Montag, 18. Januar 2021

Tom Jones: Same but different

Okay, zur unserer eigenen Entschuldigung sei gesagt, dass wir mit dem Namen Tom Jones eher das lustvolle "It'n Not Unsusual" aus den späten Sechzigern verbinden, wallendes Brusthaar, Goldkettchen, Schlafzimmerblick, solche Sachen. Und natürlich keinerlei Ahnung haben von den Unmengen an Alben und Hitsingles, die der Mann aus Wales - ursprünglich mal als Staubsaugervertreter gestartet - unter die Leute gebracht hat. Sei's drum, um so überraschender ist dann ein Song wie der "Talking Reality Television Blues", mit dem Jones dieser Tage aufkreuzt und sein neues Album "Surrounded By Time" ankündigt. Besonderheit Nummer eins: Es ist zum größten Teil ein Coveralbum, Jones singt hier die Songs ein, die er als wegweisend für seine gut fünfzigjährige Karriere sieht. Mit dabei also Bob Dylan, Bobby Cole, Cat Stevens, Michael Kiwanuka und eben auch Todd Snider. Dessen Original des Fernseh-Lamentos allerdings klang dann doch deutlich braver und kam mit hübschen Cartoon-Bildchen daher. Womit wir bei der nächsten, faustdicken Überraschung wären - denn Jones hat seine Version als knirschenden Elektroblues eingespielt und mit einer wild flackernden Drohkulisse aus mehreren Jahrzehnten TV-Geschichte versehen. Das erinnert eher an Jack White oder Gil Scott-Heron und läßt den Mann von mittlerweile 80 (!) Jahren in einem komplett anderen Licht erscheinen. Am 23. April wissen wir dann, wie der Rest der Platte klingt.

19.05.  Siegen, KulturPur Festival
21.05.  Berlin, Tempodrom
15.07.  Graz, Stadthalle
17.07.  Wien, Konzerthaus
29.07.  Köln, Roncalliplatz
13.08.  Kiel, Schleswig-Holstein Musik Festival



EUT: Nicht unterzukriegen

Wiedergänger in Sachen gut gemachter Popmusik sind EUT, niederländisches Quintett aus Amsterdam. Seit 2016 spielen Sängerin Megan de Klerk, Tessa Raadman (Gitarre), Emiel de Nennie (Gitarre), David Hoogerheide (Bass/Keyboard) und Jim Geurt an den Drums zusammen, 2019 gab es das Debütalbum "Fool For The Vibes" und kurz danach war bekanntlich schon wieder Schluß mit lustig. Frohnaturen, die sie aber nun mal sind, denken sie gar nicht daran, sich die Stimmung vermiesen zu lassen und nennen deshalb ihre neue Platte einfach "Party Time" (VÖ 19. Februar), ganz so als wollten sie die Welt beschwören, aufzuwachen und endlich wieder zur Normalität überzugehen. Ganz so einfach ist das natürlich nicht, aber wenn man sich den kürzlich erschienenen Titelsong, "Killer Bee" und das gerade nachgeschobene "Cool" anhört, bekommt man nicht übel Lust, schnurstracks alles stehen und liegen zu lassen und wild hüpfend den traurigen Umständen zu trotzen.








Sonntag, 17. Januar 2021

Kino Motel: Viele Möglichkeiten

Karrieremöglichkeiten sollte man sich, auch als vielversprechende/r Musiker*in, immer offen halten, sei es als Filmstar, Produzent oder Ganove - man weiß ja nie, was das Leben noch so bringt. Ed Fraser und Rosa Mercedes sind irgendwie alles in einem. Getroffen haben sich die beiden in einer Berliner Wohngemeinschaft, es folgten gemeinsame Reisen und irgendwo in Vietnam sind sie dann, so wird erzählt, in einer Karaokebar gelandet, wo sie ausgiebig miteinander gesungen haben. Daraus ist wohl der Wunsch entstanden, es doch mit einem richtigen Bandprojekt zu versuchen und so kam es zur Geburt von Kino Motel, einem Trio ergänzt um Drummerin Josefine Rundsteen. Ihre Lust an fremden Welten und Actionkino haben Mercedes und Fraser dann der Einfachheit halber in die Visualisierung ihres ersten offiziellen Songs gepackt und so tauchen beide für das Video zu "Waves" (Oktober 2020) aus geheimnisvollen Gründen in eine düstere Großstadtszenerie, treffen den sonnenbebrillten Boss, Kampfkünstler Cici und andere Gestalten und auch Karaoke spielt eine kleine Nebenrolle. Wen das alles an die Filme von Robert Rodriguez und den staubig-verschwitzten Sound von Tito And Tarantula erinnert, liegt da sicher nicht so falsch, die beiden nennen es dusty melancholic gritty pop. Der Clip zum neuen Song "Simple Desire" soll übrigens als Sequel kommen, wir reichen ihn natürlich nach sobald vorhanden.



Samstag, 16. Januar 2021

Middle Kids: Riesenspaß

Ha, das ist so die Art von Song, bei dem du in der nächsten Sekunde weißt: Ein besserer wird heute und morgen, vielleicht auch die ganze nächste Woche nicht mehr kommen. Die australische Band Middle Kids hat vor einigen Jahren in Sydney zusammengefunden - Sängerin und Gitarristin Hannah Joy, Tim Fitz am Bass und Schlagzeuger Harry Day - und bislang ein Album ("Lost Friends", 2018) und zwei EP zu Buche stehen. Dass das Trio ein besonders Faible für außergewöhnliche Videos und Choreografien hat, konnte man schon länger beobachten, nun haben sie das nächste Album "Today We're The Greatest" für den 19. März bei Domino Records angekündigt und mit dieser Tradition offensichtlich nicht gebrochen. Dafür steht die Filmgeschichte zum Videoclip von "R U 4 Me" und jetzt, ganz aktuell, das fabelhafte "Questions". Lieblingsstück, keine Frage. Der Groove, die Handclaps, die Lässigkeit, Joys umwerfendes Kleid mitsamt dem eigenwilligen Tanzstil, es haut eine schlicht um. Und man kann sich richtig vorstellen, wie beim Entwurf des Storyboards mittendrin jemand rief: "Posaunen, wir brauchen Posaunen!", woraufhin aus der anderen Ecke dagegengehalten wurde: "Und ein Pferd!" Ja, und so wurde es dann eben gemacht. Ein Riesenspaß - mehr davon bitte!





The Notwist: Fragen stellen [Update]

Zu diesen Herren sollte man nun wirklich nicht mehr viel erklären müssen, The Notwist aus Weilheim sind hierzulande eine Institution von internationalem Rang, letzteres können bekanntlich nicht viele Künstler aus Deutschland von sich behaupten. Erst in einer der letzten Ausgaben der Spotlights hatten wir von ihrer neuen EP "Ship" berichtet, der ersten aktuellen Wortmeldung nach dem fabelhaften Studioalbum "Close To The Glass" aus dem Jahr 2014. Nun wissen wir, dass Größeres folgen wird, denn gerade hat die Band um Marcus und Michael Archer die Veröffentlichung einer weiteren Studioplatte namens "Vertigo Days" via Morr Music bekanntgegeben. Und dort finden sich neben besagtem "Ship" noch dreizehn weitere Stücke, so auch Kollaborationen mit Juana Molina, Zayaendo, Ben LaMar Gay und Angel Bat Dawid, was genau für die Art von Vielfalt steht, die man von The Notwist auch als Kuratoren ihrer Festivalreihe Alien Disco kennt. Thematisch will das neue Album einiges in Frage stellen, die Band meint in den Linernotes dazu: "We wanted to question the concept of a band by adding other voices and ideas, other languages, and also question or blur the idea of national identity." Das nächste Beispiel dazu heißt übrigens "Where You Find Me" und kommt hier im Stream.

Update: ...und gleich gefolgt von "Al Sur", eingespielt gemeinsam mit der agentinischen Künstlerin Juana Molina.



Disarstar: Keine Reise [Update]

Über seine Pläne hatten wir ebenfalls erst kürzlich berichtet - der Hamburger Disarstar hatte ja zusammen mit der Veröffentlichung seiner neuen Single "Sick feat. Dazzit" das nächste Album "Deutscher Oktober" angekündigt. Und schickt nun einen weiteren, düsteren Track hinterher - "Australien" ist alles andere als eine Reisebeschreibung für Insta-Junkies, sondern derbe Reimarbeit über fehlende Chancen und verpasste Gelegenheiten, über Ungerechtigkeit und Vorurteile.

Update: Fast verpasst - neuer Track "TRAUMA" feat. Nura, Regie Tim Erdmann ... und nun packen wir noch "Nachbarschaft" obendrauf plus anständigem BILD-Diss und endlich ein Cover.





AUA: Auf Entdeckungsreise [Update]

AUA
"I Don't Want It Darker"

(Crazysane Records)

Auf der Suche nach einer Referenz, um Uneingeweihten diese Musik näherzubringen, stößt man auf ein anderes Duo, dessen Klangkosmos zu Hochzeiten ähnlich umfangreich war, das sich also, um im Bild zu bleiben, ebenfalls in entferntere Galaxien vorwagte. Heißt: Wer AUA meint, darf auch AIR sagen. Denn auch bei den Herren Godin und Dunckel hatte man den Eindruck, sie liebten es, ihre Zuhörer*innen in neue Welten zu entführen und hätten so viel Spaß am Experimentieren, dass sie bewusst jede ihrer Platten mit einem neuen Sound versahen. Nun, AUA haben mit diesem Debüt erst ein Album veröffentlicht, beweisen darauf aber auch schon eine ähnlich große Bereitschaft, verschiedenste Stile miteinander zu kreuzen. So begegnen uns in der halben Stunde Spielzeit wabernde Psychedelia, Krautrockanleihen, Darkwave-Verweise und auch bei Synthpop und Surfrock haben sich Henrik Eichmann und Fabian Bremer ihre Ideen geholt. Sie zeigen sowohl ihre Vorliebe für sphärische Klangflächen ("The Energy Vampire") als auch für den eingängigen, punktgenauen Beat ("Coke Diet"). Und auch der Spaß kommt nicht zu kurz, wenn sich zu den forschen Gitarren von "Umami Karoshi" ganz am Ende noch ein paar irrlichternde Spukgeräusche aus den B-Movies der 60er mischen. Diese wiederum brechen ein wenig die Ersthaftigkeit der beiden Musiker und unterstreichen so die Aussage in der Titelzeile des Albumnamens. Und die wollen wir ja immer noch hartnäckig als Entgegnung auf den altehrwürdigen und maximal eleganten Großmeister der Dunkelheit, Leonard Cohen, verstanden wissen. Diese Platte jedenfalls ist zweifellos ein Kleinod, kurz zwar, aber sehr unterhaltsam.

Update: Gerade kommt ein Video zum Song "FRIENDO" hinterher, gedreht wurde unter der Regie von Nicolai Hildebrandt.





Freitag, 15. Januar 2021

Sleaford Mods: Beharrlichkeit vs. Veränderung

Sleaford Mods
„Spare Ribs“

(Rough Trade)

Auf Netflix gibt es gerade eine sechsteilige Dokumentation mit dem Titel „History Of Swear Words“. Die einzelnen Folgen lauten (kein Scherz!) „Fuck“, „Shit“, „Bitch“, „Dick“, „Pussy“ und „Damn“, moderiert werden die Erläuterungen honoriger Wissenschaftler und bekannter Celebrities von Schauspieler Nicholas Cage. Über den näheren Sinn einer solchen Filmreihe darf gestritten werden, gleich nachdem Cage mit einer Art Urschrei das erste Tabu gebrochen hat – man kann die zartbesaiteten Zuschauerseelchen auf der Couch richtig zusammenzucken sehen, wenn es hier angeblich mal richtig zur Sache geht. Allerdings fragt man sich spätestens nach ein paar Minuten, wo denn in dieser illustren Besetzung Jason Williamson, Frontmann der Sleaford Mods abgeblieben ist – kaum ein Künstler dieser Tage hat das Fluchen so sehr wie er zur poetischen Kunstform erhoben, keinem ist es so sehr Markenzeichen geworden und wollte man seine Songs im amerikanischen Radio spielen, sie müssten wohl als einziger, langer Piepton enden.

Doch natürlich ist das keine wirkliche Frage und schon gar kein ernsthaftes Problem. Denn wo auf der einen Seite der verlogene Grusel einer bigotten Gesellschaft steht, die sich mit solch vermeintlicher Aufklärung kurz mal mutig fühlen will, stehen die Sleaford Mods seit Jahren und immer noch für ehrliche Entrüstung, für anhaltende Wut aus tiefstem Herzen, der Williamson schonungslos grimmige Worte verleiht. Mittel zum Zweck, künstlerische Ausdrucksform also, die Songs des Duos sind nicht prinzipiell böse, sondern weil sich Williamson partu nicht mit den bedauernswerten Zuständen in seiner Heimat abfinden will und mit denen, die sie verschuldet haben. Deshalb greift der Vorwurf der Wiederholung auch für dieses, ihr offiziell sechstes gemeinsames Album zu kurz – denn an der gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Krise in England und Europa hat sich ja nichts wirklich geändert, im Gegenteil, Brexit und Pandemie wirken quasi als Brandbeschleuniger und machen die katastrophalen Mängel um so sichtbarer.



Kein Grund also für Williamson, in seinem Furor nachzulassen, seine Texte mögen weniger laut und proklamatorisch geworden sein, bissig und scharf am Rande des Zynismus sind sie geblieben. Seine Abneigung für die politischen Eliten des Landes gibt es gleich in einer Art Eingangsmonolog zu hören („And we're all so Tory tired and beaten by minds so small“) und findet im Spottgesang auf Johnsons Ex-Berater Dominic Cummings („Shortcummings“) seine treffliche Fortsetzung. Die wunderbare Single „Nudge It“ (eingespielt mit Amy Taylor) rechnet mit Posern und Mitläufern ab, „Elocution“ nimmt Kollegen auf’s Korn, die sich von Staat oder Industrie vor den pseudosozialen Karren spannen lassen. Gnadenlos, bilderreich und pointiert, Williamsons Lyrik, die ja nicht zu Unrecht auch schon diverse Male in Buchform erschienen ist, hat an Facetten eher dazugewonnen und nichts von dem Humor verloren, der auch bereit ist, sich selbst nicht so furchtbar ernst zu nehmen.

Hinzu kommt seine Fähigkeit, das eigene Tun zu hinterfragen, eine Eigenschaft, die gerade in Zeiten selbstgerechter Verurteilungen mittels sozialer Medienschelte verlorengegangen scheint und auch unter Musikern nicht eben häufig ist. Dem Netzportal The Quietus hat Williamson kürzlich ein sehr aufschlussreiches Interview gegeben, in welchem er seltenen Einblick in seine eigene Psyche zulässt, von seinen inneren Kämpfen und Anstrengungen erzählt, wenn es um sein Verständnis von Männlichkeit und das Verhalten Frauen gegenüber geht. So sagte er dort: „We're in such a backdrop of cynicism, I'm just as bad, I've made a living out of it. I'm quite clearly not looking for fucking praise. It means a lot to me to try and understand my attitude towards women and how that has changed in light of the fact that I wanted to change. I've still got a lot of work to do but I don't think I'm as heinous as I was, and I think it's important sometimes to say shit like that isn't it?“ Klare Worte, selten gehört.



Auch wenn sich inhaltlich aus den genannten Gründen nicht nennenswert viel ändern konnte, so haben die Sleaford Mods doch an ihrem Sound einiges gedreht. Der von den beiden eher als einengend empfundene, kantig-harsche Post-Punk weicht seit dem Vorgänger „Eton Alive“ zugunsten minimalistischer Dancetunes, was dort mit dem schwer groovenden „Kebab Spider“ seinen Anfang nahm, kulminiert hier gleich in vielerlei Gestalt, etwa bei „Nudge It“, „Mork N Mindy“, „All Day Ticket“ oder dem technoiden Beat von „I Don’t Rate You“. „We're musicians first and foremost, we're not just angry men, we got into this to write music“, so Williamson in besagtem Gespräch, „we love pop music and I don't see why we can't push it further.“ Das große Kompliment, den Spagat zwischen alt und neu geschafft zu haben, gebührt natürlich Andrew Fearn, der mit „Spare Ribs“ eine bemerkenswerte Arbeit abgeliefert hat. Dazu gehören auch Überraschungen wie das klug und überaus zurückhaltend arrangierte „Top Room“ und der Closer „Fishcakes“, fast ein Zwilling zu „When You Come Up To Me“ vom Vorgänger. Es ist also, in Summe, ein neuerliches Meisterstück geworden. Schon wieder.

Donnerstag, 14. Januar 2021

Shame: Kontrastmittel

Shame
„Drunk Tank Pink“

(Dead Oceans)

Man sagt ja, mit zunehmendem Alter werde der Blick auf die eigene Vergangenheit milder, großzügiger, man könne sogar über Dinge lachen, die früher ernst, unverzeihlich, bedrohlich schienen. Wann genau diese Zeit der Entspanntheit einsetzt, ist allerdings nicht so genau überliefert, je nach Charakter kann das wohl kurze oder eben auch längere Zeit dauern und wer weiß – manche/r schafft’s unter Umständen gar nicht zum buddhistischen Om. Vielleicht wäre es deshalb ja eine Empfehlung, erst gar nicht solche Dinge zu veranstalten, die einem hernach peinlich sind, sich also besser nicht zum Idioten zu machen und Selbstironie früh genug zu lernen? Schon klar, frommer Wunsch. Musiker*innen haben es da nicht eben einfacher, im Gegenteil, sie verleben ihre Jugendzeit bei entsprechendem Erfolg schließlich auf offener Bühne und unter den Augen von tausenden, vielleicht sogar Millionen Mitmenschen, die nicht immer guten Willens sind und im schlimmsten Fall sogar gierig auf jeden Fehltritt warten, einfach weil es so leichter fällt, von den eigenen Schwächen und Fehlern abzulenken. 

Nun, die fünf Jungs der Londoner Band Shame haben, soweit bekannt, so viel noch nicht falsch gemacht in ihrem Musikerleben, im Gegenteil, mit ihrem Debütalbum „Songs Of Praise“ und der darauf ausgelebten rotzig-lakonischen Punkattitüde wurden sie schnell zu Lieblingen der einschlägigen Kritik und zum neuen Aushängeschild britischen Draufgängertums, das die ehemals so coole Nation in Zeiten des zunehmenden Verfalls dringend gebrauchen konnte. Diese Rolle, was Wunder, wollten sie natürlich keineswegs spielen, sie sind zu klug und politisch zu wach, um sich vor irgendwelche Karren spannen zu lassen, auch wenn sie sich bis jetzt mit allzu fetten Parolen sorglich zurückhalten. Was das Quintett um Frontmann Charlie Steen von den Verhältnissen im abgewirtschafteten Königreich, von zunehmender sozialer Schieflage, Nationalismus und den Folgen des Brexits hält, kann man ohne weiteres auch recht deutlich zwischen den Zeilen lesen, dazu bedarf es keiner größeren Anstrengung.

Ihr neues Album „Drunk Tank Pink“ ist dann auch die erhoffte, weil eben doch überaus ernsthaft betriebene Weiterentwicklung in Zeiten, die zur Auseinandersetzung auffordern, selbst im privaten Bereich entkommt wohl niemand den gesellschaftlichen Verwerfungen, die durch die Pandemie bekanntlich noch verstärkt worden sind. Die Songs sind zwar allesamt vor Lockdown und Covid-19 entstanden, dennoch sagte Steen kürzlich dem Independent zur Platte: „It deals with a lot of themes of isolation … Nobody’s not had a time this year where they haven’t felt alone.“ Das also der Grund, warum der jugendliche Leichtsinn des Erstlings verschwunden scheint, Shame klingen jetzt harscher, lauter, auch dichter, die Songs sind komplex und schwer und die Ausgelassenheit, mit der die Bande noch in früheren Videos über Apfelwiesen stolperte, scheint ein für allemal vorbei. Anders also, keineswegs schlechter. 

Aus dem Ärmel geschüttelte Hits findet man auf „Drunk Tank Pink“ kaum, stattdessen die trotzige Härte von Stücken wie „Alphabet“, „Born In Luton“ oder „Great Dog“. Den vibrierenden Funkbass haben sie dagegen nicht vergessen, die Singles „Water In The Well“ und „Nigel Hitter“ sind Post-Punk in bester Tradition, letzteres lässt sich mit bissigem Sarkasmus über den Anspruch der Menschheit aus, die Krone der Schöpfung zu stellen – nur um am Ende doch nur erschöpft und hilflos im Hamsterrad hängen zu bleiben. Die Vielzahl der Facetten und die Kontraste sind es, was dieses Album über Reifung, innere Kämpfe und mentale Widerständigkeit hinaus auszeichnet. Dunkelster Wave, schmirgelnde Gitarren, bratzige Elektronik, die düsteren Gedanken wechseln mit beinahe archaischer Wildheit, Musik aus dem Zwischenstadium. “We were like tourists in our own adolescence in a way“ meinte Steen in besagten Interview - und wir hören und sehen gern weiter dabei zu.

Nation Of Language: Heraufbeschwörer

Einer der bezauberndsten Geheimtipps des vergangenen Jahres war zweifelos die Formation Nation Of Language aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn mit ihrem Longplayer "Introduction, Presence". Kaum eine Band konnte auf so unverschämt charmante Weise liebgewonnene Erinnerungen an vergangene Zeiten heraufbeschwören wie diese, die Stücke hatten allesamt ein umwerfendes Popappeal mit einem gehörigen Schuß Melancholie, dazu die passenden Synthakkorde und Melodien. Was Wunder, wenn wir uns jetzt wieder freuen, wenn sie ihrem Novembersong "A Different Kind Of Life" die nächste Standalone-Single hinterherschicken - hier kommt "Deliver Me From Wondering Why". Wir sind begeistert!



Mittwoch, 13. Januar 2021

Mouse On Mars: Wechselwirkungen

Und noch ein neues Album erwartet uns Ende Februar: Jan Stephan Werner und Andi Toma kennt man eher unter dem Namen ihres fast schon legendären Projektes Mouse On Mars, welches sie 1993 in Düsseldorf (wo sonst) gegründet haben. Über fünfzehn Studioalben zählt ihr Werkkatalog, stilistisch werden die beiden unter Experimentalmusik, Ambient, Avantgardepop, Krautrock und Glitch verortet. Nachdem ihr aktuelles Label Thrill Jockey das letzte Album "Dimensional People" vor drei Jahren veröffentlichte, verlegen sie nun auch das neueste Opus "Anarchic Artificial Intelligence", das sich laut Selbstauskunft, wie der Name bereits verrät, mit dem möglichen Zusammenhang zwischen der Entwicklung künstlicher Intelligenzen und dem gleichzeitigen kulturellen und moralischen Niedergang unserer Gesellschaften beschäftigt. Zwei Tracks kann man bislang von der Platte vorhören - "The Latent Space" und "Artificial Authentic".

Julien Baker: Paperworks

Das passt tatsächlich schön ins Bild: Gerade haben zwei Münchner Schülerinnen, um der Langeweile des Lockdowns zu entgehen und weil sie die Aktion berechtigterweise für eine ziemlich coole Idee hielten, ein komplettes Zimmer in Zeitungspapier eingewickelt - elf Tage, 61 Stunden hat die ganze Sache gedauert und glaubt man ihren Schilderungen, war es ganz gewiss keine einfache Aufgabe. Das kann allerdings nur der Anfang gewesen sein, denn hört man sich die Geschichte von Regisseur Joe Baughman an, dann haben die beiden Damen noch einiges an Herausforderungen vor sich. Der Mann nämlich hat für den animierten Videoclip zum neuen Song "Hardline" der Künstlerin Julien Baker ganze 600 Stunden an Feinarbeit gebraucht und sicher auch Unmengen von bedrucktem Papier dazu benötigt. Baughman ergänzt: "It was a fun and ambitious challenge creating something that could accompany such a compelling song. The style of the set design, inspired by a sculpture that Julien created, was especially fun to work in. I loved sifting through magazines, maps, and newspapers from the ’60s and ’70s and finding the right colors, shapes, and quotes to cover almost every surface in the video." Das Stück selbst findet sich (wie übrigens auch "Faith Healer") auf Bakers nächstem Album "Little Oblivions", das Ende Februar bei Matador erscheinen soll.






The Antlers: Herzen rühren

Drei Platten hat man von dieser wunderbaren Band sofort nach Namensnennung auf dem Schirm (auch wenn sie bislang fünf gemacht haben) und es sind ganz gewiß nicht die jeweils Schlechtesten ihres Jahrgangs: The Antlers, Rockformation aus New York, sind bekannt dafür, dass sie mit Hilfe ihrer zarten, melancholischen und mitunter sehr traurigen Songs die Herzen ihrer Zuhörer*innen über die Maßen anrühren, so geschehen auf ihrem Album "Hospice" aus dem Jahr 2009 und nicht anders auf den Nachfolgern "Burst Apart" (2011) und "Familiars" (2014). Lange Zeit war es ruhig um die mittlerweile zum Duo geschrumpfte Gruppe, nun ist das nächste Werk "Green To Gold" für den 26. März bei ANTI- angekündigt. Schon im vergangenen Jahr teilten The Antlers die Videos zu den Songs "Wheels Roll Home" und "It Is What It Is", nun kommt mit "Solstice" Single Nummer drei mit einem - nun ja, erneut rührenden - Video von Derrick Belcham und Emily Terndrup daher.








Smerz: Herzen springen

All jene, deren Herzen für klug verbastelten, skandinavischen Dancepop schlagen, werden heute besonders gut gelaunt durch den Tag springen, denn gerade das das norwegische Duo Smerz die Veröffentlichung seines Debütalbums "Believer" für den 26. Februar via XL Recordings angekündigt. Gestartet waren Catharina Stoltenberg und Henriette Motzfeldt, wohnhaft im dänischen Kopenhagen, im Sommer 2017 mit der EP "Okey", ein Jahr später folgte dann die 12" "Have Fun" und nun also eine komplette Studiopolatte im Langformat. Schon im vergangenen Herbst durften wir davon 2 mal 2 Proben hören - es erschienen die Vorabtracks "The Favourite/Rap Interlude" und "I Don't Talk About That Much/Hva Hvis", nun schicken sie den Titelsong mit einem Video von Benjamin Barron hinterher.








Dienstag, 12. Januar 2021

LNZNDRF: Weit hergeholt

Ein interessanter Track kommt heute von einer amerikanischen Formation namens LNZNDRF. Hinter der eigentümlichen Abkürzung verbergen sich Musiker zweier bekannter Bands (ergo Supergroup) und zwar Scott und Bryan Devendorf von The National und Ben Lanz und Aaron Arntz von Beirut. Anhand der Mitglieder läßt sich schnell erkennen, dass es hier nicht zwingend um eine heimliche Sympathie für das oberfränkische Städtchen Lanzendorf im Landkreis KLMBCH geht, viel wichtiger ist vielmehr, dass der wavige Post-Punk-Sound der vier an die Arbeiten von Wire erinnert und nun auf dem Nachfolger des selbstbetitelten Debüts aus dem Jahr 2016 seine Fortsetzung finden soll. Am 29. Januar wird also das schlicht mit "II" betitelte Werk via Cargo Records erscheinen, die erste Single nennt sich "Brace Yourself" und ging heute mit einem Video an den Start. Als Beigabe schicken wir noch den Achtminüter "Aguas Frescas" von der letzten EP "To A Lake" (2020) hinterher.





Mogwai: Tatsächlich Liebe [Update]

Auch wenn man's nicht sofort übereinanderbringt - das ist tatsächlich ein neuer Song der schottischen Kapelle Mogwai. Weil aber die Herren um Stuart Braithwaite ohnehin stets Gefallen daran finden, Grenzen zu durchbrechen und Erwartungen zumindest in Frage zu stellen, ist die Nachricht, dass am 19. Februar via Temporary Residence Inc. ein neues Album des Postrock-Quartetts (das mit diesem Etikett ja bekanntlich so seine Schwierigkeiten hat) zunächst einmal eine gute. "As The Love Continues" soll die Studioplatte Nummer zehn heißen und dem 2017er Opus "Every Country's Sun" folgen - es finden sich darauf elf Tracks und "Dry Fantasy" ist einer von ihnen. 

Update: Der neue Song "Ritchie Sacramento" kommt mit einem fantastischen Gamer-Video von Sam Wiehl, der auch schon für Autobahn, Forest Swords und And So I Watch You From Afar Regie führte - die Story zum Song wiederum liest sich laut Stuart Braithwaite wie folgt: "'Ritchie Sacramento's title came from a misunderstanding a friend of ours had about how to say Ryuichi Sakamoto. The lyrics were inspired by a story Bob Nastanovich shared about his friend and bandmate David Berman who proclaimed ‘Rise Crystal Spear’ as he threw a shovel at a sports car. The song is dedicated to all the musician friends we’ve lost over the years."






Jane Weaver: Supervisionen [Update]

Dass Pop im Jahre 20 des neuen Jahrtausends nicht mehr so ranzig (jüngere Menschen sagen gern auch lame) klingt, ist nicht von ungefähr ein sehr weibliches Verdienst - Bat For Lashes, St. Vincent, Feist, Mitsky, Poliça, Grimes, etc. haben daran nicht geringen Anteil und auch Jane Weaver aus Liverpool gehört unbedingt mit zu denen, die unablässig umgestalten und vorantreiben. Ihr letztes Album "Loops In The Secret Society" erschien 2018, nun ist für den 5. März 2021 der Nachfolger "Flock" geplant - gleich die erste Single "The Revolution Of Supervisions" wartet mit feinen Funk-Akkorden á la Prince und dem folgenden Statement auf: "The revolution accidentally happens because so many people visualise the same ideals and something supernatural occurs. Everyone is exhausted with social media, inequality and the toxic masculinity of world leaders contributing to a dying planet."

Update: Eine weitere Single kommt heute mit "Heartlow" und dem dazugehörigen Video von Douglas Hart.




 

Montag, 11. Januar 2021

Four Tet vs. Madlib: Augen und Ohren auf

Da darf man ruhig schon mal vorfeiern: Gerade haben Kieran Hebden alias Four Tet und Rap-Schwergewicht Madlib ein kollaboratives Album namens "Sound Ancestors" angekündigt und es empfiehlt sich, diese Arbeit sehr genau im Blick zu behalten. Nicht nur, weil Hebden ein begnadeter Frickler und Tanzmusiker (sagt man so?) ist, sondern auch, weil vor nicht einmal einem Monat aus traurigem Anlass eine andere Zusammenarbeit Madlibs ins Rampenlicht zurückkehrte, die im Jahr 2004 für Furore sorgte. Da nämlich erschien mit "Madvillainy" ein wahrer Glücksfall von einem Joint Venture zwischen Daniel Dumile aka. MF Doom und Madlib als Produzent - MF Doom ist bekanntermaßen am 31. Oktober 2020 überraschend verstorben. Nun also ein mutmaßlich weiterer Lichtblick, von dem bislang zwei Tracks bekannt sind, einerseits "Hopprock" und zum anderen "Road Of The Lonely Ones", am 29. Januar kommen dann die restlichen vierzehn Stücke auf dem Label Madlib Invazion dazu. Eingrooven? Bittesehr ...

Shame: Raus aus der Zeitschleife

Lust auf eine kleine Reise in längst vergangene Zeiten? Vor gefühlt einigen Jahrhunderten war es möglich, als musikbegeisterter Mensch sog. Konzerte zu besuchen, man drückte sich - kaum vorstellbar heute - zu diesem Zweck, mit einem Bierbecher gewappnet, in dicht an dicht stehende, unmaskierte Gleichgesinnte, ließ sich den Sound der Liebslingsband um die Ohren pfeifen und war glücklich, hernach durchgeschwitzt und halb ertaubt die letzten Euro am Merch-Stand ausgeben zu können. Lang ist's her! Dass solche Momente wiederkehren mögen, darauf hoffen viele, nicht zuletzt dieser Blog, dessen Passion eben auch die Live-Review war (und ist). Deshalb passt es ganz gut, dass gerade nicht nur die Sleaford Mods ihre ersten Termine für ein paar Gigs daheim und in Irland bekanntgegeben haben, sondern auch die fabelhaften Shame zwei Jahre nach ihrer letzten Tour wieder auf Reisen gehen wollen. Am Freitag erscheint bekanntlich zeitgleich mit besagten Mods ihr zweites Album "Drunk Tank Pink", dessen letzte Singleauskopplung "Nigel Hitter" hier gleich noch mit in den Korb kommt.

Wer mag, darf auch gern noch einmal nachlesen, wie sich Shame "damals" so angefühlt haben: "Auch wenn es die politische Weltlage momentan nicht unbedingt vermuten lässt – es gibt mit Sicherheit ein paar Dinge, die wir von den Briten da drüben lernen können. Okay, vielleicht nicht gerade, wie man erfolgreich den Komplettausstieg aus einem Staatenverbund moderiert oder trotz knapper Kassen die Sozialsysteme am Laufen hält, das eher nicht. Aber es ist kein Geheimnis, dass uns die Bewohner des heruntergewirtschafteten Königreichs in Sachen Lässigkeit, Coolness und Humor einiges voraus haben – und das trotz (oder eben weil) sie von ihrer eigenen Regierung, wie auch immer die gerade zusammengewürfelt ist, ein jedes Mal schmählich im Stich gelassen werden. Nehmen wir zum Beispiel die Londoner Kapelle Shame. Würde eine deutsche Band versuchen, ein Video im Stile von „One Rizla“ zu drehen (also einen gut gelaunten Landausflug mit Hindernissen), so sähe das entweder kitschig, albern, verkopft oder einfach nur doof aus ... [weiter]

22.10.  Köln, CBE
26.10.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
27.10.  Hamburg, Knust
05.11.  München, Strom
06.11.  Zürich, Mascotte

Sleaford Mods: Keine Zeit für Poser

Am Freitag dieser Woche kommt sie endlich, die Neue von den Sleaford Mods und wenn die Vorschusslorbeeren diverser Kritiken nicht komplett an der Wahrheit vorbeigehen, dann wird "Spare Ribs" mindestens umwerfend. Was uns erwarten könnte, lässt sich schon aus den drei bislang erschienenen Singles heraushören, meint "Mork N Mindy" mit Billy Nomates, "Shortcummings" und gerade jetzt "Nudge it". Der Track ist von den dreien vielleicht der überraschendste, weil so dermaßen top of the pop wie nur wenige vor ihm - Hammerbeat, feinste Loops, gewohnt bissige Punchlines und als Zuckerl obendrauf noch ein rarer Rap-Part von Amy Taylor aus dem ehrenwerten Hause von Amyl And The Sniffers. Thematisch geht es um eines von Jason Williamsons Lieblingsthemen - die Wahrhaftigkeit. Zu wissen, woher man kommt, zu wissen, wovon man erzählt, Verdammung von Posertum und falscher, dümmlicher Oberflächlichkeit. Here we go!