Montag, 20. August 2018

Death Cab For Cutie: Beschwingte Sanftmut

Death Cab For Cutie
„Thank You For Today“
(Atlantic)

Vielleicht ist es tatsächlich so, daß etwas nicht „zu schön“ sein kann. Aber die Frage wird kommen. Denn die Songs von Death Cab For Cutie finden sich (vermutlich) seit jeher am häufigsten auf solchen Playlists und Mixtapes, die mit Stimmigkeit, Harmonie und Schönheit punkten wollen. Solche Lieder wollen gefallen und genau das möchte man ja irgendwie auch, wenn man sie verlinkt, teilt oder (Achtung: Steinzeitwort) aufnimmt. Und auf den Alben der Band, ob nun wie der Großteil vom ehemaligen Gitarristen Chris Walla oder, wie die letzten beiden, von Rich Costey produziert, klebte ja immer der imaginäre Sticker „Popmagie“ drauf, so rund, so geschmeidig und eingängig waren fast alle der darauf befindlichen Stücke. Sie nicht zu mögen war geradezu unmöglich, ihnen Gefallsucht oder übertriebene Perfektion vorwerfen zu wollen, schien unangebracht und vermessen. Die Befürchtung, nach Wallas Abgang würde sich daran Grundlegendes ändern, zerstob mit „Kintsugi“ nach wenigen Minuten, und wird sich, das können wir vorwegnehmen, auch jetzt nicht bestätigen.

Denn in Ben Gibbard hat das Quintett aus Washington noch immer einen der besten, weil geschmackssichersten Songwriter des amerikanischen Indiepop in seinen Reihen und in Costey einen Mann an den Reglern, der – laut Gibbard – den unbestechlichen, objektiven Blick von außen in die Produktion einbringt und weiß, was gut ist für ein DCFC-Album und was eher nicht. Und so auch mit dem neunten Album die Geschichte der Band als Konstante im besten Sinne fortschreibt. Natürlich sind sie älter geworden, Gibbard ist knapp über die vierzig gerutscht und sieht sich, wie er gern sagt, in der Mitte des Lebens. Und möchte von dort aus, wie wahrscheinlich viele andere in diesem Alter auch, gern ein wenig mehr Dankbarkeit und Achtsamkeit in seinen Songs anklingen lassen. Dass diese dennoch keinerlei kitschige Erbaulichkeit verströmen, liegt wohl am sicheren Gespür und Verantwortungsbewußtsein des Künstlers für sein Werk. Und zu gleichen Teilen am Sound der Band selbst. Denn beschauliche Akustik findet hier eher am Rande statt.



Der Großteil der Stücke federt frisch und mit den gewohnt perlenden Gitarrenhooks ausgerüstet durchs Programm. Es mag auch an Gibbards Timbre liegen, dass man nicht eben selten an Neil Tennant und seine Pet Shop Boys denken muß. Die lakonische Melancholie tut ein Übriges, wenn Vergangenem nachgetrauert („Gold Rush“), über schmerzliche Veränderungen sinniert wird („I Dreamt We Spoke Again“/“You Moved Away“). Freundschaften werden gefeiert, die seltenen Augenblicke der Glückseligkeit sowieso und manchmal kippt Gibbards Gefühligkeit mitsamt der Grundierung dann doch kurz, wie bei „Northern Lights“, ins Liebliche. Auch der Schluß mit „60 And Punk“ kramt doch in allzu bekannten Sozialklischees („There's nothing elegant in being a drunk, it's nothing righteous being 60 and punk. But when you're looking in the mirror do you see, that kid that you used to be?“). Geschenkt, mißmutiges Kriteln und Granteln kann einem hier schnell als neunmalgescheit oder Neid ausgelegt werden. Es ist gut, Songs mit beschwingter Sanftmut und leiser Ironie wie diese zu haben. An Gelegenheiten, da man sie gut brauchen kann, wird es, das weiß wohl auch Gibbard, mit zunehmendem Alter nicht mangeln. https://deathcabforcutie.com/

06.02.  Köln, Live Music Hall
07.02.  Berlin, Astra Kulturhaus
09.02.  Hamburg, Große Freiheit

Far Caspian: Rückbesinnung

Bäume, Wälder, solche Dinge sind ja seit einiger Zeit wieder stark im Kommen. Nun gut, momentan sind sie eher am Abbrennen. Aber die Rückbesinnung auf Natur, Ursprünglichkeit und den Ruf der Wildnis haben mit der zeitgleichen Beschleunigung des Digitalen in unserem Leben wieder an Bedeutung gewonnen - es muß ja nicht immer gleich Thoreau's "Walden" sein, das zur Nachahmung drängt, ein Gang durch den Forst nebenan tut es zunächst auch. Das britische Trio Far Caspian scheint da Ähnliches im Sinn zu haben, Nadelhölzer zieren ihre Plattenhüllen, ein Song nennt sich gar "Let's Go Outside" und wenn man weiß, dass ihre Heimatstadt Leeds eine prosperierende Industriestadt mit über 400.000 Einwohnern ist, dann kann man das durchaus nachvollziehen. Der atmosphärische Folkrock auch ihrer aktuellen Single "The Place", der ein wenig an Formationen wie Grizzly Bear oder Band Of Horses erinnert, verführt jedenfalls zum Innehalten und Durchatmen. Und das kann bei all der Hektik um einen herum ja kaum schaden.

Sonntag, 19. August 2018

Slaves: Auf den zweiten Blick

Slaves
„Acts Of Fear And Love“
(EMI/Universal)

Auf die Frage, welche denn nun die schwierigste Platte ist und warum, gibt es wohl die verschiedensten Antworten. Vielleicht die erste, weil man mit dem raus muss, was vorher nur die engsten Freunde im Probekeller gehört haben und die Angst vor der Blamage oder, noch schlimmer, vor der kompletten Missachtung einfach riesig ist. Die zweite, weil die Zeit der Anerkennung schon wieder vorbei sein könnte und das Lob von gestern so trügerisch wie flüchtig ist. Oder doch die dritte, weil gleich hinter der vermiedenen Blamage die bequeme Wiederholung lauert, der sich nur die wirklich Guten standhaft verweigern. Klar ist jedenfalls, dass es der nicht so schwer hat, der es sich selbst nicht zu einfach macht. Von den Slaves aus Kent gibt es schon zwei Alben und trotzdem noch jede Menge Vorurteile zu hören. Der Independent fasste diese gerade recht treffend mit den Worten zusammen: „All mouth, no trousers“, was ungefähr so viel bedeutet wie „Großes Maul und nix dahinter“. Isaac Holman und Laurie Vincent jedenfalls haben aufgegeben, es allen recht machen zu wollen und um Anerkennung von Fans, Kritik und verehrten Kollegen gleichermaßen zu buhlen – sie sind etwas selbstbewusster, etwas vorsichtiger und wohl auch eine Ecke reifer geworden.



Und genau das hört man „Acts Of Fear And Love“ an: Deutlich kürzer als die beiden Vorgänger, wirken die Songs darauf überlegter, ausgesuchter, reflektiert und bisweilen (siehe Videos) ziemlich selbstironisch. Wütend sind sie natürlich noch immer, aber nicht ausschließlich. Es gibt die punkigen Killer, die mit roughem Gitarrensound loshämmern, den Insta-Wahn geißeln („The Lives They Wish They Had“), in simplen Zeilen politische Statements vom Stapel lassen („Bugs“) oder sich dem allgemeinen Konsum-Irrsinn verweigern („Magnolia“). Aber ebenso akustische Einschübe wie das melancholisch angehauchte „Daddy“, das für Holman und Vincent wie das Fast Forward in der Zeitschleife oder die rechtzeitige Warnung klingen dürfte, desweiteren ein Titelstück, das über die Worte eines Lehrers, die Biografie eines Freundes sinniert und regelrecht nachdenklich wirkt. Oder eben „Chokehold“, obschon laut und schroff, aber mit einem überraschenden Perspektivwechsel, den man den beiden jetzt nicht unbedingt zugetraut hätte. Sie würden, so sagten sie in einem Interview, jetzt andere Musik hören, Elliott Smith, Leonard Cohen, solche Sachen. Ihrem Stil hat das ganz gutgetan. Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche, keine überambitionierten Ausflüge mehr in Sachen Rap oder Brazz-Pop. Stattdessen neun Songs, die bestehen können. Klar, daß die spannende Frage nun lautet: Wie es wohl wird – das vierte Album? https://youareallslaves.com/

Samstag, 18. August 2018

Parquet Courts: Britain first [Update]

Parquet Courts
„Wide Awake“

(Rough Trade)

Würde man einen Europäer fragen, wer ihm in der Not denn näher stände – der verpeilte Brexit-Brite oder der fehlgeleitete Amok-Amerikaner, er würde wohl doch zum zwar bemitleidenswerten, aber doch humor- und kulturvollen Inselbewohner tendieren. Lustigerweise tut das der Amerikaner manchmal auch, denn ab und an kommt einem eine Band in die Quere, die zwar aus Übersee stammt, aber englischer nicht klingen könnte. So auch Parquet Courts. Schon das letzte Album des Quartetts aus Texas, das unter dem schönen Namen „Human Performance“ 2016 erschien, mischte auf unterhaltsame Weise schmissigen Punk, psychedelischen Spätsechziger-Rock und feine Popideen und auch jetzt sind es vornehmlich die Stranglers und vor allem The Clash, an die einen Andrew Savage und Kollegen erinnern.



Auf einem Foto des Independent, gerade zu einem Interview erschienen, sieht man die Jungs mit vor’s Gesicht geschlagenen Händen sitzen und natürlich stehen da die Assoziationen Schlange: Können sie das Elend im eigenen Land nicht mehr mit ansehen, sind sie des Chaos unter Trump müde oder wollen sie besser die Augen verschließen, sich besser verstecken vor der Dumm- und Dumpfheit politischer Meinungshoheit in Washington, ganz nach dem kleinkindlichen Motto: Wenn ich keinen sehe, sieht mich auch niemand? Mitnichten, die Parquet Courts haben schon sehr viel Spaß am Proklamieren und Insistieren. Schon beim fabelhaften „Total Football“ nutzen sie einen Begriff aus dem holländischen Ballsport-Lehrbuch, um den Hörern ihre Idee von Gemeinschaft und Zusammenhalt näher zu bringen. In rauflustiger Stimmung geht es weiter – „Almost Had To Start A Fight/In And Out Of Patience“, jetzt wollen sie wissen, was denn besser ist, zuschlagen oder zurückweichen, Konfrontation oder Kompromiss.



Bei „Normalization“ geht es um die Frage, an was wir uns denn noch gewöhnen sollen/dürfen, wo wir die Grenze ziehen, wo Schluß ist mit lustig. Armut, Gewalt, Selbstbetrug, nicht gerade die lustigsten Themen, aber genau die richtigen für eine Punkband wie sie. Der Sound, den Produzent Danger Mouse veredelt hat, hält viele Facetten bereit – von schnell und hart, funky und poppig bis zu den schleppenden Dubsound-Anleihen bei „Before The Water Gets Too High“, zwischendrin mit „Freebird II“ ein Ausflug zu den Beatles, eine schunkelnde Todesbetrachtung samt Kinderchor und am Ende sogar ein wunderbare, einigermaßen optimistische Ode an die Zärtlichkeit: „Nothing reminds the mind of power like the cheap odor of plastic, leaking fumes we crave, consume, the rush it feels fantastic. But like power turns to mold, like a junkie going cold I need the fix of a little tenderness.“ Die besten Briten, die Amerika gerade zu bieten hat. https://parquetcourts.wordpress.com/

04.07.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
05.07.  Hamburg, Molotow
17.07.  Düdingen, Bad Bonn
18.11.  Köln, Gebäude 9
19.11.  München, Ampere
20.11.  Frankfurt, Brotfabrik

Update: Nachgereicht gehört von dieser vortrefflichen Band auf alle Fälle das Video zur aktuellen Single "Freebird II".

Donnerstag, 16. August 2018

Christine And The Queens: Je nach Sichtweise

Und noch einmal gönnt sie uns einen Einblick: Am 21. September erscheint "CHRIS", das neue Album von Christine And The Queens und mit "Girlfriend/Damn, Dis-Moi" und "Doesn't Matter" haben wir bereits zwei Stücke davon gehört. Nun kommt mit "5 Dollars" als drittes hinterher und bietet wieder frische Beats, geschmeidigen, funkigen Pop und ein Video von Colin Solal Cardo mit reichlich Spaß und/oder Irritationen, je nachdem, wie man's mit der Hauptdarstellerin hält.

Black Belt Eagle Scout: Rollenverständnis

Wer bei Bild und Name Assoziationen in Richtung amerikanischer Ureinwohner (wir Europäer sagen der Einfachheit halber meist Indianer) hat, liegt so falsch nicht: Denn Katherine Paul ist tatsächlich in einer Reservation der Swinomish-Indianer im Bundesstaat Washington geboren und aufgewachsen. Seit gut zehn Jahren lebt die queere Künstlerin und radikale Feministin in Portland und macht dort unter dem Namen Black Belt Eagle Scout ziemlich beachtliche Musik. Aufgewachsen in der Tradition des spirituellen Gesangs ihrer Urahnen, kam sie später zunächst mit ein paar Bootlegs und VHS-Tapes von Hole und Nirvana in Kontakt - das sollte sie nachhaltig beeinflussen. Erste eigene Versuche startete sie in einer Art Rock'n Roll-Camp für Mädchen, 2014 erschien dann ihr selbstbetiteltes Debütalbum. Der Nachfolger wird nun beim renommierten Label Saddle Creek erscheinen, "Mother Of My Children" wird natürlich hauptsächlich von Pauls Erfahrungen, von ihrem Selbstverständnis als amerikanische Ureinwohnerin in den USA dieser Tage handeln. Und nach der ersten Singleauskopplung "Soft Stud" gibt es hier und heute"Just Lie Down" zu hören.

Mudhoney: Kein Entkommen [Update]

Da kann man jetzt wirklich nicht so tun, als ob es keine Nachricht wäre: Mudhoney haben sich vor über dreißig Jahren in Seattle gegründet, sie haben zeitgleich mit Nirvana die Welt elektrisiert, waren im Gegensatz zu Kobain und Konsorten aus naheliegenden Gründen aber bis heute durchgehend auf Sendung und sind mit kleinen Unterbrechungen auch immer ihrem Label Sub Pop treu geblieben. Man könnte also sagen, Sänger Mark Arm ist ein Traditionalist im besten Sinne, einer, der weitermacht, auch wenn's schwer fällt. Weil er einen Sinn darin sieht. Gerade haben die Herren für den 28. September das zehnte Studioalbum angekündigt, "Digital Garbage" folgt tatsächlich ganze drei Dekaden nach dem Debüt "Superfuzz Bigmuff". Und der Zustand der Welt gibt der Band Anlaß genug, nicht nachzulassen. Denn natürlich arbeiten sich Arm, Turner, Maddison und Peters an den aktuellen Verwerfungen in ihrer Heimat ab, kommentieren sie wenig überraschend den beklagenswerten Zustand der Zivilgesellschaft, an dem beileibe nicht nur ein Donald Trump schuld ist.

In den Liner-Notes des Labels kommentiert der Sänger seine Meinung zum medialen Overflow, auf den sowohl der Albumtitel als auch der Track "Kill Yourself Live" anspielen, wie folgt: „Ich bin nicht auf Social Media, also ist meine Erfahrung etwas begrenzt, aber die Leute scheinen wirklich Bestätigung in der Art zu finden - und dann gibt es Facebook Live, wo Leute Folter und Mord gestreamt haben, oder, im Fall von Philando Castile, von einem Polizisten ermordet wurden. Während des Schreibens dieses Liedes habe ich darüber nachgedacht, wie man, wenn man einmal etwas online gestellt hat, es nicht mehr wegwischen kann. Es wird immer da sein - auch wenn es niemand ausgräbt, es schwebt immer noch irgendwo da draußen." Diesen Dingen zu entkommen ist für ihn nicht möglich: „Ich hätte wirklich gerne Songs darüber geschrieben, wie man einfach am Strand rumhängt und einen schönen Urlaub macht, aber ... das macht wahrscheinlich keinen tollen Rock aus.“ Hier schon mal mit "Paranoid Core" eine erste Hörprobe vorab.

13.11.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
14.11.  Hamburg, Fabrik
15.11.  Köln, Gebäude 9
16.11.  Luzern, Schuur
17.11.  Vevey, Rocking Chair
19.11.  Frankfurt, Zoom
20.11.  München, Strom
25.11.  Wien, Arena

Update: Mit "Kill Yourself Live" gibt es hier nun den zweiten Song vom Album.



Mittwoch, 15. August 2018

Annabel Allum: Ohne Unterlass

Songs in erstaunlich schneller Abfolge - und tatsächlich kein schlechter dabei. Das kann nun wirklich nicht jede/r von sich behaupten, Annabel Allum schon. Die überaus talentierte Londonerin veröffentlicht ihre Stücke in einem Turnus, dass selbst wir nicht hinterherkommen - zuletzt waren hier "Beat The Birds", "Rascal" und das fabelhafte "Em(ily)" zu hören, alle von aktuellen ihrer EP "Sorry I'm Not Perceptible". Nun gleich wieder eine weitere Arbeitsprobe, "Fear Naught" steht vorerst für sich allein. Wer möchte, kann sich außerdem die gelungene BBC-Live-Session anschauen, weil aber ein Video keinen Auftritt vor Ort ersetzen kann, hoffen wir immer noch auf ein paar baldige Reisetermine.

Cat Power: Zurück zu den Wurzeln [Update]

Wer Attila heißt, gebürtiger Portugiese und von Beruf Lehrer ist, der hat den 5. Oktober ohnehin dick im Kalender angestrichen, doch nun dürfen sich auch alle anderen (und das sollte allem Ermessen nach die große Mehrheit sein) diesen Tag vormerken. Dann nämlich erscheint via Domino Records das neue Album von Cat Power - wahrlich ein wunderbare Nachricht. Die Haare sind wieder lang, das Gesicht ist schmaler geworden als noch zu Zeiten des Vorgängers "Sun" von 2012. "Wanderer" heißt das neue Werk, elf neue Stücke wird es enthalten (eines davon ein Duett mit Lana Del Rey) und ein erster Teaser zeigt die Künstlerin in karger Landschaft, laut Auskunft von Chan Marshall werden wir viel Folk und Blues zu hören bekommen.

28.10.  Berlin, Astra Kulturhaus

Update: Man sieht sie zwar nicht, aber sie ist dabei - das Duett mit Lana Del Rey ist passenderweise ein Song namens "Woman", begleitet von einer reinen Frauenband. Konsequent.



Idles: Der Reim zur Zeit

"Islam didn't eat your hamster,
Change isn't a crime,
So won't you take my hand, sister
And sing with me in Time"

Ach, wenn wir nur ein Poesiealbum früherer Tage überreicht bekämen, in das man so lustige Gedichte hineinschreiben konnte wie das mit den vier Ecken und der Liebe (oder so) - wir würden diesen ganz und gar ernst gemeinten Spruch aus "Great", dem neuesten Song der Idles, dick und fett buchstabieren, einfach weil er so gut in die Zeit passt. Die Band aus Bristol kommt ja bekanntermaßen (und man kann das gar nicht oft genug wiederholen) bald mit ihrem zweiten Album "Joy As An Act Of Resistance" auf den Markt und bislang kennen wir die Singles "Samaritans", "Danny Nedelko" und "Colossus". Und weil wir sie kennen, wird nichts anderes als das nächste Meisterwerk erwartet. Hier jedenfalls schon mal das Video von Theo Watkins und allgemein die Empfehlung, ab und an mal bei Twitter eines ihrer Haikus zu lesen. Entspannt den Tag ungemein, wirklich.

Schlachthofbronx: Isarwummern

Foto: Sebastian Kempff/Mucbook
Da braucht es nicht viele Worte, sondern eigentlich nur eines: Bass. Und vielleicht kann auch Helena Hauff - siehe vorheriger Post - mit der Scheibe etwas anfangen. Denn das Münchner DJ-Duo Schlachthofbronx hat eine neue 7" am Start - "Dun Dem/Sound Bad" kommt auf ZamZam Sounds und weil das Label um die Nöte und Sorgen der Käufer weiß, gibt es gleich noch eine kleine Anleitung dazu: "Both tunes were tested, worked, and reworked through Schlachthofbronx’ non-stop global touring schedule. Results in the dance speak for themselves – we think you’ll have trouble knowing which side to reach for first. Do you want a sound system missile, or a sound system bomb??" Na, wenn das mal kein Service ist...

Dienstag, 14. August 2018

Helena Hauff: Prinzipiell anachronistisch

Helena Hauff
„Qualm“

(Ninja Tune)

Instrumental-Alben haben es bei der breiten Masse nicht immer einfach, sind so etwas wie die Stiefkinder im Musikbusiness. Immer dann, wenn sich Grenzbereiche berühren, wird es schwer, konsequent zu bleiben und es finden sich tatsächlich nur wenige Künstler, die mit einer Mischung aus Stilbewußtsein, Trotz und Stolz der Versuchung widerstehen, dann doch den einen oder anderen Gaststar ins Studio respektive ans Mikrophon zu laden. Selbst Post-Rock-Ikonen wie Mogwai haben sich in den letzten Jahren Stück für Stück von der allzu rigiden Genre-Definition verabschiedet, Stuart Braithwaite und Barry Burns singen mittlerweile selbst und ihre Gefolgschaft nimmt es ihnen nicht allzu krumm. Unter Techno-DJs, auch den deutschen, ist ein Beharren auf puristischen Prinzipien eher weniger gefragt, altgediente Stars der Szene wie Hell oder Westbam glänzen schon seit längerem mit honorigen Leihstimmen, Chris Liebing brachte sich gerade mit Polly Scattergood an seiner Seite in Erinnerung.

Dagegen wirkt eine Platte wie die vorliegende von Hamburgs DJane Helena Hauff geradezu anachronistisch. Was aber nicht weiter schlimm ist. Denn zum einen hat die junge Frau durch ihre steile Karriere genügend Selbstbewußtsein getankt, um sich von Skeptikern und Trendsettern nicht weiter irritieren zu lassen. Zum anderen paßt ihre Beharrlichkeit bestens ins Bild vom düsteren Electropunk, einem Etikett, dass sich im Ausland gut vermarkten läßt – mürrischer Blick, femme fatale, neo-gothy, das kommt (wie gerade im The Guardian und in der SZ zu lesen) beim Leser des Feuilleton gut an. Hauff mit der Kippe im Mundwinkel, den Blick konzentriert auf ihre beiden Plattenteller gerichtet - dieses Bild vor Augen, liest sich ein Satz wie der folgende besonders gut: „Hauff steht auf diese Rotzigkeit, die fast etwas Punkmäßiges hat, als würde die Platte um einen ausgestreckten Mittelfinger kreisen (SZ).“



Trotzdem versteht sie es, dieses Bild an geeigneter Stelle zu brechen, so wie ihr ab und an doch ein Lächeln am Pult entwischt. Gerade auch auf dem aktuellen Album finden sich beileibe nicht nur die dunklen, dronig-übersteuerten Töne, die ihre Spielart von Minimal-Techno, EDM und Acid-House charakterisieren. Vornehmlich in der zweiten Hälfte von „Qualm“, dem Nachfolger des Debüts „Discreet Desires“ aus dem Jahr 2015, bewegt sich der Sound desöfteren sehr melodiös über wabernde Flächen und irrlichternde Punkturen tief hinein in den tanzbaren Synthpop der 80er. Nach dem doch ziemlich wuchtigen Beginn, bei dem man schnell die kurzgeschnittene Bildfolge ineinanderkippender Hochhaussilhouetten grauer Industrievorstädte vor Augen hat, entwickeln Tracks wie „Hyper-Intelligent Genetically Enriched Cyborg“ und das vergleichsweise kurze Titelpaar „Qualm/No Qualms“ kurz darauf deutlich mehr Wärme.

Wer Hauffs famose Remix-Arbeiten für Pankow oder The Klinik im Ohr hat, dem wird vor allem „Panegyric“ gefallen, ein Stück, dass sich wie viele vorher bei der so simplen wie genialen Basslinie von (wahlweise) Bauhaus‘ „Bela Lugosi’s Dead“ oder „I Wanna Be Your Dog“ von den Stooges bedient. Dazu passt ihr Kommentar in besagtem Guardian-Interview, sie könne mit der Bezeichnung „retro“ eigentlich ganz gut leben, für sie bedeute das keineswegs eine Abqualifizierung ihrer Arbeit: “Ich kann mich an nichts erinnern, was neu, wirklich neu war, das nicht so klang, als sei es vorher nicht schon einmal gemacht worden.“ Das Statement einer Dreißigjährigen, durch deren Hände schon einige Platten gegangen sind und das all jenen nicht schmecken wird, die immer noch und jedes Mal wieder meinen, sie hätten gerade das Rad (hier: Rock/Pop) neu erfunden. Sehr ehrlich, deshalb sympathisch und angenehm aus der Zeit. http://helena-hauff.com/

Tess Parks And Anton Newcombe: Zeit genommen

Anton Newcombe ist ein vielbeschäftigter Mann. In den letzten vier Jahren hat er immerhin drei Studioalben zusammen mit seiner Band The Brian Jonestown Massacre veröffentlicht, ein viertes soll im Winter folgen, er setzte sich mit The Third Sound zum Videodreh in ein Auto und werkelte zusammen mit The Limiñanas an deren Album. Wenn einer wie er sich also Zeit nimmt, zum wiederholten Male eine Koproduktion in Angriff zu nehmen, dann muß da auch was dran sein. 2015 nämlich stand Newcombe erstmals mit Tess Parks für die gemeinsame Platte "I Declare Nothing" im Studio, nun soll eine weitere folgen. Aufgenommen haben die zwei in des Altmeisters Cobra Studios in Berlin, zur ersten Single "Right On" wiederum wurde in Londons Straßen von Ruari Meehan gedreht - so kann es weiteregehen.

18.11.  Berlin, Urban Spree

Drahla: Lust auf mehr [Update]

Neues Material aus Leeds, genauer von dem Trio Drahla. Wir hatten die drei ja letztens im Februar erwähnt, damals auf ihre EP "Third Article" und ihre Touren mit Ought und Metz verwiesen - sie sind seitdem nicht weniger bekannt geworden. Nun also steht ein neuer Track im Netz, "Twelve Divisions Of The Day" und zwar aus Anlaß ihres Signings beim Indie-Label Captured Tracks. Das Stück wummert einem schön kräftig entgegen, soll am 20. Juli auf Vinyl erscheinen und bringt die Band hoffentlich auch bald mal über den Kanal nach Deutschland - wir wären sicher dabei.

Update: Deutschland-Termine gibt es zwar noch immer keine, aber wenigstens können wir uns mit dem Video zur aktuellen Single "Twelve Divisions Of The Day" trösten. Dranbleiben!



Neonschwarz: Mittelfinger hoch!

Haben wir das eben richtig verstanden - sie wollen raus aus Hamburg?! Aus der City, wo's immer regnet? Nee, schon klar, ganz so ernst können das Marie Curry, Johnny Mauser, Captain Gips und Spion Y von Neonschwarz nicht meinen, denn die alte Hanse ist ja schließlich die Schatzstadt des Rapquartetts. Also ging's eher um einen guten Reim für die neue Single "Maradona", die gerade die Sommerrunde macht, denn am 12. Oktober ist schließlich Releaseday für "Clash", das neue Album bei Audiolith. Und weil's im neuen Song ohnehin weniger um's Wohnen geht als um die Freundschaft und was sie alles aushalten kann/muß, werden wir die Worte mal nicht auf die Goldwaage legen und einfach bis zum Herbst weiterfeiern. Auch wenn wir nicht im Norden sitzen, aber richtig beste Freunde gibt's schließlich hier unten im Süden genauso viele.

Viagra Boys: Überraschen lassen [Update]

Wo wir gerade bei den billigen Scherzen sind - hier kommt noch so einer. Denn diese vertrauenserweckenden Herren aus dem schwedischen Örtchen Södermalm (ein Wortspiel, dass manchem in Bayern jetzt wieder gefallen wird) nennen sich tatsächlich Viagra Boys. Klar, dass das Punk ist. Und nicht ganz so ernst gemeint sein kann. Ganz so trashig kommt die Musik der Band allerdings nicht daher. Der Bass ist zwar ziemlich dominant, aber wir hören eben auch Bläserblech und anderes Artfremdes, ein paar Spuren The Fall oder Talking Heads vielleicht. Klingt toll - drei Stücke gibt es aktuell zu hören, neben "Sports" auch noch die Tracks "Jungle Man" und "Beijing Taxi", sehr speziell, das alles. Ein Albumdebüt ist in Arbeit...

Update: ... und wohl schon beschlossene Sache: "Street Worms", so der Name der Platte, ist für den 28. September in Planung und die Single "Sports" erhält umgehend einen ziemlich unterhaltsamen Clip - wir gehen sofort live runter auf den Center Court One.



Eliza Shaddad: Wider besseren Wissens [Update]

Da ist fast schon Vorsicht angesagt, denn die zügellose Schwärmerei könnte einem irgendwann auch als Stalking oder gekaufte Liebedienerei ausgelegt werden. Dennoch werden wir nicht müde, die Londoner Künstlerin Eliza Shaddad auf das Ausgiebigste zu loben - gerade hat das Mädchen ihre neue Single "My Body" samt Video von Joe McCrae ins Netz gestellt, das Album "Future" soll via Beatnik Creative in ebenjener näheren Zukunft erscheinen. Der Song beschreibt, so die Sängerin, das Gefühl, vom eigenen Körper hinters Licht geführt zu werden, zu wissen, dass man oft besser allein klarkommt und dann doch dem Zweifel nachzugeben, wider besseren Wissens.

Update: Auf der einen Seite ist man froh um jeden Ton, den Eliza Shaddad uns von ihrem zukünftigen Album probieren läßt, auf der anderen Seite will man so immer nur mehr davon haben - ein Teufelskreis. Hier nun die aktuelle Single "This Is My Cue".


Montag, 13. August 2018

Iceage: Saufen, Lieben, Krieg und Tod [Update]

Iceage
„Beyondless“

(Matador)

Also in den 70ern war das so: Auf die Frage, was denn auf eine gute Rockplatte gehört, gab’s nicht viel zu überlegen – Saufen, Lieben, Krieg und Tod, die Reihenfolge spielte dabei eine untergeordnete Rolle, ebenso die Ausgewogenheit. Hauptsache, es war alles dabei. Keine Ahnung, ob man das heute noch so beantworten würde, die Dinge sind ja viel komplizierter geworden (was nicht wirklich stimmt), vielleicht müsste man nur noch ergänzen: irgendwas mit Medien. Wie auch immer, die dänische Band Iceage, lange nach den wilden Siebzigern gegründet, hätte wohl auch vor knapp fünfzig Jahren mit ihrem aktuellen, vierten Album Erfolg gehabt. Und zwar nicht nur, weil es so klingt, als wäre es in einem der legendären Aufnahmestudios in London, Detroit, New York oder Hamburg aufgenommen worden (tatsächlich war es dann doch das schwedische Göteborg), sondern weil eben jene angesprochenen Zutaten enthält, die das Leben wahlweise so verdammt schwer oder wunderbar einfach machen können und also universell und ohne zeitliche Grenzen gelten.



Angefangen bei „Hurrah“, einem würdigen Anti-Kriegs-Böller: „Dancing to the sound of the enemy's guns, boogie as we drop one by one“, hier wird weder mit blutiger Bildsprache noch mit Sarkasmus gespart, hier bekommt die selbst- und waffenverliebte Männlichkeit (sorry, da gibt es leider keine Ausreden) mit all ihren dummen Ritualen und Lügenmärchen mal ordentlich eine vor den Latz geknallt. Liebe gibt’s natürlich an allen Ecken, mal zusammen mit dem trotzigen Popsternchen Sky Ferreira („Pain Killer“), später auf der Suche nach Trost und Realness im knapp sechsminütigen „Catch It“. Gesoffen und angemessen gejammert wird bei „Thieves Like Us“, der Tod wiederum (und die Medien irgendwie auch) linsen in „Showtime“ auf denkbar gruselige Weise ins Bild, wenn der hoffnungsvolle Jungstar sich auf offener Bühne den Kopf wegschießt – und das Publikum einigermaßen sauer auf das abrupte Ende reagiert: „What a selfish swine!“



Anders als gerade bei den ebenso hoch gehandelten Arctic Monkeys haben Iceage alles richtig gemacht: Auch sie nämlich haben sich vom Sound früherer Tage hörbar entfernt – kein Hardcore mehr, dafür knackige Bläser, Bluesgitarren und Streicherdrama. In den Songs von „Beyondless“ stecken aber eben nicht nur Ambition und Mut, sondern auch wunderbare Melodien, glaubhafter Straßendreck an den Hacken (hier wirkt nichts aufgesetzt, hier stimmt die Attitüde noch) und für einen so herrlich kraftvollen Stampfer wie „Plead The Fifth“ mitsamt den abgefahrenen Lyrics müssen andere Jahre klöppeln. Daß einem ganz am Ende beim Titelsong tatsächlich U2 und „With or Without You“ einfallen, ist dann quasi das Sahnhäubchen – das kommt einem so wunderbar schräg, so krass vor, als wäre man selbst unter Einnahme bewußtseinserweiternder Substanzen mit im Studio gewesen. Was soll man da noch groß drumherum reden – ein Hammeralbum! http://iceagecopenhagen.eu/

31.08.  Hamburg, Off The Radar Festival
15.09.  Berlin, Bi Nuu
03.11.  Zürich, Rote Fabrik

Update: Für das Video zur aktuellen Single "Under The Sun" haben Iceage mit dem japanischen Künstler Azuma Makoto zusammengearbeitet - die Installation, aufgenommen im Frühjahr in Tokio, nennt sich passenderweise "Crazy Garden x Iceage".

Henry Nowhere: Erste Schritte

Ein guter Name ist ein erster Anfang. Da schaut man gern mal etwas genauer hin, hört rein, nimmt sich etwas mehr Zeit. Henry Nowhere zum Beispiel passt in diesem Falle perfekt ins Bild. Junger Mann mit melancholischem Blick, wahlweise im letzten Rest der Abendsonne oder an zerklüfteter Steilküste: Henry Moser stammt aus Los Angeles, hat dort schon geraume Zeit mit der Band Day Wave gespielt und sich dann entschlossen, seinen fein versponnenen Lofi-Pop solistisch aufzuführen. Dieser Tage soll seine zweite EP "Not Going Back" erscheinen und nach der Vorabsingle "Problems Of The Heart" streamen wir heute den Titelsong.

Freitag, 10. August 2018

Tomberlin: Simple Things

Tomberlin
„At Weddings“
(Saddle Creek)

Es ist gar nicht so einfach, mit der Ernsthaftigkeit dieses Mädchens klarzukommen. Weil darin so viel Traurigkeit, Schmerz und Enttäuschung mitschwingen, dass es wirklich schwer auszuhalten ist. Sarah Beth Tomberlin ist gerade mal 23, sie ist in der Provinz von Kentucky als Tochter eines Baptistenpfarrers und mithin sehr christlichen Eltern aufgewachsen und man kann nicht behaupten, daß sie damit sonderlich glücklich war. Von einer fürsorglichen Cousine hat sie, die sonst nur religiöse Lieder zu hören bekam, die ersten Einblicke in Sachen Indiepop erhalten, Arcade Fire, Bright Eyes, Dashboard Confessional – es war eine Befreiung. Und ein Ansporn, selbst dergleichen zu schreiben und diesen Weg auch gegen den Argwohn und die Skepsis ihrer Eltern weiter zu gehen. Dass ihr Lebenslauf eine Musik hervorgebracht hat, der eine entwaffnende Klarheit innewohnt, hat wohl auch Owen Pallett schnell begriffen und ihr Debütalbum produziert, nicht zu ihrem Schaden. Denn der anrührende Folkpop von Tomberlin ist von einer beeindruckenden Zartheit, wie man sie von einem Nick Drake kennt und der Sound ähnlich stripped to the bones, so als würde alles Überflüssige die nachdrücklichen Wirkung dieser zehn Songs unweigerlich zerstören.



Und doch – diese Zeilen: “And there is a war in my mind, because I wanted to be near you. But I love you, yes I love you or I’m trying to”, singt sie in “Untiteled 1”, einem von mehreren Liebesliedern, die zugleich leidenschaftlich und zerrissen klingen. Später dann in “You Are Here” fährt sie fort mit ihren unbedingten, rückhaltlos ehrlichen Bekenntnissen, wenn sie Zuneigung und Zweifel zugleich gesteht, weil es sie zum Geständnis drängt und sie doch keine falschen Hoffnungen wecken will. So einfach die Stücke mit Gitarre, Piano und ein paar Streichern geraten sind, so nahe gehen sie einem. Wie sie in “A Video Game” Schutz und Stärke bieten möchte, wenn der Freund oder die Freundin in einer Zweitwelt verloren zu gehen drohen. Wie sie mit ihrer christlichen Erziehung, dem Frauenbild, der ihr zugewiesenen Rolle hadert – nicht wütend, sondern bemerkenswert deutlich und überlegt: “And to be a woman is to be in pain and my body reminds me almost every day, that I was made for another, but I don’t want to know that, cause it happened once and I always look back.”



Wie Tomberlin die Liebe als zwiespältiges Erlebnis besingt, das zeugt von erstaunlicher Reife, die man in diesem Alter wohl eher selten zu hören bekommt Sie reflektiert wohl schon sehr lange die elterliche, konfessionelle Erziehung und themaitisiert sie in ihren Liedern behutsam, aber doch ungeschönt. Besonders eindrücklich wohl in “Self-Help” gegen Ende: Auch hier keine Drums, aber doch merklich rauere Noisegitarren und Sirenenklänge, dazu verstörende Suizidfantasien (“The heart is a heavy coffin, where I lay down everyone I love …”), es gibt wohl trotz aller Aufgeräumtheit auch bei ihr noch Phasen, in denen sie schwer an ihren Gedanken trägt und sich selbst nicht mag (“The cat doesn't even like me these days and I can't blame her she is right in her ways”). Was Wunder. Wichtig sei ihr, sagte sie dem Fader, dass Menschen, die ähnliche Probleme wie sie haben, ihr zuhören. Und akzeptieren lernen, dass man nicht alles klären kann im Leben, zumindest nicht immer sofort. Dass miteinander reden hilft, oder – so platt es in “February” am Ende klingen mag – einfach nur mal des anderen Hand zu halten. Simple things eben. Große Platte. http://www.tomberlinmusic.com/