Freitag, 17. Juni 2016

Red Hot Chili Peppers: Drohung statt Dröhnung

Red Hot Chili Peppers
„The Getaway“
(Warner Bros.)

An den ganzen Rummel drumherum hat man sich ja in den letzten Jahren schon gewöhnt, streicht man die Hälfte davon, reicht’s immer noch aus. Flea, der Bassist der Red Hot Chili Peppers, war kürzlich in einem Interview zwar klug genug, die beliebte Floskel vom ‚besten Album ever‘ zu vermeiden, wurde aber nicht müde zu betonen, welche neuen Möglichkeiten der Band mit dem Wechsel von Rick Rubin, dem altgedienten Produzenten, zu Brian Burton alias Danger Mouse offengestanden hätten. Vielschichtiger, abwechslungsreicher, elektronischer sei sie so geworden, die neue Platte – Attribute, die man problemlos unterschreiben kann. Allerdings vergaß der gute Mann zu erwähnen, dass Burton das Quartett auch zur Bravheit verführt hatte und ihnen mithin fast jede Bissigkeit austrieb.

Nun gibt es kaum etwas, das so lächerlich wirkt wie alte Männer, die sich in schlecht gespielter Berufsjugendlichkeit an der Coolheit und dem ehrlichen Zorn nachfolgender Generationen versuchen (insofern war man direkt froh, dass sich Fleas Verletzung auf dem Snowboard vor einigen Monaten nicht als Promofake erwies) – aber ein wenig mehr von der früheren Kantigkeit, vom wütenden Turbofunk hätte es dann schon sein dürfen. Die Peppers sind ja seit längerer Zeit dabei, ihr Repertoire gekonnt zwischen den hibbeligem, bassgeführten Hooks und den hübschen, gefühlvoll abgebremsten Balladen auszubalancieren, wie es scheint, haben sie es für die aktuelle Scheibe damit etwas übertrieben.

Denn neben den fraglos feinen Popmomenten des Titelsongs und der Vorabsingles „Dark Necessities“ und „We Turn Red“ gibt es doch recht viel Durchschnitt zu hören. Songs, die sich nicht entscheiden können, ob sie rocken oder rühren sollen, hier ein paar Handclaps, dort traurige Trompeten, dazu gefälliges Gitarrenspiel, das gut klingt, aber kaum packt. Platz auch für gefühlige Surfmetaphern („The Longest Wave“) oder romantische Maschinenliebe („Go Robot“), ganze zwei Stücke nur („Detroit“/“This Ticonderoga“) gehen ihren Part mal mit der gewünschten Härte an, die entfernt an frühere Großtaten zu Zeiten von „Mother‘s Milk“ oder „Blood Sugar Sex Magic“ erinnert.

Zu wenig für die einen, ausreichend für jene, die die quirligen Kalifornier eher für deren kommerziellen Chart-Topper „Under The Bridge“ verehren – der Song hängt ihrer Karriere im Guten wie im Schlechten wohl auf ewig nach, erwies er sich doch als Türöffner zu bislang unerreichten Käuferschichten. Dass Anthony Kiedis und Kollegen weit davon entfernt sind, zur Sparte Altherrenrock gerechnet zu werden, konnte man gerade bei ihrer Performance bei Rock am Ring erleben, als unfreiwillige Andeutung oder gar Drohung in dieser Richtung darf wer möchte die neue Platte aber schon verstehen. Schließlich wären sie nicht die ersten, die den richtigen Zeitpunkt für den Absprung verpassen und Jahre darauf noch mit dem immergleichen Hit-Medley hausieren gehen. Das, so wollen wir hoffen, werden sie uns und sich selbst ersparen. http://redhotchilipeppers.com/

Donnerstag, 16. Juni 2016

Swans: Kein Ende, nirgends

Swans
„The Glowing Man“

(Mute Records)

Braucht es da noch irgendeinen Superlativ? Seit sich die Swans unter dem Vorsitz ihres so genialen wie streitbar sturköpfigen Frontmannes Michael Gira im Jahr 2010 zur Reunion entschlossen, haben sie in regelmäßigem Abstand vier Alben von wahrhaft monumentalen Ausmassen veröffentlicht. Nimmt man die vorangegangenen Arbeiten seit der Gründerzeit hinzu, hat die Band mit Sicherheit einige der lautetsten, düstersten, längsten und eben auch der körperlich anstrengendsten Songs hervorgebracht, deren Erscheinen stets die immergleichen zwei Fragen nach sich zog: Wer spielt so etwas? Und: Wer hört sich das überhaupt an? Und zwar am Stück? Allein das aktuelle Werk misst in der Summe gute zwei Stunden Spielzeit und gleicht – da stapelt man sicher nicht zu hoch – einem musikalischen Fegefeuer, das Gira als Inkarnation der vier apokalyptischen Reiter in Personalunion mit Dreizack, Waage und  Flammenschwert begleitet.

Und natürlich braucht es Geduld und Nehmerqualitäten, sich durch die acht Stücke dieser Platte zu kämpfen. Viel Zeit, sich auf das anstehende Inferno vorzubereiten, wird dem Zuhörer dabei nicht gelassen, schon zur Hälfte des Openers “Cloud Of Nothing” setzen die wuchtigen Drums und der bohrende Gitarrenlärm ein, begleitet von Giras gewohnt kehligem Hadern und Schreien – mit den Worten “I am blind” übergibt er an “Cloud Of Unknowing”, einem wahren Ungetüm aus größenwahnsinnigen Bläsern, sirenenartigen Begleitchören und allerlei brachialem Gehämmer. Ganze vier Mal variiert das Tempo, um ganz am Ende zu feingliedrigem, entspanntem Jazz überzuwechseln – ein Überraschung, die der Band mit Sicherheit diebische Freude bereitet hat, ein Fadeout mit einer Länge, aus der anderswo ein, zwei eigenständige Nummern gearbeitet werden.

“The World Looks Red” verweist dann auf einen alten Sonic-Youth-Song, den Gira zu Zeiten von “Confusion Is Sex” für Thurston Moore geschrieben hat, die Swans entwickeln hier einen Drive wie die Bad Seeds früheren Datums. “Frankie M.” wiederum war schon auf der letzten Konzertreise fester Bestandteil des Programms, nach chaotischem Beginn treffen sich hier hypnotischer Noise und wummernde Beats zum Dauergewitter. Anschließend: Auftritt Jennifer Gira, der Ehefrau des Chefs – “When Will I Return” kommt als traurig-bittere Abrechnung einer Vergewaltigung daher, dunkel, brutal, und trotzig: “I’m alive, I’m alive, I’m alive …” wird sie nicht müde zu singen. Auch das sicher, nach dem bedauernswerten Abgang von Jarboe, eine Bereicherung.

Der Titelsong als Finale. Eine knappe halbe Stunde als wilde, dampfende Jagd, der Prediger, sein Chor und das Orchester der Offenbarung. Kurze Pausen zum Atemholen, aber sonst immer weiter, Gira glüht nicht nur, er brennt lichterloh und treibt alle anderen vor sich her. Es ist, so hat er zuvor gesagt, die letzte Platte der Swans in bisheriger Besetzung, es bleiben also nur noch diese Stücke und ein paar Termine im Herbst, die alten, aber ruhelosen Helden noch einmal zu sehen. Ob er versöhnt, ob er zufrieden ist, wer weiß das schon – den Abschluss “Finally Peace” sollte man da, auch wenn er vergleichsweise ruhig daherkommt, nicht allzu wörtlich nehmen. Gira ist ein Ruheloser, er wird sich bald aufraffen und, ob solo oder mit neuer Band, Unmögliches versuchen. Und wir werden dabei sein. http://swans.pair.com/

17.10.  Hamburg, Kampnagel
18.10.  Berlin, Huxley's Neue Welt
22.10.  Wien, Arena
23.10.  Graz, Orpheum Extra
28.10.  Basel, Kaserne
29.10.  Vevey, Rocking Chair
30.10.  Bern, Reitschule Dachstock
10.11.  Köln, Gebäude 9
11.11.  München, Feierwerk
12.11.  Wiesbaden, Kulturzentrum Schlachthof

Chino vs. Eduardo: Kampf der Giganten

Okay, das geht auch optisch mehr und mehr zusammen, aber die größte Gemeinsamkeit spielt sich eher auf einer tektonischen Ebene ab: Chino Moreno, Sänger der Deftones, hat sich als besondere Attraktion für seinen Auftritt beim diesjährigen Secret Solstice Festival im isländischen Reykjavík einen sehr speziellen Ort für die Performance ausgesucht - für zwanzig ausgewählte Fans will der Frontmann im Inneren des Vulkans Thrihnuagigur singen. Und da kommt einem doch schnurstracks der Bösewicht Eduardo, genannt "El Macho", aus dem Animationsfilm "Despicable Me 2" in den Sinn. Der nämlich hat sich seinersteits auf einem Hai festketten lassen und ist mitsamt diesem in einen feuerspeienden - na: Vulkan geflogen. Hammerparallelen, Karamba!

Mittwoch, 15. Juni 2016

Pascal Pinon: Auf ihre Weise

Okay, mit dem unglaublich coolen Auftritt des isländischen Nationalkeepers Hannes Halldorsson gestern Abend in Saint-Etienne gegen die einigermaßen arroganten Portugiesen haben Pascal Pinon nicht allzu viel gemeinsam. Aber es passt dennoch ganz gut zur momentanen Sympathiewelle, die den wehrhaften Insulanern entgegengebracht wird, dass die Schwestern Ásthildur und Jófríõur Ákadóttir aus Reykjavík auf gänzlich andere Art die Herzen ihrer Zuhörer zu erobern wissen. "53" heißt der berückende Song, mit dem die beiden ihr neues, drittes Album "Sundur" (VÖ 26. August, Morr Music) ankündigen.

Mourn: Mitlachen

Mourn
"Ha, Ha, He."

(Captured Tracks)

Dann, wenn alles verzwirbelt, verästelt und verziert wird, tut es gut, zur Abwechslung ein wenig der Handarbeit zuzuhören. Das könnte zum Beispiel wieder die Stunde der katalanischen Band Mourn sein - naja, zumindest kommen Jazz Rodríguez Bueno (Gesang) und Carla Pérez Vas (Gitarre), Antonio Postius (Drums) und Leia Rodríguez (Bass) aus Barcelona und mit ihrem selbstbetitelten Debüt haben sie schon 2014 für berechtigte Aufmerksamkeit gesorgt. Nun also geht der Nachfolger in die Spur und es ist unschwer zu erkennen, dass die vier nichts von ihrer Kantigkeit verloren haben. Die zwölf kurzgehaltenen Stücke des Albums rocken ordentlich geradeaus, schon beim Intro "Flee" wird klar, dass sich das Quartett erneut der Maxime "maximale Wirkung mit einfachen Mitteln" treu geblieben ist, schon hier werden die harschen Gitarrenakkorde so stur auf Wiederholung gesetzt, daß man meint, das Ausgabegerät habe einen Schluckauf. Neben den schnellen Krach haben Mourn auch ein paar trägere Nummern wie "The Unexpected" und "Storyteller" gestellt, natürlich findet sich auch das im Vorfeld schon begutachtete "Gertrudis, Get Through This!" auf der Platte. An Humor fehlt es ihnen ohnehin nicht, denn schon der Albumtitel ist ja einem Gedicht aus William Blakes Sammlung "Songs Of Innocence And Experience" entlehnt - im "Laughing Song" heißt es dort vergnügt: "When the painted birds laugh in the shade, where our table with cherries and nuts is spread, come live, and be merry, and join with me, to sing the sweet chorus of 'Ha, ha, he!'" https://mournct.bandcamp.com/

Tiergarten: Seltsame Affinität

Von Oslo bis Bahnhof Zoo ist es nicht nur rein kilometertechnisch ein weiter Weg, allerdings scheint sich die Bedeutung des Ortes auf im hohen Norden herumgesprochen zu haben. Darf man jedenfalls vermuten, wenn sich eine Band Tiergarten nennt. Kann aber auch ganz was anderes zu bedeuten haben. Jedenfalls ist Mats Rybo als Songschreiber für die Kapelle Katzenjammer wohl selbst auf den Geschmack gekommen und hat so zusammen mit Anne Marit Bergheim, Odd Kristian Svedal, Stian Sveen und Trine Skullestad Holland selbige Formation ins Leben gerufen - die erste Single nennt sich auch noch (er hat es wohl mit der deutschen Sprache) "Der Zorn Gottes". Klingt dann aber gar nicht so böse ...

Peter Bjorn And John: Im Bällebad [Update]

Peter Bjorn And John
„Breakin‘ Point“

(Ingrid)

So sind sie die Schweden – überlassen nichts dem Zufall. Schon gar nicht in Sachen Pop, denn den nehmen sie da oben so ernst wie kaum etwas sonst. Peter Morén, Björn Yttling und John Eriksson hätten es auch machen können wie Will Freeman in Nick Hornby’s Roman “About A Boy” – der antriebslose Mittdreißiger ernährt sich von den Tantiemen eines Weihnachtshits seines Vaters, diesen müßte man also einfach durch “Young Folks”, den Alltime-Chart-Topper der drei ersetzen und fertig wäre die Pointe. So einfach geht das natürlich nicht, denn zum einen haben PBJ ja nicht nur eine Single, sondern mittlerweile sieben Alben abgeliefert und desweiteren haben sie auch gar keine Lust, sich auf den Lorbeeren früherer Tage auszuruhen. Ganz im Gegenteil: Für “Breakin’ Point” haben Morén, Yttling und Eriksson sich extra Räumlichkeiten unweit einer historischen Wirkungsstätte eingerichtet – dem Tonstudio von Abba im Stockholmer Stadtteil Djurgarden, just um dort ihrerseits das eigene Label Ingrid unterzubringen.

Auf diesem ist nun nach fünfjähriger Pause also der Nachfolger für „Gimme Some“ erschienen und es überrascht nicht, dass dieser ähnlich gut funktioniert wie der bzw. die Vorgänger. Textlich mögen die drei Herren vielleicht etwas nachdenklicher gestrickt sein, ihre Musik basiert auf dem Prinzip, mit dem auch Bällebäder ihre kleinegewachsene Kundschaft magisch anziehen: Buntes in großer Vielfalt, nirgendwo scharfe Kanten, an denen man sich wehtun könnte und die deshalb jede und jeden dazu einladen, gutgelaunt im Überfluss unterzutauchen. Die Plastikkugeln heißen hier „Dominos“, „Do-Si-Do“ oder „Nostalgic Intellect“ und klingen mit ihrer Mischung aus Electropop, Soulanklängen der 70er und Eurodance gewohnt ausgelassen und spaßbereit.

Für die Betreuung des vergnüglichen Treibens haben sich PBJ im Übrigen eine ganze Reihe illustrer ‚Erziehungsberechtigter‘ an die Seite geholt – so findet man in den Linernotes Namen wie Paul Epworth, Greg Kurstin, Patrick Berger und Emile Haynie, deren Portfolio wiederum Stars wie Adele, Robyn, Sia, Lana Del Rey, Florence And The Machine und weitere beherbergt. Verdorben haben die vielen Köche hier nichts, zusammen mit den farbenfrohen Comic-Illustrationen gerät man mit der Platte in eine Art länger anhaltenenden Partymodus, für den zweideutigen Hintersinn der Stücke ist man so allerdings nur bedingt aufnahmefähig. Wer es als Manko sehen will – im Wust der bunten Kugeln gehen Halt und Übersicht ein wenig verloren und am Ende hat man einfach neben einem leeren Kopf vor allem einen ordentlichen Muskelkater. https://www.peterbjornandjohn.com/

Update: Wieder mal zu tief ins Glas geschaut? Ein schlechtes Buch vorm Einschlafen? Peter Bjorn And John mit dem aktuellen Video zum Titelsong.

Dienstag, 14. Juni 2016

Preoccupations: Stolz und Vorurteil

Zumindest haben sie sich einen Schuss Sarkasmus gegönnt: Einem Großteil der aufmerksamen Musikhörer sind sie noch unter ihrem ersten Namen Viet Cong bekannt, nach einer Reihe von offiziellen Ausladungen und vielen Missverständnissen hatten sich Matt Flegel, Mike Wallace, Scott Munro und Daniel Christian dann im letzten Jahr zur Korrektur entschlossen - neu also: Preoccupations. Nachdem das Debüt schon ein beachtliches war, hat die Band aus dem kanadischen Calgary nun Album Nummer zwei angekündigt, am 16. September soll das selbstbetitelte Werk erscheinen und mit "Anxiety" gibt es hier das erste Video davon zu sehen.

Glass Gang: Karaoke

Ganz und gar kein Einzelstück: Die Glass Gang aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn war hier schon mal zu Gast, vor gut zwei Jahren haben wir ein paar Stücke des Trios vorgstellt. Nun gibt es zum neuesten Track des Electro-Trios "Outside Your Love" ein hübsches Schwarz-Weiß-Video von Taylor Antisdel - für den Herbst haben die Jungs eine komplette EP angekündigt.

The Temper Trap: Kissenschlacht

The Temper Trap
„Thick As Thieves“

(Pias Coop)

Abschiede tun immer weh, die frühen und überraschenden wohl am meisten. An die australischen The Temper Trap hatte man sich gerade erst so schön gewöhnt – ihr letztes Album aus dem Jahr 2012 fand noch eine ausgewogene Balance aus emotionalem Überschwang, großer Geste auf der einen und ausreichend kompositorischer Finesse auf der anderen Seite, es war eine Platte, die nahe am Grad zur überzuckerten Gefälligkeit wandelte und doch genügend Zwischentöne (wie beispielsweise beim einigermaßen zeitkritischen “London Calling”) bot, um interessant und abwechslungsreich zu bleiben. Davon ist nun auf dem neuen “Thick As Thieves” kaum mehr etwas zu hören – der Einstieg mit dem Titelsong gelingt dem Quintett noch am besten, danach allerdings geht es schnurstracks in Richtung stadiontauglicher Mitgrölnummern der platteren Sorte. Am wenig inspirierten Breitwand-Rockpop ändert leider auch Dougy Mandagis ursprünglich zarter Falsettgesang nichts, ähnlich wie bei den Editors, den Kings Of Leon oder den Killers gibt es in der Folge von allem zuviel – dick aufeinander geschichtete Gitarren, Schunkel-Refrains und einfach gestrickte Gefühligkeit, die bei „Riverina“ ihren traurigen, weil kitschigen Höhepunkt erreicht. Manchmal hat man das Gefühl, die Herren wollten sich ob der Stimmverwandtschaft ihres Sängers in Richtung Disco- und Bee-Gees-Revival orientieren, wie sie es (mit deutlich besseren Ansätzen) ja auch schon auf dem Vorgänger gewagt hatten – doch so recht will das hier nicht klappen und so endet selbst das finale „Closer“ trotz vielversprechendem Beginn am Ende im knietiefen Bombast. Das mag als Rahmenprogramm für’s familienfreundliche Spaßevent (da nimmt man die Andeutung des Covers gern auf) funktionieren, einen Podestplatz in Sachen anspruchsvollen und ambitionierten Indiepops, für den sie sich ja ursprünglich mal beworben hatten, werden sie so allerdings nicht erreichen. http://www.thetempertrap.com/

Warpaint: Vorschau

Es knistert ja schon länger im Netzwerkgestrüpp: Warpaint aus Los Angeles haben wohl die solistischen Ausflüge ihrer Mitglieder gut weggesteckt und konzentrieren sich nunmehr auf ihr neues Album. Nach ein paar verschwommenen Outtakes und Studiobildern gibt es nun zumindest handfeste Livetermine für den Herbst - zwei deutsche Städte dürfen sich demnach freuen:

30.10.  Köln, Live Music Hall
01.11.  Berlin, Kulturhaus Astra

Sonntag, 12. Juni 2016

Sunn O))): Götterdämmerung

Zu was ein kurzer Ausflug auf dem Rad alles gut sein kann: Ohne diesen und die plakatierten Wände hätte man wohl kaum erfahren, dass Sunn O))), Doom-Metal-Legenden um Stephen O'Malley und Greg Anderson, endlich wieder mal in ein paar Clubs des Landes gastieren. Anlass ist wohl noch immer ihr letztes Album "Kannon", bestehend aus ganzen drei Stücken - anhören kann man sich das Werk noch bei Bandcamp oder gleich hier vor Ort, hingehen muss, wer halbwegs Verstand hat, sowieso.

31.08.  Leipzig, Conne Island
01.09.  München, Hansa 39
02.09.  Wiesbaden, Schlachthof
03.09.  Bochum, Turbinenhalle
05.09.  Wien, Arena

50 Foot Wave: Still riding

Das noch, unbedingt: 50 Foot Wave, die aktuelle Band der (heimlich geliebten und) wunderbaren Kristin Hersh, Mitbegründerin der Throwing Muses, haben Ende Mai eine neue EP mit dem Titel "Bath White" veröffentlicht. Sechs neue Stücke befinden sich auf dem Kurzalbum - wer mag, kann sich dieses zur Gänze bei Bandcamp anhören und natürlich auch bestellen, mit "God's Not A Dick" und "Bath White" gibt es hier zwei Songs davon im Stream.

Samstag, 11. Juni 2016

The Bay Rays: Sturm und Drang [Update]

Ein Hoch auf die Zeiten, da drei Akkorde für ein Hallelujah noch ausgereicht haben, um das Adrenalin auf ein Maximum zu pumpen. Ein Hoch also auf Harry Nicoll (Gesang/Gitarre), Maxwell Oakley (Drums) und Anthus Davis (Bass), The Bay Rays also, ein Punk-Trio aus dem englischen Städtchen Kent, die gerade mal zwei Singles am Laufen haben und trotzdem so klingen, als wollten sie erst Manhatten, dann Berlin und später die restliche Welt im Sturm erobern. Voilá - hier also "Four Walls" und ganz neu "New Home".

Update: Wer noch auf einen Clip gewartet hat - bitteschön, hier das Video zu "New Home".



WALL: Plagegeister

Endlich wieder ein Lebenszeichen von einer Band, die gern noch eine größere Rolle übernehmen darf: WALL aus New York City spielen feinen Post-Punk und brachten Ende letzten Jahres ihre EP "Milk" in den Handel. Nach einem Videoclip zu "Cuban Cigars" gibt nun den nächsten zum Titelsong, in dem zwei hübsche, kleine Mädchen eine unerwartet garstige Rolle übernehmen - nun, am besten selbst anschauen... Wer die vier in diesem Jahr noch live sehen will, kauft sich am besten auf dem Schwarzmarkt ein Ticket für den Rolling Stone Weekender am Weissenhäuser Strand.

04./05.11.  Rolling Stone Weekender, Weissenhäuser Strand (ausverkauft)

Freitag, 10. Juni 2016

Die Heiterkeit: Kühler Trost

Die Heiterkeit
„Pop und Tod I+II“
(Buback)

Und das ist es wieder: „Pop ist tot, denn böse Menschen kaufen keine Lieder“. Vor einiger Zeit feierte ein überschaubarer Teil der Menschheit das zehnjährige Bestehen der Berliner Band Die Türen, unter den Gratulanten – Die Heiterkeit. Und die hatten sich für ihren Glückwunsch und Beitrag zum Coveralbum just den apokalyptischen Abgesang auf die gottverlassene Erdkugel ausgesucht. Damals also schon wie heute – der Song hätte genausogut auf ihr neues Werk gepasst. Nach allerlei Umbesetzungen mit Sängerin Stella Sommer als einziger Konstante ist die Hamburger Formation nun angetreten, mit einem opulenten Album Pop und Tod erneut miteinander zu versöhnen. Und wer da rein will, der muss mit Schaudern („ohoohoo…“) erst mal durch die Kälte: Dahin also, wo das Blut nicht mehr fließt, die Gesichter nicht hell, sondern fahl sind und alles zum Stillstand kommt, wo einzig trocken peitschende Schläge die Endzeit einläuten. Gar nicht so schön hier, schlimmer noch: Das Album ist ein Zumutung.

Gemessen an „Pop und Tod“ sind die beiden Vorgänger „Herz aus Gold“ und „Monterey“ beschwingte Liedersammlungen, ging’s da noch um Frühlingsjungen, Cary Grant, Dandys und Kalifornien, buchstabieren wir hier: Betrug, Nacht, das Vergessen, den Zwiespalt und das Ende. Natürlich ist das anstrengend und natürlich darf das als die größtmögliche Entfernung von allem verstanden wissen, was heiter ist. Aber es ist eben auch: erhaben, feierlich, von kühler Anmut. Wenn Sommer mit ihrer tiefen, sonoren Stimme Zeilen singt wie „Ich mag es nicht sagen, du mußt es mir glauben, aber Dunkelheit wird niemals zu Licht“, dann kann man das für platten, morbiden Kitsch halten. Oder man denkt an die große und traurige Christa Päffgen alias Nico und ihre großen und traurigen Songs und erkennt eine ähnliche Leidenschaft für diese Art schwarzer Poesie.



Vieles hier bleibt bewusst rätselhaft, unerklärlich, sprichwörtlich im Dunkeln – Assoziationstheater: Im Gegenüber liest man wie in einem guten Buch und doch sind viele der Seiten leer, die großen Namen mit ihren bröckelnden Fassaden, die einen doch so sehr faszinieren. Am besten dran ist wohl, wer nicht allzu verbissen in den Texten nach dem tieferen Sinn gräbt, sondern sich einlässt auf den trägen Klang der Worte, auf die Lakonie, den heiligen Ernst, das kalte Gefühl. Und so vielleicht doch, an unerwarteter Stelle, ein klein wenig Trost findet, ein neckisches Pfeifen hier, ein anrührender, heller Chorgesang dort. „Wenn es soweit ist, werden wir es wissen, es kommt immer anders, als gedacht“, diese Zeile trägt eben auch eine Ungewissheit, eine Ahnungslosigkeit in sich, die das Zeug hat, selbst die Furchtsamsten fröhlich zu stimmen: Das Ende kommt mit Sicherheit, aber wir haben keinen blassen Schimmer, wann und wie. http://dieheiterkeit.de/

09.09.  Essen, Hotel Shanghai
10.09.  Köln, Stereo Wonderland
12.09.  Gießen, Muk
13.09.  Karlsruhe, Kohi
14.09.  München, Unter Deck
15.09.  Wien, Rhiz
16.09.  Dresden – Altes Wettbüro
17.09.  Leipzig, Werk 2
22.09.  Hamburg, Reeperbahnfestival
17.11.  Düsseldorf, Stahlwerk
18.11.  Stuttgart, Merlin
19.11.  Palace, St.Gallen
21.11.  Heidelberg, Karlstorbahnhof
22.11.  Frankfurt, Zoom
23.11.  Bremen, Lagerhaus
25.11.  Berlin, //:about blank

The Stone Roses: Aufreger [Update]

Für solche Zwecke waren früher Musikzeitschriften wie der NME das bestgeeignete Medium: The Stone Roses haben tatsächlich erstmals seit 1996 einen neuen Song veröffentlicht und vor Jahren hätte man sich seitenweise über den Sinn und Unsinn dieses Lebenszeichens von Ian Brown und Konsorten ausgelassen, dazu die passenden Rankings aller Alben (das wäre hier mit zwei Stück ziemlich übersichtlich) und reichlich Kommentare von Wegbegleitern, ehemaligen Kollegen und solchen, deren Vorbilder die Herren bis heute geblieben sind. Heute verliert sich das nach großem Hypegeschrei schnell im Datenwust des Netzes, viel Informationsgehalt haben die News ja auch nicht zu bieten - das Stück heißt "All For One", klingt wie früher, der Text ist sehr leicht zu merken, die obligatorische Zitronenscheibe ziert das Cover und ob ein Album nachkommen soll, weiß keiner so recht. So, das waren jetzt ziemlich viele Worte für ziemlich durchschnittliche Dreiachtunddreißig.

Update: Und kaum ist der erste Aufreger vorbei, kommt hier mit sieben Minuten Spieldauer der nächste Track daher - "Beautiful Thing", rave on oder so...



Red Hot Chili Peppers: Brennt's noch?

Nächste Woche ist es dann soweit, dann kann sich jeder selbst davon überzeugen, ob die Red Hot Chili Peppers ihren Namen noch verdienen oder ob es doch nur zur Holland-Tomate gereicht hat. Am 17. Juni erscheint das Album "The Getaway" und nach dem Titelsong und "Dark Necessities" kommt heute Vorabsong Nummer drei daher und was soll man sagen, "We Turn Red" klingt schon ein wenig mehr nach Feuerschote.

Donnerstag, 9. Juni 2016

Merchandise: Blümchensex

Das darf, wer Lust hat, gern mal googlen: Die Post-Punk-Kapelle Merchandise aus Tampa/Florida hat gerade den Nachfolger ihres letzten Albums "After The End" aus dem Jahr 2014 angekündigt - Name, Veröffentlichungsdatum bislang noch unbekannt. Aber eine erste Single gibt es schon, "Flower Of Sex" heißt die und weil das Video hierzulande dank der üblichen gesetzgeberischen Schranken schwer zu finden ist, muss man viel suchen. Und findet viel über Blümchensex, Bio Klasse 4 und so fort. Und natürlich irgendwann auch den Clip, bitteschön.

Band Of Horses: Begleiterscheinung

Band Of Horses
„Why Are you OK?“

(Caroline/Universal)

Sie kriegen einen dann doch immer wieder. Die Band um den holzfällerbärtigen Ben Bridwell macht nun schon seit einiger Zeit keine wirklich bahnbrechende Musik mehr, sie hat sich eingerichtet in ihrer gefühlig-melancholischen Mischung aus Americana, Folk- und Countryrock. Dort allerdings, das muss man anerkennen, sind die Herren Meister ihres Fachs, vor allem Dank Bridwells weicher Kopfstimme verpassen sie dem Zuhörer ein jedes Mal auf’s Neue eine derart entspannte Grundstimmung, so dass der Blick milde und das Urteil weniger hart ausfällt – es hätte ja noch schlimmer kommen können... Zumal für Album Nummer fünf mit dem noch bärtigeren Rick Rubin (Legende) und Jason Lytle (Ex-Grandaddy) zwei Produzenten am Werke waren, deren Künsten man ohnehin fast blind vertrauen darf.

Zwölf Stücke schreiben also die Arbeit von „Infinite Arms“ und „Mirage Rock“ (um die Grenze zum spannenderen Frühwerk zu ziehen) nahezu ansatzlos fort, verträumtes Midtempo („Hag“, „Lying Under Oak“, „Whatever, Wherever“) wechselt mit der klassischen Rockpartitur („Solemn Oath“, „Throw My Mess“), Bridwell sorgt auf vertraute Art für ein paar Gänsehautmomente und erzählt vom nicht immer ganz so erbaulichen Leben der amerikanischen Mittelschicht, von langweiligen Parties mit langweiligen Gästen und noch langweiligeren Gesprächen. Das kann dann so unfreiwillig komisch wirken wie die beiden Nacktbader auf dem Cover, die Bridwell bei einem Strandbesuch spontan mit seinem Mobiltelefon ablichtete. Die wirklich großen Momente allerdings sind selten.

Mit „In A Drawer“, einem versonnenen Erinnerungsstück, ist ihnen so einer geglückt, was ein wenig auch am Gastauftritt von J Mascis liegt. Man konnte kürzlich lesen, dass Bridwell und Drummer Creighton Barrett bei ihrer ersten Begegnung just über einen Dinosaur-jr-Song ins Gespräch gekommen sind, Mascis war also nichts weniger als eine Art Geburtshelfer der Band Of Horses. Ebenso gelungen später „Country Teen“, das über den speziellen Stereoeffekt einen besonderen Dreh bekommt, und das wunderbar zarte „Barrel House“, wie gemacht dafür, jede vorangegangene Schwäche sofort zu verzeihen. Überhaupt: Bridwell hat es vom Scheidungskind und Schulabbrecher mittlerweile zum Bandleader, Labelboss und Vater dreier Töchter gebracht, man ist also geneigt zu sagen, der Mann mache mit seinen Freunden genau die unaufgeregte Musik, die wir desöfteren brauchen. Es passt also, immer noch. http://www.bandofhorses.com

20.06.  Köln, Gloria Theater
22.06.  Berlin, Spandauer Zitadelle