Mittwoch, 2. Dezember 2020

New Order: Neues und Rares [Update]

Okay, kann sein, dass sich manche/r unter rebellischer Musik vielleicht etwas anderes vorgestellt hat, aber die neue Single von New Order, die heute das Licht der Welt erblickte, heißt nun mal "Be A Rebel", da kann man noch so ratlos die Schultern zucken. Bei den späteren Sachen der Truppe aus Manchester hat man ja zuweilen den Eindruck, sie würden sich in einer Art Challenge mit den Pet Shop Boys befinden - gewonnen hat diejenige Band, welche zuerst als die jeweils andere wahrgenommen wird. Scherz beiseite, ihr letztes Album mit neuem Material stammt aus dem Jahr 2015 und man darf sagen, dass "Music Complete" zweifelsohne zu den besseren Veröffentlichungen des Quintetts gehörte. Die aktuelle Single eröffnet allerdings, soviel ist klar, nicht für eine weitere Platte, sondern für die Nordamerika -Tour, die New Order alsbald nachholen wollen. Dafür steht, das wenigstens entschädigt einen, für Anfang Oktober ein Reissue des Klassikers "Power Corruption And Lies" (1983) ins Haus und dieses wird - Achtung, Vinyl-Lovers! - begleitet von der Veröffentlichung derer vier 12"s, die nicht auf dem Originalalbum enthalten sind, als da wären "Blue Monday" (legendäres Floppy-Disk-Cover!), "Confusion", "Thieves Like Us" und "Murder" (s.u.).

Update: Heute kam nun das Video zur neuen Single um die Ecke, stammen tut es vom spanischen Künstler NYSU, der neben Stücken von Bastille, Archive und den Wild Beasts auch schon "Restless" von New Order bebilderte.





Sleaford Mods: Unzweideutige Widmung

Vielleicht ist das ein wenig ungerecht, aber so richtig wertgeschätzt wird dieses Jahr 2020 im Leben nicht mehr werden, jede/r will nur noch dass es vorbeigeht und am besten wäre es wohl, wenn das blöde Virus gleich mit verschwände. Nun, den Gefallen wird es uns nicht tun, doch zumindest in einer Hinsicht wird 2021 den Vorgänger locker überflügeln - wir werden ein neues Album der Sleaford Mods bekommen! Nun gab es zwar im Mai die wunderbare Retrospektive "All That Glue", doch obwohl auch dort schon neues Material zumindest angespielkt wurde, ist natürlich so eine vollwertige Studioplatte nicht zu verachten. Seit Oktober wissen wir dann auch, dass diese "Spare Ribs" heißen und am 15. Januar erscheinen soll, die erste Auskopplung "Mork N Mindy" als Kollaboration mit Billy Nomates war dann auch schon ein richtiger Treffer. Und nun also "Shortcummings" - eifrigen Leser des berüchtigten Kurznachrichtendienstes ist natürlich bekannt, dass Sänger Jason Williamson, wer könnte es ihm verdenken, ein äußerst gestörtes Verhältnis zu Boris Johnsons ehemaligem Schatten Dominic Cummings, einem der führenden Köpfe des Brexit, pflegt, insofern dürfte der Name des Songs nicht zufällig gewählt sein. Der Sound ist erneut von der knackigen Sorte, zum gewohnt dicken Basslauf gibt es eine feine Gitarrenspur - das Video stammt von Ian Tatham.

Dienstag, 1. Dezember 2020

Haiyti: Verdammt real

Haiyti
„Influencer“

(Hayati Musik)

War die nicht gerade … hat die nicht erst…? Ja, hat sie. Schon im Juli dieses Jahrs gab es von Haiyti eine volle Ladung neuer Songs, „Sui Sui“ hieß die und wenig überraschend war sie richtig gut. Gemäß dem Motto „Irgendwas ist immer“ darf man erwarten, dass einige am Tempo der Veröffentlichungen etwas auszusetzen haben – die gleichen wahrscheinlich, die an längeren Wartezeiten ebenso erwartbar herumnörgeln. Klar sind fünf Monate nicht viel und neunzehn Tracks nicht wenig, den kreativen Output der Wahlberlinerin deshalb vorschnell abzuschenken ist jedoch die schlechteste aller Ideen. Denn klar ist: Noch immer ist Ronja Zschoche eine wie keine, noch immer findet sie kaum Sparringspartner*innen, wenn sie in den Ring steigt. Das Ego riesig, die Punchlines fett, Stücke wie die neuen schreibt immer noch keine außer ihr und selbst die schwächeren sind besser als alles andere da draußen. 

Bezog schon der Vorgänger seinen Reiz aus den düsteren Zwischentönen, den Zweifeln und ungewohnt heruntergebremsten Passagen, geht das aktuelle Album diesen Weg konsequent weiter. Natürlich gibt es sie noch, die knüppelharten Beats und die hastig hektischen Wutwortkasskaden, wo früher 100.000 Fans waren, zählt sie heute „100.000 Feinde“ – kennenlernen will sie trotzdem keinen von ihnen. Und doch ist das Gros jetzt eher dunkler, deeper LoFi-Rap, Haiyti wirkt irgendwie verloren, ja hilflos in ihren Stücken. „Macht kaputt, was mich kaputt macht“ hört man sie singen, aus dem „Serienmodell“ ist ein „On/Off Model“ geworden und glücklich wirkt sie dabei nicht. Frei nach dem Dschungel-Motto „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ taumelt und irrlichtert sie durch die Nacht, der Traum ist aus, die Kehrseiten scheinen – Klunker hin, Money her – zu überwiegen („Star und zurück“/“Holt mich raus“). 

Scheint ganz so, als wäre sie von einer allzu bitteren Realität eingeholt worden, „Zu real“ das alles: „Sie sagen der Weg ist das Ziel, doch ich frag mich, wann komm ich an?“ Die Lichter der Großstadt, sie flackern trügerisch („Tokio“), das Herz brennt wie „Benzin“, nicht mehr lang bis zum Infarkt. Auch wenn in Kielwasser viele Blaupausen hinterherschwimmen, die Zahl der Neider*innen groß ist, wer bitte kann denn hier mithalten, für wen sollte sie wohl „Influencer“ sein, um mal das meistgehasste Unwort auf dem Albumtitel zu zitieren. Eine seltsam schöne Platte in seltsamen, verwirrenden Zeiten, die Gesellschaft sick, der Mob, so klein und doch so laut, am Durchdrehen, kaum ein Stein bleibt auf dem anderen, wir wissen nichts und müssen trotzdem weiter.

Disarstar: Keine Reise [Update]

Über seine Pläne hatten wir ebenfalls erst kürzlich berichtet - der Hamburger Disarstar hatte ja zusammen mit der Veröffentlichung seiner neuen Single "Sick feat. Dazzit" das nächste Album "Deutscher Oktober" angekündigt. Und schickt nun einen weiteren, düsteren Track hinterher - "Australien" ist alles andere als eine Reisebeschreibung für Insta-Junkies, sondern derbe Reimarbeit über fehlende Chancen und verpasste Gelegenheiten, über Ungerechtigkeit und Vorurteile.

Update: Fast verpasst - neuer Track "TRAUMA" feat. Nura, Regie Tim Erdmann.






Viagra Boys: Selbsterkenntnisse [Update]

Diese Art von Selbsteinsicht wünscht man anderen Gestalten auf dem Planeten ebenfalls sehr dringend, nicht zuletzt denen in hohen politischen Ämtern. Aber bei sich selbst damit anzufangen ist bei weitem nicht die schlechteste Idee. Sebastian Murphy, Sänger der schwedischen Punk-Kapelle Viagra Boys, ist keineswegs stolz auf jeden Moment seines Lebens - in der Pressemitteilung zum neuen Album seiner Band, die heute die Runde macht, formuliert er das ungewohnt offen: "We wrote these songs at a time when I had been in a long-term relationship, taking drugs every day, and being an asshole. I didn’t really realise what an asshole I was until it was too late, and a lot of the record has to do with coming to terms with the fact that I’d set the wrong goals for myself." Nun, seinen Humor hat er trotzdem nicht verloren, denn im Clip zur Single "Ain't Nice" (produziert von der Kreativagentur SNASK aus Stockholm) gibt Murphy die übergriffige Nervensäge, die sich mit allem und jedem anlegt - besonders schön, wenn ihn die Kamera aus dem Blickfeld verliert, weil er wieder irgendwo hängengeblieben ist. "Welfare Jazz", so der Name des Nachfolgers von "Street Worms", soll mit dreizehn Songs am 8. Januar bei YEAR0001 erscheinen, die dazugehörige Tour startet wie schon gepostet im Mai.

19.05.  Leipzig, Conne Island
21.05.  Vienna, Flex
23 05.  München, Technikum
24.05.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
25.05.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
30.05.  Köln, Kantine 

Update: Und schon das zweite Video zu einem Song von der neuen Platte - hier kommt "Creatures" mit dem Clip von Eric Kockum, Falco zum Albträumen.






Sonntag, 29. November 2020

DB Armitage: Floating in space

Die sonntägliche Rundreise präsentiert sich heute als eine Art Wechselbad verschiedenster Stile, Sounds und Charaktere: Den Anfang macht die Londoner Künstlerin Dalma Berger, die gerade unter ihrem Pseudonym DB Armitage ihre Debütsingle "Old Bones" veröffentlicht hat. Dem Synthpop der 80er verschrieben, verarbeitet sie in ihrem Song die Lyrics von David Bowies "Space Oddity" und weil es darum geht, das alte Selbst zurückzulassen auf dem Weg zu etwas Neuem, versucht sie dies auch im dazugehörigen Video, entstanden in Eigenregie, choreografisch umzusetzen. Was ihr, wie wir finden, eindrucksvoll gelingt. Der Track wird sich übrigens auf einer für das kommende Jahr angedachten EP befinden.




Benefits: Mitten ins Gesicht

Wir bleiben in England, reisen aus der Hauptstadt in die nordöstliche Küstenstadt Middlesbrough. Von dort stammt die Band Benefits, ein vierköpfiges Kollektiv, das laut Bandcamp seit 2019 eine Reihe spannender Singles veröffentlicht hat. Auch diese sehr elektronisch, im Gegensatz zum vorangegangenen Neuzugang allerdings sehr politisch, sehr aggressiv und mit deutlichen Wurzeln zum Hip-Hop. Die treffendste Beschreibung für ihren Sound liefern Kingsley Chapman, Robbie Major, Hugh Major und Jonny Snowball natürlich selbst: "We write songs about the urgencies that concern us. These songs are loud." In der Tat, denn die aktuelle Single "Traitors" schreit ihre Wut über die gegenwärtigen Zustände dem Zuhörer/Zuschauer direkt ins Gesicht ("We get the future you deserve!"), weiterführende Werkkunde mit "Shit Britain" und "Imperfect" hier vor Ort und ab besagter Seite.
 




Faux Real: Unterhaltung garantiert

Auch London, aber komplett andere Baustelle: Diese beiden Herren hier gehören schon lange mal in einen Post gepackt, heute klappt es endlich mal. Elliot und Virgile Arndt, zwei franko-amerikanische Brüder, haben im Mai dieses Jahres unter dem Namen Faux Real ihre selbstbetitelte Debüt-EP veröffentlicht, die Mischung, die man darauf findet, ist so wild wie ihre Live-Shows. Denn lange, bevor sie ernsthaft Musik gemacht und verkauft haben, gewannen die beiden ihr Publikum schon mit knallbunten Performances zwischen Fetisch-Party, Punk-Attitüde und Karaoke-Event oder - wie sie selbst es sagen würden: "mixing absurdist Frenglish poetry and Stooge-esque self-flagellation with ersatz athletics and improvised quasi-ballet." Das klingt angemessen strange und so ist auch ihre Musik, was für einen garantiert hohen Unterhaltugsfaktor sorgt. Im Übrigen sind sie eine der wenigen Bands, die über einen offiziellen TikTok-Account verfügen. Hier jedenfalls die Videos zu den Singles "Spooky Bois", "Kindred Spirit", "Boss Sweet", "Second Sweat" und als Bonus ein kleiner Live-Eindruck.










International Teachers Of Pop: Nachsitzen

Nummer vier sind nun ganz gewiss keine Newbies mehr, aber auch von der Insel und ein paar Neuigkeiten haben auch sie mitzuteilen: Die International Teachers Of Pop hatten ja im November 2019 einen Song im Programm, der vom angeblichen Diebstahl der Lieblingsschuhe handelte und keinen Geringeren als Sleaford-Mods-Frontmann Jason Williamson als Gast dabei hatte. In diesem Jahr erschien dann das Album "Pop Gossip" und von diesem stammt auch das Stück "A Change", zum welchem die Musikpädagogen nun ein Video präsentieren (wir flankieren hier der Vollständigkeit halber noch mit "Gaslight" und "Femenergy"). Fast zeitgleich erscheint eine Remix-EP mit drei Stücken, Sink Ya Teeth bearbeitet das Wiederhören mit "I Stole Yer Plimsoles", das ebenso bekannte "Flood The Club" kommt in einer Version von Thames Water und "Femenergy" als Honers Linguine And Clams Remix. Auf geht's!







Freitag, 27. November 2020

Shelter Boy: Vielseitig begabt

Letzte Woche BETTEROV aus Thüringen, heute dieser schlacksige junge Mann aus Sachsen - die Tage in Deutschland werden merklich kürzer, kälter und durchaus auch melancholischer. Shelter Boy ist das Projekt des jungen Dresdner Künstlers und Musikers Simon Graupner. Seit ungefähr zwei Jahren ist er einer größeren Öffentlichkeit solistisch bekannt und hat in dieser Zeit zwei EP veröffentlicht. Was nicht heißt, dass er zuvor untätig war - mehrere Jahre hat Graupner schon bei der Band Still Trees als Sänger und Gitarrist gemuckt, nun aber zählen erst einmal die eigenen Sachen. Zuerst war da die 12" "Mirage Morning", gefolgt von "Rock'n Roll Saved My Childhood" und weil sich die Vergleiche aufdrängten und die Welt Etiketten braucht, nannte man ihn fortan wahlweise die angelsächsische Variante von Mac De Marco oder King Krule. Ganz so falsch liegt man dabei mit Sicherheit nicht, schließlich hat es hier neben lockeren Britpop-Grooves auch vorsichtige Jazzelemente, Streichereinlagen und vor allem eine markante Stimme. Im Oktober nun ist seine Single "Calm Me Down" erschienen und die ist wirklich ein veritabler Hit geworden, dagegen gibt sich das aktuelle "Forever You'll Be Known" eher zurückhaltend besinnlich, schließlich geht es um Einsamkeit, Außenseitertum und jugendliche Schwermut. Das Video dazu ist übrigens unter Regie von Philipp Gladsome, Simon Graupner und Jonas Wirth entstanden. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Graupner auch graphisch durchaus talentiert ist, auf seiner Website kann man für wenig Geld eine Reihe seiner Collagen erwerben, der Neustädter Skaterladen Feed My Soul hat sogar für kurze Zeit ein von ihm gestaltetes Board im Sortiment.






Donnerstag, 26. November 2020

Christine And The Queens X Indochine: Neudeutung

Hier mal ein kurzer Gruß aus der Sparte "Was waren das doch für schöne Zeiten!" Klar dass es sich hier nur um die 80er handeln kann. Das Jahrzehnt also, an dem sich die Geister scheiden - für die einen musikalisch so wertvoll wie keines danach, für andere eine verlorene Dekade und einzig den Retromanisten heilig. Zu den wichtigsten Vertretern aus unserem Nachbarland zählten damals bekanntlich Indochine um Nicola Sirkis und Dominique Nicolas. Letzterer ist Mitte der Neunziger ausgestiegen, Sirkis immer noch am Ball. Und hat gerade zusammen mit Heloise Letissier alias Christine And The Queens den Song "3e sexe" vom dritten Album der Band aus dem Jahr 1985 neu eingespielt, jetzt unter dem Titel "3SEX" und als Wiederentdeckung für die Queer-Bewegung gedacht. Und weil schon das Original toll war, ist es natürlich auch das Rework. Zuletzt war von der Französin übrigens die EP "La Vita Nuova" erschienen.



Mittwoch, 25. November 2020

Gazelle Twin feat. NYX Drone Choir: Neuer Kosmos


So ist das wohl, wenn man neue Sachen für sich entdeckt, man taucht in einen komplett fremden Kosmos ein und steht zunächst einmal fasziniert vor der Fülle an Unbekanntem. Gerade so geschehen mit der Musik der britischen Künstlerin Elizabeth Bernholz, bekannter unter ihrem Moniker Gazelle Twin. Experimentelle Elektronik mit Anleihen bei Industrial und Art Pop - so sagt zumindest das allwissende Netz. Bernholz stammt aus Brighton, wohnt aber in Leicestershire, hat in Sussex Musik studiert und (hier schwanken die Angaben etwas) zwischen drei und fünf Platten aufgenommen. Gestolpert sind wir über sie in Zusammenhang mit ihrer aktuellen Single "Fire Leap", eingespielt gemeinsam mit dem NYX Drone Choir, den man sich wiederum nach eigenen Angaben als Mischung aus Le Mystére De Voix Bulgares, Holly Herndorn und SUNN O))) vorstellen kann. Und natürlich gibt es entsprechende weiterführende Notizen zu dem siebenminütigen Stück beim für solche Sachen zuständigen Fachportal The Quietus: Das dazugehörige, kollaborative Album wird "Deep England" heißen, der eigentlichen Aufführung des Projektes in der Londoner Queen Elizabeth Hall in 2019 folgen und am 19. März 2021 erscheinen. Desweiteren steht geschrieben, dass sich darauf Kompositionen des NYX-Chores, von Paul Giovanni und William Blake befinden sollen, der Sound wird als eine Art elektronisch-chorale Fortsetzung des letzten Studio-Albums "Pastoral" beschrieben. Grund genug, bis dahin noch etwas tiefer in das bisherige Werk einzutauchen und natürlich angemessen neugierig zu bleiben.







Arab Strap: Zeichen der Zeit

Das ist jetzt gar nicht bös gemeint, aber wenn man sich Aidan Moffat und Malcolm Middleton von Arab Strap so ansieht, im Park mit Parka, Bart und Strickmütze, dann weiß man mal wieder, wie schnell die Zeit vergeht. Auf der Suche nach aktuellen Fotos fallen einem naturgemäß auch ein paar frühere in die Hände und ja, wie wir alle, haben sich auch die beiden Schotten optisch ein wenig verändert. Doch darum geht es hier nur am Rande - viel wichtiger ist, dass das Duo aus Falkirk für den März des kommenden Jahres ein weiteres Album angekündigt hat. Erst vor einem Monat gab es ja die feine Single "The Turning Of Our Bones" samt Splattervideo zu hören/sehen, nun folgt neben Plattentitel "As Days Get Dark" und gelungenem Coverartwork ein zweiter Track namens "Compersion #1".





Nadine Shah: Die Unruhestifterin [Update]

Nadine Shah
„Kitchen Sink“

(Infectious Music)

Schon verwunderlich, dass große Supermarktketten für Künstler*innen nicht längst Aufkleber haben produzieren lassen, auf denen sie ihre Kunden mit folgendem Hinweis zu warnen: „Achtung – der übermäßige Genuss dieses Produktes könnte sie nachhaltig verunsichern!“ Klar wäre dann: Nadine Shah, gebürtige Britin mit norwegischen und pakistanischen Wurzeln, hätte sich ein Dauerabonnement darauf ehrlich verdient. Und würde sie wohl als Auszeichnung verstehen. Seit sie ihre Karriere 2012 mit der EP „Aching Bones“ startete, hat sie sich in punkto direkter Ansprache und bitterbösem Sarkasmus nie zurückgehalten, schon auf ihren beiden Alben „Love You Dum And Mad“ (2013) und „Holiday Destination“ (2017) beschäftigte sich die streitbare Frau mit Themen wie Feminismus, Antiislamismus, Flüchtlingselend und Rassenhass. Toxische Männlichkeit in Verbindung mit überkommenen weiblichen Rollenbildern – hier als angeborene, tradierte Allmachtsfantasie, dort die Unterordnung, das Schamgefühl und der Rückzug – all diese Auswüchse und Verirrungen gelten ihr als dauerhafte Angriffsziele und gerade die neueste, dritte Platte „Kitchen Sink“ ist voll von wütenden Grußadressen.



„If anyone takes offence to anything on Kitchen Sink, they’re the one with the problem, not me“, hat sie gerade dem Guardian gesagt und es ist anzunehmen, dass viele Menschen beim Anhören der Platte – auch wenn sie in ihren Texten vieles bewusst pointiert und überhöht – durchaus das mulmige Gefühl beschleicht, ertappt worden zu sein. Schon das Cover spricht Bände: Sorgsam arrangierte Langeweile im Stile der Dinnerparties der 60er, brav, öde, traurig (als Deutsche/r würde man wahrscheinlich noch Mettigel und Erdbeerbowle ergänzen). „Ladies for babies and goats for love“, heißen die beißenden Zeilen dazu, aufgegeilter Jagdinstinkt trifft servile Gefügigkeit, so soll es laufen, so macht es Spaß. Man hat die Bilder dazu vor Augen und sie stammen nicht unbedingt aus der miefigen Spießerhölle vergangener Jahrzehnte, man findet sie ebenso hinter den Vorhängen gutbürgerlicher Reihenhäuser. Dort also, wo die Gerüchte aus den Spülbecken wabern wie giftige Dämpfe – schöner Reim dazu: „Don't you worry what the neighbours think, they're characters from kitchen sink, forget about the curtain-twitchers, gossiping boring bunch of bitches“ („Kitchen Sink“).



Und das alles mit tiefer, ungemein sinnlicher Stimme vorgetragen, wir sind durcheinander, David Lynch läßt freundlich grüßen. Shah wäre also nicht die Kämpferin, wenn sie nur die Männer im Blick hätte, auch ihresgleichen bekommt ordentlich was zum Nachdenken. So singt sie in „Trad“ (Update: Video) von der mutlosen Genügsamkeit, mit der sich manche Frau aus Angst vor Alter und finanzieller Notlage in den Ehe-Kokon zurückzieht, unzufrieden, lustlos, aber abgesichert. „Shave my legs, freeze my eggs, will you want me when I am old? Take my hand, whilst in demand and I will do as I am told“, heißt es dort, und weiter: „Take me to the ceremony, make me holy matrimony“. Natürlich weiß Shah um die Sorgen und Nöte der Frauen, wenn sie ihnen ins Gewissen redet. Der Song also eher ein Spiegel, der zeigen soll, wohin Bequemlichkeit und Kapitulation führen können. Der Sound dazu ist im Übrigen nicht weniger spannend, mal jazzig groovende Bigband, mal dreckiger, elektrischer Blues, auch Piano und Blockflöte dürfen nicht fehlen. Eine Platte, die Unruhe stiftet, aufwühlt, antreibt. Sicher nicht das Schlechteste für all jene die meinen, der Kampf sei schon gewonnen – auf welcher Seite auch immer.

For Those I Love: Nach dem Schmerz [Update]

Das könnte noch interessant werden. Na ja, eigentlich ist es das schon, aber weil wir von David Balfe noch nicht so wahnsinnig viel wissen, bleibt es vorerst beim Konjunktiv. Der Junge aus dem Norden Dublins hat vor einigen Jahren mit der Musik begonnen, damals noch gemeinsam mit seinem besten Freund Paul Curran. Als dieser 2018 auf tragischer Weise zu Tode kam, zog sich Balfe in seinem Schmerz komplett zurück und nahm Unmengen von Songs auf - die Soundskizzen und Demos kann man sich heute in einem siebenundvierzigminütigen Zusammenschnitt mit dem Titel "Into A World That Doesn't Understand It, Unless You're From It" anhören (siehe unten und Bandcamp). Das Projekt, unter dem Balfe seit dieser Zeit firmiert, nennt sich For Those I Love und nachdem er unter diesem Pseudonym vor einem Monat mit dem ersten offiziellen Track "I Have A Love" debütierte, schickt er nun die Single "Top Scheme" an den Start, ebenfalls ausgestattet mit eine selbstgedrehten Videoclip. Das dazugehörige, selbstbetitelte Album ist für nächstes Jahr via September Recordings in Planung.

Update: Hatten wir schon erwähnt, dass es von "I Have A Love" einen feinen Overmono-Remix gibt?









Arlo Parks: Mit langem Anlauf [Update]

Was die gerade erwähnte Nilüfer Yanya schon geschafft hat, steht dieser Künstlerin noch bevor. Und doch ist wohl mit einem ähnlich durchschlagenden Erfolg zu rechnen: Denn Arlo Parks, ebenfalls in London daheim, hat mit ihren bislang erschienenen Songs die Kritik derart verzaubert, dass die Erwartungen nicht gerade klein sein werden, wenn im Januar ihr Debütalbum "Collapsed In Sunbeams" erscheinen wird. Gerade veröffentlichte die junge Songwriterin den Song "Green Eyes", der zusammen mit Clairo entstanden ist, erst kürzlich waren von ihr die Stücke "Black Dog" und "Eugene" im Netz aufgetaucht. 

Update: Mit "Caroline" gibt es heute einen neuen Song vom Debüt zu hören.






Dienstag, 24. November 2020

Masha Qrella: Vertontes Vermächtnis

Es gibt immer noch Nachrichten, die einen unvermittelt erwischen und sogleich elektrisieren. Wie die des Berliner Labels Staatsakt. Dort nämlich wurde gerade bekanntgegeben, dass die Künstlerin Mariana Kurella, besser bekannt unter ihrem Pseudonym Masha Qrella, im Februar kommenden Jahres eine neue Soloplatte veröffentlichen wird. Wer die Arbeiten dieser umtriebigen Musikerin und Songschreiberin kennt, dem/der wird dies allein schon zur Vorfreude reichen, wirklich spannend aber sind die Notizen zu Inhalt und Entstehungsgeschichte des Doppelalbums. Denn das neue Werk fußt auf einer literarischen Entdeckung und Leidenschaft - Kurella hat vor ungefähr acht Jahren den biografischen Roman "Ab jetzt ist Ruhe" der Autorin und Radiomoderatorin Marion Brasch in die Hände bekommen und darüber nicht nur die beeindruckende und bewegte Lebensgeschichte der ganzen Brasch-Familie wiederentdeckt, sondern auch einen neuen Zugang zum lyrischen Werk des großen ostdeutschen Poeten Thomas Brasch gefunden. Und das wiederum hat einen so nachhaltigen Eindruck bei ihr hinterlassen, dass sie nun ihren elektronischen Postrock-Sound mit Braschs Texten kombiniert.

Herausgekommen ist "Woanders" - siebzehn Stücke in deutscher Sprache, die von Entfremdung, Suche nach Orientierung und Halt, von Verlorenheit und deutscher Tristesse erzählen. Und die sie 2019/2020 auch schon diverse Male live aufgeführt hat. Unterstützt wurde sie bei dem Projekt und den folgenden Studioaufnahmen nicht nur vom Suhrkamp-Verlag, sondern musikalisch auch von Chris Imler, Tarwater und Andreas Bonkowski, am Mikrophon waren u.a. Dirk von Lowtzow und Andreas Spechtl zu Gast und selbst Marion Brasch hat einen kurzen Text beigesteuert. Jedem und jeder, der/die sich etwas eingehender mit Braschs Gedichten, mit seinem Leben und der dazugehörigen Tragik beschäftigt hat, vielleicht sogar das Glück hatte, Marion Braschs Lesereise-Performance oder vielleicht sogar einen von Kurellas Auftritten in den letzten Monaten zu erleben, wird sofort klar, dass dieses Unterfangen ein ungemein schwieriges gewesen sein muss. Zugleich kann auf diese Herausforderung, quasi als die Summe der einzelnen Teile, nur Beachtliches, Wunderbares in Form ebenjener Veröffentlichung folgen. Einen ersten Vorgeschmack bietet die Vorauskopplung des Stückes "Geister", wie man vom Label erfährt, geht Masha Qrella mit dem kompletten Programm, sobald es die äußeren Umstände denn erlauben, nochmals auf eine ausgiebige Clubtour. Wir können's kaum erwarten!

Immer noch legendär - Thomas Braschs Rede zur Verleihung des Bayerischen Filmpreises 1981 aus den Händen von Franz Josef Strauß, so auch zu sehen auf Marion Braschs Leserreise im vergangenen Jahr.

Montag, 23. November 2020

LIINES: Gute Wahl

Über Coverversionen, insbesondere über die von Joy Division, der wohl berühmtesten Post-Punk-Band aus Manchester, ließen sich Doktorarbeiten verfassen und weil es nichts gibt, was es nicht gibt, liegen sicher schon ein Dutzend davon in den Hochschulen und Universitäten dieser Welt. Unbestritten wird sich aus diesen herauslesen lassen, dass "Love Will Tear Us Apart" der mit Abstand beliebteste Song ist, wenn es um das Nachspiel geht - wer sich die Mühe machen will, kann ja mal auf der Fan- resp. Funfacts-Seite joydiv.org nachzählen. Ziemlich weit abgeschlagen jedenfalls landet "Shadowplay" auf der Liste, was den nicht zu unterschätzenden Nebeneffekt hat, dass man das Stück sehr wohl noch hören kann, aber LWTUA schon fast zu Tode gespielt ist. Sei's drum, einen schlechten Song von Joy Division gibt es - um das Sprichwort oben mal in seine Schranken zu weisen - ohnehin nicht und wenn eine Band aus Manchester selbst ein Rework zum großen Kanon beisteuert, ist Zuhören Ehrensache. Erst Recht wenn es die LIINES sind - diese haben nämlich kurz nach Veröffentlichung ihrer neuen Single "Sorry" dem Radiosender XS besagtes "Shadowplay" für die Serie Manchester:Covered überlassen. Halb so lang wie das Original und zehnmal besser als der matte Versuch der Killers vor ein paar Jahren. Den noch verbliebenen Mitgliedern von Joy Division sollte die Version gefallen.





Sonntag, 22. November 2020

Dry Cleaning: Fortsetzung folgt

Von der Londoner Post-Punk-Kapelle Dry Cleaning haben wir hier noch ihre Debüt-EP "Sweet Princess" aus dem August vergangenen Jahres zu Buche stehen. Nun, zwischen dieser Meldung und heute liegen, dem doofen Virus sei Dank, bekanntlich Welten, vieles hat sich geändert und das meiste nicht unbedingt zum Besseren. Wenigstens haben die vier Freund*innen mittlerweile ihr erstes Album fertig, ihr Label 4AD zumindest schickt mit "Scratchcard Lanyard" einen ersten Vorgeschmack samt Video von Rottingdean Bazaar ins Rennen, mehr Informationen werden in Kürze erwartet. Vorhang auf!




Lael Neale: Die Summe der einzelnen Teile

Bevor die neue Woche mit ihrer Hektik wieder hereinbricht, hier noch ein Fundstück aus dem Netz, zufällig aufgegabelt und gleich für schön befunden: Die Künstlerin Lael Neale hat in den letzten Jahren eigentlich Los Angeles als Wohnort favorisiert, auch wenn sie eigentlich aus Virginia stammt. Die puristischen, akustischen Folksongs waren ihr Ding, auch und gerade auf ihrem Album "I'll Be Your Man" aus dem Jahr 2015. Eigentlich. Denn nun ist sie wieder auf den Hof der Eltern zurückgekehrt, dreht dort fleißig Videofilme und nimmt Songs auf, die etwas anders klingen als gewohnt. Das liegt zum einen an Guy Blakeslee von der Band Entrance, der ihr bei den Arrangements zur Seite steht und zum anderen Teil auch an einem elektronischen Gerät namens Omnichord, mit welchem sie seit einiger Zeit arbeitet. Alles zusammen lässt sich bei den beiden Songs bestaunen, die ihr neues Label Sub Pop bislang veröffentlicht hat - vor einigen Wochen "Every Star Shivers In The Dark" und nun aktuell der nicht weniger schöne Track "For No One For Now". Dranbleiben Ehrensache.