Donnerstag, 19. Juli 2018

Leyya: Mit Sicherheit

Obschon sie noch gar nicht so lange im Geschäft sind, dürften Leyya inzwischen vielen ein Begriff sein: Spätestens seit ihrem Album "Sauna", mit dem sie Anfang des Jahres dem Feinkostpop aus Österreich wieder einen neuen (weiteren) Namen verschafften, war klar, dass mit Sophie Lindinger und Marco Kleebauer keine Eintagsfliegen im Geschäft gelandet sind. So locker und leicht wie ihre Songs klingt es heutzutage selten, dazu haben die beiden auch visuell jede Menge wundervoller Ideen parat. Und daran hat sich offenbar auch ein halbes Jahr später überhaupt nichts geändert, denn gerade kommt mit "Wannabe" ein neuer Track daher, der sich nicht auf dem Album findet, sich aber bestens in die Gesamtkonzeption des Duos einfügt - lässig arrangierte Tanzmusik, unterhaltsamer Clip (von Rupert Höller), augenzwinkernde (sorry!) Lyrics. Sie können wohl derzeit einfach nichts falsch machen.

03.10.  Rockhouse, Salzburg
04.10.  Cinema Paradiso, St. Pölten
18.10.  Kleine Freiheit, Osnabrück
19.10.  Artheater, Köln
25.10.  Glocksee, Hannover
26.10.  Engelsburg, Erfurt
24.11.  OKH, Vöcklabruck
27.11.  Konzerthaus, Wien

Tanukichan: Everyday is like Sunday

Tanukichan
„Sundays“

(Company Records)

Da gilt es jetzt mal zwei Themen zueinander zu bringen, die auf den ersten (und wohl auch jeden weiteren) Blick nicht ganz so viele Berührungspunkte haben: Hannah van Loon, das junge Mädchen aus San Francisco, von dem wir hier reden, hat u.a. zwei Faibles. Eines für waschbärenähnliche Wesen, die meistenteils in Sibirien, China und Japan hausen und auf den hübschen Namen Tanuki hören. Zum anderen liebt sie – da ist sie nicht ganz allein – Sonntage oder besser das Gefühl, an einem Sonntag mit leerem/schwerem Kopf zu erwachen und ganz langsam und behutsam wieder alle Gedanken in die richtige Ordnung zu bringen. Hier also der nachtaktive, scheue Marderhund, da der matte Schädel, um Klarheit bemüht. Ein schwieriges Unterfangen. Da macht es einem der Sound des vorliegenden Debüts schon deutlich einfacher.



Auch wenn van Loon ursprünglich vom Jazz und vom Bluegrass kommt, geht ihr gegenwärtiger Stil eher in Richtung Dreampop und Shoegazing, der Beat ist träge, die Gitarren knirschen und dröhnen und man kann sich schon vorstellen, dass Tanukichan dem Morrissey’schen Motto „Every Day Is Like Sunday“ nicht abgeneigt ist. Gemeinsam mit Chaz Bear von Toro Y Moi hat die junge Dame ein sehr eingängiges, durchaus entspanntes Werk komponiert, ihre zarte Stimme schwirrt über den Stücken, die nur selten (wie bei „Hunned Bandz“ oder „Like The Sun“) etwas harscher geraten – hier geht es mehr um die erfüllende Erfahrung des Augenblicks, den genussvollen Moment, Sonnenaufgänge, Roadtrips, Natürlichkeit. Eine der älteren Singles, „Bitter Medicine“, klingt ein wenig nach The Cure, der Schlußakkord „This Time“ hat dann tatsächlich etwas Bluegrass im Programm. Schöne Sache, das – Fenster runter, Kopf nach hinten, Augen zu, muß halt mal wer anderes fahren ...

Moop Mama: Vertauschte Rollen

Komplettschwenk: München. Hier ist's ja in den letzten Wochen wieder etwas unterhaltsamer geworden, gerade zur Vorwiesnzeit wird über Kreuze im Amt, Horst ohne Heimat und Hetze ohne Grund gestritten. Die Wohnungen so teuer, dass man besser unter die Brücke zieht, Theatermacher, denen man ihren Beruf erklären oder besser gleich diktieren will - genug Stoff also für eine Band wie Moop Mama, die Brasskolchose aus den Isarauen. Die nennen ihr neues Album allerdings "ICH" und bringen so eine/n jede/n von uns selbst ins Spiel, die erste Single "Molotow" kommt mit einem Video von Kid The Color, gewitztem Splitscreen und reichlich irritierender Verkleidung.



Bleeth: Schwerstarbeit

Ein paar härtere Töne, um dem Tag etwas Schwung zu verschaffen: Wir reden von Bleeth, einer dreiköpfigen Drone/Sludge-Band aus Miami. Vor drei Jahren erschien deren erste EP "Re-Animator", nun werden Juan Londono (Drums), Ryan Rivas (Bass/Gesang) und Lauren Palma (Gitarre/Gesang) bei Anti-Language Records ihr Debütalbum "Geomancer" veröffentlichen. Im Juni erschien die erste Vorauskopplung "Divulging Souls", nun schieben die drei "Blood Moon" hinterher. Ein ordentlicher Hammer, von dem Rivas sagt: "Jedes Mal, wenn das Abschluss-Riff der Crowd noch mal auf die Schädel haut, muss ich unweigerlich grinsen." Auch wenn es nicht so aussieht - sie haben also jede Menge Spaß an der Schwerstarbeit.



Mittwoch, 18. Juli 2018

Neonschwarz: Besser zu ertragen

Daß Audiolith aus Hamburg eines unserer All-Time-Lieblingslabels ist, wollen wir gern zugeben, trotzdem haben wir sie in letzter Zeit sträflich vernachlässigt. Mit dieser frischen Meldung hier ist das weiter nicht mehr möglich - denn Neonschwarz sind wieder am Start. Ganze zwei Jahre ist deren letztes Album "Metropolis" mittlerweile schon wieder alt und dennoch - den Versuch könnt ihr gern mal machen - klingt es jetzt genauso Klasse wie 2016. Viel passiert mittlerweile, nix Gutes leider in der Großpackung, aber wenn Marie Curry, Johnny Mauser, Captain Gips und Spion Y mit dabei sind, ist auch der größte Scheiß leichter zu ertragen. "Clash" heißt übrigens die neue Platte der vier, mit der sie, wie sie reimen, alles wieder auf's richtige Gleis bringen wollen, am 12. Oktober ist es soweit und bis dahin gibt es erst mal lecker Vorabtracks zum Warmhören - hier gleich mal "Gleis 13". Und ab geht es!

09.11.  Lüneburg, Anna & Arthur
10.11.  Husum, Speicher
23.11.  Münster, Gleis 22
24.11.  Heidelberg, halle02
07.12.  Dresden, Tante Ju
08.12.  Wien, Flex
24.01.  Zürich, Dynamo
25.01.  Bern, Dachstock
08.02.  Wiesbaden, Schlachthof Wiesbaden
09.02.  Düsseldorf, zakk
22.02.  Stuttgart, Im Wizemann
23.02.  München, Feierwerk
22.03.  Nürnberg, Z-Bau
23.03.  Hannover, Faust
05.04.  Dortmund, FZW
06.04.  Bremen, Schlachthof Bremen
13.04.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
27.04.  Hamburg, Große Freiheit 36

Cat Power: Zurück zu den Wurzeln

Wer Attila heißt, gebürtiger Portugiese und von Beruf Lehrer ist, der hat den 5. Oktober ohnehin dick im Kalender angestrichen, doch nun dürfen sich auch alle anderen (und das sollte allem Ermessen nach die große Mehrheit sein) diesen Tag vormerken. Dann nämlich erscheint via Domino Records das neue Album von Cat Power - wahrlich ein wunderbare Nachricht. Die Haare sind wieder lang, das Gesicht ist schmaler geworden als noch zu Zeiten des Vorgängers "Sun" von 2012. "Wanderer" heißt das neue Werk, elf neue Stücke wird es enthalten (eines davon ein Duett mit Lana Del Rey) und ein erster Teaser zeigt die Künstlerin in karger Landschaft, laut Auskunft von Chan Marshall werden wir viel Folk und Blues zu hören bekommen.

28.10.  Berlin, Astra Kulturhaus

Esya: Trip ins Ungewisse

Esya
„Absurdity Of Being“

(via Bandcamp)

Es gibt da dieses wunderbare Bild von Harry Rawlings, das Ayse Hassan bei einer Performance in einer Art Werkhalle zeigt – vertieft in ihr Keyboard, steht sie vor einer Wand, an der mehr als zwei Dutzend Gitarren hängen, am Boden mindestens die gleich Anzahl dazugehöriger Verstärker, desweiteren ein Hochregal für Schlagzeuge. Ein Verkaufsraum also. Und ein Foto mit Symbolcharakter. Denn Hassan ist wohl von allen Mitgliedern der Londoner Post-Punk-Kapelle Savages die umtriebigste. Gemeinsam mit Kendra Frost hat die Bassistin vor einiger Zeit das Duo Kite Base gegründet, nun veröffentlicht sie unter neuem Pseudonym also die erste Soloplatte. Die Vielzahl der sie umgebenden Gerätschaften könnte also fast wie eine Drohung verstanden werden, nicht eher innezuhlaten, bis nicht auch das letzte Instrument gespielt, der letzte Regler gedreht worden ist. Eine Drohung, die durchaus ihren Reiz hat, denn wie schon bei Kite Base, so ist auch der solistische Output der oft kühl und zurückhaltend dreinblickenden Dame äußerst hörenswert.



Vier Stücke zählt die vorliegende EP, keines klingt wie das andere. Los geht’s mit „Lost“, einem düsteren, synthetischen Drone-Trip, der mit schneidender, verfremdeter Stimme, mit Streichern und vielen schiefen Tönen daherkommt. Hassan beschwört ihren unbändigen Willen, übers Wasser zu gehen, Berge zu versetzen, um etwas zu finden, das sie und uns aus Chaos und Wahnsinn retten könnte. „Obsolete“ ist dagegen von eher leichterem Charakter, Wavepop im Stile der 80er, flächig, melodisch, fast verträumt, aber sehr klar. Ihre Stimme trifft zwar nicht jeden Ton, aber das stört keinesfalls die kleine Ansprache: „I close the door on the recent news, I knew it all, I took the fall, I loved it all.“ Alles ist gesagt, alles ist getan, was oder wer wichtig ist, schließt sie ins Herz, der Rest kann gehen.

Der dritte Song „It’s Me“ wiederum pluckert hektisch und nervös, die Beats kommen jazzig und kommen schnell, Selbsterfahrung, Tag- oder Albtraum, ängstlich, zweifelnd, ein unentschiedenes Gefühl, das hier transportiert wird. Und wieder der Gegensatz im Anschluß – der warme, weiche Sound von „Sense Of Reality“ mit chorähnlichem Gesang, trägem Bass und schleppenden Drums, das alles umhüllt den Hörer mit sanftem Grollen, läßt ihn dahingleiten ins Ungewisse, Schemenhafte. Ganz nebenbei ist diese EP auch ein geeignetes Lehrmaterial: Hat man vier solch starke Stücke wie hier, dann darf man es für’s erste gern dabei belassen (auch wenn mehr von gleicher Güte sicher sicher schön gewesen wäre) – der Gefahr, übermäßig zu strecken oder mit weniger stimmigem Material auf Albumlänge aufzufüllen ist Hassan zum Glück entgangen. Ihren künstlerischen Anspruch und ihre Unternehmungslust sollte das aber nicht mindern.



Drenge: Bang your head! [Update]

Diesen Track dürfen wir in dieser Woche ebenfalls nicht verpassen, denn in der Endabrechnung des Sommers wird er - zumindest bei den Bangern - auf den ersten Plätzen zu finden sein: Die kalifornische Kapelle Drenge um Sänger und Gitarrist Gavin Hayes hat bekanntlich seit 2011 und "Chuckles And Mr. Squeezy" kein Studioalbum mehr aufgenommen, was sehr bedauerlich ist, weil die vier Herren tatsächlich ziemlich gnadenlos rocken. Nun haben sie also wieder zusammen mit Ross Orton (The Fall, M.I.A.) eine erste neue Single aufgenommen. "This Dance" ist in erster Linie ein mächtiger Brüller (wer dazu tanzen kann, sollte das aber unbedingt tun), die Inspiration zum Song hat sich Hayes nach eigener Auskunft bei Carpenters "The Thing" mit Kurt Russell geholt. Hallelujah!

Update: So, ein paar Informationen haben wir nun dank In The Line Of Best Fit - der Track stammt von der EP "Autonomy", die mit insgesamt vier neuen Stücken am 5. Oktober erscheinen soll. Und zu "This Dance", von dem es mittlerweile auch ein Video gibt, gesellt ist gerade noch die Auskopplung "Before The War Begins".



Dienstag, 17. Juli 2018

Soccer Mommy: Ausstrahlung

Starke Musik war das schon immer, was uns Sophie Allison aka. Soccer Mommy da präsentierte, Anfang des Jahres erschien ihr wunderschönes Album "Clean". Nun kommen auch noch ein paar ebenso starke Bilder hinterher, denn Jonny Look (Cloud Nothings, Ought, Grizzly Bear) hat das Video zum Song "Scorpio Rising" gedreht und mit eindrucksvollen Momenten nicht gegeizt. Und ob nun Halo oder Spot, die Frau hat wirklich eine unglaubliche Ausstrahlung. Mitte September kann man sich davon übrigens auch noch mal in Hamburg überzeugen.

19.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival

Dude York: Vorwarnung

Könnte es sein, dass sie etwas abgespeckt haben? Also rein klangtechnisch, versteht sich. Dude York aus Seattle klangen auf ihrem letzten Album "Sincerly?", erschienen im Frühjahr 2017, noch nach dem krachigen Grungepop der Altvorderen. Auch die erste neue Single "Moon" hatte noch ähnliche Power, aber jetzt kommt ein Song namens "What Would You Do If You Had Some Money Now?" daher und der klingt eigentümlich gebremst und überraschend konventionell. Egal, vielleicht will uns das Trio ja nur in Sicherheit wiegen, um dann urplötzlich und gnadenlos zuzuschlagen. Wir sind jedenfalls gewarnt - wenn demnächst ein weiteres, viertes Album via Hardly Art angekündigt wird, wissen wir schon mal Bescheid.



Bodega: Moderne Fünferkette

Bodega
„Endless Scroll“

(What’s Your Rupture?)

Wie nach jedem großen Fußballturnier (hatten wir ja gerade erst) die neuesten Trends im Ballsport zusammengetragen werden, läßt sich auch ein Musikjahr bewerten, lassen sich Entwicklungen erkennen und benennen. Und selbst der leidenschaftliche Laie (in der Rollen sehen wir uns jetzt mal) darf nach einer Halbsaison eine erste Bilanz ziehen: 1. Auch dieses Jahr wird weiblich 2. Der Hip Hop tritt auf der Stelle (auch weil er sich von seinem frauenverachtenden Image, siehe 1, nicht zu lösen vermag) 3. Der Jazz ist endgültig zurück 4. Der Post-Punk erlebt eine weitere Blüte. Natürlich folgt noch eine Reihe weiterer wichtiger Punkte, wir bleiben aber mal bei 4 stehen und behaupten, daß diese These mit dem Hinweis auf die Formation Bodega aus Brooklyn bestens untermauert werden kann. Ben Hozie, Nikki Belfiglio, Montana Simone, Heather Elle und Madison Velding-VanDam – fünf junge Leute aus New York, die ohne Berührungsängste die Grenzen eines Genres austesten, das ohnehin von der Vielfalt verschiedenster Stile lebt. Und zwar humorvoll, politisch, selbstironisch und – nicht ganz so selbstverständlich – auch selbstkritisch.



"Das Mantra von Bodega lautet: Die beste Kritik ist Selbstkritik!“, so Hozie in einem Interview mit dem Netzportal DIY, „Wenn ich also das Internet kritisiere, geht es nicht so sehr um dieses große, abstrakte, böse Ding, es geht vor allem darum, wie wir persönlich damit umgehen. Was machen wir falsch?“ Fragen, die sich keiner so gern stellt, weil dann der Zeigefinger schnell wieder wieder eingepackt werden, man sich selbst hinterfragen muß. Stücke wie „How Did This Happen“ oder „Name Escape“ setzen hier an und versuchen, den Blickwinkel des Zuhörers zu verändern, wachzurütteln aus der eigenen Selbstzufriedenheit. Der Sound dazu ist knackig, schnoddrige Stimme meets dicken Bass meets schroffe Gitarren, Songs, die kaum die Dreineinhalb-Minuten-Marke reißen und anständig frisch klingen. Da gibt es Hörenswertes über pseudointellektuelle Überspanntheit („I’m Not Cinephile“), die Freude am Spiel mit sich selbst („Gyrate“), das hektische Leben in der Trendblase („Can’t Knock The Hustle“) und die wunderbar bissige Liebeserklärung an (Männer wie) „Jack In Titanic“. Alles sehr liebevoll, authentisch und mit viel Spielwitz. Quasi eine moderne Fünferkette.



Metric: Begleiterscheinung

Wer sie sehen und hören will, muß derzeit etwas mehr Geld hinlegen: Metric, kanadische Indierockband um die charismatische Sängerin Emily Haines, touren gerade mit den wiedervereinten Smashing Pumpkins durch Nordamerika, nach dem letzten Album "Pagans In Vegas" und Haines Solonummern mit Soft Skeleton gibt es nun auch für den Support ein paar neue Songs. Neben dem kürzlich aufgetauchten "Come On Angel" ist jetzt "Dark Saturday" erschienen, von einer dazugehörigen Studioplatte ist derweil noch nicht die Rede.

Update: Das Video zur neuen Single "Dark Saturday" wurde von Justin Broadbent komplett mit dem Smartphone gefilmt - man wäre nicht drauf gekommen...

30.10.  Hamburg, Knust
31.10.  Berlin, Kesselhaus
05.11.  München, Technikum
14.11.  Frankfurt, Gibson



Alt-J: Relax hooray!

Das ist ja jetzt keine Unsitte, sondern für Künstler, die ihre Arbeit ohnehin stark elektrifiziert haben, noch einmal eine sehr lohnende Übung: Auch Alt-J haben, ähnlich wie kürzlich erst Goldfrapp, ihr Erfolgsalbum "Relaxer" in Gänze einem Rework unterzogen - oder besser die zahlreichen, existierenden Remixe ausgemistet und die besten, vorzugsweise aus der Gattung Hip Hop, auf der Platte "Reduxer" versammelt. Mit dabei so bekannte Namen wie Twin Shadow, Alchemist, Terrace Martin, Lomepal und Kontra K. Als Termin für die Veröffentlichung ist bei Amazon der 28. September verzeichnet, hier schon mal zwei vorab bekannte Beispiele.



Montag, 16. Juli 2018

Bully: Im Schneckentempo

"Kleine Schnecke, großer Traum" - so hieß mal der Untertitel für den Dreamworks-Animationsfilm über eine Turboschnecke. War nicht ganz so der Brüller, die Kleinen fanden's trotzdem fein. Nicht anzunehmen, daß die Grungekombo Bully aus Nashville vor fünf Jahren deshalb ins Kino gerannt ist, auch Puppenkünstlerin Aleia Murawski wurde dort wahrscheinlich nicht gesehen. Dennoch haben sie zusammen für den Song "Guess There" ein sehr schönes Video als eine Art Traumsequenz gedreht, in dem Schnecken die Hauptrolle spielen, also Zähne putzen, Müsli essen, Körbe werfen. Was man halt so macht den lieben langen Tag. Das Stück stammt im Übrigen vom Album "Losing" aus dem vergangenen Jahr, es wurde also (sorry: Wortwitz) im Schneckentempo nachgereicht und gefällt uns trotzdem ausnehmend gut.

Samstag, 14. Juli 2018

Familienalbum # 29: The Callas With Lee Ranaldo

Weil wir es hier gerade von Sonic Youth hatten: Lee Ranaldo war ja im wechselnd besetzten Ensemble dieser Band immer die sympathischste Figur, weil er zum einen von Anfang an dabei war und sich trotzdem nicht in den Vordergrund spielte, eine Art Schattenmann also. Dabei gibt es für falsche Bescheidenheit eigentlich gar keinen Grund, er kann mittlerweile auf ein ziemlich umfangreiches Solowerk verweisen, sein letztes Album "Electric Trim" erschien im vorigen Jahr bei Mute Records. Und Ranaldo ist nicht nur ein Ausnahmegitarrist mit beeindruckender Vita, sondern gilt als vielseitig interessiert - so verwundert es nicht, daß er sich für eine Zusammenarbeit mit der griechischen Künstlergruppe The Callas bereit fand. Nachdem deren letzte Platte "Half Kiss, Half Pain" Jim Sclavunos von den Bad Seeds verantwortete, produzieren sie gerade einen Film namens "The Great Eastern", für den Soundtrack mit dabei eben Lee Ranaldo. Ebenso in Arbeit ist ein gemeinsames Studioalbum unter dem Titel "Trouble And Desire", das am 26. Oktober bei Dirty Water Records erscheinen wird, von diesem wiederum stammt die Single "Acid Books".

Und da das Cover dieser Platte mit einer nicht eben appetitlichen Pasta verziert ist, gibt's als zweiten Gang noch ein paar Nudelgerichte gratis dazu, wie üblich gelistet von links nach rechts und oben nach unten.

The Callas with Lee Ranaldo "Trouble And Desire", Guns'n Roses "The Spaghetti Incident", Midnight Noodles "Humans Don't Be Angry", The Jesus And Mary Chain "Damage And Joy", Pat Cooper "Spaghetti Sauce And Other Delights", Parquet Courts "American Specialties", Young Dro "Drocabulary Mixtape"

07.12.  Hamburg, Mehr! Theater

Freitag, 13. Juli 2018

Body/Head: Gedanken auf Freigang

Body/Head
„The Switch“

(Matador)

Man kann es Kim Gordon kaum übelnehmen, dass sie richtig viel Erhellendes zum neuen, zweiten Album von Body/Head nicht herauslassen will. Zum einen möchte Gordon schon längere Zeit nicht mehr nur als Musikern wahrgenommen werden – schließlich stellt sie seit Jahren in namhaften Gallerien ihre Bilder und Skulpturen aus und empfindet die recht einseitige Ausrichtung der Fragen wohl eher als unnötige Reduzierung. Als zeitgenössische Künstlerin weiß sie zudem, dass erklärte Kunstwerke – und dazu zählen auch solche aus Tönen – keine wirklich spannenden mehr sind. Zu guter letzt hat Gordon nicht eben selten die Erfahrung gemacht, daß sich alle Gespräche mit ihr über kurz oder lang um ihre Job als Bassistin und Sängerin bei Sonic Youth drehen, eine Zeit, die, liest man ihre Autobiografie, abgeschlossen hinter ihr liegt und die sie nur ungern wieder und wieder durchkauen möchte. Und deshalb können ihr weder Kyle Meredith (WFPK Independent Louisville) noch die Zeitschrift Elle mehr als ein paar sparsame Kommentare zu „The Switch“ entlocken – „quite heavy and different to the first one“ hört man beim Interview des einen, im Modeheftchen erfährt der Leser über die zwischenzeitliche Liveplatte „No Waves“: "My favorite thing is getting lost in the music. It can seem kind of almost meditative when things are optimal". Nun ja, da wäre man vielleicht auch selbst drauf gekommen.

Fakt ist, daß Gordon zusammen mit ihrem Bandpartner Bill Nace den Sound von Body/Head für die neue Platte nochmals überarbeitet hat. Waren beim Vorgänger „Coming Apart“ noch ansatzweise Songstrukturen zu erkennen, bewegen sich die beiden mittlerweile auf einer performativen Ebene, sind herkömmliche Muster bei den fünf Stücken nicht mehr herauszuhören. Was die Sache für den Zuhörer nicht eben einfacher, aber in gewisser Hinsicht auch deutlich spannender macht. Denn dieses Album funktioniert wie die meisten seiner Art (man denke zum Beispiel an die Mammutwerke von Michael Gira und seinen Swans) am besten im Live-Kontext, ohne die unmittelbare, körperliche Erfahrung der Noiseattacken vor eigenen Augen auf der Bühne ist der Zugang schwer zu bekommen, fehlt der Platte einfach eine sehr wichtige Dimension. Man kann das den beiden natürlich nicht zum Vorwurf machen, schließlich ist ein Tondokument wie dieses hier besser als keines, das Konzerterlebnis kann es dennoch nicht ersetzen. Erklärungen zu den Stücken sind, wie erwähnt, nicht nur schwer zu bekommen, sondern schlicht unnötig, alles auf „The Switch“ funktioniert über Assoziationen, ganz persönliche Bilderwelten, die sich bei entsprechender Bereitschaft unweigerlich auftun.

Da passt es ganz gut, dass Nace und Gordon noch spartanischer, noch krasser instrumentieren, dass Gordon ihre Stimme seltener und wenn, dann zusätzlich verfremdet einsetzt. Wie bei einer Hohepriesterin dröhnt ihr Gesang zu den knirschenden, verzerrten Klangkonstrukten. Ein Thema, eine Melodielinie gar lässt sich nur selten ausmachen, am ehesten findet man solches bei den beiden längsten Stücken „Change My Brain“ und „Reverse Hard“, wo repetitive Sequenzen eine fast schon meditative Stimmung erzeugen. Ansonsten irrlichtert bruchstückhafter Gesangs zwischen Feedbackfetzen und dronigem Lärm, alles mäandert, stolpert umher – kaum eine schlüssige Form, kein Halteseil, keine Orientierung, Freilauf der Gedanken. Mal hört es sich an, als habe jemand das Aufnahmemikrophon in ein Hornissennest geschoben und dieses zusätzlich in einen Sturm gehängt, dann wiederum meint man das Keuchen einer Beatmungsmaschine auszumachen. Am Ende jedenfalls bricht alles zusammen, unwiderruflich. Einen schönen, weil allgemeingültigen Satz haben wir dann doch noch gefunden, geäußert hat ihn Gordon kürzlich im Gespräch mit Davina Semo: „Ich denke, wo auch immer du die Kraft herbekommst – ob es das Hochgefühl ist, Musik zu spielen oder Kunst zu machen, wichtig ist allein das gute Gefühl zu deinem, in deinem Körper. Und der Schlüssel dazu ist nicht etwa Selbstbewußtsein – nein, du musst es wirklich besitzen.“ http://bodyheadmusic.com/

Mattiel: Mädchenträume

Ach, wenn es nur immer so einfach wäre: Als junges Mädchen auf einer kleinen Farm in Georgia aufgewachsen mit dem Wunsch, Rockstar zu werden, Songs der White Stripes nachgespielt und als mehr daraus wurde, haben es die richtigen Leute gehört. Soll heißen: Jack White. Und der fand, was Mattiel Brown mit sechs Saiten und ihren beiden Bandkollegen Randy Michael und Jonah Swilley so anstellt nicht nur richtig klasse, er lud sie ein, auf seiner aktuellen Tour zu spielen. Und so wird das Mädchen, das gern auf Pferden steht wie auf dem Cover ihres heute erschienenen Debütalbum, bald sehr viel mehr Menschen ein Begriff sein als noch vor einigen Monaten. Anbei eine kleine Materialsammlung mit den Stücken "Bye Bye", "Count Your Blessings" und "Whites Of Their Eyes" zum Vorschauen und das Album im Stream.







Lala Lala: Harter Stoff

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die besten Songs immer von denen kommen, die die größten Probleme zu bewältigen haben, dann hätten wir hier einen. Lillie West aka. Lala Lala stammt ursprünglich aus London, lebt aber schon geraume Zeit in den USA, erst Los Angeles, jetzt Chicago. 2016 hat sie ihr Debütalbum "Sleepyhead" veröffentlicht, nun ist für den 18. September der Nachfolger "The Lamb" via Hardly Art angekündigt. Und zu diesem sagt sie: "The Lamb was written during a time of intense paranoia after a home invasion, deaths of loved ones and general violence around me and my friends" - puh, harter Stoff. Schon die erste Single "Destroyer" handelt von Selbstzerstörung und der Erkenntnis früherer Verletzungen, wie auch immer die Sache ausgeht, wir wünschen ihr das Beste. Denn ihre Musik ist durchaus vielversprechend.

Donnerstag, 12. Juli 2018

Paul Weller: Tagesgeschäft

Ganze sechs Jahre hat er noch, bevor nach der altbekannten Regel des Mannes mit dem weißen Bademantel das Leben erst richtig anfängt: Paul Weller ist im Mai sechzig geworden, keinesfalls zu alt, um nicht in gewohntem Turnus neue Platten zu veröffentlichen. Seine nächste wird also "True Meanings" heißen und am 14. September in Umlauf gehen, ganze vierzehn Stücke sollen sich darauf versammeln, eingespielt zusammen mit Rod Argent von den Zombies, Martin Carthy, Danny Thompson, Connor O’Brien von den Villagers ist ebenso dabei wie Erland Cooper von Erland And The Carnival. Die erste Single "Aspects" darf hier schon mal vorgehört werden.

Mittwoch, 11. Juli 2018

Interpol: Perfekte Inszenierung

Okay, wie nennen wir das jetzt, ohne Genaueres zu wissen? Marketinggag? Performance? Wer sich den Film aus Mexiko City über die Bekanntmachung des neuen Albums "Marauder" von Interpol in Gänze angeschaut hat, dem wird auch ein kurzer, irritierender Moment aufgefallen sein, als ein Mann während der Veranstaltung aus dem Publikum vor den Tisch trat, an dem die Mitglieder der Band saßen, um die Fragen ihres Gegenüber zu beantworten. Er nahm den Kopf von Paul Banks in die Hände, führte ihn an seine Stirn und verharrte einen kurzen Moment in dieser seltsamen Pose, danach Abgang mit ein paar Straßenkids. Sah befremdlich aus, war aber offensichtlich Teil einer Inszenierung von Gerardo Naranjo für das Video zum Video der Single "The Rover". Denn all das und mehr sieht man nun, in anderem Kontext und neuem Blickwinkel, im aktuellen Clip. Und der Fremde ist Schauspieler Ebon Moss-Bachrach, Eingeweihten bekannt aus Filmen wie "Die Royal Tenenbaums", "Mona Lisas Lächeln" oder der Serie "Girls". Hätte man wissen müssen, ahnen können - aber auch so ist es ziemlich witzig.