Mittwoch, 11. Dezember 2019

Trettmann: Tanz den Widerspruch

Trettmann
Support: Joey Bargeld
Tonhalle, München, 10. Dezember 2019

Natürlich war das zunächst einmal ein erstklassiger Auftritt. Und ein dringend notwendiger sowieso. Die Jahre davor stand Trettmann ja im Ampere und im Crux auf der Bühne – Tickets kaum ranzukommen, Preise horrend, wer drin war King, draußen viel zu viele. Und auch diesmal, in der ungleich größeren Tonhalle, wären, mit Blick auf die einschlägigen Portale, gern noch mehr dabei gewesen. Ausverkauft. Was aber die Konzerte von dem Mann, den seine maximal begeisterungsfähige Crowd liebevoll Tretti ruft, eben auch immer zeigen: Spannende Widersprüche. Denn wann hat man schon mal so viele auf einen Schlag beeinander? In Sachen Stardom eher ein Spätstarter, seit dem Debüt „DIY“ aber der Meister aller Klassen – und zwar aus Karl-Marx-Stadt aka. Chemnitz. Weiter: Oben Ü40, unten U20. Heißt: Wo bitteschön bejubeln bereitwillig tausende junge Fans (Legende: Splash! 2019) einen Musiker, der unter anderen Umständen schon zur Kategorie „alter weißer Mann“ zählen dürfte? Noch dazu einen, der zwar die härtesten Typen zu seinen best Buddies zählt, selbst aber lieber soft und melancholisch textet.

Trettmann ist ein Phänomen, seine Alben einschließlich des aktuellen treffen auf so wunderbare wie geheimnisvolle Weise einen Nerv, nehmen Herzen im Sturm und schon länger das vorweg, was Felix Kummer auf seinem Solo gerade erst proklamierte: „Ich mach den Rap wieder weich, ich mach den Rap wieder traurig“ – da war also einer schon deutlich früher dran. Die grobkörnige, grelle Schwarz-Weiß-Ästhetik der Lightshow harmoniert da natürlich prächtig mit dem puristischen one-man-one-mic. Und auch hier versteckt sich wieder so ein kleiner Haken: Man kann wohl davon ausgehen, dass nur wenige im Publikum in der Münchner Platte Hasenbergl oder Neuperlach großgeworden sind, vom fernen Osten und Lichtenhagen, Marzahn oder Fritz Heckert ganz zu schweigen. Und doch werden die kunstvoll aufbereiteten Film- und Fotosequenzen so euphorisch bejubelt, singt die Halle vom grauen Beton und rauhem Jargon, als steckte dahinter nicht die triste, stumpfe Erfahrung beengter Kinder- und Jugendjahre.

Getanzte Widersprüche also überall: Trostlosigkeit vs. Ausbruch, Angst vs. Hoffnung, hier die Liebe, dort die Enttäuschung, zu zweit, allein, Trettmann bringt all das scheinbar mühelos zusammen und in Bewegung. Und ist dabei authentisch, reflektierend und durchaus politisch. Dass er für einen seiner stärksten Songs dieses Jahres, „Stolpersteine“ in Erinnerung an die Aktion von Gunter Demnig, auf jegliche optische Aufwertung verzichtet, macht den noch eindrücklicher, für einen kurzen Moment schleicht sich sogar ein gewisses Unbehagen in den Abend. Ganz kurz nur, denn dann wird wieder gemosht und gefeiert: „Standard“ na klar, „Du weisst“, „5 Minuten“, allesamt mit Videoeinspielern und Gäste-Features, das fabelhafte „Delicious“ und von der alten Scheibe „Knöcheltief“, „Billie Holiday“, „New York“ und mehr. Nicht alles eignet sich gleich gut zum Mitgrölen, manche Passage verliert wegen des lauten Geschreis etwas von ihrer Intensität. Zum Abschluß dann Trettmanns Königsdisziplin, der Rave als Kür – mit „Zeit steht“ und Alli Neumann auf der Leinwand wippt die Menge in die kühle Nacht hinaus, ausgepowert, aber glücklich.

Moderate Rebels: Vor der Katastrophe

Wer jetzt drüben in England einen Song veröffentlicht, tut dies aus zwei Gründen. Entweder er oder sie ist gänzlich ahnungslos und freut sich schon auf Weihnachten. Oder befürchtet für den Freitag dieser Woche eine mittlere Katastrophe. Dann nämlich wird das britische Parlament gewählt und alle Zeichen stehen auf Moptop und den unerträglichen Boris Johnson. Die Londoner Post-Punk-Band Moderate Rebels jedenfalls gehören sicher zur zweiten Gruppe und deshalb kündigen sie nicht einfach nur für 2020 ein neues, drittes Album an, sondern platzieren in die Wahlwoche noch einen Song mit dem Titel "Every Cheat You Meet Sings Love Songs". Dass es hier nur bedingt um die Liebe zum Fest geht, dürfte ein Blick auf den Text klären:

"Beware. Beware of the cheats. Singing you love songs, Sing you to sleep.
People who have… they want you to just relax.
People with the cream, want you to know 'Life is but… a dream'
How come there’s always money, For bombs?
But never any money… For the old, Or the young, Or anyone… who isn’t strong?
Beware. Beware of the cheats. Singing you love songs, Sing you to sleep."

Wann genau der Nachfolger für die letzte Platte "Shared Values" des Quartetts kommt, ist noch nicht verlautbart, hoffen wir mal, sie machen das Erscheinen nicht vom Wahlausgang abhängig. Denn dann wird es doppelt bitter.

Dienstag, 10. Dezember 2019

Shopping: Über alle Grenzen

Sie sind nicht die ersten, die das versuchen, einfacher wird es deswegen nicht: Das Post-Punk-Trio Shopping hat gerade innerhalb von zehn Tagen sein neues Album "All Or Nothing" eingespielt. Und zwar an einem der drei Wohnorte, auf die sich Rachel Aggs, Andrew Milk und Billy Easter jetzt verteilen, als da wären London (Aufnahme), Glasgow und Los Angeles. Dem prächtig flirrenden, schrägen Sound der Band hat die Entfernung dennoch keinen Abbruch getan, die erste Single "Initiative" geht gewohnt zu Sache und gibt - auch optisch - einen ersten Einblick in das Themenspektrum der künftigen Platte: Systemkritik plus Queerness plus Unterhaltung. Der Neuling soll am 7. Februar bei Fat Cat Records dem letzten Werk "The Official Body" folgen, ein paar Livetermine haben Shopping ebenfalls angekündigt.

09.05.  Hamburg, Molotow
11.05.  Berlin, Urban Spree
14.05.  Wien, Fluc Café
16.05.  München, Milla
17.05.  Bern, Reitschule
19.05.  Winterthur, Albani
22.05.  Köln, tba.
23.05.  Offenbach, Hafen 2



Montag, 9. Dezember 2019

Gewalt: Ohne Beipackzettel

Kann man einfach so stehen lassen, braucht man nicht noch mehr markige Worte dazu. Gewalt, also Helen Henfling, Patrick Wagner und Samira Zahidi sagen bzw. singen ohnehin die Erklärung zu Video und Song - ein Stottern, eine Orgie, ein Entgleisen, alles voller Verachtung: "D-D-D-Deutsch". Die neue Single der einzigartigen Band aus Berlin stammt von EP Nummer acht "Deutsch/Nichts in mir ist einer Liebe wert" (This Charming Man), das Video unter Mitwirkung von Band und Schauspielern wie Wilson Gonzalez, Sabine Leibig, Clara Brandenburg uvm. hat Johannes Fink gemeinsam mit dem Trio gedreht.



Sonntag, 8. Dezember 2019

RIN: Raus aus der Umlaufbahn

RIN
„Nimmerland“
(Division/SONY)

Gleich zu Beginn die schlechte Nachricht: Die Platte ist gut, richtig gut sogar. Warum das eine schlechte Nachricht ist? Nun, weil der, der sie schreibt, jenseits der vierzig unterwegs ist. Und weil in der Musik, besonders im Hip-Hop, die härteste Währung noch immer die Akzeptanz bei der Zielgruppe ist. Von den Falschen gelobt kann demnach fast genauso blöd sein, wie von den Richtigen gedisst zu werden, meint: Ein Ankommer bei den Ü40ern ist nicht unbedingt das Erstrebenswerteste, was man sich als angehender Superstar so vorstellt. Aber keine Angst, die Alten finden schon noch was zum Mäkeln und Motzen. Vielleicht wieder mal der Standardvorwurf an Renato Simunovic aka. RIN, dass sein lyrisches Profil, ganz im Gegensatz zum musikalischen, doch ein paar mehr Dimensionen brauchen könnte als Baby, Bitch, Money, Monet und Mona Lisa. Auch in seinem Leben sollte es doch noch ein wenig mehr geben als dunkle Straßen, ferne Träume und einsame Zimmer, cruisen, chillen, lieben und leiden. Ecken, Kanten, Meinung, Haltung – all das, was andere Kollegen manchmal etwas arg demonstrativ vor sich hertragen, vermisst man hier ein wenig.



Warum es trotzdem ein gelungenes Album ist? Nun, es hat das, was man auch bei älteren Generationen als Flow bezeichnet. Es fließt also. Feine Beats, ein sachtes Beben, Federn und Schwingen hier, angemessen wuchtiges Wummern an anderer Stelle. Tracks wie „Fabergé“, „Hollywood“ oder auch „Nirvana“ funktionieren prächtig, bei „Keine Liebe feat. Bausa“ darf der oder die Alte mal den Jungen erklären, dass der Chorus aus Zeiten stammt, wo noch alles Echt war. Und natürlich ist der Remix von „Vintage“ mit dem mittlerweile ebenso greisen Sido noch besser als das Original. Der dicksten Punkt aber macht RIN mit dem Titelsong und seiner Kollabo mit Bilderbuch. Zweigeteilt, erst düster und melancholisch, dann – Einsatz Maurice Ernst – ein abgebremster Ösifunk der besseren Sorte, wunderbar. Im Vergleich zum Debüt „Eros“ ist der Sound jetzt vielleicht etwas klarer, zupackender, möglicherweise aber auch vorhersehbarer geworden. Spannend wäre es, wenn RIN für die Reime mal seinen eigenen Kosmos verlassen würde, raus aus der Umlaufbahn, die nur um ihn selbst kreist. Dann könnte daraus wirklich etwas ganz Großes werden. Dann bräuchte es vielleicht gar keinen Geppetto. Sagt jedenfalls der alte Mann …

13.12.  Stuttgart, Schleyerhalle
31.01.  Köln, Palladium
01.02.  Köln, Palladium
05.02.  Frankfurt, Jahrhunderthalle
06.02.  Berlin, UFO im Velodrom
07.02.  München, Zenith
08.02.  Leipzig, Haus Auensee
09.02.  Wien, Gasometer
12.02.  Nürnberg, Arena Nürnberger Versicherung
13.02.  Hannover, Swiss Life Hall
14.02.  Hamburg, Sporthalle
19.02.  Saarbrücken, E-Werk
20.02.  Münster, MCC
21.02.  Dortmund, Warsteiner Music Hall
22.02.  Zürich, Samsung Hall



Glass Animals: Spitzenreiter

Was für ein Tag! Denn trotz Billie Eilish, Trail Of Dead und den immergrünen Pet Shop Boys geht der Song des Tages an - tadah: Die Glass Animals. Die hochverehrte britischen Rocktruppe hat nämlich gerade ebenfalls einen neuen Track mit dem Titel "Tokyo Drifting" vorgestellt und als ob das noch nicht genug wäre, arbeitet bei diesem kein Geringerer als Denzel Curry mit. Und deshalb klingt das Stück auch genauso wie die Namen vermuten lassen - fantastisch. Wann genau ein Nachfolger für das Album "How To Be A Human Being" ins Haus steht, wissen wir allerdings noch nicht.



Freitag, 6. Dezember 2019

Eliza Shaddad: Vervollkommnung [Update]

Sie kann es also noch immer: Eliza Shaddad, Londoner Musikerin mit sowohl schottischen als auch sudanesischem Wurzeln, hat im vergangenen Jahr mit ihrem Debütalbum "Future" viele Kritiker zu Jubelstürmen hingerissen und war nicht nur hier unter den Top Ten der Albumcharts 2018. Und zwar vollkommen zu Recht, denn ihr wohltemperierter Gitarrensound, der seine Inspiration sowohl im Grungerock der 90er als auch beim Alternativ- bzw. Indiepop der 80er holte, gepaart mit ihrem warmen Timbre, war wie gemacht zur Verzückung. Und natürlich durfte und konnte damit nicht Schluß sein und so kommt heute via Ferryhouse Records erfreulicherweise mit der Single "Girls" der erste Vorgeschmack einer neuen EP, die Anfang kommenden Jahres erscheinen soll. Aufgenommen in der Abgeschiedenheit von Cornwall, erzählt das Stück von einer ihrer ältesten Freundschaften - Shaddad selbst dazu: "Der Song zeigt, wie beängstigend es sein kann, am Rande zu stehen, älter zu werden, jemanden dabei zu beobachten, wie er mit wahnsinnig harten menschlichen Erfahrungen umgeht und von der Unmöglichkeit, Kontakt herzustellen, um zu helfen."

Update: Das Video mit Ausschnitten von einem Live-Auftritt im Londoner Pop Brixton Club ist seit heute draußen ... und ganz aktuell gibt es hier die neue Single "One Last Embrace", ein dunkles, grungiges Stück. Und nun wissen wir auch, dass die neue EP "Sep~Dec" heißen und am 24. Januar bei Ferryhouse Records erscheinen wird.





Donnerstag, 5. Dezember 2019

Caribou: Verdammt viele Bewunderer

Eher eine Seltenheit: Auf der einen Seite ist Dan Snaith ein Musiker, auf den sich sehr viele Menschen einigen können - auf der anderen genießt er durch die Bank mit all seinen Pseudonymen, sei es nun also Caribou, Daphni ode Manitoba, großes Ansehen, weil eben das, was viele ob der Leichtigkeit hören wollen, auch von bestechender Qualität ist, Tiefe, Ausstrahlung besitzt. Man darf also damit rechnen, dass die folgende Nachricht großen Wiederhall findet, denn unter dem Moniker Caribou plant Snaith nun für den 28. Februar via Merge Records die Veröffentlichung seines nächsten Albums mit dem Titel "Suddenly" (Coverart unten), gut fünf Jahre also nach seinem letzten Werk "Our Love". Zwei Stücke gibt es bislang davon, Anfang Oktober erschien die Single "Home" und nun folgt das Stück "You And I". Es würde ebensowenig verwundern, wenn die für das kommende Jahr geplante Tour schnell ausverkauft wäre - er hat einfach verdammt viele Bewunderer.

21.04.  Hamburg, Große Freiheit 36
24.04.  Wien, Gasometer
25.04.  München, Muffathalle
26.04.  Zürich, Kaufleuten
28.04.  Köln, E-Werk
15.08.  Berlin, Zitadelle - Caribou And Friends





Algiers: Mit allen Sinnen [Update]

Ein wahres Bilder- und Soundfeuerwerk dürfen wir heute von Algiers, den Königen des MashUp aus Atlanta, präsentieren. Gerade haben sie die Veröffentlichung ihres dritten Albums "There Is No Year" für den 17. Januar 2020 bei Matador bekanntgegeben. Die Platte folgt dem selbstbetitelten Debüt aus dem Jahr 2015 und "The Underside Of Power" (2017) - eingeläutet wurde sie Ende August mit dem ersten neuen Track "Can The Sub_Bass Speak", einem ziemlich wilden, experimentellen Spoken-Word-Ritt (der laut Stereogum allerdings nicht auf dem Album zu finden sein wird) und der aktuellen Single "Dispossession", zu welcher gerade ein Video erschienen ist. Dieses wurde überaus stark von Sohail Daulatzai in dem Pariser Vorort Noisy le Grand in Szene gesetzt, thematisch geht es im Song wie auch auf dem Album um das Selbstverständnis schwarzer Geschichte und deren Unterdrückung, um Widerstand gegen diese Repression und die Hoffnung auf Besserung. Dass visuelle Gestaltung bei der Arbeit des Quartetts einen großen Raum einnimmt, kann man auch an den Coverentwürfen zu den beiden Songs und dem Longplayer sehen, Parallelen zu den wegweisenden Artworks bei Blue Note Records kommen wohl nicht von ungefähr.

14.02.  Köln, Club Volta
15.02.  Schorndorf, Manufaktur
17.02.  Frankfurt, Zoom
18.02.  Dresden, Beatpol
22.02.  Wien, Flex
24.02.  München, Strom

Update: Und da ist dann das erste offizielle Video, zusammen mit der neuen Single "Void", aufgenommen als Live-Show von Ian Cone.







Mittwoch, 4. Dezember 2019

Bambara: Nichts wird heller [Update]

Dunkel kann dieser Tage nicht nur Nick Cave (obwohl die neue Platte nun wirklich schwer zu toppen ist), auch Bambara aus Brooklyn/New York sind in dieser Hinsicht Spezialisten. Zwar kommen sie mit deutlich mehr Drive als der Altmeister daher, aber es vibriert und schüttelt schon gewaltig. Vor zwei Jahren waren sie mit ihrer Platte "Shadow On Everything" schon mehr als ein Geheimtipp, nun ist für den 14. Februar via Wharf Cat Records der Nachfolger "Stray" angekündigt, von dem die Band behauptet, es sei ein "death-obsessed album". Nun, die erste Single "Serafina" jedenfalls kann es mit den Bad Seeds oder der Birthday Party durchaus aufnehmen, der Rest wird mit Sicherheit nicht weniger spannend.

Update: Und auch die zweite Single "Sing Me To The Street" bleibt eine ziemlich düstere Sache, gibt es hier mit den neuesten Tourdaten für 2020 zu sehen.

25.05.  Köln, Bumann und Sohn
26.05.  Hamburg, Molotow
27.05.  Berlin, Urban Spree
28.05.  München, Sunny Red
29.05.  Mainz, Kulturclub Schon Schön 





Poliça: Bedingt leidensfähig [Update]

"Ohne Leiden keine Kunst" - man hört den Spruch ja in dieser oder jener Form häufig und mag ihn dennoch nicht so recht glauben. Künstler sehen das naturgemäß etwas anders, ob allerdings Channy Leaneagh heute so einfach unterschreiben würde, darf bezweifelt werden. Der charismatischen Frontfrau der amerikanischen Band Poliça nämlich ist dieses Leiden wortwörtlich in die Quere gekommen, 2018 stürzte sie im Winter vom Dach ihres Hauses und zog sich bei diesem Unfall eine ziemlich schmerzhafte und langwierige Verletzung der Wirbelsäule zu. Die Genesung forderte ein Höchstmaß an Geduld und so hatte sie genügend Zeit, den Sinn des Lebens hin- und herzuwenden. Auf Betreiben ihres Arztes gehörte diese psychische Exkursion sogar mit zum Heilungsprozess dazu, in den Linernotes zur neuen Platte "When We Stay Alive", die am 31. Januar 2020 bei Memphis Industries erscheinen soll, liest sich das wie folgt:

“Laying in bed, as I healed from a 10 foot fall of carelessness with my life, I would dream of running in green grass and tears would pour from my eyes. “Running in the tall tear grass; imagine wanting life and the want remains.” That is a feeling to hold onto; that life is worth living even when all the towers are crumbling and this goes beyond my own little accident but the world around me. Following the crone into the sinking ship and having the chance to return without a shadow. Drive on, Drive on. A second chance you won’t forget”.

Diese Ausführungen beziehen sich natürlich auch auf die erste Singleauskopplung "Driving", die wir hier mit einem Video von Isaac Gale verlinken - sanft angetriebener Synthpop, sehr eingängig, die Stimme bestechend zart wie eh und je. Zum Nachfolger der letzten Veröffentlichungen "Shulamith" (2013) und "United Crushers" (2016), beide so persönlich wie politisch, wird es im Übrigen auch eine kleine Clubtour durch Deutschland geben.

16.02.  Frankfurt, Zoom
18.02.  Köln, Artheater
19.02.  Hamburg, Grünspan
25.02.  Berlin, Columbia
29.02.  München, Hansa 39

Update: Nach "Driving" gibt es heute einen weiteren Song vom neuen Album - hier kommt das Video zu "Forget Me Now".





Dienstag, 3. Dezember 2019

Mit Verwunderung nehmen wir zur Kenntnis ... [04/19]

... dass es offenbar immer noch viele Menschen gibt, die ganz genau wissen, was man und frau können, lassen, kennen und vor allem hören muss. Anders ist die Aufregung - bekannt als der Sturm im Wasserglas oder die Legende vom chinesischen Reissack - um ein Latenight-Interview von Jimmy Kimmel mit Billie Eilish aus den letzten Tagen nicht zu verstehen. Der Talkmaster nämlich hatte sie gefragt, ob sie jemals von einer Band namens Van Halen gehört habe - sie verneinte. Die Folge: Ein Shitstorm. Und zwar kein kleiner. Eltern, noch dazu solchen, die selbst gern Musik hören, muß man solche Geschichten nicht extra erzählen, sie erleben sie täglich und leiden deshalb nicht selten. Aber hey, sollte das nicht andersherum genauso funktionieren? Also: Kennste Lizzo, Post Malone, Travis Scott, Lil Nas? Oder auch Bausa, RIN, Bra, Kygo? Zeugt es nicht von unglaublicher Arroganz zu meinen, nur weil etwas alt sei, habe es die nötige Qualität und im Umkehrschluß sei all das, was junge Menschen heute so hören, per se für den Orkus? Eine wirklich wunderbare Antwort ist dazu Wolfgang Van Halen in einem aktuellen Tweet gelungen. Der Junge ist noch keine dreißig, der Sohn von Eddie Van Halen und spielt seit 2006 den Bass bei den legendären Trash-Metallern. Er nämlich sagte: "If you haven’t heard of Billie Eilish, go check her out. She’s cool. If you haven’t heard of Van Halen, go check them out. They’re cool too. Music is supposed to bring us together, not divide us. Listen to what you want and don’t shame others for not knowing what you like." Viel besser auf den Punkt hätte es auch der Nick Cave nicht bekommen - 'nuff said.



Jehnny Beth: Fühlen, nicht denken [Update]

Geunkt hatten ja nicht nur wir, als der Soundtrack zur Serie "Peaky Blinders" erschien, dass mindestens ein Vorgriff auf die Zukunft darauf enthalten war, hier nun die zwar noch unvollständige, aber doch etwas weiterführende Bestätigung: Jehnny Beth, Frontfrau der Savages, hat gerade ihre Solosingle "I'm The Man" geteilt, ein ziemlich garstiges Stück Rockmusik. Der NME redet dann auch von einer bald zu erwartenden Soloplatte, von Beth selbst kommt zumindest ein Hasthag #jehnnybeth2020 und die folgende Erläuterung: "‘I’m The Man‘ ist der Versuch einer Studie über die Menschheit, über das, was wir als böse und den inneren Konflikt der Moral definieren. Weil es viel einfacher ist, Menschen, die offenkundig von Obsessionen geplagt werden, als Monster zu bezeichnen, als sich mit den Gründen zu beschäftigen, die dahinter sichtbar werden. Das Lied hat jedoch keinerlei Verbindung zu einer soziologischen Studie, zu kollektiver Psychologie oder der gegenwärtigen Politik; es ist in erster Linie ein poetisches Werk. Sein Ziel ist es, daß du nicht denkst, sondern fühlst.“

Update: Das Video zur neuen Single, gerade ins Netz gegangen, hat übrigens Anthony Byrne (Peaky Blinders, In Darkness, Videos: Hozier, Rumer) gedreht, zusammen mit einer Jehnny Beth, die vor "Männlichkeit" nur so strotzt...


Montag, 2. Dezember 2019

Hotel Lux: Lügenpresse?

Wenn jungen Menschen über gedruckte Zeitungen singen, dann hat das fast schon etwas Tröstliches. Oder Altmodisches. Auf jeden Fall freut man sich, dass nicht das Display oder der Bildschirm das Thema sind, sondern die auf alt hergebrachte Weise hergestellte Papiergazette. Ehrlicherweise geht es im Song der Londoner Kapelle Hotel Lux - wir hatten sie im letzten Jahr u.a. mit ihrem Song zur Berliner Mauer schon im Programm - auch um die Lügen und Unwahrheiten, mit denen die Presse ja auch aufwarten kann, zumindest die gelbe (oder hierzulande rote). "Tabloid Newspaper" jedenfalls stammt von der EP "Barstool Preaching", die 2020 erscheinen soll. Wenn - ja, wenn diese Nachricht wirklich stimmt...

Sonntag, 1. Dezember 2019

PULS Festival München: Die richtige Entscheidung

International Music, PULS Festival München 2019
Festivals, besonders solche, die drinnen stattfinden, sind für Konzertberichte eine undankbare Sache. Zumindest dann, wenn das schreibende Personal so knapp bemessen ist, dass man nicht in jeden Raum eine/n Beobachter/in platzieren kann. Man muß sich also entscheiden, was es auf gar keinen Fall zu verpassen gilt, wo man sich am günstigsten positioniert. Und das ist gar nicht so leicht, schließlich ist mancher Act erfahrungsgemäß derart gefragt, dass man sich besser schon zur Hälfte des vorlaufenden Gigs in Stellung bringt, um später nicht auf dem Gang mit halbem Ohr versauern zu müssen. Es ist also kompliziert. Randbemerkung: In Sachen Personal würde man sich übrigens gern mal mit dem sonst so umtriebigen und professionellen Veranstalter, dem PULS Radio, unterhalten, dem natürlich wie in jedem Jahr hohes Lob für das ausgewogene Line-Up gebührt. Wäre es nicht langsam an der Zeit, für einen Abend dieser Größe und dieses Renommees endlich mal das leidige Garderobenproblem in den Griff zu bekommen? Es ist mehr als ärgerlich, dass viele Besucher, obschon sie überpünktlich vor Ort erscheinen, die erste Runde an Konzerten verpassen müssen, nur weil sie sich eine geschlagene Stunde in endloser Schlange die Füße plattstehen, endlich in Empfang genommen von einer unterbesetzten und deshalb restlos überforderten Klamottencrew. Also – Winter, Jacken, Massenandrang, das sollte doch zu schaffen sein?



Zurück zur bestmöglichen Ausgangsposition. Die ließ sich diesmal recht schnell am Tresen des sog. Ballrooms finden. Und eben deshalb gibt es hier leider nichts zu den garantiert großartigen Auftritten von Lisa Morgenstern zusammen mit dem Münchner Rundfunkorchester zu lesen, kein Wort auch zu SEDA, MAJAN oder Alice Phoebe Lou. Sehr wohl aber viel, viel Lob für Endlich Rudern, Münchens neuste Hoffnung in Sachen ungezuckertem Indierock. Das Schöne ist ja, dass sich Sänger Max Weigl, Bassist Felix Nagel und Simon Richter am Schlagzeug mit einen Handvoll Songs noch so herrlich unbedarft und sympathisch anfängerisch geben können, einfach drauflos machen und die eng gepackte und jetzt schon mächtig schwitzende Zuschauermenge sofort auf ihrer Seite haben. Zu den leidenschaftlichen Liedern ein paar schüchterne Scherze, drei Geburtstagseinladungen ins Publikum geworfen (es kommt ja wohl sonst keiner?) – wenn sie das durchhalten, müssen wir nicht auf Bamborschkes Isolation Berlin warten, dann gibt es hier in München endlich mal wieder eine erstzunehmende Alternative.



Platzwechsel? Besser mal nicht, denn Pauls Jets wurden in so hohen Tönen gelobt, die möchte man nicht verpassen. Also dageblieben und überraschen lassen. Und zwar von Umme Block, dem Electro-Duo aus München Haidhausen. Sie sind ein ungleiches Paar, die beiden: Zierlich und klein, aber mit gewaltiger Stimme Leoni Klinger, mit kraftvoller Ausstrahlung dagegen Klara Maria Rebers, die sich neben den Beats auch um die Gitarre kümmert. Die dronig wummernden Tracks bewegen sich, zupackend und dunkel schimmernd, irgendwo zwischen Austra und Zola Jesus, mit den live eingespielten Akkorden kommt noch manch reizvoller Ry-Cooder-Moment hinzu. Auch sie stehen noch ganz am Anfang ihrer Karriere, seit vergangenem Jahr sind sie unter dem Namen unterwegs, den man noch immer schwer mit ihrem Sound übereinanderbekommt. Sei’s drum, Mitte Januar soll das Debütalbum „25 Hours“ erscheinen, Ende Dezember schon stehen sie für den Release erstmals als Headliner auf der Bühne.



Kurzer Umbau – Wien wart‘ auf di! Aber eben nicht Wanda, Bilderbuch oder Granada, allesamt schon etablierte Größen des anhaltenden Austrohypes, die, zumindest was die erstgenannten angeht, durchaus schon Spuren von Routine und Beliebigkeit erkennen lassen. Davon jedenfalls sind Xavier Plus (Gesang), Romy Park (Bass) und Josef Hader in jung, als Paul Hochhaus (Drums) noch meilenweit entfernt. Die Pauls Jets spielen einen fibrigen, wunderbar verqueren Impro-Rock, voller Ecken, liebevoll einfacher Posie und ganz viel Energie. Sie sind auch die ersten in dieser Runde, die ihr Repertoire für das knapp getaktete Programm eindampfen müssen, ihr Debütalbum „Alle Songs bisher“ ist im März erschienen und hat mit „Ich will dich lieben, Baby“, „Kannst du noch“ und „Fresha Fruscianteya“ schon eine stattliche Anzahl Hits zu bieten. „Wo stehst du mit deiner Kunst, Baby?“ will der aufgedrehte Xavier unbedingt von der wippenden Crowd wissen und auch wenn bei den dreien noch nicht alles auf Anhieb klappt, wird doch schnell klar, dass mit dieser Frage Großes begonnen haben könnte. Den Konjunktiv werden wir uns bald schenken können.



Nun aber doch noch mal Ortswechsel, schnell rüber in Halle zwei. Denn International Music aus Essen bekommt man hier im Süden nur selten zu Gesicht. Ihr Album „Die besten Jahre“ gehörte zweifellos zum Spannendsten, was 2018 nicht nur in Deutschland zu bieten hatte. Inspiriert vom Post-Punk und den Grauzonenklängen der Neuen Deutschen Welle gab es darauf nicht nur alles zu hören, was trist, düster und bedrückend ist, sondern auch einen ganz eigenen, feinen Humor. Die unvergeßliche Zeile „Knie kaputt, Frisur ist Scheiße, die besten Jahre sind vorbei!“ aus dem wundervollen Stück „Mont St. Michel“ eröffnete denn auch einen der Höhepunkte dieser Festivalnacht – Joel Roters trockenes Schlagwerk markierte den Takt, der Rickenbacker von Pedro Goncalves Crescenti vibrierte mit Wucht und Peter Rubels Stimme ergänzte hohltönend die kontrastreiche, schwarz-grelle Kulisse. Das Programm der drei bewegt sich auf eigenwillige Weise zwischen traurigem Trinklied, melancholischem Klagegesang und zarter, gern mal lakonischer Liebeslyrik und hat offenbar auch in München ein größeres Publikum gefunden – eine gute Nachricht deshalb, dass ein neues Album kurz vor der Fertigstellung steht. Und auch wenn Rubel sich bis Ende des nächsten Jahres verabschiedet, er kommt mit seinem Bassisten schon im Januar als The Düsseldorf Düsterboys in die Rote Sonne. Einmal mehr: Bon Soir, Tristesse!

Pauls Jets, PULS Festival München 2019

Freitag, 29. November 2019

Einhorn: Gewohnt lässig

Sie nehmen wieder Fahrt auf: Einhorn aus Wien haben nach dem Vorabsong "The Chase" und ihrer ersten Single "Longtime" nun die zweite ins Rennen geschickt. "Desirée" ist Softpop allererster Klasse und sowas von 80er - also wieder mal ein Volltreffer (dazu noch der entsprechende Teaser zum Song). "Ich bin dein und will es nicht sein" heißt es im Text und wer unfreiwillige Abhängigkeit so schön tanzen läßt, dem traut man mit dem nächsten Album nach "Galactica" so einiges zu. Noch wissen wir nicht, wie es heißt und wann es kommt, spannend ist es allemal.



Pumarosa: Unbeirrbar

Pumarosa
„Devastation“
(Caroline/Universal)

Es ist jetzt nicht so, dass Pumarosa aus London das zum ersten Mal getan hätten. Meint: Schon auf ihrem vor zwei Jahren erschienenen Debütalbum „The Witch“ haben sie ziemlich viele Töpfe auf dem Herd gehabt, haben dort Jazz, Post-Punk, Gothrock und noch manches mehr angerichtet und schlecht hat das nun wirklich nicht geschmeckt. Dem Konzept sind sie treu geblieben, sie wollen sich noch immer nicht festlegen lassen und probieren lieber, anstatt auf eingefahrenem Wegen das Übliche anzubieten. Und so findet sich auch auf dem zweiten Album eine erstaunlich vielfältige Mischung verschiedenster Stile – wem das nicht Wagnis und Entwicklung genug ist, für den könnte man vielleicht noch die zunehmende Elektrifizierung des Sounds hervorheben. Wir hören also hochmelodiösen Pop wie den des wunderbaren Stückes „Lose Control“, die Single „Into The Woods“ wiederum bietet brachiale, düsteren Riffs aus den 90ern.



Wo „Fall Apart“ und „I Can Change“ mit geloopten Beats geradezu um sich werfen, wirken „Factory“ und „Lost In Her“ bewußt abgebremst und in sich gekehrt. Die Stimme von Sängerin Isabel Munoz-Newsome ist dabei so eindringlich wie markant und befeuert Vergleiche mit Björk oder Portishead, die auch musikalisch zum Humus von Pumarosa zählen dürften. Dass Pumarosa diese Platte veröffentlicht haben, ist beileibe keine Selbstverständlichkeit, Munoz-Newsome bekam vor einem Jahr eine Krebs-Diagnose und hat, so erzählte sie dem Guardian in einem bemerkenswert offenen Gespräch, nach erfolgreicher Behandlung mittlerweile einen Weg gefunden, Kraft und Stärke aus dieser neuen Situation zu ziehen, weniger Kompromisse zu machen, Grundsätzliches zu schätzen. Weniger mutig sind die vier jedenfalls nicht geworden, denn selbst Breakbeats und House finden auf „Devastation“ einen Platz. Ein Album, in mehrerlei Hinsicht erfreulich und immer für eine Überraschung gut.

Donnerstag, 28. November 2019

Beak: Tun und Lassen

Das darf man dann schon mal so sagen: Der Twitter-Account von Geoff Barrow ist ein sehr unterhaltsamer. Was zum einen daran liegt, daß Barrow leidenschaftlicher Brexit-Gegner und Johnson-Hasser ist. Und desweiteren als Musiker (mit nicht weniger Passion) gern die Deutungshoheit darüber behält, wer was wie und warum über seine Musik erzählt. Und wenn er der Meinung ist, Kritik sei ungerechtfertigt und/oder mangelhaft recherchiert, dann kann der Mann ziemlich ungemütlich werden. Selbiges gilt im Übrigen auch für die beiden überdimensional großen Fettnäpfchen, deren Betreten jede/r, die/der mit ihm zu tun hat, tunlichst vermeiden sollte: Wer zum Beispiel behauptet, Barrow sei hauptberuflich Gründungsmitglied bei Portishead und habe seine zweite Band Beak nur als loses Seitenprojekt nebenher am laufen, kann umgehend mit verbaler Prügel rechnen, Geringsschätzung mag er nämlich überhaupt nicht und das betrifft auch die Arbeit seiner Kollegen Billy Fuller und Matt Williams. Ebenso unbeliebt ist die so häufige wie denkfaule (weil eindimensionale) Etikettierung von Portishead mit Attributen wie Trip-Hop oder Bristol-Sound, Bezeichnungen, die sofort ein paar derbe Flüche zur Folge haben. Wer da jetzt an John Cleese und seine Ausfälle bei Fawlty Towers (Stichwort: "Don't mention the war!") denkt, liegt sicher nicht ganz falsch, bei allem Spaß geht es hier aber letztendlich vor allem um eines - Respekt. Worum es wiederum hier geht, sind die beiden gerade veröffentlichten Tourtermine von Beak für das kommende Jahr, an denen die drei u.a. mit ihrer unlängst erschienenen EP "Life Goes On" bei uns vorbeischauen. Das unten aufgeführte Stück "RSI" vom letzten Studioalbum stammt im Übrigen aus einer kürzlich aufgenommenen Live-Session bei Radio Aire Libre in ihrer zweiten Heimat Mexiko.

30.01.  Frankfurt, Zoom
03.02.  Hamburg, Uebel und Gefährlich

Mittwoch, 27. November 2019

International Teachers Of Pop vs. Jason Williamson: Strictly Dance

Jaja, schon klar, das Thema ist jetzt nicht so neu und eine richtig spannende Einleitung fällt uns dazu auch kaum mehr ein - der gute Jason Williamson tut es einfach zu oft. Also, das mit dem Kollaborieren. Scorn, Frustration, Snowy und jetzt das Nerd-Pop-Trio International Teachers of Pop aus Sheffield. Die werden daheim auf der Insel als die neuen Human League gefeiert, was nicht das kleinste Kompliment ist. Leonore Wheatly, Adrian Flanagan und Dean Honer haben erst in diesem Jahr ihr selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlicht, auf dem sich auch der Smash Hit "After Dark" befand. Vor wenigen Wochen kam dann mit "Love Girl" ein neuer Track und nun die Zusammenarbeit mit dem Grantler aus Nottingham für den Titel "I Stole Yer Plimsoles" - feinster Pop, eigentlich ganz und gar nicht Williamsons Sache. Kickt trotzdem.





Dienstag, 26. November 2019

Juliana Hatfield: Wie ein Schlag ins Gesicht

Juliana Hatfield
„Juliana Hatfield Sings The Police“

(American Laundromat Records)

Sie hat es also schon wieder gemacht. Es gibt nicht wenige Künstler*innen, die sehr zurückhaltend dabei sind, die Songs von Kollegen, egal ob bereits verschieden oder noch lebendig, zu covern, die Beweggründe sind verschiedener Art. Mal ist es die Ehrfurcht vor dem Werk der/des anderen, gepaart mit der Angst, die selbstgewählte Aufgabe gnadenlos zu versemmeln. Andere wiederum fürchten das Urteil des eigenen Anhangs – er oder sie habe wohl nichts Eigenständiges mehr zu bieten und müsse sich jetzt mit fremden Akkorden schmücken. Juliana Hatfield dagegen gilt nicht als sonderlich furchtsamer Mensch, die fünfzig überschritten, weit mehr als fünfzehn Soloalben veröffentlicht, mit Gott und der Welt (oder doch besser mit Tod und Teufel?) gemeinsame Sache gemacht – diese Frau kennt kaum einen Zweifel. Schon im vergangenen Jahr schon hatte sie mit einem kompletten Coveralbum überrascht, nahm sich einfach ihre Lieblingslieder der australischen Grease-Legende Olivia Newton-John vor und spielte sie neu ein, seitdem hat man nicht nur die Originale, sondern auch ihre angenehm dreckigen Versionen von „Get Physical“, „Xanadu“ und „Totally Hot“ im Ohr.

Und nun also The Police. Obwohl, eigentlich sollten es ja Phil Collins und Genesis werden, das hat sie gerade der Grammy-Akademie verraten. Doch dann ist sie bei „Long Long Way To Go“ hängengeblieben, bei dem Sting die Background-Stimme beisteuerte und genau in diesem Moment kam ihr die Erkenntnis, dass The Police wohl doch die größere Herausforderung wären. Und so nahm sie sich sowohl deren sattsam bekannte Hits vor als auch eine Reihe unbekannterer Songs, die bislang nur als B-Seiten erschienen sind. Und verpaßte ihnen eine mal mehr, mal weniger gründliche Überarbeitung. Das Oevre der britischen Band ist ja an sich ein recht überschaubares – fünf Alben (allerdings alle von bestechender Qualität) und ein knappes Dutzend Top-Ten-Hits. Letztere sind dann aber, nachdem sie schon zu ihren Glanzzeiten zu Tode rotierten, durch jeden erdenklichen Fleischwolf gedreht und verwurstet worden, woran die Herren Summers, Copeland und Sting wohl auch nicht ganz unschuldig sind. Wie gemacht also, sich daran die Hände zu verbrennen?

Gut, wirklich misslungen ist ihr keines der Stücke. „Every Breath You Take“ und „De Do Do Do, De Da Da Da”, um mal mit den schwächeren Sachen zu beginnen, bewegen sich vielleicht zu nah am Ursprung, da hat sie wenig Neues hinzuzufügen. Ähnliches läßt sich zu „Landlord“, der Rückseite von „Message In A Bottle“ sagen (das wiederum als einziges Schwergewicht auf der Tracklist fehlt), bei dem sich The Police noch so herrlich punky gaben, dass selbst eine Juliana Hatfield nichts mehr draufzusetzen vermag. Die Abmagerungskur aber, die „Roxanne“ erfahren hat, tut dem Stück unbedingt gut, „Can’t Stand Losing You“ federt ziemlich catchy und der lässige Groove von „Canary In A Coalmine“ macht aus dem relativ unbekannten Song von „Zenyattá Mondatta“ schnell den Favoriten der Platte. Wir halten fest: Je größer der Kontrast zum Original, um so reizvoller die Neubearbeitung.

Zur spannenden Frage, warum sie dieses Lied für ihr Album ausgewählt hat und jenes eben nicht, sagte sie übrigens Folgendes: „Ich habe nach Songs von The Police gesucht, die mir wirklich relevant erschienen, sich aktuell anfühlten, so wie "Landlord" und "Murder By Numbers". Diese Stücke entsprachen auch meiner Wut und meinem Gefühl von der Frustration darüber, wie Menschen mit Macht und Geld diejenigen unterdrücken, die nicht darüber verfügen. Es ist das Übel der herrschenden Eliten, das mich so wahnsinnig wütend macht, daß ich sofort jemandem ins Gesicht schlagen möchte – genau diese Empfindung habe ich versucht, musikalisch zu vermitteln.“ Liebeslieder, so meinte sie weiter, wären da einfach nicht drin gewesen. Am Ende bat sie ihr Gegenüber auch noch um die Auskunft, wer denn ihrer Meinung nach am besten dafür geeignet sei, ein Cover-Album mit Juliana-Hatfield-Songs einzuspielen – die Antwort kam ohne langes Überlegen: „R.E.M. Sie würden es wohl nicht tun, aber es wäre eine Traum – ich würde es für den Rest meines Lebens hören!“