Sonntag, 18. Oktober 2020

Salem: Nie wirklich weg

Dass Witch House nie wirklich weg oder aus der Mode war, weiß, wer Billie Eilish kennt und mag genauso wie Anhänger*innen von Trap - irgendwo findet sich irgendwie immer ein Versatzstück, ein Bezug ... Jetzt kommen also auch die Protagonisten dieses Subgenres wieder auf die Tagesordnung, die um das Jahr 2010 für Furore sorgten. Ganz dick im Geschäft damals Jack Donoghue und John Holland, die unter dem Namen Salem und damals noch zusammen mit Heather Marlatt das Debütalbum "King Night" veröffentlichten und kurz ziemlich hell glühten. Und nun - Überraschung, sind sie als Duo wieder da, am 30. Oktober erscheint laut Brooklyn Vegan mit "Fires In Heaven" eine neue Platte und mit "Red River" und "Starfall" liegen mittlerweile auch zwei der elf Songs zum Anhören vor. Als Zugabe hier noch zwei Remix der Formation und zwar zu "Try It On" von Interpol und "Till The World Ends" einer jungen Dame namens Britney Spears.






 

Freitag, 16. Oktober 2020

Disarstar: Gegen das Klischee


Doch was mehr als Nike und Pommes? Stille Tage im Klischee, schon klar. Der Track liegt ja nun auch schon wieder eine Zeit zurück, Disarstar hat ihr 2019 auf sein drittes Album "Bohemien" gepackt und die Sache war für viele entschieden. Danach allerdings kam schon "Klassenkampf und Kitsch" und im kommenden Jahr steht mit "Deutscher Oktober", das wissen wir jetzt auch, schon das nächste Album an. Und von dem gibt es jetzt mit "Sick feat. Dazzit" die erste Single zu hören und die will ja dann so gar nicht zum verwöhnten Dampfplauderer passen.

12.05.  München, Strom
13.05.  Nürnberg, Z-Bau
14.05.  Stuttgart, Im Wizemann
15.05.  Frankfurt, Nachtleben
18.05.  Hannover, Musikzentrum
19.05.  Leipzig, Moritzbastei
20.05.  Berlin, SO36
21.05.  Bremen, Tower Musikclub
27.05.  Dortmund, FZW
28.05.  Düsseldorf, Spektakulum
29.05.  Köln, Luxor
30.05.  Hamburg, Große Freiheit 36



The Screenshots: Weltverbesserer, strictly underrated

The Screenshots
„2 Millionen Euro Umsatz mit einer einfachen Idee“

(Staatsakt)

Hey Krefeld, wir müssen reden: Offensichtlich habt ihr ja vor Ort eine/n ganz emsigen Stadtschreiber*in sitzen, die/der in den letzten Jahren eine Wikipedia-Seite gebastelt hat, hinter der sich manch größere Stadt in Deutschland aber so was von verstecken kann. Daran ist grundsätzlich überhaupt nichts auszusetzen, denn wer seine Heimatstadt liebt, der schreibt. Gern auch mehr. Krefeld verzeichnet, nur so als Beispiel, unter „8. Kultur“ sogar einen eigenen Unterpunkt „8.3. Nachtleben“ und den hat nicht mal Big Bolle Berlin! Was ihr uns aber mal dringend erklären müsst: Ralf Hütter lasst ihr nicht unter den Tisch fallen (schon klar), selbst eine angeranzte Metalkombo wie Blind Guardian findet ihren Platz (meinetwegen) – aber wie kann man denn eine so fabelhafte Band The Screenshots gänzlich unerwähnt lassen? GEHT’S NOCH?!



Dabei sollte nun fast jeder in diesem Land mitbekommen haben, dass Susi Bumms, Dax Werner und Kurt Prödel seit Anbeginn ihrer linksrheinischen (haha!) Karriere herrliche Lieder fabrizieren, die das Kunststück fertigbringen, sowohl ins Poesiealbum als auch an den verrauchten Mitternachtstresen zu passen. Schlichtheit darf hier mal als Kompliment verstanden werden und schon „Google Maps“, „Heimat“, „Männer“ oder „Fußball ist cool“ waren charmante Zweiminüter zum Mitgrölen der Extraklasse, die zu ignorieren nachgerade unverzeihlich ist. Und auch die neue Platte zwinkert einem verschwörerisch zu, hält sogar feine Reime über Angela Merkel und Christian Lindner bereit, die so gar nicht peinlich sind und macht kein Hehl daraus, dass sich die drei – irgendwo zwischen Die Sterne und Die Ärzte – als Gegenentwurf zum allzu verkrampften, deutschen Diskursrock sehen.



Soll heißen: Seine Meinung zu sagen muss nicht immer so wahnsinnig anstrengend und verkrampft klingen, das kann man auch mit etwas Gripps auf so lässige, gewitzte Weise tun. Und so outen sich The Screenshots einmal mehr als Antistreber, Abhänger, sympatische Hochstapler, Serienjunkies. Sie heißen die ganze Welt daheim willkommen, grüßen ihre Ängste, sie weinen dem Gutem im Bösen ein paar Tränen nach („Walther White ist tot und vieles in mir auch!“) und wenn Susi auf wunderbar schiefe Weise die Zeilen „John Mayer hat mir gesagt, mein Körper ist ein Wunderland“ singt, dann könnte das ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Kitsch sein oder eine Persiflage auf die sagenhafte Stumpfheit der Popindustrie – beides passt, beides ist schön. Es wird, das ist die (nicht allzu gewagte) Prognose, in diesem Jahr aus diesem Land nichts Besseres mehr kommen. Zeit, das auch zu würdigen. Hallo Krefeld, HAST DU DAS VERSTANDEN?

22.01.  Münster, Gleis 22
23.01.  Köln, Gebäude 9
16.02.  Bremen, Lagerhaus
17.02.  Hamburg, Molotow
18.02.  Berlin, SO36
19.02.  Leipzig, Naumanns
24.02.  Wiesbaden, Schlachthof
25.02.  Karlsruhe, Kohi
26.02.  Nürnberg, Club Stereo
27.02.  Augsburg, Soho Stage
01.03.  Wien, B72
02.03.  Salzburg, Rockhouse
03.03.  München, Kranhalle
05.03.  Dresden, Scheune
06.03.  Bochum, Die Trompete
15.04.  Osnabrück, Popsalon Festival
19.08.  Dornstadt, Oberwiesenfestivalgelände

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Viagra Boys: Selbsterkenntnisse

Diese Art von Selbsteinsicht wünscht man anderen Gestalten auf dem Planeten ebenfalls sehr dringend, nicht zuletzt denen in hohen politischen Ämtern. Aber bei sich selbst damit anzufangen ist bei weitem nicht die schlechteste Idee. Sebastian Murphy, Sänger der schwedischen Punk-Kapelle Viagra Boys, ist keineswegs stolz auf jeden Moment seines Lebens - in der Pressemitteilung zum neuen Album seiner Band, die heute die Runde macht, formuliert er das ungewohnt offen: "We wrote these songs at a time when I had been in a long-term relationship, taking drugs every day, and being an asshole. I didn’t really realise what an asshole I was until it was too late, and a lot of the record has to do with coming to terms with the fact that I’d set the wrong goals for myself." Nun, seinen Humor hat er trotzdem nicht verloren, denn im Clip zur Single "Ain't Nice" (produziert von der Kreativagentur SNASK aus Stockholm) gibt Murphy die übergriffige Nervensäge, die sich mit allem und jedem anlegt - besonders schön, wenn ihn die Kamera aus dem Blickfeld verliert, weil er wieder irgendwo hängengeblieben ist. "Welfare Jazz", so der Name des Nachfolgers von "Street Worms", soll mit dreizehn Songs am 8. Januar bei YEAR0001 erscheinen, die dazugehörige Tour startet wie schon gepostet im Mai.

19.05.  Leipzig, Conne Island
21.05.  Vienna, Flex
23 05.  München, Technikum
24.05.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
25.05.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
30.05.  Köln, Kantine




Dienstag, 13. Oktober 2020

The Body: Alles gesehen

Drei mal Noise aus verschiedenen Richtungen steht zu später Stunde auf dem Programm: Zunächst einmal die amerikanischen Doom-Metaller The Body. Schon 1999 in Providence, Rhode Island gegründet, hat das Duo aus Chip King und Lee Buford mindestens so viele eigenständige Alben fabriziert wie kollaborative Werke eingespielt, beispielsweise mit Krieg, Uniform, Thou und Full Of Hell. Nach "I Have Fought Against It, But I Can't Any Longer" aus dem Jahr 2018 steht nun für den Januar eine neue Platte mit dem Titel "I've Seen All I Need To See" via Thrill Jokey ins Haus. Und hört man sich "A Lament", das erste der acht Stücke, an, will man daran nicht zweifeln.



The Bug Ft Dis Fig: Düster kalte Seele

Weiter geht es mit einer ebenso eigenwilligen Paarung namens The Bug Ft Dis Fig. Dahinter verbirgt sich einerseits der gebürtige Engländer Kevin Martin, der unter dem Pseudonym The Bug und anderen Monikern seit den 90ern experimentelle Club-Sounds verschiedenster Stilrichtungen wie Dubstep, Reggae, Dancehall, Noise, Grime, Industrial produziert hat und mit Szenegrößen wie Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten), Alec Empire (Atari Teenage Riot), Burial, John Zorn und Justin Broadrick gemeinsame Sache machte. Hinter Dis Fig wiederum steht die Wahlberliner Solokünstlerin Felicia Chen - zusammen haben die beiden nun das Werk "The Blue" aufgenommen, das im November bei Hyperdub erscheinen soll. Die erste Single "You" kündet beispielgebend von dunklem, unterkühltem Sound, der doch auf gewisse Weise berührt, was sicher auch an dem beeindruckenden Video von Sander Hutkruijer liegt.




GHXST: Keine Gnade

Zu guter Letzt folgt noch die zum Duo geschrumpfte Band GHXST. Jahrelang in Brooklyn, New York beheimatet, sind Shelley X und Chris James nun nach Kalifornien umgezogen und haben in dieser Phase gemeinsam mit dem Produzenten James Aparicio (Grinderman, Spriritualized, Nick Cave) die neue EP "Dark Days" aufgenommen. Nach ihrem letzten Kurzformat "Gloom" (2018) kam mit "P.U.R.R" vor einigen Wochen das erste Lebenszeichen, nun schieben die beiden "It Falls Apart" nach, benannt nach dem gleichnamigen Buch von James Baldwin. Gewaltige Rückkopplungen, verzerrte Gitarren, der Gesang immerhin zu erahnen - sie kennen keine Gnade.




Stevie Wonder: Zurück aus Gründen

Natürlich reden wir hier nicht von irgendeiner Stimme, wir reden von Stevie Wonder. Dem Mann, der selbst den größten Ignoranten unter uns manchen Geburtstag versüßt hat. Wer etwas aufmerksamer unterwegs ist, hat mit Sicherheit wenigstens ein Album des legendären Soulmusikers im Schrank stehen - hier ist es beispielsweise das grandiose Doppelalbum "Songs In The Key Of Life". Die letzte Soloplatte stammt schon aus dem Jahr 2005, Wonder erreichte mit "A Time To Love" immerhin noch den fünften Platz in den Billboard-Charts. Dass nun gleich zwei neue Songs von ihm erscheinen, hat natürlich einen gewichtigen Grund - in Amerika stehen die Wahlen an und damit mehr denn je eine Richtungsentscheidung für das Land und für die Welt - weiter in Richtung Abgrund und Bürgerkrieg oder doch die Chance zur Rückbesinnung auf das friedliche Miteinander der Rassen, Geschlechter, Religionen und Kulturen. "Can't Put It In The Hands Of Fate" hat er denn gleich zusammen mit Rapsody, Cordale, Chika und Busta Rhymes aufgenommen, bei "Where Is Our Love Song" gibt es ein Wiederhören mit Gary Clark Jr.



Working Men's Club: Das letzte Zucken

Working Men’s Club
„Working Men’s Club“

(Heavenly Recordings)

Reden wir nicht lang drum herum: Was für ein Debüt! Natürlich werden haufenweise Leute um die Ecke kommen mit dem immergleichen Vorwurf, hier werde doch nur eine uralte Suppe aufgekocht und erneut zum Verzehr angeboten. Doch die Nörgler und Spaßverderber vergessen gern, dass erstens – ist es so gut gemacht wie hier – auch dazu eine Menge Talent gehört. Zum zweiten, und das sollte das Hauptargument für den WMC sein: Das Quartett um Sänger und Gitarrist Sydney Minsky-Sargeant (nebenbei – was für eine Name!) leiht nicht nur aus, erinnert nicht nur entfernt, läßt nicht nur anklingen. Nein, der Working Men’s Club feiert die komplette britische Musikhistorie der letzten Jahrzehnte einmal quer durch den berüchtigten Gemüsegarten. Wir treffen die Arctic Monekys wie auch die Happy Mondays, wippen zu New Order und Factory Floor, den souligen Groove gibt’s von Gillespie’s Primal Scream und den Funk von Heaven 17, die Stone Roses fehlen nicht und auf gar keinen Fall The Fall. Fast mitleidig möchte man auf jene blicken, die immer mit dem erhobenen musikhistorischen Zeigefinger „Ja, aber…“ sagen müssen – lasse reden, wir sind tanzen.


Dass der WMC aus Manchester kommt, muss man wohl nicht extra erwähnen, man hätte ihn sowieso nirgendwo anders hingesteckt. Ahnen ließ sich die Erfolgsgeschichte schon im Sommer 2019, als die Single „Teeth“ den Dancefloor aufmischte, in diesem Jahr folgten dann „A.A.A.A“ und „White Rooms And People“ und spätestens jetzt war alles soweit klar. Die volle Dröhnung? Kein bisschen schlechter, im Gegenteil. „Valleys“ und „Be My Guest“ mit hartem, maximal elektrifiziertem Beat, „Outside“ und besagtes „White Rooms And People“ etwas anschmiegsamer, aber eben auch sehr funky. „Flowers blooming, people talking, shit about you, so confused“, singt herrlich rotzig Minsky-Sargeant und resümiert entsprechend lakonisch: „Dawn a new day and old age come for me.“ An anderer Stelle perfektioniert er seine Schnodrigkeit im Duett mit Bandkollegin Mairead O’Connor – „I hate tomorrows!“, Mark E. Smith wäre stolz gewesen. Irgendwann brüllen und kreischen dann auch die Gitarren, erst zu „Cook A Coffee“, später beim lärmenden Zwölfeinhalbminüter (!) „Angel“. Kann schon sein, das Boris Johnson und seine Verbrecherclique Cool Britannia a.D. totgewirtschaftet haben – es zuckt aber noch und zwar im Takt des WMC.



Jane Weaver: Supervisionen

Dass Pop im Jahre 20 des neuen Jahrtausends nicht mehr so ranzig (jüngere Menschen sagen gern auch lame) klingt, ist nicht von ungefähr ein sehr weibliches Verdienst - Bat For Lashes, St. Vincent, Feist, Mitsky, Poliça, Grimes, etc. haben daran nicht geringen Anteil und auch Jane Weaver aus Liverpool gehört unbedingt mit zu denen, die unablässig umgestalten und vorantreiben. Ihr letztes Album "Loops In The Secret Society" erschien 2018, nun ist für den 5. März 2021 der Nachfolger "Flock" geplant - gleich die erste Single "The Revolution Of Supervisions" wartet mit feinen Funk-Akkorden á la Prince und dem folgenden Statement auf: "The revolution accidentally happens because so many people visualise the same ideals and something supernatural occurs. Everyone is exhausted with social media, inequality and the toxic masculinity of world leaders contributing to a dying planet."




 

Sonntag, 11. Oktober 2020

Future Islands: Noch lange nicht fertig

Future Islands
„As Long As You Are“

(4AD)

Sollten wir uns am Ende noch bei ihm entschuldigen? Nun, so weit muss man es wohl nicht treiben. Andererseits: Samuel T. Herring, das wissen wir jetzt, hat ziemlich lange gebraucht, um mit den Reaktionen, die damals auf ihn und seine Band, die Future Islands, einprasselten, zurecht zu kommen. Damals, das heißt 2014 – die Band hatte gerade ihr viertes Album „Singles“ veröffentlicht, der geschmeidige Synthpop schoss schnurgerade durch die Decke und brachte den vier Herren aus dem amerikanischen Baltimore auch eine Einladung des Late-Night-Talkers David Letterman ein. Und was Herring bei diesem an Performance zeigte, ging in einer Geschwindigkeit viral, die ihm mehr als unangenehm war. Und zwar nicht wegen des Songs selbst – er tanzte zu „Seasons (Waiting On You)“ so seltsam wie selbstvergessen und auch das gutturale Gebrüll, das er sich vom Death-Metal geborgt hatte, trug seinen Teil zur allgemeinen Verwunderung bei. Und eben auch zum Spott. Das hinzunehmen, so sagte er kürzlich dem britischen Independent, hat einige Zeit gedauert.

“It’s taken me six years to come to terms with Letterman“, führte er dort aus, “People saw us as this overnight success but I didn’t want to be seen that way. We were ready for that moment.”  Gleichzeitig relativiert er aber auch: „I can't dispute the fact that it revolutionised our careers. It did so much for us, I should see that as a positive.” Vielleicht ein Grund dafür, dass sich nicht wenige von dem nachfolgenden Album „The Far Field“ (2017) etwas enttäuscht zeigten – keinerlei Extravaganzen, keine Überraschungen, sondern nurmehr die Fortsetzung des Vorgängers mit gleichen Mitteln. Aber vielleicht war das eben auch einer unbewußten Vorsicht geschuldet, nur nicht wieder zu überdrehen, nur nicht wieder eine ähnliche Reaktion zu provozieren? Naheliegend und verständlich, auch weil die gerade veröffentlichte Platte sich wieder einen Schritt mehr aus der Deckung wagt. 

Herring zeigt sich auf „As Long As You Are“ stimmlich variabler, dringlicher, und auch der Sound seiner Band erscheint ein Stück weit wandelbarer und abwechslungsreicher. Soft und eingängig noch immer, aber auch angenehm klar und druckvoll. Und anders als auf „The Far Field“ stechen hier einige Songs heraus, bleiben in Erinnerung. „Born In A War“ beispielsweise, ein Stück über falschverstandene Männlichkeit und über das Unvermögen der harten Kerle, Schmerz und Schwäche zuzulassen: „Life’s more than cash and carry, all your guns, to your grave“, singt Herring dort und weiter: „You’re scared, that when a strong man cries is when a strong man dies. But a strong man cries.“ Nicht nur dieses Lied führt den Frontmann zurück zu den Erlebnissen seiner Kindheit und Jugend, zu einer Erziehung, die sich heute mehr und mehr als überkommen, verlogen, gar gefährlich erweist, weil sie Mitmenschlichkeit hintenanstellt, oberflächliche Tugendhaftigkeit propagiert und Fehler nicht zuläßt.

„You don’t have to run, you don’t have to change“ ist ein Schlüsselsatz zu Herrings Werk und er singt ihn bezeichnenderweise schon in „Alladin“, dem Opener des letzten Albums. Doch auch jetzt ist ihm die Akkzeptanz des eigenen Körpers, der eigenen Unzulänglichkeiten ein wichtiges Anliegen und nicht zufällig sind diese Dinge heute auch bei Männern ein großes Thema. „I Knew You“ und „Plastic Beach“, die von Verletzlichkeit und Selbstzweifeln erzählen, können hier vielleicht Trost spenden und Mut machen. Dass Herring aus diesen Gründen kein Anhänger seines Präsidenten sein kann, ist da nur folgerichtig, seine Kritik geht dann aber, wen wundert’s, in besagtem Interview noch weiter: „The way we still don’t recognise the systematic, institutionalised racism of our country, the genocide of the Native American peoples, the enslavement of African peoples to build this nation, who are left with nothing at the end of it and are still treated like they’re not Americans. How do we speak of an American dream that doesn’t speak for all Americans?” Sieht nicht so aus, als wären die Future Islands schon fertig mit der Welt …

Friedberg: Nächster Anlauf

An Selbstvertrauen und Hooklines hat es dieser Band nicht gemangelt, trotzdem ist ihre Karriere im vergangenen Jahr offenbar etwas ins Stocken geraten. Zwei Songs haben Friedberg 2019 veröffentlicht und wer "Boom" und "Go Wild" gehört hatte, rechnete eigentlich umgehend mit einem dazugehörigen Album. Das kam aber nicht. Nun also folgt der nächste Anlauf und auch dieser gerät verheißungsvoll - die rauchige Stimme von Anna Friedberg, der samtig dunkle Gitarrensound und die psychedelisch anmutenden Videoeffekte von Max Parovsky geben "Pass Me On" (via Marathon Artists) den nötigen Drive. Wir bleiben gespannt...



The Psychotic Monks: Lieber im Ungefähren

Das obige Foto ist kein aktuelles, aber gleichwohl ein typisches: Die Pariser Band The Psychotic Monks bleiben bildlich gern im Umgefähren, Schemenhaften. Vielmehr wollen Arthur Dussaux, Clément Caillierez, Martin Bejuy und Paul Dussaux ihren Sound für sich sprechen lassen, Texte werden eher als Fragmente denn als Erläuterung begriffen, entsprechend geheimnisvoll wirkt das Quartett. 2015 gegründet, veröffentlichte die Formation, die sich in der Tradition von Throbbing Gristle, Sonic Youth und The Jesus Lizzard sieht, ihr Debütalbum "Silence Slowly And Madly Shines" ein Jahr später im Selbstverlag. Nun soll am 27. November via Fat Cat Records der Nachfolger "Private Meaning First" erscheinen und deshalb ging dieser Tage eine Videoarbeit für die erste Single "Closure" ins Netz, eine Kollaboration mit der Fotografin und Videokünstlerin Clara Marguerat - der Titel lautet "We Have Reached The Other Side And Since We Have Emotions". Als Beigabe noch die Aufnahme eines KEXP-Livestreams aus dem vergangenen Jahr.



Samstag, 10. Oktober 2020

Travis: Besser das Kerngeschäft

Travis
„10 Songs“

(BMG/Warner)


Das muss man sich vorstellen: Als Fran Healey seine Band Travis gründete, also 1990, war der Junge gerade mal siebzehn Jahre alt. Okay, bis zum ersten Album hat es dann noch mal eine ganze Weile gedauert (und ein so durchschlagender Erfolg wie das zweite ist „Good Feeling“ auch nicht geworden) – aber was waren das für Zeiten: Rap, heute die Musik der Stunde und als solche auch das bei weitem innovativste Genre, war von seiner jetzigen Dominanz noch meilenweit entfernt und suchte zwischen billigem Kommerz, Gangsta-Attitüde und politischem Anspruch noch seinen Platz, Euro-Pop und Breitbein-Rock dominierten die Charts. Die Welt brauchte dringend Abwechslung und lechzte förmlich nach Gefühligkeit, Melancholie, es sollte echt, einfach und unaufgesetzt klingen und die vier grundsympathischen Schotten waren, noch bevor Coldplay auf den Plan traten und letztlich alles zu Tode ritten, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.



Und heute? Heute hätte der Newcomer Francis wohl nur als Yung Franci$ oder Lil Healey eine wirkliche Chance, seine Art von Folkrock wurde dagegen von einer ganzen Reihe nicht weniger talentierter Frauen erst geentert und später ganz übernommen, so recht vermissen muss Travis also gerade niemand mehr. Umso erstaunlicher ist es, dass der Band das ganz offensichtlich schnurz piep egal zu sein scheint, sie nehmen einfach weiter Platten auf, die so klingen, wie Travis-Platten nach ihrem Verständnis eben zu klingen haben. Neuerungen? Stilwechsel gar? Nö. Das kann man nun für renitent und unklug, vielleicht aber auch für konsequent, ja fast mutig halten, ganz so wie’s beliebt. Und so gibt’s also nach den zwölf Erinnerungen („12 Memories“, 2003) und ein paar mäßig erfolgreichen Zwischenmeldungen nun ganze zehn neue Stücke, diesmal wieder komplett von Healey selbst geschrieben.



Und natürlich kommt das neue Album als Komplettpackung zartester Mann-Frau-Lieder daher: Mal duettiert Healey versonnen mit der wunderbaren Susanna Hoffs von den Bangles („The Only Thing“), mal läuft er am Wasser den Schmetterlingen hinterher und sinniert dabei, wie die Jahre verfliegen – mögen andere ihre politischen Meinungen ausbreiten, Travis kümmern sich lieber um’s Kerngeschäft. Und das heißt: Träumen, wundern, klagen, trösten, lächeln. Healey ist schon lange Vater und singt einmal mehr, als wolle und müsse er seinem Sohn zeigen, dass die Welt gar nicht so schlimm sei, wenn man nur achtsam und liebevoll genug mit den alltäglichen Kleinigkeiten darin umgehe. Und das ist nun sicher nicht die verkehrteste Sicht der Dinge. Verkriechen hat ohnehin keinen Sinn: „It's easier to be alive than hide under your pillow while your life is passing you by“ singt er denn auch in „A Ghost“ beim Anblick seines Spiegelbildes. Und wenn er für „Valentine“ die Gitarren mal so richtig scheppern läßt, dann hat man kurz den Eindruck, der alte Junge hat trotz aller Besinnlichkeit doch noch mächtig Spaß am Leben.

Die Ärzte: Helle Freude plus Wermutstropfen [Update]

Da ist man schon mal gern bereit, den Urlaub zu unterbrechen: Die Ärzte, anerkanntermaßen die beste Band aller neun Welten, haben sich nun endlich zur längst erwarteten Bekanntmachung durchgerungen, die Single, Album und Tour betrifft. Gerade nämlich ist mit "Morgens Pauken" der erste offizielle Song seit langer Zeit erschienen (das gut gemeinte Lockdowngeträller "Ein Lied für jetzt" lassen wir jetzt mal außen vor) und neben einem schnieken Godzilla-Video gibt es dazu noch die Meldung, dass am 23. Oktober auch noch ein Album namens "Hell" erscheinen wird. Kleiner Wermutstropfen: Die Tour, geplant für den anstehenden Winter, wird wohl um ein komplettes Jahr nach hinten verschoben. Die Tickets behalten natürlich ihrer Gültigkeit, deshalb wird die immense Vorfreude einfach verlängert. Was irgendwie auch okay ist.

Update: Das also ist "True Romance", Single Nummer zwei und - naja, nicht ganz so spannend. Oder?







Donnerstag, 8. Oktober 2020

METZ: Im Lärm das Gute finden

METZ
„Atlas Vending“
(Sub Pop)

Eigentlich grenzt es doch an ein Wunder, dass wir noch nicht alle verrückt geworden sind. Bei dem ganzen Irrsinn, der uns tagtäglich über das Internet um die Ohren gehauen wird. Oder ist es vielleicht sogar so, dass wir schon komplett wahnsinnig sind und es uns nur nicht auffällt, weil die Welt uns ein normales, zivilisiertes Leben nur vorgaukelt, aber eigentlich – Tenet, Matrix, Truman Show lassen herzlich grüßen – schon seit Jahren verloren ist!? Nun, man kann diese Welt nicht schwarz genug malen, will man auf die neue Platte des kanadischen Trios Metz zu sprechen kommen. Alex Edkins, Chris Slorach und Mayden Menzies aus Toronto haben sich um Wohlgefühl und Behaglichkeit noch nie groß geschert. Seit sie mit ihrem gleichnamigen Debüt 2008 ihre Zuhörer*innen das Fürchten lehrten, sind sie eben das: laut, unnachgiebig, gnadenlos. Um sie zu verstehen, kann man dieses neue, vierte Album von beiden Seiten hören: Wer es von vorn tut, muss sich zunächst durch drei wahrhafte Noise-Ungetüme kämpfen, „Pulse“, „Blind Youth Industrial Park“ und „The Mirror“ können als Paradebeispiele für schnellen, schiefen und aggressiven Hardcore-Sound gelten, wer da durchkommt, empfindet den punkigen Unterton von „No Ceiling“ im Anschluss vielleicht sogar als eine Art akustische Erholungspause.




Andersherum – am Ende findet sich mit dem mächtigen, knapp achtminütigen Brecher „A Boat To Drown In“ ebenfalls eine Art METZ-Essenz: Wütende Gitarrenwände als Dauerfegefeuer, dazu Edkins heiser gekrächzte Verse: „Jesus Christ, I see the city lights, crashed through the pearly gates and opened up my eyes, feel the air expand and retract, make your boat to drown in, hear the sound of touching the ground, there's nothing here to hold you back.“ Meint „Nichts wie weg!“, sagt aber auch gleich „Hilft trotzdem nix, der Untergang kommt so oder so“. Etwas irritierend ist, dass Edkins genau diesen Song ausgewählt hat, um ein wenig Hoffnung zu verbreiten. Wer das aus den Zeilen nicht herauszulesen vermag, dem gibt das dazugehörige Video mit dem knuffigen Flokati-Bären vielleicht etwas Hilfestellung. Edkins meint, es komme darauf an, sich ganz auf die Dinge einzulassen, die man liebt, quasi in ihnen aufzugehen. Dann, so sagt er weiter in der Labelinfo, könnten einem negative Dinge, mögen es auch noch so viele, mögen sie auch noch so frustrierend sein, nichts mehr anhaben. Irgendwie ein schönes Schlußwort, wie gemacht für dieses Jahr.

25.09. Dudingen, Bad Bonn
26.09. Zürich, Bogen F
27.09. Lausanne, Le Romandie
29.09. Berlin, Lido
30.09. Leipzig, UT Connewitz
01.10. Hannover, Glocksee
04.10. Hamburg, Hafenklang
05.10. Köln, Gebäude 9



Mittwoch, 7. Oktober 2020

The Postal Service: Jede Stimme zählt

So, das ist jetzt wirklich mal was Saulustiges zu einem eigentlich sehr ernsten Thema: Wahlen, Briefwahlen in Amerika, you know? Könnte sein, dass das in ein paar Tagen ziemlich wichtig wird, deshalb hat Headcount.org die Kampagne "Make Your Vote Count" ins Leben gerufen und neben einem recht zwielichtigen Sub-Pop-Mitarbeiter die Mitglieder von The Postal Service (also der Band) für einen Spot gewonnen. Und so sitzen Ben Gibbard, Jimmy Tamborello und Jenny Lewis via Zoom auf einer virtuellen Audition und dürfen sich haufenweise Gastbeiträge zu ihrem Songs anhören. Und es sind nicht wenige, die sich hier vorstellen aka. um einen Job bei der reformierten Formation für einen angeblichen, monumentalen Gig bewerben - u.a. J Mascis, Slash, Rick Springfield, Susanne Hoffs, Tunde Adebimpe, Anne Hathaway, Caroline Polachek und und und... Dringend anschauen, macht viel Spaß, versprochen.

Dienstag, 6. Oktober 2020

Kim Gordon: Eher das Gegenteil

Einmal mehr - Musik zum Lesen. Und Anschauen natürlich: Kim Gordon, legendäre Ex-Bassistin, Ex-Gitarristin, Ex-Sängerin der amerikanischen No-Wave-Band Sonic Youth, hat ein weiteres Buch fertig. Nach der Textsammlung "Is It My Body?" (Sternberg Press, 2014) und der Autobiographie "Girl In A Band" (Deutsch bei KiWi, 2015) soll nun am 20. Oktober im New Yorker Rizzoli-Verlag das Scrapbook (also eine Art Sammelalbum) "No Icon" erscheinen, versehen mit teils bislang unveröffentlichten Fotos, Texten, Kunstwerken, kurz einem career spanning Überblick dieser bewundernswert vielseitigen Frau. Die Texte stammen selbstredend von Gordon selbst exklusive eines Vorwortes von Freundin und Kollegin Carrie Brownstein (Sleater-Kinney). Und natürlich geht es in dem Buch um die Negierung des Titels, denn Gordon ist durch ihren künstlerischen Behauptungswillen, ihr musikalisches Werk, den politischen Einsatz und die feministische Vorbildfunktion zweifelsfrei genau das: eine Ikone, ein Role-Model. Als Beigabe hier noch einige Ausschnitte ihres musikalischen Schaffens - Songs und Videos von Ciccone Youth, Free Kitten, Sonic Youth und ein Stück ihres erst im Frühjahr erschienenen Solodebüts "No Home Record".









Montag, 5. Oktober 2020

Babeheaven: Fast geschafft

Das Gefühl, dass es verdammt lang bis zum Debüt gedauert hat, haben wahrscheinlich nur wir, die wir seit Anfang an den Weg von Babeheaven aus London begleiten. Los ging's 2016 mit der Single "Heaven", es folgte "Moving On" und spätestens ab diesem Zeitpunkt war der Durchbruch gemacht und die Karriere vorgezeichnet. Nancy Andersens wundervolle Stimme, gepaart mit dem "Bristol-Sound" von Jamie Travis war von Anfang an einfach zu gut, um unentdeckt zu bleiben - und hat bis heute nichts von seinem Reiz verloren. Und so kann die Nachricht von der Veröffentlichung eines kompletten Albums nur eine gute sein. Nachdem erst kürzlich mit "Human Nature" und "Cassette Beat" zwei weitere, vorzügliche Singles erschienen sind, ist nun also "Home For Now" für den 20. November bei AWAL angekündigt. Und einen dritten Song davon gibt es auch noch obendrauf, "Craziest Things" kann mit einem Video der Illustratorin Sacha Beeley aufwarten.



Sonntag, 4. Oktober 2020

Culk: Anderer Blickwinkel

Culk
„Zerstreuen über Euch“
(Siluh)

Wo wir waren, als Culk aus Wien im Frühjahr vergangenen Jahres ihr famoses Debüt veröffentlichten? Nun, wahrscheinlich waren wir (hypevergessen, wie wir nun mal sind) taub von der Granada, haben mit Maurice Ernst zu lange ins Bilderbuch oder mit Wanda zu tief ins Schnapsglas geschaut. Und überhört, dass dieses Quartett mindestens ebenso spannend ist, auch wenn Sophie Löw, Johannes Blindhofer, Benjamin Steiger und Christoph Kuhn gänzlich anders ticken. Kein Schmäh, keine exaltierten Albernheiten, kein versoffenes Selbstmitleid. Anders schaut es mit der vielgerühmten Morbidität aus, hier treffen sich die Wege dann doch irgendwie. Denn Culk feiern die Düsternis auf eine sehr sinnliche Weise und Löws zarte Stimme tut ein Übriges dazu. Waren auf der knappen halben Stunde des Erstlings englische und deutsche Texte noch in der Waage, ist jetzt allein die Muttersprache maßgebend. Und formt sich zu bildreicher Poesie.



Doch auch wenn sie Phantasie ansprechen wollen und Assoziationen herausfordern, so geben Culk den Liedern doch eine sehr bestimmte Wirkrichtung: „Nacht“ beispielsweise thematisiert den Wunsch vieler Frauen, nach einer Party unbeschwert und angstfrei den Heimweg antreten zu können – heute leider noch immer Utopie und Wunschvorstellung. „Helle Kammer“ wiederum erzählt von Unterwerfung und Gefügigkeit, die „Jahre später“ in ihren Folgen weiterspinnt. Und auch „Dichterin“ nimmt die weibliche Rolle ein, begibt sich auf die Seite des Geschlechts (oder auch der Geschlechter), die in unserer patriarchalisch dominierten Gesellschaft an den Rand gedrängt, vernachlässigt, diskriminiert werden. Musikalisch ist das zweite Album weniger Noise, weniger Shoegazing als noch der Vorgänger, jetzt hört man stärker die Bezüge zu mutmaßlich drei großen Vorbildern von Culk heraus – Bauhaus, Siouxsie And The Banshees und vor allem The Cure. Die deutschen Texte bilden hier ein willkommenes Korrektiv, so dass die Songs gar nicht erst in den Ruch der bloßen Heldenverehrung kommen. Ein sehr starkes Album jedenfalls, das der ohnehin reichhaltigen Farbpalette aus dem Nachbarland eine reizvoll dunkle Facette hinzufügt. 

30.10.  Wien, WUK
18.05.  Mainz, Schon Schön
19.05.  Köln, Bumann und Sohn
20.05.  Hamburg, Hafenklang
21.05.  Berlin, Urban Spree
22.05.  Leipzig, Wave Gotik Treffen
26.05.  Nürnberg, Z-Bau
27.05.  München, Heppel und Ettlich
28.05.  Basel, Hirscheneck
29.05.  Stuttgart, Merlin
02.07.  Dortmund, FZW
03.07.  Detmold, Owls’n’Bats Festival