Freitag, 14. Juni 2019

Little Simz: Reichlich Nacharbeit

Wem dieser Name nicht geläufig ist, der hat wahrscheinlich gleich mal ein ganzes Genre verpasst: Die junge Londonerin Little Simz gilt als eine der großen Hoffnungen des Grime, im Frühjahr hat sie mit "Grey Area" eine der verheißungsvollsten Platten zum Thema herausgebracht. Doch selbst, wem das jetzt noch nicht geläufig war, hat noch Zeit, entsprechend nachzuarbeiten. Denn gerade ist das Video zur Single "101FM"erschienen, begleitet von einem Dub-Rework von Toddla T plus Gasteinsatz Spragga Benz. Hinzu kommen vier herbstliche Clubtermine, es gibt jetzt also wirklich keine Ausreden mehr.



Joy Division: Feierliche Zweitverwertung

Nein, die Qualität und die Ausnahmestellung dieser Platte steht hier nicht zur Disposition. Man darf darüber diskutieren, auf welcher Position man "Unknown Pleasures", das Debütalbum von Joy Division, in die All-Time-Favourites einsortiert (bei MPMBL ist es Platz 5), daß es unter den ersten zehn Platten zu finden sein sollten, ist eher unstrittig. Diskutabel ist eher die Idee der verbliebenen Band, das 40-jährige Jubiläum des Jahrhundertwerkesaus dem Jahr 1979 mit einer Videocompilation zu feiern - jeder Song mit einem neuen Clip von ausgewählten Regisseuren. Der offizielle Name des Projektes lautet "Unknown Pleasures: Reimagined", den Anfang machen heute die Isländer Helgi And Hörður zu "I Remember Nothing". Es folgen weiter Arbeiten u.a. von Stephen Morris, Matt Everitt, Orian Williams (einem der Produzenten des Biopics "Control" von Anton Corbijn), Feargal Ward und Adrian Duncan, flankiert wird die Aktion von einem weißverpackten Reissue des Albums auf rotem 180-g-Vinyl.





Sleater-Kinney: Im Zentrum des Chaos [Update]

Preschen wir doch schon mal vor, weil das Foto so gut ist: Die Nachricht, dass Sleater-Kinney ein neues Album fertig haben und dessen Veröffentlichung für die nächste Zeit planen, steht ja schon geraume Zeit im Raum, nun gibt es zum Website-Relaunch mit den Schlagworten "Unfuckable. Unlovable. Unlistenable" auch noch ein paar via Reddit geleakte Infos, die wir nicht vorenthalten wollen - die Platte soll angeblich "The Center Won't Hold" heißen, die erste Single wiederum ist mit "Hurry On Home" schon gefixt und ein kurzes Statement von Carrie Brownstein zur VÖ gibt es auch schon: "We’re always mixing the personal and the political but on this record, despite obviously thinking so much about politics, we were really thinking about the person — ourselves or versions of ourselves or iterations of depression or loneliness - in the middle of the chaos." Wir können's kaum erwarten.

Update: Faktencheck zum neuen Album - "The Center Won't Hold" (Coverart unten) soll am 16. August erscheinen und wurde von Annie Clark aka. St. Vincent produziert. Die zweite Single nennt sich "The Future Is Here" und kommt heute mit Lyric-Video, darüberhinaus stehen für das nächste Jahr die ersten beiden deutschen Konzerttermine fest.

18.02.  Berlin, Astra
22.02.  Frankfurt, Batschkapp





Donnerstag, 13. Juni 2019

Skepta: Darüberhinaus

Skepta
„Ignorance Is Bliss“

(Boy Better Know)

Da hat sich dann schon etwas geändert: Nicht nur, aber gerade im Hip-Hop bestimmt der Markt offenbar mehr und mehr die Vorherrschaft – vorbei die Zeiten, da mehrere Stile und Subgenres zur gleichen Zeit erfolgreich sein konnten, sich jede und jeder ausprobieren durfte, mit der gleichen Chance, gehört zu werden. War gestern Trap das große Ding, hörte man nur noch diesen, weil heute Grime in der Gunst ganz oben steht, werden andere Sachen ausgeblendet. Wer da nicht mitmischt, wird auch nicht wahrgenommen. Möglicherweise lernen wir hier gerade schmerzlich das Diktat der algorithmenbasierenden Playlisten für Stream und Radio kennen, die Außenseiter nicht dulden, sondern nur noch am Mainstream entlang optimieren. Nichts, worüber sich Joseph Junior Adenuga aka. Skepta jetzt den Kopf zerbrechen müßte, schließlich reden wir hier von einem der dienstältesten Grime-Stars der britischen Insel und noch dazu von einem der wenigen, der als Europäer (ähem…) selbst in der Wahlheimat des Rap, den USA, seine Credibility sicher hat.



Sein aktuell fünftes Album ist denn auch in der derzeitigen Vielzahl an Neuveröffentlichungen eine feste, verlässliche Größe (mit dem Vorgänger „Konnichiwa“ hatte er übrigens 2016 den renommierten Mercury Prize gewonnen), giftige Punchlines, dronige Synthloops, knackige Beats und reichlich heimisches Gastpersonal wie J Hus, Nafe Smallz, Lancey Foux und Wizkid. Thematisch sind wir natürlich bei allem, was England gerade durchlebt, -kämpft und auch -leidet, es geht um gesellschaftliche Abgründe, um den immerwährenden Kreislauf aus „sex, money, murder“, der vielen keine Chance läßt und den er, behauptet Skepta im titelgebenden Track „Going Trough It“, schon überwunden hat. Ebenso oft allerdings haben auf dem Album neben dem politischen Frust aber auch zwischenmenschliche Themen Platz, Stücke wie „Love Me Not“ oder „Same Old Story“ sind beste Beispiele dafür. Die größte Kunst – wenn man es denn will – ist es vielleicht, sich aus den dreizehn Songs den Favoriten zu suchen, heißeste Empfehlung von uns jedenfalls „No Sleep“ mit dem Maschinenmusik-Intro aus Depeche Modes Großzeiten Anfang bis Mitte der Achtziger. Da gelingt dem Mann eine wirklich beachtliche, generationsverbindende Schleife, Folge: Bonuspunkt.

21.07.  Gräfenhainichen, Melt Festival



Marika Hackman: To Hell mit Problemzonen [Update]

Sie ist nicht als besonders ängstliche Frau bekannt, dennoch ist dieser Schritt ein beachtlicher: Marika Hackman, britische Songschreiberin, zeigt sich auf dem Cover ihres neuen Albums "Any Human Friend" in ungeschminkter Nacktheit, sie zwingt zum Hinschauen, zur Auseinandersetzung. In Zeiten, da selbst Kinofilme schon nachbearbeitet und -geschönt werden und das Frauenbild in der Musik- und Modebranche noch immer von durchgestylten, geglätteten Normkörpern dominiert wird, ist das ein Schritt, den man ihr nicht hoch genug anrechnen kann. Denn den Mut, sich auf diese Weise der Öffentlichkeit auszusetzen und einen Fick daruf zu geben, was wer als angebliche Problemzonen definiert, traut sich nicht eine jede (und ein jeder schon gleich dreimal nicht), Lena Dunham läßt grüßen. Der Nachfolger von "I'm Not Your Man" (2017) wird am 9. August bei Sup Pop erscheinen, die erste Single "I'm Not Where You Are" kommt schon heute samt Video von Will Hooper (Idles, Our Girl).

Wer sich für Marika Hackmans Erklärungen zur Cover Art ihrer Platte - das Foto stammt von Joost Vandebrug und ist auf Inspiration der Künstlerin Rineke Dijkstra entstanden - interessiert, kann gern ihre Auskünfte auf der Website des Labels nachlesen. Dort kann man im Übrigen auch das lachsfarbene Vinyl samt Unterbuchse und Schweinchensticker ordern.

Update: Mit "The One" kommt heute ein zweiter Song vom neuen Album dazu, über den sie selbst laut DIY sagt: "Probably the poppiest song I've ever written."





Mittwoch, 12. Juni 2019

LIFE: Heilige Dinge

Wer sein erstes Album "Popular Music" nennt, der hat schon mal eines: Humor. Und den nötigen Abstand zum eigenen Werk. LIFE aus dem englischen Hull jedenfalls würden wohl beides unterschreiben, 2017 ist ihr Debüt erschienen und über Nachfrage können sich die vier seitdem wohl kaum beklagen. Vor einigen Wochen hatten wir hier ihre neue Single "Moral Fibre" vorgestellt, dieser gesellt sich nun eine weitere hinzu plus Ankündigung für ein weiteres Album. Am 20. September wird "A Picture Of Good Health" (Coverart unten) bei Afghan Moon (PIAS) erscheinen und "Hollow Thing" nennt sich die besagte Auskopplung.



Eşya: Das menschliche Dilemma

Eşya
„Absurdity Of ATCG (I)“

(Bandcamp)

Ayşe Hassan ist keine, die etwas verpaßt, keine, die etwas unversucht läßt. Der Job als Bassistin bei der Londoner Post-Punk-Formation Savages füllt sie ganz gewiß nicht aus, schon länger arbeitet sie deshalb an/in verschiedenen Projekten. So spielt sie gemeinsam mit Kendra Frost bei Kite Base, kollaborierte unter dem Namen 180dB mit Nick Zinner (Yeah Yeah Yeahs), Faye Milton (Savages) und Meredith Graves (Perfect Pussy). Und verwirklicht seit dem vergangenen Jahr als Eşya ihre solistischen Wünsche. Auch diese natürlich nicht ganz allein, Hassan arbeitet quasi interdisziplinär mit Regisseuren, Fotografen, Visagisten und Klangtüftlern an den Stücken, die es dann auf die EP schaffen. „Absurdity Of Being“ hieß die erste, „Absurdity Of ATCG (I)“ die aktuelle Veröffentlichung. Wer kann und mag, darf jetzt mit Adenin, Thymin, Cytosin und Guanin gern die Grundbasen der menschlichen DNA aus dem Gedächtnis deklinieren, die Vermutung liegt nahe, dass es hier also schlicht um alles geht. Um den Sinn, auch den Unsinn. Um die Grundlage, aber eben auch die Absurdität des menschlichen Seins. 42? Nicht weniger als das.

Nachdem schon die vier Stücke der ersten 12“ sehr verschieden geraten waren, sind auch die neuen fünf erfreulich unterschiedlich. Wenn Hassan überhaupt eine Dominanz zuläßt, dann vielleicht die hauptsächliche Verwendung analoger Synthesizer als Humus ihrer Arbeit. Schon der erste Track „Everything“ brodelt und pocht über achteinhalb Minuten – technoide Untermalung für sich stetig wiederholende Textschleifen: „Everything and nothing, is all we want to be, everything and nothing, is all you meant to me“, und später: „Here we are, lost and found, here we are, lost as a man.” Alles und/oder nichts, wie gesagt, das immerwährende, menschliche Dilemma. „Nothing“ danach nur unwesentlich kürzer, die Drums rollen dunkel, die Gitarren ein dreckiges Knirschen, Hassans Stimme taumelt. Sie gibt den Instrumenten sehr viel Platz zur Entfaltung ihrer Ideen, schon das macht die Songs reizvoll und spannend.



Die restlichen drei dann vergleichsweise kurz: Wild und dronig „Atmosphere“, der „Machine Dance“ als anderthalb minütiges Interlude, am Ende „Wild Nights“, eine Mischung aus tanzbarem Synthpop und frostig, schiefem Cold Wave, Visage vielleicht, fade to kalt und grau. Reichlich Abwechslung also. Überhaupt: Möchte man eine/n Künstler/in, der oder die unnahbar scheint, besser kennenlernen, bleiben oftmals nur Playlisten. Belastbar sind sie deshalb, weil die Auswahl (so hofft man wenigstens) Handarbeit ist und nicht von Algorithmen übernommen werden, die einem nach dem Mund reden. Auf der Liste von Hassan finden sich neben Prince, Bowie und den Beatles auch die Stranglers, Depeche Mode und Nine Inch Nails (mit denen sie ja schon gemeinsam auf der Bühne stand), genauso wie Soul, Psychedelia und House. Genügend Gegensatzpotential, fürwahr. Zwischen all diesen Referenzen einen eigenen, unverwechselbaren Stil zu finden, der im Gedächtnis haftenbleibt, ist dann nicht ganz so einfach wie die bloße Nennung. Hassan ist es gelungen.

Deichkind: Unfehlbar

Frage: Wie lange wird es wohl noch dauern, bis man Deichkind die ehemals päpstliche Würde der Unfehlbarkeit verleiht? Der Franziskus braucht bzw. will sie ja nicht mehr haben, die Jungs aus Hamburg hätten sicher nichts dagegen. Ihr Ruf jedenfalls sollte in der Zwischenzeit besser sein als der der Kirche, eine Institution sind sie ohnehin. Im März kamen sie mit ihrem neuen Track "Richtig Gutes Zeug" um die Ecke und natürlich wurde das Stück aufgenommen wie eine Offenbarung resp. Marienerscheinung. Was wohl erst bei der folgenden Nachricht passieren wird? Wallfahrten? Massenhysterien? Menschenopfer? Man kann es nur vermuten. Am 27. September jedenfalls wird "Wer sagt denn das?" erscheinen, die neue Studioplatte der Pyramidenköpfe und weil die Tourdaten schon länger feststehen, gibt's als Dreingabe vor Ort den Titelsong samt Video - und, naja, mit Gästen.

Dienstag, 11. Juni 2019

A Deer A Horse: Lautes Zwitterwesen

Weniger beschaulich geht es bei der New Yorker Kapelle A Deer A Horse zu. Die Formation aus Brooklyn, bestehend aus Rebecca Satellite (Gitarre/Gesang), Angela Philips (Bass) und Tylan Teggart am Schlagzeug hat schon 2015 mit einer Hommage an Kurt Vonnegut aufmerken lassen, im Jahr 2017 wurde dann die Debüt-EP "Backswimmer" veröffentlicht, voll mit lauten, schweren Riffs und wuchtigen Drums. Kurz darauf kamen die beiden Stücke "Double Wide" und "Cold Shoulder" hinzu, diese und das gerade geteilte "Smokejumper" werden sich auf einer weiteren 12" mit dem Titel "Everything Rots That Is Rotten" finden, die am 21. Juni bei Corpse Flower Records erscheinen soll. Was genau es mit halb Hirsch, halb Pferd auf sich hat, werden wir bis dahin vielleicht auch noch herausfinden.

Bat For Lashes: Zurück in die Kindheit

Als vor drei Jahren das letzte Album von Natasha Khan aka. Bat For Lashes erschien, war von Aufatmen kaum etwas zu spüren, zu düster, zu dramatisch war "The Bride" als Gesamtkonzept geraten, als dass losgelöste Freude hätte aufkommen können. Gut und wichtig war die Platte natürlich trotzdem, handelte sie doch getreu dem Motto: Kunst, die nicht wenigstens verunsichert und irritiert, hat keine Berechtigung. Auf der gerade angekündigten neuen Platte soll es, glaubt man dem Beipackzettel, dennoch etwas optimistischer zugehen, bei "Lost Girls" dreht sich diesmal vieles um Kindheit, Aufwachsen, Erwachsenwerden. Sie ist für den 6. September bei AWAL gelistet und die erste Single "Kids In The Dark" kommt schon mal sehr getragen daher.



Montag, 10. Juni 2019

Floral Shop: Mit Bedacht

Floral Shop
"Parasols"

Machen wir uns nichts vor: Dieses ganze Gerede von gesunder Härte ist Mumpitz. Oftmals nur von denen ins Feld geführt, die fürchten, sonst nicht ernst genommen zu werden, die sich Schwäche und Weichheit nicht eingestehen wollen, weil sie Angst vor sich selbst und dem vermeintlich vernichtenden Urteil anderer haben. Doch was ist so falsch an Behutsamkeit, Bedachtsamkeit, wo steht, dass das Sanfte, das Zarte nicht ebenso Platz hat im Leben? Floral Shop jedenfalls, die junge Band aus Münster und Köln, hat dies nicht nur begriffen, sondern verinnerlicht, sonst würden sie eine EP wie die vorliegende wohl nicht veröffentlichen. Fünf Stücke finden sich auf „Parasols“, perfekt gemischtes Zusammenspiel dunkel schimmernder Gitarrenakkorde, behäbig wippender Bass, sparsam gestreute Elektronik, dazu die warme Stimme des Sängers – Moll-Melancholie rules. Vor Jahren haben Musiker wie Keane, Snow Patrol und Coldplay bis hin zu den Foals, Maccabees oder Porches mit dieser Art gefälligen Wohlklangs eine Tür weit aufgestoßen, durch die nun auch Floral Shop gehen. Sie tun dies bislang ohne das aufgesetzte Pathos, welches einem einige der genannten Kandidaten schnell hat überwerden lassen, Singles wie „ISO“ oder „Out Of Touch“ lassen es gerade deshalb nicht an Reiz fehlen. Dass vielleicht noch mehr in ihnen steckt, kann man bei „Anyplace“, dem Abschluß der 12“ erahnen, für kurze Zeit wird es hier rauher, kompakter, lauter, gelingt ihnen diese eine, kleine Wall Of Sound. Fünf Songs mögen vielleicht noch nicht viel sein, aber sie sind ein Anfang. Und ein Versprechen. Sie wirken nicht so, als hätten sie es vorschnell gegeben.

11.07.  Münster, Baracke

Sonntag, 9. Juni 2019

Rammstein: In Flammenzungen

Rammstein
Support: Jatekok
München, 8 Juni 2019

Man muss nicht Philosophie studiert haben, um zu wissen, dass die Zeit des Menschen größter Widersacher ist: Sie läuft uns davon, rinnt durch die Finger, kommt nie zurück, heilt keine Wunden, lässt sich nicht aufhalten und wenn sie dann doch mal stehenbleibt, dann in den unpassendsten Momenten. Die Zeit ist gnadenlos, unnachgiebig und gibt uns das Gefühl der Ohnmacht. Kurz: Sie ist nicht unser Freund. Auch weil sie stets trügt. Eine alte Regel besagt, dass man ein geliebtes Buch, einen Film aus der Kindheit oder Jugend kein zweites Mal lesen oder sehen sollte, man wäre immer enttäuscht, die schöne Erinnerung dahin. Wie es also halten, wenn man vor sehr, sehr langer Zeit, also sagen wir mal vor vierundzwanzig Jahren, ein Konzert erlebt hat, von dem man damals noch nicht wusste, wie es einzigartig war. Okay, auch Rammstein selbst dürften das damals nur geahnt haben. Herzeleid, die erste Platte, vor 300 Leuten im vollgepackten Münchner Nachtwerk. Elf Songs, mehr gab es noch nicht, dazu ein paar Flammenstöße unter die Saaldecke, infernalischer Krach, elendige Hitze, verschwitzte Körper – es war wunderbar. Geht man dann trotzdem in ein Stadion, gemeinsam mit zehntausenden Menschen, manche mit ähnlichen Erlebnissen, einige wenige mit Biografien, die noch in die bewegten Anfangstage zurückreichen, Inchtabokatables, Firma, Feeling B, dieser Art Vergangenheit?



Man war gewarnt. Und wusste deshalb, dass das Erlebnis nicht das gleiche, sondern maximal ein anderes gutes werden würde. Und tatsächlich auch war. Denn Rammstein im Kleinen sind eine sehr spezielle Erfahrung, im Großen sind sie von beeindruckender Wucht. Der Stadionsound erfreulich satt, die Hitze bei vollem Arsenal atemberaubend, die Kulisse als leicht entflammbare Mischung aus Barad-dûr, Kreml und Zechenturm schwer beeindruckend - und zwischendrin sechs bunt kostümierte Musiker, die so ein wenig an die Crew des Zauberers von Oz erinnerten. Ein Vorteil sicher, dass ihr neues Album ein vergleichsweise gutes ist, mit Hits, die im wahrsten Wortsinn zünden und sich zwischen den alten, sicheren Nummern nicht verstecken müssen. „Deutschland“ beispielsweise, als technoider Kruspe-Remix von der Kanzel eröffnet, der überraschenderweise ganz ohne missverständliches Gegröle auskommt, „Radio“ mit gelungener Kraftwerk-Hommage (die sonst tollwütigen Berserker als lustig tanzende Strichmännchentruppe, haha), der brennende Kinderwagen inklusive animierter „Puppe“ und ein dramatisch überzeichnetes, sakrales „Zeig dich“.



Überhaupt, Rammstein an Pfingsten – Feuerzungen über beseelt dreinblickenden Massen, viel mehr an ketzerischen Parallelen braucht es an einem Abend wie diesem nicht. Die Gesichter wirken glücklich, beeindruckt, auch amüsiert. Wer letzteres gelernt hat, dem bietet ein solches Konzert nämlich (das ins Stammbuch der Stumpfgläubigen hüben wie drüben, der Freiwildler ebenso wie der Moralisten und allgegenwärtigen Wächter der roten Linien) jede Menge Spaß. Auch unfreiwilligen: Wenn beispielsweise das Handysymbol am hell erleuchteten Firmament erscheint, wird schnell klar, wer hier folgt und wer für’s führen zuständig ist. Die Setlist jedenfalls wie gemacht für die allgemeine Verzückung – „Links 2 3 4“ gleich am Anfang, mit Kochtopf („Mein Teil“), Schiffspassage („Seemann“) und Spermakanone („Pussy“) sind alle Klassiker dabei und weil auch „Sonne“ als Pyro-Peak (die Hl. Greta wird ihnen das hoffentlich verzeihen) plus Zugaben „Rammstein“ und „Ich will“ nicht fehlen, verlässt man nach gut zwei Stunden die Arena mit dem befriedigenden Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Das scheint im Übrigen für beide Seiten gegolten zu haben, denn ganz am Schluß gibt‘s – eher untypisch für die Band – noch eine kleine Grußnote mit persönlichem Dank an München. Hört man gern. Danach geht es mit dem Aufzug gen Himmel.


Blick vom Olympiaturm, Quelle: Twitter

Freitag, 7. Juni 2019

Sløtface vs. Lasse Lokøy: Doppelnummer

Das Markteing geht manchmal seltsame Wege: Da hat vor einigen Tagen Lasse Lokøy, der Bassist der norwegischen Band Sløtface, ein Song-Doppel abgeliefert, das aufhorchen ließ und so gar nichts mit dem kracherten Indierock des Brotjobs zu tun hatte, gute Sache das. Und heute kommt nun, welch Überraschung, die Ankündigung seiner Kollegen daher, dem Debüt "Try Not To Freak Out" aus dem Jahr 2017 bald eine weitere Platte folgen zu lassen. Eine erste Single mit dem Namen "Telepathetic" brettert schon mal via Propeller Recordings durch den Äther und kein anderer als Lokøy gibt bekannt, dass dieses Stück innerhalb kürzester Zeit spät in der Nacht geschrieben und produziert worden ist, "most of us don’t remember any of it because we were so tired”. Okay, dann kann man ihnen nur wünschen, dass sie weiterhin so spät und sprunghaft agieren, es sollte unser Schade nicht sein.



Wanda: Kein Abschied?

Woran erkennt man wohl, ob etwas zu Ende geht? Am Songtitel "Ciao, Baby!" ja wohl nicht, das wäre zu billig. Und so haben es Wanda dann ja auch nicht gemeint, versichert das Label, denn "Ciao!" heißt zwar die neue Platte, aber ein Abschied soll es natürlich keineswegs sein, sondern ein Aufbruch zu neuen Ufern, ein weiteres Kapitel, von Wandas "Revolver" (ohoh!) ist da gar die Rede. Nun ja, wenn wir (auch über Wanda) etwas gelernt haben, dann, dass man sich mit vorschnellem Urteil selten einen Gefallen tut. Es empfiehlt sich, auf das ganze Paket zu warten, das für den 6. September angekündigt ist. Im neuen Video jedenfalls geht erst mal der Amore-Karren in die Knie und später unter, Sänger Marco grinst breit von Ohr zu Ohr und das Lied ist, räusper, ein klein wenig langweilig. Die Tourtermine kann man sich trotzdem schon mal eintragen, für die Wahl zwischen Krönung oder Hinrichtung ist später noch genügend Zeit.

25.02.  Würzburg, Posthalle
26.02.  Mannheim, Rosengarten
28.02.  Berlin, Max Schmeling Halle
29.02.  München, Olympiahalle
02.03.  Ulm, Ratiopharm Arena
04.03.  Leipzig, Haus Auensee
09.03.  Wiesbaden, Schlachthof
12.03.  Dortmund, Warsteiner Music Hall
13.03.  Köln, Palladium
08.05.  Regensburg, Donau-Arena
09.05.  Innsbruck, Olympiahalle
15.05.  Wien, Stadthalle
16.05.  Wien, Stadthalle
18.07.  Graz, Freiluftarena B



MUNA: Nur die wenigsten

Sie kam quasi über Nacht, die neue Single. Wenn auch nicht ganz so überraschend. Denn die Anzeichen, dass sich beim Trio MUNA aus Los Angeles etwas tut, mehrten sich in den letzten Wochen - Profilbildwechsel, Studiobilder, reichlich Anspielungen über die üblichen Kanäle. Und nun also "Number One Fan": trockene Drumbeats, fette Synths, Katie Gavins überraschend dunkle Stimme, fürwahr ein Killer. Nach dem wunderbaren Debüt "About U" gab es vor gut einem Jahr noch eine Akkustik-EP zu hören, sie waren im Vorprogramm von Harry Styles in ganz Europa unterwegs. Neben einem neuen Album wünscht man sich nun aber eine ausgedehnte Headlining-Tour, denn auch wenn sich mittlerweile viele an ihrer Art von Dark-Pop versuchen - so gut wie Muna bekommen es nur die wenigsten hin.

Update: Wunsch Nummer 1 ist mittlerweile erfüllt - am 6. September wird das Album "Saves The World" mit zwölf neuen Stücken bei RCA Records erscheinen.

Donnerstag, 6. Juni 2019

Just Mustard: Sprungbereit [Update]

Den Anfang der Sonntagsrunde machen heute Just Mustard, eine ziemlich laute Noisekapelle aus dem irischen Dundalk. Auf ihrem Debütalbum "Wednesday", das im vergangenen Jahr erschienen ist, dominieren harsche, verzerrte Riffs und Katie Balls verhallte Stimme, die sich wie ein besänftigender Schleier über die zerstörerische Kraft der Gitarrenklänge zu legen scheint. Ihr neue Single "Frank" kommt nun etwas zurückhaltender daher, Regisseur Tim Shearwood drehte zu dem Stück einen vertrackten Stop-Motion-Clip. In diesen Tagen sind Just Mustard mit den Fontaines D.C., dem anderen großen Ding aus Irland, unterwegs, wollen wir mal hoffen, sie schaffen auch bald mal den Sprung über den Kanal.

Update: Hier nun noch die B-Side von "Frank" mit dem Namen "October" - this lovely wall of lärm.





Egyptian Blue: Schadensbegrenzung [Update]

Und weil wir gerade beim Post-Punk sind, ist der Bogen zu dieser jungen Band schnell geschlagen: Egyptian Blue stammen aus Brighton und haben gerade bei Yala! Records ihre Debüt-EP "Collateral Damage" angekündigt. Vier Songs soll die 12" enthalten, produziert hat Felix White, einigen hier vielleicht als Gründungsmitglied der inzwischen aufgelösten The Maccabees bekannt. Diese zählen, wen sollte es wundern, neben den Preoccupations, Birthday Party und Gang Of Four zu den Vorbildern von Andy Buss und Leith Ambrose, dem Front-Doppel der Formation. Hier jedenfalls schon mal der Titelsong und die erste Auskopplung "To Be Felt", später mit Sicherheit mehr dazu.

Update: Und so soll es sein - hier kommt mit "Contain It" Song Nummer drei.





Friedberg: Zurück aus der Wüste [Update]

Assoziationen sind ja nicht gleich Vorbehalte, aber manchmal sollte man sie kurz beiseite lassen. Schließlich geht es um einen Einstand, und ob da nun die Städte London und Los Angeles stehen, ist letztlich unerheblich. Wichtig ist dagegen der Klang. Und der ist bei "Boom", der Debütsingle von Friedberg, ein durchaus verheißungsvoller. Anna Friedberg, die Namensgeberin des Quartetts, ist viel herumgekommen in den letzten Jahren. Ihre Wurzeln hat sie in Österreich und Italien, eine Weile hat sie in Berlin gelebt, war für den Fernsehsender Arte in der kalifornischen Wüste (Joshua Tree, U2, you know?) und hat dort in L.A. auch die Idee für den neuen Song geboren. Gemeinsam mit Daniel Brandt (Brandt Brauer Frick) und Matthias Biermann (Roosvelt) gab es erste Aufnahmen, aber erst in London, ihrer neuen Heimat, und mit ihren neuen Kolleginnen Emily Linden, Laura Williams und Cheryl Pinero wurde Friedberg, wurde der jetzige Sound daraus. Und wir dürfen jetzt mal ganz entspannt abwarten, was das Jahr noch so bringen wird.

Update: Und jetzt hat's auch ein kleines Vertikal-Filmchen zum Song ... und dann die nächste neue Single "Go Wild" gelich noch obendrauf.





Mittwoch, 5. Juni 2019

Whitney: Die Rückkehr der Zarten

Tatsächlich können wir nicht behaupten, den leisen, besinnlichen Tönen hier in den letzten Monaten allzu viel Platz eingeräumt zu haben. Woran genau das gelegen hat, bedürfte einer genaueren Recherche - Zeit, die man besser nutzen könnte. Zum Beispiel mit der Vorstellung einer neuen Single des Indiefolk-Duos Whitney aus Chicago. 2016 waren Max Kakacek (Smith Westerns) und Julien Ehrlich (Unknown Mortal Orchestra) mal ganz vorn dabei, wenn es um zart verwobenen Sound ging, ihr Album "Light Upon The Lake" war das, was man gern als musikalisches Kaminfeuer bezeichnet, ein kleines, feines Wunder. Der aktuelle Track "FTA" steht mit seinen knappen zweieinhalb Minuten noch allein auf weiter Flur, eine Tour gibt es aber schon und die Hoffnung, dass sich zu den Nachrichten auch bald noch mehr gesellt, ist nicht eben unberechtigt.

10.11. Köln, Luxor
12.11. Zürich, Bogen F
14.11. München, Strom
15.11. Berlin, Lido

Update: Schon geschehen, hier kommen Coverart (s.u.), Albumtitel "Forever Turned Around", VÖ-Termin (30. August via Secretly Canadian) und erste offizielle Single "Giving Up" - passt.





Say Yes Dog: Ähnlichkeiten

Da dürfen wir uns schon mal als Fan des Luxemburgischen outen, jetzt, wo die Zeit von Jean-Claude Juncker bald vorbei ist. So souverän, bestimmt, entspannt und durchaus humorvoll hat sich selten ein Politiker dieser Kategorie verhalten, noch dazu (und das spielt hierzulande ja immer eine wichtige Rolle) mit einer sprachlichen Akkuratesse, die bewunderswert war. Die Band Say Yes Dog, ein luxemburgisch-deutsches Joint-Venture, wird sich allzu deutliche Parallelen wahrscheinlich verbitten, dennoch ist auch ihr Electropop entspannt, präzise und humvorvoll. Ihr Album "Voyage" ist gerade wie das Debüt "Plastic Love" von 2015 bei Discodogs Records erschienen, die Single "Feel Better" haben wir hier stellvertretend mit dazugehörigem Video parat.

09.06.  Herdwangen, Eine Liebe Festival
29.06.  Nürnberg, Club Stereo Slow Down Festival
26.07.  Hannover, SNNTG Festival 
27.07.  Dortmund, Juicy Beats Festival
02.08.  Burg Friedland, Jenseits Von Millionen
03.08.  Diepholz, Appletree Garden  
04.08.  Varel, Watt En Schlick Festival 
24.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
26.09.  Köln, Artheater  
27.09.  Mainz, Schon Schön 
28.09.  Sindelfingen, Dit Is Schade Festival 
31.10.  Dresden, Groove Station
01.11.  Münster, Gleis 22  
02.11.  Bremen, Pusdorf Studios 
07.11.  Leipzig, Naumanns
08.11.  Erfurt, Engelsburg 
09.11.  Hannover, Café Glocksee 
18.11.  München, Rote Sonne
19.11.  Chemnitz, Atomino 
20.11.  Berlin, Lido