Donnerstag, 19. September 2019

BATS: Natürliche Härte

Okay, bleiben wir kurz mal bei härteren Themen. Denn einen so brachialen Song wie diesen hier möchten wir ungern übergehen. Gerade nämlich haben die Dubliner Math-Rocker BATS ihr drittes Studioalbum "Alter Nature" für den 5. Oktober angekündigt und zwar mit dem Video zum Stück "Ergot". Und weil da auch eine große Portion Hardcore mit im Spiel ist, bekommt man in den dreieinhalb Minuten einige satte Riffs um die Ohren gehauen. Der erste Track des neuen Werkes ist dies übrigens nicht, denn schon im August eröffnete die Band mit "Old Hitler" die Vorschau. Ganze sieben Jahre sind seit ihrer letzten Studioplatte "The Sleep Of Reason" vergangen, hoffen wir mal, dass auch die anderen Stücke von ähnlicher Power sind.






Drahla: Nur keine Angst

Natürlich kann das ganz böse daneben gehen, so ein Coversong. Vor allem, wenn man sich Künstler vornimmt, die göttergleich verehrt werden. Wie zum Beispiel Psychic TV, die Band von Genesis P-Orridge, einem der bestimmenden Masterminds der Industrial-Pioniere Throbbing Gristle. Höchste Gefahr also für Drahla, unlängst für ihr Debüt "Useless Coordinates" gefeierte Post-Punk-Kapelle aus Leeds. Doch die drei kunstverliebten Studenten machen genau das, was bei solch einem Unternehmen empfohlen ist - sie erstarren nicht in Ehrfurcht, sondern singen "Godstar", den besagten Song, quasi wie im Vorbeigehen. Wer in Hamburg wohnt und eine Ahnung von guter Musik besitzt, wird diese Zeilen hier erst später lesen können, denn dort treten Drahla heute Abend auf dem Reeperbahn-Festival auf.



Anna Of The North: Traumfrau mit Überraschungen

Und hier noch eine junge Dame, die sich selbst nicht ganz so ernst nimmt: Anna Lotterud aus einem kleinen Städtchen nahe dem norwegischen Lillehammer, ist nun beileibe keine Unbekannte mehr, unter ihrem Pseudonym Anna Of The North hat sie immerhin schon mit so unterschiedlichen Künstlern wie Honne, Tyler The Creator, Frank Ocean oder den Chainsmokers zusammengearbeitet. Auf ihr hochgelobtes Debütalbum "Lovers" (2017) folgte in diesem Jahr "Dream Girl", hiervon die Singles "Thank Me Later", "Used To Be" und "Leaning On Myself", nun ganz aktuell das Video zum Titelsong. Und ob nun nasse Hunde, rennende Eistüten, Engelsflügel oder die Sache mit den eigenartigen Spock-Ohren (hier aber eher so ein Elfen-Ding), ihr fällt immer etwas Neues ein. Für ihren Auftritt in Berlin Anfang November darf man also durchaus gespannt sein.

01.11.  Berlin, Berghain Kantine







LIFE: Heilige Dinge [Update]

Wer sein erstes Album "Popular Music" nennt, der hat schon mal eines: Humor. Und den nötigen Abstand zum eigenen Werk. LIFE aus dem englischen Hull jedenfalls würden wohl beides unterschreiben, 2017 ist ihr Debüt erschienen und über Nachfrage können sich die vier seitdem wohl kaum beklagen. Vor einigen Wochen hatten wir hier ihre neue Single "Moral Fibre" vorgestellt, dieser gesellt sich nun eine weitere hinzu plus Ankündigung für ein weiteres Album. Am 20. September wird "A Picture Of Good Health" (Coverart unten) bei Afghan Moon (PIAS) erscheinen und "Hollow Thing" nennt sich die besagte Auskopplung. [Update: Video plus Tourdaten]

29.09.  Köln, MTC
30.09.  Hamburg, Molotow
05.10.  Berlin, Musik und Frieden
08.10.  München, Kranhalle
10.10.  Zürich, Dynamo Werk





Mittwoch, 18. September 2019

DIIV: Vorerst gerettet [Update]

Sie werden alle älter. Aber ist das ein Trost? Nun, für die ganz alten unter uns vielleicht schon, ansonsten ist es eher ernüchternd bis frustrierend. Zacharay Cole Smith war mit seiner Band DIIV vor einigen Jahren mal der ganz heiße Scheiß, betörende Melodien, Dreampop, Shoegazing, Lazyness, man kam an der Band aus New York kaum vorbei. Dann Exzesse, Publicity, Paparazzi, Sky Ferreira - Absturz, Ende. Nicht ganz, denn dann folgten Rehab und Heilung, sonst wäre hier vom dritten Album nicht die Rede. Das soll nun endlich unter dem Namen "Deceiver" am 4. Oktober bei Captured Tracks erscheinen und die erste Single "Skin Game" klingt - platter geht es nicht - als wärem sie nie weggewesen. Einen tieferen Sinn hat sie natürlich, wie der Name ahnen läßt, sehr wohl, Cole verarbeitet darin seine und anderer Menschen Wege in die Sucht und die Möglichkeit, wieder aus ihr herauszufinden.

Update: Nach sechs Jahren das erste Video - DIIV präsentieren nach der zweiten Single "Taker" auch noch den Clip zum Neuling "Blankenship".





Agoria: Ein schlechter Traum

Was für die einen Spielerei, ist für andere ein regelrechter Albtraum: Jane Hodson zum Beispiel, gespielt von Fleur Geffrier, scheint aus ihrem nicht mehr herauszukommen. Die Polizistin erlebt so ziemlich das Schlimmste, was einem auf nächtlicher Streife passieren kann - zu viele Drogen, zu viele schlechte Erfahrungen, die falschen Freunde oder Kollegen? Regisseur Loic Andrieu läßt das in dem Video, den er zusammen mit dem Team von Soldats Films gedreht hat, offen. Der Song, um den es geht, stammt vom französischen Techno-DJ Agoria, der sich für "Call Of The Wild" mit dem Rapper STS zusammengestan hat. Der Track wiederum stammt vom Album "Drift", das im April diesen Jahres erschienen ist und noch eine ganze Reihe spannender Kollaborationen enthält, von denen wir hier noch "You're Not Alone feat. Blasé" und "Embrace feat. Phoebe Killdeer" anhängen.





Dienstag, 17. September 2019

bülow: Bleibt alles anders

Von dem Mädchen war hier schon mal die Rede - kurz vor zwei Ortsterminen legen wir heute noch mal nach. Naja, genaugenommen macht das Megan Bülow ja selbst, gerade nämlich hat sie einen weiteren neuen Song veröffentlicht - "Boys Will Be Boys", so der Titel, wird sich auf ihrer neuen EP befinden, die am 4. Oktober unter ihrem Kurznamen bülow erscheint. Produziert hat wieder Michael Wise, der die junge Musikerin seit ihrem Durchbruch mit "Not A Love Song" begleitet und auch  ihre bisherigen 12" betreute. Und den Song gibt's dann mit Sicherheit auch auf den beiden Gigs in Berlin und Hamburg zu hören.

18.09.  Berlin, Auster Club
19.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival

Sonntag, 15. September 2019

Sports Team: Einfach mal die Klappe halten

Oh, schon wieder Sonntag und schon wieder so herrlich viel neue Musik zu loben. Da hätten wir zum Beispiel die Londoner Kapelle Sports Team, die gerade ein Loblied auf das Angeln geteilt hat, was nun, ganz unter uns, vielleicht nicht gerade als sportliche Höchstleistung gilt. Nun, vielleicht meinen die sechs das ja auch nicht ganz so wörtlich, vielleicht geht es ja auch eher darum, dass sie mal Ruhe haben wollen von all dem Gequatsche um sie herum, möglicherweise haben sie auch gemerkt, dass mit der Correctness, die unsere Unterhaltungen und unser Verhalten nachhaltig bestimmt, ein wenig der Spaß flöten gegangen ist. Nun, sei es wie es sei, "Fishing" klingt super und das selbstbetitelte Debütalbum, das der EP "Keep Walking!" (wiederum sehr sportlich!) folgen soll, wird hoffentlich noch mehr dieser Knaller bereithalten. Für die laufende Tour hier noch mal ein paar Zeilen zum Mitsingen:

"Well, we don't die anymore
Cause we don't smoke anymore
And we won't laugh anymore
Cause we don't joke anymore
Buy a coat and a car
Buy a boat and a chain
Buy a house with a moat
By a beautiful stream
Buy a phone with a plan
Buy a villa abroad
By the Portuguese Coast
Or the Cote d'Azur
And we can go swimming!"

21.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival

Pallas Athene: Virtuelle Welt, reale Ängste

Kompletter Stilwechsel, anderer Kontinent: Dieser Song heißt "The Wall" und stammt von der kanadischen Künstlerin Pallas Athene. Hinter diesem sagenhaften Pseudonym verbirgt sich Breanna Johnston, eine junge Dame aus Toronto, die seit 2014 in kompletter Eigenregie einige dieser elektronischen Stücke aufgenommen hat. Der neue Track wird sich auf einer selbstbetitelten EP befinden, die für die nächste Zeit geplant ist, zum Stück selbst gibt sie zu Protokoll: "Ich habe mein das Lied aus meiner Sicht als Beobachterin einer virtuellen Welt geschrieben. Ich empfinde mich selbst und andere eher als Außenstehende, überwältigt vom bedrohlichen Zustand unsrer Umwelt und der ständigen Informationsüberflutung durch Nachrichten, Anzeigen, Mails und Messages. Dieser Track handelt von Einschränkung, Einsamkeit und Entmachtung, die ich als Teil dieser Welt empfinde, und auch von meiner Angst vor Isolation."

Omni: Netzwerker

Weiter, ein paar Flugstunden südlich nach Atlanta. Hier musiziert das Post-Punk-Trio Omni und bereitet sich auf den 1. November vor, den Tag also, an welchem sie ihr Debütalbum "Networker" bei Sub Pop veröffentlichen werden. Nachdem im April ihre letzte 7" mit dem Doppel "Delicacy/I Don't Dance" erschienen ist, gibt es nun elf neue Songs, von denen zunächst "Sincerly Yours" die Runde machte und "Skeleton Key" gerade hinterherkam. Dabei können Philip Frobos, Frankie Boyles und Nathaniel Higgins durchaus auf prominente Fürsprache zählen, denn Scott Munro, Gitarrist bei den kanadischen Preoccupations, hat kürzlich in den Linernotes seine Vorliebe für die Arbeit der Band bekundet und damit die kommende Platte vorab schon mal geadelt - uns bleiben die tatsächliche VÖ und ein paar Tourdaten, um eine eigene Meinung zu bilden.

11.11.  Hamburg, Molotow
13.11.  Berlin, Berghain Kantine
22.11.  St. Gallen, Palace St. Gallen





Aitch: Nicht zu bremsen

Zuletzt widmen wir uns noch dem unerschöpflichen Thema Grime und dessen neustem Protagonisten. Beim Netzportal Clash ist gerade der Werdegang des Rappers Aitch aus Manchester gelistet worden, einem Jungen, der als der nächste große Superstar gehandelt wird, zumindest wenn man dies an der Anzahl seiner Follower bemisst. Harrison Armstrong, so sein richtiger Name, hat vor einem Jahr seinen eigenen Video-Kanal gestartet, seit dem ging's konstant durch die Decke - Tracks, EPs, diverse Kollaborationen, der Junge kennt kaum ein Halten. Wir beschränken uns hier mal auf ein kleines Video-Roundup zu drei seiner Songs in zeitlicher Reihenfolge, also das aktuelle "Taste (Make It Shake)" von der gerade erschienenen 12" "Aitch20" und die beiden älteren "Straight Rhymez 1" und "Wait", im Netz lassen sich dazu noch eine ganze Reihe besagter Zuarbeiten, u.a. mit Ed Sheeran, Keisha und Stormzy, finden. Ansonsten beobachten wir mal, was da noch so bei rumkommt.





Neil Young: Unermüdlich [Update]

Bei Durchsicht allen Materials, das sich während unserer kleinen Urlaubspause angesammelt hat, fällt der Blick natürlich auch auf diese Nachricht und die darf natürlich nicht vergessen werden - aus Gründen: Neil Young hat wie erhofft die Veröffentlichung eines neuen Albums zusammen mit Crazy Horse angekündigt, "Colorado" soll das gute Stück heißen und am 25. Oktober erscheinen. Und ein erster Vorabtrack steht mit "Milky Way" auch schon bereit - nicht mehr und nicht weniger.

Update: Der Altmeister legt nach und bringt "Rainbow Of Colors".



Samstag, 14. September 2019

Trettmann: Kein Entrinnen

Trettmann
„Trettmann“
(Kitschkrieg/Soulforce Records)

Seine Kontrahenten, Endgegner quasi, kann man sich ja selten aussuchen, diesen hier aber hat er sich zumindest selbst eingebrockt: Seit Trettmann 2017 mit dem Album „DIY“ fast aus dem nichts abräumte, war klar, dass die Herausforderung für die nächste Platte riesig sein würde. Weil diese Songs direkt aus der Tristesse des Wohnbetons kamen und von allem so viel hatten – so viel Sanftmut, so viel Trauer, Trotz, Liebe, Schmerz, weil es so wohlig groovte wie die leibhaftige Versuchung. Erwischte es einen in richtigen Moment, war Widerstand zwecklos, gab es kein Entrinnen, Gegenmittel Fehlanzeige. Und die größte Gefahr war (und ist), dass man sich diese Songs überhörte, dass es irgendwann einfach nicht mehr gehen würde. Insofern waren die kleinen Methadon-Schübe sehr hilfreich, die Trettmann in den vergangenen Wochen ganz ohne Rezept verabreichte – nicht wenige meinten ja schon, der Tretti wäre zu oft in zu vielen Tracks zu finden, Cro, Kantereit hier, Dendemann und Herre dort, Seeed im Kommen, kann man so sehen. Wenn da nicht diese Sucht wäre…



Gut also, dass sie nun da ist, die Neue. Auf der es natürlich nicht ums Obsiegen, um den Gegner oder Feind geht (weil der für ihn und seine Freunde gleichermaßen in der selben, braunen Ecke hockt). Es sind eher die Erwartungen, denen es standzuhalten gilt, die Maßstäbe, die einer Erfolgswelle auch immer einen Erfolgsdruck folgen lassen. Würde er also bestehen? Aber klar doch. Wer mit 45 noch trendet, wie er selbst singt, dem muss wohl kaum bange sein, dem ist eine Lässigkeit zu eigen, die sich die Jungen erst erarbeiten, erleben müssen. Ohnehin darf man davon ausgehen, dass die höchsten Ansprüche an ihn auch von ihm kommen. Was genaugenommen für jeden ernsthaften Künstler gilt und dann doch keine ganz so neue Erkenntnis ist.



Wie er’s schafft? Nun, die Mischung ist die gleiche geblieben, auch dank Team Kitschkrieg. Also Dancehall meets Trapgrooves meets softe Technobeats, Autotune rules, „Fiji Kris, pass di 808“, weiter so. Die Freunde dazu sucht man sich bekanntlich selbst aus und über GZUZ ist alles Nötige gesagt (siehe SPEX), KeKe haut um, Alli Neumann ist okay, der Don bleibt er natürlich selbst. Manchmal kommt einem die neue Platte etwas intimer vor, das kann aber auch an der Dauerschleife liegen – sehr viel Gefühl, wunderbare Poesie, immer über Liebe. Die dosierte, die vergebliche, die unmögliche, die neu entdeckte und die vergangene. Wie Trettmann diesen Erinnerungen nachspürt und -textet, macht einen immer noch (oder schon wieder) ganz schummrig im Kopf und stellt die Haare auf.



Das gilt auch und insbesondere für „Stolpersteine“, ein leises, behutsames und tiefernstes Stück. Wie er mithilfe der vieldiskutierten Aktionskunst von Gunter Demnig und Brechtzitat die Vergangenheit ins Heute holt, den Bogen schlägt von historischer Gräuel zur bedrohlichen Gegenwart, wie am Ende einer durchtanzten Nacht nur ein Name auf einem Stein ausreicht, um Gedanken anzustoßen, selbst wenn der Schädel schon benommen ist – das ist, was man bei ihm wohl einen „Billie Holiday“-Moment nennen darf. Anders schön dagegen das herrlich groovende „MDMDF“, Steel-Guitar, Federn in Freiheit, Losgelassen. Und natürlich, unerwartet, ungewohnt, trotzdem gelungen: Die Geburt von Tochter „Margarete“ aus dem Tourtagebuch vertont – anrührend, auch wenn’s viele vor ihm taten, aber: „Was mich zum Tretti macht, ich tu das, was mich happy macht.“ Soll er nur, geht uns doch nicht anders.

Tourdatenhttps://trettmann.de/

Freitag, 13. September 2019

LINDEMANN: Reif für die Klapse

Humor hat er, das muß man ihm lassen. Irgendwie muß es dem ollen Till Lindemann mit seiner Kombo Rammstein zwischen zwei ausverkauften Megatourneen langweilig geworden sein und so hat er gemeinsam mit seinen schwedischen Partner in Crime Peter Tägtgren gerade das Video zu seiner neuen Single "Steh auf" geteilt, die wiederum den Auftakt zu einem weiteren Soloalbum geben soll. "F + M" soll dieses heißen, der überaus unterhaltsame Klapsen-Clip von Zoran Bihac wird ergänzt durch einen von Tägtgrens Buddys, den Schauspieler Peter Stormare ("Fargo").

Pixies: Die Tücken des Ruhms

Pixies
"Beneath The Eyrie"

(BMG)

Wann das angefangen hat? Nun, den Nachgeborenen muß man vielleicht erklären, dass sich die Ära der kalifornischen Indielegenden Pixies in verschiedene Phasen unterteilen läßt, die man der Einfachheit halber „Deal“ und „no-Deal“ nennen könnte, benannt nach der ehemaligen Bassistin Kim Deal, die über einen ebenso großen Dickschädel verfügt wie Gründungsvater Black Francis und, weil das selten gut geht, die Band zwischen 1990 und 1993 (da schwanken die Angaben, weil sie an verschiedenen Alben mitwirkte, aber nicht mehr auf der Bühne stand) verließ. Was, soweit wissen wir das heute, zu ihrem eigenen Schaden nicht war, denn die von ihr initiierten beruflichen Folgeprojekte The Amps und The Breeders waren bzw. sind von ähnlich hoher Qualität. Ihr stimmgewaltiger Sparringspartner hatte nun zwar seine Ruhe, aber offensichtlich für eine Zeit auch nicht mehr ganz so viel Lust, verkündete den Tod seiner Band und spielt eine große Zahl mehr oder weniger spannende Soloplatten ein – die Pixies selbst hatten ganze 23 Jahre Pause.

Ab dem Jahr 2004 also begann (siehe Eingangsfrage) der Abschnitt, den wir jetzt mal die Retro-Ära nennen wollen, denn obwohl Deal noch für einige Live-Shows und Einspielungen mitjobbte, war sie auf keinem der folgenden Studioalben vertreten (wenngleich trotzdem Thema, siehe „All I Think About Now“). Die drei Platten, die auf „Bossanova“ (nun ja) und „Trompe Le Monde“ (schon eher) folgten, waren also allesamt ehrenwerte Versuche, die ganz große Ära der Kapelle wieder aufleben zu lassen, ohne den Verlust der durchaus stilprägenden Persönlichkeit Deals allzusehr zu betonen. Und das schließt das vorliegende Werk mit ein. Da kann der streitbare Chef noch so sehr auf dem sonnenköniglichen Grundsatz „l‘etat c’est moi“ bestehen, was vorbei ist, bleibt es in der Regel auch und je besser es war, um so unwahrscheinlicher ist eine gleichwertige Wiederholung.



Dabei sind „Indie Cindy“ und „Head Carrier“ erstaunlich gelungene, ja eigenständige Arbeiten geworden, hatten Biss, machten Krach und erhielten nicht zu unrecht gehobene Prädikate und die Nachrufe „Hurra, sie leben noch!“ und „Good to have you back!“ Dass der NME in seiner aktuellen Ausgabe die neue Platte zur besten seit 28 Jahren kührt, möchte man dann aber doch vorsichtig anzweifeln, denn „Beneath The Eyrie“ hat sehr wohl einige starke, leider aber auch vermehrt schwache Momente – je nachdem natürlich, wo genau die Erwartungen angesiedelt sind. Liegen die eher beim kompromißlosen Brett und wütendem Geschrei, dann enttäuschen Stücke wie der Einstieg „In The Arms Of Mrs. Mark Of Cain“, das musicalhafte „This Is My Fate“ oder das Schlußpärchen „Daniel Boone“/“Dead Horizon“ etwas. Hingegen werden die Rockfetzen „On Graveyard Hill“, „Long Rider“, der herrliche Nazis-vs-Aliens-Klamauk „St. Nazaire“ und die Rockabilly-Nummer „Bird Of Prey“ verzücken.

Fein raus sind die Genügsamen, denen vor allem wichtig ist, dass die Superhelden früherer Tage endlich wieder gemeinsam auf der Bühne stehen und dort natürlich auch die alten Gassenhauer zelebrieren werden. Zufrieden sind auch jene, die Veränderungen und Abweichungen nicht scheuen und über manchen Durchhänger hinwegblicken können. Und zu guter Letzt, wer hätte es gedacht, freut sich auch die (oder eben auch der) Frauenbewegte, denn die Weiblichkeit in Form von Nachbesetzung Paz Lenchantin macht auf der Platte erfreulich viele Punkte, sei es im Duett „Ready For Love“ oder dem ganz und gar bezaubernden, wenngleich etwas traurigen Surferepos „Los Surfers Muertos“. Soll heißen, es ist ein durchwachsenes, aber recht unterhaltsames und manchmal auch überraschendes Werk geworden. Und nicht unbedingt ein Grund, reflexhaft gleich die alten Sachen rauszukramen. https://www.pixiesmusic.com/

Ilgen-Nur: Schnell verkannt

Ilgen-Nur
„Power Nap“
(Power Nap Records)

Wo wir gerade bei den Etiketten waren (MUNA): Diese Frau hier hat eine ganze Menge davon abbekommen: übellaunig, arrogant, queer, Slacker – an Ilgen-Nur Borali scheiden sich nicht nur Geister, sondern Sympathien. Und wer’s einem nicht eben einfach macht, hat’s dann halt schnell verkackt. Da werden Selbstbestimmtheit und Eigensinn mit Arroganz verwechselt, schlecht drauf sind ohnehin immer nur die anderen, undankbar sowieso (schließlich kommt sie ja aus der schwäbischen Provinz). Dabei würde es reichen, läse man das eine oder andere Interview mit ihr oder, noch nachhaltiger, würde sich in Ruhe und möglichst ohne Vorbehalte ihre Musik anhören.

„No Emotions“ beispielsweise, ihre erste EP aus dem Jahr 2017 und vor allem ihr überaus gelungenes Debütalbum „Power Nap“. Und man darf sich auch selbst fragen, ob denn wohl jemand eine Künstlerin verlegen möchte, die ihr Publikum, sonnenbrillenbewährt, ständig gelangweilt von der Bühne herunter angähnt (den Eindruck muss man haben, liest man die entsprechenden Kommentare). Oder ob es nicht tatsächlich so ist, dass diese Künstlerin, längst schon wohnhaft in Hamburg, ein ausgesprochen großes Talent und Gespür für gutes Songwriting besitzt. Und aus ihrem Wesen, aus ihrer Eigenart eben das wertschöpft, was nicht wenige dann auch hören wollen. Und feststellen, dass die Vergleiche mit Referenzen ihres Fachs – Nilüfer Yanya, Mitski, Eliza Shaddad oder Courtney Barnett – keinesfalls verwegen, sondern durchaus zulässig sind.



I spent my days in my head
reliving moments I tend to forget
spent my days in my zone
I might be the happiest
when I’m on my own

Wer die dunklen Momente im Leben nicht verleugnet oder verdrängt, dem ist der Wunsch, einfach liegen zu bleiben, niemandem als sich selbst verpflichtet zu sein (was ohnehin schon anstrengend genug sein kann) keinesfalls fremd. Der- oder diejenige weiß, dass der eigene Kopf Traumpfade oder Umwege genug bietet, um den Tag zu verbringen – „In My Head“, der erste Song auf dem Album, ist also nicht nur wunderschön anzuhören, sondern auch sehr nachvollziehbar. Und klingen sie uns nicht wunderbar vertraut, diese dunkel schillernden Moll-Harmonien, die Gitarrenakkorde, die einen schon bei Interpol oder The Cure mit ihrer Entrücktheit verzaubert haben? Es sind Stücke, zu denen Lustlosigkeit, Langeweile, Überdruss einfach dazugehören und die trotzdem sagenhaft gut klingen – „Silver Future“ beispielsweise mit dem tollen Drum-Part im letzten Drittel, „Soft Chair“ mit seinen Bläsersätzen und 90er-Verweisen und die verzerrte Neil-Young-Gitarre bei „New Song II“.



Und ganz so düster ist es gar nicht alles geworden, was Ilgen-Nur gemeinsam mit dem Nerven-Mann Max Rieger da arrangiert hat, sie singt ja durchaus auch von Augenblicken, die sie bewahren, die sie festhalten möchte („Soft Chair“) oder vom Aufbruch, vom Neustart („Clean Sheets“). Die vornehmlich melancholische Grundstimmung lässt die helleren Momente dann eben deutlicher zutage treten. Zumal sie zu überraschen weiß: Das noiselastige „You’re A Mess“ beispielsweise variiert bei Tempo und Lautstärke, selbst ihr Gesang wird dringlicher, energischer. In die andere Richtung geht der Kehraus „Deep Thoughts“, eine Pianoballade, wie sie selbst John Cale nicht besser hingebracht hätte, reduziert – „I’m on my own, all allone, with my deep thoughts, I’m on my own“, ein kurzer, tiefer Blick in den Abgrund, näher kommt man ihr auf diesem Album kaum. Dämmermusik für Einzelgänger, und zwar im besten Sinne.

Donnerstag, 12. September 2019

Billy Nomates: Der bessere Weg

Billy Nomates
„No“

(Bandcamp)

Bald geht es nun also wieder los, hierzulande, irgendwo, überall. Nächste Staffel (sorry: season) nächste Casting-Show. Hoffnungsvolle, ambitionierte Talente mit Superstimmen treffen Superstars zum Anfassen auf dem Weg zu endlosen Superfame, so die Gaukelei. Wahrheitsgemäß ist das dann nicht ganz so super, müßte man bekennen, dass nicht eine/r der angetretenen Kandidaten*innen jemals eine Chance im gierigen Bizz bekommt, dass die Show nur deshalb läuft, damit sich alternde Ex-Sternchen in ihrem Esprit und/oder ihrer Schlagfertigkeit vor einem Millionenpublikum sonnen dürfen und so vielleicht den einen oder anderen Tonträger mehr unters Volk bringen. Im schlimmeren Fall dienen die weniger begabten Kandidaten als Witzfiguren – gedemütigt, verlacht, Folgeschäden nicht ausgeschlossen, aber egal.

Kann man so machen, regelt der Markt, der Nachgeschmack bleibt bitter. Warum der Text? Nun, weil es Beispiele wie eben jene Billy Nomates gibt: Ehrgeizige, mutige Frau, knapp 30, die bereitwillig zugibt, von Musikinstrumenten keine und von Computertechnologie und -sampling ziemlich wenig Ahnung zu haben. Die aber unbedingt wissen wollte, wie sich der Versuch anfühlt und das Ergebnis klingt, wenn man es trotzdem macht, so ganz ohne Budget und die üblichen Steigbügel.

Die Alternative, weiter zu studieren, mit schlechter Laune von einem crap job zum nächsten zu ziehen, war offenbar keine, Versuche, in einer Band unterzukommen, scheiterten ebenfalls (zu viele Leute wollten zu viel mitreden, solche Sachen). Also schnappte sie sich ein billiges Interface, ein tragbares Mini-Keyboard und einen gebrauchten Mac und spielte die Songs ihres Debüts im eigenen Schlafzimmer, in der Küche ihrer Schwester, in einem leerstehenden Büro ein. Unterstützung überschaubar, der Bruder, selbst Musiker, bastelte ein paar Live-Drums dazu und half bei der Produktion, vier der Tracks erhielten zusätzliche Bass-Spuren, das war’s.



Und das Ergbenis kann sich durchaus hören lassen: LoFi-Sound, Electroblues, DIY-Punk, trockene Beats, Gitarren auch, alles elektrisch, reduziert, noisy. Der Gesang rau und zornig, voller Trotz, nur kein Selbstmitleid, aber Wut en masse. Nomates hadert mit den Umständen, aber sie beklagt sich nicht bei anderen, sie schimpft über eine Gesellschaft, die Menschen an den Rand drängt, in die mies bezahlten Jobs, die einen krank machen und abstumpfen lassen. Sie sieht die „hippy elite“ mit alle den hübschen, nachhaltigen (und oft unnützen) Dingen, die für ein gutes Gewissen sorgen, solange man sie sich leisten kann. Alle anderen sind auf ihr eigenes, graues Selbst zurückgeworfen, wohl denen, die sich und den Humor nicht verlieren – „happy misery“.

Das klingt schroff, hat nichts Einschmeichelndes, Elegantes. Wie sollte es auch, working class poetry, mate! Manchmal wird die Stimme dann doch mal weich und rund, bei „modern hart“ beispielsweise oder später in „supermarket sweep“: „Maybe the monotony is here, to stay he thought, in every dead end job, in every dead end town…”, dann bricht die Traurigkeit die Härte für ein paar Takte auf, wird’s richtiggehend gefühlig. Ein schöne Platte ist es geworden, jeden Retweet wert. Weil hier – nenn es Nostalgie, nenn es Naivität – ein Weg aufgezeigt wird („Don’t take the easy way out“, Ilgen-Nur), der sich wohltuend abhebt von der blankgewienerten, oberflächlichen Schnelldreher-Mentalität, die sich unablässig nur ums sich selbst dreht und keine Fehler kennt. „It's not a perfect thing, but I'm glad”, so Nomates, “It shouldn't be. It’s my zero budget flag and it’s just the start.”

Annabel Allum: Zerzauster Sound [Update]

Was soll man sagen - sie sieht noch immer so aus, als wäre sie ziemlich durch den Wind. Zerzauster Schopf, grimmiger Blick, Annabel Allum aus London hat sich im Laufe der letzten Jahre kaum geändert. Und das ist gut so, weil ihr unperfektes Äußeres perfekt mit dem Sound ihrer Songs harmoniert, auch da finden sich schiefe, widerborstige Gitarren, auch da holpert es auf angenehme DIY-Art oft ordentlich. Deshalb haben wir sie hier oft begrüßen dürfen, deshalb ist auch heute von ihr die Rede. Denn gerade ist ihre neue Single "When The Wind Stopped" erschienen, ein paar Tage nach "You Got It Good" - beide Stücke sollen sich auf einer weiteren EP finden, die für den Herbst dieses Jahres geplant ist.

Update: Und nun haben wir also einen Namen für die neue EP - "Gravel Not The Grave" wird sie heißen und am 13. September bei Killing Moon Records erscheinen, mit "Altar To Alter" gibt es hier einen weiteren Vorgeschmack davon ... und noch dazu die letzte Vorabmeldung "Baby Berlin".

Mittwoch, 11. September 2019

Pet Shop Boys: Traumaland

Dieser Tage ein Video von den Pet Shop Boys zu unterschlagen, wäre grob fahrlässig. Obwohl die Herren Tennant und Lowe ja mittlerweile einen Status erreicht haben, in dem sie auch das berühmte Telefonbuch einspielen könnten und dennoch auf Gegenliebe stoßen würden - sie waren und sind auch immer eine politische Band gewesen und während sich nun also ihr Heimatland in seine Bestandteile aufzulösen scheint, singen sie mit den Shootingstars Years And Years über das "Dreamland". Ha! Zu finden ist diese neue Single übringens auf dem nächsten, noch unbetitelten Album, das gerade in den Berliner Hansa Studios gemeinsam mit Stuart Price aufgenommen wurde. Es folgt der EP "Agenda", die in diesem Frühjahr erschienen ist.

Ceremony: Bloß kein Dogma

Ceremony
„In The Sprit World Now“

(Relapse Records)

Nein, man muß das nicht wirklich machen. Um ein ungefähres Gefühl dafür zu bekommen, welchen Weg, welchen Wandel diese Band in den vierzehn Jahren ihres Bestehens zurückgelegt hat, kann es aber schon recht hilfreich sein, sich mal das Debüt „Violence Violence“ aus dem Jahr 2006 um die Ohren hauen zu lassen. Ceremony sind damals im kalifornischen Städtchen Rohnert Park (nicht von ungefähr nur schlappe sieben Autostunden von Hermosa Beach entfernt, dem mythischen Gründungsort von Black Flag) tatsächlich als ziemlich schnelle und laute Hardcore-Truppe gestartet, denen kein Ton zu brutal war – ihre Konzerte, so hört man, waren hitzige Angelegenheiten. Irgendwann, mutmaßlich so um die Produktion ihres Album „Zoo“ im Jahr 2012, muss es Sänger Ross Farrar wohl mit der Angst zu tun bekommen haben, auf ewig den alternden Outsider geben zu müssen, nur die wenigsten schaffen das schließlich mit Anstand und Würde. Also entschied er sich zusammen mit seinen Kollegen zur Vollbremsung mit anschließender Kehrtwende, setzte ein „Post-“ vor den Punk und nahm „The L-Shaped Man“ auf, eine erstaunlich schlüssige und überaus gelungene Kurskorrektur.

Diese im Hinterkopf, ist der Sprung zur aktuellen „In The Spirit World Now“ zwar nicht mehr ganz so krass und überraschend, dennoch erweisen sich Ceremony auch hier als überaus mutig – auf einen einmaligen Ausrutscher kann sich nun jedenfalls niemand mehr herausreden. Die elf neuen Stücke (plus drei Interludes) orientieren sich in ihrer Machart stark am dreckig-funkigen MashUp aus Synthesizer und Gitarre, wir hören Devo, hören Wire und vor allem Gang Of Four heraus. Sie machen das so gekonnt und ideenreich, dass von bloßer Abkupferei keine Rede sein kann (ohnehin hat man vor dem Schwenk soviel Respekt, dass der Retrogedanke in den Hintergrund rückt), es gibt herrlich zackige Momente wie „We Can Be Free“, „Years Of Love“ und „From Another Age“, die allesamt nicht die Dreiminutenmarke reißen, den Electropunk von „Never Gonna Die Now“ und den bösen Bass der Leadsingle „Presaging The End“.



Langeweile will einfach keine aufkommen, gerade auch weil sich Ceremony, anders als beim Vorgänger, keinerlei Verschnaufpause gönnen und in die fünfunddreißig Minuten nirgends Füllmaterial einbauen. Allein die Drums zu Beginn von „Further I Was“ pumpen so wunderbar, dass man die brüllenden Riffs aus der Vorzeit schnell vergessen hat. Auch inhaltlich huldigen Farrar und Kollegen der Veränderung, der Reue, bitten hier („Turn Away The Bad Thing“) um Gnade und preisen dort den Aufbruch in Freiheit („We Can Be Free“). Und wer sich von einem so kompakten, knackigen Schlußsong wie „Calming Water“ nicht endgültig umstimmen läßt, den können Ceremony getrost auf der Strecke lassen. Notorischen Zweiflern sei im Übrigen ein Instrumentalstück mit dem Namen „Dogma“ von einer frühen 7“ aus dem Jahr 2008 empfohlen – Piano, vereinzelte Paukenschläge, irrlichternde Gitarren, null Hardcore. Vielleicht eine Komposition in weiser Voraussicht, der Name augenzwinkerndes Programm. Wir für unseren Teil bleiben auf alle Fälle an Bord.

09.11.  Münster, Sputnikhalle
10.11.  Hannover, Cafe Glocksee
12.11.  Hamburg, Hafenklang
13.11.  Leipzig, Conne Island
14.11.  Jena, Kassablanca
16.11.  Berlin, Cassiopeia