Freitag, 16. August 2019

The Murder Capital: Der Ernst der Jugend

The Murder Capital
„When I Have Fears“
(Rykodisc)

Es sind tatsächlich andere Zeiten. Wir kennen ja durchaus Jahre, da war kein Mangel an jungen, aufstrebenden Gitarrenbands, da gaben sich die talentiertesten unter ihnen wöchentlich mit Verve die Klinke in die Hand, viele teilten sich ein „The“ im Namen und machten gleich einen Trend daraus – lang ist’s her. Heute dagegen ist die Spitze nicht breit, sondern eher dünn, übersichtlich besetzt, haben Pop und Rap den Indierock in Sachen Novitäten längstens überholt und wegen des Mangels ist die Freude jedes Mal um so größer, findet sich doch ein würdiger Vertreter, der dem oft totgesagten Genre ein wenig Hoffnung gibt und Glanz verleiht. Dass die Iren diesen Kampf ganz vorn mit ausfechten, ist ansich keine so große Überraschung (sind sie doch seit jeher eine Nation von Musikverrückten in des Wortes bestem Sinne), erstaunlich ist aber schon, dass mit den Silverbacks, den Fontaines D.C. und eben jener fünfköpfigen Post-Punk-Formation The Murder Capital gleich drei Bands aus Dublin mitmischen.

Ebenso bezeichnend ist es, dass sich James McGovern und Kollegen ganz in der Tradition ihrer (gar nicht so alten) Urahnen zu bewegen scheinen, ihre Songs sind so leidenschaftlich, melodieverliebt, zuweilen auch ein wenig pathetisch und schwermütig, wie man es wohl nur an der rauen Ostküste ihres Heimatlandes zuwege bringen kann. Man weiß nicht so recht, wie es die Jungen in Dublin mit einem Mann wie Paul David Hewson so halten, den Spötter, Neider und sonst alle anderen unter dem Namen Bono kennen, berufen haben sich The Murder Capital ja eher auf die britischen Joy Division denn auf U2. Naheliegend, klar. Aber es gibt eben durchaus Momente auf „When I Have Fears“, in denen man die frühen, die kraftvollen, die ungeschlachten Stücke der heute so öden Stadiontruppe durchhört, Sachen wie „40“, „Out Of Control“, „Stories For Boys“ oder auch das wunderbare „11 O’Clock Tick Tock“. Mag sein, dass solche Vergleiche heutzutage an Rufschädigung grenzen, als Kompliment sind sie dennoch gemeint.



Anders als die Fontaines D.C., deren Erstling um einiges aufgeräumter, hitorientierter geraten ist, lassen The Murder Capital düsteren Stimmungen deutlich mehr Raum und man merkt, dass sich Produzent Mark Ellis aka. Flood und die fünf ernsten Burschen nicht ohne Grund verabredet haben, schließlich hatte der auch schon Nick Cave, PJ Harvey, Warpaint und die Smashing Pumpkins im Studio (und ganz nebenbei eben auch U2, sorry). Ellis mag tiefe, raumgreifende Texturen, satten Sound und so böllern die Iren mit „For Everything“, „More Or Less“ und „Green And Blue“ auch gleich gewaltig los. Sie tun das, nicht ohne danach die Bässe dunkel zittern zu lassen, nehmen sich ebensoviel Zeit und Anlauf für getragene, ausladende Klangmalereien. Es geht hier dreierlei – die Roughness ihrer Vorabsingle „Feeling Fades“ mit Bad-Seeds-Referenzen, der herrliche Drive von „Don’t Cling To Life“ und das grabestiefe Gemurmel bei „How The Streets Adore Me Now“.

Den Titel des Albums, das möchte man dann doch noch erwähnen, hat McGovern im Übrigen einem Sonett des englischen Romantikers John Keats entlehnt. Betonen muß man das deshalb, weil es dem Vorurteil widerspricht, die Jugend von heute hätte mit klassischer Literatur, Lyrik gar, so überhaupt nichts mehr zu schaffen und kümmere sich lieber um Bequemlichkeit und Ablenkung in medialen Filterblasen. „Befällt mich Angst“ heißt der übersetzte Text des Dichters und enthält so wunderbare Zeilen wie diese: „Und wenn ich spüre, liebliche Gestalt, dass nimmermehr mein Auge dich umfasst, ich nie mehr koste holdeste Gewalt einsamster Liebe – steh ich, stiller Gast, am Strand der Welt allein und grüble lang, bis Ruhm und Liebe in ein Nichts versank.“ Das Wissen um diese Zeilen klingt ebenso schön nach wie die ganze Platte selbst, ein überaus gelungenes, wenngleich seltenes Beispiel dafür, dass es um den Rock nicht ganz so hoffnungslos bestellt ist wie befürchtet.

12.11.  Hamburg, Molotow
13.11.  Berlin, Musik und Frieden
14.11.  Köln, Artheater

MUNA: Back and forth

Es braucht tatsächlich noch ein wenig Geduld, bis wir das komplette Album zu hören bekommen: Am 6. September steht mit "Saves The World" endlich die zweite Platte des Queer-Pop-Duos MUNA im Regal und die beiden bisherigen Vorauskopplungen "Number One Fan" und "Who" lassen ahnen, dass der Nachfolger von "About U", dem Debüt aus dem Jahr 2017, keinen Deut schlechter geworden ist. "Stayaway", die dritte Single, kommt nun mit einem Video von Regisseurin Minnie Schedeen daher und ist als eine Art Back-And-Forth-Trip angelegt, es geht um Konsequenzen von Entscheidungen, die niemand voraussehen und planen kann, aber doch oft so gern möchte.

Surf Curse: Inspiration [Update]

Auch bei diesen beiden Herren fallen die eigenwilligen Haare sofort auf, auch bei diesen beiden macht die Musik jede Irritation sofort wieder wett: Das Duo Surf Curse kommt aus Los Angeles, besteht aus Nick Rattigan und Jacob Rubeck und spielt Lieder, die sich ohne große Schwierigkeiten sofort da einnisten, wo im Hirn der Platz für Ohrwürmer vorgesehen ist. Schon als vor einigen Wochen ihre erste neue Single "Disco" erschien, hat es uns mächtig in den Fingern gejuckt, nun mit "Midnight Cowboy" gibt es keine Ausreden mehr (inspiriert wurden Surf Curse zum Video des Songs im Übrigen von John Schlesingers gleichnamigem Film mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle). Und spätestens am 13. September, wenn bei Danger Collective ihr Album "Heaven Surrounds You" erscheint, wird jeder wissen, was er an den beiden hat.

Update: Mit "Hour Of The Wolf" gibt es jetzt die dritte Single vom neuen Album und dazu noch zwei Livetermine für den November - Surf Curse bleiben in Sachen Gitarrenrock eine erfreuliche Ausnahmeerscheinung.

11.11.  Berlin, Urban Spree
12.11.  Hamburg, Hafenklang





Donnerstag, 15. August 2019

RVG: Begründetes Anliegen

Nur eine kleine, kurze Randnotiz, aber für die Besucher der kommenden Konzerte der Sleaford Mods in Deutschland nicht ganz ohne Bedeutung: Als Support für die Termine hierzulande wurde nämlich die australische Post-Punk-Kapelle RVG eingeladen. Die Band aus Melbourne heißt eigentlich Romy Vager Group und hat ihr Debütalbum "A Quality Of Mercy" vor zwei Jahren bei Fat Possum veröffentlicht, im Mai diesen Jahres gab es ganz frisch die 7" mit den Titeln "Alexandra" und einem Cover des wunderbaren John-Cale-Songs "Dying On The Vine" zu hören. Wir werden also pünktlich bei dem Mods erscheinen müssen - aus Gründen.





Montag, 12. August 2019

Jason Lytle: Anders als gedacht

Vor ein paar Wochen hat der Onlinedienst Brooklyn Vegan ja schon für ein paar kleinere Luftsprünge gesorgt, als es verkündete, Jason Lytle bereite gerade auf Dangerbird Records die Veröffentlichung eines Werkes namens "Arthur King Presents Jason Lytle: NYLONANDJUNO". Denn auch wenn eine Nachricht über das Wohl und Wehe seiner Hauptband Grandaddy erwartet worden war, so geben wir uns dann doch erst mal mit diesem Lebenszeichen zufrieden, verschieben die Pläne für einen Nachfolger von "Last Place" für's erste und wenden uns dem Verfügbaren zu. Für die Zusammenarbeit mit dem Kunstkollektive Arthur King aus Los Angeles hat der Mann, ausgerüstet mit einer nylonbespannten Gitarre und eine Juno-Synthesizer, acht Stücke aufgenommen, von denen zwei bislang bekannt sind - "Dry Gulched On Rodeo Drive" und gerade eben noch "Don't Wanna Be There For All That Stuff".

CocoRosie: Von Lämmern und Wölfen

Die Rückkehr der beiden Schwestern ins angestammte Geschäft war dann doch eine halbwegs spektakuläre: Sierra und Bianca Casady, besser bekannt unter dem Namen CocoRosie, ließen Ende Juli aufhorchen, als sie auf der Single "Roo" von Chance The Rapper neben Taylor Bennett ein Feature übernahmen. Andererseits kann der Gastauftritt wirklich nur die überraschen, die mit der Lust der schillernden Damen nicht vertraut sind, denn eigentlich lieben die Geschwister das Experiment und die Irritation. Ihr letztes Album "Heartache City" hatte ja schon einige vorsichtige Raps zu bieten und auch der erste Vorabtrack "Lamb And The Wolf" ihrer gerade angekündigten siebten Langspielplatte klingt verrückt genug. Dem Magazin Fader haben sie zu dem Werk mitgeteilt: "Our new material is very beat-based and the vocals tend to be more and more rap verses and sung hooks. It's kind of our roots… poetry all that. Heartbreak, swag, frogs, roosters, and old-timey hooks" - wir sind gespannt.



Sonntag, 11. August 2019

The Golden Dregs: Smarter Starter

Wir beginnen unseren sonntäglichen Rundgang heute auch sonntäglich angemessen entspannt, und zwar mit der Musik des Londoner Projektes The Golden Dregs. Dahinter verbirgt sich Benjamin Woods, ein junger, sehr eleganter Mann, der die Tindersticks genauso schätzt wie Lou Reed und Tom Waits. Und was soll man sagen - es ist leicht herauszuhören. Aus seinem letztjährigen Debüt "Lafayette" ebenso wie aus seiner aktuellen Single "Just Another Rock". Letztere stammt vom Folgealbum "Hope Is For The Hopeless", das am 27. September erscheinen soll und auch die beiden zuvor geteilten Stücke "Nobody Ever Got Rich" und "The Queen Of Clubs" enthält. Den Tag recht spät damit begonnen, kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen.



Yeah But No: Erfahrungswerte

Verwiesen sei an dieser Stelle auf das neue, zweite Album des Berliner Synthpop-Duos Yeah But No, angekündigt für den 18. Oktober bei Sinnbus Records. "Demons", so der Titel, vereinigt, wie auch schon das selbstbetitelte Debüt aus dem Jahr 2017, elf fein verwobene, kunstvoll arrangierte elektronische Stücke. Diese befassen sich auf sehr persönliche Weise mit den Ängsten, Kämpfen, Brüchen und Gefühlen im Leben der beiden Musiker Douglas Greed und Fabian Kuss - stellvertretend gibt es vorab davon die Songs "I Don't Want To Know" und "Caught Between Stations" zu hören. Ebenfalls empfehlenswert sind im Übrigen die Arbeiten von Daniel Brandt, Karmon (siehe unten) und Marc Holstege, die sich wie einige andere des Erstlings angenommen und zu eigenen Interpretationen umgearbeitet haben. Eine längere Tour der Band ist, so liest man, für den Spätherbst in Planung.

21.11.  Berlin, KaterBlau





TEROUZ: Zeit für neue Wege

Und noch mal eine Art Soloarbeit: Karim Terouz stammt ursprünglich aus der ägyptischen Hauptstadt Kairo, ging 2008 ins kanadische Montreal und gründete dort seine Band The Rising Few, mit der er zwei Platten einspielte. Nun, nach dem schmerzvollen Verlust seines Vaters, war es offenbar Zeit für eine Neuerfindung und so änderte er den Sound in Richtung Synthrock und nahm sich, wie unschwer herauszuhören, vor allem David Bowie zum Vorbild. Herausgekommen ist die Single "Outstanding", begleitet von einem Video unter Regie von Alexandre Desrochers-Coderre - er selbst, jetzt nur noch unter dem Namen TEROUZ unterwegs, sagt zu dem Stück, es klinge wie "Leonard Cohen auf einem Fitness-Laufband". Ein wenig verrückt also das Ganze und nicht ohne einen gehörigen Schuss Selbstvertrauen, man darf auf weitere Neuigkeiten gespannt sein.

Freitag, 9. August 2019

Gotts Street Park vs. Zilo: Sanfte Wucht

Der Track wäre doch tatsächlich fast untergegangen, verdient hätte er's gewiß nicht: Das Hip-Hop-Kollektiv Gotts Steet Park aus Leeds hat uns nämlich schon vor zwei Jahren mit einer ersten EP namens "Volume One"und einigen formidablen Tracks mehr begeistert, alles sehr deep, dunkel und für Debütanten dennoch erstaunlich vielseitig. Genau das stellen sie auch jetzt wieder unter Beweis, denn gerade ist ihre neueste Single "Bad" erschienen, deutlich näher am RnB als die vorangegangenen Stücke und gemeinsam mit der Londoner Künstlerin Zilo eine wirklich Wucht - wenn auch eine angenehm sanfte.



Hater: Entspannte Zwischenmeldung

Die vier hier können es mal ganz entspannt angehen: Ende des vergangenen Jahres ist die zweite Platte von Hater aus dem schwedischen Malmö erschienen, wie auch ihr Debüt war "Siesta" der erwartete Erfolg, sie wurden gefeiert und werden weiterhin geliebt. Daran wird sich auch nach Veröffentlichung ihrer neuen Double-A-7" "Four Tries Down/It's A Mess" nichts ändern, denn der zarte Gitarrensound ist weiterhin verführerisch gestrickt, verhaltenes Tempo, schöne Stimmen, was will man mehr - physischer Release am 6. September via Fire Records.



James Blake: Entwaffnung [Update]

James Blake
„Assume Form“
(Polydor)

Gerade schlägt ja der Werbespot eines amerikanischen Rasierklingenherstellers besonders in den USA hohe Wellen, es geht einmal mehr und sehr aufgeregt um die neue Männlichkeit, um Geschlechterrollen und -klischees und augenscheinlich ist diese Debatte sowohl bei Gegnern als auch Befürwortern des Wandels kaum noch ohne den Begriff „toxisch“ zu haben. Stellt sich die Frage: Taugt das neue Album von James Blake denn als Beitrag zum Diskurs? Antwort: Ja und nein. Ja, weil eigentlich alles, was irgendwo auf unserem hektischen Planeten passiert, Veränderungen der Gesellschaft mal mehr und mal weniger schnell beeinflußt, alles wird hinterfragt, ins Verhältnis gesetzt und bewertet, da macht auch diese Platte keine Ausnahme. Zumal sie natürlich von einem Mann vorgelegt wird, der mit seinem zarten Falsett, seiner Innerlichkeit und bewußten Verletzlichkeit so gar nicht in das Raster alter Männerversteher passen und noch immer so manch grob gezimmertes Weltbild zum Wanken bringen dürfte. Nein deshalb, weil Blake ja beileibe kein überraschendes Phänomen mehr ist. „Assume Form“ ist mittlerweile sein viertes Album und auch die vorangegangenen fanden ihr Publikum mit dieser bemerkenswerten Mixtur aus Dubstep, klassischem Songwriting und LoFi-Pop – over the top, klar, aber eben auch sehr berührend. Der einzige seiner Art ist er damit zwar nicht mehr, wohl aber der talentierteste.



Das überraschend kurzfristig veröffentlichte Album hat nun einige behutsame Änderungen im Programm, manche zum Vor-, andere zum Nachteil. Die Vermählung seines Sounds mit trippigem Hip-Hop-Rhymes, 2013 gemeinsam mit Chance The Rapper und dem grandiosen „Life Round Here“ gestartet, erfährt hier seine konsequente Fortsetzung – jetzt finden sich Kollaborationen mit André 3000 („Where’s The Catch“), Metro Boomin/Travis Scott („Mile High“) und dem Neo-Soul von Moses Sumney („Tell Them“) auf der Platte, allesamt sehr gelungen und catchy. Neu dagegen die spanisch-britische Variante, für „Barfood In The Park“ hat Blake die Katalanin Rosalía ins Studio gebeten, herausgekommen ist der wohl spannendste Track des Albums, weil zur bekannten Palette noch der kontrastreiche Gesang der jungen Spanierin hinzukommt, mal gefühlvoll gehaucht, mal rau und leidenschaftlich intoniert. Anderes dagegen gerät weniger zwingend: Wenn Blake im Stile eines gutgelaunten Crooners bei „Can’t Believe The Way We Flow“ den Barjazz beleiht, dann klingt das bei allem Respekt eine Ecke zu kitschig, als Grübler im Halbschatten macht er eine überzeugendere Figur denn als verliebter Charmeur.



Thematisch ist James Blake im Gegensatz zum sphärischen, deepen Klang seiner Tracks dann doch sehr diesseitig, dreht sich vieles um die Liebe mit all ihren Verirrungen, Schmerzen und dem Hochgefühl, welche/s sie für einen bereithält. Im wunderbaren „Power On“ mahnt er die Demut in Partnerschaften an, lobt die Fähigkeit, den anderen mit allen Fehlern und Schwächen zu akzeptieren und als Bereicherung zu erfahren. Das Titelstück wiederum meint die Liebe zur Körperlichkeit an sich eingedenk der Gefahr, sich der medialen Übermacht, der digitalen Verheißung hin- und die Verbindung zum realen Welt aufzugeben – Form annehmen also, hier sein, im Jetzt. Passend dazu der Aufruf an die Zuhörer (und sich selbst) gegen Ende („Don’t Miss It“), sich besser den Moment zu vergegenwärtigen, als ihm später hinterher zu trauern. Um den Bogen zum Anfang zu finden – toxisch ist an all dem gar nichts. Vielmehr geht es um Abrüstung, bestenfalls Entwaffnung, darum, Gefühl zuzulassen, Fehler zu dulden. Zum Rolemodel eines scharf kalkulierenden Markenartiklers eignet sich sich Blake dennoch nicht – in diesem speziellen Falle wäre er (ein Blick auf’s Cover genügt) für den Job auch einfach zu schlecht rasiert. https://www.jamesblakemusic.com/

Update: Wenn James Blake ein neues Video - und sei es auch nur zu einem Song von seinem bereits erschienenen Album - veröffentlicht, ist Aufmerksamkeit angebracht. Dieses hier zu "Can't Believe The Way We Flow" stammt aus einer Zusammenarbeit mit Frank Lebon (A$AP Rocky, King Krule, Skepta, FKA twigs), es wurde an sechs Tagen in London mit dreißig unterschiedlichen Paaren gedreht und hat man sich einmal auf das Tempo eingestellt hat, ist es äußerst spannend.

Donnerstag, 8. August 2019

North America: Schwelgen mit den Blumenjungs

Ein bisschen Schwelgen, ein wenig passion, dafür sind die hier genau die richtigen: North America kommen, wie der Name nicht sagt, aus dem Londoner Osten. Zu dem Quintett gehören Sänger P.F. Phillip, die Gitarristen Gabe Coulter und Jack Rennie, Sandro Giacometti am Bass und Sam Roberts am den Drums, seit 2017 sind sie als Band am Werkeln. Die beiden ersten Singles "Your Lips Are For Kissing" und "Call Me By My Name" gab es im vergangenen Jahr, letzteres erinnert angenehm an die Hau-Ruck-Riffs der Strokes und auch der neue Track "My Baby's No One's Girl" hat bittersüße Harmonien und ausreichend Biss. Dass die Jungs offebnbar ein Faible für Blumen und Wiesen haben, spielt da eher eine untergeordnete Rolle.

King Princess: Gelebter Widerspruch

Bei der nächsten Künstlerin steckt der spannende Widerspruch schon im Namen selbst: King Princess kommt aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn und landete im vergangenen Jahr mit der Single "1950" und der EP "Make My Bed" ihren großen Durchbruch. Queer-Pop war schon in diesen Tagen das große Thema und auch heute entstehen dort die mit Abstand reizvollsten Geschichten. Und so ist es kaum verwunderlich, dass die Aufmerksamkeit und Erwartung mit dem Titelsong "Cheap Queen" ihres für den Herbst bei Zelig angekündigten Debütalbums nicht eben kleiner geworden sind, gleiches gilt auch für die neue Auskopplung "Prophet", ein Stück voller Soul und eben ganz viel Popappeal.



Mittwoch, 7. August 2019

Elbow: Erweiterte Bandbreite

Nun hat das Kind also auch einen Namen: Seit Wochen haben Elbow schon die Tourplakate aufgehängt, womit sie allerdings auf Reisen gehen, war bis jetzt noch nicht so recht klar. Nun aber steht fest, dass ihre neue Platte "Giants Of All Sizes" am 11. Oktober erscheinen wird, aufgenommen wurde in Hamburg, Brixton, Salford und Vancouver und zwar mit Tracks und Spuren, die jedes Bandmitglied beisteuern durfte. Als Gäste werden Jesca Hoop, The Plumedores und Chilli Chilton genannt und auch bei den Referenzen ist die Bandbreite erstaunlich weit gefaßt - Velvet Underground und John Carpenter werden hier ebenso aufgeführt wie Ennio Morricone und die Plastic Ono Band. Die erste Single "Dexter And Sinister" ist dann mit den kantigen Rockriffs im Vergleich zum eher zahmen Vorgängeralbum "Little Fictions" aus dem Jahr 2017 schon mal ziemlich ungewöhnlich geraten. 

10.11.  Wiesbaden, Schlachthof
12.11.  München, Tonhalle
13.11.  Köln, Live Music Hall
14.11.  Berlin, Huxley's Neue Welt
16.11.  Rolling Stone Beach Festival, Weissenhäuser Strand



Pixies: Vollständiger

Nun, die Arbeit ist soweit gemacht bei den Pixies: Die Tour für den Oktober steht, das Album  "Beneath The Eyrie" wurde für den 13. September angekündigt, die erste Single mit "On Graveyard Hill" auch draußen, gefolgt von "Catfish Kate" als zweitem Appetizer. Zu letzterem Song hat nun das Krank! Collective ein Animations-Video nachgeschoben, das wir hier natürlich auch präsentieren wollen.

Marika Hackman: Besser bald normal

Marika Hackman
„Any Human Friend“

(Caroline/Universal)

Nun gut, auf den ersten Blick möchte man wirklich glauben, es sei alles in Ordnung. Der Queer-Pop mischt in den Charts kräftig mit, die Genderdebatte wirbelt den Alltag aller Geschlechter kräftig durcheinander und der Feminismus ist allerorten auf dem Vormarsch. Gut so. Geht aber besser. Denn gar so lang ist es auch noch nicht her, dass ein russisches Duo namens t.A.T.u. die Popwelt hyperventilieren ließ, ein Bühnenkuss zwischen Star (Madonna) und Sternchen (Britney Spears) als Skandal galt und Katy Perry auf die Idee kam, dass Frauenküsse nicht nur anders, sondern vielleicht sogar besser schmecken könnten. All das in einem Zeitraum von knapp zwanzig Jahren – und auch wenn die Menschheit heute schon wieder ein paar Schritte weiter ist, von Normalität ist sie noch sehr weit entfernt. Weiß auch Marika Hackman. Denn wir reden hier nicht von kichernden Teenagern, die zwischen ernsthafter Suche und herausfordernder Provokation noch kaum unterscheiden können oder wollen, wir reden auch nicht von der bigotten Akzeptanz sexueller Vorlieben für Fetischisten und patriarchalische Allmachtsfantasten. Sondern davon, dass es besser jetzt als bald egal sein sollte, wer wen wie liebt und nicht jedes Mal ein riesiges Bohei darum veranstaltet und das Abendland zu Grabe getragen wird.

Also macht Hackman aus der Not doch eine Tugend und die Sexualität zum Thema ihrer neuen, dritten Platte. Und sie tut das auf zweierlei Weise. Neben deutlichen Wortmeldungen versucht sie, mit ihren Songs auch eine intime, sinnliche Ebene auf gleichwohl selbstbestimmte Art zum Klingen zu bringen – dass sie dabei manche/n vor den Kopf stößt (und zu allererst waren das, wie sie selbst sagt, ihre eigenen Eltern), läßt sich nicht vermeiden. Einige müssen vielleicht schon beim Blick aufs Cover das erste Mal schlucken, es ist schließlich nicht eines/einer jeden Sache, mit den normierten und nicht selten verlogenen Werten unserer Körperwahrnehmung derart offensiv und öffentlich zu brechen, Widerspruch herauszufordern – dumme Kommentare, reichlich Trollpost garantiert. “I really didn’t want to create an image that was sexual in any way - even though it’s a sexual record,” sagte sie dem Portal DIY, “The sexuality of the record is from a very raw, open perspective. Yes, I’m in my giant pants, but I’m just going to stand here, that’s exactly how the record feels to me. Take it or leave it.”



Zu wissen, dass Hackman selbst gerade eine lange Beziehung mit Amber Bain aka. The Japanese House schmerzvoll beenden mußte, hilft da auch nicht viel weiter, der Mut, mit dem sie sich ihres Themas annimmt, ist deshalb trotzdem nicht leicht zu finden und um so bemerkenswerter. Wie sie durch den eigenen Gefühlswirrwarr kämpft, Zweifel zwar gelten läßt, aber hinter sich bringen möchte, wie sie sich auf ihre Eigenarten, ihr ganz persönliches Wesen beruft, all die Vorurteile, die sie treffen (könnten), vorsichtshalber gleich selbst benennt („You’re such an attention whore!“), das nötigt schon gehörigen Respekt ab. Stücke wie „The One“ oder „I’m Not Where You Are“ sind Manifeste der eigenen Willensbildung, der Selbstbehauptung und des Entschlusses, sich künftig keinesfalls mehr verstecken zu wollen. Wohl wissend, dass auch sie selbst Fehler machen kann, jemanden vor den Kopf stößt, enttäuscht. Denn darum geht es ja schließlich bei der Normalität.

Erfrischend Hackmans Kommentar zum Song „Hand Solo“ (den man so wohl kaum von einem Mann hören würde). Den ungewöhnlich deutlichen Worten („My finger touch, I’ve been feeling stuff, dark meat, skin pleat, I’m working - a monkey glove, you threw away two pounds of blood, it’s alright; I’m jerking”) folgt der Wunsch: “I think we need more wank anthems, especially for women. The more the merrier, that’s how I feel (DIY)”. Der Sound übrigens, auch das nicht ganz unwichtig, bringt eine gute Mischung aus crispy Gitarrenakkorden, synthetischen Klängen und tanzbaren Beats, mal schwappt das Ganze ins leicht Psychedelische, dann wieder zurück zum Diskofutter, so recht festlegen möchte sich Hackman wohl nicht und nutzt ihre Freiheiten weidlich aus. Auch wenn man sie öfters mit Courtney Barnett verglichen hat, so ist ihr unaufgeregter, klarer Stil eine noch eher seltene Erfahrung. Wir hätten nichts dagegen, wenn das recht schnell Alltag wäre. http://marikahackman.com/

Wives: Bewußte Irreführung [Update]

Die nächste Kapelle im Reigen kommt aus New York und nennt sich Wives. Keine Überraschung, dass sich mit Sänger Jay Beach, Gitarrist Andrew Bailey, Alex Crawford am Bass und dem Schlagzeuger Adam Sachs ausschließlich Männer im Quartett befinden. Der Sound der vier geht eher in Richtung elektrifizierter Bluesrock, Beachs Stimme hat zuweilen Ähnlichkeit mit der des großartigen Michael Hutchence, allerdings gehen's die Jungs hier etwas härter an als INXS zu ihrer Zeit. Am 4. Oktober jedenfalls soll das Debütalbum bei City Slang erscheinen, von "So Removed" wollen wir hier drei Songs vorstellen - die aktuelle Single "The 20 Teens" sowie die etwas älteren Stücke "Workin'" und "Waving Past Nirvana".

21.11.  Berlin, Urban Spree
22.11.  Wien, Fluc
25.11.  Hamburg, Aalhaus
29.11.  Basel, Kaserne

Update: Hier wird nachgebessert - das Artwork der kommenden LP "So Removed" steht jetzt fest und mit "Hit Me Up" gibt es gleich noch eine weitere Auskopplung zu hören plus drei neue Tourtermine.







Spector: Keine Zeit zu warten [Update]

Eine überraschende musikalische Zwischenmeldung kommt heute von der Londoner Kapelle Spector. Im März vergangenen Jahres hatten wir an dieser Stelle auf ihre EP "Ex-Directory" hingewiesen und die Single "Fine Not Fine" gepriesen, nun gibt es mit "I Won't Wait" einen Song, der die Erinnerungen an Joy Division und New Order definitiv nicht nur eben wachhält, sondern sogar befeuert. Es geht um all die Mühen und Aufwände, die wir betreiben, um Beziehungen und Freundschaften zu bewahren, so Sänger Fred Macpherson. Es soll dieses Jahr noch mehr kommen - klingt es so, ist das eine gute Nachricht.

Update: Das war also keine leere Versprechung - hier kommt ein weiterer Song und "Half Life" kann mit der ersten Single locker mithalten, gut so.



Dienstag, 6. August 2019

half•alive: Spaßfraktion

Was das nun wieder ist? Nun, fragen wir mal besser nicht - schreiben alle drüber, machen wir das natürlich auch: half•alive sind ein Synthpoptrio aus dem kalifornischen Long Beach, bestehend aus Leadsinger Josh Taylor, Drummer Brett Kramer und Bassist J Tyler Johnson. Ihre erste EP "3" (2017) war trotz nur dreier Tracks voller prickelnder Ideen, Loops und betörender Melodien, Entkommen zwecklos. Wollte ja auch eigentlich niemand. Das galt natürlich auch für die nächste Single "Feel It", schon wieder erstklassige, angefunkte Tanzmucke. Und nun also bald das vollwertige Debütalbum "Now, Not Yet", nächsten Freitag ist es soweit. Das neueste Video zum Song "Ok Ok" erinnert übrigens an eine Mischung an Marlen Haushofers "Die Wand" (nur lange nicht so beklemmend) und die Sci-Fi-Serie "Under The Dome" (nur lange nicht so gruselig) - die Jungs hier haben einfach nur jede Menge Spaß. Und mit dem sind sie auch bald unterwegs.

29.10.  Zürich, Papiersaal
30.10.  Wien, WUK
04.11.  Berlin, Frannz Club
05.11.  Hamburg, Knust
06.11.  Köln, Stadtgarten