Montag, 25. Mai 2020

Tim Burgess: Der euphorische Optimist

Tim Burgess
„I Love The New Sky“
(PIAS/Bella Union)

Es ist nur fair, wenn man sich dieser Tage etwas ausführlicher der neuen Platte von Tim Burgess, dem Kreativkopf der britischen Kapelle The Charlatans, widmet. Zum einen, weil „I Love That New Sky“ – wir greifen vor – mit Sicherheit eines der besten Popalben dieses Jahres geworden ist. Und darüberhinaus hat sich wohl kaum ein Musiker während des anhaltenden Corona-Lockdowns so anrührend und leidenschaftlich um das Wohl seiner Kolleg*innen gekümmert wie der Mann aus Manchester – und tut es noch. Innerhalb kürzester Zeit ist #TimsTwitterListeningParty zum Dauerbrenner avanciert, wer kein Konzerte besuchen kann (wie die einen) und ebensowenig welche geben darf (die anderen), setzt sich einfach mit einer gemeinsamen Lieblingsplatte vor die Anlage, Notebook oder Smartphone immer parat, um sich dann miteinander auszutauschen, in Erinnerungen zu schwelgen, gern auch mal etwas nostalgisch, gar eskapistisch zu werden. Da drehen dann Primal Scream, Oasis, die Sleaford Mods, die Idles, Blur oder Nada Surf auf dem Teller, wandern Fotos und Anekdoten von hier nach da, sage noch einer, Pop könne die Menschen nicht verbinden.

Zurück zu Burgess selbst und seinem fünften Soloalbum. Man muss nicht den kompletten Werkskanon seiner selbst und der Band (die ja im Übrigen nur auf Hold ist und sehr wohl noch existiert) kennen, um zu wissen, dass dieser Kerl ein begnadeter Songschreiber ist. Einer in der Tradition derer, die bei Worten wie Romantik, Melancholie, Ironie und Drama nicht gleich die große Flatter bekommen, Leuten also wie Paul Heaton, Stuart Murdoch, Jason Lytle, Damon Gough, Neil Hannon und vielleicht sogar Rufus Wainwright. Vielschichtigkeit ist das eine Zauberwort, Verspieltheit, Experimentierfreude, Stilsicherheit und Mut sind andere. Denn musikalisch ist diese Platte eine einzige, große Wundertüte, voll von schönsten Melodien, spannenden Instrumentierungen, waghalsigen Ausflügen - hey, schließlich haben wir neben Saxophon, Cello und Orgel auch Flöte und Kastagnetten dabei. Burgess versucht sich am Jazz und am Folk, er läßt Gitarrensoli erklingen, wie sie Santana nicht besser hätte einspielen können, kommt uns mit Männerchören und Kinderstimmen, kurz, mit allem, was ihm in den wunderbaren Kram passt.



Und erweist sich als Magier der Stimmungen: Hier der unverbesserliche Träumer („Sweet Heart Mercury“), bald darauf bei „The Mall“ der sarkastische Beobachter, der die Künstlichkeit und anhaltende Entfremdung von unserer Umwelt bei einem Gang durch’s Einkaufzentrum beißend kommentiert: “They say that you can’t win them all, but you can if you’re at the mall”. Aber Burgess ist tatsächlich auch ein Romantiker, ein Optimist, und zwar ein zuweilen sehr euphorischer, einer, der einen anzustecken vermag mit seiner guten Laune, auch wenn sich dahinter manchmal gar nicht so lustige Dinge verbergen. So heißt es zum Beispiel nach dem dem feinen Eingangsakkord von The Cure’s „Boys Don‘t Cry“ bei „Empathy For The Devil“: “I’m hoping the infliction affects you, and all your imperfections perfect you, not there yet but it’s all gonna work out fine“, das darf man wohlwollend und zweischneidig zugleich nennen. Deutlicheren Zuspruch gibt’s später bei „I Got This“: “Its gonna get better, just keep on climbing, one day you’ll be flying, I’ll be the one who walks you through the darkness. I got this”.



Ein ganzes Dutzend solcher kleinen Wunder gibt es hier zu hören, bei „The Warhol Me“ kratzen ein paar Gitarren, „Little Creatures“ hakt sich erst mit fulminantem Art Pop, danach mit funkigen Rhythmen unwideruflich im Ohr fest. Mal juxt der Schelm über die Vergänglichkeit der Dinge (“Whats your favorite Cure LP, I like Pornography, but it could be one of three“), mal bereut der traurige Erzähler („Undertow“), um gleich wieder Hoffnung und Zuversicht Platz zu machen. Ein stetes Schwanken, Umherspringen, Ausprobieren, doch immer dem Song als solchem treu verpflichtet - es fällt nichts auseinander, es macht einfach nur unglaublich großen Spaß. Ganz zum Schluß, bei „Laurie“, dreht er noch mal richtig auf, gibt ein prächtiges, standesgemäßes Finale, preist Freundschaft, Liebe, Beistand und endet mit dem Satz: “All that is important, is that you’ve been dreaming.“ Genauso, wie sich Burgess gerade als Twitter-DJ um die Werke anderer verdient macht, so müssen wir uns bei ihm für dieses Album bedanken. Ein besseres ist ihm bislang noch nicht gelungen und ob andere in diesem Jahr ähnliches zuwege bringen, darf zumindest mal angezweifelt werden.

Sonntag, 24. Mai 2020

Please Madame: Keine halben Sachen

Kennt wohl jede/r, den Spruch: "Ohne Dich bin ich nur noch die Hälfte wert!" Und in den Beziehungen, die erst tief gingen und dann auseinander, stimmt das wohl auch. Mit dem Alter hat das erst mal gar nichts zu tun. Denn sonst hätten Dominik Wendt, Laurenz Strasser, Martin Pöheim und Niklas Mayr darüber ja kaum singen können. Machen sie aber - in ihrem neuen Song "Same Again". Die vier jungen Herren aus Wien und Salzburg nennen sich Please Madame und haben das besagte Thema auch visuell umzusetzen versucht, im Video zur Single von Rupert Höller gibt es deshalb, ganz im Gegensatz zum Sound der Band, ziemlich viele halbe Sachen. Mit diesem feinen Sound werden sie im Herbst nicht nur ihr neues, drittes Album via Kleio Records, sondern auch die Bühnen dieses Landes bespielen. Die Tour wird unter dem Namen "Angry Boys, Angry Girls" laufen, Grund zum Ärger sehen wir bis hierhin aber erst mal keinen.

05.11.  Linz, Stadtwerkstatt
06.11.  Wien, WUK
07.11.  Graz, p.p.c.
14.11.  Lustenau, Carinisaal
15.11.  Innsbruck, pmk
16.11.  Zürich, Hafenkneipe
17.11.  Konstanz, Kulturladen
19.11.  Biberach, Abdera
25.11.  Hildesheim, Kulturfabrik Löseke
26.11.  Oberhausen, Tresohr Sessions
27.11.  Wuppertal, Utopiastadt
28.11.  Hannover, LUX
29.11.  Köln, Tsunami
02.12.  Berlin, Badehaus
03.12.  Hamburg ,Astra Stube
04.12.  Oldenburg, Umbaubar
05.12.  München, Folks Club
19.12.  Salzburg, Rockhouse





Freitag, 22. Mai 2020

Ganser: Aus lauter Verzweiflung [Update]

Sie sagen es in einem Tweet selbst: "What strange timing". Aber gibt es denn einen passenden Zeitpunkt dieser Tage. Weiter gefragt: Gibt es einen besseren als genau diesen?! Allerorten werden Wohnzimmerkonzerte gefidelt, was die Klampfen hergeben und würde man den Künstlern, die solches veranstalten nicht unrecht tun wollen, so müsste man laut schreien "Haltet ein!". Denn wirklich erquicklich, wir sprachen öfters darüber, ist dieser ganze LoFi-Kram aus dem Hobbykeller nicht. Was ist dagegen ein richtiges, neues Album, noch dazu von einer unserer absoluten Lieblinge, der Post-Punk-Band Ganser aus Chicago? Dass der Longplayer so kurz nach Erscheinen der überaus gelungenen EP "You Must Be New Here" (November 2019) kommt, hatte sich gerüchteweise angedeutet, überraschend ist es dennoch. "Just Look At That Sky" wird er heißen und es gibt mit "Lucky" sogar schon einen ersten Vorabsong samt Videoclip zu hören/zeigen. Frontfrau Nadja Garofalo über den Song gegenüber dem FLOOD-Magazine: "'Lucky' ist ein Kommentar zum persönlichen Empfinden der Unzulänglichkeit und wie diese Gefühle oft zu ungesundem oder extremem Verhalten führen können. Besonders jetzt, da wir uns in einer Zeit der Unsicherheit befinden, haben wir oft den Eindruck, noch weniger Kontrolle über das zu haben, was mit uns und um uns herum geschieht. Ist es nicht bescheuert, wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir gehofft hatten?!" Und wirklich, Zeilen wie "Hell of a day kid, hell of a day. Drink up sonny ... You should be so lucky" klingen nach purer, nach lauter Verzweiflung. Mit auf dem Album enthalten ist im Übrigen auch die Single "Bad Form", erschienen im Sommer vergangenen Jahres.

Update: Die Plastiktüte als Sinnbild des Niedergangs - hier kommt die neue Single "Bags For Life".





Coriky: Ohne viele Worte

Manchmal reicht eine klare Auskunft. Wie die auf der Bandcamp-Seite: "Coriky is a band from Washington, D.C. Amy Farina plays drums. Joe Lally plays bass. Ian MacKaye plays guitar. All sing. Formed in 2015, Coriky did not play their first show until 2018. They have recorded one album. They hope to tour." Damit ist eigentlich alles gesagt. Man kann dann gern noch ein paar Hashtags hinzufügen, wie zum Beispiel #Fugazi #Embrace #TheEvens #Hardcore #MinorThreat oder #DischordRecords. Der Rest, versprochen, erschließt sich einem ganz schnell, wenn man sich die beiden Songs "Clean Kill" und "Too Many Husbands" anhört. Selbsterklärend sozusagen. Am 12. Juni kann man dann das Album (also doch eine Info) in digitaler, ab dem 26. Juni dann in physischer Form erwerben. Was soll man sagen: WAHNSINN! (Kleiner Hinweis zum folgenden Foto - hier.)



Telquist: Wie aus dem Bilderbuch

Dreimal Deutschland, aber nicht so, dass man es mit der Angst bekommen muß. Im Gegenteil, das sind alles recht feine Perlen, über die Woche gesammelt und hier in einem Wurf rausgehauen. Den Anfang macht der Regensburger Sebastian Eggerbauer, den sich, wie könnte es anders sein, Talente-Fischer Marc Liebscher und sein Erfolgslabel Blickpunkt Pop an Land gezogen haben. Unter dem Namen Telquist hat der Junge mit seiner Single "Trash Talk" Anfang des Jahres einen Überraschungserfolg landen können, nun schenkt er mit "Taste" nach und mischt nun zum Pop noch (bilderbuchmäßig, haha) maximal lässigen Rap dazu. Und selbst wenn man keinen azurblauen Swimmingpool zur Hand hat, wirkt der Song sehr entspannend. Ein Album, so der Waschzettel zur heutigen VÖ, ist für den Sommer in the making, wäre doch gelacht, wenn er damit nicht ebenso schnurgerade durchstarten könnte.





Blinker: Gut beraten auf den Punkt

Und damit dann zu diesem bunten Vogel: Dass man mit dem Namen Wieland Johannes Stahnecker Karriere machen kann, reden sie einem nur bei strunzdummen Castingshows ein, wer halbwegs bei wachem Verstand ist und Solomusiker werden möchte, besorgt sich also nach abgebrochenem Jurastudium und diversen mäßig erfolgreichen Bandjobs schnellstens ein einprägsames Pseudonym und eine markante Frise. Beides hat hier geklappt, Blinker sollte er fortan heißen und für den Kopf gab es eine Mischung aus Rezo und Sascha Lobo. Der gebürtige Mannheimer, der mittlerweile in Berlin quartiert, hat im vergangenen Jahr eine erste EP mit dem Titel "Blicke" veröffentlicht, nun ist mit "Blitz" die zweite draußen. Was auffällt: Viel Gefühl und eine Stimme, die für Gänsehautmomente sorgt - die fünf Songs sind griffig, lässig, auf den Punkt. Und auch mal sehr, sehr traurig. Könnte also tatsächlich etwas werden mit dem Kerl.







Kramsky: Dunkler Verschnitt

Und dann haben wir noch das Quartett Kramsky aus Karl-Marx-Stadt. Hä? Naja, das ist wohl so eine Art bandinterner Joke, denn natürlich kommen die vier Herren aus Trier, bestehen aber darauf, dass dies die einzig echte Karl-Marx-Stadt sei. Okay, darüber sollen sie sich dann mal mit Kraftklub (auch mit einem K) unterhalten, uns geht es hier eher um die Musik und die aus Trier ist eher dunkler Waverock verschnitten mit einer Portion Post-Punk. Vor einiger Zeit ist bei Barhill Records ihr aktuelles Album "Metaego" erschienen, die erste Single hörte - schöner Bezug zum vorherigen Post - auf den hübschen Namen "Kokain? Ja bitte!", jetzt kommt das vergleichsweise ruhige, besinnlich melancholische "Insgesamt" hinterher.





Chris Imler: Tanz den Untergang [Update]

Foto: Max Zerrahn
An dieser Stelle müssen wir unbedingt noch ergänzen, denn der Song, den wir hier nachreichen, ist zwar schon geraume Zeit (genauer seit dem 20. April) verteilt, wurde aber von uns bislang grob unterschlagen. Dabei passt "Country Club" von Chris Imler (Die Türen) mit geradezu puzzlehafter Genauigkeit in diese Zeiten, die uns ja täglich beweisen wollen, dass es noch verrückter und noch abgedrehter geht. "Ich mess die Zeit in Katastrophen, die Skala ist nach oben offen, das Haus stürzt ein, es brennt die Stadt, ein Laserstrahl weist mir den Weg zum Country Club“ - Imler hat das Stück mit dem infektiösen (ups!) Beat auf eine EP gleichen Namens gepackt, die am 22. Mai bei R.i.O. und Bordello A Parigi erscheinen wird, mit dabei Remixe von INIT und Debmaster plus Flipside "Protect Myself". Coronadance, irgendwie.

Update: Und hier gleich nachgereicht die ebenso bezaubernde B-Seite "Protect Myself".





Donnerstag, 21. Mai 2020

Disclosure: Frische Ware

Da sind sie also wieder, die beiden blassgesichtigen Milchbärte mit den Kritzelgesichtern. Okay, Housemusik kann ja manchmal ziemlich anstrengend und/oder ermüdend sein - ihre war es nie: Disclosure haben ein neues Album angekündigt und wie der Branchendienst Pitchfork gerade meldet, standen für dieses reichlich Biz-Größen auf der Paylist, als da wären Kehlani, Syd, Common, Kelis, Slowthai, Mick Jenkins und viele andere. Das Ding soll auf den Namen "ENERGY" hören und schaut man sich den ziemlich verrückten Clip zum Titelsong an, gibt es kaum Zweifel an der richtigen Benennung. Von ihrer unlängst erschienenen EP "Ecstasy" ist im Übrigen kein Stück auf der neuen Platte zu finden, alles frische Ware also.
 




Houses Of Heaven: Drohkulisse

Houses Of Heaven
"Silent Places"

(Felte)

Da können wir gleich mit der Tür ins Haus fallen: Ein absolutes Muss für Freunde der Maschinenmusik ist dieser Tage das Debüt von Houses Of Heaven. Das Trio aus Oakland, Kalifornien, hat 2017 mit der EP "Remnant" vorgelegt, nun gehen sie auf's Ganze und präsentieren ein wahres Prunkstück in Sachen dystopischer Drohkulisse. So recht eingrenzen läßt sich der Sound nicht, früher wäre das unter Industrial und EBM, vielleicht auch Techno gelaufen, heute kommen noch Cold Wave und ein bisschen Electro dazu. Jedenfalls ziehen Keven Tecon (Gesang, Synths, Gitarre), Adam Beck (Gitarre, Synths) und Nick Ott (Drums) alle Register, wenn es um düstere Klänge zum Zwecke der Einschüchterung geht - die Beats werden in aller Breite über die Bühne gerollt, Dramatik groß geschrieben. Gitarren sollen auch anwesend sein, verhalten sich aber eher unauffällig, die Live-Drums von Ott dagegen sorgen für ordentlich Wucht und Lärm. Die Platte funktioniert dabei durchaus als Stimmungsverstärker, wer also eher empfindlich auf dunkle Töne reagiert, sollte wissen, worauf er/sie sich einläßt. Dabei muß man nicht unbedingt trübe in der Ecke sitzen, Stücke wie "Dissolve The Floor" oder "Channeling" funktionieren mit ihrem rohen Wummern und den schiefen Synths durchaus auch im lichtarmen Kellerclub. Liebhaber entdecken bei manchem Track vielleicht auch ein paar Versatzstücke der sträflich unterschätzten "Construction Time Again" von Depeche Mode, ansonsten können als Referenzen der Neuzeit eher Boy Harsher, These New Puritans oder HEALTH herhalten. Konzerte der drei sind momentan aus Gründen nicht in Planung, dürften in postcoronalen Zeiten aber durchaus reizvoll sein. Orte der Stille sollten dort aber schwerlich zu finden sein.





JONES: Aus gut mach besser

Wenn ein Song wie dieser derart hartnäckig in der Playlist seine Runden dreht, dann hat er wohl seine Qualitäten und dann gehört er auch geteilt: Die im Londoner Stadtteil Aldgate aufgewachsene Soulistin Cherie Jones-Mattis, kurz JONES, hatte lange nichts von sich hören lassen, 2019 ist ihre EP "New York" erschienen, wie auch schon das Kurzformat "London" davor enthielt sie vornehmlich akustische Stücke. Ihr Debütalbum "New Skin" liegt schon ganze vier Jahre zürück, danach wurden, wie gesagt, die Pausen länger. Was schade war, denn sie verfügt über ein verflixt gutes Gespür fürs Songwriting und ist dazu noch mit einer angenehm weichen, wandelbaren Stimme gesegnet. Um so besser also, dass sie sich mit "Giving It Up" nun einen zwei Jahre alten Song geschnappt und die einst stromlose Version mit einem ansprechenden Popsound und einem Videoclip versehen hat - herausgekommen ist ein Ohrwurm, dem man nur schwer entkommen kann. Eine längere Story über sie kann man übrigens bei The Line Of Best Fit lesen, ob dem Song bald ein Album folgen wird, hat sie der Seite allerdings auch nicht verraten.




Mittwoch, 20. Mai 2020

SPICE: Lohnender Ableger [Update]

Wenn Ross Farrar mit von der Partie ist, heißt es Obacht geben: Dieser Mann nämlich ist Sänger bei Ceremony, einer Band also, die ursprünglich mal mit Hardcore startete, mittlerweile aber - und das ist in diesem Falle überhaupt nicht von Nachteil - in anderen Teichen fischt. Seit ihrer Platte "The L-Shaped Man", spätestens aber it dem letzten Album "In The Spirit World Now" haben Ceremony sich in Richtung Post-Punk und Wave bewegt und sich dabei ganz gewiß nicht zum Affen gemacht. Farrar jedenfalls hat nun zusammen mit seinem Drummer Jake Casarotti eine weitere Formation namens SPICE gegründet, mit dabei sind laut Brooklyn Vegan auch noch Bassist Cody Sullivan (Sabertooth Zombie, No Sir), Ian Simpson an der Gitarre (Creative Adult, No Sir) und Victoria Skudlarek an der Violine. Am 17. Juli soll bei Dais Records das selbstbetitelte Debüt erscheinen (Produzent Sam Pura), neun Songs werden sich darauf befinden und einer davon hört auf den Namen "First Feeling". Laut Farrar geht es in den Stücken vor allem den Schmerz, der uns tagtäglich in den unterschiedlichsten Situationen und Formen begegnet und mit dem fertig zu werden unsere immer wiederkehrende Aufgabe ist.

Update: Und hier kommt ein zweiter Song vom neuen Album - "All My Best Shit" haut in die gleiche Kerbe, sozusagen.





International Teachers Of Pop: Gerüchteweise

In ihrem letzten Song ging es noch darum, dass irgendwer irgendwem seine Chucks geklaut hatte, wobei ziemlich klar war, dass hinter den Protagonisten dieses Dramas Sängerin Leonore Wheatley und Jason Williamson von den Sleaford Mods steckten. Erstere ist bekanntlich das weibliche Drittel des Synthpop-Trios International Teachers Of Pop und die hatten Ende 2019 gerade ihre neue Single "I Stole Yer Plimsoles" ins Schaufenster gestellt. Diese gehört nun laut The Quietus offiziell zur Besatzung des neuen, zweiten Albums der Band, das unter dem Titel "Pop Gossip" am 28. August bei Desolate Spools erscheinen soll. Ebenso dabei die aktuelle Single "Flood The Club", bei der sich die Sprinkleranlage als Unruhestifter entpuppt.



Dienstag, 19. Mai 2020

Idles: Mit Drecksack und Machete

Angekündigt als eine Art Fitness-Stunde mit dem bärtigen Bassisten, hat sich die Nachricht dann zum Glück als das herausgestellt, was allseits erhofft wurde - eine neue Single, der mögliche Auftakt zu einem neuen, dem dritten Album. Die Idles aus Bristol sind eine Punkband, die live noch mehr als schon im Studio vor Energie zu bersten scheint, für die aktuelle Vorabsingle (wir nennen sie jetzt einfach mal so) haben sie viel von diesem Furor in dreieinhalb Minuten gepackt. "Mr. Motivator" heißt das gute Stück, dazu gibt es tatsächlich eine short lesson in hometraining, was ja zu Zeiten des anhaltenden Lockdowns ganz nützlich sein kann. Ein kleines Statement noch als Handreichung: "Wir wollen diese Reise mit einem Moment beginnen, der nicht nur die Stimmung des [kommenden] Albums einfängt, sondern unser Publikum dazu anregt, zu tanzen, als würde niemand zuschauen, und mit dieser zwei Tonnen schweren Machete von einem Lied und der schönsten Gemeinschaft von Drecksäcken, die je versammelt wurde, durch diese dunklen Zeiten pflügen. Los geht's. Alles ist Liebe." Nichts hinzuzufügen, den Rest dann, wenn der Nachfolger von "Joy As An Act Of Resistance" genauer benannt worden ist.



No Age: Bleiberecht

Hatten wir das schon erwähnt? Sicher, aber wir wiederholen es gern noch mal: Mit dem amerikanischen Noise-Rock-Duo No Age und ihrem Debüt "Nouns" hat dieser Blog im Jahr 2008 seine Arbeit aufgenommen, es war das erste Album, das wir - damals in mageren sechs Zeilen - rezensierten, insofern haben Randy Randall und Dean Spunt aus Los Angeles hier auf immer eine Art Bleiberecht. Das gilt natürlich auch für ihre neue, fünfte Platte Album "Goons Be Gone", die am 5. Juni bei Drag City erscheinen soll. Die erste Single "Head Sport Full Face" klingt im Vergleich zu den Frühwerken erstaunlich poppig, geschmückt wird sie von einem hübschen Live-Video, das heute wie aus einem komplett anderen Zeitalter wirkt. Sie folgt im übrigen den Auftaktsongs "Feeler" und "Turn To String", die schon früher im Jahr die Runde machte.





Mark Lanegan vs. Cold Cave: Mit Widmung

Gestern jährte sich, traurig genug, zum vierzigsten Mal der Todestag von Ian Curtis, dem Mann also, der mit Joy Divison zweieinhalb geniale Platten eingespielt und sich danach als Folge von Krankheit das Leben genommen hat. Man darf darüber spekulieren, was noch von ihm gekommen wäre, hätte er Hilfe und Linderung gefunden, das jedenfalls, was wir haben, ist lückenlos unvergleichlich und unübertroffen. Einer der bekanntesten Songs ist zweifellos "Isolation", nicht ganz so oft gecovert wie "Love Will Tear Us Apart", aber nahe dran. Dennoch wollen wir diese Version hier nicht verschweigen, weil daran eben zwei Zeitgenossen beteiligt sind, die über einiges an Renommee verfügen. Zum einen Mark Lanegan, der nicht nur eine ganze Reihe phänomenaler Soloalben fabriziert hat, sondern zusammen mit so namhaften Künstler und Bands wie The Walkabouts, Dinosaur jr., Isobel Campbell, Afghan Whigs, Queens Of The Stone Age, Soulsavers, Screaming Trees und UNKLE zugange war. Und zum anderen Wesley Eisold alias Cold Cave, der sich das Erbe aus Manchester ohnehin zum Beruf gemacht hat. Von den beiden mit Begleitband nun also dieser Song in dieser Zeit, ein schönes Statement, noch immer.

Übrigens: Ende Juni kommt die Wiederauflage des legendären zweiten Albums von Joy Division in den Handel, "Closer" erscheint in hochwertig veredeltem Pappcover auf transparentem Vinyl, bestellbar unter anderem bei JPC.

Montag, 18. Mai 2020

PAAR: Ohne Verluste [Update]

PAAR
"Die Notwendigkeit der Notwendigkeit"

(Grzegorzki Records)

Fast hätten wir vergessen, wie gut sie wirklich sind: Das Münchner Post-Punk-Trio PAAR, zuletzt mit dem Video zum Song "CRACK" von ihrer EP "HONE" in Erscheinung getreten, gehört zu jener Sorte Bands, die die Geduld ihrer Fans stets auf eine harte Probe stellen. Weil sie sich sehr viel Zeit nehmen für die Dinge, mit denen sie in die Öffentlichkeit gehen (auch der Clip zu "SYN" brauchte gefühlt Monate, ehe er sich aus dem Dunkel der Postproduktion wagte), wogegen nichts zu sagen ist, weil diese Dinge dann eben auch bemerkenswert gut gelingen. Ein Teufelskreis. Keine wirkliche Überraschung also, dass auch das Debütalbum lange auf sich warten ließ - und durchweg überzeugt. Die musikalischen Vorlieben von Sängerin Ly Nguyen, Rico Sperl (Bass, Electronics) und Matthias Zimmermann an der Gitarre liegen bekanntlich eher im Halbschatten - der Sound von PAAR kommt als Mischung aus Cold Wave, Gothrock, Shoegazing und Post-Punk daher und klingt dabei weiterhin dicht, hochmelodisch und sehr intensiv.



Wie der dunkel rollende Bass bei "Beauty Needs Witness" den Bau der wuchtigen Wall of Sound vorantreibt, sich aus den zerklüfteten Synth-Texturen in "Rework" wunderbare Gitarrenakkorde schälen, kurz darauf bei "Modern" verzerrte Riffs gemeinsam mit dem Gastgesang von Thomas Schamann alias Grotto Terrazza marschieren, das ist schon beeindruckend. PAAR gelten ja als leidenschaftliche Live-Band (was sie in Zeiten wie den jetzigen leider besonders hart trifft), dass sie die Energie ihrer Stücke ohne nennenswerten Verlust in die Aufnahmen gepackt bekommen, ist gewiss nicht alltäglich und sollte auch dem Produzenten Andor Bencze einigen Lorbeer einbringen. Denn obwohl auch für die restlichen Tracks des Albums die Pegel am Anschlag bleiben, geht hier nichts von Stimmung und Charakteristik der Stilmittel verloren - besonders "Metal" mit seinen frostigen Industrialklängen, die sich recht bald zur wilden Gitarrenjagd wandeln, sticht da hervor. Nach gut einer halben Stunde ist alles vorbei - und wir werden wieder warten müssen. Gelohnt hat sich's (auch hier) allemal. www.paarmusic.com

22.03.  München, Milla (Termin verschoben)
18.09.  Regensburg, Kulturzentrum Alte Mälzerei
07.12.  München, Rote Sonne

Update: Das Lyric-Video zu "Modern" stammt von Sebastian Dominic Auer und wurde wie üblich von DAS DIKTAT produziert.

Samstag, 16. Mai 2020

Silverbacks: Gute Nachricht

Das hätten wir, verdammt noch mal, beinahe vergessen: Die irische Band Silverbacks, gern gesehene Gäste im hiesigen Blog, haben in der vergangenen Woche endlich ihr Debütalbum angekündigt. Und das kann, angesichts der vielen wunderbaren Singles, die das Quintett aus Dublin bislang veröffentlicht  hat (zuletzt "Drool" und "Sirens"), nur eine gute Nachricht sein. Der Titel der Platte wird "Fad" heißen, produziert hat dem Vernehmen nach Daniel Fox, Bassist der Girl Band und mit "Muted Gold" gibt es auch schon eine erste - und wie nicht anders zu erwarten: vorzügliche - Single zu hören. Der Rest dann am 17. Juni bei Central Tones.



Minimal Schlager: Geglücktes Wagnis

Das ist nun mal so, bei Coverversionen von Lieblingsbands hört man immer etwas genauer hin. Und wehe, wenn es misslingt - Spott und Missachtung werden den Glücklosen auf ewig sicher sein. Dem Geschwisterduo Minimal Schlager aus Berlin wird sicher bewußt gewesen sein, welches Wagnis sie eingingen, als sie sich an ihre Version von "Hey" der Pixies machten. Die Herangehensweise von Fran Parisi und Alicia Macanás an die Musik ist eine so minimalistische, dass vom Original aber ohnehin nicht mehr viel übrigblieb, man also die zerrissenen Riffs von Frank Blacks Original nurmehr ahnen kann. Und was sollen wir sagen: Erstaunlicherweise klingt diese neue Variante dann doch ziemlich stimmig. Das Stück ist im Übrigen die B-Seite zur im April bei Duchess Box Records erschienenen Single "Killing Is About Us".





Freitag, 15. Mai 2020

Sleaford Mods: Zorn und Beharrlichkeit

Sleaford Mods
„All That Glue“

(Rough Trade)

Retrospektive, wie Jason Williamson es nennt, trifft es tatsächlich besser. Denn diese stellt laut Wörterbuch eine „Präsentation des [früheren] Werks eines Künstlers, der Kunst einer zurückliegenden Zeit“ dar und erhebt keinesfalls den Anspruch, nur das Allerbeste zu versammeln. Wie sollte das auch gehen? Das Beste dieser Band ist auf vier Plattenseiten schlicht nicht unterzubringen! Gut, das ist jetzt eine sehr subjektive Sicht der Dinge, aber wo wir schon mal dabei sind: Sieben Jahre Bandgeschichte spiegeln die zweiundzwanzig Tracks von „All That Glue“ wieder, das entspricht bei vielen Anhänger*innen in etwa auch dem Zeitraum, da sie und er die beiden grundsympathischen Kerle aus dem Städtchen Nottingham kennengelernt und ins Herz geschlossen haben. Zeit und Grund genug also, mal etwas persönlich zu werden. Denn Rezensionen haben wir hier weiß Gott schon genug geschrieben (und es war, was Wunder, kein einziger Verriss dabei) – warum man aber, einmal angefixt, vom wüst schimpfenden Grantler und seinem kongenialen, lässigen Tonmeister nicht lassen will und kann, darf an dieser Stelle ruhig noch einmal aufgelistet werden.

Grundsätzlich wird jede/r im Leben auf verschiedenste Weise musikalisch sozialisiert, mal sind es die Geschwister, mal gar die Eltern, Schulhof, Pubertät, Freunde, Clubs, Konzerte, soweit normal. Und immer gibt es zwei, drei Künstler*innen, Bands, die den Kurs bestimmen oder auch mal für die große Umkehr sorgen, denen man verfällt, hoffnungs- und widerspruchslos. Das alles passiert in der Regel bis 30, maximal 40, dann ist Schluß mit neu, ab dann wird rückwärts gedacht, lebt oder hört wenigstens ins Gestern, hat die Retrobrille auf und sammelt alte Erinnerungen, Konzertkarten, Musikkassetten, verkratzte Platten. Um so mehr grenzt es an ein Wunder, wenn es zwei ebenso alten Säcke wie Williamson und Fearn gelingt, diese Routine zu durchbrechen und die Hörgewohnheiten noch in gesetztem Alter über den Haufen zu werfen. Man sich trotz morscher Knochen und sorgsam antrainiertem Phlegma stolz und aufgeregt wie ein Teen in die Moshpit vor der Bühne wirft und nach jedem neuen Song und Album giert, als sei es die Verheißung des Heilands persönlich.



Und warum das Ganze!? Weil die beiden mit störrischer Konsequenz einen Musikstil pflegen, der einen Shit auf vollumfänglichen, ausgewogenen Hörgenuß gibt und lieber die Direktheit, das Rohe und Unverfälschte feiert (ohne sich neuen Ideen zu verweigern, versteht sich). Weil sie seit Anbeginn ihrer Karriere nicht auf liberale Korrektness und politisches Lagerdenken achten, sondern denen die unbedingte Treue geschworen haben, die keine Stimme haben und so weit an den Rand gedrängt wurden, dass man sie weder sehen und hören kann. Trotzdem: Antiroyalistisch, anti-elitär, pro-europäisch. Du nennst es working class? Sie sagen: Mitmenschlichkeit (Williamson: „All I ask is for somebody with a kind heart. I know lots of working class people who are total wankers”/Clash). Und weil sie in ihrem Engagement, in ihrem Frust, ihrer Wut und ihrem Humor ungebrochen und bewundernswert ausdauernd sind, jeden Gig auf die gleiche Weise mit vollem Körpereinsatz und ganzer Leidenschaft angehen – wir sind hier, ihr seid hier, das ist der Moment.



Insofern ist die Auswahl auf der Compilation natürlich auch ein Zugeständnis an diejenigen, die sie seit Jahren, gerade auf den ausgedehnten Touren, mit größter Zuneigung begleiten: „Jobseeker“, „Jolly Fucker“, „Routine Dean“, „Tweet Tweet Tweet“, „Fizzy“ – allesamt live classics, Überhits, ein Status, den sich jüngere Tracks wie „Tarantula Deadly Cargo“, „TCR“, „B.H.S.“ und „OBCT“ gerade erst erarbeiten. Zwischendrin seltene B-Seiten, bislang Ungehörtes wie „Second“ aus der aktuellen „Eton Alive“-Session und schöne Spielereien („Slow One’s Bothered“ statt des bekannten „No Ones’s Bothered“). Und mit „When You Come Up To Me“ der vielleicht erstaunlichste Song des letzten Studioalbums, ganz ohne die gewohnte Agressivität, mit Singstimme, ein Lovesong, nearly. Man muss schon sehr lange suchen, um eine Band zu finden, die sich über einen so langen Zeitraum derart treu geblieben ist wie diese. Ihre Beharrlichkeit mag für manche/n altmodisch erscheinen, überkommen, weniger interessant – wir finden, sie ist vor allem ehrlich. Und notwendiger denn je.