Mittwoch, 19. Dezember 2018

The Raconteurs: Gegen müde Knochen

Die Zeit vor den Feiertagen ist naturgemäß eine für saure Gurken, umgangssprachlich jedenfalls. Kaum neue Alben, wenige neue Songs, es ist zum Einschlafen. Bloß gut also, dass Jack White nicht so tickt. Und nicht vergessen hat, dass seine Band The Raconteurs mit "Consolers Of The Lonely" vor zehn Jahren die letzte Platte veröffentlichte, die demnach schon ziemlich Staub angesetzt hat. Nichts gegen eine Auffrischung zu sagen - hier kommen deshalb mit "Sunday Driver" und "Now That You're Gone" zwei brandaktuelle Stücke, Blues vom Feinsten, genau richtig gegen die bräsige Stimmung. Die beiden Tracks stammen laut Pitchfork im Übrigen aus den Aufnahmesessions zu einem Folgealbum, dass 2019 bei White's Label Third Man Records erscheinen soll. Hallelujah!



Sonntag, 16. Dezember 2018

Oberpollinger 2018: Die MPMBL Alben des Jahres




20
Amen Dunes
"Freedom"

Gerade im urlaubsfaulen Sommer treffen häufig zwei Weisheiten aufeinander: “Besser spät als nie” und “Gut Ding will Weile haben”. Denn wann sonst kommt man mal dazu, ein paar schon länger zurückgelegte Sachen durchzustöbern, um ihnen endlich den Platz einzuräumen, den sie verdient haben. Sachen, die im markschreierischen Neuheitengetöse regelmäßig untergehen – unverdientermaßen. Damon McMahon alias Amen Dunes ist einer davon. Das tatsächlich ziemlich wunderbare Album “Freedom” ist ja sein mittlerweile fünftes und, das läßt sich schnell heraushören, sein mit Abstand eingängigstes. Und vielleicht, fügen wir vorsichtig hinzu, deshalb auch sein bestes ... [mehr]

19
Lily Allen
"No Shame"

Es ist ja beileibe nicht das erste Mal, dass Künstler ihre privaten Schicksalsschläge, insbesondere Trennungen, als Quell für Inspiration und Kreativität nutzen. Gerade weil das Leben prominenter Zeitgenossen mehr und mehr in der Öffentlichkeit und unter den wachen, nicht selten gierigen Augen sozialer Netzwerke stattfindet, ist der Grad zwischen bereitwilliger und erzwungener Teilhabe ein sehr schmaler. Grabenkämpfe, Rosenkriege, Scheidungsdramen, ein oder zwei Songs fallen immer dabei ab. Wohl dem, der ohne auskommt oder zumindest das Heft des Handelns noch in eigenen Händen hält. Insofern ist Lily Allen keine Ausnahme, sondern eher ein mahnendes Beispiel dafür, wie unbarmherzig und gefräßig der Boulevard ist, hat man ihn einmal angefüttert ... [mehr]

18
Shame
"Songs Of Praise"

An dem Umstand, dass jede Gesellschaft die Musik bekommt, die sie verdient, ist nun wirklich nichts Neues. Und so schlecht, wie das jetzt klingt, muss das dann gar nicht sein. Weil es nämlich auf der Insel noch immer drunter und drüber geht, das Land zwischen sozialpolitischem Desaster, wirtschaftlicher Hilflosigkeit und antieuropäischer Isolation gerade seine Coolness und auch ein Stück seines vielgelobten Humors zu verlieren droht, finden sich immer mehr junge Menschen, die aus ihrer Wut und Frustration kein Hehl machen. Und darüber singen – loud und auch mächtig proud, so wie früher schon. Deshalb die Sleaford Mods, die Idles, The Fat White Family, deshalb auch Jungspunde wie SONNDR und eben Shame ... [mehr]

17
Bodega
"Endless Scroll"

Wie nach jedem großen Fußballturnier (hatten wir ja gerade erst) die neuesten Trends im Ballsport zusammengetragen werden, läßt sich auch ein Musikjahr bewerten, lassen sich Entwicklungen erkennen und benennen. Und selbst der leidenschaftliche Laie (in der Rollen sehen wir uns jetzt mal) darf nach einer Halbsaison eine erste Bilanz ziehen: 1. Auch dieses Jahr wird weiblich 2. Der Hip Hop tritt auf der Stelle (auch weil er sich von seinem frauenverachtenden Image, siehe 1, nicht zu lösen vermag) 3. Der Jazz ist endgültig zurück 4. Der Post-Punk erlebt eine weitere Blüte. Natürlich folgt noch eine Reihe weiterer wichtiger Punkte, wir bleiben aber mal bei 4 stehen und behaupten, daß diese These mit dem Hinweis auf die Formation Bodega aus Brooklyn bestens untermauert werden kann ... [mehr]

16
Parquet Courts
"Wide Awake"

Würde man einen Europäer fragen, wer ihm in der Not denn näher stände – der verpeilte Brexit-Brite oder der fehlgeleitete Amok-Amerikaner, er würde wohl doch zum zwar bemitleidenswerten, aber doch humor- und kulturvollen Inselbewohner tendieren. Lustigerweise tut das der Amerikaner manchmal auch, denn ab und an kommt einem eine Band in die Quere, die zwar aus Übersee stammt, aber englischer nicht klingen könnte. So auch Parquet Courts. Schon das letzte Album des Quartetts aus Texas, das unter dem schönen Namen „Human Performance“ 2016 erschien, mischte auf unterhaltsame Weise schmissigen Punk, psychedelischen Spätsechziger-Rock und feine Popideen und auch jetzt sind es vornehmlich die Stranglers und vor allem The Clash, an die einen Andrew Savage und Kollegen erinnern ... [mehr]

15
Young Fathers
"Cocoa Sugar"

Mit den drei Herren müsste dringend mal jemand reden: Es ist doch nun mal so, daß in solch schnelllebigen Zeiten wie heute den meisten Musikern nach einem meisterlichen Debüt in Folge gestiegener Ansprüche der eigene Erfolg zu Kopfe steigt und/oder die Quelle der Kreativität so schnell versiegt wie sie angezapft wurde. Ergebnis: Man müht sich redlich, jedoch ohne den erwarteten Erfolg wiederholen zu können, das Mittelmaß schleicht sich ein und irgendwann, wenn man eben dort angekommen ist, interessiert es auch keinen mehr so richtig, alle schon auf dem Weg zur nächsten Blume ... [mehr]

14
Miya Folick
"Premonitions"

Es ist erstaunlich und ebenso erfreulich, mit welcher Selbstverständlichkeit sich junge Künstlerinnen im Musikbusiness mittlerweile zu bewegen wissen, ohne es an Glamour und inhaltlicher Relevanz fehlen zu lassen, zwei Dingen, die sich vor Jahren noch kategorisch ausgeschlossen haben. Generierten sich zu früheren Zeiten weibliche Popstars eher als hübsch dekorierte Blaupausen, handwerklich solide talentiert, sonst aber eher harmlos bis nichtssagend, bringt die Emanzipation und die (leider schmerzliche, aber dringend notwendige) #metoo-Debatte eine neue, starke Generation des female rock und pop in die Studios, auf die Bühnen und generell in die öffentliche Wahrnehmung ... [mehr]

13
Steiner und Madlaina
"Cheers"

Wenn es darum geht, den Schlager mit bösen Kommentaren zu bedenken, sind wir ja immer schnell und mit großem Spaß bei der Sache, denn nichts ist einfacher, als Geringschätzigkeit und Überlegenheit zu zeigen. Dabei steckt hinter den Simplifizierungen, Fantastereien, Schönfärbereien ja immer eine auch eine tiefe, nur allzu menschliche Sehnsucht nach dem einfachen Leben, das gut zu einem sein will und nicht mit Widersprüchen, Ungewissheiten und Niederschlägen anstrengt. Die Sehnsucht, dass sich jemand kümmert, Sorgen teilt und man nicht ständig selbst in die Verantwortung gezogen wird. Allzu menschlich, wie gesagt. Oder anders: Es ist komplizierter, leider ... [mehr]

12
Haiyti
"Montenegro Zero"

Darüber sollte es keine zwei Meinungen geben: Der Weg zur Göre aus Hamburg Langenhorn führt nur über ihre Stimme. Oder eben nicht. Denn das grelle, hochgepitchte Organ von Ronja Zschoche alias Haiyti teilt die Zuhörerschaft mit allerschärfster Klinge in bedingungslose Lover und unversöhnliche Hater. Und macht nahezu jeden der zwölf Tracks dieses Albums zum flackernden Fiebertraum. Ein Debüt soll es nach offizieller Zählung sein, obwohl das Girl schon einen weniger beachteten Starter (Havarie, 2015) und drei Mixtapes (City Tarif, Toxic, Nightliner) von vorzüglicher Qualität abgeliefert hat, zusammen mit KitschKrieg, Trettmann, etc. ... [mehr]

11
Eliza Shaddad
"Future"

Es wird ja viel gelobt, wir nehmen uns da nicht aus, einfach weil es weit mehr Befriedigung verschafft, etwas zu finden, das einem gut gefällt und weil auch mehr dazugehört, als dieses oder jenes in der Öffentlichkeit (und sei es auch nur eine kleine) zu zerreißen. Das nun folgende Lob ist nun aber kein überraschtes, kein vorschnelles, unüberlegtes. Denn die Songs der jungen Britin Eliza Shaddad begleiten uns schon seit Jahren und sie sind, das darf man ohne jeden Zweifel behaupten, bei allen Wandlungen, die sie stilistisch genommen haben, immer von bestechender Qualität gewesen sind ... [mehr]

10
Florence And The Machine
"High As Hope"

Vielleicht ist es nicht sonderlich originell, andauernd und überall die Geschlechterkeule auszupacken, in diesem Falle kommt man aber nicht umhin festzustellen: Schon im vergangenen Jahr kamen die wichtigen, die relevanten, die kraftvollsten Alben von Frauen, denken wir an St. Vincent, Fever Ray, Björk, Feist und Charlotte Gainsbourg. Und auch die aktuelle Saison läuft auf ein ähnlich deutliches Ergebnis hinaus – erst Janelle Monáe, dann Lily Allen und nun, tja nun kommt Florence Welch mit dieser Platte. Und zeigt damit, dass nicht nur die Zukunft, sondern schon die Gegenwart weiblich ist ... [mehr]

9
Eminem
"Kamikaze"

Schon jemand gefragt, warum hier nichts zu "Kamikaze" stand, dem neuen Album von Eminem? Berechtigte Meldung. Einfach verpasst? Vielleicht. Others peoples business. Auch. Fest steht jedenfalls, daß nicht das geklaute Beastie-Boys-Cover das Spannendste an der Platte ist, sondern tatsächlich die Musik. Denn Marshall Mathers aka. Slim Shady ist mit der Platte ein ganz und gar beeindruckendes (ähh) Revival gelungen, packend, hart, politisch, ja virtuos. Allein die drei Singleauskopplungen, die hier anstelle von mehr Text stehen, sprechen für sich - also "Fall", "Lucky You (Feat. Joyner Lucas)" und gerade taufrisch geteilt der Titelsong zur Marvel-Verfilmung von "Venom" ... [mehr]

8
St. Vincent
"Masseduction"

Natürlich sagt man so etwas nur hinter vorgehaltener Hand und auch dann noch ganz, ganz leise, denn hier sind Missverständnisse vorprogrammiert: Aber ist es nicht so, daß Männer, die sich selbst medienwirksam zu erbitterten Kämpfern für die Rechte der Frau, gar zu entschlossenen Feministen ausrufen, immer ein wenig suspekt, wenn nicht sogar etwas albern wirken? Denn auch wenn Intention klar und das Ansinnen ehrbar ist, wirkt es doch manchmal so, als wolle der Herr im Haus zeigen, wie man einen ordentlichen Feldzug führt, um am Ende des hoffentlich siegreichen Gefechts freudestrahlend prahlen zu können, ohne ihn, den Mann also, wäre das alles nicht so toll gelaufen? Nun gut, ganz so steil ist diese These auch wieder nicht, ... [mehr]

7
Ganser
"Odd Talk"

Spätestens mit der Single „Pyrrhic Victory“, erschienen im September 2016, war klar: Das hier könnte eine neue Lieblingsband werden. Allein der Name: Hergeleitet aus einem psychischen Krankheitsbild, das man auch unter der Umschreibung „hysterischer Dämmerzustand“ findet – gar nicht lustig, aber angemessen schräg und natürlich maximal befremdlich. Dann der Song selbst: Flatternder Bass, Gitarre und Gesang wiegen sich in bester Post-Punk-Manier, verschroben und eingängig zugleich, Volltreffer. Später die dazugehörige EP „This Feels Like Living“, gefolgt von einer Geduldsprobe – warten. Bis jetzt. Und schlußendlich Erleichterung. Und zwar über einen Entscheidung, die nur auf den ersten Blick widersinnig erscheint ... [mehr]

6
Isolation Berlin
"Vergifte dich"

Wirklich tröstlich ist das nicht: Vor ziemlich genau zwei Jahren, das Debütalbum von Tobias Bamborschke und Isolation Berlin war gerade erschienen, galt Flucht noch als Option. „Fahr weg“, hieß es da, „so weit weg wie es geht, wenn dich doch hier nur alles deprimiert…“ – aus dem Staub machen, entkommen. Ein Jahr darauf folgten fünfzig böse Verse (*), brach sich die Wut, die auf „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ noch aus der Ferne ätzte, endgültig Bahn. Bamborschke platze buchstäblich der „Kotzkragen“, eines der Gedichte hieß „S-Bahn“ und kam mit acht Worten aus: „Leckt mich doch Alle, am Arsch! AM ARSCH!“ Dem war für den Moment nichts hinzuzufügen, jetzt erscheint das zweite Album und die Flucht ist vom Tisch ... [mehr]

5
Janelle Monáe
"Dirty Computer"

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ – meistgehörter Satz der letzten Monate. „Man wird sich ja wohl mal irren dürfen!“ – nicht ganz so oft gehörter Satz in den letzten Monaten, deshalb wollen wir hier mal mit gutem Beispiel vorangehen und einen dicken Irrtum eingestehen, der schon ganze acht Jahre her ist und im schnelldrehenden Musikbusiness eigentlich schon als verjährt gelten sollte. Gleichwohl ist der Missgriff noch immer nachzulesen, deshalb die fällige Entschuldigung: Als wir an gleicher Stelle das Debütalbum von Janelle Monáe namens „Archandroid“ als quietschbunte Wundertüte bezeichnet und in gleichem Atemzug mit dem Argument „viel gewollt – nichts richtig gekonnt“ verrissen haben, lagen wir, das sollte man ruhig zugeben, mal sauber daneben ... [mehr]

4
The Breeders
"All Nerve"

Echt jetzt? Das soll’s gewesen sein? Klingt wie früher und kein Hit dabei? Da hätte man sich von der größten deutschen Tageszeitung doch etwas mehr Wertschätzung erwartet, wenn sich die Geschwister Kelley und Kim Deal nach zehn Jahren wieder zusammenfinden und tatsächlich noch mal eine gemeinsame Platte aufnehmen. Dann lieber hundert Zeilen Hass von Maxim Biller als dreißig gelangweilte von einem Autor, der zu cool für seine eigene Jugend ist und deshalb alles doof findet, was nicht irgendwie abgefahren und hip genug klingt. Ein Trauerspiel, fürwahr. Nicht so diese Platte. The Breeders waren nie eine Singles-Band, Hits wie das tatsächlich grandiose „Cannonball“ entstanden eher im Vorbeigehen, man findet auf den bisherigen vier Alben keine Handvoll davon ... [mehr]

3
Pusha T
"Daytona"

So manch eine/r mag sich gewundert haben, dass sich diesmal kein Album der über alles verehrten Sleaford Mods im Ranking findet - nun, das hat einen einfachen Grund: Sie haben keins gemacht. Sondern eine EP, die selbstredend ausgezeichnet ist, aber eben nicht in diese Aufzählung passt. Was aber nicht heißt, dass Jason Williamson hier nicht seinen Senf dazugeben darf. Die Empfehlung für Pusha T und dieses zwar ebenfalls sehr kurze, aber wunderbare Album stammt nämlich von ihm. Rezensiert haben wir es nicht (waren zu spät), reinhören, kaufen, das alles lohnt sich aber unbedingt ... [mehr]

2
Idles
"Joy As An Act Of Resistance"

Es ist nicht ganz so einfach zu sagen, was die Idles besser machen als andere. Wütende Bands gibt es hier und heute viele, die Zeiten, ob im Provinzkaff nebenan, weit drüben in Amerika oder im einst so stolzen Königreich, sie sind danach. Aber Wut braucht nicht nur Lautstärke. Sie braucht auch Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit, Auswege, sonst bleibt sie blind und zerstörerisch, sonst nutzt sie niemandem. Joe Talbot, Sänger des Quintetts aus Bristol, hat aus seinem gerechten Zorn nie ein Hehl gemacht. Schon auf dem fulminanten Debüt „Brutalism“ hat er gegen verstockte Traditionen, Denkmuster und Vorurteile angebrüllt, hat Porzellan zerschlagen. Und tut es wieder, so roh, pur und ungekünstelt, dass man ihn dafür lieben muss ... [mehr]

1
Christine And The Queens
"CHRIS"

Schon klar, am Ende muß jeder selbst entscheiden, ob und wie sehr er sich darauf einlässt. Aber was kann es denn in Zeiten, wo man das Gefühl hat, von lauter Schrumpfhirnen umgeben zu sein, die nichts mehr und höher schätzen als das ewig gleiche „Weiter so!“, schöneres geben, als auf diese Art irritiert, verunsichert, vielleicht provoziert zu werden? Schon als die ersten Bilder der „neuen“ Héloïse Letissier im Netz auftauchten, fragte man sich gespannt, wie weit sie damit gehen, wie konsequent Christine (der neue Name Chris so kurz wie ihre Haare) dieses Spiel wohl treiben würde. Oder ist es am Ende gar kein Spiel? Ist diese Transformation ihr Ernst und nicht nur professionelles Medienspektakel? Nun, die Konsequenz jedenfalls manifestiert sich in der Weigerung zur endgültigen Entscheidung – keine Festlegung von ihr zu haben, wer und wie sie ist, zu wem sie sich hingezogen fühlt, wen sie liebt ... [mehr]

Samstag, 15. Dezember 2018

Pink Turns Blue: Wieder zurück

Selbst deutscher Post-Punk hat draußen noch einen guten Namen, auch wenn es hier um einen doch schon sehr alten geht: Die Online-Seite Brooklyn Vegan hat nämlich gerade vermeldet, dass Pink Turns Blue aus Köln eine ausgedehnte Tour planen. Eine Band also, von der man gar nicht so genau wußte, ob und in welcher Besetzung sie überhaupt noch aktive waren. Ihre Wikiseite vermeldet das offizielle Aus zwar 1995, danach haben sie aber weiterhin auf kleineren Indielabels veröffentlicht, zuletzt 2016 das Album "The AERDT - Untold Stories". Welches Material sich auf der Setlist wiederfindet, wird der 9. Februar zeigen, dann nämlich startet der erste Gig auf dem Grauzone Festival PAARD im holländischen Den Haag.

08.03.  München, Feierwerk
09.03.  Freiburg, Crash
18.05.  Oberhausen, New Waves Day Festival
20.07.  Köln, Amph Festival
07.09.  Deutzen, NCN Festival
18.10.  Hameln, Autumn Moon Festival

N0V3L: Zahlenspiele

Das wissen unsere Leser längst, dass wir gutgemachten Post-Punk immer mit offenen Armen und freundlichen Worten empfangen. N0V3L aus dem kanadischen Vancouver machen da keine Ausnahme und sie machen es einem auch nicht sonderlich schwer. Angelehnt an den Sound von Gang Of Four und Heaven 17, funken, trommeln und flirren sich die fünf schnurgerade in Kopf und Beine, ihre EP "NOVEL" wird am 15. Februar bei Flemish Eye Records erscheinen. Vier der geplanten acht Stücke sind bislang bekannt, nach "Will To Power" und "Suspicion" kam kürzlich mit "To Whom It May Concern" und "Natural" Nachschub, Anfang Februar stehen sie für zwei Konzerte in Deutschland auf der Bühne. Und jetzt Schluss mit den Zahlenspielen - anhören und hin dort!

04.02.  Berlin, Schokoladen
05.02.  Leipzig, TIFF

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Lambchop: Nie frei von Ironie

Dass der Mann im kommenden Jahr wieder einmal die Bühnenbretter inspizieren würde, die er im besten Falle vor vielen Jahren selbst verlegt hat, war schon seit einigen Tagen klar. Und nun wissen wir auch, warum: Kurt Wagner, seines Zeichens hoch verehrter Kreativkopf der Band Lambchop aus Nashville, hat gerade via Merge Records die Veröffentlichung eines neuen Albums für den März 2019 verkündet. "This (Is What I Wanted To Tell You)" ist, glaubt man dem Label, die vierzehnte Platte des Künstlerkollektivs, weil die Zahl dreizehn aus Gründen des Aberglaubens wie bei Hotelaufzügen ausgespart wurde. Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit dem Bruder des Labeleigners, Matt MacCaughan lieferte demnach die Synthesizer-Spuren, an welchen sich dann Lambchop und Wagner abarbeiten durften. Das Ergebnis wird, wie auch schon das phänomenale Vorwerk "FLOTUS", mit Sicherheit so überraschend wie spannend sein, die erste Single "The December-ish You", läßt uns schon mal vorschwelgen. Sein lakonischer Kommentar zum Song: "Picture yourself on a boat on a river, with tangerine trees and marmelade skies ... This is not that." Den Bezug zwischen Coverfoto und Albumtitel darf man sich übrigens selbst denken - mit einem leichten Schmunzeln.

17.04.  Leipzig, Felsenkeller
18.04.  München, Muffathalle
19.04.  Wien, WUK
20.04.  Darmstadt, Centralstation
24.04.  Bern, Dachstock
25.04.  Zürich, Rote Fabrik
26.04.  Berlin, Funkhaus
27.04.  Köln, Gloria
29.04.  Hamburg, Elbphilharmonie

Interpol: Gelungene Gastarbeiten

Kurz vor Jahresschluß ist es noch einmal Zeit, nach den New Yorkern von Interpol zu schauen. Mit "Marauder" haben Paul Banks, Daniel Kessler und Sam Fogarino in diesem Jahr bekanntlich ein überraschend gutes, wenn auch nicht überragendes Album abgeliefert, dazu gab's eine Reihe marketingtechnisch recht ausgefuchster Aktionen und nun touren sie wieder ausgiebig und haben auch für's kommende Jahr einige Festivalplätze gebucht. Interessant ist es um die drei zuletzt immer dann geworden, wenn sie ihre Songs in die Hände anderer gegeben haben - die Remixe lohnten dann im Vergleich zu den doch manchmal etwas braven Originalen die eine oder andere Extraumdrehung. Das gilt nun auch für die aktuelle Scheibe: Drei solche Reworks gab es ja bislang zu verzeichnen, neben dem DJDS-Remix von "The Rover" und "Party's Over" in der Lao-Version wurde auch noch "If You Really Love Nothing" von Petr Aleksander neu gedacht, heute nun ist eine Neubearbeitung von Mexico Institute Of Sound der Single "Complications" dazugekommen. Fazit: Kann sich hören lassen.







Boy Harsher: Ehrenrettung

Ist der Synthpop klassischer Prägung in diesem Jahr zu kurz gekommen? Möglicherweise, tot ist er deshalb noch lange nicht. Das beweist das Duo Boy Harsher aus Northhampton. Augustus Muller und Jae Matthews haben gerade via Brooklyn Vegan die zweite Single ihres für Februar angekündigten Albums "Careful" samt verstörendem Video vorgelegt - "Fate" ist ebenso wie die Erstauskopplung "Face The Fire" eine  düstere Angelegenheit und erinnert ein wenig an die ersten Töne von She Wants Revenge. Das eigentliche und offizielle Debüt der zwei ist übrigens 2016 mit "Yr Body Is Nothing" erschienen (und noch bei Bandcamp zu hören), für's Frühjahr sind Reisetermine der Band auch für Deutschland geplant.

21.02.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
04.03.  Heidelberg, Karlstorbahnhof
05.03.  Berlin, Berghain, Panorama Bar
06.03.  Leipzig, UT Connewitz
07.03.  Augsburg, Neue KAntine
08.03.  Köln, Artheater



Dienstag, 11. Dezember 2018

Shame: Mit Auszeichnung

Shame
Support: Sorry
Strom, München, 10. Dezember 2018

Auch wenn es die politische Weltlage momentan nicht unbedingt vermuten lässt – es gibt mit Sicherheit ein paar Dinge, die wir von den Briten da drüben lernen können. Okay, vielleicht nicht gerade, wie man erfolgreich den Komplettausstieg aus einem Staatenverbund moderiert oder trotz knapper Kassen die Sozialsysteme am Laufen hält, das eher nicht. Aber es ist kein Geheimnis, dass uns die Bewohner des heruntergewirtschafteten Königreichs in Sachen Lässigkeit, Coolness und Humor einiges voraus haben – und das trotz (oder eben weil) sie von ihrer eigenen Regierung, wie auch immer die gerade zusammengewürfelt ist, ein jedes Mal schmählich im Stich gelassen werden. Nehmen wir zum Beispiel die Londoner Kapelle Shame. Würde eine deutsche Band versuchen, ein Video im Stile von „One Rizla“ zu drehen (also einen gut gelaunten Landausflug mit Hindernissen), so sähe das entweder kitschig, albern, verkopft oder einfach nur doof aus. Doch weil Sänger Charlie Steen und Kumpanen ziemlich egal ist, wie was aussieht, wirkt oder interpretiert werden könnte, geben sie so die beste Bebilderung für ihren Leck-mich-Hit ab: „My nails ain't manicured, my voice ain't the best you've heard and you can choose to hate my words, but do I give a fuck. Socks are old and shoes are broke, lungs are tired 'cause they're filled with smoke, wallet's empty I'm going broke – but i'm still breathing.“



Es überrascht nicht wirklich, dass die vier diese wunderbare Attitüde problemlos und eins zu eins auf die Bühne bringen können. Vom Start weg ist die Band bei vollen einhundert Prozent und wird von diesem Level für die folgende Stunde keinen einzigen Skalenstrich abweichen. Das Set ist kurz und furios, es umfasst die Songs des Debütalbums „Songs Of Praise“ und mit „Human, For A Minute“, „Cowboy Supreme“ und „Exhaler“ drei bislang unbekannte. Wollte man die Performance der Band irgendwie vergleichen, fällt einem ein Konzert von Zugezogen Maskulin aus dem Januar dieses Jahres an gleicher Stelle ein – auch die beiden Jungs hatten das Publikum im Handumdrehen hinter sich und mithin in der Moshpit, es wurde schnell wild und für alle im Parkett phasenweise auch ein bisschen ungemütlich. In solchen Fällen ist es immer schön zu sehen, wenn die Band auf der Bühne den gleich Spaß hat wie die tobende Menge zu ihren Füßen und sich nicht schont.

Von halber Kraft jedenfalls war nichts zu sehen, Charlie Steen landete schon nach wenigen Minuten auf den ausgestreckten Armen des Publikums und tat auch sonst alles dafür, die Zuhörer in Bewegung und die Laune beim Besten zu halten. Wenn der Junge in manchen Momenten ein paar wehmütige Erinnerungen an die frühen Blur im Allgemeinen und Damon Albarn im Speziellen weckt, so hat man bei Bassist Josh Finerty öfters das Gefühl, er sei mit seinem Moptop direkt den Dreharbeiten von „Quadrophenia“ entstiegen. Seine Luftsprünge sind mehr als wagemutig und als er kurz vor Schluß aus dem Stand sogar zu einem Salto samt Instrument ansetzte, mußte man zwangsweise selbst die Luft anhalten. Ganz geklappt hat es nicht damit und Finerty hat wohl ein paar blaue Flecke mehr – allein, sein schmerzverzerrtes, aber glückliches Grinsen ließ keine wirkliche Reue erkennen. Man konnte übrigens während des Konzertes am Bühnenrand ab und an einen Besucher mit seiner Krücke winken sehen, die Behauptung, Shame brächten mit ihrem kantigen Mischung aus Britpop und Post-Punk Lahme zum Gehen, wäre dennoch übertrieben. Fest steht aber, daß es nicht viele gibt, die derart gut austeilen und einstecken können. Eventuelle Blessuren trägt man in solchem Falle wie eine Art Auszeichnung.

Sonntag, 9. Dezember 2018

Oberpollinger 2018: Die MPMBL Short Cuts



20
Frankie Cosmos
"Apathy"




19
Kat Frankie
"Bad Behaviour"




18
David Byrne
"Everybody's Coming To My House"




17
Sleaford Mods
"Stick In A Five And Go"




16
Danger Dan
"Sand in die Augen"




15
Glowie
"Body"




14
The Smashing Pumpkins
"Silvery Sometimes (Ghosts)"




13
Dicht und Ergreifend
"Ned Dahoam"




12
MØ feat. Foster The People
"Blur"




11
K.I.Z.
"Hurra die Welt geht unter"




10
Eminem
"Lucky You feat. Joyner Lucas"




9
Sigrid
"Sucker Punch"




8
Slaves
"Chokehold"




7
Haiyti
"Berghain"




6
The Vaccines
"I Can't Quit"




5
MGMT
"Little Dark Age"




4
Childish Gambino
"This Is America"




3
Isolation Berlin
"Kicks"




2
Christine And The Queens
"5 Dollars"




1
Tocotronic
"Electric Guitar"


The Faded North: Leiwand auf britisch

Preisfrage: Britisch oder wienerisch - wonach sieht das Bild da oben aus? Antwort: Wahrscheinlich beides. Denn Matt Rhodes, Jim Jones und Matt Pottinger stammen tatsächlich von der Insel, haben sich aber Wien als Heimatstadt ausgesucht. Hört man auch nicht alle Tage. Macht aber Sinn, denn wer Wien kennt, der weiß, wie wunderbar es sich dort leben lässt und auch das Musizieren macht dort Spaß. Dafür spricht jedenfalls die wachsende Anzahl hoffnungsvoller Nachwuchsbands und namhafter Stars, die mittlerweile in der österreichischen Metropole leben. Und dazu gehören eben auch The Faded North, die Formation also, hinter der sich diese drei Herren verbergen. Ihre zweite EP "What Did I Miss?" ist gerade mit vier neuen Songs erschienen - Dreampop allererster Güte, zur aktuellen Single "Security" gibt es jetzt auch ein hübsches Super-8-Video.