Daß Post-Punk noch immer das Ding der Stunde ist, kann man an jeder Häuserecke hören. Und bevor wir wieder in internationalen Gewässern fischen gehen, legen wir kurz im Heimathafen an und möchten dort auf eine Perle verweisen, die zu heben die Mühe durchaus lohnt. 2012 wurde in Berlin die Band Mystery Art Orchestra gegründet und zwar von Sänger und Gitarrist Tino Bogedaly. Ziemlich fix gesellten sich ihm Keyboarder André Wlodarski und Bastian Müller an den Drums zur Seite. Nach einer Zeit erfolgreichen Tourens durch Portugal, England und Deutschland steht nun endlich für den 25. Mai die Veröffentlichung des Debütalbums "Prismatic Dream" auf dem eigenen Label robojim an, neben dem etwas älteren Stück "Sunday Afternoon" gibt es hier die Vorabsingle "Awake" zu hören.
12.05. Brandenburg, Haus der Offiziere - Record Release
Dienstag, 24. April 2018
Montag, 23. April 2018
Die Wilde Jagd: Verführung
Die Wilde Jagd
„Uhrwald Orange“
(Bureau B)
Was das nun wieder ist? Keine Ahnung. Egal, so lange es so gut klingt. Nun, ganz so einfach sollte man sich das vielleicht auch wieder nicht machen, denn wer in den letzten Jahren etwas aufgepasst hat, dem sind zumindest die folgenden beiden Namen ein Begriff. Sebastian Lee Philipp zunächst als studierter Songschreiber und Multiinstrumentalist, Hälfte des Elektropop-Duos Noblesse Oblige, der unter dem Pseudonym Die wilde Jagd 2015 das gleichnamige Debüt veröffentlichte. Und zwar gemeinsam mit dem kongenialen Partner Ralf Beck, Herr über tausendundeins Soundeffektgerätschaften und ausgestattet mit der Schlüsselgewalt über das Berliner Tonstudio Uhrwald Orange. Dorthin genau hatte sich Philipp vor einiger Zeit zurückgezogen, um seinen wilden und durchaus ungewöhnlichen Ideen Raum zu geben, zu basteln, zu schrauben – und fand wiederum in Beck den passenden, weil erfahrenen Produzenten, der nunmehr nicht als Mitstreiter fungierte, sondern dem Werk eher die Richtung, Tiefe und technische Brillanz verpaßte, mit dem es jetzt zu begeistern vermag.
Stilistisch läßt sich das Ganze sehr schwer eingrenzen, Goth-Trance, Urkrautrock, psychedelischer Synthpop, es gibt ja kaum ein Genre, daß Philipp nicht zu kreuzen bereit ist und selbst mit dem Fingerzeig des Labels, er habe sich zu gleichen Teilen von dem Gemälde „Tiere der Nacht“ des flämischen Malers Frans Snyders und dem spätmittelalterlichen, katalanischen Liederzyklus „Rotes Buch von Montsserat“ inspirieren lassen, läßt sich herzlich wenig anfangen. Es führt einen nun noch weiter in den labyrinthischen Kosmos des Künstlers hinein, bevölkert von sagenhaften Wesen, Weisen und Texten und vertont mit einer Vielzahl verschiedenster Klangfarben auf der reichhaltigen, dunkelbunt schillernden Arbeitspalette. Man möchte Begriffe wie „Mantra“, „Sog“ und „hypnotisch“ nicht über Gebühr strapazieren, hier aber sind sie so treffend wie selten angebracht, weil den acht Stücken des Albums genau das zuteil wurde, was anderswo oft fehlt: Zeit.
Philipp läßt ihnen tatsächlich sehr viel Raum zum Wachsen, schon der erste Track „Flederboy“, instrumental wie der Großteil des Albums, bekommt mehr als eine Viertelstunde, um sich einzuschwingen. Das Ergebnis ist, wie auch im weiteren Verlauf des knapp achtzigminütigen Werkes, schlicht und wortwörtlich berauschend, die Fülle an Geräuschen, komplexen Schichtungen, Instrumentierungen, die Dreingabe von Chorälen, rätselhaften, teils mytischen Rezitativen und Textfragmenten ist so kunstvoll geraten, daß man sich gern in diesen rhythmischen Malstrom hineinziehen läßt. Denn hier liegt die zweite Qualität von „Uhrwald Orange“ – der organisch anmutende Vibe, Groove, Beat (you name it) ist zwingend, verführerisch, ja ausweglos. Zuweilen erinnert das auch an den Erstling der Schwedin Karin Dreijer Andersson aka. Fever Ray (die ja mittlerweile eher in Richtung Tanzmusik unterwegs ist), wobei die Esoterik hier noch durch mittelalterliche oder auch alttestamentarische Bezüge ergänzt wurde.
Etwas düster ist das natürlich schon, wenn die „Säuregäule“ oder „2000 Elefanten“ durch eine „Fremde Welt“ stampfen, wo fahlen, zerbrechlichen Wesen das Blut durch des Ginsters Gift gefriert – aber es ist nicht die krankhaft irre Endzeitkulisse eines Hieronymus Bosch, die das Bild bestimmt. Eher ein Tagtraum, ein Trugbild, dem man übernächtigt und hochkonzentriert folgt, voller Neugierde, was sich bei all dem geheimnisvollen Raunen, Knirschen und Rauschen wohl hinter der nächsten Biegung erhebt. Philipp hat das Beck’sche Studio als Abenteuerspielplatz für seine Fantasie genutzt und mit dem vorauseilenden Schauder kindlicher Entdeckerfreude verknüpft: „Ich will die Studiogeräte zum Singen bringen und eine Klangwelt erschaffen, in der jeder Ton und Effekt eine Stimme bekommt. Eisenschellen werden zu Hufgetrappel, Synthesizerklänge zu Krähenrufen und der Plattenhall zu Donner. Alle Elemente wurden so zu den Einwohnern und Naturmächten des Uhrwalds Orange.“ Wir wären verrückt, wollten wir ihm nicht folgen.
12.06. Berlin, Berghain Kantine
13.06. Hamburg, Club!heim
14.07. Düsseldorf, Open Source
29.07. Wien, Creau
25.08. Schwabmünchen, Singoldsand Festival
„Uhrwald Orange“
(Bureau B)
Was das nun wieder ist? Keine Ahnung. Egal, so lange es so gut klingt. Nun, ganz so einfach sollte man sich das vielleicht auch wieder nicht machen, denn wer in den letzten Jahren etwas aufgepasst hat, dem sind zumindest die folgenden beiden Namen ein Begriff. Sebastian Lee Philipp zunächst als studierter Songschreiber und Multiinstrumentalist, Hälfte des Elektropop-Duos Noblesse Oblige, der unter dem Pseudonym Die wilde Jagd 2015 das gleichnamige Debüt veröffentlichte. Und zwar gemeinsam mit dem kongenialen Partner Ralf Beck, Herr über tausendundeins Soundeffektgerätschaften und ausgestattet mit der Schlüsselgewalt über das Berliner Tonstudio Uhrwald Orange. Dorthin genau hatte sich Philipp vor einiger Zeit zurückgezogen, um seinen wilden und durchaus ungewöhnlichen Ideen Raum zu geben, zu basteln, zu schrauben – und fand wiederum in Beck den passenden, weil erfahrenen Produzenten, der nunmehr nicht als Mitstreiter fungierte, sondern dem Werk eher die Richtung, Tiefe und technische Brillanz verpaßte, mit dem es jetzt zu begeistern vermag.
Stilistisch läßt sich das Ganze sehr schwer eingrenzen, Goth-Trance, Urkrautrock, psychedelischer Synthpop, es gibt ja kaum ein Genre, daß Philipp nicht zu kreuzen bereit ist und selbst mit dem Fingerzeig des Labels, er habe sich zu gleichen Teilen von dem Gemälde „Tiere der Nacht“ des flämischen Malers Frans Snyders und dem spätmittelalterlichen, katalanischen Liederzyklus „Rotes Buch von Montsserat“ inspirieren lassen, läßt sich herzlich wenig anfangen. Es führt einen nun noch weiter in den labyrinthischen Kosmos des Künstlers hinein, bevölkert von sagenhaften Wesen, Weisen und Texten und vertont mit einer Vielzahl verschiedenster Klangfarben auf der reichhaltigen, dunkelbunt schillernden Arbeitspalette. Man möchte Begriffe wie „Mantra“, „Sog“ und „hypnotisch“ nicht über Gebühr strapazieren, hier aber sind sie so treffend wie selten angebracht, weil den acht Stücken des Albums genau das zuteil wurde, was anderswo oft fehlt: Zeit.
Philipp läßt ihnen tatsächlich sehr viel Raum zum Wachsen, schon der erste Track „Flederboy“, instrumental wie der Großteil des Albums, bekommt mehr als eine Viertelstunde, um sich einzuschwingen. Das Ergebnis ist, wie auch im weiteren Verlauf des knapp achtzigminütigen Werkes, schlicht und wortwörtlich berauschend, die Fülle an Geräuschen, komplexen Schichtungen, Instrumentierungen, die Dreingabe von Chorälen, rätselhaften, teils mytischen Rezitativen und Textfragmenten ist so kunstvoll geraten, daß man sich gern in diesen rhythmischen Malstrom hineinziehen läßt. Denn hier liegt die zweite Qualität von „Uhrwald Orange“ – der organisch anmutende Vibe, Groove, Beat (you name it) ist zwingend, verführerisch, ja ausweglos. Zuweilen erinnert das auch an den Erstling der Schwedin Karin Dreijer Andersson aka. Fever Ray (die ja mittlerweile eher in Richtung Tanzmusik unterwegs ist), wobei die Esoterik hier noch durch mittelalterliche oder auch alttestamentarische Bezüge ergänzt wurde.
Etwas düster ist das natürlich schon, wenn die „Säuregäule“ oder „2000 Elefanten“ durch eine „Fremde Welt“ stampfen, wo fahlen, zerbrechlichen Wesen das Blut durch des Ginsters Gift gefriert – aber es ist nicht die krankhaft irre Endzeitkulisse eines Hieronymus Bosch, die das Bild bestimmt. Eher ein Tagtraum, ein Trugbild, dem man übernächtigt und hochkonzentriert folgt, voller Neugierde, was sich bei all dem geheimnisvollen Raunen, Knirschen und Rauschen wohl hinter der nächsten Biegung erhebt. Philipp hat das Beck’sche Studio als Abenteuerspielplatz für seine Fantasie genutzt und mit dem vorauseilenden Schauder kindlicher Entdeckerfreude verknüpft: „Ich will die Studiogeräte zum Singen bringen und eine Klangwelt erschaffen, in der jeder Ton und Effekt eine Stimme bekommt. Eisenschellen werden zu Hufgetrappel, Synthesizerklänge zu Krähenrufen und der Plattenhall zu Donner. Alle Elemente wurden so zu den Einwohnern und Naturmächten des Uhrwalds Orange.“ Wir wären verrückt, wollten wir ihm nicht folgen.
12.06. Berlin, Berghain Kantine
13.06. Hamburg, Club!heim
14.07. Düsseldorf, Open Source
29.07. Wien, Creau
25.08. Schwabmünchen, Singoldsand Festival
Janelle Monáe: Ganze Sache [Update]
Mutti hat immer gesagt: "Sag erst was, wenn's was zu sagen gibt!" Gut, haben wir uns nicht immer dran gehalten, hier aber schon. Denn die Nachricht, daß die zauberhafte Janelle Monáe eine neue Platte mit dem Titel "Dirty Computer" plant, ist schon ein paar Tage alt, aber so viel mehr als eben diese Meldung lag bislang nicht vor. Bis heute. Nun haben wir für den Nachfolger von "The Electric Lady" aus dem Jahr 2013 Coverart, Veröffentlichungstermin (27. April) und ganze zwei ziemlich heiße Videos zu den Vorabsongs "Make Me Feel" und "Django Jane". Na, wenn das nichts ist...
Update: Und nun, nach "Make Me Feel", "Django Jane" und "PYNK" als letzter Song im Bunde das Video zu "I Like That".
Update: Und nun, nach "Make Me Feel", "Django Jane" und "PYNK" als letzter Song im Bunde das Video zu "I Like That".
Freitag, 20. April 2018
Sleaford Mods: Coming Of Rage
An dieser Stelle auch gern noch mal der Hinweis auf unser Interview mit der Regisseurin des Films - hier.
Donnerstag, 19. April 2018
Courtney Barnett: Wütend genug [Update]
Dass das Cover bei weitem nicht der wichtigste Teil eines Albums ist, das wollen wir gerne zugeben - und vor allem Courtney Barnett gern zugestehen. Die hat ja letzte Woche schon ein wenig herumgeteasert und ist dann heute endlich mit Fakten um die Ecke gekommen: "Tell Me How Do You Really Feel" wird die Platte heißen (VÖ: 18.05.) und wenn man in der Songlist stöbert, kann man relativ schnell erahnen, daß hier kein Kindergeburtstag besungen werden soll - "I'm Not Your Mother, I'm Not Your Bitch" heißt ein Stück, "Hopefulessness" ein anderes und auch in den Lyrics zur ersten Single "Nameless, Faceless" geht es recht deutlich zur Sache: "Don't you have anything better to do, I wish that someone could hug you, must be lonely, being angry, feeling over-looked. You sit alone at home in the darkness with all the pent-up rage that you harness, I'm real sorry bout whatever happened to you." Klingt gerade so, als dürften wir uns wieder auf eine wütende junge Frau mit einer Menge guter Songs freuen. Ach so - wer Lust hat, der Künstlerin ein paar Zeilen zu seinen eigenen Gefühlen zu schicken, vielleicht auch zur Frage, mit welchem Song er/sie diese verbindet, kann das gern auf ihrer Website tun: https://courtneybarnett.com.au/
11.06. Berlin, Astra Kulturhaus
13.06. Köln, Live Misic Hall
Update: And now she is floating in space - das Video zur Single "Need A Little Time" mit Klingonen-Lookalikes. Für das aktuelle "City Looks Pretty" wiederum sollte man nicht allergisch auf schnelle Schnitte reagieren...
11.06. Berlin, Astra Kulturhaus
13.06. Köln, Live Misic Hall
Update: And now she is floating in space - das Video zur Single "Need A Little Time" mit Klingonen-Lookalikes. Für das aktuelle "City Looks Pretty" wiederum sollte man nicht allergisch auf schnelle Schnitte reagieren...
Bilk: Geradeaus
Zur allgemeinen Auflockerung jetzt mal etwas, was der geübte Leser, der ja in der Regel auch ein geübter Hörer ist, sofort als urbritisch erkennt: Bilk sind drei Jungs aus dem südenglischen Essex und haben gerade ihre zweite Single "Spiked" geteilt, sie folgt dem Debüt "Give Up". Der Sound von Sol Abrahams (Gesang/Gitarre), Luke Hare (Bass) und Harry Gray an den Drums ist einfach und geradeaus und pendelt sich irgendwo zwischen den Arctic Monkeys, The Jam und The Streets ein. Den Bandnamen hat übrigens Sol's Vater, von Beruf Taxifahrer, beigesteuert, der Begriff ist ein Slang-Ausdruck ('getting bilked') für einen Fahrgast, der ohne Bezahlung flüchtet.
Get Well Soon: Seid willkommen, böse Träume
Hatten wir eigentlich schon erwähnt, daß auch unser aller German Wunderkind Konstantin Gropper aka. Get Well Soon ein neues Album am Start hat? Das letzte - "Love" der Titel, ist bekanntlich 2016 erschienen und wenn es stimmt, was man so liest, dann wird sich das neue maßgeblich vom Vorgänger unterscheiden. Denn auf "Horror", so das kommende Werk, hat Gropper drei seiner Albträume verarbeitet und zwar mit eher orchestralem Sound: "Ich freue mich ... über einen bösen Traum. Ich träume so selten
spektakulär, dass solche Alpträume für mich wie Inspirationsgeschenke
sind. Ich wache auf und denke: daraus muss ich einen Song machen." Zwölf davon finden wir nun auf der Platte wieder, die am 8. Juni bei Caroline Records erscheint, zum Anteasern hat der Künstler zwei Episoden einer Therapiesitzung ins Netz gestellt - viel Spaß damit.
10.08. Hamburg, Elbphilharmonie
01.10. Berlin, Volksbühne
08.10. München, Kammerspiele
12.10. Leipzig, Westbad
17.10. Köln, Philharmonie
28.10. Stuttgart, Theaterhaus
10.08. Hamburg, Elbphilharmonie
01.10. Berlin, Volksbühne
08.10. München, Kammerspiele
12.10. Leipzig, Westbad
17.10. Köln, Philharmonie
28.10. Stuttgart, Theaterhaus
Lykke Li: Traurigkeit ist sexy [Update]
Update: Gleich zwei neue Songs gibt es jetzt, "Hard Rain" und "Deep End" im Audio-Stream, plus Cover-Art - was will man mehr.
Mittwoch, 18. April 2018
Ganser: Das Glück der Verweigerung
Ganser
„Odd Talk“
(No Trend Records)
Spätestens mit der Single „Pyrrhic Victory“, erschienen im September 2016, war klar: Das hier könnte eine neue Lieblingsband werden. Allein der Name: Hergeleitet aus einem psychischen Krankheitsbild, das man auch unter der Umschreibung „hysterischer Dämmerzustand“ findet – gar nicht lustig, aber angemessen schräg und natürlich maximal befremdlich. Dann der Song selbst: Flatternder Bass, Gitarre und Gesang wiegen sich in bester Post-Punk-Manier, verschroben und eingängig zugleich, Volltreffer. Später die dazugehörige EP „This Feels Like Living“, gefolgt von einer Geduldsprobe – warten. Bis jetzt. Und schlußendlich Erleichterung. Und zwar über einen Entscheidung, die nur auf den ersten Blick widersinnig erscheint.
Denn auf dem Debütalbum findet sich kaum ein Stück, das annähernd solche Harmonien wie die besagte Erfolgs-Single aufweist. Das Quartett aus Chicago hat bewusst auf jegliche Glättung verzichtet, nicht von ungefähr erinnern die Songs auf „Odd Talk“ eher an den indifferenten No-Wave von Sonic Youth. Der Sound ist schroff, meistenteils analog, die Gitarren scheppern und splittern, Ruhepunkte sind nur wenige auszumachen. Die drei Vorabsingles in Folge geben dafür ein gutes Beispiel – „Satsuma“ klirrt zu mächtigen Drums, bei „PSY OPS“ dann schneller Punk, gemischt mit Sprachsamples und taumelnden Vocals, „Avoidance“ wiederum bekommt eine sparsame Synthgrundierung, es bleibt dennoch hart, hektisch, ruhelos.
Haben sie sich mal wie bei „Aubergine“ auf ein gefälligeres Thema eingelassen, wird dieses kurz darauf wieder lustvoll zerstört, man hat tatsächlich den Eindruck, daß eine der Triebfedern für die Platte die Flucht vor übermäßiger Ausgewogenheit war. Denn was sperrig ist, entgeht der Vereinnahmung, bleibt widerständig, authetisch. Und auch für die Fans hat diese kreative Art der Verweigerung etwas Gutes, die Gefahr, daß Alicia Gaines, Nadia Garofalo, Brian Cundiff und Charlie Landsman demnächst durch die üblichen Latenight-Shows oder smarte Indieprogramme gereicht werden, ist überschaubar, man wird Ganser auf längere Zeit für sich haben. Und das ist ein weiterer Grund, dieses Album in höchsten Töne zu loben. Gewöhnliches können gern andere hören. https://ganser.bandcamp.com/
„Odd Talk“
(No Trend Records)
Spätestens mit der Single „Pyrrhic Victory“, erschienen im September 2016, war klar: Das hier könnte eine neue Lieblingsband werden. Allein der Name: Hergeleitet aus einem psychischen Krankheitsbild, das man auch unter der Umschreibung „hysterischer Dämmerzustand“ findet – gar nicht lustig, aber angemessen schräg und natürlich maximal befremdlich. Dann der Song selbst: Flatternder Bass, Gitarre und Gesang wiegen sich in bester Post-Punk-Manier, verschroben und eingängig zugleich, Volltreffer. Später die dazugehörige EP „This Feels Like Living“, gefolgt von einer Geduldsprobe – warten. Bis jetzt. Und schlußendlich Erleichterung. Und zwar über einen Entscheidung, die nur auf den ersten Blick widersinnig erscheint.
Denn auf dem Debütalbum findet sich kaum ein Stück, das annähernd solche Harmonien wie die besagte Erfolgs-Single aufweist. Das Quartett aus Chicago hat bewusst auf jegliche Glättung verzichtet, nicht von ungefähr erinnern die Songs auf „Odd Talk“ eher an den indifferenten No-Wave von Sonic Youth. Der Sound ist schroff, meistenteils analog, die Gitarren scheppern und splittern, Ruhepunkte sind nur wenige auszumachen. Die drei Vorabsingles in Folge geben dafür ein gutes Beispiel – „Satsuma“ klirrt zu mächtigen Drums, bei „PSY OPS“ dann schneller Punk, gemischt mit Sprachsamples und taumelnden Vocals, „Avoidance“ wiederum bekommt eine sparsame Synthgrundierung, es bleibt dennoch hart, hektisch, ruhelos.
Haben sie sich mal wie bei „Aubergine“ auf ein gefälligeres Thema eingelassen, wird dieses kurz darauf wieder lustvoll zerstört, man hat tatsächlich den Eindruck, daß eine der Triebfedern für die Platte die Flucht vor übermäßiger Ausgewogenheit war. Denn was sperrig ist, entgeht der Vereinnahmung, bleibt widerständig, authetisch. Und auch für die Fans hat diese kreative Art der Verweigerung etwas Gutes, die Gefahr, daß Alicia Gaines, Nadia Garofalo, Brian Cundiff und Charlie Landsman demnächst durch die üblichen Latenight-Shows oder smarte Indieprogramme gereicht werden, ist überschaubar, man wird Ganser auf längere Zeit für sich haben. Und das ist ein weiterer Grund, dieses Album in höchsten Töne zu loben. Gewöhnliches können gern andere hören. https://ganser.bandcamp.com/
Slow Mass: Keinen Abbruch
Naja, der schöne Wortwitz ist jetzt perdu: Als wir Slow Mass, Hardcore-Kapelle aus Chicago vor zwei Jahren mit ihrer Debüt-EP "Treasure Pains" hier vorstellten, spielten da noch Josh Parks und Josh Sparks zusammen.. Letzterer hat die Band laut Stereogum in Richtung Minus The Bear verlassen, als Ersatz konnte Dave Maruzzella für die Drums gefunden werden. Der Motivation hat das keinen hörbaren Abbruch getan, für den 11. Mai ist nun das erste Album "On Watch" via Landland geplant und mit "Schemes", "Blocks" und dem aktuellen "Oldest Youngest" gibt es gleich zwei Vorboten davon auf die Ohren. Und an Spaß und Bissigkeit haben sie, wie man bei Cover und Bandfoto erkennen kann, auch nichts verloren.
Iceage: Dringliche Zusammenfassung [Update]
Zu den dänischen Iceage gab es in den letzten Tagen eine Reihe von Updates, die dringend in einem neuen Beitrag zusammengefasst gehören: Schließlich reden wir jetzt von einem neuen Album namens "Beyondless", zum dem mittlerweile auch ein VÖ-Termin (4. Mai via Matador Records) und die schön gestaltete Verpackung (s.o.) vorliegen, dazu nach der Vorabsingle "Catch It" auch die beiden Folgestücke "Pain Killer", eingesungen mit Popsternchen Sky Ferreira und (ganz aktuell) "Take It All" - dazu noch ein paar zusätzliche Livedaten zu dem bislang für Mai gemeldeten Berlin-Gig. Schöne, runde Sache, das.
04.05. Berlin, Privatclub
31.08. Hamburg, Off Radar Festival
12.09. Köln, Blue Shell
13.09. Heidelberg, Karlstorbahnhof
15.09. Berlin, Bi Nuu
03.11. Zürich, Rote Fabrik
Update: Die dritte Vorabsingle aus dem neuen Album ist da, und feiert "The Day The Music Dies".
04.05. Berlin, Privatclub
31.08. Hamburg, Off Radar Festival
12.09. Köln, Blue Shell
13.09. Heidelberg, Karlstorbahnhof
15.09. Berlin, Bi Nuu
03.11. Zürich, Rote Fabrik
Update: Die dritte Vorabsingle aus dem neuen Album ist da, und feiert "The Day The Music Dies".
Let's Eat Grandma: Ganz Ohr [Update]
Auf den Moment haben wir ehrlich gesagt schon länger gewartet: Eine Band mit diesem Namen, die noch dazu lupenreinen, gut durchdachten Pop spielt, hat man schließlich nicht alle Tage. Let's Eat Grandma aus dem britischen Norwich überraschten mit ihrem Debüt "I, Gemini" im Sommer 2016 nicht eben wenige Leute, noch mehr hoffen nun, daß auch der Nachfolger von ähnlicher Qualität ist. Geht es nach den beiden bislang bekannten Vorabsingles, dann sollte daran kein Zweifel bestehen. Rosa Walton und Jenny Hollingworth werden also am 29. Juni "I'm All Ears" bei Transgressive Records veröffentlichen, nach "Hot Pink" kam gerade die neue Nummer "Falling Into Me" um die Ecke. Live werden die beiden ebenfalls bald zu hören sein - und wir? Sind ganz Ohr.
Update: Und hier nun noch die dritte Single "It's Not Just Me" - im schicken Facettenstyle!
20.04. Köln, Schauspiel
21.04. Berlin, Urban Spree
22.04. Hamburg, Uebel und Gefährlich
Update: Und hier nun noch die dritte Single "It's Not Just Me" - im schicken Facettenstyle!
20.04. Köln, Schauspiel
21.04. Berlin, Urban Spree
22.04. Hamburg, Uebel und Gefährlich
The Brian Jonestown Massacre: Later this year
Aber das war noch lange nicht alles. Denn auch The Brian Jonestown Massacre werden bald wieder mit neuem Material auf Tour gehen. Für den 1. Juni haben Cargo- und a Records eine Platte namens "Something Else" angekündigt, von dieser wiederum wird am 18. Mai die Single "Hold That Thought" (mit der B-Seite "Drained") ausgekoppelt. Aufgenommen in Berlin, wird es auf dem Album ganze neun neue Songs geben, Ende April startet die Reise durch Nordamerika, Anfang April ist dann Australien an der Reihe. Und Europa - "later this year". Und noch schöner - es ist von zwei neuen Werken in diesem Jahr die Rede. Gab schon schlechtere Nachrichten...
Dienstag, 17. April 2018
The Sea Atlas: Einsames Ringen
Klar, das mit den Hebriden, den Nordzipfel Schottlands und dem kleinen Örtchen Uig kann man sich natürlich nicht entgehen lassen - 400 Einwohner und einer davon ist jener Calum Buchanan, der Mann also, der sich hinter dem Projekt The Sea Atlas verbirgt. Seine Agentur schreibt dann vollmundig Sachen wie "... skippers boats up and down the West coast of Scotland, works the land on his croft, and during the storms on the island [Buchanan] writes his music on the cabin on the shores of the sea loch." Das klingt nun wirklich nach der perfekten Nordmann-Story, nach rauher See, kargem Land, großer Einsamkeit und endlosem Ringen mit Dämonen und Musen. Würden dabei aber keine guten Songs entstehen, wir könnten uns die ganze Einleitung sparen - so aber kündigt der Mann gerade eine neue EP an und zwar zum einen mit dem schon ziemlich beeindruckenden Grungefolk "Ripped Jeans" und einem Bee-Gees-Cover (!) von "Staying Alive". Auf solche Ideen kommt man wohl nur, wenn man sehr lange keine oder keine anderen Menschen trifft - dennoch, er macht seine Sache gar nicht so übel.
Jonathan Bree: Anhaltender Zauber
Wer sich diesem Song und Video schon im vergangenen Jahr nicht entziehen konnte, wird sich über folgende Nachricht freuen: Am 8. Juni wird Jonathan Bree sein drittes Album "Sleepwalking" bei Lil' Chief Records veröffentlichen, darauf zu finden eben auch sein - nun ja: Hit "You're So Cool". Und mit "Say You Love Me Too" (zusammen mit Clara Vinals) und "Valentine" die beiden weiteren bislang bekannten Titel des neuseeländischen Multiinstrumentalisten. Eine Tour ist, soviel sei verraten, für die Monate und September in Aussicht gestellt.
Bryde: Der richtige Weg
Bryde
„Like An Island“
(Seahorse Music)
Eine überstrapazierte Binse lautet, daß jeder und jede seine Bestimmung im Leben findet, nur die Wege dahin können manchmal ziemlich verworren und schwer nachvollziehbar sein. Selbiges gilt wohl auch für die Waliserin Sarah Howells. Gut möglich, daß sich jetzt nicht wenige an diesen Namen erinnern, ebenso gut möglich, daß die Hinweise aus völlig verschiedenen Lagern kommen. Denn Howells kann auf eine ziemlich bunte Künstervita verweisen: Einerseits hat sie zusammen mit Richard Llewellyn bei den Paper Aeroplanes einige hübsche Folkpop-Alben eingespielt, desweiteren hat sie mit ihrer Stimme mehrere Trance-Techno-Stücke gefeatured. Soweit dazu. Nun will man ihrem früheren Werk nicht zu nahe treten, aber man würde sich und natürlich auch ihr doch sehr wünschen, daß sie mit dem neuerlichen Kurswechsel unter dem Pseudonym Bryde ihre Bestimmung gefunden hat. Nicht deshalb, weil man des Folgens müde wäre, sondern weil die Musik, die Howells jetzt macht, die bislang reifste, spannendste und anspruchsvollste ihrer Karriere ist.
Die vorliegende Platte, man darf sie wohl als Solodebüt bezeichnen, gibt sich deutlich härter und leidenschaftlicher als die gemeinschaftlichen Vorwerke, und was sich in diversen EP und Singleveröffentlichungen der letzten Monate andeutete, findet auf „Like An Island“ sein gutes Ende. Grunge-Gitarre rules, ab und an fallen Namen wie Patti Smith, Feist oder Cat Power – ob diese Vergleiche nun überzogen oder berechtigt sind, steht auf einem anderen Blatt, Sound und Wandlungsfähigkeit jedenfalls überzeugen schon mal. Auch wenn Bryde mit „Euphoria“ noch etwas behutsam startet, die folgenden Stücke „Less“, „Flesh, Blood And Love“ und „Peace“ zählen zweifellos zu den Höhepunkten von Howells‘ Songwriting, ebenso wie die Balladen „To Be Brave“ und „Transparent“. Für den neuen Klang der Songs nicht ganz unerheblich war sicher die Zusammenarbeit mit Catherine Marks und Mandy Parnell, die auch schon für Wolf Alice, PJ Harvey, Brian Eno und Björk gemischt und produziert haben.
Eine Pointe hat uns Howells dann aber doch noch genommen. Denn es gibt tatsächlich eine ziemlich winzige Insel namens Bryde, gelegen im Gletschergebiet des antarktischen Grahamlandes. Doch auch wenn das zum Titel und zu den Lyrics ihrer Lieder ganz gut passen würde, so bezieht sich das Pseudonym, wie man liest, wohl doch auf die dänische Bedeutung dieses Wortes und die meint damit schlicht Unterbrechung oder Pause. Neben der Arbeit am eigenen Projekt unterstützt Sarah Howells im Übrigen auch andere Frauen mit ihrem selbstgegründeten Label: “Initially I wanted to elevate the profiles of the musicians around me. There are a lot of women rising to the top, but there’s still a lack of opportunities for them to work in the music industry. I thought a way to tackle that would be to start a label; to become someone in the music industry to create that change, rather than expecting other people to do it for me”, sagte sie kürzlich dem Online-Portal NARC. Wenn wir also schon bei Binsen sind – „Selbst ist die Frau“ paßt selten so gut wie hier – sie scheint ihre Pause höchst schöpferisch genutzt zu haben.
08.05. Hamburg, Astra Stube
09.05. Berlin, Kantine Berghain
10.05. Köln, Yuca Club
12.05. Zürich, EXIL
13.05. Wien, B72
„Like An Island“
(Seahorse Music)
Eine überstrapazierte Binse lautet, daß jeder und jede seine Bestimmung im Leben findet, nur die Wege dahin können manchmal ziemlich verworren und schwer nachvollziehbar sein. Selbiges gilt wohl auch für die Waliserin Sarah Howells. Gut möglich, daß sich jetzt nicht wenige an diesen Namen erinnern, ebenso gut möglich, daß die Hinweise aus völlig verschiedenen Lagern kommen. Denn Howells kann auf eine ziemlich bunte Künstervita verweisen: Einerseits hat sie zusammen mit Richard Llewellyn bei den Paper Aeroplanes einige hübsche Folkpop-Alben eingespielt, desweiteren hat sie mit ihrer Stimme mehrere Trance-Techno-Stücke gefeatured. Soweit dazu. Nun will man ihrem früheren Werk nicht zu nahe treten, aber man würde sich und natürlich auch ihr doch sehr wünschen, daß sie mit dem neuerlichen Kurswechsel unter dem Pseudonym Bryde ihre Bestimmung gefunden hat. Nicht deshalb, weil man des Folgens müde wäre, sondern weil die Musik, die Howells jetzt macht, die bislang reifste, spannendste und anspruchsvollste ihrer Karriere ist.
Die vorliegende Platte, man darf sie wohl als Solodebüt bezeichnen, gibt sich deutlich härter und leidenschaftlicher als die gemeinschaftlichen Vorwerke, und was sich in diversen EP und Singleveröffentlichungen der letzten Monate andeutete, findet auf „Like An Island“ sein gutes Ende. Grunge-Gitarre rules, ab und an fallen Namen wie Patti Smith, Feist oder Cat Power – ob diese Vergleiche nun überzogen oder berechtigt sind, steht auf einem anderen Blatt, Sound und Wandlungsfähigkeit jedenfalls überzeugen schon mal. Auch wenn Bryde mit „Euphoria“ noch etwas behutsam startet, die folgenden Stücke „Less“, „Flesh, Blood And Love“ und „Peace“ zählen zweifellos zu den Höhepunkten von Howells‘ Songwriting, ebenso wie die Balladen „To Be Brave“ und „Transparent“. Für den neuen Klang der Songs nicht ganz unerheblich war sicher die Zusammenarbeit mit Catherine Marks und Mandy Parnell, die auch schon für Wolf Alice, PJ Harvey, Brian Eno und Björk gemischt und produziert haben.
Eine Pointe hat uns Howells dann aber doch noch genommen. Denn es gibt tatsächlich eine ziemlich winzige Insel namens Bryde, gelegen im Gletschergebiet des antarktischen Grahamlandes. Doch auch wenn das zum Titel und zu den Lyrics ihrer Lieder ganz gut passen würde, so bezieht sich das Pseudonym, wie man liest, wohl doch auf die dänische Bedeutung dieses Wortes und die meint damit schlicht Unterbrechung oder Pause. Neben der Arbeit am eigenen Projekt unterstützt Sarah Howells im Übrigen auch andere Frauen mit ihrem selbstgegründeten Label: “Initially I wanted to elevate the profiles of the musicians around me. There are a lot of women rising to the top, but there’s still a lack of opportunities for them to work in the music industry. I thought a way to tackle that would be to start a label; to become someone in the music industry to create that change, rather than expecting other people to do it for me”, sagte sie kürzlich dem Online-Portal NARC. Wenn wir also schon bei Binsen sind – „Selbst ist die Frau“ paßt selten so gut wie hier – sie scheint ihre Pause höchst schöpferisch genutzt zu haben.
08.05. Hamburg, Astra Stube
09.05. Berlin, Kantine Berghain
10.05. Köln, Yuca Club
12.05. Zürich, EXIL
13.05. Wien, B72
Montag, 16. April 2018
Lazy Legs: Mischungsverhältnis
Lazy Legs
"Tremor EP"
(Wild Patterns)
Dem Shoegazing wird gern mal eine gewisse Monotonie nachgesagt, Menschen, die es noch weniger gut meinen, sprechen dann von Langeweile. Jeder, der das Genre mag, weiß, daß dies ein großer Quatsch ist, einerseits. Denn die Monotonie gehört zur Kunstform dazu, das Aufschichten von dröhnenden Gitarrenakkorden in Endlosschleife zu dem, was der Liebhaber die wall of sound nennt, ist ohne Wiederholungen gar nicht denkbar und kann erst so seine hypnotische, überwältigende Wirkung entfachen. Und wer genau hinhört, entdeckt sehr wohl Unterschiede, Feinheiten, verschiedene Stilrichtungen. So auch beim Duo Lazy Legs aus Portland. Laura Wagner und Michael Tenzer vermengen seit 2016 mit Vorliebe Noise, Grunge und Dreampop auf ihre ganz speziellen Art, die sechs Stücke der aktuellen EP „Tremor“ sind je nach Mischungsverhältnis mal melodischer, mal ungestümer geraten und haben alle ihren Reiz. Nachdem das Intro „Ruby“ noch komplett instrumental einzählt und bewusst schief daherkommt, spielen sich bei den folgenden vier Stücken die Gitarren mal mehr, mal weniger in den Vordergrund – das wunderbare „High Wire“ beleiht so auffällig wie gekonnt die No-Wave-Ikonen Sonic Youth, der Gesang, den beide beisteuern, ist wie so häufig bei Shoegazing-Formationen, nicht mehr als eine flüchtige Textur und kein bestimmendes Element. Live, so hört man, nehmen sich die beiden gern auch noch einen richtigen Drummer mit auf Tour, hoffentlich darf man das auch mal hierzulande erleben – die Platte jedenfalls würde es auf jeden Fall hergeben.
"Tremor EP"
(Wild Patterns)
Dem Shoegazing wird gern mal eine gewisse Monotonie nachgesagt, Menschen, die es noch weniger gut meinen, sprechen dann von Langeweile. Jeder, der das Genre mag, weiß, daß dies ein großer Quatsch ist, einerseits. Denn die Monotonie gehört zur Kunstform dazu, das Aufschichten von dröhnenden Gitarrenakkorden in Endlosschleife zu dem, was der Liebhaber die wall of sound nennt, ist ohne Wiederholungen gar nicht denkbar und kann erst so seine hypnotische, überwältigende Wirkung entfachen. Und wer genau hinhört, entdeckt sehr wohl Unterschiede, Feinheiten, verschiedene Stilrichtungen. So auch beim Duo Lazy Legs aus Portland. Laura Wagner und Michael Tenzer vermengen seit 2016 mit Vorliebe Noise, Grunge und Dreampop auf ihre ganz speziellen Art, die sechs Stücke der aktuellen EP „Tremor“ sind je nach Mischungsverhältnis mal melodischer, mal ungestümer geraten und haben alle ihren Reiz. Nachdem das Intro „Ruby“ noch komplett instrumental einzählt und bewusst schief daherkommt, spielen sich bei den folgenden vier Stücken die Gitarren mal mehr, mal weniger in den Vordergrund – das wunderbare „High Wire“ beleiht so auffällig wie gekonnt die No-Wave-Ikonen Sonic Youth, der Gesang, den beide beisteuern, ist wie so häufig bei Shoegazing-Formationen, nicht mehr als eine flüchtige Textur und kein bestimmendes Element. Live, so hört man, nehmen sich die beiden gern auch noch einen richtigen Drummer mit auf Tour, hoffentlich darf man das auch mal hierzulande erleben – die Platte jedenfalls würde es auf jeden Fall hergeben.
Sonntag, 15. April 2018
Heavy Lungs: Unter freundlicher Mithilfe
Schön, wenn man sich kennt und schätzt, da ist für Überschneidungen der folgenden Art genügend Platz: Die Punk-Kapelle Heavy Lungs aus Bristol hat in ihrer Heimatstadt offenbar einen Buddy, der auch uns hier recht vertraut ist. Denn wer kennt nicht den glatzköpfigen und rauschebärtigen Adam Devonshire, Bassist der hoch verehrten Idles. In seinem Nebenjob ist dieser offenbar unter dem klangvollen Künstlernamen Devotron 3005 ein leidenschaftlicher DJ und wurde deshalb bei einem seiner Sets für das aktuelle Video der Heavy Lungs ausgewählt. Das recht knackige "Descend" stammt im Übrigen von der letzten EP der Band, "Abstract Thoughts" ist im Februar dieses Jahres erschienen.
Freitag, 13. April 2018
Tocotronic: Gemeinsame Sache
Tocotronic
Support: Ilgen-Nur
Tonhalle, München, 12. April 2018
Je länger man einer Band in unbedingter Hingabe folgt, desto mehr nimmt man deren Konzerte in einer zusätzlichen Dimension wahr. Es sind also nicht nur Sound, Licht, Körper, die Aufmerksamkeit beanspruchen, es läuft zu jedem der Songs vor dem inneren Auge auch ein ganz persönlicher Film ab. Zu welcher Zeit, an welchem Ort, unter welchen Umständen und mit wem hat man dieses Stück gehört, wo ist es in der Zeit verankert, mit welcher Bedeutung aufgeladen, was verbindet man damit? Nennen wir es nicht Content, sagen wir Erinnerung dazu. Tocotronic sind so eine Band, sie haben in den fünfundzwanzig Jahren ihres Bestehens eine so große Anzahl dieser erinnerungswürdigen Songs verfasst, daß die Auswahl der Setlist für einen Abend wie diesen nur unvollständig bleiben kann. Und so bleibt auch in der ausverkauften Halle des ehemaligen Partyghettos Kunstpark, das jetzt den etwas verträglicheren Namen Werksviertel trägt, so manche Seite des imaginären Fotoalbums geschlossen und eine andere wiederum öffnet sich überraschenden Einsichten.
Zu den Liedern des aktuellen Albums "Die Unendlichkeit" wird es, zumindest bei den Thirtysomethings im Publikum, noch nicht so viele Sehnsuchtsmomente und Vergangenheitsbezüge geben, dennoch sind sie natürlich auf dieser Tour in der Mehrheit und fügen sich, da sie ja selbst als Tagebuch der Band und vor allem des Sängers Dirk von Lowtzow konzipiert sind, bestens in das Restprogramm ein. Mit der Ouvertüre "Tanz der Ritter" aus Prokofjews Ballett "Romeo und Julia" untermauern die Herren aus Hamburg einmal mehr ihren Ruf als eigenwillige Meister des Diskurspop, danach wird es schnell, hart und laut und die Bildershow kommt ans Laufen - "Let There Be Rock", "Drüben auf dem Hügel", "Kapitulation". Die Menge gibt sich trotz Platzmangels und stickiger Luft angenehm entspannt, von Lowtzows gewohnt exaltierte Gutmütigkeiten werden ebenso begeistert begrüßt wie jedes einzelne der Stücke.
"Es gab noch keine Handys, es war alles Gegenwart", so heißt es im Titelsong der neuen Platte. Und tatsächlich - keine Wand aus hochgereckten Smartphones, auf die man vor der Bühne starren muß, statt dessen Halbgreise (so werden wir wohl andernorts despektierlich genannt), die unter ihresgleichen Spaß am Crowdsurfing finden, ausgelassener Jubel, ja: echte Dankbarkeit, auf beiden Seiten. Selbst die Parolen kommen von Herzen, man ist unter sich und weiß sich vereint in der seltsamen Haßliebe zum Heimatland: "Aber hier leben, nein danke!" Auf den Punkt deshalb von Lowtzows Liebeserklärung, Tocotronic wären nicht denkbar ohne ihre Anhänger, und jeder da unten weiß für sich, daß dieser Satz in der Umkehrung genauso gilt. Schnell noch eine WhatsApp an die Daheimgebliebenen, irgendwas mit "Sehnsucht" und "better than ever" (sorry, über die Schulter gespickt), dann besselten Blickes zurück in's Getümmel, noch mal ein Kübel Spott für "Freiburg" - aus. Sie haben, es war deutlich zu hören, "bis zum nächsten Mal" gerufen am Schluss. An uns soll's nicht liegen. Wir werden da sein.
Support: Ilgen-Nur
Tonhalle, München, 12. April 2018
Je länger man einer Band in unbedingter Hingabe folgt, desto mehr nimmt man deren Konzerte in einer zusätzlichen Dimension wahr. Es sind also nicht nur Sound, Licht, Körper, die Aufmerksamkeit beanspruchen, es läuft zu jedem der Songs vor dem inneren Auge auch ein ganz persönlicher Film ab. Zu welcher Zeit, an welchem Ort, unter welchen Umständen und mit wem hat man dieses Stück gehört, wo ist es in der Zeit verankert, mit welcher Bedeutung aufgeladen, was verbindet man damit? Nennen wir es nicht Content, sagen wir Erinnerung dazu. Tocotronic sind so eine Band, sie haben in den fünfundzwanzig Jahren ihres Bestehens eine so große Anzahl dieser erinnerungswürdigen Songs verfasst, daß die Auswahl der Setlist für einen Abend wie diesen nur unvollständig bleiben kann. Und so bleibt auch in der ausverkauften Halle des ehemaligen Partyghettos Kunstpark, das jetzt den etwas verträglicheren Namen Werksviertel trägt, so manche Seite des imaginären Fotoalbums geschlossen und eine andere wiederum öffnet sich überraschenden Einsichten.
Zu den Liedern des aktuellen Albums "Die Unendlichkeit" wird es, zumindest bei den Thirtysomethings im Publikum, noch nicht so viele Sehnsuchtsmomente und Vergangenheitsbezüge geben, dennoch sind sie natürlich auf dieser Tour in der Mehrheit und fügen sich, da sie ja selbst als Tagebuch der Band und vor allem des Sängers Dirk von Lowtzow konzipiert sind, bestens in das Restprogramm ein. Mit der Ouvertüre "Tanz der Ritter" aus Prokofjews Ballett "Romeo und Julia" untermauern die Herren aus Hamburg einmal mehr ihren Ruf als eigenwillige Meister des Diskurspop, danach wird es schnell, hart und laut und die Bildershow kommt ans Laufen - "Let There Be Rock", "Drüben auf dem Hügel", "Kapitulation". Die Menge gibt sich trotz Platzmangels und stickiger Luft angenehm entspannt, von Lowtzows gewohnt exaltierte Gutmütigkeiten werden ebenso begeistert begrüßt wie jedes einzelne der Stücke.
"Es gab noch keine Handys, es war alles Gegenwart", so heißt es im Titelsong der neuen Platte. Und tatsächlich - keine Wand aus hochgereckten Smartphones, auf die man vor der Bühne starren muß, statt dessen Halbgreise (so werden wir wohl andernorts despektierlich genannt), die unter ihresgleichen Spaß am Crowdsurfing finden, ausgelassener Jubel, ja: echte Dankbarkeit, auf beiden Seiten. Selbst die Parolen kommen von Herzen, man ist unter sich und weiß sich vereint in der seltsamen Haßliebe zum Heimatland: "Aber hier leben, nein danke!" Auf den Punkt deshalb von Lowtzows Liebeserklärung, Tocotronic wären nicht denkbar ohne ihre Anhänger, und jeder da unten weiß für sich, daß dieser Satz in der Umkehrung genauso gilt. Schnell noch eine WhatsApp an die Daheimgebliebenen, irgendwas mit "Sehnsucht" und "better than ever" (sorry, über die Schulter gespickt), dann besselten Blickes zurück in's Getümmel, noch mal ein Kübel Spott für "Freiburg" - aus. Sie haben, es war deutlich zu hören, "bis zum nächsten Mal" gerufen am Schluss. An uns soll's nicht liegen. Wir werden da sein.
Mit Verwunderung nehmen wir zur Kenntnis ... [6/18]
... dass sich auch in der Sparte Bandfotografie nicht wirklich Bahnbrechendes getan hat. Es ist ja nun mal so, daß Promotionbilder seit Anbeginn der Welt - oder besser: seit Anbeginn der Rock- und Popkultur, zur lästigen Pflichtübung gehören. Keine und keiner weiß so recht, wohin mit sich, aber es muß halt gemacht werden um der lästigen Fans und Verkäufe wegen und so sind über die Jahrzehnte Unmengen von Einzel- und Gruppenportraits entstanden und nur ein Bruchteil davon ist halbwegs originell oder unterhaltsam. Der Rest gliedert sich in die folgenden Kategorien (kein Anspruch auf Vollständigkeit): Gelangweilte Herumsteher bzw. -sitzer, knüppelharte Faustrecker und Zähnefletscher, gutgelaunte Spaßvögel, bierernste Nihilisten, düster verhangene Grabpfleger und sexuell maximal aufgeladene Testosteron-MonsterInnen.
Ja, und die Jumper. Dieses Phänomen hat eine gewisse Tradition in der Press-Pic-Historie, wird heutzutage allerdings hauptsächlich von männlichen Vertretern höherer Semester wahrgenommen, die ihre damit eigentlich auf ihren Elan, eher aber doch auf die Fähigkeit zu jugendlichen Spontanbewegung (Stichwort: Arthrose) hinweisen wollen. Bezeichnenderweise sah das zu Zeiten, da Stones, Beach Boys, Beatles oder auch Pink Floyd (letzte beide siehe oben) in der Gegend herumhüpften, noch recht komisch aus, heute aber, da es wie gerade seltsam deckungsgleich von Franz Ferdinand und Ash praktiziert, wirkt es immer ein wenig peinlich resp. albern. Darauf eine Runde House of Pain.
Ja, und die Jumper. Dieses Phänomen hat eine gewisse Tradition in der Press-Pic-Historie, wird heutzutage allerdings hauptsächlich von männlichen Vertretern höherer Semester wahrgenommen, die ihre damit eigentlich auf ihren Elan, eher aber doch auf die Fähigkeit zu jugendlichen Spontanbewegung (Stichwort: Arthrose) hinweisen wollen. Bezeichnenderweise sah das zu Zeiten, da Stones, Beach Boys, Beatles oder auch Pink Floyd (letzte beide siehe oben) in der Gegend herumhüpften, noch recht komisch aus, heute aber, da es wie gerade seltsam deckungsgleich von Franz Ferdinand und Ash praktiziert, wirkt es immer ein wenig peinlich resp. albern. Darauf eine Runde House of Pain.
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