Sonntag, 19. Mai 2019

Billie Nomates: Don't Do Shit

Die erste Empfehlung für diesen Sonntag stammt, wie sollte es anders sein, von der Insel: Billie Nomates kommt aus den britischen Midlands und hat offenbar ein Faible für Sprechgesang, Basslines und reduzierte Klänge aus dem Computer. Auf ihrer Bandcamp-Seite ist leider auch nicht viel mehr über sie zu erfahren, dafür gibt es dort fünf Tracks als Stream, die wir hier gern präsentieren. Ach ja - sie sucht noch Auftrittsmöglichkeiten als Support, wenn also wer was hört, einfach bei ihr melden, es könnte sich lohnen. Die Überschrift stammt im Übrigen aus ihrem Stück "Modern Art Exhibition" und lautet vollständig: "Anyone can do it, but they don't do shit".

Haiku Hands: Herausforderung

Um wirklich gute Tanzmucke zu hören und zu sehen, muß man sich dieser Tage nicht unbedingt durch die zehnstündige Bombast-Show des ESC aus Tel Aviv kämpfen, manchmal reicht auch ein Blick auf ein einiges Video. Wie zum Beispiel das des australischen Trios Haiku Hands. Die drei Mädels aus Sydney machen seit 2017 gemeinsam Musik, ihre letzte Single "Dare You Not To Dance" ist zu Beginn dieses Jahres erschienen und hat jetzt einen Clip von Nathan Lewis dazubekommen. Und wer der Herausferderung gewachsen ist, der schaut einfach mal rein.

10.08.  Rees, Haldern Pop Festival


JARV IS: Entwicklungsfragen

Wegen der allgemeinen Retromanie und Reunionitis ist man immer ganz aufgeregt, wenn dieser Mann sich zu Wort meldet: Jarvis Cocker. Und zwar nicht etwa, weil man sich seine frühere Band Pulp wieder hergestellt wünschte, sondern weil man Angst davor hat, er würde es tun und wir müssten dann die Enttäuschung verarbeiten. Doch keine Bange, er macht vorerst unter eigenem Namen weiter oder besser unter dem leicht abgewandelten Kürzel JARV IS. Hinter diesem Pseudonym versammeln sich noch weitere Bandmitglieder, die erste Single nennt sich "Must I Evolve?" und ist ein ziemlich ausladendes Art-Pop-Abenteuer - und zwar kein schlechtes. Zu kaufen gibt es die 7" übrigens nur auf Livekonzerten.

Samstag, 18. Mai 2019

IDER: Langer Anlauf

Auf diese Nachricht haben wir lang genug gewartet: Das Londoner Duo IDER hat nach einer Reihe vorzüglicher Singles endlich sein Debütalbum angekündigt. Megan Marwick und Lily Somerville werden also am 19. Juli via Glassnote "Emotional Education" veröffentlichen, neben den beiden zuletzt vorgestellten Stücken "Mirror" und "You've Got The Whole Life Ahead Of You Baby" und der älteren Single "Body Love" wird darauf auch der aktuelle Track "Wu Baby" zu finden sein - außerdem stehen nach einigen Festivalbesuchen auch Clubbesuche hierzulande an.

31.10.  Berlin, Frannz Club
01.11.  Hamburg, Molotow
10.11.  München, Milla

Diamond Thug: Völlig losgelöst [Update]

Natürlich kommt der Song nicht grundlos genau um diese Zeit: Die südafrikanische Band Diamond Thug hat vor genau einem Jahr ihr wundervolles Album "Apastron" veröffentlicht und dieses war voll von Bezügen zum kosmischen Sein und Werden, zu gesamtheitlichem Denken und Achtsamkeit. Mit einem alljährlichen Wiederbeginn hat natürlich auch die Tradition des japanischen Kirschblütenfestes zu tun (Hanami), denn die Blüten (Sakura) versinnbildlichen den neuerlichen Anfang eines jeden. Und diese Zeit ist jetzt - kein Wunder also, dass mit "Sakura" eine der letzten Singles der Platte genau in diesen Frühling fällt. Das verträumte Video zum Song haben Abigael und Calvin Thompson gedreht, die dazugehörige Performance liefert Sängerin Chantel Van T gleich selbst - und zwar ziemlich schwerlos.

12.05.  München, Strom
13.05.  Köln, Studio 672
14.05.  Hamburg, Hebebühne
15.05.  Berlin, Urban Spree

Update: Und gleich noch ein neuer Song - hier kommt das ebenso feine "Tell Me". Ein Song, so Chantel Van T, "der sich mit dem Umstand befasst, dass Leid zu unser aller Leben dazugehört, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Durch dieses Leiden können wir Heilung erfahren und diese wiederum mit anderen Menschen teilen." Das Schöne daran - eine EP folgt bald, "Gaiafy" erscheint am 24. Mai.





Freitag, 17. Mai 2019

LIINES: Auf zum Moshen

Das sind für einen kleinen, aber durchaus ambitionierten Blog ja immer die schlimmsten Momente, wenn man etwas verpaßt hat. Es geht dabei nicht um die hippen Sachen, von denen man denkt, man hätte sie bringen müssen, um gelesen zu werden - geschenkt. Sondern um Song und Platten, für die man sich in gewisser Weise zuständig fühlt, die ins Portfolio passen wie so selten etwas. Und von denen hat man jedes Jahr ein paar dabei, weil es einfach nicht anders geht - ärgerlich ist es trotzdem. Denken wir an The Screenshots, an Beak und denken wir an die Kapelle LIINES aus Manchester. Viel kraftvoller läßt sich Post-Punk kaum spielen, die drei Damen haben so viel Power, dass es einen jedes Mal umhaut, legt man ihr wunderbares (und hier wie gesagt sträflich unerwähntes) Album "Stop - Start" wieder auf. Live schon erlebt und bewundert - Zoe McVeigh, Tamsin Middleton und Leila O'Sullivan haben hoch und heilig versprochen, nach Deutschland zu kommen, sobald es der Kalender zuläßt. Heute morgen jedenfalls ist auf BBC6 eine neue Single mit dem Namen "On And On" gelaufen, unter diesem Link kann man sich das Ganze ab 1:41:38 in Ruhe anhören. Aber weißt heißt hier Ruhe - natürlich geht das Ding ab wie nix und im Handumdrehen will man in die Mosh. am 24. Mai geht der Track via Reckless Yes Records in den regulären Handel.

Update: Und nun auch auf bequemerem Wege...

Donnerstag, 16. Mai 2019

Rammstein: Der schwarze Kanal

Rammstein
„Rammstein“

(Sony)

Fast so viel Spaß wie die Platte selbst macht dieser Tage die Presseschau. Denn zu lesen, wie manche/r sich windet, ziert und sträubt, das hat schon eine sehr amüsante Note. Normalerweise möchten die Feuilletons, etablierten Netzportale und Trendblogger hierzulande eine Band wie Rammstein ja nicht mal mit der Kneifzange anfassen, besser kümmert man sich um angesagte Hipstermucke, damit die junge Leserschaft nicht ganz so schnell flötengeht. Doch so zu tun, als sei dieses Album nicht erschienen, geht nun auch wieder nicht, schließlich war die mutmaßlich letzte Tour in Nullkommanix ausverkauft, versammelten sich des Nachts Tausende von Wegebiertrinkern, um auf Häuserwände projizierte Videoclips anzuschauen – man ging ihnen also wieder auf den Leim, man mußte. Entsprechend liest sich der Streifzug durch die Kritiken – wobei nicht jede davon so angenehm differenziert und pointiert formuliert ist wie des des Autors eines Vice-Eintrages mit dem Titel: „Warum die Volltrottel-Band Rammstein dringend untergehen muß“.

Die ehrwürdige FAZ beispielsweise grummelt sich recht unentschieden durch die Zeilen auf der Suche nach dem kleinsten, gemeinsamen Nenner und verweist schließlich auf den Keyboarder Flake als einzig zumutbaren Sympathieträger (schreibt ja schließlich Bücher, wirkt reflektiert und sieht sogar halbwegs sympathisch aus). Beim Lesen der SZ kann man den Würgereiz der Autorin (Subtext: Ich muß das hier machen) sogar körperlich nachempfinden, es wird an teutonischen R’s aneinandergereiht, was die Tastatur so hergibt. Richtig schlau wird man daraus trotzdem nicht, denn die gutgemeinte, sonst aber ziemlich überstrapazierte Frage – Wie verhält sich die Band im Kontext zu wiedererstarkendem Populismus und Nationalismus? – verfolgt sie dann doch nicht weiter. Noch hübscher Die Zeit, wo der Schreiber sich einen beachtlichen Spagat erlaubt, hangelt er sich doch einerseits über Prokrastination, Oxymoron, Hendiadyoin, Anakoluth und Paronomasie durch schwindelerregende Dialektik, bleibt aber am Ende doch beim weißen, deutschen Mann als „ungefickte Mangelexistenz“ kleben. An welcher Stelle da wohl der Studienrat ausgestiegen ist?

Am besten macht es da noch der Spiegel und konzentriert sich auf den karnevalistischen Ansatz der Band, Rammstein sind also weltreisende Zirkustour, mobiles Kunstblutbad und Horrorshow, die sich selbst nicht sonderlich ernst nehmen und als „sympathische Selbstkarikaturen“ ihr Unwesen treiben. Und eben da kommt man dann auch zu der Frage, wer eigentlich befohlen hat, diese sechs Männer so unglaublich ernst und wichtig zu nehmen? Nur weil es einem der brachiale Sound und die bisweilen schwer verdaulichen Bilder eingeben? Ach Gottchen. Gut vorstellbar, dass sich das gesamte Berliner Rammelkommando einen Riesenspaß daraus macht, die Reaktionen der Redaktionen, die Beissreflexe der offiziellen Pressestellen nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern diese auch herauszufordern. Ebenso gut möglich, dass manche/r, die/der mit der Meinung blitzschnell hervorgeprescht ist, diese in Kenntnis des kompletten Bildes besser für sich behalten hätte. Wir sind „Deutschland“, nun gut.



Zu erwarten, dass sich nach fast zehn Jahren Sendepause an Form und Inhalt bei Rammstein Umwälzendes tut, ist eine ebenso trügerische Hoffnung – für wen, bitteschön, sollten sie das denn tun? Die einen stellen die neue Platte ohnehin angewidert in den Giftschrank mit der Aufschrift „Stumpf und böse“, andere (und nicht wenige) sind damit zufrieden, wenn ihnen in der knappen Stunde der Schädel weichgeprügelt wird. Dabei gäbe es tatsächlich Erfreuliches zu berichten: Dass nämlich besagtes „Deutschland“ als Bastard aus „Our Darkness“ und „Thunderstruck“ zum Einstand bestens funktioniert und „Radio“ gleich danach neben den üblichem Riffgehämmer meets Billigsynthies auch wegen der feinen Querverweise auf Kraftwerk durchaus überraschen kann. Neben viel Durchschnitt – und machen wir uns nichts vor, den gab es auch auf „Rosenrot“ und „LIFAD“ schon reichlich – bleiben eben die kleineren Ideen besser im Gedächtnis, die schlierigen Loops und die mordsmäßig überdrehten, sakralen Chöre beispielsweise.

Richtig freuen darf man sich auf die beiden Stücke „Puppe“ und „Weit weg“. Bei ersterem bricht sich die Wut über das Schicksal der Schwester auf derart krachende Weise Bahn, dass selbst sturmerprobte Lindemann-Fans kurz zusammenzucken werden. Im zweiten Titel muß man unweigerlich an eine ältere Doku über das ostdeutsche Plattenlabel AMIGA denken, in welchem sich Flake zu einer unverholenen Respektbekundung an die Musik der frühen Puhdys hinreisen ließ – für den Urpunk eigentlich ein Sakrileg. Doch genau daran, an den herrlich verschwurbelten, oftmals recht naiven Psychrock der DDR, erinnert dieser Song – und gefällt. Alles in allem ein lohnenswertes Schauspiel – wenn man es nicht mit allzuviel Bedeutung auflädt. Vielleicht lassen sich Rammstein ja am besten mit der Sendung „Der Schwarze Kanal“ im DDR-Fernsehen vergleichen: Niemand, der über klaren Verstand und die richtige Antenne verfügte, nahm das grimmige Gehechel von Moderator Schnitzler zu den kurzen Bildsequenzen damals für voll – und dennoch starrten alle mit einer Mischung aus Faszination, leichtem Grusel und diebischer Freude weiter auf die Mattscheibe. https://www.rammstein.de/de/

Company Ink: Anderer Leute Probleme

Und auch diese Band passt gut ins Bild des Tages: Axel Moller-Olsen und Daragh P. Wearen bilden gemeinsam das Punk-Duo Company Ink und wohnen in der norwegischen Stadt Trondheim. Bekannt ist der Ort eher für seine Fußballmannschaft Rosenborg, die trotz einiger Tradition immer herhalten muss, wenn auf die fehlende Attraktivität der Europa-League hingewiesen werden soll. Was natürlich ungerecht und dumm ist. Die beiden Jungs haben dennoch andere Probleme, am 31. Mai wird bei Propeller Recordings ihre Debüt-EP "Blah Blah" erscheinen, von dieser gibt es hier die beiden Tracks "The Flip" und das neue "Young Milk" zu hören.

Egyptian Blue: Schadensbegrenzung

Und weil wir gerade beim Post-Punk sind, ist der Bogen zu dieser jungen Band schnell geschlagen: Egyptian Blue stammen aus Brighton und haben gerade bei Yala! Records ihre Debüt-EP "Collateral Damage" angekündigt. Vier Songs soll die 12" enthalten, produziert hat Felix White, einigen hier vielleicht als Gründungsmitglied der inzwischen aufgelösten The Maccabees bekannt. Diese zählen, wen sollte es wundern, neben den Preoccupations, Birthday Party und Gang Of Four zu den Vorbildern von Andy Buss und Leith Ambrose, dem Front-Doppel der Formation. Hier jedenfalls schon mal der Titelsong und die erste Auskopplung "To Be Felt", später mit Sicherheit mehr dazu.



Silverbacks: Gleich nebenan

Es wäre weit mehr als ungerecht, wenn wir bei dem ganzen (gleichwohl völlig berechtigten) Hype um die Dubliner Post-Punk-Kapelle Fontaines D.C. eine Band vergessen würden, die in der gleichen Stadt wohnt und schon ein paar Takte eher auf dem Radar erschienen ist. Und bevor jetzt alle gleich zusammenzucken - nein, wir reden selbstverständlich nicht von U2. Sondern von den Silverbacks. Die Silberrücken nämlich hatten schon in den vergangenen drei Jahren immer wieder feine Singles veröffentlicht, zuletzt die Songs "Just For A Better View" und "Dunkirk". Und gerade eben kam nun das neue Stück "Pink Tide" um die Ecke, produziert ein weiteres Mal von Daniel Fox (Girl Band).

Dienstag, 14. Mai 2019

The S.L.P.: Traumpaarung

Großmaul trifft vorlaute Göre? Ist wohl etwas zu überspitzt formuliert. Sergio Lorenzo Pizzorno, bekannt als die unrasiertere Hälfte von Kasabian, hat gerade unter dem Moniker The S.L.P. sein erstes Solo angekündigt und für die erste Kostprobe, die mit Killertune nicht unpassend umschrieben ist, hat er sich die Londoner Grime-Rapperin Little Simz ins Studio geholt. Gute Wahl das, der Track hämmert bigbeatartig  aus den Boxen - hier kommt "Favourites".

Lauran Hibberd: Neben der Spur [Update]

Ein Liebeslied mit eigenwilligem Humorverständnis präsentiert uns Lauran Hibberd. Die junge Britin macht sich so ihre Gedanken über Beziehungen und die dürften sich nicht mit den Durchschnittsvorstellungen Gleichaltriger decken - ganz so ernst muss man sie aber wahrscheinlich auch nicht nehmen: "There’s a million love songs, but my dream is to live in a world where there’s a million songs about stuff like wanting a sugar daddy. I guess it’s a joke, it’s like wrapping bubblegum around depression. The idea stemmed from life being life, I have sort of a twisted humour so at some point my brain came to this as a comical solution. Don’t be alarmed”. Haben wir verstanden, kickt trotzdem - bald auch live bei uns.

27.02.  Köln, Luxor
03.03.  Berlin, Lido
04.03.  Hamburg, Molotow

Update: Und dann dürfen wir ganz schnell noch diesen Song vorstellen - "Hoochie" ist schon vor ein paar Tagen reingeschneit, hat aber jetzt noch ein Video dazubekommen. Rockt schön.



404: Alles in Ordnung? [Update]

Ganz und gar anders und ziemlich ironiefrei ticken wiederum 404 aus London: Das Quintett aus London mischt Punk, Electro und Hip Hop auf ziemlich apokalyptische Weise und klingt damit natürlich recht zeitgemäß. "Fearful" heißt denn auch ihre aktuelle Single, für welche sie einfach den Slogan der britischen Transportpolizei "See it. Say It. Sorted" kaperten und gerade via DIY bei ihrem neuen Label Dirty Hit präsentieren. Viel düsterer geht es heute nicht, Anfang März soll eine erste EP geplant sein.

Update: Die besagte EP "Guild One" ist draußen, da kommt mit "Gauntlet" schon ein weiterer Track daher - nicht weniger düster, genauso packend.



Sonntag, 12. Mai 2019

BENE: Nächster Schritt

Okay, Popsonntag heute. Halb deutsch, halb international, erstklassige Mischung. Beginnen wir weit weg, im neuseeländischen Auckland. Von dort stammt die gerade mal neunzehnjährige Songschreiberin BENE, die 2018 in ihrer Heimat mit den beiden RnB-Singles "Tough Guy" und "Soaked" schon für Gesprächstoff sorgte und deshalb auch für ihr Idol Lily Allen im Vorprogramm auf der Bühne stand. Zeit für den nächsten Schritt also - der neue Track "Evil Spider" ist nun einen ganze Dreh tanzbarer, lebendiger angelegt und wird, die Prognose ist nicht sonderlich verwegen, mühelos den Weg nach Europa finden.

09.06.  Berlin, Kantine Berghain





Flikka: Kühle Kämpferin

Kein Pop ohne Schweden, ist ja klar. Deshalb möchten wir jetzt gleich auf Flikka aus Stockholm verweisen. Anfang des Jahres kam ihre erste Single "Someone To Lose" heraus, eigenwillig kühler, trippiger Sound mit taumelnder Stimme und viel Potential. Das dachten sich wahrscheinlich auch die Leute des Londoner Indielabels Blue Flowers, als sie die junge Dame das erste Mal hörten. Nun, zum Portfolio neben Nilüfer Yanya und Westerman paßte sie perfekt, das Signing war Formsache und so kommt nun ihre zweite Single "Radar" und klingt nicht weniger reizvoll. Dass Flikka in ihrer Jugend viel Spaß am Kampfsport hatte, hört und sieht man dem neuen Stück leicht an, trotzdem würde man ihr beim nächsten Mal gern einen Sommer-Dreh wünschen.



LUNAS: Nachtfahrt

Dieser talentierte Mann hier heißt Marvin Mauelshagen und stammt aus der Rheinstadt Köln. Gemeinsam mit dem Berliner Label Guesstimate hat er gerade seine neue Single "feels" unter dem Projektnamen LUNAS veröffentlicht, elektronischer Garage House, versetzt mit feinen Breakbeats und weicher Stimme. Ein Anfänger ist der Junge deshalb nicht, 2015 erschien seine erste EP "Dive", zwei Jahre später die Single "Night Out". Das stimmungsvolle Video der Nachtfahrt durch die Stadt stammt im Übrigen von Lukas Voigt.



Zugezogen Maskulin: Nackt durch die Stadt

Diese beiden Herren hier muß man nicht mehr groß vorstellen: Grim104 und Testo haben es sich seit einigen Jahren unter dem hübschen Namen Zugezogen Maskulin zur Aufgabe gemacht, den etablierten Vorstellungen von deutschem Hip Hop kräftig in den Arsch zu treten, ihre beiden letzten Alben "Alles brennt" und "Alle gegen Alle" waren kreischende, durchgeknallte Monster voll mit trockenen Punchlines und Pain in the Ass für Wegducker und denkfaule Wohlstandsbewahrer. Und genau von den beiden gibt es nun - gemeinsam mit Szenegrößen wie Carsten Chemnitz (Felix Brummer/Kraftklub) und Nura030 (SXTN) - einen ersten Sommerhit zu hören?! Aber klar doch, funktioniert wunderbar, fehlt eigentlich bloß noch der Sommer selbst.

Ilgen-Nur: Weit gereist

Okay, als Sonntagspop geht das nun nicht mehr durch, aber dringende Erwähnung braucht es trotzdem: Ilgen-Nur, nicht nur Konzertbesuchern von AnnenMayKantereit und Tocotronic bestens aus dem Vorprogramm bekannt, hat nach einer völlig zu Recht heftig gelobten EP "Emotions" (2017) ihr Albumdebüt "Power Nap" für den 30. August angekündigt. Die in der Nähe von Stuttgart geborene Künstlerin, mittlerweile wohnhaft in Hamburg, ist für die Aufnahmen zum Video der ersten Single "In My Head" zusammen mit Constantin Timm extra nach New York gereist, um in der Megacity die geeignete Fernweh-Stimmung einzufangen. Eine umfangreiche Clubtour hat sie auch schon auf der Agenda, wer also den Sound von Nilüfer Yanya und Courtney Barnett mag, wird hier ums Frühbuchen nicht herumkommen.

27.09.  Worms, Pop Up Festival
28.09.  Wolfsburg, Sauna Klub
12.10.  Nürnberg Pop Festival
15.10.  München, Import Export
29.10.  Essen, Weststadthalle
30.10.  Dresden, Groovestation
04.11.  Erfurt, Engelsburg
05.11.  Wiesbaden, Schlachthof
06.11.  Köln, Bumann & Sohn
07.11.  Bielefeld, Movie
08.11.  Braunschweig, Eule
09.11.  Paderborn, Wohlsein
14.11.  Heidelberg, Karlstorbahnhof
15.11.  Augsburg, Soho Stage
16.11.  Schorndorf, Club Manufaktur
23.11.  Münster, Gleis 22
27.11.  Bremen, Lagerhaus
30.11.  Hamburg, Molotow
06.12.  Chemnitz, Atomino
07.12.  Berlin, Berghain Kantine



PABST: Für die erste Reihe

Schon klar, der Pop läuft aus dem Ruder, denn mittlerweile rockt es gewaltig: PABST aus Berlin stehen, das darf man gerne sagen, für ein ordentliches Brett. Die drei Herren geben auf der Bühne anständig Gas und auch ihr Album "Chlorine" aus dem Sommer letzten Jahres war eine Freude für die Kopfschüttler in der front row. Und weil sie in den nächsten Tagen und Wochen wieder unterwegs sind, stimmen sie sich und ihre Anhänger mit der Single "Forever O.K." schon mal auf die Reise ein - mehr als okay.

22.05.  Hamburg, Golden Pudel Club
23.05.  Köln, Bumann und Sohn
24.05.  Erfurt, Engelsburg
25.05.  München, Import/Export
31.05.  Leipzig, Noels Ballroom
01.06.  Berlin, Zukunft am Ostkreuz

Samstag, 11. Mai 2019

Vampire Weekend: Überschwang mit Haltung

Vampire Weekend
„Father Of The Bride“
(Smi Col/Sony)

Das sollte man wirklich mal versuchen – spaßeshalber. Denn um den Spaß geht es ja. Ganz so einfach wird es aber nicht werden, denn schließlich sind die instrumentalen Masterbänder nur schwer zu bekommen und eine Karaokeversion des Albums existiert wahrscheinlich noch nicht. Vielleicht ist das Ganze ja auch nur ein dumme Idee, aber stellen wir uns mal vor, wie es wäre, wenn man die Texte von Ezra Koenig nicht dabeihätte oder wenn diese zumindest in einer halbwegs unbekannten Sprache gesungen wären, also beispielsweise auf Kreolisch. Würde man die Musik von Vampire Weekend dann nicht als rundum seligmachende Kompositionen empfinden, wie gemacht dafür, den Einklang von Körper und Geist zu vollenden, das allerletzte Endorphin herauszukitzeln und das Glück perfekt zu machen? Wäre das nicht wunderbar? Ja, wäre es – und ein wenig langweilig wäre es auch. Denn genau darin liegt ja der Reiz dieser Songs begründet, dass sie nämlich bei allem beschwingten Wohlklang Koenigs hintersinnig kluge, nicht selten sarkastische Verse mit sich tragen und somit eben Körper und Geist zugleich auf eine oft widersprüchliche, aber sehr spannende Weise beanspruchen.

Denn auch wenn man es nicht glauben will, auf diesem neuen, vierten Album der New Yorker Indie-Rocker geht es auch um Polizeigewalt, Umweltzerstörung, um die Verrohung unserer Umgangsformen durch Digitalisierung, Anonymisierung und Vereinsamung. Es ist nicht nur Melancholie, die in Koenigs Texten ja immer mitschwingt, es steckt auch viel Wehmut und Ratlosigkeit darin und das will auf’s erste so gar nicht zu den luftig leichten Tönen passen. Allein der Satz „I don’t wanna live like this, but I don’t wanna die“ aus „Harmony Hall“, diesem bittersüßen Rückblick auf die eigene, privilegierte Unizeit, läßt den Zwiespalt ahnen, in dem sich Vampire Weekend zwischen Erwartung und eigenem Anspruch, zwischen drinnen und draußen bewegen. Denn wer klaren Gedankens ist, der kann bei allem, was die Welt, das eigene Land, die künftigen Generationen gerade umtreibt, nicht nur über Herz und Schmerz texten, der kommt nicht umhin, Haltung zu zeigen und Stellung zu beziehen.



Nur damit wir’s erwähnt haben: Spaß macht „Father Of The Bride“ natürlich trotzdem. Denn die Songs sind, auch nach dem Weggang von Rostam Batmanglij, immer noch blitzsaubere Dreiminuten-Killer mit der Linzenz zum melodischen Überschwang. Und Herzschmerz gibt’s (dennoch) reichlich: Wie schon der Vorgänger, so wurde auch diese Platte von Ariel Rechtshaid produziert und weil dieser vor einiger Zeit erfolgreich Danielle Haim gedatet hat, darf Ezra Koenig nun mit ihr drei hübsche Duette singen. Und im ersten tritt dann auch tatsächlich der Choir Of All Saints From Honiara auf und jubiliert auf – Kreolisch. Achtzehn Stücke zum Schwelgen und Tanzen, vollgepackt mit feinsten Gitarren, Percussions und Pianotakten, die einem das Herz öffnen, wieder mal. Und achtzehn Stücke, die uns nachdenklich stimmen, sinnieren lassen über das tägliche Tun, die uns die Träume vor Augen führen und auch das, was von ihnen übriggeblieben ist. Ganz am Ende singt Koenig von seiner jüdischen Identität und was er zu sagen hat, könnte nicht trauriger sein: „Our tongues will fall so still, our teeth will all decay, a minute feels much longer without nothing left to say. So let them win the battle, but don’t let them restart, that genocidal feeling, that beats in every heart“. Eine Bitte, die an uns alle geht. https://www.vampireweekend.com/