Mittwoch, 23. Januar 2019

Steve Gunn: Gern gehört

Steve Gunn
„The Unseen In Between“
(Matador)

Schon eigenartig, wie und wann wir immer wieder auf Künstler stoßen, die eine ziemlich lange Zeit einfach an einem vorbeimusiziert haben, ohne dass man Notiz von ihnen genommen hätte – und plötzlich sind sie da und man fragt sich, wie um alles in der Welt das hat passieren können. Die Selbstvorwürfe halten sich zwar in Grenzen, es war ja keine böswillige Ignoranz, nur Unwissenheit gepaart mit passender Gelegenheit, der Zufall hatte wohl auch seine Finger im Spiel. So auch jetzt: Wer den No-Wave und Noise-Rock von Sonic Youth verehrt, der wird deren Auflösung vor acht Jahren mit großem Schmerz in Erinnerung behalten haben und weil man sich naturgemäß an vieles klammert, was einem die Erinnerung wachhält, bleiben natürlich auch die aktuellen Arbeiten von Lee Ranaldo, Thurston Moore und vor allem Kim Gordon stets im Fokus. Letztere hat nun gerade für das Netzportal Stereogum ein Interview mit eben jenem Steve Gunn geführt, was auf den ersten Blick etwas verwunderlich ist, vermutet man doch zwischen beiden nicht allzugroße musikalische Schnittmengen.

Natürlich weit gefehlt, denn Gordon kennt den Mann mit der Gitarre im Vergleich zu vielen von uns sogar ziemlich gut. Schließlich wohnt er in der Stadt, in welcher sie ihr musikalisches coming out erlebt hat (also New York), noch dazu trat Gunn zu früheren Zeiten auch schon mal im Vorprogramm von Sonic Youth auf. Meistenteils infernalischen Krach spielen und daheim geschmeidigen Twang anhören muss darüberhinaus auch kein Widerspruch sein, Gordon dazu: „Ich neige dazu, Noise eher live zu sehen als ihn über Kopfhörer zu hören. Ich rette meine Ohren quasi für meine eigene Musik, die wirklich laut ist. Schließlich können sie diesen Lärm nicht ständig ertragen.“ Und da ist sie bei Gunn an der richtigen Adresse, „The Unseen In Between“ hält neun wunderbare Stücke bereit, klassisches Songwriting, ab und an mit psychedelischen Ausflügen und harscheren Tönen verschnitten. Gunn zählt Größen wie Sandy Bull, Neil Young und John Fahey zu seinen Vorbildern, in den bedächtigeren Momenten wie bei „New Moon“ fällt einem noch Nick Drake ein, nicht die schlechteste Ahnengalerie also.



Interessant ist, dass Gunn bis zu seinem 2013er Album „Time Off“ ausschließlich instrumentale Musik aufgenommen hat (nebenher gab es ein kurzes Intermezzo in der Kapelle von Kurt Vile), erst auf Zureden seiner Freunde entschloss er sich, das Ganze mit Text und Stimme zu wagen. Was kein Fehler war, wie wir jetzt wissen. So dürfen wir beispielsweise in „Stonehurst Cowboy“ der Geschichte seines Vaters nachspüren, der einen Bruder und viele Freunde in Vietnam verlor und deshalb versuchte, dem Wahnsinn zu entkommen. Gunns Sprache ist bildhaft, zuweilen rauh und stets sehr poetisch, der Gesang warm und etwas brüchig – beim „Vagabond“ läßt er sich zudem von Meg Braid begleiten. Ankerpunkt des Albums aber bleibt sein Gitarrenspiel, hart und bluesig für das Herzstück „New Familiar“, geschmeidig schimmernd oder wieder an anderer Stelle mit dem Beat und Swing der 60er unterlegt. Man hört ihm einfach gern zu, selbst wenn es sich um die Liebeserklärung an eine zugelaufene Katze namens „Luciano“ handelt. Das Leben ist schließlich sonst schon laut genug. http://www.steve-gunn.com/

Die Heiterkeit: Wiedererkannt

Das gelingt tatsächlich nicht jedem und jeder, ein paar Takte angespielt, die Stimme setzt ein - klar: Die Heiterkeit und vor allem Stella Sommer. Soviel an Respekt hat sie der Popwelt mit ihren bislang drei erschienenen Alben, Soloarbeiten und Gastauftritten dann schon abgetrotzt, dass es keinerlei Zweifel gibt, wen sie da vor sich haben und der Pressetext zur nachfolgenden Ankündigung spart dann auch nicht an vollmundigen Lobpreisungen, unter Göttin geht da gar nix und wer Nico als Referenz auch nur denkt, wird sofort am nächsten Baum aufgeknüpft. Lustig ist das deshalb, weil auch ein Zitat aus der französischen Presse aufgeführt wird, was da heißt: "Lou Reed hätte es geliebt". Naja, dessen Zuneigung für seine ehemalige Zwangsbegleitung, die ihm Warhol zwecks höherer Sympathiewerte und unbestrittenem Sexappeal an die Seite gepflanzt hatte, hielt sich bekanntlich in Grenzen. Sei's drum - Buback steht an. Dort erscheint nämlich am 1. März "Was passiert ist", die vierte Platte der Hamburgerinnen und der Nachfolger von "Pop und Tod I+II". Die ist garantiert besser als der letzte Shorty von den Mausis, produziert hat wieder Moses Schneider, es soll um nicht weniger als "Desillusionierung, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit" gehen und nach dem Titelsong gibt es heute zu den Tourdaten noch den Song "Wie finden wir uns".

14.03.  Münster, Sputnik Café
15.03.  Köln, Artheater
16.03.  Schorndorf, Manufaktur
17.03.  Freiburg, Slow Club
18.03.  Karlsruhe, P8
19.03.  Zürich,  Bogen F
20.03.  München, Strom
21.03.  Wien, Fluc
22.03.  Salzburg, Arge Kultur
23.03.  St.Gallen, Palace
24.03.  Nürnberg, Z-Bau
26.03.  Dresden, Societätstheater
27.03.  Leipzig, Werk2
28.03.  Frankfurt, Mousonturm
29.03.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
30.03.  Berlin, Lido



Nilüfer Yanya: Längst überfällig

Sie gehört in die Reihe selbstbewusster, weiblicher Twens, die in den letzten Wochen und Monaten für mächtig Furore sorgten, auch wenn sie nach der "alten Zeitrechnung" noch nicht allzu viel vorzuweisen hat: Nilüfer Yanya, gerade einmal 23-jährige Londonerin, läßt sich in einer Reihe mit upcoming stars wie Glowie, Empress Of, Sigrid nennen, eine Reihe feiner Popsongs auf der Habenseite, noch kein Langspieldebüt, aber dafür Millionen Streams, Likes und einen Ista-Account, der durch die Decke geht. Dass der Hype durchaus seine Gründe hat, davon zeugen die besagten Hits, "Baby Love", "Thanks For Nothing" und "Heavyweight Champion Of The Year" - selbst diese schreibt man nicht mal so im Vorbeiscrollen. Das angesprochenen Manko soll nun auch bald der Vergangenheit angehören, denn Yanya hat gerade via ATO-Records ihr erstes Album angekündigt, in aller zu Gebote stehender Bescheidenheit wird es "Miss Universe" heißen und dem letzten der drei genannten Songs wird auch die neue Single "In Your Head" darauf zu hören sein. Auch wieder so eine Perle. Alles zusammen kann man sich übrigens auch bald live anhören, denn sie kommt für ein paar Clubtermine nach Deutschland.

17.04.  Hamburg, Nochtwache
18.04.  Berlin, Kantine Berghain
22.04.  München, Ampere
24.04.  Zürich, Exil
25.05.  Köln, Blue Shell



Dienstag, 22. Januar 2019

Methyl Ethel: Großer Spaß in Fortsetzung [Update]

Die Surrealisten des Pop sind also wieder unterwegs. Was? Wie bitte? Na ja, wir sollten das jetzt nicht zu hochen hängen, aber Methyl Ethel aus dem australischen Perth waren im vergangenen Jahr so etwas wie die Überraschung der Saison - ihr Album "Everything Is Forgotten" kam mit exaltierten Diskonummern, Artrock-Chick und ziemlich abgefahrenen Videos daher, das war alles sehr unterhaltsam. Und, denken wir an das wundervolle "Ubu", auch überaus tanzbar dazu. Für den 15. Februar ist nun ihre dritte Platte mit dem passenden Titel "Triage" via 4AD angekündigt und auch der Clip zum ersten Vorabsong "Real Tight" kann mühelos an die vorangegangenen Filme anknüpfen. Großer Spaß, Take eins sozusagen.

Update: Und weiter geht die Sause - hier kommt die nächste Single "Trip The Mains" mit einem Clip von PAVLOVA und Sally Bower.



FEHM: Endlich zum Punkt

FEHM aus Leeds sind hier beileibe keine Unbekannten mehr. Eine erste Erwähnung fanden sie, damals noch zu dritt, 2016 mit ihrer EP "Circadian Life", im Jahr darauf gab es eine Doppel-A-Single "Last Breath/Human Age" und nun steht, glaubt man den aktuellen News, wohl endlich das Debütalbum an. Wann genau es soweit ist, wird noch bekanntgegeben, vorerst geht ihr neuer Song "Blue Hour (Nothing Lasts Forever)" über das eigene Label Everything Has Meaning an den Start.

Rosalía: Brennende Mühlen

Gerade wieder auf der Bildfläche erschienen: Die katalanische Künstlerin Rosalía. Auf dem aktuellen Album von James Blake singt Rosalía Vila Tobella, so ihr vollständiger Name, ein Duett mit dem Briten - "Barefoot In The Park" gehört zu den besten Stücken, die sich auf "Assume Form" finden. Die gebürtige Andalusierin hat allerdings im vergangenen Jahr mit "El Mal Querer" selbst ein großartiges Werk abgeliefert - auch auf dieser, ihrer zweiten Platte, sucht sie die Verbindung von traditionellen Klängen wie Flamenco mit modernen, zeitgenössischen Elementen wie R'n B, Hip Hop und Pop. Auf die beiden ersten Singleauskopplungen "Malamente" und "Pienso En Tu Mirá" folgt nun das Stück "De Aquí No Sales", das Video von Diana Kunst und Mau Morgó zeigt sowohl spanische Ikonografie als auch ihre Liebe für die heimische Motoradszene, die schon früher bei ihr zu sehen (und zu hören) war.





Foals: Volle Breitseite - Ausgang offen [Update]

Da kommt es gleich mal ziemlich dicke. Und das macht dann vielleicht auch etwas skeptisch. Trotzdem: Die britischen Foals um Sänger Yannis Philippakis haben wie erwartet zu ihrem angekündigten Doppelschlag ausgeholt und heute ihr Doppelalbum "Everything Not Saved Will Be Lost" im BBC und allen verfügbaren Netzwerken für den 19. März platziert, flankiert von der ersten Single "Exits". Und die hat es zugegebenermaßen in sich - satte fünf Minuten maximal ausgeschöpftes Klangspektrum. Dass die Fohlen zunehmend in die Breite gehen, war schon auf dem Vorgängeralbum "What Went Down" zu hören. Gespannt sind wir trotzdem - mehr sobald vorhanden.

15.05.  Lausanne, Les Docks
20.05.  Berlin, Huxleys Neue Welt

Update: Der Clip zur aktuellen Single stammt von Albert Moya.



Montag, 21. Januar 2019

Babeheaven: Nachgelegt

Diesmal mussten wir nicht so lange auf die nächste Wortmeldung von Babeheaven, der Londoner Shooting Stars, warten. Gleich zu Beginn des Jahres erschien "November", eine berührende Ballade mit trippigen Beats und ganz viel Soul, heute nun die Single "Circles", entspannter zwar, aber nicht weniger reizvoll. Für die Heimat haben die vier gerade eine Kurztour angekündigt, die Hoffnung, daß die wunderbare Nancy Andersen zusammen mit ihren Kollegen bald auch wieder mal in Richtung Festland aufbricht, wollen wir nicht aufgeben.



Beak>: Die Kunst des Taumelns

Ein ziemlich tolles Video kommt heute von Geoff Barrow und seiner Band BEAK>. Im September des vergangenen Jahres ist das deren aktuelles Album ">>>" erschienen und zur Single "Brean Down" gibt es seit kurzem einen Clip von Joe Volk, der so simpel wie beeindruckend ist. Es tanzt dort in einer One Cut Aufnahme Vladislav Platonov, Mitglied des russischen Dance-Ensembles Bullet From Space - auch wenn das Ganze mehr einem Taumeln ähnelt, so steckt doch augenscheinlich eine enorme Menge an Körperbeherrschung drin, noch dazu gelingt die Performance in einer handelsüblichen Bundeswehr-Parka, nicht gerade das bequemste Kleidungsstück, wenn es um derartige Akrobatik geht. Klasse Stück, klasse Moves!

Samstag, 19. Januar 2019

Isolated Youth: Guter Anfang

Das ist schon mal klar: Will man eine Band voranbringen, kann es nicht schaden, einen charismatischen Sänger oder eine Frau mit markanter Stimme dabei zu haben, zu schnell ist man sonst wieder aus dem Gedächtnis verschwunden. Isolated Youth aus der schwedischen Hauptstadt ist das schon mal gelungen, wer Frontmann Axel Mardberg sieht, fühlt sich schnell an Brian Molko erinnert, der maßgeblich für den Erfolg von Placebo verantwortlich ist. Die Parallelen sind offenkundig - schwarzes, langes Haar, feminine Züge, bizarre Garderobe und eine Stimme, die sich sofort einprägt. Zusammen mit dem dunklen, leidenschaftlichen Post-Punk-Sound seiner drei Bandkollegen ergibt das eine ziemlich packende Mischung. Anhören kann man sich diese auf der gerade erschienenen EP "Warfare" - fünf treibende Stücke, das bekannteste von ihnen vielleicht "Safety", mit dem die Band im Frühjahr 2018 auf der Bildfläche auftauchte und dessen Remix-Version ebenfalls für Aufsehen sorgte. Nachdem der neue Labeldeal mit Fabrika Records fix ist, soll bald auch eine Headliner-Tour durch Europa auf dem Programm stehen.



Mira Mann: Zwei Wochen Angst

Foto: Thomas Gothier
Angst ist wohl eine der intensivsten und unangenehmsten Erfahrungen des Menschen, trotzdem sie als schlechter Ratgeber gilt, kann sie unser Leben maßgeblich bestimmen, lenken. Und auch wenn Philosophen und Psychologen behaupten, sie sei die Triebfeder unserer Entwicklung, sei unabdingbar für unser Fortkommen in der Welt, auch wenn uns Menschen, die behaupten, niemals Angst zu haben, suspekt vorkommen: Angst tut nicht gut. Sich ihr zu stellen, fällt uns schwer, erträglicher wird sie für die, denen sie eine stete, große Last ist, häufig nur dann, wenn sie andere Menschen treffen, denen es ebenso geht. Beschreiben lässt sie sich ebenso schwer, Versuche (wie auch dieser) wirken schnell eitel oder unbeholfen. Die Band Blumfeld hat dem "Testament der Angst" um die Jahrtausendwende nicht nur ein Lied, sondern eine ganze Platte gewidmet und selbst ihre Wort wirken heute, knapp zwanzig Jahre danach, seltsam hölzern.

Dass Musiker zu Autoren werden, ist nicht eben selten, die Liste derer, die sich an den Text ohne Sound trauen (wohl ein schwieriges Unterfangen, wenn man es anders gewohnt ist), dürfte lang sein. Mira Mann, Sängerin und Bassistin der Münchner Band Candelilla, ist diesen Schritt nun gegangen. 2017 haben Candelilla ihr letztes Album "Camping" bei Trocadero veröffentlicht, viel getourt und danach eine längere Pause eingelegt. Mann schreibt für die Süddeutsche Zeitung, die Magazine Ultra Soft, Das Wetter, Tegel Media und moderiert beim Münchner Netzfunk Radio80K - beim Kölner Kleinverlag Parasitenpresse wird nun am Montag kommender Woche ihr Lyrik-Band "Gedichte der Angst" erscheinen, in dem sie sich laut Pressetext mit "einer sehr persönlichen Erfahrung von Krankheit und Verunsicherung" auseinandersetzt, aufgeschrieben in zwei Spätsommerwochen des Jahres 2017. Sascha Ehlert, Chefredakteur von Das Wetter, vermerkt dazu, diese seien "so mutig, wie Literatur nur in guten Fällen ist". Am Ende des Buches erzähle Mann, wie und warum sie dazu gekommen sei, diese Dinge aufzuschreiben, "davon kriegt man einen Kloß im Hals und dann liest man dennoch von vorne los, versteht viele der Gedichte auf eine andere, vielleicht intimere Art und Weise und lässt sich von ihnen umhüllen – ein gutes Gefühl."

Lesungen
25.02.  München, Favorit Bar
11.03.  Köln, Wohngemeinschaft

Freitag, 18. Januar 2019

James Blake: Entwaffnung

James Blake
„Assume Form“
(Polydor)

Gerade schlägt ja der Werbespott eines amerikanischen Rasierklingenherstellers besonders in den USA hohe Wellen, es geht einmal mehr und sehr aufgeregt um die neue Männlichkeit, um Geschlechterrollen und -klischees und augenscheinlich ist diese Debatte sowohl bei Gegnern als auch Befürwortern des Wandels kaum noch ohne den Begriff „toxisch“ zu haben. Stellt sich die Frage: Taugt das neue Album von James Blake denn als Beitrag zum Diskurs? Antwort: Ja und nein. Ja, weil eigentlich alles, was irgendwo auf unserem hektischen Planeten passiert, Veränderungen der Gesellschaft mal mehr und mal weniger schnell beeinflußt, alles wird hinterfragt, ins Verhältnis gesetzt und bewertet, da macht auch diese Platte keine Ausnahme. Zumal sie natürlich von einem Mann vorgelegt wird, der mit seinem zarten Falsett, seiner Innerlichkeit und bewußten Verletzlichkeit so gar nicht in das Raster alter Männerversteher passen und noch immer so manch grob gezimmertes Weltbild zum Wanken bringen dürfte. Nein deshalb, weil Blake ja beileibe kein überraschendes Phänomen mehr ist. „Assume Form“ ist mittlerweile sein viertes Album und auch die vorangegangenen fanden ihr Publikum mit dieser bemerkenswerten Mixtur aus Dubstep, klassischem Songwriting und LoFi-Pop – over the top, klar, aber eben auch sehr berührend. Der einzige seiner Art ist er damit zwar nicht mehr, wohl aber der talentierteste.



Das überraschend kurzfristig veröffentlichte Album hat nun einige behutsame Änderungen im Programm, manche zum Vor-, andere zum Nachteil. Die Vermählung seines Sounds mit trippigem Hip-Hop-Rhymes, 2013 gemeinsam mit Chance The Rapper und dem grandiosen „Life Round Here“ gestartet, erfährt hier seine konsequente Fortsetzung – jetzt finden sich Kollaborationen mit André 3000 („Where’s The Catch“), Metro Boomin/Travis Scott („Mile High“) und dem Neo-Soul von Moses Sumney („Tell Them“) auf der Platte, allesamt sehr gelungen und catchy. Neu dagegen die spanisch-britische Variante, für „Barfood In The Park“ hat Blake die Katalanin Rosalía ins Studio gebeten, herausgekommen ist der wohl spannendste Track des Albums, weil zur bekannten Palette noch der kontrastreiche Gesang der jungen Spanierin hinzukommt, mal gefühlvoll gehaucht, mal rau und leidenschaftlich intoniert. Anderes dagegen gerät weniger zwingend: Wenn Blake im Stile eines gutgelaunten Crooners bei „Can’t Believe The Way We Flow“ den Barjazz beleiht, dann klingt das bei allem Respekt eine Ecke zu kitschig, als Grübler im Halbschatten macht er eine überzeugendere Figur denn als verliebter Charmeur.



Thematisch ist James Blake im Gegensatz zum sphärischen, deepen Klang seiner Tracks dann doch sehr diesseitig, dreht sich vieles um die Liebe mit all ihren Verirrungen, Schmerzen und dem Hochgefühl, welche/s sie für einen bereithält. Im wunderbaren „Power On“ mahnt er die Demut in Partnerschaften an, lobt die Fähigkeit, den anderen mit allen Fehlern und Schwächen zu akzeptieren und als Bereicherung zu erfahren. Das Titelstück wiederum meint die Liebe zur Körperlichkeit an sich eingedenk der Gefahr, sich der medialen Übermacht, der digitalen Verheißung hin- und die Verbindung zum realen Welt aufzugeben – Form annehmen also, hier sein, im Jetzt. Passend dazu der Aufruf an die Zuhörer (und sich selbst) gegen Ende („Don’t Miss It“), sich besser den Moment zu vergegenwärtigen, als ihm später hinterher zu trauern. Um den Bogen zum Anfang zu finden – toxisch ist an all dem gar nichts. Vielmehr geht es um Abrüstung, bestenfalls Entwaffnung, darum, Gefühl zuzulassen, Fehler zu dulden. Zum Rolemodel eines scharf kalkulierenden Markenartiklers eignet sich sich Blake dennoch nicht – in diesem speziellen Falle wäre er (ein Blick auf’s Cover genügt) für den Job auch einfach zu schlecht rasiert. https://www.jamesblakemusic.com/

Frank Carter and The Rattlesnakes: Mit der Brechstange

Das Ende aller Leiden, wer wünscht sich das nicht. Wie's zu bekommen ist, darüber gibt es naturgemäß verschiedene Ansätze und nicht alle sind angenehm und leicht zu verwirklichen. Eine Möglichkeit, wenn auch sehr wörtliche und weniger nachhaltige ist der Kauf des neuen, dritten Albums von Frank Carter and The Rattlesnakes, denn deren neues Album "End Of Suffering" soll am 3. Mai erscheinen. Abgemischt wurde es von Alan Moulder, das Label verspricht nicht weniger als einen "akustischen Molotow-Cocktail" - die erste Single "Crowbar" ist laut Carter von Unruhen in den Pariser Banlieues inspiriert, den Clip dazu drehte Ross Cairns.

16.03.  Nürnberg, Z-Bau
04.04.  Hannover, Bei Chez Heinz
05.04.  Bochum, Matrix Club
20.07.  Cuxhaven, Deichbrand Festival

Sharon Van Etten: Viele Gesichter

Sharon Van Etten
„Remind Me Tomorrow“
(Jagjaguwar)

Wenn es gut läuft im Leben, dann gelangt man mit zunehmendem Alter auch zu einem zunehmenden Horizont. Nun gut, es gibt auch gegenteilige Beispiele, wo sich mit den Jahren leider der Blick auf’s eigene Leben und das der anderen in einer Art endlosem Tunnel verengt und nicht mehr herausfindet – wir sehen verbitterte Zeitgenossen, die glauben, es werde alles wieder gut, wenn es so bleibt, wie es ist (finde den Fehler). Sei’s drum. Wo jedenfalls jugendlicher Ungestüm zunächst kaum mehr als ein Ziel kennt, verzweigt sich die Energie später auf vielerlei Weise, Menschen treffen Menschen, Menschen verlassen Orte und lernen neue kennen, Menschen gründen Familien – kurz: Menschen verändern sich. Ihnen dabei zuzusehen, zuzuhören, kann eine lohnende Erfahrung sein. Sharon Van Etten beispielsweise war zu Beginn ihrer Karriere eine überaus talentierte Singer/Songwriterin mit tollen Folksongs von zarter, zeitloser Schönheit. Geboren in New Jersey, wohnt sie mittlerweile in New York, ist Mutter eines Sohnes und nebenher um eine Vielzahl beruflicher Erfahrungen (Studentin, Schauspielerin, Designerin, Soundtrack-Produzentin) reicher.



Und legt nun ein Album vor, dem man diese Erfahrung, diese Veränderung anhört. War ihr Stil bislang vornehmlich vom Indierock geprägt, erscheint sie einem nun als Künstlerin mit vielen Gesichtern. Alles ist etwas dunkler gehalten als auf früheren Werken (auch das wohl eine Frage des Alters) und eine Reihe neuer Bezüge kommen einem in den Sinn, hört man sich die einzelnen Stücke auf „Remind Me Tomorrow“ an. Der stampfende Electrorock von „No One’s Easy To Love“ hat mit den Songs früherer Tage nicht mehr viel gemein, gefällt aber trotzdem. Auch das düstere Knirschen, die verschrobenen Riffs und wabernden, dronigen Synthsequenzen sind neu, Zola Jesus und Austra lassen bei „You Shadow“ und „Hands“ grüßen. Nicht unbedingt die Vorbilder, die man erwartet hatte, reizvoll sind sie trotzdem. John Congleton, dessen Name in den Credits mit zunehmender Häufigkeit auftaucht, war auch hier maßgeblich beteiligt – Van Etten hatte ihm unter anderem Nick Caves „Skeleton Tree“ mitgebracht, eine gewisse Nähe läßt sich durchaus erkennen.



Doch dabei bleibt es nicht. Die beiden Hitsingles des Albums „Comeback Kid“ und „Seventeen“ kommen als handfeste Hardrocknummern daher, Vergleiche mit Lucinda Williams und Bruce Springsteen drängen sich auf. Das hat auch inhaltliche Gründe, schließlich besingt Van Etten hier die Erinnerungen an ihre bewegte Kinder- und Jugendzeit, geht es um Freiheit, Sehnsucht, Heimat, alles Begriffe aus dem Stammbuch amerikanischer Songschreiber. Zunächst das Fortlaufen und die Rückkehr, der Wagemut der Kinder und die Ängste der Eltern, später betrachtet sie mit Wehmut ihr junges „Ich“ und spürt den Zeiten nach, da sie noch wild und ohne Furcht dem Leben ins Gesicht gelacht hat. Natürlich klingt das heute anders: “There is a tear welling up in the back of my eye as I’m singing these love songs,” schreibt sie in den Linernotes, “I am trying to be positive. There is strength to them. It’s - I wouldn’t say it’s a mask, but it’s what the parents have to do to make their kid feel safe.” Wer’s erlebt (hat), wird’s verstehen – eine gute, eine lebenskluge Platte.  https://www.sharonvanetten.com/

02.04.  Köln, Luxor
03.04.  München, Strom
05.04.  Berlin, Lido
06.04.  Hamburg, Gruenspan

Donnerstag, 17. Januar 2019

Sigrid: Höchste Zeit

Nun, das neue Jahr beginnt so, wie das neue Jahr zu Ende ging: Post-Punk aus London, schwedischer Shoegaze und Pop aus Norwegen? Nie von gehört? Na, dann wird es Zeit, sich ganz zügig den Namen Sigrid auf den Zettel zu schreiben, schließlich hat die Musikerin aus Alesund im letzten Herbst mit "Sucker Punch" mal schnell noch einen formidablen Hit aus dem Hut gezaubert. Was bei ihr jetzt nicht ganz so ungewöhnlich ist - schließlich gab es von ihr auch vorher schon reichlich Hörenswertes zu berichten. So wie dieser letzte Song heißt im Übrigen auch das Albumdebüt, das am 1. März erscheint - vorher aber noch eine weitere Auskopplung, hier kommt ganz aktuell "Don't Feel Like Crying".

03.06.  Köln, Lanxess Arena

James Blake: Mit neuen Mitteln [Update]

Das scheint jetzt also das große Ding zu sein. Früher gab's Marketing, VÖ-Termine, Spots, Vorabsingles, solche Sachen. Doch wer es sich leisten kann, zieht heutzutage besser die Guerilla-Masche durch, projiziert skurrile Bilder oder Videos an Hauswände, schaltet komische Anzeigenmotive oder kryptische Zeichen und Symbole. Wann und mit wem das anfing - keine Ahnung. Aber es nimmt zu und gehört wohl so. Gerade hat James Blake ein paar dieser Nachrichten auf der Welt verteilt, denen man entnehmen kann, daß sein neues Album "Assume Form" am 18. Januar erscheinen wird, das Tracklisting stammt von der französischen Amazon-Seite (die natürlich schon wieder gelöscht ist), das Cover aus einem Reddit-Chat, Gott allein weiß, ob das alles belastbar ist. Wir bringen's trotzdem, gehört wohl zum Geschäft und macht ja auch ein ganz klein wenig Spaß. Der einzige Song übrigens, der von der Platte bislang greifbar ist, scheint "Don't Miss It" zu sein, das Video dazu kam schon vor einigen Monaten in Umlauf.

Update: Und kurz vor Veröffentlichung des Albums kommt die erste Single in Umlauf - hier ist "Mile High" zusammen mit Travis Scott und Metro Boomin.



Mittwoch, 16. Januar 2019

Property: Warum so skeptisch?

Und auch der Post-Punk ist natürlich mit dem neuen Jahr noch lange nicht vorbei - gerade habe diese vier ernst dreinblickenden Herrschaften ihren neuesten Song abgeliefert: Morgan Hewitt, Michael Woods, Josh Holliday und Ryan Grieve kommen aus London und musizieren dort unter dem Namen Property. Noch Ende 2018 ist die erste Single "Adult Cereals" erschienen, nun folgt mit "Jumping Off" ein weiteres Stück. Und auch das kann sich hören lassen, es könnte durchaus etwas werden mit dieser Band, so viel Skepsis muss also gar nicht sein.

Makthaverskan: Nachgezogen

In der vergangenen Woche haben wir ja quasi das skandinavische Shoegazing-Jahr eröffnet und einen neuen Song der schwedischen Westkust vorgestellt, nun ziehen die ebenso reizvollen Makthaverskan aus Göteborg nach und stellen eine Seite ihrer neuen Doppel-A-Single "Demands/Onkel" online. Das letzte Album des Quartetts ist vor zwei Jahren erschienen, ob und wann es ein weiteres geben wird, steht noch nicht fest, vorerst soll nur diese 7" am 25. Januar bei Run For Cover Records erscheinen.

Dienstag, 15. Januar 2019

The Drums: Selbstbehauptung

Und das war natürlich die andere, große Nachricht heute: Jonny Pierce, mittlerweile quasi als eine Art Einmannband unterwegs, hat ein neues Album unter dem Namen The Drums angekündigt. "Brutalism" soll es heißen und am 5. April via ANTI- Records erscheinen. Pierce hatte auch nach erfolgreicher Veröffentlichung seiner letzten Platte "Abysmal Thoughts" 2017 wenig Ruhe und Freude gefunden, Selbstzweifel und depressive Schübe machten das Leben wenig angenehm und nur mit viel Selbstdisziplin und Spaß an der Musik schaffte er es, den Kopf oben zu behalten. Ausgestanden ist es noch nicht, aber mit dem Ergebnis der Zusammenarbeit mit Produzent Chris Coady (Amen Dunes, Beach House, Future Islands) im Rücken dürfte bald wieder etwas mehr Selbstbewußtsein zu haben sein - die erste Single "Body Chemistry" jedenfalls ist lupenrein luftiger Bedroom-Pop mit bissigen Lyrics. Ein guter Anfang.

Karen O vs. Danger Mouse: Kreativität im Quadrat

Vier Alben hat Karen Orzolek, kurz O, zusammen mit ihrer wunderbaren Band, den Yeah Yeah Yeahs, herausgebracht und sollten sie gemeinsam das kommende Jahr erreichen, dann feiern sie dort ihr Zwanzigjähriges. Wow! Beweglich sind sie jedenfalls immer geblieben, Nick Zinner schraubt seit jeher an einer beachtlichen Zahl von Nebenprojekten und fotografiert auch noch ganz gern, Madame O zeigt sich auch recht kreativ, arbeitet gern solistisch, nimmt Soundtracks auf und hat gerade mit Produzent und DJ Brian Joseph Burton aka. Danger Mouse eine neue Platte angekündigt. "Lux Prima", so der Name, soll am 15. März bei BMG erscheinen und nach dem überlangen Titelstück von epischer Breite ist heute nun ein zweiter Song davon in Umlauf gegangen - "Woman" poltert um einiges mehr und zeigt einmal mehr, dass wohl noch mit einigen Überraschungen zu rechnen sein wird.