Dienstag, 25. September 2018

Jeff Tweedy: Mann mit Stil

Er ist keiner, der so schnell die Lust verliert: Von jemandem, der so viele Platten, Songs geschrieben und veröffentlicht hat wie Jeff Tweedy, möchte man annehmen, irgendwann kehre Ruhe ein, irgendwann würde auch er es langsamer angehen lassen. Das letzte Wilco-Album "Schmilco" stammt aus dem Jahr 2016, im vergangenen ist sein erstes Solowerk "Together At Last" erschienen. Zwischendrin musizierte der Tweedy noch mit seinem Sohn Spencer - a lot of work done also. Nun hat der Mann für den 30. November einen weiteren Alleingang angekündigt, "Warm", so der Titel, wird elf neue Stücke enthalten und mit "Some Birds" schickt er einen ersten Vorgeschmack samt Video ins Rennen. Der Clip stammt übrigens von Seth Henrikson, dieser schwärmte gerade von des Künstlers sensationellem Songwriting, wollte aber auch erwähnt wissen, dass der Clip ebenso Tweedys sicheres Gespür für stilvolle Herrenmode und schicke Frisuren honoriere. Und wo der Mann recht hat ...

Montag, 24. September 2018

Scarves: Am Ende des Tages [Update]

Dringend erwähnenswert scheint uns heute diese Band aus Seattle: Die Scarves haben sich vor einiger Zeit dem Label Good Eye Records angeschlossen, dort werden sie am 28. September ihr neues Album "Dinner Dates For The End Of Days" veröffentlichen. Das Trio besteht aus dem Bandgründer Niko Stathakopoulos, Drummer Coel Watts und Gitarrristin Nessa Grassing, dem Papier nach spielen sie "math-rock emo-punk". Die aktuelle Vorabsingle "Arrow" jedenfalls flirrt ziemlich hektisch, das gilt im Übrigen auch für die beiden zuvor erschienenen Stücke "Collapse" und "Crushed Ice". Alles schön schief hier, das sollte ein feines Album werden.

Update: Wenn's so gut ist, darf man auch mal so schnell nachlegen wie hier - Song Nummer vier vom künftigen Album, "Sweet Tooth".

Lazy Legs: Entschädigung

Von den Lazy Legs, einer Shoegaze-Formation aus Portland gibt es nicht wirklich viel vorteilhaftes Bildmaterial im Netz zu finden, man kann sich vorstellen, daß einen bei dem Bandnamen auch die spontane Suche via Google nicht viel weiter bringt. Macht aber nix, denn die Musik von Laura Wagner und Michael Tenzer entschädigt einen für die erfolglose Recherche. Im Frühjahr hatten wir an gleicher Stelle noch ihre EP "Tremors" vorgestellt, jetzt gibt es mit "Nosebleed" einen ersten Vorgeschmack auf das kommende Album namens "Moth Mother" zu hören. Und wenn dann mal keine Fotos zur Hand sind, kann man sich immer noch die feinen Illustrationen von Christian Russo anschauen.

Italia 90: Treuepunkte

Mit der Londoner Kapelle Italia 90 hat dieser Blog sich schon ein paar Treuepunkte verdient. Einerseits. Andererseits ist das auch keine große Kunst, denn die vier Kerle machen es einem auch wirklich ziemlich einfach, sie zu mögen. Anfang August haben wir hier ihre letzte Single "Tourist Estate" vorstellen dürfen, nun kommt mit "New Factory" die nächste hinterher und die ist ebenfalls von allererster Güte. Keine Frage also, wir bleiben dran - weil wir nicht anders können.

Mittwoch, 19. September 2018

Marianne Faithfull: Königlich

Platten mit dieser Kraft, auf diesem Niveau zu machen und das mit über siebzig Jahren, das ist nur wenigen vergönnt. Marianne Faithfull hat mit der Musik 1965 angefangen, da waren die meisten von uns noch nicht einmal angedacht. Zwanzig Alben sind es mit der Zeit geworden, vor vier Jahren erschien mit "Give My Love To London" das letzte, die halben Bad Seeds hatte sie sich dazu von Nick Cave ausgeborgt und auch Brian Eno, Adrian Utley, Ed Harcourt und Anna Calvi waren als Gäste geladen. Für den 2. November ist nun "Negative Capability" angekündigt und auch diesmal ist die Begleitung aller Ehren wert, Rob und Warren Ellis haben produziert, Cave ist diesmal gleich selbst erschienen, um gemeinsam mit der Grande Dame den Song "The Gypsy Faerie Queen" einzusingen.

Dead Can Dance: Wein und Wahnsinn [Update]

Im Sommer 2012 hatten wir hier von einer Wiedergeburt gesprochen - nach sechzehn Jahren Pause war damals mit "Anastasis" erstmals wieder ein gemeinsames Album von Brendan Perry und Lisa Gerrard als Dead Can Dance erschienen. Die damit verbundene Hoffnung, es werde mit dem Nachfolger dann nicht allzu lange dauern, erfüllte sich allerdings nicht. Gerade nun haben die beiden Künstler via 4AD doch noch die nächste Studioplatte angekündigt: "Dionysus" wird am 2. November veröffentlicht und erfreulicherweise kommt das Duo auch mit einer werkumspannenden Show auf ein paar Konzerttermine nach Deutschland (auch wenn wir auf diese noch etwas warten müssen). Erklärungen zur Wahl des Albumtitels und den einzelnen Acts gibt es hier, in Ermangelung erster neuer Klänge anbei noch einmal Material vom besagten Vorgänger.

Update: Mit "The Mountain" gibt es nun endlich einen ersten Eindruck vom neuen Album - und was soll man sagen: Angenehm bekannt, das alles.

16.05.  Berlin, Tempodrom
17.05.  Berlin, Tempodrom
16.06.  Frankfurt, Alte Oper
18.06.  Bochum, RuhrCongress
19.06.  Bochum, RuhrCongress



Henry Nowhere: Erste Schritte [Update]

Ein guter Name ist ein erster Anfang. Da schaut man gern mal etwas genauer hin, hört rein, nimmt sich etwas mehr Zeit. Henry Nowhere zum Beispiel passt in diesem Falle perfekt ins Bild. Junger Mann mit melancholischem Blick, wahlweise im letzten Rest der Abendsonne oder an zerklüfteter Steilküste: Henry Moser stammt aus Los Angeles, hat dort schon geraume Zeit mit der Band Day Wave gespielt und sich dann entschlossen, seinen fein versponnenen Lofi-Pop solistisch aufzuführen. Dieser Tage soll seine zweite EP "Not Going Back" erscheinen und nach der Vorabsingle "Problems Of The Heart" streamen wir heute den Titelsong.

Update: Und hier sind nun alle sechs Songs der EP, einer schöner als der andere. Reinhören!

Dienstag, 18. September 2018

Cat Power: Die höchste Ehre

Das höchste Kompliment, so Chan Marshall alias Cat Power, das man einem anderen Künstler machen kann, sei eine Coverversion. Sie hat in ihrer bisherigen Karriere schon viele Komplimente verteilt - im Jahr 2000 gab es unter dem Titel "The Covers Record" eine ganze Platte davon, mit dabei unter anderem The Velvet Underground, Bob Dylan, die Rolling Stones und Smog, später dann "Jukebox" mit Billie Holiday, Hank Williams und Joni Mitchell. Nur konsequent also, dass sie diesen Weg auch bei ihrem neuen Album "Wanderer" fortgeht, diesmal ist es überraschenderweise einmal Rihanna, der sie die Ehre erweist und deren Hit "Stay" neu interpretiert.

J Mascis: Gute Nachricht, billiger Witz [Update]

Und da ist sie wieder - diese Gitarre! Der Mann dahinter heißt natürlich J Mascis und auch wenn diese Nachricht nicht mehr ganz taufrisch ist, gehört sie doch aufgeschrieben und auch mit dem hintersten Winkel geteilt: Der graue Star (ganz schlimmer Witz, schon klar) wird am 9. November nach "Several Shades Of Why" und "Tied To A Star" sein nächstes Soloalbum namens "Elastic Days" (sehr feiner Titel wiederum) via Sub Pop veröffentlichen, mit "See You At The Movies" gibt es auch schon einen ersten Song davon zu hören, elf weitere werden folgen.

Update: Mit "Everything She Said" gibt es hier auch schon Song Nummer zwei vom neuen Album zu hören.



Montag, 17. September 2018

Isolation Berlin: Die neuen Leiden des jungen B. [Update]

Isolation Berlin
„Vergifte dich“
(Staatsakt)

Wirklich tröstlich ist das nicht: Vor ziemlich genau zwei Jahren, das Debütalbum von Tobias Bamborschke und Isolation Berlin war gerade erschienen, galt Flucht noch als Option. „Fahr weg“, hieß es da, „so weit weg wie es geht, wenn dich doch hier nur alles deprimiert…“ – aus dem Staub machen, entkommen. Ein Jahr darauf folgten fünfzig böse Verse (*), brach sich die Wut, die auf „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ noch aus der Ferne ätzte, endgültig Bahn. Bamborschke platze buchstäblich der „Kotzkragen“, eines der Gedichte hieß „S-Bahn“ und kam mit acht Worten aus: „Leckt mich doch Alle, am Arsch! AM ARSCH!“ Dem war für den Moment nichts hinzuzufügen, jetzt erscheint das zweite Album und die Flucht ist vom Tisch. Die Botschaft: Wenn du nicht klar kommst mit den Gemeinheiten, dem Unrecht dieser Welt, bring dich einfach um. Obwohl – es muss ja nicht immer gleich die tödliche Dosis ein. Den althergebrachten Giftstoffen hat unsere moderne Gesellschaft ja ein paar perfide, nicht weniger gefährliche Mittelchen hinzugefügt, die eher auf langsames Zersetzen, auf Aushöhlen und Betäuben, Lähmen aus sind, sie flimmern über kleine Displays, tarnen sich als Avatare und falsche Freunde, bedienen den schnellen Hass und füllen die Leere mit nichtssagendem Getöse. Man stirbt ab. Langsam. Freiwillig.



Es gibt nicht viele helle Momente auf dieser neuen, zweiten Platte von Isolation Berlin, mehr noch als ihr unentschiedener Vorgänger ist „Vergifte dich“ angefüllt mit Abscheu, Selbstzweifel und dessen großem Bruder, dem Selbsthass. Der Rausch, der vergessen lässt, wird vom Gift zum Geschenk. Nichts kickt mehr, alles war schon da und geholfen hat es kaum, nicht gegen das schwarze Loch, das sich mehr und mehr ausbreitet im eigenen Schädel und das man nicht benennen kann, nicht für die Liebe, die doch nur Lust ist und Trieb. Die, die helfen könnten, die noch zu berühren vermögen und Reaktion zeigen, auch wenn es nur Tränen sind, die schickt man besser weg („Marie“), weil man sich seiner selbst nicht mehr sicher sein kann („Melchiors Traum“). Kein Ausweg, nirgendwo, nicht zu zwein, nicht allein, und auch die Träume haben keinen Trost parat, Gedanken kreisen wie kaltes, gefühlloses Gestein auf stummen Bahnen.



Der Grund, warum diese Lieder dennoch so gut und einzigartig sind, liegt in Bamborschkes Wahrhaftigkeit, die über die Schmerzgrenze hinausgeht und in ihrer Hilflosigkeit zu Herzen geht. Der Gossenjunge zur Leidensgestalt stilisiert, die am Pfandflaschenautomat auf Erlösung wartet, wohl wissend, dass auch dies eine Illusion ist. Die den Frust benennt, den wir alle kennen und der uns die tägliche, klägliche Hoffnungsration wegfrisst, weil sich die meisten doch in dieser Welt ohne Sinn und Verstand leidlich bequem eingerichtet haben. Weil Bamborschke singt, was wir spüren, aber nicht sagen, gehen einem die Stücke nahe, kommt man nicht aus, rücken sie auf die Pelle. Woran es fehlt, ist Ironie, das macht es manchmal schwer zu ertragen – und weil seinem großen Vorbild und lyrischen Ziehvater Sven Regener genau das gelingt, beginnt man auch dessen Leistung gleich noch ein bisschen mehr zu schätzen. Man hat das unbedingte, bedrückende Gefühl, dass Bamborschke ohne diese Songs, ohne diese Texte die Tristesse, die Traurigkeit nicht bewältigen könnte, dass sie allein ihm den nötigen Halt geben. Und vielleicht ist genau das die zwingende Voraussetzung, um wirklich Großes zu schaffen.

(*) Tobias Bamborschke "Mir platzt der Kotzkragen", Gedichte, Gedanken und Spelunken, Wohlrab Verlag, 2017

22.01.  Eggenfelden, Rossstall
23.01.   Dornbirn, Spielboden
24.01.   Graz, Orpheum
25.01.   Mödling, Red Box
26.01.   Linz, Kapu


Hero Fisher: Nächste Lieferung

Denkt man an nix, kommt da plötzlich dieser Song um die Ecke - dickes, elektrifiziertes Wummern, brüchige Stimme, nimmt einen sofort für sich ein, nimmt einen mit. Hero Fisher heißt die Dame, in England geboren, in Frankreich aufgewachsen, in London zu Hause. 2015 hat sie ihr erstes Album "Delivery" aufgenommen, die Vergleiche mit Patti Smith oder PJ Harvey ließen nicht lange auf sich warten. Es folgten eine Reihe überaus gelungener Singles, heute nun ihr neuestes Werk namens "If I Die And Nothing Happens". Kann mehr von kommen.



Fufanu: Dialogbereitschaft

Man hatte sich ja schon gefragt, wo das alles enden sollte - darüber herrscht nun zumindest Klarheit: Vor einiger Zeit haben die isländischen Post-Punks von Fufanu, im Frühjahr letzten Jahres noch mit ihrem famosen Album "Sports" eine der Überraschungen der Saison, mit eine Reihe von Songs unter der Klammer Dialogue verblüfft - alle sehr elektronisch, sehr LoFi. Nun ist klar, dass wir zu am 19. Oktober die Sammlung aller Tracks, die erschienen und noch  in Planung sind, als neues Album unter dem Titel "The Dialogue Series" bei One Little Indian erwarten dürfen. Zu den insgesamt zehn Stücken wird es jeweils auch einen Videoclip geben, die bislang bekannten kann man sich auf der Website der Band anschauen, den neuesten zu "One Too Many" gibt es der Einfachheit halber gleich hier.



Sonntag, 16. September 2018

Steiner und Madlaina: Anlaß genug

Grundsätzlich ist es ja mal so, dass das Leben eigentlich gar kein so schlechtes ist. Meistens jedenfalls. Nur irgendwie möchte man davon nicht reden, geschweige denn singen, aus lauter Angst, es könnte gleich wieder vorbei sein mit dem Wohlgefühl. Und auch wenn Nora Steiner und Madlaina Pollina alias Steiner und Madlaina das in ihrem aktuellen Song etwas ironischer und hintersinniger gemeint haben - ein Anlass zum Innehalten und Nachdenken, vielleicht auch Wertschätzen ist das Lied allemal. Und wenn dann am 19. Oktober ihr Debütalbum "Cheers" auf dem Plattenteller dreht, ist das sicher noch ein weiterer Grund, den Moment zu feiern.

IDER: Ausblick

Eine kleine Weile hat es gedauert, nun aber ist das Jahr 2018 auch eines des wunderbaren Londoner Popduos IDER. Wir erinnern uns gern, dass Megan Marwick und Lily Somerville uns schon 2017 mit ihren Singles "Body Love" und "Learn To Let Go" verzaubern konnten, ganz so, wie es zuvor beispielsweise Muna gelungen war. Und auch wenn von einem Debütalbum noch nicht die Rede ist, freuen wir uns über den Song "You've Got Your Whole Life Ahead Of You Baby" - eine Feststellung, die uneingeschränkt gilt, obwohl die Zeitspannen dann doch recht unterschiedlich sein können. Egal, trotzdem sehr schön.

30.08.  Köln, Pop Festival



Samstag, 15. September 2018

Our Girl: Wechselspiel

Our Girl
„Stranger Today“
(Cannibal Hymns)

An das Erbe von Nirvana traut sich ja immer noch keiner so recht ran. Was zum einen daran liegen könnte, dass es bekanntlich kein so gutes Ende nahm mit der Band. Wahrscheinlich liegt es aber eher am übergroßen Schatten des Oevres, das zwar klein, aber mit mächtiger Sprengkraft ausgestattet ist und bei nachfolgenden Generationen somit vielleicht für wackelige Knie und Versagensängste sorgt. Dabei wären die Zeiten günstig. Grunge ist seit längerem wieder en vogue, Anwärter auf die Nachfolge gab und gibt es viele und sind zudem die schlechtesten nicht: Bully, Kagoule, Slothrust, Speedy Ortiz, Yuck, Milk Teeth. Und eben auch Our Girl. Was nicht ohne Komik ist, denn die drei kommen aus dem britischen Brighton und klingen trotzdem so, als seien sie in den Suburbs von Seattle aufgewachsen. Dennoch sind auch Soph Nathan, Josh Tyler und Lauren Wilson vorsichtig mit allzu eindeutigen Querverweisen, lieber betonen sie die vielfältigen Einflüsse der einheimischen Community, die ja in den letzten Jahren viel Zuwachs bekommen hat. Das Debütalbum jedenfalls versammelt den Output der letzten drei Jahre, begonnen mit „Level“, der ältesten Veröffentlichung aus dem Gründungsjahr 2015.



Schon da ist klar erkennbar, wohin die Reise gehen soll – knirschende Gitarren, der Wechsel von ungezügeltem Lärm und einschmeichelnden Melodien, Akustik vs. Stromgitarre, zarte Besinnlichkeit trifft maximale Spannung. Nach diesem Prinzip funktionieren auch die restliche zehn Stücke der Platte, es scheppert und kracht gewaltig vor und nach den selbstverordneten Atempausen, einzig „Heat“ bleibt bei seiner zärtlichen und intimen Reduziertheit. Besonders schön gelungen ist der Wechsel von leise auf laut und zurück beim Titelstück und dem darauf folgenden Frühwerk „Beeing Around“, wo den J-Mascis-Gedächtnis-Riffs noch ein paar feine Shoegazing-Effekte hinzufügt werden. Co-produziert hat „Stranger Today“ im Übrigen Bill Ryder-Jones, Gründungsmitglied der Indierocker The Coral – nach seinen Arbeiten mit The Wytches, dem Hooton Tennis Club und By The Sea ist ihm mit Our Girl tatsächlich ein kleines Meisterwerk gelungen. So gut ist es geworden, dass letztendlich vollkommen egal ist, an wen es einen denn nun erinnert. https://weareourgirl.bandcamp.com/



Freitag, 14. September 2018

Breichiau Hir: Ein seltsamer Mann

Über die walisische Punk-Kapelle Breichiau Hir und ihre eigenständige Art der Musik haben wir hier schon berichtet, zwei ihrer Singles vorgestellt. Nun gibt es einen neuen Song der sechs zu hören - und zu sehen. Zur aktuellen Single "Portread O Ddyn Yn Bwyta Ei Hun" (Porträt eines Mannes, der sich selbst isst - oder so ähnlich) gibt es auch ein Video von Nico Dafydd, ab dem 12. Oktober wird sie käuflich zu erwerben sein. Der Song ist Auftakt zu einer Serie von Veröffentlichungen, die 2019 in einem Album des Labels Libertino Recordings gipfeln soll.

Sleaford Mods: This note's for you

Sleaford Mods
"Sleaford Mods"

(Rough Trade)

Nein, es ist nicht vorbei. Es ist auch nicht besser geworden. Es interessiert nur niemanden mehr so recht. Über zwei Jahre ist es her, da sich die Mehrheit der Briten in einem Referendum für den Austritt aus der EU entschieden hat und seitdem geht es mit dem einst so stolzen Königreich im Eiltempo den Bach runter. Obwohl noch nicht mal beschlossen ist, wie hart denn nun der Brexit wirklich wird und wann genau mit der Loslösung Großbritanniens von Europa wirklich begonnen werden soll, sind die Folgen für das ohnehin schon gebeutelte Land, vor allem für die Armen und Ärmsten bereits deutlich zu spüren. Dass dies kaum noch eine Nachricht wert ist, liegt wohl auch daran, dass wir Informationen im Schnelldurchlauf konsumieren, kaum die Zeit zur wirklichen Auseinandersetzung haben (und uns selbige auch nicht nehmen) - zudem dominieren immer die sensationellsten, die lautesten, die krassesten News die Kanäle, von stetigem Niedergang, der schleichenden Aushöhlung der Sozialsysteme, all den kleinen und alltäglichen Niederlagen will niemand wirklich etwas wissen.



Nicht so bei Jason Williamson. Der Sänger und Texter der Sleaford Mods wird nicht müde, die Missstände in seiner Heimat zu benennen. Und auch wenn es aktuell nur zu fünf Songs gereicht hat, sind diese deshalb nicht weniger deutlich, nicht weniger zornig und anklagend als auf den famosen Alben zuvor. Williamson und Andrew Fearn haben sich ja für den Tag der Veröffentlichung der neuesten EP einen kleinen Marketing-Gag überlegt und überreichen diese gerade den Bestellern persönlich vor Ort an der Haustür, was eindeutig der angenehmere Besuch ist als der, von dem der erste Song "Stick In A Five And Go" erzählt. Ein frustrierter Zeitgenosse, der auf den sozialen Kanälen wütet und hernach seinen Brass gegen unbekannt abreagiert - der Troll als Blindgänger, der rot sieht und Amok läuft. Die gleiche Story übrigens, die auch der Film "Us And Them" von Joe Martin (mit Tim Roth's Sohn Jack) thematisiert und auf dessen Soundtrack passenderweise auch die Sleaford Mods zu hören sind.

Es bleibt auch bei den restlichen Stücken düster - "Gallows Hill" handelt von einer zweifelhaften Sehenswürdigkeit in Nottingham, einem alten Friedhof, der laut Williamson zum Treffpunkt der Ausgestoßenen und Randständigen geworden ist und der es, weil die Stadt selbst die Beleuchtung entfernt hat, zum trostlosen und deprimierenden Wahrzeichen seiner Stadt geschafft hat. Weiter erinnert sich Williamson mit Bitterkeit an die armseligen Zeiten seiner Jugend als Gläsersammler in einem Pub ("Dregs"), sinniert über verlorene Seelen, die man dennoch nicht abschreiben sollte ("Joke Shop"). Der Sound der 12" ist dabei überraschend locker und manchmal geradezu verspielt, Fearn baut in seine LoFi-Tracks hübsche Melodien und Casiotone-Tunes ein, "Bang Someone Out" hat regelrecht Swing und Williamson überrascht ein weiteres Mal mit - ja, nennen wir es ruhig: Gesang. Vielleicht klingt die EP deshalb nicht ganz so zwingend und rough wie die vorangegangenen Longplayer, als Statement ist sie so wichtig wie gelungen. This note's for you, sozusagen. https://sleaford-mods.myshopify.com/

HEALTH vs. Soccer Mommy: Strange Combination

Okay, in der Reihe "Strange Combinations" ist das mit Sicherheit einer der vordersten Plätze: HEALTH aus Los Angeles sind eher für gnadenlose Synthbeats bekannt und haben sich zuletzt 2015 mit dem Album "Death Magic" in unsere Herzen geprügelt. Sophie Allison aka. Soccer Mommy ist gleiches mit ihrer aktuellen Platte "Clean" und deutlich leiseren Tönen gelungen. Dass beide nun gemeinsame Sache machen, ist deshalb nicht unbedingt naheliegend, das Ergebnis in Form des Songs "Mass Grave" kann sich aber hören lassen. Was aus dieser Kollaboration noch so erwächst ist derzeit leider noch unbekannt.

Donnerstag, 13. September 2018

Bambara: Fieberhaft

Über eine sehr interessante Band stolpert, wer gerade die Idles aus Bristol verfolgt (und das ist gewiß kein Fehler, denkt man an ihr gerade veröffentlichtes Album "Joy As An Act Of Resistance"): Denn auf deren US-Tour gehörten auch Bambara zum Support, eine Kapelle aus Brooklyn, New York. Diese haben ihrerseits im April diesen Jahres ihre aktuelle Platte "Shadow On Everything" herausgebracht und die ist für Fans der Cave'schen Bad Seeds ein Fest. Düster krachende Todestänze, heiß, hitzig, ja fiebrig. Das Video zur Single "Monument", ein monochromatischer Live-Mitschnitt, gefilmt von Tim Ciavara, ist gerade geteilt worden, den Rest gibt es via Wharf Cat Records.



Forest Swords: Im Sog

Dass die Reihe DJ-Kicks seit jeher von ausgesucht guter Qualität ist, die durchaus auch die Zeit überdauert, weiß man. Wer's nicht ganz glauben möchte, darf gern mal die alten Sachen der Stereo MC's, Rockers Hi-Fi oder die fast schon legendäre Mixtur von Kruder und Dorfmeister einlegen - sie kicken noch immer. Gerade erst hat die über zwanzig Jahre alte Reihe mit Matthew Barnes aka. Forest Swords aufgemacht und auch diese Platte ist ein Killer. Aus dem feinen Set sticht besonders der Track "Crow" hervor, eine Eigenkomposition, für die es auch einen so einfachen wie genialen Clip gibt ("Tomorrow's Storeys" von Liam Young) - Häuserschluchten ziehen den Blick des Betrachters unnachgiebig zu sich heran, ein Stück Blade Runner aus der Jetztzeit. Meisterhaft.