Mittwoch, 13. Juli 2016

BANKS: No means no

"I fuck with myself and not anybody else" - nun, wie soll man diese Zeile wohl verstehen? Als BANKS' Beitrag zur "No Means No"-Kampagne? Das darf sich erst mal jeder selbst überlegen - dazu gibt es jedenfalls ein ziemlich ungewöhnliches Video von Phillippa Price (Pharrell Williams, Rihanna, Alicia Keys) und die vage Ankündigung einer neuen Platte, dem Nachfolger also von "Goddess" aus dem Jahr 2014. Wieder jede Menge Geheimniskrämerei, aber das sind wir von der Dame ja schon gewöhnt...

Von wegen Lisbeth: Aber nicht nur

Von wegen Lisbeth
„Grande“
(Columbia/Sony)

Ist es denn tatsächlich so, dass ein schlechtes, gesamtgesellschaftliches Umfeld (bei Lippenstiften und Rocklängen sollen die wirtschaftlichen Zusammenhänge ja erwiesen sein) der Kunst einen kreativen Schub verleiht? Wenn ja, man traut es sich kaum zu segen, dann dürfen die Zeiten wohl gern so schlimm bleiben, wie sie von vielen herbeigejammert werden. Denn es ist unbestritten, dass gerade in Sachen Rock- und Popmusik hierzulande im Moment ein lobenswert vielfältiges und noch dazu interessantes Angebot vorliegt. Und auch wenn die sympathische Berliner Jungenskombo Von wegen Lisbeth von wütendem Punk um Lichtjahre entfernt und selbst mit verkopftem Diskurspop nur sehr mangelhaft umschrieben ist – Matthias Rohde und Kollegen wissen sehr wohl, wo und wie sie ihre winzigen Nadelstiche setzen müssen, um nicht als beliebig, harmlos oder gar langweilig zu gelten.



Erstes großes Plus: Das Songwriting. Von wegen Lisbeth machen wirklich feine Musik. Nun möchte man meinen, das sei ja selbstverständlich, aber über die Spiellänge von vierzehn Stücken schaffen es ganz sicher nicht viele Bands, die Spannung und Inspiration hoch zu halten, irgendwann kommt unweigerlich ein Hänger – hier nicht. Dabei haben sie die Bandbreite ihres Sounds im Vergleich zu den ersten Veröffentlichungen noch einmal deutlich erweitert, so hört man neben zackigem Gitarrenpop und manch hektischem Rockriff auch hübsche Verweise auf Air oder Arcade Fire, rückt der Brass zum Reggae an und keiner schämt sich, wenn’s mal etwas cheesy oder albern wird, warum auch? Merci, Chérie! Rohdes Stimme tut ein Übriges, den Laden zusammenzuhalten und erklingt dabei in so vielen Facetten, wie es dem Charakter der Musik eben zuträglich ist.

Ganz dick auf der Haben-Seite: Ihr Charme. Selbst wenn sie bissig sind, bleiben die Herren höflich genug, um niemanden allzu sehr vor den Kopf zu stoßen. Getreu dem Motto: Mach doch was du willst, und wenn es uns nicht gefällt, so lass uns bitteschön damit in Ruhe. Foodporn, falsche Freunde, Trendgelaber und Blingbling, Alternativen, die keine sind und sein dürfen – hier wird alles und jede/r auf die Schippe genommen, der Streber mit dem Spermapulli, die Hauptstadt-Hipster, Smartphoner und Besserwisser. Einen Spitzenplatz nimmt dabei, neben den bekannten Singles, natürlich „Der Untergang des Abendlandes“ ein, viel schöner kann man die Stimmungslage im Lande kaum vertonen, herbeigeredet von Schwarzmalern, Facebook-Hatern und selbsternannten Anstandshütern. Ein trauriges Kapitel in hellen Farben gemalt.



Melancholie können die natürlich auch, da stehen sie dann ganz kurz und ganz nah bei den anderen Durchstartern des Sommers, bei Isolation Berlin. Auch die berufen sich gern auf den Dunkeldeuter Sven Regener und seine Element Of Crime und vermutlich findet sich, hört man sich „Penny“ und „Unterm Schrank“ an, auch bei Von wegen Lisbeth die eine oder andere traurige Platte im Schrank. Die Liste der verklärten, provinziellen Sehnsuchtsorte (Schlachtensee, Jenfeld, Jarmen, Delmenhorst, tbc.) wird um den „Bärwaldpark“ erweitert und wieder einmal haben sie einen irritiert. Eine Band für Zwischentöne: Leichte Unterhaltung – aber nicht nur, beschwingte Humoristen – aber nicht nur, lieber Mittel- als Zeigefinger – aber nicht nur, gern nett und nice – aber nicht nur, besser ohne Politik – aber nicht nur. Und bei allem darf man nicht vergessen (gerade hat’s wer geflüstert), dass die Jungs zu alledem auch noch ganz süß aussehen. Stimmt, aber? Eben: Nicht nur. http://www.vonwegenlisbeth.de/

Alle Tourtermine: hier.

Dienstag, 12. Juli 2016

Captions: Dämmerklänge

In den Abend gehts mit geschmeidigem Indierock Marke Band Of Horses und Nada Surf: Das Quartett Captions stammt aus dem südkalifornischen Ventura County und hatte bislang die beiden Singles "Two Step" und "Recording Silence" veröffentlicht. Nun kommt die dritte hinzu, das wunderbare "Bearfights" klingt so gar nicht nach tierischem Kräftmessen, sondern gefällt eher mit verträumten Harmonien - Dämmermusik halt. Das Album "Iterations" folgt dann in Kürze...

Von wegen Lisbeth: Vorschuß

Die Rezi wird nicht mehr lange auf sich warten lassen und, das können wir jetzt schon mal verwegen durchblicken lassen: Dieses Album ist eine Wucht! Von Wegen Lisbeth, kurz und liebenswert VWL genannt, werden mit "Grande" diesen Frei- zum Freutag machen und die komplette Musikjournaille zu Jubelstürmen verzücken (ihre Fans sowieso), die neue Single "Bitch" kommt dazu noch mit einem so unterhaltsamen wie detailversessenen One-Shot-Videoclip daher (der Originaldreh dauerte im Übrigen nur 30 Sekunden). Sehr groß, tatsächlich.

Metronomy: Ein Schritt zurück nach vorn [Update]

Metronomy
„Summer 08“

(Because/Warner)

Die Dinge einfacher zu machen, wenn sie schon einen gewissen Umfang, also eine kritische Masse, erreicht haben, das ist gar nicht so einfach. Im Jahr 2014 hat Joseph Mount zusammen mit seinem Projekt Metronomy und den fabelhaften „Love Letters“ (und im Parallelflug mit der fast gleichzeitig erschienenen Platte „Singles“ der Future Islands) den Pop gerettet, es waren diesen beiden Platten, die den Sommer vorwegnahmen und retteten. Bei aller Begeisterung war da fast in Vergessenheit geraten, dass Mount mit „The English Riviera“ und „Nights Out“ zuvor zwei mindestens ebenbürtige Werke abgeliefert hatte, nur trafen diese eben nicht ganz so auf den Punkt wie die rosaroten Liebebriefe. Ihn schreckt das natürlich nicht und so hat der Mann vom südlichsten Zipfel Englands im Subtext zur neuen Platte gleich mehrere Botschaften untergebracht: Zunächst der Titel Selbst – Mount verweist hier auf seinen letzten freien Sommer, den von 2007, denn ab dem folgenden Jahr füllten ihm der stetig wachsende Erfolg und das Marketing den Kalender und aus war’s mit der Lazyness. Insofern weckt ‘08 also nicht nur die angenehmsten Erinnerungen – für „Summer 08“ aber, das ist bekannt, soll es keine Livetermine gaben.



Simplizität ist die zweite Botschaft – wo „Love Letters“ noch funkelnder Überschwang war, kommt das neue Album wieder als minimalistischer Funkpop daher. Zwei Wochen hat er im heimischen Schlafzimmer an dem Ding getüftelt, dann war’s gut (genug) und fertig. Und klingt dennoch nach viel Spaß und hoher Präzision, Mount ulkt selbst von „musikalischer Pediküre“. Also wieder mehr einfache Elektronik, natürlich 80er-Zitate en masse (Heaven 17 und „Back Together“), etwas Disko (zusammen mit Robyn bei „Hang Me Out To Dry“), später Reggae („Summer Jam“) und viel, viel Gelegenheit, die Knochen kräftig durchzuschütteln. Am besten gelingt das mit der Single „Old Skool“, hier hat sich Mount mit Mix Master Mike aus der Beastie-Boys-Crew ein Idol früherer Tage geholt, zu exaltiertem Gesang gibt es vorzügliche Beats und die besten Scratches vom Altmeister. Ein durchaus gelungenes „Bauchgefühl-Album“ (Mount/Intro) also, vielleicht nicht das nächste Feuerwerk, aber wann bitte gab es denn zuletzt in solcher Rekordzeit einen so großen Packen guter Laune!? http://www.metronomy.co.uk/

Update: Jetzt auch mit aktuellem Video zu "Night Owl" unter der Regie von Quentien Dupieux (Mr. Oizo) und jeder Menge Gemetzel.

Kagoule: Nachspiel

Kaum ist der Festivalsommer am abklingen, drücken die Clubtermine für den Herbst mit aller Macht in den Kalender. Diesmal: Kagoule. Die Band aus Nottingham hat bekanntlich im Sommer vergangenen Jahres ihr Debüt "Urth" vorgelegt und damit auch auf dieser Seite für einige Euphorie gesorgt. Eine neue Platte ist zwar momentan nicht in Sicht, wohl aber eine Kurztournee durch Deutschland - dazu noch einmal die letzte Wortmeldung "Pharmacy".

12.09.  Berlin, Musik und Frieden
14.09.  Hamburg, Goldener Salon
15.09.  Köln, Blue Shell
16.09.  München, Ampere

Crystal Castles: Unkaputtbar

Fans der kanadischen Band Crystal Castles hatten es in den letzten Jahren ganz sicher nicht einfach, niemand wusste genau zu sagen, ob die Band nach Album Nummer drei überhaupt noch existierte und wer um Himmels Willen das Mikro in die Hand nehmen würde. Stand jetzt ist das Duo immer noch ein Duo geblieben, an die Seite von Ethan Kath rückte nun nach der Demission von Alice Glass die neue Sängerin Edith Frances. Der guten Nachrichten nicht genug, es wird am 19. August via Fiction Records ein weiteres Album mit dem Titel "Amnesty (I)" geben, von dem in den letzten Wochen die Tracks "Concrete" und "Femen" ins Netz gelangten und gerade die erste offizielle Single "Char" in Umlauf gegangen ist. Das Salz in der Suppe sind bei den wildgewordenen Elektronikern aber seit jeher die Liveauftritte und davon sind zunächst die vier folgenden geplant.

20.10.  Frankfurt, Zoom
31.10.  Berlin, Columbia Theater
01.11.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
02.11.  Köln, Essigfabrik





Manuela: Vom Brexit genesen

Eine besonders schmerzhafte Form des Brexit ereignete sich Ende letzter Woche, als Franz Ferdinand die Trennung vom (naja: irgendwie doch deutschen) Gitarristen Nick McCarthy bekanntgaben. Persönliche Differenzen, so hieß es, soll es keine gegeben haben, der Junge wollte sich einfach mehr seiner Familie und seinen neuen Projekten widmen und seit heute wissen wir auch, dass das quasi ein und dasselbe ist. Manuela, ein Popduo zusammen mit seiner Frau Manuela Gernedel, steht da wohl an erster Stelle - eine erste Single "Cracks In The Concrete" gibt es hier vorab, die dazugehörige Postkarte (s.o.) vervollständigt die Genesungsgeschichte.

Montag, 11. Juli 2016

Shura: Liebes Tagebuch

Shura
„Nothing’s Real“
(Polydor)

Wer das aus eigener Erfahrung kennt, sollte sich natürlich zuallererst einmal schämen: Der Blick in die Tagebucheinträge Heranwachsender (und seien es auch die der eigenen) ist ja grundsätzlich ein verbotener, schließlich werden hier Dinge niedergeschrieben, die für neugierige Erwachsenenaugen überhaupt nicht gedacht sind, sondern der Vergegenwärtigung, dem Trost, der wehmütigen Erinnerung und der Bewältigung von Wut, Angst und Enttäuschung dienen. Nun ist diese altehrwürdige Tradition in Zeiten der fragwürdigen Zurschaustellung intimster Details in gierigen Online-Netzwerken vor allem bei jungen Menschen gerade nicht mehr so en vogue, um so mehr rührt einen die unverstellte Sicht auf die Gefühlswelt derselben. Und auch wenn Aleksandra Lilah Denton aka. Shura dem Teenager-Alter schon entwachsen ist – ihr Debütalbum gibt einem dennoch das Gefühl, beim Durchblättern sehr persönlicher Notizen ertappt worden zu sein.

Die Tochter einer russischen Schauspielerin und eines britischen Filmemachers hatte ja zunächst andere Ziele im Blick und liebäugelte mit einer hoffnungsvollen Fußballkarriere bei einem namhaften Klub in ihrer Heimatstadt Manchester. Dass Shura dennoch dem musikalischen Talent den Vorzug gab, sollte sich in den kommenden Jahren als gute Wahl erweisen, das aktuelle Album folgt einer großen Zahl verheißungsvoller Singles und kann mit seinem beschwingten Synthpop mühelos einen gleichberechtigten Platz zwischen den Chvrches, La Roux, Robyn und Purity Ring behaupten. 
Von entwaffnender Einfachheit wie erwähnt die Texte.

Denton meidet bewusst alles Verkopfte, Verklausulierte, Metaphern findet man bei ihr ebensowenig wie den großen, gesellschaftlichen Kontext. Es geht hier tatsächlich um nichts anderes als die Niederschrift der (was man unterstellt) eigenen Erfahrungen des alltäglichen Lebens und Liebens, sie dokumentiert Trennungen und Enttäuschungen in all ihren Facetten, singt über die Sprachlosigkeit angesichts auseinanderklaffender Vorstellungen und Wünsche („Tongue Tied“), macht hier dem Gegenüber Mut („Indecision“) und will dort das Unausweichliche nicht sehen („What It’s Gonna Be?“). Es ist der innere Widerstreit aller, die merken, dass die kindliche Sorglosigkeit nicht mehr lange zu haben sein wird („No, I'm no child but I don't feel grown up”/What Happened To Us?), es kann also nicht schaden, etwas länger und genauer hinhören. Vor allem, wenn es so gut klingt wie hier. http://weareshura.com/

13.11.  Berlin, Musik und Frieden
14.11.  Hamburg, Terace Hill
15.11.  Köln, Yuca

Sonntag, 10. Juli 2016

James Leonard Hewitson: Haarige Sache

Weil wir gerade bei Debüt-Singles sind - auch diese hier kann sich hören lassen: James Leonard Hewitson tritt so ein bisschen in die zugegebenermaßen recht großen Fußstapfen von Anti-Folk-Star Adam Green, sein Song "Care Less, Love Less" bringt alles mit, was ein Indiehit so haben muss. Optisch eher ein Wiedergänger von Thurston Moore, steht in seiner Facebook-Timeline unter Auszeichnungen folgerichtig diese: Best Hair 2009. Nun ja, es wird nicht sein einziger Erfolg bleiben, wenn er so weiter musiziert, unterstützt wird er im übrigen von vier weiteren Musikern und stammt aus dem englischen Hafenstädtchen Hartlepool.

Ängie: Rauchzeichen

In Übersee würden Name, Titel und Song mit einer endlosen Aneinanderreihung von Bleeps den Hörgenuß mächtig einschränken, nicht so hier: Auch wenn sich hinter Ängie ein styleverliebtes It-Girl aus Stockholm verbergen sollte, ihr Track "Smoke Weed Eat Pussy" hat es in sich und hämmert das Wochenende ganz gut dem Ende entgegen - “I hit the blunt like I’m Slim Shady, cause I’m a mother-fucking lady.” Sei's drum!

Samstag, 9. Juli 2016

Le Butcherettes: Sturmwarnung

Noch eine Kurztournee, die sich fast vorbeigemogelt hätte: Im letzten Jahr gehörte "A Raw Youth" der Le Butcherettes nicht nur hier zu den heimlichen Favoriten - der Garage-Punk des Trios aus Guadalajara in Mexiko war so herrlich wild und wütend wie selten etwas in dieser Zeit. Um so erfreulicher, dass Teri Gender Bender, Chris Common und Riko Rodríguez-López nun für den Herbst ein paar Clubtermine nachschieben.

21.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
22.09.  Berlin, Cassiopeia
23.09.  Köln, Artheater
01.10.  Stuttgart, Kellerklub
04.10.  München, Kranhalle
05.10.  Wien, B72

Freitag, 8. Juli 2016

Wild Beasts: Nahtloser Übergang [Update]

Das letzte, was wir von den Wild Beasts zu sehen bekommen haben, war die Intonation ihres großartigen Hits "Wanderlust" auf der Riesenorgel der Royal Festival Hall - was auf den ersten Blick anmaßend erscheint, ist angesichts der Qualität ihres letzten Albums "Present Tense" nur folgerichtig. Nun haben die Briten endlich das Nachfolgewerk benannt, "Boy King" soll am 5. August bei Domino Records erscheinen und die erste Single "Get My Bang" fügt sich schon mal nahtlos in den Reigen der letzten Großtaten ein.

24.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
16.10.  Köln, Luxor
20.10.  Berlin, Kesselhaus
23.10.  Zürich, Rote Fabrik

Update: Zweite Single, zweiter Clip - diesmal "Big Cat", bittesehr.



Donnerstag, 7. Juli 2016

The Julie Ruin: Warnung auf Wiedervorlage

The Julie Ruin
„Hit Reset“
(Hardly Art)

Es ist so eine Sache mit dem Respekt. Selbst schon lang in die Mühlen und Mühen des Alltäglichen abgetaucht, in der eigenen Spießigkeit (auch gern neues Familienbild genannt) gefangen, fordert man von den einstigen Idolen der bewegten Jugend – wenn es denn eine war – immer noch die Authentizität und Unangepasstheit ein, die man selbst zu leisten kaum noch imstande ist. Schwierig. Wie gut tut es da zu hören und zu sehen, dass es durchaus Menschen gibt, die wenn auch nicht zum Starschnitt, so doch noch zum Vorbild der Ü40-Generation taugen, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Kathleen Hanna beispielsweise war immer schon eine unbequeme, wütende Göre, sie hat den Feminismus und das weibliche Rollenverständnis, ob nun mit Bikini Kill, Le Tigre oder auch solo, zuweilen schneller vorangebracht als manche verfilzte Prinzipienreiterin. Und tut es noch.

Hanna litt die vergangenen Jahre an einer das Nervensystem und die Gelenke angreifenden Infektionskrankheit, auch wenn sie zum jetzigen Zeitpunkt geheilt scheint, so fühlte sie sich dennoch, wie sie sagt, zum zweiten Mal in ihrem Leben (nach ihrer recht wilden und oft komplizierten Jugend) in einem fremden Körper gefangen, von Ausgeglichenheit und Zufriedenheit keine Spur. Das letzte Album “Run Fast” läßt sich mit diesem Wissen als bewusste Ablenkung und Hilfeschrei zugleich deuten, mit “Hit Reset” will sie nun den Neuanfang wagen und, den Ehrgeiz hat sie noch immer, andere dazu ermuntern. Und legt sich dabei mächtig ins Zeug. Die neue Platte ist noch lauter, noch bissiger und wütender als der Vorgänger, sie dröhnt und kreischt wie zu seligen Punkzeiten und sollte all den stylischen Spicegirlies, die es (Ironie der Geschichte) ohne die Riot Grrrls nicht gegeben hätte, eine Mahnung auf Wiedervorlage sein.

Dabei geht es einerseits natürlich um das eigene, selbstbestimmte Ich, das mit “I Decide”, den schiefen Gitarren und wummernden Bässen besser nicht befeuert und angespornt werden könnte, um klare Entscheidungen (“I’m Done”) und ein paar mehr oder weniger ernst gemeinte Ratschläge (“Be Nice”, “Hello Trust No One”). Die Männerwelt bekommt die erwartete, sarkastische Breitseite (“Mr. So And So”, “Planet You”) oder wird aus Sicherheitsgründen besser gleich wieder nach Hause geschickt (“Rather Not”), Hannas Lyrics sind amüsant und scharf geschnitten zugleich und haben an Relevanz kein bisschen verloren. Tröstlich dabei, dass auch sie Zugeständnisse machen musste und daraus ihre eigene Lehre zog – so sagte sie kürzlich über die Arbeit mit ehedem verhaßten Majorlabels der SPIN: “ I learned that they’re not an impenetrable wall that nobody can get through, and there are a lot of good people that work at them and there’s a lot of really stupid executives. But I couldn’t complain about it until I knew more.“

Das eindrucksvollste, weil unerwartet anrührende Lied ist ihr und der Band mit dem Schlußstück „Calverton“ gelungen, benannt nach dem Landstrich, in dem sie einige Jahre ihrer Kindheit verbracht hat. Zu dramatischem Piano besingt Hanna hier die Liebe zu ihrer Mutter, die sie zu der gemacht habe, die sie heute ist: „It was really about my mom and her being the person who I always knew was there for me and loves me. If I didn’t have that, I just know I wouldn’t be alive today … part of me is this beautiful, hilarious, funny mom, who didn’t have the skills to get out of a situation and loved me very much, and is the reason why I do what I do. Every time anything good happens to me, I know it’s because of her.“ (SPIN) Viel näher als in diesem Song ist man dieser zornigen, klugen und nicht selten erstaunlich humorvollen Frau selten gekommen, nicht nur deshalb ist dieses Album der reinste Grund zur Freude. http://www.thejulieruin.com/

27.11.  Berlin, Columbia Theater



Mittwoch, 6. Juli 2016

Pixies: Kopfgesteuert

So kann der Tag beginnen: Die Pixies werden nach "Indie Cindy" (2014) ein neues Album veröffentlichen - "Head Carrier" soll am 30. September bei PIAS erscheinen und zwölf neue Stücke enthalten, eines davon nennt sich "Um Chagga Lagga" und kann unten angehört werden. Livetermine in Deutschland sind für den Herbst zunächst keine bekannt, näher als bis nach Wien (15.11.) und Prag (17.11.) rücken Frank Black und Kollegen also nicht vor - wer möchte, kann aber noch schnell einen Kurztripp nach Berlin planen, dort spielen sie am 18.07. in der Zitadelle und es gibt angeblich sogar noch ein paar Tickets.

Dienstag, 5. Juli 2016

All diese Gewalt: Welt in Klammern

Da wird es nicht viel Widerspruch geben - Die Nerven aus Stuttgart gehören zu den interessantesten Bands, die in den letzten Jahres in Deutschland zu hören waren und natürlich immer noch sind, erst im vergangenen Jahr ließ "Out", Album Nummer drei, aufhorchen. Einer der drei Jungs, Max Rieger, ist seit 2013 auch mit einem Nebenprojekt befasst - All diese Gewalt ist deutlich elektronischer gehalten, Dronesounds meets Noiserock oder so ungefähr. Via Staatsakt soll nun am 23. September das zweite Album erscheinen, "Welt in Klammern" enthält zehn neue Stücke, eine Tour ist ebenfalls angekündigt. Bis zu einer offiziellen Hörprobe muss man sich noch etwas gedulden, älteres Material für den ersten Eindruck kann sich wer möchte aber schon mal bei Bandcamp oder mit Soundcloud draufschaffen.

18.10.  Hamburg, Golem
19.10.  Essen, Hotel Shanghai
20.10.  Köln, Arttheater
21.10.  Frankfurt, Mousonturm Studio
22.10.  Import/Export
24.10.  Berlin, Roter Salon

Jamie xx: Formation

Für ein bloßes Update viel zu schade: Seit Tagen schon ist das neue Video zum alten Song von Jamie xx online, nur hierzulande tat man sich aus bekannten Gründen mit dem Empfang etwas schwer. Das sollte nun besser werden, denn das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen. "Gosh" hatte ja schon im Mai vergangenen Jahres eine Art Spacenight von Eric Wernquist verpasst bekommen, das war dem quirligen Genie offenbar nicht ausreichend und so hat nun Romain Gavras (Justice, M.I.A., Jay-Z, Kanye West) eindrucksvoll nachgearbeitet - hier also nun der zweite Streich.

Dicht und Ergreifend: Filmreif

Sie sind auch in diesem Sommer wieder auf zahlreichen Festivals, Open Airs und Gäubodenfesten unterwegs, sie nicht zu kennen wird also selbst außerhalb Bayerns von Tag zu Tag schwieriger. Im Mai vergangenen Jahres ist das Debüt "Dampf der Giganten" von Dicht und Ergreifend erschienen, seit heute gibt es einen neuen Clip und zwar zum Song "Wandadoog" mit den Woidperchten Hauzenberg, sattem Grusel, viel PS und fetten Beats. Und im anschließenden Serviceteil noch einmal die aktuelle Tour zum Mitschreiben.

08.07.  Dingolfing, Dingfest
10.07.  Krailing, KULT-Art Festival
16.07.  Rosenheim, Sommerfestival
22.07.  Freiburg, ZMF
24.07.  München, Tollwood
29.07.  Oberammergau, Heimatsound-Festival
30.07.  Megesheim, Der Krater Bebt Festival
31.07.  Varel, WATT EN SCHLICK FESTIVAL
05.08.  Horb am Neckar, MINI-ROCK FESTIVAL
06.08.  Eching, BrassWiesn
11.08.  Rothenburg ob der Tauber, Taubertal Festival
12.08.  Kainzing, FREE TREE OPEN AIR
20.08.  Hamburg, Dockville
26.08.  Aldersbach, Brauerei Aldersbach
27.08.  Zugspitze, Festival am Wank
03.09.  Edling, Kuhgarten Open Air
17.09.  Mehring, Schacherbauerhof
22.09.  Hamburg, Reeperbahnfestival
23.09.  Augsburg, Kantine
30.09.  Obertraubling, Eventhalle
04.10.  Wien,  B72
05.10.  Linz, Posthof
07.10.  Waging am See, ZELTLN
08.10.  Würzburg, B-Hof
09.10.  Köln, LUXOR
10.10.  Frankfurt am Main, Elfer
16.10.  Berlin, Badehaus
28.10.  München, Circus Krone

Montag, 4. Juli 2016

Bat For Lashes: Traum meets Trauma

Bat For Lashes
„The Bride“

(Parlophone)

Es geht hier also nicht um irgendwas. Es geht ums große Ganze. Um die unabdingbare Entscheidung für den anderen, gegen jeden Zweifel, ohne Netz und Sicherungsseil, kurz: um die Ehe. Natasha Khan hat sich für ihre vierte Platte bewusst eines ziemlich unpopulären Themas angenommen und daraus ein komplettes Album in Szene gesetzt. Der Bund für’s Leben ist ja zumindest in westlichen Ländern einigermaßen verrufen, weil altmodisch und unzeitgemäß, passt nicht so ganz zum wachsenden Selbstverwirklichungsdrang, zu all den wunderbaren Versprechungen und Verheißungen, die das bunte Leben aus Speed-Dating, Tinder und Optimierungsangeboten bereithält. Verbindlichkeit ist out, Oberfläche rules, jeder ist sich selbst … etc. Dagegen die Geschichte einer Braut, deren Bräutigam (Joe) auf dem Weg zum Traualtar bei einem Autounfall ums Leben kommt – erst „Save-The-Date“-Kärtchen, erst „Till Death Do Us Part“, Traum in Weiß und „I Do“, dann Trauma, Trauer, Schockstarre, Selbstvorwürfe, Sehnsüchte und zögerliches Weiterleben.


Was treibt sie dazu? Khan ist Kind einer Britin und eines pakistanischen Muslimen, die Eltern sind geschieden und haben ihr dennoch ein Bild von der Ehe vermittelt, das sie, wie sie selbst sagt, im positiven Sinne stark geprägt hat. Eine weitere Pointe: Ihr Vater hatte kurzzeitig vor, seine Natasha den Glaubensregeln gemäß einer Zwangsheirat zuzuführen, erst als seine Frau und die Tochter lautstark und wütend protestierten, nahm er davon Abstand. Genug erlebt also, um ihre Erfahrungen auf dieser, ihrer Bühne zu verarbeiten, um die Erlebnisse in der heutigen Gesellschaft zu reflektieren und die eigene Meinung zu justieren. “In all relationships you have this romantic ideal at the beginning, and all of these projections and Cinderella ideals that you’ll meet someone who’ll satisfy your every need, then once you get married you’re off the hook and they’ve rescued you – everything’s going to be fine”, sagte sie dem Portal Gigwise in einem Interview, “Deep down, we all have that wish that someone else will do the work for us, of keeping us happy forever. It’s a high price to pay and expectation to have.”



Der Verlust jeglicher Illusion, jeglicher Romantik durch den Tod des Partners – sie fährt harte Geschütze auf und schickt die Protagonistin auf eine kathartische Reise, die zuweilen wie ein Höllentrip anmutet. Allein an den Plätzen, die sie zu zweit besuchen sollten, fällt die Braut auf sich selbst zurück, hadert mit Zweifeln, stößt Verwünschungen aus und fühlt sich verlassen von allem und jedem. Je trüber und trostloser die Situation, desto zurückgenommener und bedrohlicher die Musik dazu, abgesehen vom technoiden Flackern des Tracks „Sunday Love“ und der synthetischen Irrlichterei von „In God’s House“ ist hier alles ein Raunen, Barmen, Sirren und Dräuen, gibt es Engelschöre, Harfentöne und allerlei Geräuschgrollen.

Bewusst sucht Khan die Nähe zu Vorbildern wie Björk und PJ Harvey, mehr denn je entfernt sie sich wie diese vom Liedhaften und der Idee der bloßen Unterhaltung. Zusammen mit den Langzeithelfern Simone Felice, Dan Carey und Ben Christophers gelingt ihr so ein einigermaßen schwer verdauliches, düsteres Werk, kaum zu vergleichen mit den weitaus poppigeren Stücken des Vorgängers „The Haunted Man“. Eine klare Ansage gibt es auch dazu: „It’s liberating to make an album that’s just a story-telling piece and inhabits a different universe to the ‘radio world’. But I’m still proud of it and feel that people might understand it.” Und auch wenn man so leicht den Eindruck bekommen könnte, sie und ihr Alter Ego Bat For Lashes wären fürchterlich kompliziert – das möchte sie dann doch noch erwähnt haben: “There’s definitely a witch in me, but like anyone being I’m very complex – but in my general day to day life I love a cup of tea and an episode of Girls. I’m only human after all.” http://www.batforlashes.com/

Fotos: Neil Krug

Freitag, 1. Juli 2016

Blood Orange: The wizard

Blood Orange
„Freetown Sound“

(Domino)

Es gibt ja kaum Peinlicheres als Männer, die sich selbst zu Feministen ausrufen, nur weil sie eine knappe Stunde allein im Zimmer mit ihrem Neugeborenen überlebt haben (und anschließend die Babykotze am Shirt über Tage wie eine Auszeichnung umhertragen) oder an der Fleischtheke seit Neuestem geschnittene Gelbwurst ohne zu stottern bestellen können – Fremdscham rules. Respekt deshalb für einen wie Dev Hynes. Dieser Mann macht auf seinem neuen Album gleich mal richtig Platz für jede Menge stimmgewaltiger Frauen, die natürlich auch thematisch bestens zu seiner Sicht der Dinge passen. Und diese ist auf der einen Seite – nicht so ungewöhnlich für einen schwarzen, englischen Musiker in New York mit westafrikanischen Wurzeln – ausgesprochen neugierig und weltoffen, auf der anderen Seite aber, bedingt durch seine eigenen Erfahrungen, sehr kritisch gegenüber den gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre. Es überrascht also nicht wirklich, dass Themen wie Rassismus, Geschlechtergleichheit, Genderdebatte, soziale Ungerechtigkeit bei ihm den Ton angeben.

So vielfältig die Einflüsse, so reichhaltig das Angebot, das er auf seiner Platte mischt. Hynes selbst betrachtet „Freetown Sound“ ja eher als sehr persönliches Mixtape verschiedenster Stile, er liebt Samples und selbstaufgenommene Stimmsequenzen, afrikanische Rhythmen, Latinosounds, Raps, Dance, Disco, Jazz, Soul sowieso und auch schmachtenden Pop. Gemeinsam mit Ava Raiin, Kelsey Lu, Debbie Harry, Lorely Rodriguez, Zuri Marley, Nelly Furtado und Carly Rae Jepsen wird daraus ein irre funkelnder, flirrender Klangkosmos und natürlich sind es ganz bewußt die weiblichen Stimmen, die ihm zur Geltung verhelfen: “I use women singers because there’s a lot of emotions that I want that I can’t get to. The woman’s voice, and not necessarily just her singing voice, is powerful and needs to be heard. It’s the most important voice in general, and that can’t be denied“ – Furchtlosigkeit, Wut, Trauer, Sexyness und vieles mehr kommen so mächtiger denn je zu Gehör.

Es sind zwei Dinge, die das Klangbild der siebzehn Stücke vornehmlich bestimmen: Auf der einen Seite verwendet Hynes Drums und Percussions in beeindruckender Vielfalt und Schattierung, zum anderen gerät ihm vieles ausgesprochen smooth – wo „E.V.P.“ den ausgelassenen Funk der 70er von der Leine läßt und „Augustine“ Synthpop mit viel Drive bietet, kommen das Cover von Eddy Grant’s „Come On Let Me Love You“ („Love Ya“) und das traumhafte „Hadron Collider“ butterweich daher. Flickenteppich, Wundertüte, Bonboniere, Kaleidoskop – man kann es nennen wie man will, wenn man nur nicht vergisst, wie großartig der Mann seine Schaffenslust und Genialität in die richtigen Bahnen zu lenken versteht. Solche Platten können verunsichern, nerven, überfordern – diese hier sollte vor allem eines wie so leicht keine zweite: Begeistern.