Dienstag, 22. Oktober 2019

KUMMER: Weil er es kann

KUMMER
„KIOX“

(Kummer/Eklat Tonträger)

Ein wenig Nähkästchengeplauder: Eigentlich wollten wir zu dem Kummer-Album gar nichts machen. Weil einem das Kraftklubkaspermateriadrangsalding, dieses Wie-du-mir-so-ich-dir mit der Zeit kräftig auf den Keks ging (Ketzerei!) und man sich wünschte, sie würden sich besser um ihre eigenen Platten kümmern als um die der hochgeschätzten Kollegen. Dann aber kam kürzlich dieser freundliche und offensichtlich maximal euphorisierte Junge auf einen zu und behauptete (ganz außer Atem, was sonst nicht so seins ist), dass ebenjener Felix Kummer gerade mit „KIOX“ ein Album abgeliefert habe, dass er (der Junge also) für das beste seines Lebens hielte. Mindestens. Das wiederum konnten wir natürlich so nicht unbesprochen stehenlassen und haben das ultramarinfarbene Teil dann doch mal auf den Plattenteller gelegt und siehe da – es war kein Fehler.

Mangels Fantasie und Bereitschaft zur ernsthaften Auseinandersetzung muss ja der Sachse wegen seines eigenwilligen Dialekts im Westen des Landes oft als Vorzeigefigur, Stichwort: Jammer-Ossi, herhalten – passt gut ins schmale Weltbild, schützt vor Überbeanspruchung, garantiert stille Tage im Klischee. Der Kummer will da gar nicht so gut reinpassen, denn der sächselt nicht, obwohl er aus Karl-Marx-Stadt (also Chemnitz) kommt, statt weinerlicher Klage kommen von ihm vorzugsweise Wut mit Klarnamen oder zynische Seitenhiebe auf die verspießerte Feierabend- und Stammtischwelt hüben wie drüben, in der Schablonen und Scheuklappen alles und Vorurteile an der Tagesordnung sind. Waren nicht Rammstein als erfolgreichste deutsche Band schon Zumutung genug? Nun auch noch Kraftklub!?



Kummer und seine Band können mit derlei antiquiertem und blasiertem Denken nicht viel anfangen, das durfte man auf den bisherigen drei Alben wirklich sehr gut hören (siehe oben), auch für die Fans der Truppe aus allen Landesteilen beantwortete sich die K-Frage nur mit „Klar, warum nicht?“ Dennoch ist es wichtig, dass da ein Chemnitzer Junge seine Reime in die Waagschale wirft – so wichtig für die Unerschrockenen daheim wie für die Denkfaulen von der anderen Seite, so wichtig wie eben Trettmann, Marteria und FSF. Auch wenn er gleich zu Beginn („Nicht die Musik“) mächtig abwiegelt und kokettiert, er könne keine Mutmacher liefern, sondern nur „verweichlichte Befindlichkeitsscheiße“, er wolle den Rap lieber wieder weich und traurig machen.

Das passt zu den Nebengeräuschen, die „KIOX“ auf den Plan gerufen hat, denn da wurde debattiert, ob Kummer überhaupt ein Deutschrapper sei. Was einigermaßen lustig ist, denn er selbst hat das ja nie behauptet, im Gegenteil, er rappe ja nur, so die Selbstanzeige, weil er nicht singen könne. Und sei eher Fan als Mitglied des ach so ehrenwerten Kreises. Was er hier anzubieten hat, ist dann aber doch mehr als ordentlich und stellenweise sogar richtig gut. „9010“ läßt an Klarheit nichts zu wünschen übrig, das Erinnerungsstück über den verblichenen Chemnitz City Swagg eines ehemaligen Großmauls läßt einen sofort an Clemens Meyers großen, traurigen Roman „Als wir träumten“ denken – „born to be Opfer“, „Mund voller Blut“, es war deprimierend, es war seine Zeit.



„Schiff“ ist Kummers „Grauer Beton“, die selbe Stadt, andere Zeit, gleiche Message. Auch die Quaterlife-Crisis, der Eintritt in die vermeintliche Spießerhölle also, in Begleitung von Max Raabe („Der Rest meines Lebens“) funktioniert erstaunlich gut: „das erste Mal international für die Bayern sein“, haha, so wahr! Rührend die Zeilen für den toten Freund („26“), „Es tut wieder weh“ sticht punktgenau ins Herz, her mit der Schmerztablette. Kummer erweist sich auf dem Solo als hochbegabter, melancholischer Einzelkämpfer, zusammen mit Blvth und den Drunken Masters, die den Sound strickten, zusammen mit LGooney und KeKe, die ihm zur Seite sprangen. Genau die Platte, die man von ihm haben wollte, eine, die den Platz zwischen AG Geige und Kraftklub im Regal würdig füllen kann.



26.11.  Zürich, Dynamo
28.11.  München, Freiheiz
29.11.  Köln, Gloria
30.11.  Frankfurt Main, Batschkapp
01.12.  Ludwigsburg, Scala
03.12.  Wien, WUK
04.12.  Dresden, Tante Ju
07.12.  Hamburg, Gruenspan
08.12.  Leipzig, Conne Island
11.12.  Berlin, Kesselhaus
13.03.  Wiesbaden, Schlachthof
14.03.  Würzburg, Posthalle
16.03.  Wien, Arena
17.03.  München, Tonhalle
19.03.  Hannover, Capitol
20.03.  Düsseldorf, Stahlwerk
21.03.  Münster, Skaters Palace
23.03.  Stuttgart, Im Wizemann
24.03.  Köln, Palladium
25.03.  Berlin, Tempodrom
27.03.  Bremen, Pier 2
28.03.  Dresden, Alter Schlachthof
29.03.  Dresden, Alter Schlachthof

WIRE: Gegensätze

Tagesmeldungen, wichtige. Also nicht diese Brexit-Sachen, die mittlerweile so unglaublich langweilen, weil niemand mehr weiß, wo eigentlich vorn und hinten ist, weil der ganze Vorgang mittlerweile so komplett lächerlich ist, dass es weh tut. Kümmern wir uns lieber um diese Nachricht: Wire, Londoner (Post-)Punk-Band, gegründet 1976, also zu einer Zeit, da das Königreich noch groß und halbwegs cool war, haben für den Januar 2020 die Veröffentlichung eines weiteren Albums namens "Mind Hive" bekanntgegeben. Das siebzehnte soll es sein, so rechnet das Portal Stereogum vor, das letzte, von dem wir wissen, hieß "Silver/Lead" und erschien 2017. Und weil nun wirklich in den vergangenen Jahren bei den Briten im Vergleich zu ihrem darniederliegenden Heimatland keinerlei Schwäche zu erkennen war, dürfen wir uns ausgiebig darüber freuen, die erste Single "Cactused" hier schon mal vorweg.

Frank Ocean: Neue Lieferung

Ein neuer Song ist zwar noch kein neues Album, aber wenigstens ein Anfang davon, zumindest ein möglicher. Frank Ocean hat uns auf einen Nachfolger zu "Blonde" (2016) und "Channel Orange" (2012) lange warten lassen und tut dies noch. Eine letzte aktuelle Meldung existiert noch aus dem vergangenen Jahr, wo er uns zum Valentinstag mit seiner Version von "Moon River" beglückte. Gerade aber ist wenigstens ein bislang unbekannter Track mit dem Titel "DHL" erschienen, der wohl nur bedingt von der termingerechten Zustellung kartonverpackter Handelsware erzählt. Was daraus noch so wird, bleibt abzuwarten.

Ganser: Tortengemetzel [Update]

Die Energie kommt in Wellen, ganz so sieht es aus. Ganser aus Chicago, eine unserer Lieblingsbands hier in Sachen Post-Punk, reiten gerade den Wellenkamm, denn im Juli schon erschien ihre letzte 7" mit dem Titel "Bad Form", nun legen sie nach und veröffentlichen am 8. November noch einmal neues Material. Vier Stücke diesmal, eine EP also mit dem Namen "You Must Be New Here" und die erste Auskopplung "Buio" klingt für ihre Verhältnisse erstaunlich geschmeidig, dunkel sowieso. Alicia Gaines bekommt tatsächlich diesen bewundernswerten Simon-Gallup-Groove zu fassen, wir dürfen für den Rest sehr gespannt sein - das Video mit Tortengemetzel haben sie übrigens selbst verantwortet, in der Hauptrolle zu sehen die fabelhafte Caitlin Ewald. Und egal wie andere das sehen - wir sind der Meinung, es wird dringend Zeit für eine Konzertreise über den großen Teich durch das alte Europa!

Update: Nach der Einstiegssingle kommt heute der Titelsong mit Lyric-Video hinterher, WG-Atmo plus Selbstbespiegelung, Ganser bleiben speziell.





Montag, 21. Oktober 2019

LINDEMANN: Reif für die Klapse [Update]

Humor hat er, das muß man ihm lassen. Irgendwie muß es dem ollen Till Lindemann mit seiner Kombo Rammstein zwischen zwei ausverkauften Megatourneen langweilig geworden sein und so hat er gemeinsam mit seinen schwedischen Partner in Crime Peter Tägtgren gerade das Video zu seiner neuen Single "Steh auf" geteilt, die wiederum den Auftakt zu einem weiteren Soloalbum geben soll. "F + M" soll dieses heißen, der überaus unterhaltsame Klapsen-Clip von Zoran Bihac wird ergänzt durch einen von Tägtgrens Buddys, den Schauspieler Peter Stormare ("Fargo").

Update: Hier der Clip zum Song "Ich weiß es nicht", diesmal entstanden unter der Regie von Lukas Rudig und Produktion der Agentur Selam-X. Der Film ist eine Aneinanderreihung von Sequenzen, erstellt von einer Software namens Generative Adversarial Networks (GANs) als Abbild von Halluzinationen einer Künstlichen Intelligenz - eingespeist wurden zuvor Bilder von Insekten, Lack und Leder, Selfies und Porträts der Band.



Sonntag, 20. Oktober 2019

Lola Marsh: Perfekte Ballbehandlung

Timo Boll? Schon klar. Wird gefeiert für sein Können in einer Sportart, die eigentlich asiatischen Nationen vorbehalten ist. Denn außer einem verstolperten Rundlauf bekommen wir n Deutsche im Tischtennis sonst eher wenig hin. Soweit, so gut. Was allerdings das israelische Duo Lola Marsh für sein Video zum aktuellen Song "Only For A Moment" mit Ball und Schläger anstellt, ist dann schon auf höherer Ebene angesiedelt und sollte selbst unserem altgedienten Star Respekt abnötigen. Denn zum Sound der beschwingten Single derart exakt das Arbeitsgerät zu schwingen, ist schon eine hohe Kunst - Regisseur Indy Hait hat's eingefangen und sie haben, wie für ihre letzte gemeinsame Arbeit "Echoes" ziemlich hart an der Perfektion gearbeitet. Das Stück gehört übrigens zu einem neuen, noch unbetitelten Album, das im Januar 2020 erscheinen soll.

Samstag, 19. Oktober 2019

Frustration vs. Sleaford Mods: Naheliegend

Soll niemand sagen, die Sleaford Mods seien nicht frankophil. Erst kürzlich haben wir hier auf eine szenische Dokumentation des französischen Kulturkanals Arte hingewiesen, wo Jason Williamson und Andrew Fearn in einer alten Fabrikhalle unter dem Titel "Release Party" die Songs ihres aktuellen Albums "Eton Alive" vorgestellt haben. Dass Williamson Gastauftritten gegenüber nicht abgeneigt ist, läßt sich auch nicht von der Hand weisen - The Prodigy, Baxter Dury, Leftfield, you name it. Nun hat er also beides verbunden und rappt sich in Teilzeit durch den Song "Slave Markets" der Pariser Post-Punk-Kapelle Frustration. Das Quintett hat gerade sein fünftes Album "So Cold Streams" veröffentlicht und Sänger Fabrice Gilbert sagt Folgendes über die Partnerschaft: "Die Sleaford Mods sind eine Band, die uns musikalisch und menschlich einen echten Schub verliehen haben. Sie stehen für ein echtes Gefühl von Freiheit, das es mir erlaubt, wirklich alles zu sagen, was ich in meinen Texten sagen will, also sowohl zu sehr intimen Themen als auch über politische oder soziale Dinge." Der neue Song ist im Übrigen nicht die einzige Kollaboration der beiden Herren am Mikrophon, schon 2016 standen sie für den Mods-Track "Tweet Tweet Tweet" beim Pariser Vilette Sonique gemeinsam auf der Bühne.



Freitag, 18. Oktober 2019

Einhorn: Jagdsaison [Update]

Über neues Material posten, obwohl das neue Material noch nicht teilbar ist, das machen wir normalerweise höchst ungern, weil unfair. Aber weil in den letzten Wochen im Zusammenhang mit dem überraschenden Ableben der SPEX ja so viel von der Gatekeeper-Funktion geschwafelt worden ist, machen wir halt auch mal einen auf Gscheithaferl und verkünden, dass die wunderbare Wiener Band Einhorn eine neue Single namens "The Chase" am Start hat und diese am 2. November veröffentlichen wird. Der Waschzettel erzählt von Parallelen zwischen dem Song und der gleichnamigen Film mit (dem damals vielleicht noch nicht ganz so durchgeknallten) Charlie Sheen - und berichtet von einem Klangwandel der Formation. Und in der Tat klingt das Stück nicht ganz so quietschvergnügt wie das letzte Album "Galactica", grob unterschätzt und ungerechtfertigt immer im Schatten von Bilderbuch und Wanda. Dessen bester Titel war übrigens das dunkel schimmernde "Tuxedo Mask" und da haben alt und neu dann doch etwas gemeinsam. Wer ganz zufällig am 8. November in Vienna ist, der sollte das für einen Besuch in der Grellen Forelle nutzen, dort spielen Kakkmaddafakka und - eben: Einhorn. Nächste Woche garantiert mehr - dranbleiben...

Update: Neu folgt alt, hier kommt endlich das Video zur ersten Single "The Chase", Regie Michael Rofon ... und hinterher die zweite Single "Longtime" samt Teaser, funky, dancy, Einhorn eben.





Nick Cave And The Bad Seeds: Leidenszeugnis [Update]

Nick Cave And The Bad Seeds
“Ghosteen”

(Rough Trade)

Natürlich hätte man sich damals wundern können, wie schnell nach dem tragischen Unfalltod seines Sohnes im April 2015 Nick Cave das Album „Skeleton Tree“ veröffentlichte. Doch wie sonst soll der Künstler Verlust, Verzweiflung und Hilflosigkeit, die ihm plötzlich so nah an Leib und Seele gerückt sind, verarbeiten, wenn nicht mit seinen ureigensten Mitteln? Mag sein, dass es Cave zupasse kam, dass er sich ohnehin als Trauerarbeiter und Schmerzensmann begreift, dass ihm die dunkle Materie Zeit seines Musikerlebens vertraut ist. Dieses Unglück jedoch hatte eine andere, eine unmittelbare Qualität, auf die wohl niemand, auch nicht Cave, jemals vorbereitet ist. Wie auch. Um so schwärzer dann die ersten Songs danach, „I Need You“ bekam man aus dem Schädel nicht mehr heraus – das Leid wurde selbst dem Zuhörer ein Stück weit begreifbar. Und war, das wissen wir jetzt, doch nur der Anfang.

Denn die Bewältigung des Unbegreiflichen hatte mit „Skeleton Tree“ gerade mal begonnen, auf „Ghosteen“ setzt sie sich in aller Konsequenz fort, noch ausführlicher, düsterer, selbstquälerischer als zuvor. Ist der Sound, den Cave mit seinen Gefährten erzeugte, stets gleichwertiges Stilmittel gewesen, so rückt er ihn auf dem neuen Doppelalbum deutlich hinter den gewaltigen Text, stellt er nur mehr die äußerst reduzierte Begleitung zu den Sprachbildern, Betrachtungen, Balladen biblischen Ausmaßes, wie sie eben nur Cave selbst zu erzählen weiß. Bis weit in das letzte Stück „Hollywood“ hinein, eines von zwei Zwölfminütern, sind keinerlei Drums zu vernehmen, ganz so, als hätte Cave Angst, durch die Schläge die Andacht zu verlieren und so die Zwiesprache mit dem Geist des Vermissten zu stören.

Das nämlich ist auch dieses Werk: Selbst- und Zwiegespräch in einem, ein ständiges Umherwälzen dunkler Gedanken, Ahnungen und Zweifel auf der einen Seite und dann wieder direkte Ansprache an den, zu dem zu sprechen nicht mehr möglich ist – übervoll mit Sehnsucht und Liebe. Eine Totenmesse, fürwahr, viel mehr aber noch die dringende Bitte um Erlösung. „Peace will come in time, peace will come for us“ heißt es im „Spinning Song“ gleich zu Beginn, das klingt noch recht zuversichtlich, doch schon das herzzerreißende „Waiting For You“ läßt ahnen, dass es so schnell nichts wird mit dem inneren Frieden: „Sometimes it’s better not to say anything at all“ singt Cave hier fast als Selbstanklage, gleich danach dann: „Sleep now and take as long as you need, cause I’m waiting for your to return“. Beklemmende Zeilen von einem, der nicht loszulassen gewillt ist.

Und es wird nicht leichter, nicht heller. Biblische Motive tauchen auf, keine Seltenheit bei Cave (mehrmals die Pieta mit dem sterbenden Sohn auf dem Schoß), vermischt mit Sagengestalten – schon das für seine Verhältnisse recht ungewöhnliche, phantastische Covermotiv gibt reichlich Anlaß zur Deutung. Sonst so sonnige Orte wie Malibu erscheinen bei Cave in grellem, seltsam toten Licht, „fields of smoke, black butterflies, screaming horses“, eine wahrhaft gruselige Kulisse („Sun Forest“). Manches wiederum verbleibt im Ungefähren, läßt sich schwerlich deuten, so die Traumwelt in „Galleon Ship“, dem „Leviathan“ oder auch die trostlosen Zeilen von „Fireflies“ – „a star is just a memory of a star, we are fireflies, pulsing dimly in the dark, we are here and you are where you are.“

Besagtes „Hollywood“ als Schlüsselstück, verpackt in eine Art von buddhistischer Weise, schließt dann tatsächlich die Klammer – dramatisch, mit softem Beat zu Bass, Streichern und Piano. Cave hadert hier nochmals mit seinem Hauptthema, der Erlösung: „It’s a long way to find peace of mind“, um wenig später zu erkennen: „Everybody’s losing someone … and I’m just waiting now for my time to come, I’m just waiting for peace to come.” Über den Titel des Albums kann man ja durchaus spekulieren – die Wortverwandtschaft zum Begriff des “Ghosting”, also des Nebeneinanderherlebens zweier Menschen, unfähig zu Kommunikation und Gefühlsregung. Cave ist mit seinem Sohn der Gegenüber dagegen jäh entrissen worden, da wo er reden, mitfühlen möchte, ist niemand mehr, nurmehr eine Erinnerung, ein Geist. Und wir sind Zeugen seines anhaltenden Leidens.



17.05.  Köln, Lanxess Arena
18.05.  Hamburg, Barclaycard Arena
27.05.  Berlin, Mercedes Benz Arena
01.06.  Wien, Stadthalle
06.06.  München, Olympiahalle
08.06.  Zürich, Hallenstadion

Spector: Keine Zeit zu warten [Update]

Eine überraschende musikalische Zwischenmeldung kommt heute von der Londoner Kapelle Spector. Im März vergangenen Jahres hatten wir an dieser Stelle auf ihre EP "Ex-Directory" hingewiesen und die Single "Fine Not Fine" gepriesen, nun gibt es mit "I Won't Wait" einen Song, der die Erinnerungen an Joy Division und New Order definitiv nicht nur eben wachhält, sondern sogar befeuert. Es geht um all die Mühen und Aufwände, die wir betreiben, um Beziehungen und Freundschaften zu bewahren, so Sänger Fred Macpherson. Es soll dieses Jahr noch mehr kommen - klingt es so, ist das eine gute Nachricht.

Update: Das war also keine leere Versprechung - hier kommt ein weiterer Song und "Half Life" kann mit der ersten Single locker mithalten, gut so ... Gleiches gilt für den neuesten Streich "Simplicity".





Donnerstag, 17. Oktober 2019

Missy Elliott: Fortschreitende Legendenbildung

Noch so ein Thema, das keinen Streit lohnt: Über die Rolle von Missy Elliot gibt es nämlich keine zwei Meinungen, dass sie als Icon gefeiert wird (wie kürzlich bei dem MTV VMA, siehe unten), ist nur gerechtfertigt und es gibt wohl kaum etwas, was man sich in Sachen female Hip-Hop so sehr wünscht wie ein neues Album von ihr. Im August ist zumindest ihre letzte EP mit dem Titel "Iconology" erschienen, deren erste Single "Throw It Back" schon mit einem Video versehen wurde. Heute nun wird für den Track "DripDemeanor" nachgezogen, der Clip dazu stammt von Derek Blanks, die musikalische Unterstützung wiederum liefert Sum1.





Idles: Live is what you make it

Über die Live-Qualitäten der Idles, unserer bevorzugten Punk-Truppe aus Bristol, müssen wir an dieser Stelle nicht neuerdings aufklären, ausreichend oft war das hier Thema. Dass es in diesem Jahr mit dem Mercury Prize trotz Nominierung nicht ganz geklappt hat, ist nicht weiter schlimm, denn die Jungs haben vor Ort trotzdem eine 1-A-Performance gemeinsam mit Slowthai hingelegt und der Briefkopf dürfte nach zwei formidablen Alben ohnehin schon gut gefüllt sein. Getreu dem Motto "Give them what they wanna" legen die Herren jetzt aber doch noch einen drauf und präsentieren am 6. Dezember via Partisan Records und pünktlich zum Vorweihnachtsgeschäft das Live-Doppel-Vinyl "A Beautiful Thing" von ihrem Auftritt im Pariser Club Le Bataclan. Neunzehn Stücke werden auf dem Tonträger, den es natürlich auch digital gibt, enthalten sein - das Tracklisting findet man u.a. auf der Seite des Labels, hier schon mal ein Videomitschnitt von "Mother" zum Appetit holen.

GURU: Einfach loslaufen

Von Bristol nach Brighton sind es mit dem Auto gute drei Stunden Fahrt, rein soundtechnisch liegen sie offenbar nicht ganz so weit auseinander. Denn aus der Stadt am Ärmelkanal meldet sich gerade wieder das Quartett GURU und die wissen ebenfalls, wie man ordentlich losbrettert. Haben sie schon im Frühjahr mit einer Reihe feiner Songs bewiesen, tun sie jetzt erneut mit ihrer Double-Single "Don't Talk/LTD", die wir hier gern teilen wollen. Zur A-Seite gab Sänger Tommy Cherrill folgende Erklärtung: "'Don’t Talk' handelt vom Lernen. Aus Situationen lernen, von Anderen lernen, lernen, nicht wie Andere zu sein und anschließend nicht die gleichen Fehler wie diese zu machen. Es ist ein Schrei der Frustration, von dem ich mir wünschte, ich hätte ihn schon früher gemacht. Aber ich hatte nicht die Worte dazu. Mit den jetzigen bin ich zwar noch immer nicht ganz zufrieden, aber schließlich muß man laufen, bevor man rennen kann, oder?"

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Pixies: Der Widerspenstigen Krönung

Pixies
Support: Blood Red Shoes
Tonhalle, München, 15. Oktober 2019

Das war schon vor dreißig Jahren so und ist auch heute noch frappierend: So klein der Mann, hier und da ein Jahresring mehr auf den Hüften, das Haar mittlerweile ein wenig grau und schütter. Man würde Charles Thompson aka. Frank Black, den hauptamtlichen Gruppenleiter der Pixies, eher am Infoschalter eines Baumarktes verorten (und auch da höchstwahrscheinlich übersehen) – Allerweltsgesicht, auf den ersten Blick keinen Marotten, Attitüden, der macht nichts von sich her. Und doch ist es eben dieser unscheinbare Typ, der den Kindern der Achtziger und allen Nachgeborenen ein beachtliches Arsenal an Sehnsuchtssongs in den Soundtrack des Lebens geschrieben hat, ihnen mit seinen spinnerten Geschichten, den dahingeschredderten Riffs und dem eigenwilligen Gesang, mal der wilde Schreihals, mal der geschmeidige Verführer, als Erlöser galt. Von „three chords and the truth“ war seine Band, waren seine Stücke weit entfernt, zu weird, zu dicht, krass, wandelbar. Auch er selbst taugte, so wissen wir nach Jahren, nicht zum Heiland, war/ist Zeit seines Schaffens als Diktator eine feste Größe. Ein Sturkopf. Ein Unverbesserlicher. Und doch: Ein Genie.

Dass viele Menschen ähnlich empfinden, konnte man in der vollgepackten Münchner Tonhalle an den beseelten Gesichtern und verzückten Bewegungen ablesen. Manch einer wußte gar nicht wohin mit sich – Ein Bier? Geht immer! Handyfilmchen: Unbedingt! Mitgetanzt: Aber klar doch! – selbst wer nur dastand, kam mächtig ins Schwitzen. Gelegenheit zur Erinnerung (und das ist ja beim Gastspiel der eigenen Ikonen eher der Pflichtteil) gab es ausreichend, satte zwei Stunden plus Expresszugabe, mehr als fünfunddreißig Songs aus drei Jahrzehnten. Selbst als vermeintlicher Auskenner ist man jedes Mal auf’s Neue überrascht, wie viel Material sich in dieser Zeit doch angesammelt hat. Knapp die Hälfte natürlich vom unschlagbaren Trio „Doolittle“, „Surfer Rosa“ und „Come On Pilgrim“ – davon wiederum die Klassiker „Monkey Gone To Heaven“, „Where Is My Mind“ und „Here Comes Your Man“ als Peak der Fieberkurve.



Natürlich gilt auch bei den Altstars die Regel: Ein Konzert ist so gut oder schlecht wie die aktuelle Platte. Und da müssen sich die widerborstigen Elfen nichts vorwerfen lassen, denn „Beneath The Eyrie“ hält vieles bereit, vom schiefen Riffrock, High-Noon-Country, Musical-Stuff und melancholischem Surferdrama ist alles dabei, Stücke, die sich gar nicht so schlecht machen zum Runterkommen, Durchschnaufen und ja: Hinhören. Die Bandbreite, welche die Pixies hier bespielen, ist nicht immer des eingeschworenen Anhangs Sache, zeigt aber, dass Black und seine Kapelle noch Mut und Lust zu gleichen Teilen haben. Überhaupt: Die Kapelle. Weniger im Vordergrund Drummer Lovering und Neubesetzung Lenchantin, aber was Joey Santiago an der Gitarre abliefert, ist mit dem Wort „einzigartig“ fast ungenügend umschrieben: Ohne die markanten, messerscharfen Akkorde dieses begnadeten Leadgitarristen wäre der Wiedererkennungseffekt des Bandkanons zweifellos dahin – entsprechend durfte er sich von der begeisterten Menge feiern lassen. Am Ende fehlte zu perfekten Set (wie erwartet) ein einziger Song – aber was soll’s, sie waren auch so gigantisch.

Peggy Sue: Kurskorrektur

Ein neues Album, so hören wir, wird es bald vom Londoner Duo Peggy Sue geben. Obwohl, eigentlich sind ja bei Facebook nicht nur Rosa Bowler Slade und Katy Beth Young erwähnt, sondern auch die beiden Herren Benjamin Gregory bzw. Dan Blackett. Bis zur nächsten Eintragung werden wir wohl herausgefunden haben, was es mit dieser Unschärfe auf sich hat, vorerst begnügen wir uns erst mal mit der neuen Single "Motorcade", einem ziemlich hitverdächtigen Stück Garagenrock, das Album dazu wird "Vices" heißen. Und wer gerade beim Begriff "Garage" ungläubig gestutzt hat - jawohl, es steht eine Kurskorrektur im Vergleich zur letzten Platte "Choir Of Echoes" an, die vermutlich mehr als deutlich ausgefallen ist. Gut so!



Slaves: Doppelbegabung [Update]

Die beiden Jungs bleiben zunächst beim vollen Körpereinsatz: Die Slaves hatten im vergangenen Jahr mit "Acts Of Fear And Love" ein wirklich wunderbares, lautes Album am Start, die Singles waren allesamt Killer und auch live wußten Isaac Holman und Laurie Vincent mehr als zu überzeugen. Lockerlassen ist trotzdem nicht angesagt. Denn heute haben sie ihre neue 4-Track-EP "The Velvet Ditch" veröffentlicht und wer sich die Single "One More Day Won't Hurt" anhört, denkt eher an Metal als Punk. Den gibt's dann in ansprechender Geschwindigkeit bei "It Makes Me Sick", bevor die Systeme auf Abkühlung gefahren werden und zwei erstaunlich ruhige Songs folgen. Die Überraschung jedenfalls ist ihnen mit der 12" gelungen.

Update: Sie bleiben also für eine Überraschung gut, auch visuell. Hier kommt das Video zur Single. 



The Murder Capital: Der Ernst der Jugend [Update]

The Murder Capital
„When I Have Fears“
(Rykodisc)

Es sind tatsächlich andere Zeiten. Wir kennen ja durchaus Jahre, da war kein Mangel an jungen, aufstrebenden Gitarrenbands, da gaben sich die talentiertesten unter ihnen wöchentlich mit Verve die Klinke in die Hand, viele teilten sich ein „The“ im Namen und machten gleich einen Trend daraus – lang ist’s her. Heute dagegen ist die Spitze nicht breit, sondern eher dünn, übersichtlich besetzt, haben Pop und Rap den Indierock in Sachen Novitäten längstens überholt und wegen des Mangels ist die Freude jedes Mal um so größer, findet sich doch ein würdiger Vertreter, der dem oft totgesagten Genre ein wenig Hoffnung gibt und Glanz verleiht. Dass die Iren diesen Kampf ganz vorn mit ausfechten, ist ansich keine so große Überraschung (sind sie doch seit jeher eine Nation von Musikverrückten in des Wortes bestem Sinne), erstaunlich ist aber schon, dass mit den Silverbacks, den Fontaines D.C. und eben jener fünfköpfigen Post-Punk-Formation The Murder Capital gleich drei Bands aus Dublin mitmischen.

Ebenso bezeichnend ist es, dass sich James McGovern und Kollegen ganz in der Tradition ihrer (gar nicht so alten) Urahnen zu bewegen scheinen, ihre Songs sind so leidenschaftlich, melodieverliebt, zuweilen auch ein wenig pathetisch und schwermütig, wie man es wohl nur an der rauen Ostküste ihres Heimatlandes zuwege bringen kann. Man weiß nicht so recht, wie es die Jungen in Dublin mit einem Mann wie Paul David Hewson so halten, den Spötter, Neider und sonst alle anderen unter dem Namen Bono kennen, berufen haben sich The Murder Capital ja eher auf die britischen Joy Division denn auf U2. Naheliegend, klar. Aber es gibt eben durchaus Momente auf „When I Have Fears“, in denen man die frühen, die kraftvollen, die ungeschlachten Stücke der heute so öden Stadiontruppe durchhört, Sachen wie „40“, „Out Of Control“, „Stories For Boys“ oder auch das wunderbare „11 O’Clock Tick Tock“. Mag sein, dass solche Vergleiche heutzutage an Rufschädigung grenzen, als Kompliment sind sie dennoch gemeint.



Anders als die Fontaines D.C., deren Erstling um einiges aufgeräumter, hitorientierter geraten ist, lassen The Murder Capital düsteren Stimmungen deutlich mehr Raum und man merkt, dass sich Produzent Mark Ellis aka. Flood und die fünf ernsten Burschen nicht ohne Grund verabredet haben, schließlich hatte der auch schon Nick Cave, PJ Harvey, Warpaint und die Smashing Pumpkins im Studio (und ganz nebenbei eben auch U2, sorry). Ellis mag tiefe, raumgreifende Texturen, satten Sound und so böllern die Iren mit „For Everything“, „More Is Less“ (Update: Jetzt mit Video) und „Green And Blue“ auch gleich gewaltig los. Sie tun das, nicht ohne danach die Bässe dunkel zittern zu lassen, nehmen sich ebensoviel Zeit und Anlauf für getragene, ausladende Klangmalereien. Es geht hier dreierlei – die Roughness ihrer Vorabsingle „Feeling Fades“ mit Bad-Seeds-Referenzen, der herrliche Drive von „Don’t Cling To Life“ und das grabestiefe Gemurmel bei „How The Streets Adore Me Now“.



Den Titel des Albums, das möchte man dann doch noch erwähnen, hat McGovern im Übrigen einem Sonett des englischen Romantikers John Keats entlehnt. Betonen muß man das deshalb, weil es dem Vorurteil widerspricht, die Jugend von heute hätte mit klassischer Literatur, Lyrik gar, so überhaupt nichts mehr zu schaffen und kümmere sich lieber um Bequemlichkeit und Ablenkung in medialen Filterblasen. „Befällt mich Angst“ heißt der übersetzte Text des Dichters und enthält so wunderbare Zeilen wie diese: „Und wenn ich spüre, liebliche Gestalt, dass nimmermehr mein Auge dich umfasst, ich nie mehr koste holdeste Gewalt einsamster Liebe – steh ich, stiller Gast, am Strand der Welt allein und grüble lang, bis Ruhm und Liebe in ein Nichts versank.“ Das Wissen um diese Zeilen klingt ebenso schön nach wie die ganze Platte selbst, ein überaus gelungenes, wenngleich seltenes Beispiel dafür, dass es um den Rock nicht ganz so hoffnungslos bestellt ist wie befürchtet.

12.11.  Hamburg, Molotow
13.11.  Berlin, Musik und Frieden
14.11.  Köln, Artheater
24.01.  Wien, Chelsea
25.01.  München, Strom
03.02.  Berlin, Musik und Frieden
04.02.  Münster, Gleis 22

Dienstag, 15. Oktober 2019

Little Simz: Botschafterin gefunden

Little Simz
Support: April And Vista
Ampere, München, 14. Oktober 2019

Warum man gleich so viele Bilder anderer Künstlerinnen vor dem inneren Auge hat, wenn man Simbiatu Ajikawo alias Little Simz auf der Bühne sieht? Nun, es könnte an der auffälligen Frisur, dem drained bun, liegen, der so ähnlich auch schon den Kopf von Nina Simone oder Erykah Badu geziert hat. Oder an ihrer Gestik, den vielen unterschiedlichen Gesichtern, mit denen sie das Publikum in ausverkauftem Haus dirigiert – ob sie nun liebevoll Herzen oder derbe Ficks verteilt, ob sie einen unter gespenstischer Beleuchtung fröstlern läßt oder mit leidenschaftlichem Gesang die Seele anrührt, es stecken viele Frauen und ganz viel Geschichte in ihr. Und all das muss an einem Abend wie diesem nach draußen. Weit offensiver als die männlichen Kollegen ihres Fachs repräsentieren Stars wie Little Simz immer auch bewußt Hautfarbe, Herkunft, Identität, Geschlecht, das ist nicht einfach ein Rollenspiel, das ist ihr Leben, ihr Selbstverständnis, ihre Verpflichtung.



Die streitbare Frau aus dem Londoner Statdtteil Islington schaffte es in diesem Jahr für den renommierten Mercury Prize auf die Shortlist und weil Grime momentan das Ding der Stunde ist, hat dann – nun, doch Dave Santan gewonnen. Auch ein würdiger Sieger, ohne Zweifel, aber einer, der es in punkto Vielfalt und Wandlungsfähigkeit schwerlich mit Little Simz, ihrem neuen, grandiosen Album „Grey Area“ und vor allem ihrer Livepräsenz aufnehmen kann. Denn da oben steht eben nicht nur die wilde, zornige Rapperin mit den Maschinengewehr-Reimen und mächtig viel Wut im Bauch, sondern auch die geschmeidige Tänzerin, die hintergründig lächelnde Erzählerin, die Episoden ihres rasanten Aufstiegs als eine Art Spoken-Word-Performance zum Besten gibt. Neben den harten Beats gibt es zarte Pianoklänge, wird aus der extrovertierten Sängerin im Handumdrehen die in sich gekehrte Gitarristin.



Es sind hauptsächlich Sachen von der aktuellen Scheibe, die gemeinsam mit den beiden Begleitmusikern zur Aufführung gebracht werden, einzig das böse „God Bless Mary“ vom Debüt aus dem Jahr 2015 und „Bad To The Bone“ sind älteren Datums. Und mit dabei eben auch so wunderbar soulige Nummern wie „Sherbet Sunset“ und „Flowers“ (ursprünglich mit Unterstützung von Michael Kinwanuka) und natürlich „Selfish“, die funky Hymne auf Eigenständigkeit, Selbstbehauptung, Stolz und innere Kraft, mit der sie alle die Vorsichtigen, Zögerlichen und allzu devoten bewußt vor den Kopf stößt. Die Zeit, so sagt ihr Auftreten, so lautet ihre Message, wo Afroamerikaner, wo Frauen ihr Ego hintenanstellen, verstecken mussten, ist längst vorbei und das mit Grime ein Stil aus den tristen Suburbs, den Elendsvierteln der Großstädte diese Botschaft transportiert, gemacht von den Außenseitern und Benachteiligten der Gesellschaft, ist ein starkes Zeichen. Little Simz hat das Zeug zur Botschafterin der Bewegung.


On Video: Laute Jungs [Update]

Den Rundumschlag am Sonntag beginnen wir wie so oft in London. Aus dem Osten der Metropole stammt die Vier-Mann-Kombo On Video. Okay, reden wir erst mal nicht von Männern, sondern von Jungs als da wären Hassan Anderson (Gesang/Gitarre), George Williams (Bass), Neil Goody (Gitarre) und Yuli Levtov (Drums). Vor ein paar Wochen kam ihre Debütsingle "Ghee" heraus, nun schicken sie "Past Tense" hinterher - beide Songs stammen von ihrer ersten 12" namens "Clap Trap", die im Laufe des Jahres bei AWAL/Rex River Bay erscheinen soll.

Update: Das Brautpaar im Infight, der Priester als Ringrichter - so manche Ehe würde besser laufen, wenn zuvor ein paar Dinge auf diese Art geklärt wären. Die neue Single "Adversary" mit Prügelclip ... Und ganz frisch die neue Single "Clap Trap".





Montag, 14. Oktober 2019

Kim Gordon: Schlußpunkt und Aufbruch

Kim Gordon
„No Home Record“
(Matador)

Beweisen muß diese Frau eigentlich niemandem mehr etwas. Gut, anders als in ihrem Heimatland wird Kim Gordon in Europa und hierzulande noch immer hauptsächlich über ihre frühere Band Sonic Youth wahrgenommen, sie war dort bis zum Split im Jahre 2011 als Sängerin, Songschreiberin und Bassistin mehr als eine feste Größe. Wer ihre Memoiren „Girl In A Band“ gelesen hat, weiß aber nicht nur um die Trennungsgründe und aufreibenden Schwierigkeiten, die zu großen Teilen im Privaten lagen, sondern ahnte auch bald, dass Gordon ihre Kreativität in einem solch festgefügten, hierarchischen (und auch sehr patriarchalischen) Ensemble bei weitem nicht ausgeschöpft sah. Und dies nicht erst zu dem Zeitpunkt, als die Band zu Bruch ging. Spätestens dann aber wurde der Abnabelungsprozeß überdeutlich: Mode, Malerei, Film und immer wieder Musik – die gebürtige New Yorkerin zog es zurück nach Los Angeles, an den Ursprungsort ihrer künstlerischen Emanzipation, und setzte von dort ein Ausrufezeichen nach dem anderen, jedes als bewußter Bruch mit der öffentlichen Wahrnehmung als Ex-Bandgirl zu verstehen.



Insofern muß auch dieses Soloalbum einmal mehr als logische Konsequenz ihrer Vita, die immer auch ein Kampf um die eigene Freiheit war, begriffen werden – und zwar sowohl im Hinblick auf das „wie“ als auch das „warum“. Denn natürlich hatte Gordon sich schon in verschiedenen Kombination an ihrer hauptsächlichen Berufung, der kunstvoll übersteuerten Noiseattacke, abgearbeitet – Bill Nace (Body/Head), Peaches, J Mascis, Steve Gunn, Stephen Malkmus oder Alex Knost (Glitterbust), um nur ein paar von der nicht eben kurzen Liste zu nennen. Starke, bemerkenswerte und teils sehr innovative Sachen das alles, nur eben alles unter dem Topic „Kim Gordon und …“ vermerkt. Deshalb wohl brauchte es endlich ein eigenständiges, ein eigenverantwortliches Werk. Ein Solo. Und zwar eines, das mit Vorangegangenem nicht verwechselt werden kann und dennoch mit seiner Schöpferin nicht fremdelt.



„No Home Record“, entstanden mit dem Produzenten Justin Raisen, muß sich in dieser Hinsicht nichts vorwerfen lassen. Es ist spannendes, experimentelles und durchaus mutiges Werk geworden, das zwar Bezug zu Gordons Vergangenenheit nimmt (wie könnte es auch anders sein) und doch in Sachen Sound zu überraschen weiß. Der überwiegende Teil der neun Stücke fußt auf elektronischen Klangmustern, verschränkt synthetische Melodien, Loops und Drumparts mit analogem Feedback, variiert, verschleppt gekonnt die Tempi und erzeugt so eine unglaublich dichte Kulisse, über die Gordon dann ihren brüchigen Sprechgesang legt. Der Krach kommt also aus der Dose, das paßt in die Zeit und ist zudem gut gemacht. Schon der Opener „Sketch Artist“ ist voller knirschender Störgeräusche, die auf’s Beste mit den befremdlich zuckenden Bildern des Videoclips von Loretta Fahrenholz zusammengehen.



Noch krasser, noch wirkungsvoller wird dieses Prinzip wenig später für das Doppel „Don’t Play It“ und “Cookie Butter“ ausgespielt – dumpf dröhnendes Technobiest das eine, lärmender Industrialgroove das andere. Wie sie in letzterem den stakkatoartigen Stichwort-Text vom Selbst zum Gegenüber verschiebt, sich erst eine Gitarrenspur und kurz darauf ein blecherner Marschrhythmus aus dem Konstrukt schälen, das ist schon bemerkenswert. Und steht in Kontrast zu Rocknummern wie „Air BnB“, der Vorabsingle „Murdered Out“ oder dem Gitarrenbrett „Hungry Baby“, den sie selbst bei den Stooges ansiedelt. Die auffälligste Annäherung an die Vergangenheit vielleicht im herrlich dahinwabernden „Earthquake“, begonnen als düstere Velvet-Underground-Reminiszenz, endend im dronigen Soundgewitter im Gedenken an – vielleicht. Ein toller Wurf jedenfalls. Schon nach der Lektüre ihres Buches war klar, dass es ein Zurück zu Sonic Youth nicht geben würde, dieses Album ist dafür die Bestätigung. Für Kim Gordon aber auch ein weiterer Aufbruch. https://www.kimaltheagordon.com/