade das, womit man sich im Leben beschäftigt, wenn man jung ist. Denn zu den Vorrechten der Jugend zählen Direktheit, Unbekümmertheit, man muß nicht abwägen, aufrechnen, ins Verhältnis setzen. Insofern war das Konzert der Fontaines D.C. aus der irischen Hauptstadt, gerade wegen ihres Debütalbums „Dogrel“ zur Überraschung der Saison und einmal mehr zum Retter des Indierock gekürt, durchaus ein gutes. Und zwar sowohl für die sehr jungen Menschen auf und jene vor der Bühne. Es war laut, sehr laut, es war ungezügelt und energiegeladen und überraschend kurz. Diejenigen aber, die dazu neigen, Dinge und Ereignisse differenzierter (böse Stimmen sagen: kleinlicher) zu betrachten, werden sich mit einer unbedingten Lobeshymne etwas schwerer tun. Schließlich mußte man sich aufgrund der großen Nachfrage knappe zehn Kilometer weiter hinaus in die rheinländischen Suburbs wagen. Wofür sonst mühelos Fußweg oder Fahrrad reichten, blieb jetzt nur das Auto – oder die einstündige Überlandfahrt mit dem KVB zwischen Nippes, Niehl und Longerich. Und obendrein ein naßkaltes Gedeck aus Kölsch plus Curry vor der Tür, denn der Laden selbst hatte ja eigentlich geschlossen.
Nichts, wofür man der fünfköpfigen Band einen Vorwurf machen müsste. Auch nicht für mangelndes Engagement. Weder die Vorband aus dem irischen Süden (Cork) noch Sänger Grian Chatten und Kollegen müssen sich nachsagen lassen, sie wären das Programm nicht mit der nötigen Power angegangen. Im Gegenteil: Chatten betrat die Bühne mit einer derartigen Anspannung und kaum zu bändigenden Explosivität, dass man sich fast Sorgen machte mußte, er würde den Abend nicht ohne Streit oder andersgeartete Zwischenfälle überstehen. Ruhelos, fast raubtierhaft lief er die Bühne unentwegt zwischen den einzelnen Stücken ab (das Bild des Rilke’schen Panthers hat der Bildungsbürger da gleich zur Hand), unterbrochen durch plötzliche Ausbrüche, wilde Tänze, befreiend offenbar für ihn, bejubelt vom Publikum. Material für diese Eruptionen haben sich die Jungs aus Dublin City ja reichlich geschrieben, Songs wie „Boys In The Better Land“, „Liberty Bell“ und „Big“, mit denen sie das letzte Drittel ihrer Setlist bestückten, sind als Block fast unschlagbar.
Einziger Kritikpunkt muß aber, neben der zugabefreien, knappen Stunde Spieldauer, der Sound bleiben, ein Manko, dass zunächst nur bedingt die Band trifft. Wucht und Wirkung mittels Lautstärke zu erzielen ist ein alter Hut und ein ebenso alter Trugschluß. Wenn Zwischentöne, Melodien, Stimmungen, wie an diesem Abend geschehen, kompromißlos zugeballert werden, dann ist das eine eher ärgerlich Sache, die der Qualität des wirklich fabelhaften Albums in keiner Weise gerecht wird. Und die dann eben leider den Genuß des Konzertes wesentlich schmälert und so auf der Soll- statt auf der Haben-Seite landet. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie die Fachleute am Mischpult (und solche sollten es doch gewesen sein) das kleinere, schlauchartige Gebäude 9 beschallt hätten, das ursprünglich in der Planung stand. Mag sein, dass Euphorie hier einiges verzeiht, mag auch sein, dass viele solches gar nicht wahrnehmen – eine Entschuldigung ist es nicht. Man tut weder der Band noch dem Publikum einen Gefallen mit dieser Art von klanglichem Mißverständnis. Dabei braucht es eigentlich nur gewissenhaftes Handwerk, mehr nicht.
Support: The Altered Hours
Die Kantine, Köln, 4. November 2019
Komplexität ist nicht gerade das, womit man sich im Leben beschäftigt, wenn man jung ist. Denn zu den Vorrechten der Jugend zählen Direktheit, Unbekümmertheit, man muß nicht abwägen, aufrechnen, ins Verhältnis setzen. Insofern war das Konzert der Fontaines D.C. aus der irischen Hauptstadt, gerade wegen ihres Debütalbums „Dogrel“ zur Überraschung der Saison und einmal mehr zum Retter des Indierock gekürt, durchaus ein gutes. Und zwar sowohl für die sehr jungen Menschen auf und jene vor der Bühne. Es war laut, sehr laut, es war ungezügelt und energiegeladen und überraschend kurz. Diejenigen aber, die dazu neigen, Dinge und Ereignisse differenzierter (böse Stimmen sagen: kleinlicher) zu betrachten, werden sich mit einer unbedingten Lobeshymne etwas schwerer tun. Schließlich mußte man sich aufgrund der großen Nachfrage knappe zehn Kilometer weiter hinaus in die rheinländischen Suburbs wagen. Wofür sonst mühelos Fußweg oder Fahrrad reichten, blieb jetzt nur das Auto – oder die einstündige Überlandfahrt mit dem KVB zwischen Nippes, Niehl und Longerich. Und obendrein ein naßkaltes Gedeck aus Kölsch plus Curry vor der Tür, denn der Laden selbst hatte ja eigentlich geschlossen.
Nichts, wofür man der fünfköpfigen Band einen Vorwurf machen müsste. Auch nicht für mangelndes Engagement. Weder die Vorband aus dem irischen Süden (Cork) noch Sänger Grian Chatten und Kollegen müssen sich nachsagen lassen, sie wären das Programm nicht mit der nötigen Power angegangen. Im Gegenteil: Chatten betrat die Bühne mit einer derartigen Anspannung und kaum zu bändigenden Explosivität, dass man sich fast Sorgen machte mußte, er würde den Abend nicht ohne Streit oder andersgeartete Zwischenfälle überstehen. Ruhelos, fast raubtierhaft lief er die Bühne unentwegt zwischen den einzelnen Stücken ab (das Bild des Rilke’schen Panthers hat der Bildungsbürger da gleich zur Hand), unterbrochen durch plötzliche Ausbrüche, wilde Tänze, befreiend offenbar für ihn, bejubelt vom Publikum. Material für diese Eruptionen haben sich die Jungs aus Dublin City ja reichlich geschrieben, Songs wie „Boys In The Better Land“, „Liberty Bell“ und „Big“, mit denen sie das letzte Drittel ihrer Setlist bestückten, sind als Block fast unschlagbar.
Einziger Kritikpunkt muß aber, neben der zugabefreien, knappen Stunde Spieldauer, der Sound bleiben, ein Manko, dass zunächst nur bedingt die Band trifft. Wucht und Wirkung mittels Lautstärke zu erzielen ist ein alter Hut und ein ebenso alter Trugschluß. Wenn Zwischentöne, Melodien, Stimmungen, wie an diesem Abend geschehen, kompromißlos zugeballert werden, dann ist das eine eher ärgerlich Sache, die der Qualität des wirklich fabelhaften Albums in keiner Weise gerecht wird. Und die dann eben leider den Genuß des Konzertes wesentlich schmälert und so auf der Soll- statt auf der Haben-Seite landet. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie die Fachleute am Mischpult (und solche sollten es doch gewesen sein) das kleinere, schlauchartige Gebäude 9 beschallt hätten, das ursprünglich in der Planung stand. Mag sein, dass Euphorie hier einiges verzeiht, mag auch sein, dass viele solches gar nicht wahrnehmen – eine Entschuldigung ist es nicht. Man tut weder der Band noch dem Publikum einen Gefallen mit dieser Art von klanglichem Mißverständnis. Dabei braucht es eigentlich nur gewissenhaftes Handwerk, mehr nicht.
LIFE: Heilige Dinge [Update]
Wer sein erstes Album "Popular Music" nennt, der hat schon mal eines: Humor. Und den nötigen Abstand zum eigenen Werk. LIFE aus dem englischen Hull jedenfalls würden wohl beides unterschreiben, 2017 ist ihr Debüt erschienen und über Nachfrage können sich die vier seitdem wohl kaum beklagen. Vor einigen Wochen hatten wir hier ihre neue Single "Moral Fibre" vorgestellt, dieser gesellt sich nun eine weitere hinzu plus Ankündigung für ein weiteres Album. Am 20. September wird "A Picture Of Good Health" (Coverart unten) bei Afghan Moon (PIAS) erscheinen und "Hollow Thing" nennt sich die besagte Auskopplung. [Update: Video plus Tourdaten]
29.09. Köln, MTC
30.09. Hamburg, Molotow
05.10. Berlin, Musik und Frieden
08.10. München, Kranhalle
10.10. Zürich, Dynamo Werk
29.09. Köln, MTC
30.09. Hamburg, Molotow
05.10. Berlin, Musik und Frieden
08.10. München, Kranhalle
10.10. Zürich, Dynamo Werk
Sonntag, 3. November 2019
Gaddafi Gals: Einen Schritt voraus
Gaddafi Gals
Folks! Club, München, 2. November 2019
Das ist schon kurios: Normalerweise beginnen Geschichten ja genau so - erstes Konzert der ersten Tour, gespielt vor zweihundert Leuten im Kellerclub der Heimatstadt (Weiste noch, damals, München? Da ging's los...) Aber so laufen Geschichten eben heute nicht mehr, nicht die junger, ambitionierter Künstler*innen, nicht im Musikbusiness. Und natürlich auch nicht die der Gaddafi Gals. Denn von denen war schon, auch ohne das nun erschienene Debütalbum "Temple", international die Rede, da kannten sie hier nur Eingeweihte. Die New York Times nämlich hatte in dem außergewöhnlichen Stilmix von slimgirl fat, walter P99 arke$tra und blaqtea Qualitäten erkannt, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz vorerst gemächlich verschlafen wurden. Und so kam es, dass die Gaddafi Gals auf dem renommierten SXSW-Festival auftraten, obwohl sie daheim noch noch keine große Rolle spielten. Mit einer einzigen EP ("The Death Of Papi") und jeder Menge Mut und Selbstbewußtsein.
Und doch würden sie wohl lügen müssen, wollten sie behaupten, hier in München, einer ihrer Heimatstädte, wären sie nicht nervös gewesen. Die kleine Bühne in kaltes Blau getaucht, Nebel wabert und ein dünner, zitternder Lichtstreifen gibt das Startsignal: "Welcome to the temple of Gaddafi Gals". Den Namen wird man noch öfters hören in dem gut einstündigen Set, ähnlich wie bei den Produktionen von KitschKrieg, übernommen vom amerikanischen Hip-Hop, verortet er die Tracks, brandet sie und ist stolzes Zeichen der eigenen Identität. Dazu gehören die satten Beats und Loops, schwer und dunkel, selten schnell, der sirenenhafte Gesang von Nalan Karacagil (slimgirl fat) und harten Raps von Ebru Düzgün (blaqtea). Das alles greift ineinander, bildet eine kompakte, sich wiegende Einheit, eine Art künstlichen Organismus, der leuchtend, pulsierend, auch mal mit Fauchen und Geschrei, den Blicken standhält.
"That's us!" heißt es trotzig in "Mitsubishi", dem Song von der neuen Platte, der am ehesten als Hitsingle unter eher unkonventionellen Sounds hervorsticht. Wo andere lieber im Ferrari oder Maserati posen (und daran ist ja im aktuellen Deutschrap nun wahrlich kein Mangel), bevorzugt das Trio die Außenseiterrolle, die Abgrenzung, den Unterschied. Man darf das wohl gern im übertragenen Sinne verstehen, die Gaddafi Gals haben es oft genug im Gespräch betont: Wichtig ist nicht so sehr, wen sie hierzulande mit ihrer Musik überzeugen können oder bei welchem Magazin, welchem Kritiker sie zu glänzen, zu punkten vermögen. Wichtig ist vielmehr, selbst spannend zu bleiben, sich herauszufordern, sich zu entwickeln. Wenn es den Leuten gefällt - um so besser. Ihre "Gang" jedenfalls mußten sie an diesem Abend nicht überzeugen, die war schon restlos begeistert. Also irgendwie doch ein guter Start.
Folks! Club, München, 2. November 2019
Das ist schon kurios: Normalerweise beginnen Geschichten ja genau so - erstes Konzert der ersten Tour, gespielt vor zweihundert Leuten im Kellerclub der Heimatstadt (Weiste noch, damals, München? Da ging's los...) Aber so laufen Geschichten eben heute nicht mehr, nicht die junger, ambitionierter Künstler*innen, nicht im Musikbusiness. Und natürlich auch nicht die der Gaddafi Gals. Denn von denen war schon, auch ohne das nun erschienene Debütalbum "Temple", international die Rede, da kannten sie hier nur Eingeweihte. Die New York Times nämlich hatte in dem außergewöhnlichen Stilmix von slimgirl fat, walter P99 arke$tra und blaqtea Qualitäten erkannt, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz vorerst gemächlich verschlafen wurden. Und so kam es, dass die Gaddafi Gals auf dem renommierten SXSW-Festival auftraten, obwohl sie daheim noch noch keine große Rolle spielten. Mit einer einzigen EP ("The Death Of Papi") und jeder Menge Mut und Selbstbewußtsein.
Und doch würden sie wohl lügen müssen, wollten sie behaupten, hier in München, einer ihrer Heimatstädte, wären sie nicht nervös gewesen. Die kleine Bühne in kaltes Blau getaucht, Nebel wabert und ein dünner, zitternder Lichtstreifen gibt das Startsignal: "Welcome to the temple of Gaddafi Gals". Den Namen wird man noch öfters hören in dem gut einstündigen Set, ähnlich wie bei den Produktionen von KitschKrieg, übernommen vom amerikanischen Hip-Hop, verortet er die Tracks, brandet sie und ist stolzes Zeichen der eigenen Identität. Dazu gehören die satten Beats und Loops, schwer und dunkel, selten schnell, der sirenenhafte Gesang von Nalan Karacagil (slimgirl fat) und harten Raps von Ebru Düzgün (blaqtea). Das alles greift ineinander, bildet eine kompakte, sich wiegende Einheit, eine Art künstlichen Organismus, der leuchtend, pulsierend, auch mal mit Fauchen und Geschrei, den Blicken standhält.
"That's us!" heißt es trotzig in "Mitsubishi", dem Song von der neuen Platte, der am ehesten als Hitsingle unter eher unkonventionellen Sounds hervorsticht. Wo andere lieber im Ferrari oder Maserati posen (und daran ist ja im aktuellen Deutschrap nun wahrlich kein Mangel), bevorzugt das Trio die Außenseiterrolle, die Abgrenzung, den Unterschied. Man darf das wohl gern im übertragenen Sinne verstehen, die Gaddafi Gals haben es oft genug im Gespräch betont: Wichtig ist nicht so sehr, wen sie hierzulande mit ihrer Musik überzeugen können oder bei welchem Magazin, welchem Kritiker sie zu glänzen, zu punkten vermögen. Wichtig ist vielmehr, selbst spannend zu bleiben, sich herauszufordern, sich zu entwickeln. Wenn es den Leuten gefällt - um so besser. Ihre "Gang" jedenfalls mußten sie an diesem Abend nicht überzeugen, die war schon restlos begeistert. Also irgendwie doch ein guter Start.
Freitag, 1. November 2019
The Jeremy Days: Lieber die nächsten Beatles
![]() |
| Foto (c) Dennis Dirksen |
Ihr habt vor einem Jahr in den Hamburger Docks euer letztes Konzert gegeben, damals stand in der WELT das Zitat, wer euch sehen wolle, der müsse sich beeilen, alles andere wäre das reinste Pokerspiel. Nun gleich eine ganze Tour – woher der Sinneswandel?
Das Konzert war sehr speziell, etwas sehr, sehr Besonderes für jeden von uns, hat irre Spaß gemacht und wir haben dort regelrecht Blut geleckt. Außerdem hatten wir uns ewig nicht gesehen und dass es überhaupt zu dem Auftritt kam, war schon überraschend. Wir wussten zudem nicht, was passiert: Da stehen wir zum ersten Mal seit ewigen Zeiten im Proberaum, verstehen wir uns überhaupt? Und interessiert es denn jemanden da draußen, was wir machen? Aber dann war das für uns alle eine so freudige Erfahrung, die ganze Probezeit hat tierisch Spaß gemacht und der Druck war raus. Wir haben uns danach angeschaut und gesagt ‚Hey, das kann’s doch jetzt nicht gewesen sein!‘Natürlich hätte das auch schiefgehen können. Aber weil‘s so toll war, waren wir uns einig, noch mal was dranzuhängen.
Die Jeremy Days galten immer als eine Band, die Entwicklungen vorweggenommen hat, die weiter war als viele hierzulande, die so gar nicht deutsch klangen. Habt ihr denn auch Lust, diesen Stil weiterzuentwickeln, dort anzusetzen und neue Sachen zu machen oder baut ihr zunächst einmal auf dem bekannten Material auf?
Also zunächst einmal kommt die Tour und die wird sich getreu dem Motto „The Unlikely Return“ natürlich vorrangig mit den zehn Jahren Bandgeschichte beschäftigen. Jetzt geht es also wieder in den Proberaum und dann noch mal eine Zeit auf engstem Raum im Tourbus – das sind also echte Wettkampfbedingungen. Tja, und wenn wir uns danach immer noch so gut verstehen, dann kann es durchaus passieren, dass da mehr draus wird. Aber all diese Fragen werden wir uns wohl frühestens ab dem vierten Tag im Bus stellen. Ich habe ja gesagt, dass der fehlende Druck das alles erst möglich gemacht hat und genau das wollen wir gern erst mal so beibehalten – wenn dann trotzdem mehr geht, kann man aber auch nichts ausschließen.
![]() |
| London 1989 |
Auch wenn das wohl zu den Standards der solcher Fragestunden zählt, für uns klingen die Songs noch immer ziemlich frisch und erstaunlich zeitgemäß. Wie geht es Euch damit? Habt ihr denn eine Erklärung dafür, warum das damals schon so funktioniert hat?
Ihr habt immer gern Stile gemischt, den Pop, den Indierock, Synthesizer, Gitarren, gern auch härtere, wolltet Euch nicht festlegen lassen. Wie seht Ihr die heutige Musikszene, der ja gerade in Sachen Rock gern Manierismus, Retromanie und zu wenig Innovation vorgeworfen wird? Stimmt es, dass die wirklich neuen Sachen ganz woanders stattfinden?
Wir sind ja alle noch mittendrin im Geschäft, ich selbst habe ja diverse Soloplatten eingespielt [im August ist sein letztes Album „Strange Companions“ erschienen, d.Red.] und natürlich bekommen wir mit, wie spannend die Zeit auch heute ist. Das Problem ist manchmal, dass es neben den ganz großen Entwicklungen, nehmen wir beispielsweise den deutschen Hip-Hop, noch eine so große Vielzahl an Makro- und Mikrobewegungen und -stilen gibt, die Musikwelt wird quasi atomisiert und die Orientierung fällt da unglaublich schwer. Zu der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, gab es eigentlich nur die Wahl zwischen Sweet und Slade, übertrieben gesagt. Das sieht heute schon ganz anders aus, dieses wilde Vermischen von Stilen und Kulturen fand damals eigentlich kaum statt. Bei uns war die Basis immer dieses Singer-Songwriter-Ding und natürlich die ganzen englischen Bands, danach haben aber auch wir angefangen zu experimentieren, haben versucht, die Beach Boys mit Post-Punk zu kreuzen. Wenn wir heute wieder neu anfingen, würde es wohl genauso wild werden.
Dirk, Deine Soloarbeiten unterscheiden sich deutlich vom Sound Deiner früheren Band, wie gehst Du mit diesem Unterschied, der vielleicht auch ein bewusster Widerspruch ist, um?
Also ich sehe da gar keinen so großen Unterschied, das sind am Ende für mich und für uns einfach nur Songs, die mit der Gitarre von Jörn und dem Schlagzeug von Stefan nur auf eine andere Umlaufbahn gehoben werden.
| Marquee Club, London 1991 |
Mit einem Überhit wie „Brand New Toy“ hättet Ihr heute im Zeichen von #MeToo und NewFeminism womöglich ein Rechtfertigungsproblem. Ist es schwieriger geworden, unvoreingenommen, gern auch im besten Wortsinn leichtsinnig an solche Stücke zu gehen? Stört die Correctness den Kreativitätsprozeß?
Nö, eigentlich gar nicht. Ich habe in meiner ganzen Zeit als Songschreiber noch kein Stück geschrieben, bei dem ich gedacht habe ‚Oh, da musst du jetzt aufpassen!‘. Und was „Brand New Toy“ betrifft, da ist es ja auf den ersten Blick auch nur der Titel, bei dem man auf solche Gedanken kommen könnte – wenn man sich den Text des Songs näher anschaut, dann wird ja relativ schnell klar, dass es hier genau umgedreht ist und eben die Frau die Power hat. Aber diese Fragestellung tauchte so auch schon vor zwanzig Jahren auf, auch da musste man noch schnell hinterherschicken, warum und wieso der Titel so heißt.
Die Jeremy Days haben immer englisch gesungen – was war damals Eure Intention und würdet Ihr Euch heute noch genauso entscheiden?
Meine Muttersprache ist nun mal Englisch [Dirk Darmstaedter ist im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern nach Teaneck, New Jersey gezogen, d. Red.]. Von daher war das von vornherein klar, dass wir auf auf Englisch singen. Heute würden wir uns aus den gleichen Gründen wieder genauso emphatisch dafür entscheiden.
Noch mal zurück zum Sound: Als Musiker würde man doch gern wissen wollen, warum Eure Songs auf der einen Seite zwar nahe am Mainstream entlangschrammen, dann aber doch mit Melodien und Arrangements in Spannung bleiben, die nie zu gefällig sind? Ist das bewusst so gemacht, ist das geplant und kommt sowas eher nebenher?
Das ist eigentlich ganz schön umschrieben, genau das hat uns damals umgetrieben, das hätte ich auch nicht besser sagen können. Denn das hat sich eben nicht zufällig oder von ganz selbst so ergeben, sondern wir standen damals nach unserem ersten Album tatsächlich unter dem Druck, der deutschen Popszene etwas Neues, Frisches zu geben. Und diesem Druck haben wir uns dann wirklich gestellt und entsprechend haben die folgenden Platten geklungen. Wir haben uns schon bemüht, den Songs eine besondere Note aufzudrücken.
"Die Sachen, die damals Mainstream waren,
gelten ja heute als cooler Indierock"
Nach „Brand New Toy“ und dem Riesenerfolg hätten wir diesen Song auch mehrmals recyceln können, wir haben uns aber dafür entschieden, die Forschungsreise in Sachen Pop weiterzuverfolgen, wir wollten einfach wissen, was da noch drinsteckt. Das war toll, aber eben auch sehr, sehr anstrengend. Man muss sich dabei auch mal vergegenwärtigen, dass damals Sachen wie The Smiths, Lloyd Cole oder auch Aztec Camera der Mainstream waren, von dem wir hier reden, heute gelten die ja als cooler Indierock. Aber wir wollten eben nicht die unhörbare Noiseformation sein, sondern lieber die nächsten Beatles werden und Hitsingles haben. Und uns trotzdem weiterentwickeln, denn alles andere wäre nicht unser Anspruch, wäre langweilig gewesen. Und letztendlich bin ich auch stolz darauf, dass wir das so gemacht haben, auch wenn das Publikum nicht immer und alles mitgegangen ist.
Ihr habt Euch also diesen Druck auch ein Stück weit selbst gemacht, ausgelöst vielleicht auch durch die besonderen Lebensumstände Eurer Band – wie kann man sich das vorstellen?
Klar, wir haben aus unserer Karriere einen Trip gemacht, das muss man so sagen. Wir haben hier in Hamburg zusammengewohnt und später dann in London, waren dort wie auf einer einsamen Insel, weil ja jeder in der Band seine regionalen Kontakte gekappt hatte. Und so hatte dann jeder dort in seinem Zimmer eine Art kleines Studio und immer, wenn wer was Spannendes gefunden hatte, wurde so laut gedreht, dass es alle hören konnten und dann haben wir das zusammengeschraubt. Der Abwasch ist dann allerdings, altes WG-Problem, liegengeblieben ...
![]() |
Foto (c) Fritz Brinckmann 1994
|
Ja, das war es im besten Falle auch. Solch eine kreative Gemeinschaft, ja Familie zu haben, das ist einfach etwas ganz Kostbares und Seltenes und viele von den Kollegen, mit denen ich in den Jahren zusammengearbeitet habe, hätten ein Bein dafür geben, so etwas erleben zu dürfen. Nur irgendwann frisst einen das natürlich auch auf und so war’s ja dann letztendlich auch.
Dass Ihr Euch aber heute nach fünfundzwanzig Jahren wieder treffen und zusammensetzen könnt – das spricht doch auch für dieses Leben, für diesen Grundstein, oder?
Ja, das stimmt wohl, aber es ist heute trotzdem komplett anders. Wir haben uns zwar wieder regeneriert, aber jeder ist danach auch seinen ganz eigenen Weg gegangen. Damals hat die Enge unserer Gemeinschaft dafür gesorgt, dass wir uns alle sehr ähnlich entwickelt haben, wir sind wie ein Fischschwarm immer alle gemeinsam in die eine oder andere Richtung geschwommen. Heute, nach über zwei Jahrzehnten, sitzen hier am Tisch sehr unterschiedliche Leute. Aber die Verbindung ist halt noch da.
![]() |
| Foto (c) Michael Halsband 1992 |
Naja, wir haben eigentlich immer den Vorsatz gehabt, die Stücke anders klingen zu lassen als im Aufnahmestudio – diesmal dachten wir tatsächlich ‚Hey, lasst uns doch einfach mal alles so spielen, wie es auf Platte ist!‘ Klar wird das irgendwie anders klingen, aber es ist nicht zu erwarten, dass „Julie Thru The Blinds“ jetzt mit drei Blockflöten und drei Tubas daherkommt.
Uns ging es mehr um den Geist der Songs, der sich ja mit der Zeit ändert…
Das stimmt, da kannst du eh nichts gegen tun. Es ist schon interessant, sich in die Stücke reinfallen zu lassen, in die Gemeinschaft, in die Umstände, unter denen sie damals entstanden sind. Natürlich habe ich, wenn ich die Band neben mir stehen sehe, so meine Flashbacks. Aber wir sind andere, als wir 1989 waren und da bekommen die Sachen automatisch einen anderen Twist. Und genau das ist auch ein Grund dafür, dass wir es noch mal versuchen wollen: Weil es uns nicht so vorkommt, als wären wir zusammen mit den alten Stücken aus der Zeit gefallen, sondern weil es sich einfach gut anfühlt.
22.11. München, Ampere
23.11. Berlin, Lido
24.11. Hamburg, Grünspan
26.11. Hannover, Musikzentrum
27.11. Bochum, Zeche
29.11. Köln, Stollwerck
30.11. Frankfurt, Zoom
01.12. Stuttgart, Wizemann
Das Interview sollte natürlich nicht irgendwer führen. Sondern Edgar Rodehack. Der ist nämlich nicht nur Fanboy, sondern selbst Musiker. Früher stimmgewaltiger Leadsänger der Münchner Formation Creme Planet 2000 und Schöpfer solch wunderbarer Songs wie "Desiree Winter". Heute spielt er bei der Folk-Kapelle Isarelites und hält sich sonst als Organisationsberater und Agile Coach über Wasser.Talkboy: Nahezu tadellos [Update]
Das können sie einfach, die Briten - treffen sich, fangen an zu musizieren und dann klingt das einfach so, als hätten sie ihr Leben nichts anderes gemacht, mühelos. Talkboy zum Beispiel - ein sechsköpfiges Kollektiv aus Leeds. Gerade haben sie ihre Debüt-EP via Come Play With Me und LAB Records angekündigt, der Stil irgendwo zwischen Beautiful South, Camera Obscura und Wolf Alice, also sowohl lässig plus popverliebt oder gern auch mal härter. Drei ihrer letzten Songs haben wir hier mal als Arbeitsproben ausgewählt - die etwas älteren "Wasting Time" und "Someone Else For You" und natürlich noch die aktuelle Single "All Works Out" mit vorbildlicher Arbeitsteilung am Mikro, hier singen sowohl Katie Heap als auch Calum Juniper. Das einzige was noch ausbaufähig scheint, ist die Suche nach einem geeigneten Bandfoto...
Update: Die 12" heißt übrigens "Over And Under" und ist gestern offiziell erschienen, hier mit "Hollow Spheres" noch ein weiterer Song davon.
Update: Die 12" heißt übrigens "Over And Under" und ist gestern offiziell erschienen, hier mit "Hollow Spheres" noch ein weiterer Song davon.
GURR: Erschöpfung garantiert
Die Tourpläne sind ja schon länger bekannt und wenn GURR auf dem Zettel stehen, dann geht da auch jeder hin. Weil die Mädels in kleinen Clubs erfahrungsgemäß dermaßen zur Sache gehen, dass man den Besuch auf keinen Fall bereuen wird. Im Gepäck wird sich, soviel steht fest, neben dem (immer noch wunderbaren) Debütalbum auch die unlängst erschienene EP "She Says" befinden. Und wenn sie ganz gut drauf sind, dann spielen Andreya Casablanca und Laura Lee sicher auch ihr Cover des Blur-Songs "Beetlebum", das sie jetzt zum Auftakt ins Netz gestellt haben.
03.11. Schorndorf, Manufaktur
04.11. Lausanne, Le Romandie
05.11. Zürich, Bogen F
06.11. Linz, Kapu
07.11. Wien, Europavox Festival
17.12. München, Hansa 39
18.12. Dresden, Groovestation
19.12. Berlin, Columbia Theater
03.11. Schorndorf, Manufaktur
04.11. Lausanne, Le Romandie
05.11. Zürich, Bogen F
06.11. Linz, Kapu
07.11. Wien, Europavox Festival
17.12. München, Hansa 39
18.12. Dresden, Groovestation
19.12. Berlin, Columbia Theater
Donnerstag, 31. Oktober 2019
Swans: Stete Herausforderung
Swans
„Leaving Meaning“
(Mute Records/PIAS)
Ein neues Album der Swans unerwähnt zu lassen hieße, sowohl Elementares als auch Anachronistisches zu unterschlagen. Elementar deshalb, weil Michael Gira, einzig verbliebener Gründer der amerikanischen Noise-Rock-Formation, Musik als Arbeit, als Ringen begreift, die/das – mit welchem Personal auch immer – in allererster Linie den eigenen Ansprüchen zu genügen hat. Unter dieser Maßgabe kündigte er vor einiger Zeit die bisherige Besetzung der Band und heuerte neue Musiker an, die durchaus auch alte Bekannte sein durften. Inspiration war gefragt, frischer Input, auch ging es darum, diejenigen um sich zu versammeln, deren Wirken er am meisten schätzt und von denen er sich einen neuerlichen kreativen Fortschritt erhoffen durfte.
Das fünfzehnte Album ist es dann geworden, eingespielt gemeinsam mit experimentellen Improvisationskünstlern wie The Necks, den Geschwistern Anna und Maria von Hausswolff, der queren Sängerin und Pianistin Baby Dee und einer weiteren Vielzahl hochgeschätzter Freunde, Kollegen, ja selbst Familienmitglieder. Natürlich ein Doppelalbum, den wenn sich eines nicht ändert – und damit wären wir beim Anachronismus – dann ist es Giras Verehrung für das Ausufernde, Wandelbare, das Wachsen wie auch das Zerfallen, das Tosen, Mäandern und zunehmend auch das Verirren in zarten Gespinsten. Gira braucht Zeit, seine Stücke brauchen Zeit, nicht wenige mehr als zehn Minuten – das ist ungewöhnlich, ganz aus der Zeit. So wie er sich die Arbeit macht, so sind auch die Zuhörer*innen dazu aufgefordert, sich Arbeit zu machen, sich zu mühen, durchzukämpfen.
Der erste Marathon steht mit “The Hanging Man” an, einem vergleichsweise konventionell instrumentierten Stück, das vielleicht etwas an die frühen Bad Seeds erinnert. Mit monotoner, hypnotischer Rhythmik begleitet Gira seinen Monolog, eine Art anschwellender Totengesang, so hat man den Eindruck, nach Heilung verlangend, dem Wahnsinn nahe. “Amnesia” dann als Wiedergänger des gleichnamigen Stückes aus dem Jahr 1992 (“Love Of Live”), jetzt eher getragen, mit orchestraler Dramatik und aktuellem Bezug: “The President's mouth is a whore, when there's murder, the audience roars, there's no room left here for the strong and everything human's necessarily wrong.“ Auf die sanften Passagen des Titelsongs folgt das wuchtige Stampfen von “Sunfucker”, angelehnt die Überlieferung eines aztekischen Opferkultes, der Background zetert zu drohendem Geläut, die Texte eher Mantras.
Weiter im Auf und Ab, “Cathedrals Of Heaven” stellt den Zweifel an den hehren göttlichen Schöpfungsgedanken ins Zentrum (“I am asking you this: What made us like this? Who made us like this?”), “The Nub” ist ein einziges Fallen, Zerfließen, Zerrinnen, das in dronigem Sturm kulminiert. Es gibt, trotz allem, viele erstaunlich helle Momente, die sich auf den überaus düsteren Werken der Swans früherer Jahrgänge nur schwer nicht finden lassen. Sogar Souliges (“It’s Coming It’s Real”), Rockiges (“Some New Things”) ist dabei. Wirklich zugänglich wird jedoch auch dieses Album nicht. Gira bleibt der unangepasste, eigensinnige Sturschädel, der lieber andere Menschen vor den Kopf stößt, als seine eigenen Werte aufzugeben. Das mag nicht immer angenehm sein, fordert heraus, fördert Widerspruch. Und ist doch bewundernswert konsequent und in diesen Zeiten wertvoller denn je.
25.04. Nürnberg, Z-Bau
28.04. Berlin, Festsaal Kreuzberg
05.05. Hamburg, Uebel und Gefährlich
13.05. Zürich, Rote Fabrik
18.05. Wiesbaden, Schlachthof
23.05. Köln, Gebäude 9
„Leaving Meaning“
(Mute Records/PIAS)
Ein neues Album der Swans unerwähnt zu lassen hieße, sowohl Elementares als auch Anachronistisches zu unterschlagen. Elementar deshalb, weil Michael Gira, einzig verbliebener Gründer der amerikanischen Noise-Rock-Formation, Musik als Arbeit, als Ringen begreift, die/das – mit welchem Personal auch immer – in allererster Linie den eigenen Ansprüchen zu genügen hat. Unter dieser Maßgabe kündigte er vor einiger Zeit die bisherige Besetzung der Band und heuerte neue Musiker an, die durchaus auch alte Bekannte sein durften. Inspiration war gefragt, frischer Input, auch ging es darum, diejenigen um sich zu versammeln, deren Wirken er am meisten schätzt und von denen er sich einen neuerlichen kreativen Fortschritt erhoffen durfte.
Das fünfzehnte Album ist es dann geworden, eingespielt gemeinsam mit experimentellen Improvisationskünstlern wie The Necks, den Geschwistern Anna und Maria von Hausswolff, der queren Sängerin und Pianistin Baby Dee und einer weiteren Vielzahl hochgeschätzter Freunde, Kollegen, ja selbst Familienmitglieder. Natürlich ein Doppelalbum, den wenn sich eines nicht ändert – und damit wären wir beim Anachronismus – dann ist es Giras Verehrung für das Ausufernde, Wandelbare, das Wachsen wie auch das Zerfallen, das Tosen, Mäandern und zunehmend auch das Verirren in zarten Gespinsten. Gira braucht Zeit, seine Stücke brauchen Zeit, nicht wenige mehr als zehn Minuten – das ist ungewöhnlich, ganz aus der Zeit. So wie er sich die Arbeit macht, so sind auch die Zuhörer*innen dazu aufgefordert, sich Arbeit zu machen, sich zu mühen, durchzukämpfen.
Der erste Marathon steht mit “The Hanging Man” an, einem vergleichsweise konventionell instrumentierten Stück, das vielleicht etwas an die frühen Bad Seeds erinnert. Mit monotoner, hypnotischer Rhythmik begleitet Gira seinen Monolog, eine Art anschwellender Totengesang, so hat man den Eindruck, nach Heilung verlangend, dem Wahnsinn nahe. “Amnesia” dann als Wiedergänger des gleichnamigen Stückes aus dem Jahr 1992 (“Love Of Live”), jetzt eher getragen, mit orchestraler Dramatik und aktuellem Bezug: “The President's mouth is a whore, when there's murder, the audience roars, there's no room left here for the strong and everything human's necessarily wrong.“ Auf die sanften Passagen des Titelsongs folgt das wuchtige Stampfen von “Sunfucker”, angelehnt die Überlieferung eines aztekischen Opferkultes, der Background zetert zu drohendem Geläut, die Texte eher Mantras.
Weiter im Auf und Ab, “Cathedrals Of Heaven” stellt den Zweifel an den hehren göttlichen Schöpfungsgedanken ins Zentrum (“I am asking you this: What made us like this? Who made us like this?”), “The Nub” ist ein einziges Fallen, Zerfließen, Zerrinnen, das in dronigem Sturm kulminiert. Es gibt, trotz allem, viele erstaunlich helle Momente, die sich auf den überaus düsteren Werken der Swans früherer Jahrgänge nur schwer nicht finden lassen. Sogar Souliges (“It’s Coming It’s Real”), Rockiges (“Some New Things”) ist dabei. Wirklich zugänglich wird jedoch auch dieses Album nicht. Gira bleibt der unangepasste, eigensinnige Sturschädel, der lieber andere Menschen vor den Kopf stößt, als seine eigenen Werte aufzugeben. Das mag nicht immer angenehm sein, fordert heraus, fördert Widerspruch. Und ist doch bewundernswert konsequent und in diesen Zeiten wertvoller denn je.
25.04. Nürnberg, Z-Bau
28.04. Berlin, Festsaal Kreuzberg
05.05. Hamburg, Uebel und Gefährlich
13.05. Zürich, Rote Fabrik
18.05. Wiesbaden, Schlachthof
23.05. Köln, Gebäude 9
The Breeders: Scary Movie
Okay, Halloween ist unsere Sache nicht, das möchten wir gern zugeben. Aber wenn es sich um die Premiere eines neuen Videos von einer Band wie The Breeders handelt, wollen wir gern ein oder mehrere Augen zudrücken. Diese nämlich haben heute den Clip zu "Walking With A Killer" vom Album "All Nerve" freigeschaltet - ein feiner, sorgsam übermalter Vintagestreifen, reich gespickt mit Schauderhaftigkeiten aller Art unter der Regie von Marcos Sanchez. Viel Spaß beim Gruseln!
Thom Yorke: Welt in Flammen
Und hier gleich die nächste Ausnahme: Wer am heutigen Abend noch ein wenig Lust auf Dystopien, Weltuntergänge und ähnliche Katastrophen hat, der schaut sich gleich noch den neuen Clip von Thom Yorke zu seinerm Solotrack "Last I Heard (... He Was Circling The Drain)" an. Das Stück stammt von seinem letzten Album bzw. Songzyklus "ANIMA", das im Sommer erschienen ist, das Video wiederum wurde gemeinsam vom Studio Art Camp und Regisseur Saad Moosajee gedreht - dessen letzte Arbeit war übrigens ein Animationsfilm zur Single "A Pearl" von Mitski.
HAIM: Einmal Vollwaschgang komplett
Den Geschwistern HAIM hat man ja bisweilen eine übermäßigen Hang zur Belanglosigkeit vorgeworfen, manche Stücke ihres letzten Albums "Something To Tell You" waren auch tatsächlich - nun, sagen wir: ein bisschen egal. Zumindest musikalisch läßt sich das von den beiden zuletzt erschienenen Singles nicht sagen. Da hätten wir zunächst das "Summer Girl", welches, wenngleich frech bei Lou Reeds "Walk On The Wild Side" geklaut, einen schönen Flow bekommen hatte. Und nun also "Now I'm In It", ein ebenso clever gebauter Song, in dessen Video Danielle Haim, zunächst beim Rendezvous sträflich versetzt, einmal komplett durch die Frustbewältigung aka. Waschstraße muß. Hübscher Film, gutes Stück, HAIM greifen wieder an.
Pixies: Die Tücken des Ruhms [Update]
Pixies
"Beneath The Eyrie"
(BMG)
Wann das angefangen hat? Nun, den Nachgeborenen muß man vielleicht erklären, dass sich die Ära der kalifornischen Indielegenden Pixies in verschiedene Phasen unterteilen läßt, die man der Einfachheit halber „Deal“ und „no-Deal“ nennen könnte, benannt nach der ehemaligen Bassistin Kim Deal, die über einen ebenso großen Dickschädel verfügt wie Gründungsvater Black Francis und, weil das selten gut geht, die Band zwischen 1990 und 1993 (da schwanken die Angaben, weil sie an verschiedenen Alben mitwirkte, aber nicht mehr auf der Bühne stand) verließ. Was, soweit wissen wir das heute, zu ihrem eigenen Schaden nicht war, denn die von ihr initiierten beruflichen Folgeprojekte The Amps und The Breeders waren bzw. sind von ähnlich hoher Qualität. Ihr stimmgewaltiger Sparringspartner hatte nun zwar seine Ruhe, aber offensichtlich für eine Zeit auch nicht mehr ganz so viel Lust, verkündete den Tod seiner Band und spielt eine große Zahl mehr oder weniger spannende Soloplatten ein – die Pixies selbst hatten ganze 23 Jahre Pause.
Ab dem Jahr 2004 also begann (siehe Eingangsfrage) der Abschnitt, den wir jetzt mal die Retro-Ära nennen wollen, denn obwohl Deal noch für einige Live-Shows und Einspielungen mitjobbte, war sie auf keinem der folgenden Studioalben vertreten (wenngleich trotzdem Thema, siehe „All I Think About Now“). Die drei Platten, die auf „Bossanova“ (nun ja) und „Trompe Le Monde“ (schon eher) folgten, waren also allesamt ehrenwerte Versuche, die ganz große Ära der Kapelle wieder aufleben zu lassen, ohne den Verlust der durchaus stilprägenden Persönlichkeit Deals allzusehr zu betonen. Und das schließt das vorliegende Werk mit ein. Da kann der streitbare Chef noch so sehr auf dem sonnenköniglichen Grundsatz „l‘etat c’est moi“ bestehen, was vorbei ist, bleibt es in der Regel auch und je besser es war, um so unwahrscheinlicher ist eine gleichwertige Wiederholung.
Dabei sind „Indie Cindy“ und „Head Carrier“ erstaunlich gelungene, ja eigenständige Arbeiten geworden, hatten Biss, machten Krach und erhielten nicht zu unrecht gehobene Prädikate und die Nachrufe „Hurra, sie leben noch!“ und „Good to have you back!“ Dass der NME in seiner aktuellen Ausgabe die neue Platte zur besten seit 28 Jahren kührt, möchte man dann aber doch vorsichtig anzweifeln, denn „Beneath The Eyrie“ hat sehr wohl einige starke, leider aber auch vermehrt schwache Momente – je nachdem natürlich, wo genau die Erwartungen angesiedelt sind. Liegen die eher beim kompromißlosen Brett und wütendem Geschrei, dann enttäuschen Stücke wie der Einstieg „In The Arms Of Mrs. Mark Of Cain“, das musicalhafte „This Is My Fate“ oder das Schlußpärchen „Daniel Boone“/“Dead Horizon“ etwas. Hingegen werden die Rockfetzen „On Graveyard Hill“, „Long Rider“ (Update: Jetzt mit Video), der herrliche Nazis-vs-Aliens-Klamauk „St. Nazaire“ und die Rockabilly-Nummer „Bird Of Prey“ verzücken.
Fein raus sind die Genügsamen, denen vor allem wichtig ist, dass die Superhelden früherer Tage endlich wieder gemeinsam auf der Bühne stehen und dort natürlich auch die alten Gassenhauer zelebrieren werden. Zufrieden sind auch jene, die Veränderungen und Abweichungen nicht scheuen und über manchen Durchhänger hinwegblicken können. Und zu guter Letzt, wer hätte es gedacht, freut sich auch die (oder eben auch der) Frauenbewegte, denn die Weiblichkeit in Form von Nachbesetzung Paz Lenchantin macht auf der Platte erfreulich viele Punkte, sei es im Duett „Ready For Love“ oder dem ganz und gar bezaubernden, wenngleich etwas traurigen Surferepos „Los Surfers Muertos“. Soll heißen, es ist ein durchwachsenes, aber recht unterhaltsames und manchmal auch überraschendes Werk geworden. Und nicht unbedingt ein Grund, reflexhaft gleich die alten Sachen rauszukramen. https://www.pixiesmusic.com/
"Beneath The Eyrie"
(BMG)
Wann das angefangen hat? Nun, den Nachgeborenen muß man vielleicht erklären, dass sich die Ära der kalifornischen Indielegenden Pixies in verschiedene Phasen unterteilen läßt, die man der Einfachheit halber „Deal“ und „no-Deal“ nennen könnte, benannt nach der ehemaligen Bassistin Kim Deal, die über einen ebenso großen Dickschädel verfügt wie Gründungsvater Black Francis und, weil das selten gut geht, die Band zwischen 1990 und 1993 (da schwanken die Angaben, weil sie an verschiedenen Alben mitwirkte, aber nicht mehr auf der Bühne stand) verließ. Was, soweit wissen wir das heute, zu ihrem eigenen Schaden nicht war, denn die von ihr initiierten beruflichen Folgeprojekte The Amps und The Breeders waren bzw. sind von ähnlich hoher Qualität. Ihr stimmgewaltiger Sparringspartner hatte nun zwar seine Ruhe, aber offensichtlich für eine Zeit auch nicht mehr ganz so viel Lust, verkündete den Tod seiner Band und spielt eine große Zahl mehr oder weniger spannende Soloplatten ein – die Pixies selbst hatten ganze 23 Jahre Pause.
Ab dem Jahr 2004 also begann (siehe Eingangsfrage) der Abschnitt, den wir jetzt mal die Retro-Ära nennen wollen, denn obwohl Deal noch für einige Live-Shows und Einspielungen mitjobbte, war sie auf keinem der folgenden Studioalben vertreten (wenngleich trotzdem Thema, siehe „All I Think About Now“). Die drei Platten, die auf „Bossanova“ (nun ja) und „Trompe Le Monde“ (schon eher) folgten, waren also allesamt ehrenwerte Versuche, die ganz große Ära der Kapelle wieder aufleben zu lassen, ohne den Verlust der durchaus stilprägenden Persönlichkeit Deals allzusehr zu betonen. Und das schließt das vorliegende Werk mit ein. Da kann der streitbare Chef noch so sehr auf dem sonnenköniglichen Grundsatz „l‘etat c’est moi“ bestehen, was vorbei ist, bleibt es in der Regel auch und je besser es war, um so unwahrscheinlicher ist eine gleichwertige Wiederholung.
Dabei sind „Indie Cindy“ und „Head Carrier“ erstaunlich gelungene, ja eigenständige Arbeiten geworden, hatten Biss, machten Krach und erhielten nicht zu unrecht gehobene Prädikate und die Nachrufe „Hurra, sie leben noch!“ und „Good to have you back!“ Dass der NME in seiner aktuellen Ausgabe die neue Platte zur besten seit 28 Jahren kührt, möchte man dann aber doch vorsichtig anzweifeln, denn „Beneath The Eyrie“ hat sehr wohl einige starke, leider aber auch vermehrt schwache Momente – je nachdem natürlich, wo genau die Erwartungen angesiedelt sind. Liegen die eher beim kompromißlosen Brett und wütendem Geschrei, dann enttäuschen Stücke wie der Einstieg „In The Arms Of Mrs. Mark Of Cain“, das musicalhafte „This Is My Fate“ oder das Schlußpärchen „Daniel Boone“/“Dead Horizon“ etwas. Hingegen werden die Rockfetzen „On Graveyard Hill“, „Long Rider“ (Update: Jetzt mit Video), der herrliche Nazis-vs-Aliens-Klamauk „St. Nazaire“ und die Rockabilly-Nummer „Bird Of Prey“ verzücken.
Fein raus sind die Genügsamen, denen vor allem wichtig ist, dass die Superhelden früherer Tage endlich wieder gemeinsam auf der Bühne stehen und dort natürlich auch die alten Gassenhauer zelebrieren werden. Zufrieden sind auch jene, die Veränderungen und Abweichungen nicht scheuen und über manchen Durchhänger hinwegblicken können. Und zu guter Letzt, wer hätte es gedacht, freut sich auch die (oder eben auch der) Frauenbewegte, denn die Weiblichkeit in Form von Nachbesetzung Paz Lenchantin macht auf der Platte erfreulich viele Punkte, sei es im Duett „Ready For Love“ oder dem ganz und gar bezaubernden, wenngleich etwas traurigen Surferepos „Los Surfers Muertos“. Soll heißen, es ist ein durchwachsenes, aber recht unterhaltsames und manchmal auch überraschendes Werk geworden. Und nicht unbedingt ein Grund, reflexhaft gleich die alten Sachen rauszukramen. https://www.pixiesmusic.com/
Mittwoch, 30. Oktober 2019
Lambchop: Zugabe
Gute Nachricht für all jene, denen eine wunderbare Platte von Lambchop in diesem Jahr nicht ausreicht: Kurt Wagner hat laut The Line Of Best Fit gerade mit seiner Band eine EP unter dem Titel "Basement Tapes" veröffentlicht - enthalten sind zwei Remixe von Songs des letzten Albums ("This Is What I Wanted To Tell You"/Group Listening Remix, "Crosswords, or What This Says About You"/Raven Remix) und ein neues Stück mit dem Titel "So Modern And So Tight", letzteres entstanden in Zusammenarbeit mit Matthew MacCaughan von Bon Iver.
Montag, 28. Oktober 2019
Tame Impala: Der nächste Sturm
Dass Kevin Parker, Mastermind der australischen Formation Tame Impala, einen schwer zu kaschierenden Hang zur Tanzmusik hat, ist im Laufe des Bestehens seiner Band immer klarer geworden - schämen muss er sich dessen weiß Gott nicht. Zumal er seine Dancetracks so charmant perlen läßt und dennoch mit genügend Widerhaken versieht, dass sie nicht nur bei den Fans, sondern auch bei der hohen Kritikerzunft regelmäßig für Begeisterungsstürme sorgen. Der nächste solche Sturm dürfte für den 14. Februar des kommenden Jahres anstehen, dann nämlich erscheint das mittlerweile vierte Album der Kapelle "The Slow Rush" und wie man den drei bislang bekannten Stücken "Borderline", "Patience" und (ganz neu) "It Might Be Time" anhört, stehen die Zeichen für den Nachfolger von "Currents" (2015) ganz klar auf Disco.
Sonntag, 27. Oktober 2019
Dicht und Ergreifend: Ausverkäufer der Herzen
Dicht und Ergreifend
Support: Radek Novak, Restless Leg Syndrome
Olympiahalle, München, 26. Oktober 2019
Dass ein „Yo, Man!“ oder besser „Servus, Oida!“ an so einem Abend allein nicht reichen würde, das war dem Urkwell Schorsch und dem Lef Dutti wohl ziemlich schnell klar. Die Olympiahalle ist eben schon ein anderes Kaliber, Länge mal Breite mal Höhe – größer als alles, was die beiden Niederbayern mit Dicht und Ergreifend jemals bereimt haben und so wurden wochenlang, gaben sie kürzlich beim Ringlstetter zu Protokoll, die Hirne malträtiert, um ein passendes Programm für die gewaltige Bühne auf die Beine zu stellen. Ähnlich der Blechkolchose La Brass Banda haben sie mit Mundart meets Moderne eine derart rasante Karriere hingelegt, dass es förmlich nach einer Krönung schrie – die Versuchung, eine solche Location zu zwingen ist da natürlich riesig. Genauso riesig wie das Risiko, mit Pauke (hier: Tuba) und Trompete zu scheitern. ‚Denken sie groß!‘ also – XXL-Leinwand, ein DJ-Pult von den Maßen eines Alpenkamms, Lametta-Kanonen, extra Laufsteg und Zweitbühne, das Equipment stimmte schon mal.
Und wäre doch ohne entsprechende Power nutzlos geblieben. Ein Satz, den man getrost schon vorher im Konjunktiv belassen konnte, denn die Hirne der zwei haben ordentlich gearbeitet und für satte drei Stunden so viel Programm aus dem Hut gezaubert, dass Atemholen kaum möglich war. Schon der Countdown geriet zur bravourösen Einstiegsnummer, neben der selbst die Gastrolle des besagten Ringlstetter als uniformierter Scheißhaufensucher verblasste – was danach kam, war Gigantomanie im Dauerfeuer: Burkabewährter Gospelchor („Wer schwankt hod mehr vom Weg“), der mutmaßlich weltgrößte Crowdsurfing-Contest (zumindest vom Start weg), den „Bierfahrerbeifahrer“ am anderen Ende der Arena, danach der Ritt auf dem Gummi-Einhorn über die begeisterte Menge, dazu allerlei geistliche Segensbringer, den DJ Spliff in Höchstform und eine Moshpit in Größe und Gewalt eines arktischen Malstroms.
Nur dass es hier deutlich heißer zuging. Erst recht, als die gesammelte Gästeliste für „Wach vom Wecka“ abwechselnd über die Bühnenbretter sprang: BBou, Kiste, Skero, Monaco F, Da Schraxx und die fabelhafte Taiga Trece, alle laut und mit mächtig viel Dampf – die Halle war am Toben. Und zwar, ganz Rap around the clock, über die volle Distanz, denn Hits haben die beiden Wahlberliner schließlich genügend im Turnbeutel. Und durchaus auch, das soll nicht vergessen werden, die eine oder andere ernsthafte Message dazu. Weil dahoam eben für viele ned dahoam ist, weil tagtäglich immer noch Menschen auf den Weltmeeren jämmerlich ersaufen (hier in Erinnerung gerufen per extra angefertigter Breitwandmontage). Ob die amtliche Standortabfrage zu Pflanzenkonsum und Waffenhandel das geeignete Mittel war, wollen wir jetzt nicht beurteilen. Auf ihre Crowd, egal ob aus Stadt oder Umland, können sich Dicht und Ergreifend jedenfalls verlassen. Und wenn am Ende drei oder sieben Plätze zur ausverkauften Halle und zum Handabdruck zwischen Bobo und Luftschmied fehlten – wen stört‘s? Sie bleiben, gerade nach diesem furiosen Tourfinale, die Ausverkäufer der Herzen.
Support: Radek Novak, Restless Leg Syndrome
Olympiahalle, München, 26. Oktober 2019
Dass ein „Yo, Man!“ oder besser „Servus, Oida!“ an so einem Abend allein nicht reichen würde, das war dem Urkwell Schorsch und dem Lef Dutti wohl ziemlich schnell klar. Die Olympiahalle ist eben schon ein anderes Kaliber, Länge mal Breite mal Höhe – größer als alles, was die beiden Niederbayern mit Dicht und Ergreifend jemals bereimt haben und so wurden wochenlang, gaben sie kürzlich beim Ringlstetter zu Protokoll, die Hirne malträtiert, um ein passendes Programm für die gewaltige Bühne auf die Beine zu stellen. Ähnlich der Blechkolchose La Brass Banda haben sie mit Mundart meets Moderne eine derart rasante Karriere hingelegt, dass es förmlich nach einer Krönung schrie – die Versuchung, eine solche Location zu zwingen ist da natürlich riesig. Genauso riesig wie das Risiko, mit Pauke (hier: Tuba) und Trompete zu scheitern. ‚Denken sie groß!‘ also – XXL-Leinwand, ein DJ-Pult von den Maßen eines Alpenkamms, Lametta-Kanonen, extra Laufsteg und Zweitbühne, das Equipment stimmte schon mal.
Und wäre doch ohne entsprechende Power nutzlos geblieben. Ein Satz, den man getrost schon vorher im Konjunktiv belassen konnte, denn die Hirne der zwei haben ordentlich gearbeitet und für satte drei Stunden so viel Programm aus dem Hut gezaubert, dass Atemholen kaum möglich war. Schon der Countdown geriet zur bravourösen Einstiegsnummer, neben der selbst die Gastrolle des besagten Ringlstetter als uniformierter Scheißhaufensucher verblasste – was danach kam, war Gigantomanie im Dauerfeuer: Burkabewährter Gospelchor („Wer schwankt hod mehr vom Weg“), der mutmaßlich weltgrößte Crowdsurfing-Contest (zumindest vom Start weg), den „Bierfahrerbeifahrer“ am anderen Ende der Arena, danach der Ritt auf dem Gummi-Einhorn über die begeisterte Menge, dazu allerlei geistliche Segensbringer, den DJ Spliff in Höchstform und eine Moshpit in Größe und Gewalt eines arktischen Malstroms.
Nur dass es hier deutlich heißer zuging. Erst recht, als die gesammelte Gästeliste für „Wach vom Wecka“ abwechselnd über die Bühnenbretter sprang: BBou, Kiste, Skero, Monaco F, Da Schraxx und die fabelhafte Taiga Trece, alle laut und mit mächtig viel Dampf – die Halle war am Toben. Und zwar, ganz Rap around the clock, über die volle Distanz, denn Hits haben die beiden Wahlberliner schließlich genügend im Turnbeutel. Und durchaus auch, das soll nicht vergessen werden, die eine oder andere ernsthafte Message dazu. Weil dahoam eben für viele ned dahoam ist, weil tagtäglich immer noch Menschen auf den Weltmeeren jämmerlich ersaufen (hier in Erinnerung gerufen per extra angefertigter Breitwandmontage). Ob die amtliche Standortabfrage zu Pflanzenkonsum und Waffenhandel das geeignete Mittel war, wollen wir jetzt nicht beurteilen. Auf ihre Crowd, egal ob aus Stadt oder Umland, können sich Dicht und Ergreifend jedenfalls verlassen. Und wenn am Ende drei oder sieben Plätze zur ausverkauften Halle und zum Handabdruck zwischen Bobo und Luftschmied fehlten – wen stört‘s? Sie bleiben, gerade nach diesem furiosen Tourfinale, die Ausverkäufer der Herzen.
Freitag, 25. Oktober 2019
Pauls Jets: Nicht von gestern
Soso, wenn die drei kommen, sind die anderen also schon von vorgestern. Schnell kann's gehen, auch mit dem Ösi-Hype. Doch genaugenommen läuten Pauls Jets ja nur die nächste Runde ein mit ihrer "lauten, elektrischen, schrecklichen Musik" (Eigenwerbung). Im März ist das Album "Alle Songs bisher" von Paul Buschnegg, Romy Park und Xavier Plus erschienen, mit dem sie seit Anfang Oktober auch hierzulande unterwegs sind - jetzt gibt es eine kurze Atempause und Anfang November geht es mit frischer Kraft und neuer EP "Vier neue Songs" weiter im Programm. Auf der 12" mit dabei Anna W, Rektor Bust und Die Situps, die wiederum aus Tobias Bamborschke (Isolation Berlin) und Nicole Stieben - wir hören u.a. den "Klima Song", Remixe des Stücks "Fresha Fruscianteya" und das wunderbare "Los Angeles", dessen Video tatsächlich auch vor Ort gedreht wurde.
05.11. Dresden, Ostpol
06.11. Rostock, Helgas Stadtpalast
07.11. Leipzig, Tanzcafé Ilses Erika
08.11. Berlin, Kantine am Berghain
09.11. Passau, Jugendzentrum Zeughaus Passau
10.12. Konstanz, Kulturladen
11.12. Stuttgart, clubCANN
12.12. Regensburg, Alte Mälzerei
13.12. Karlsruhe, Kohi
14.12. Köln, Stereo Wonderland
The Screenshots: Besuch im Baumarkt
Wen man jetzt noch daran erinnern muß, dass die wunderbare Krefelder Band The Screenshots noch in diesem Herbst durch die hiesigen Clubs zieht, der darf danach auch getrost wieder weiterschlafen - den Schuss hätte man schon viel früher hören können. Beispielsweise mit den beiden Platten "Ein starkes Team" und "Übergriff", spätestens aber mit den Sammelsurium "Europa" wäre klar gewesen, was für ein Potenzial in Kurt Prödel, Dax Werner und Susi Bumms eben nicht schlummert, sondern gleichsam punkig-eruptiv ausgebrochen ist. Holzlatten-Riffs, klare Ansagen - was braucht es mehr? Vielleicht noch eine kleine Single zum Tourbeginn, denn diese liefert das Trio jetzt mit "Wir lieben uns und bauen ein Haus/In jeder Garage wohnt eine Idee" fristgerecht an. Und mit dem Video sind dann auch die ganzen guerillamäßigen Bildchen der Pappaufsteller geklärt, die seit Tagen durch die Netzwerke kreisen und für höchste Verwirrung gesorgt haben.
19.11. Bremen, Lagerhaus
20.11. Berlin, Zukunft am Ostkreuz
21.11. Leipzig, Ilses Erika
22.11. Chemnitz, Atomino
23.11. Wien, Flex Cafe
24.11. Salzburg, Rockhouse Bar
26.11. München, Milla
27.11. Karlsruhe, Kohi
28.11. Stuttgart, Merlin
29.11. Mainz, Schon Schön
19.11. Bremen, Lagerhaus
20.11. Berlin, Zukunft am Ostkreuz
21.11. Leipzig, Ilses Erika
22.11. Chemnitz, Atomino
23.11. Wien, Flex Cafe
24.11. Salzburg, Rockhouse Bar
26.11. München, Milla
27.11. Karlsruhe, Kohi
28.11. Stuttgart, Merlin
29.11. Mainz, Schon Schön
Rufus Wainwright: Zurück im Spiel
Künstler, bei denen man nie weiß, was als Nächstes kommt, sind doch eigentlich die spannendsten. Nicht immer das gleiche Schema Album-Tour-Album-Tour-tbc. Rufus Wainwright ist solch einer. Nach seinem letzten Album "Out Of The Game", das er gemeinsam mit Mark Ronson produziert hat, war zumindest in dieser Hinsicht sieben lange Jahre Sendepause. Untätigkeit war aber nicht vorgesehen, er schrieb Opern (Prima Donna, Hadrian), arbeitete an Shakespeare-Sonetten (Take All My Loves), gastierte mit beidem. Er hatte also zu tun. Und mochte dennoch von der Popmusik nicht lassen ("As soon as I got to L.A. I realiszed I wanted to make another of those good, old-fashioned records"). Mit der Hilfe von Michael Froom hat er nun offenbar die nächste Platte fertig - eine erste Single mit dem Titel "Trouble In Paradise" ist dieser Tage erschienen - schwules Selbstverständnis meets melancholische Poesie. Nach wie vor sehenswert ist im Übrigen Wainwrights Lebenszeichen aus dem Jahr 2018, wo er den Song "Sword Of Damocles" veröffentlichte - der opulente Videoclip entstand unter Regie von Andrew Ondrejcak mit Schauspieler und Songwriter Darren Criss, die Kostüme schneiderte Vivienne Westwood - die Idee dazu stammt aus der Zeit der Präsidentschaftswahlen 2016.
Donnerstag, 24. Oktober 2019
Mira Mann: "Weil es mir gut tut"
![]() |
| Foto (c) Thomas Gothier |
Mira, überwiegt heute eher die Wehmut darüber, mit Candelilla nicht spielen zu können oder zählen Freude und Stolz mehr, dass am Freitag deine erste Solo-EP erscheinen wird, also etwas ganz Eigenes, Unverwechselbares?
Es ist tatsächlich beides, würde ich sagen. In dem Moment, wo man etwas Neues, also die Soloplatte herausbringt, dann denke ich schon noch zurück an meine Band – immerhin haben wir zehn Jahre zusammen gespielt. Aber gleichzeitig bin ich auch total glücklich, aufgeregt, und gespannt, was denn jetzt passiert, wie die Leute auf meine neue Platte reagieren.
Ist denn die Band ad acta gelegt oder pausiert sie momentan eher?
Nein, kein Ende, sondern schon eine Pause, aber eher eine ohne genaues Ende. Wir haben uns noch nicht darüber abgesprochen, ob und wann wir wieder zusammen spielen wollen. Aber die Möglichkeit ist total da.
Die Stücke auf der Platte sind ja größtenteils vertonte Gedichte aus deinem Lyrikband „Gedichte der Angst“, den du in den zwei Wochen nach der Diagnose geschrieben hast. Woher kam der Ansporn, hier noch Musik hinzuzufügen?
Also die Idee, so etwas zu machen kam eigentlich sehr schnell. Vielleicht in allererster Linie deshalb, weil ich Musikerin bin und weil ich ein sehr großes Interesse an Text und Musik habe. Und das ist vielleicht auch die Story der Platte: Die „Gedichte der Angst“ sind ja noch sehr roh, unbearbeitet und ich hatte, glaube ich, doch den Wunsch, dem ersten Impuls noch mehr hinzuzufügen. Das bekommt dann eben eine Vielschichtigkeit, die ich über die Musik einfach besser ausdrücken kann.
Für mich erhalten die Gedichte mit der Musik und vor allem mit deiner Stimme tatsächlich noch eine zusätzliche Wirktiefe, öffnen neue Ebenen, du steigerst die Empfindungen, vervielfachst sie. Empfindest du das beim Vortrag ähnlich?
Ja, das ist tatsächlich so. Ich hätte ja nie im Leben gedacht, dass ich die „Gedichte der Angst“ jemals öffentlich vorlesen werde. Doch jetzt tue ich’s – gerade letzten Samstag habe ich vier Lesungen hintereinander gehabt – und ich bin selber überrascht, wie gut mir das tut, wie gut es sich anfühlt.
Sind das eigentlich reine Textlesungen oder kombinierst Du schon mit der Musik?
Nein, das sind momentan noch reine Lesungen und die Konzerte sind dann eben reine Konzerte, aber ich glaube, ich habe 2020 auch ein Booking, wo ich beides miteinander kombiniere.
Die Songs von Candelilla waren ja doch schon manchmal recht schroff, die neuen Stücke sind dagegen deutlich ruhiger, näher, fast zärtlich manchmal. Wie siehst du diese Veränderung?
Nun ja, die Beobachtung stimmt wohl. Gerade wenn man sich die Stücke vom letzten Album „Camping“ anhört, mit welcher Energie ich da eher schon fast schreie, das sind ja nun Sachen, die so auf „Ich mag das“ nicht zu hören sind. Ich denke mir, das hier die Energie vielleicht woanders gebündelt ist, vielleicht kann man das so sagen.
Klingt das vielleicht auch ein Stück verletzlicher?
Ach, ich weiß nicht, ob jemand, der so laut rumschreit, deshalb weniger verletzlich ist.
Du hast in einem Interview mit „Das Wetter“ in Bezug auf deine Gedichte von einem bewussten "sinnlichen Diskurs" gesprochen, einem "ironielosen Zoom", der Verletzlichkeit geradezu herausfordert. Hast du denn diese Offenheit in deinen Gedichten und jetzt in deiner Musik jemals bereut?
Nein, das bereue ich gar nicht. Ich habe mir ja auch schon mit der Veröffentlichung der Gedichte richtig lange Zeit gelassen und habe dann irgendwann gespürt, dass das für mich der richtige Weg ist. Das ist jetzt sehr persönlich, aber ich bin schon dafür, seine Wunden zu zeigen, was nicht bedeutet, dass es alle tun sollen. Aber ich selbst glaube, dass das sehr produktiv sein kann und für mich ist es das auch.
Rein technisch betrachtet – wie hast du den LoFi-Sound der Stücke aufgenommen? Woher kamen die Ideen, Einflüsse, wie hast du, habt ihr produziert?
Also ich habe mich öfters mit dem Komponisten Ludwig Abraham in der Schreinerei, einem Studio am Münchner Hauptbahnhof, getroffen und dort haben wir von Null aus versucht, einem Text, aus einer Situation einen Song zu machen. Die Texte sind ja nicht eins zu eins aus dem Band übernommen, sondern weitergeschrieben, er hat die Musik dazu komponiert und dann haben wir beides, Texte und Musik, immer wieder übereinandergelegt.
Und das ist alles am Rechner entstanden?
Ja, komplett am Laptop. Du hörst auf der Platte kein einziges normales Instrument.
Ist „Ich mag das“ eine Platte, die nur im Kontext mit deiner Geschichte funktioniert oder könntest du dir vorstellen, dass sie jemand ohne das Wissen darum auf gänzlich andere Art erfahren kann?
Doch, das denke ich schon, dass das funktioniert. Ich kenne das ja auch von mir – dass ich also eine Platte von einer Künstlerin, die ich gerade entdecke, von der ich noch nichts weiß, auf mich ganz anders wirkt, als dann, wenn ich mich aufmache, um über sie zu lesen oder andere Sachen von ihr zu hören. Also insofern glaube ich, dass man das generell bejahen kann.
Veranstaltungen:
25.10. Berlin, Urban Spree - mit Andreas Spechtl
01.11. Hamburg, Kampnagel - Überjazz Festival
06.11. München, Spielart Festival
08.11. München, Lost Weekend (Lesung)
23.11. Nürnberg, Kantine am K4 - mit Attwenger
24.11. Wien, Rhiz
Abonnieren
Posts (Atom)



























