Mittwoch, 20. Juni 2018

Flasher: Im Vorübergehen

Flasher
"Constant Image"

(Domino Records)

Soll noch mal jemand behaupten, Elternhaus und Heimatort hätten keinen Einfluß auf den Nachwuchs. Nimmt man sich zum Beispiel Flasher, das hoffnungsvolle Trio aus Washington D.C., also Gitarrist Taylor Mulitz (ehemals Priests), Bassist Daniel Saperstein und Emma Baker an den Drums (auch Big Hush), lassen sich viele Beispiele finden, warum dem sehr wohl so ist. Die gleichen Clubs im Kiez besucht, die Eltern kannten einander teilweise schon von der Schule und die Musik, die sie hörten, prägte auch (wenn sie es denn schon zugeben, wird's wohl stimmen) die Kinder. Dass der Boden, auf den solche Erziehung fiel, fruchtbar war, kann man ganz deutlich am wundervollen Debüt der drei hören. Post-Punk, schon, aber einer von der weniger tristen, weniger düsteren Sorte. Der LoFi-Stil der Band kommt angenehm unaufgeregt daher, fast schon lässig dahingespielt, die knapp fünfunddreißig Minuten halten dennoch reichlich Ohrwürmer bereit. Neben den drei bekannten Singles "Pressure", "Skim Milk" und "Who's Got Time" vor allem die schönen Hooks von "Harsh Light" und der Grunge von "Punching Up". Den Mix der zehn Songs hat im Übrigen Nicolas Vernhes besorgt, der auch schon für Animal Collective, Deerhunter und The War On Drugs gearbeitet hat, ihm ist wohl auch zu verdanken, dass die Stücke so klingen, als wären sie im Vorübergehen aufgenommen worden - der Rest ist einfach erstklassiges Songwriting. 

Update: Zur aktuellen Single "Who's Got Time" gibt es jetzt auch ein Video, das unter der Regie von Adinah Dancyger entstanden ist und einen ziemlich speziellen Waldspaziergang zeigt.



Dienstag, 19. Juni 2018

Granada: "Wir müssen uns den Heimatbegriff zurückerobern!"

Nicht wenige von uns fragen sich, was das eigentlich für Zeiten sind, in denen wir da leben: Die Politik kennt mit der Migration offenbar nur noch ein einziges Thema und läßt sich von diesem wie eine aufgescheuchte Herde Kühe über die abgegrasten Meinungsäcker treiben, der Heimatbegriff wird im Zuge dessen schnell mal umgewidmet oder gleich ganz vereinnahmt, wer sein Kreuz gemacht hat, muss sich nicht wundern, wenn er jetzt bitteschön auch noch eines aufhängen soll. Damit alles seine Ordnung hat. Und jeder weiß, wo er hingehört. Die Welt ist im Wandel, auch die steirische, und sie ist bei weitem nicht so heil, wie sich das mancher, hulapalunochmal, vorstellt. Schön deshalb, dass Ende dieser Woche ein neues Album von Granada erscheint, einer Band, die so herrlich lässig mit Dingen umzugehen vermag, an denen sich andere die Zunge brechen. Vor zwei Jahren veröffentlichte das Grazer Quintett sein selbstbetiteltes Debüt, vollgepackt mit Leidenschaft, Schmäh, Sehnsucht, Liebe und auch bissigem Witz, der trifft, aber nicht verletzt, und der auch mal über sich selbst lachen kann. Sänger Thomas Petritsch und Gitarrist Lukacz Custos kommen gerade vom Open Air in Puch, gedankenfrisch, von Hangover keine Spur. Gute Gelegenheit also, ein paar Fragen zur neuen Platte und zu den wilden Zeiten drumherum loszuwerden. Und um das eine oder andere Mißverständnis aus dem Weg zu schaffen ...

Kurz mal zurückgespult: Ihr kommt aus Graz, singt aber so schön über Wien, dass man meint, ihr kämet von dort? Wie geht das?
TP: Stimmt, wir sind alle Steirer, kommen dort aus unterschiedlichen Regionen. 2015 hat uns der Michi Riebl, Regisseur des Films „Planet Ottakring“, gefragt, ob wir nicht Musik für den Film machen wollen und weil er keine Bedenken hatte, haben wir es halt versucht. Und so ist der Bezug zu Wien entstanden, der allerdings auf dem alten Album mit „Ottakring“ und „Eh Ok“ stärker ausgeprägt ist als auf dem neuen.

Nach der Veröffentlichung der ersten Single „Die Stodt“ hatte man fast so ein wenig die Befürchtung, Granada hätten durch die äußeren Umstände etwas von ihrer Leichtigkeit, ihren Witz drangegeben – haben sie aber nicht. Nimmt man sich die Ausgewogenheit vor, mit der nun also auch „Ge Bitte“ kommt? Oder ergibt sich das einfach?
TP: Also so ein Album entsteht ja nicht innerhalb einer Woche, dass man sich hinsetzt und bewusst die Vorgänge der letzten Jahre reflektiert und verarbeitet. Das wächst ja beim Touren, beim Proben, ist eher ein übergreifender Prozess. Ständig kommen neue Ideen, passieren neue Dinge und die haben wiederum Einfluss auf die Lieder. Klar ist es wichtig, politisch zu werden und alles, was da momentan passiert, kritisch zu betrachten ...

… aber allzu direkte, aktuelle Bezug ist dann eher hinderlich?
TP: Schon, man möchte ja kein Landeschronist sein, auch wenn das sicher seine Berechtigung hat. Bei uns war es eher die Zusammenkunft verschiedener persönlicher Erfahrungen und Emotionen, die den Ausschlag für dieses Album gegeben haben, insofern folgt das weniger einer bestimmten Intention.



Wieviel von der aktuellen Single „Die Stodt“ steckt denn tatsächlich in Graz? Oder ist es doch mehr ein Sinnbild?
TP: Es geht hier tatsächlich eher um eine verallgemeinerte, fast schon globale Sicht, nicht so sehr um eine konkrete Stadt. Wir wurden sogar schon gefragt, ob es sich vielleicht um Bremen handeln könnte, weil dessen Stadtfarben ja grün/weiß sind … Nein, auch wenn es die steirischen Landesfarben sind, soll das eher für den Gegensatz zum Schwarz-Weiß-Denken, der eingeengten Sicht der Dinge, stehen, für eine Hoffnung.

Diese Hoffnung wolltet Ihr ja offensichtlich auch in den Bildern transportieren, wie stark ist die denn in Anbetracht der derzeitigen Lage?
TP: Nun, wenn man positiv denkt, dann ist die Hoffnung natürlich groß, wenn man realistisch ist, wohl eher weniger. Das Video soll da aber nur ein Ansatz zur Interpretation sein, der Song selbst bleibt am Ende ja eher offen. Das kann dann jeder für sich selbst entscheiden.

Granada, Ge Bitte! Karmarama Records, VÖ: 22.06.2018
Bei den Piefkes habt Ihr momentan einen ganz großen Stein im Brett wie bekanntlich viele andere Bands aus Österreich. Nervt das, als Teil eines Hypes wahrgenommen zu werden oder nimmt man das besser einfach mal mit?
TP: Einfach nur auf eine bestimmte Welle aufzuspringen würde wohl nicht funktionieren, man muss schon versuchen, mit Qualität, mit Anspruch, mit einem Alleinstellungsmerkmal etwas zu erreichen. Insofern ist uns der Hype, wenn es ihn denn gibt, eigentlich egal. Berechtigt finden wir ihn aber in gewisser Weise schon. Wenn man sich die Geschichte der deutschen Popkultur nämlich anschaut, dann hat sich da in den letzten zehn Jahren nicht so wahnsinnig viel geändert – alles schön gesungen, super produziert, aber es ist auch immer ein bisschen platter geworden.

Was genau macht dann den Unterschied?
TP: Nun, die Produktionen sind in Österreich mittlerweile mindestens ebenso gut, die Themen sind vielleicht ein wenig interessanter, vor allem aber ist die Sprache eine exotischere. Das ist neu, sticht aus dem Einheitsbrei im Radio etwas heraus, verstört aber nicht.

Ist der Schmäh da wichtig?
TP: Sicher. Die österreichische Popmusik wurde selbst im eigenen Land lange Zeit ignoriert. Es ist ja nicht so, dass da vorher nichts war, aber es wurde halt nicht wahrgenommen und einige Künstler haben sich dann eher an den allgemeinen Trend von außen angepasst, als etwas Eigenes zu machen. Die Christina Stürmer hat’s ja irgendwie geschafft, aber sie macht das sehr gut, weil sie authentisch bleibt und nicht unbedingt versucht, auf hochdeutsch zu singen. Und irgendwie haben sich dann viele Bands gedacht, dass es ihnen eigentlich egal ist, ob sie jetzt auf Ö3 gespielt werden und sind dann eben etwas mutiger geworden als vielleicht manche Band aus Deutschland, weil die Erwartung, den großen Durchbruch daheim im Radio zu schaffen, ohnehin schon nicht mehr da war.

Stichwort Alleinstellungsmerkmal: Euer Debüt war, wenn man es mit anderen vergleicht, von großer Liebe zur Heimat, zum dortigen Lebensgefühl, auch von einer Art zufriedener Genügsamkeit geprägt – ist es für einen dann um so schmerzlicher, wenn sich die Verhältnisse daheim so krachend ändern wie gerade eben?
TP: Also, noch schmerzlicher glaube ich nicht. Wenn man sich die Geschehnisse anschaut, dann ist es ja nicht nur ein österreichisches Problem, das gibt es genauso in Deutschland, in Ungarn, in den USA. Dieses Gefühl der Angst, etwas zu verlieren, was man sich aufgebaut hat. Und daraus folgt dann dieser Hang zum Nostalgischen und die Ablehnung von allem, was sich ändert – warum sollte es das, es ist eh gut so, so in etwa. Hinzu kommt die Digitalisierung, die ja auch noch lang nicht abgeschlossen ist, die aber zusätzlich verunsichert. In einer pluralistischen Gesellschaft wie der unseren ist es eigentlich abwegig, diesen verstaubten Heimatbegriff herzunehmen, aber die Populisten machen das halt und hoffen damit genau die Leute zu erreichen, die Angst vor dem Neuen haben.

Granada: Ganz links Lukacz Custos, ganz rechts Thomas Petritsch.


In Deutschland hat man ja wieder ein anderes, vielleicht noch schwierigeres Verhältnis zur Heimat …
TP: Aber gerade, wenn dieser Begriff besetzt wird, ist es doch um so wichtiger, ihm wieder einen linksliberaleren Anstrich zu verpassen, ihn wieder zurückzuerobern …
LC: … wie zum Beispiel gerade bei Wiener „Life Ball“ und dessen Thema „The Sound Of Music“ – mehr Heimat geht ja eigentlich gar nicht.

Wisst Ihr eigentlich, wo Ihr am 29. November seid?
TP: Ja doch, da sind wir in Deutschland …?

Genau, da seid Ihr im „Scheiss Berlin“. Warum denn eigentlich das Berlin-Bashing?
TP: Oh, das ist gar kein Berlin-Bashing, da gibt es für uns gar keinen Grund zu. Wir haben den Vorwurf schon oft gehört, aber wenn man den Song von der neuen Platte genauer anhört, dann ist das sogar fast eine Liebeserklärung an Berlin. Es geht da um ein fiktives Pärchen aus Graz, das sich trennt und sie geht eben weg nach Berlin und lernt dort einen neuen Freund kennen. Und weil der alte irgendeinen Grund braucht, um seinen Minderwertigkeitskomplex, das gekränkte Ego irgendwie zu trösten, schimpft er halt über die Stadt.

Okay, da ist mir wohl der Doppelsinn entgangen. Ich schieb das jetzt mal auf den Dialekt…
TP: Ja, schon allein die Tatsache, dass jemand Graz über Berlin stellt, hätte stutzig machen müssen (lacht). Und warum Liebeserklärung? Nun, wir haben uns lange überlegt, welche Stadt am ehesten für diesen Song in Frage käme. Und ohne jetzt schleimig klingen zu wollen: Berlin hält das am ehesten aus, die Stadt kann so austeilen, die kann aber auch gut einstecken.

In gewisser Weise beruhigt mich das auch, denn diese ganze Berlin-Hasserei ist gerade in München ziemlich beliebt und doch schon längst vorbei und öde, es spricht also für Euch, dass das gar nicht so gemeint war. 
TP: Nein, das ist, wie wir finden, gerade als Zumutung eher ein Zeichen unserer Wertschätzung!



Vielleicht noch so ein mögliches Missverständnis, das man aus dem Weg räumen kann: „Sauna“: Schwitzende Leiber, dampfende Hitze, will man oder lässt man das?
TP: Das ist lustig, denn auch die Band hat mir das zu Beginn nicht geglaubt, als ich mit dem Text angekommen bin: „Immer feucht und immer glitschig, nackt und dabei sehr hitzig, du weißt genau, worum es geht“. Ja, es geht wirklich um einen Saunagang. Natürlich wirkt das leicht schlüpfrig, weil nackte Haut vorkommt – aber hey, das ist Sauna, oder?
LC: Wir machen das sogar ziemlich oft, gerade am Day Off zwischen den Konzerten geht’s in die Sauna, es gibt gerade im Winter nichts Besseres – und danach schlafst wie ein Baby.

Im Roman „Schwere Knochen“ von David Schalko kommt auch der Begriff ‚Granada‘ vor und meint da den totalen Kampf, den Krieg. Wenn Ihr Euch entscheiden müsstet, was stände Euch denn näher – die Granate oder der Granatapfel?
LC: Der Granatapfel, in jedem Fall! Was aber daran liegt, dass ich schon immer sehr gern Granatäpfel gegessen habe. Ich hatte auch die Idee, das zweite Album „Pfel“ zu nennen, dann könnte man hintereinander Granada „Pfel“ sagen (lacht). Aber das ist dann doch nichts geworden.

Neben Graz und Wien, wie fühlt sich München für Euch an?
TP: Sehr gut. Wir haben mit den Sportis, Fiva und auch Mark Liebscher viele musikalische Freunde in München, die Konzerte waren bis jetzt auch immer toll, das Publikum ist fantastisch. Klar gibt es die Schickimickis, es fahren hier ein paar mehr Ferraris herum als beispielsweise in Graz, aber es hat eben auch diese kleine, feine Indieszene.

Kann es sein, dass man in München allein wegen der Lage etwas näher an Euch, am Dialekt dran ist als etwa Hamburg oder Bremen?
TP: Vielleicht, das ist schon möglich. Aber in erster Linie geht es eher darum, was die Musik transportiert, den Spaß daran. Und da gibt es eigentlich keine Unterschiede.

Therese Lithner: Maximale Ausbeute

Lang schon angekündigt, ausführlich geschwärmt - nun ist sie also erschienen: Therese Lithner aus dem schwedischen Umea hat heute ihre selbstbetitelte Debüt-EP bei Lazy Octopus Records veröffentlicht, wie vermutet vier Tracks, neben dem bislang bekannten "Drown" noch die Stücke "Eye", "Drift" und "Mistake". Und auch wenn sich das immer so einfach sagt, die richtigen Hooks zu finden, die sich dann auch noch in den Ohren der Hörer festsetzen und den Abgang auf lange Zeit verweigern, muß man so erst mal schaffen. Die Strokes hatten für ihr Debüt ganze elf davon und haben daraus eben elf genügsame und doch wunderbare Songs gebastelt, nicht anders Interpol auf dem Erstling "Turn On The Bright Lights". Und auch Lithner energische Stimme wird von feinen Akkorden begleitet, zwirbelnde Gitarren, dicker Bass, treibende Synthesizerklänge, das bleibt alles hängen. Ein kurzes Vergnügen zwar, aber ganz gewiß kein kleines.

Dead Naked Hippies: Cut you off

Es ist mehr der scharfe Schnitt um den es hier geht, weniger um das Instrument selbst: Jede/r hat so seine Bilder und Töne vor Augen, wenn er oder sie das Wort Guillotine hört, dieser trockene Klang, wenn das geschliffene Metall in die Tiefe rauscht und der dumpfe Aufprall desselben nach getaner Arbeit. Morrissey hat das mal im so grausig wie wunderbaren Stück "Margaret On The Guillotine" verewigt - unvergleichlich, nicht wiederholbar. Hier aber handelt es sich eher um ein Sinnbild, denn Lucy Jowett, Sängerin des Post-Punk-Trios Dead Naked Hippies aus Leeds, beschreibt auf dieser ersten Single der Band im Jahr 2018 eher das Gefühl, sich bestimmter Wünsche, auch Rachegelüste nach Verletzungen mit hartem Schnitt zu entledigen. Viele ihrer Texte, so sagt sie, handeln vom Kampf mit sich selbst, der eigenen psychischen Verfassung und ihrer Rolle als Frau in der modernen Gesellschaft, die Musik dazu kommt wie schon vor zwei Jahren ebenso kantig und schroff daher und unterstützt so den Reiz.

Sam Fender: Gehen oder bleiben?

Manche Albernheit entwickelt sich ja auch mal mit befremdlichem Ernst: In den letzten Wochen durfte man zum Beispiel von einem jungen Mann lesen, der mit seinen Erziehern prozessierte, weil er nicht daran dachte, aus seinem Elternhaus auszuziehen. Und das in einem Alter (30), wo andere schon ihre erste Scheidung hinter sich haben. Mag sein, dass sich Jungs in dieser Hinsicht etwas schwerer tun als Mädchen, aber das war dann schon sehr speziell und hatte mit Begriffen wie "Nesthocker" oder "Hotel Mama" nicht mehr viel zu tun. Dennoch scheint das Thema ein Dauerbrenner zu sein, gehen oder bleiben ist in vielerlei Hinsicht eine häufige Frage. Da geht es natürlich ums Erwachsenwerden, Loslassen, um Freiheit, Risiko, Veränderung, solche Dinge. Auch Sam Fender, gern gehörter Gast aus dem britischen Newcastle, scheint mit diesen Problemen zu hadern. Nachdem er Anfang des Jahres mit neuen Songs kam, hat er jetzt seine aktuelle Single "Leave Fast" nachgeschoben, ein anrührendes Stück zu besagtem Thema mit der schönen Chorusline "Leave fast to stay forever". Ein Lied, sich selbst zu erkennen, ein Lied mit viel, viel Herz.

Montag, 18. Juni 2018

Pumarosa: Drohendes Unheil

Ein willkommene Gelegenheit, zu einem der Album-Highlights 2017 zurückzukehren, bieten uns heute die Londoner von Pumarosa. Die Band, deren Sound angenehm zwischen Waverock , Noise und Post-Punk wechselt, hat bekanntlich im vergangenen Jahr ihr Debütalbum "The Witch" veröffentlicht, von diesem stammt auch der Song "Lions' Den", den das Quartett nun mit einem Videoclip veredelt hat. Das Filmchen stammt von Niall Trask und beginnt eigentlich recht idyllisch, bald wird aber klar, daß hier Unheil droht und dieses läßt dann auch mit eindringlichen Bildern nicht lang auf sich warten.

Beach House: Mobile Meditation

Klar, es gibt Autovideos und Autovideos. Das letzte, was einem in Erinnerung ist und das nicht dem üblichen Bling-Bling-Gehabe folgte, war James Blake und sein wunderbares Stück "If The Car Beside You Moves Ahead". In die gleiche Kiste gehören auch Beach House, auch sie handeln weniger mit Stereotypen, auch ihre Musik bezieht ihren Reiz eher aus der Kontemplation, der Versunkenheit. Auf ihrem aktuellen und ziemlich tollen Album "7" befindet sich u.a. auch der Song "Black Car", zu dem die beiden nun einen Clip von Alistair Legrand nachreichen - ein bisschen bedrohlich und deshalb natürlich mit einem schönen Gruß an Elliot Silverstein.

Freitag, 15. Juni 2018

Estrons: Brett aus Wales

Ja, und die mußten unbedingt auch noch mit auf das Tableau für's Wochenende: Die walisische Alternativrock-Kapelle Estrons (allen voran deren beeindruckende Frontfrau Tali Källström) hat zusammen mit Alex Newport (At The Drive-In, Death Cab For Cutie, Pissed Jeans) einen neuen Song namens "Lilac" aufgenommen, der sich irgendwo zwischen Wolf Alice und Rolo Tomassi einschwingt, also auch ziemlich derbe ist. Von dem Trio gibt es bislang eine überschaubare Anzahl an Singles und EP, das erste Lebenszeichen stammt aus dem Jahr 2011mit der Single "C-C-Cariad!", das letzte kam im vergangenen Jahr unter dem Titel "Strobe Lights/Glasgow Kisses" ins Regal. Wann ein kompletter Longplayer zu erwarten ist, wird sich weisen, im September kommen sie erst mal für zwei Termine nach Deutschland.

22.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
23.09.  Berlin, Maze

Boys Noize ft. Marteria + Haftbefehl: Rebell Yell

Schnell mal einen Track zwischenposten, weil ja Wochenende ist und wir ja irgendwie auch eine kleine Tradition pflegen müssen - Beats für's Weekend: Marteria hat zusammen mit Boys Noize und Haftbefehl das Stück "Disco Inferno" aufgenommen, der Clip stammt von LILINTERNET, alles beste grobkörnige Plattenästhetik und auch sonst ziemlich aggro. Kickt.

Protomartyr: Weit mehr als ein Trost [Update]

Sie waren ja gerade erst unterwegs und haben dafür (unter manch eigenwilliger Überschrift) großes Lob geerntet. Und damit der Flow anhält (läuft halt), bringen die Detroiter Post-Punks Protomartyr nun am 15. Juni zu ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Album "Relatives In Descent" eine neue EP mit dem Titel "Consolation" heraus. Vier Stücke soll das Kurzformat enthalten, zwei davon wurden zusammen mit Kelley Deal von The Breeders eingesungen und wiederum eines davon - "Wheel Of Fortune" - gibt es vorab als Video zu sehen/hören. Gedreht hat übrigens Yoonha Park, der auch schon für die Preoccupations, die Liars, M83 oder Deerhoof arbeitete.

Update: Und hier nun auch der zweite Song, der mit Kelley Deal eingespielt wurde - "You Always Win".



Interpol: Mexikanische Eröffnung [Update]

Ein spätes, aber herzliches Willkommen natürlich noch für das sechste Album von Interpol. Dass etwas in der Luft lag, ließ sich schon anhand der üblichen kryptischen Inschriften und Wortmeldungen erahnen - Häuserwände, Blankoformulare für eine Pressekonferenz und das alles in Mexiko City, wohin die New Yorker ebenso gern verreisen, wie sie in ihre Heimstadt zurückkehren. In einem altehrwürdigen Gemäuer gab es dann auch eine ziemlich feierliche Verlautbarung der Herren Fogarino, Banks und Kessler - natürlich zu allererst über "Marauder", so der Titel der nächsten Studioplatte, Nachfolger des letzten Werkes "El Pintor" aus dem Jahr 2014 und terminiert auf den 24. August via Matador Records. Viel Getöse, man gab sich charmant und konnte selbst kleinere Unterbrechungen wie die innige Liebesbezeugung eines Fans recht locker wegmoderieren. Die erste Single des Albums "The Rover" klingt auf den ersten Durchgang recht kraftvoll und ungewohnt schroff, was von der zweiten Arbeit ohne genialen Bassisten Carlos Dengler sonst noch zu erwarten ist, wird sich weisen. Produziert hat jedenfalls Dave Fridmann, der schon für MGMT, die Flaming Lips und Mogwai an den Reglern saß, das Cover, so darf man erfahren, zeigt den amerikanischen Justizminister Elliott Richardson, der sich in den Siebzigern während der Watergate-Affäre einen passablen, rechtschaffenen Ruf erworben hat.



Update: Tourdaten
25.06.  Wien, Arena
23.11.  Hamburg, Mehr! Theater
25.11.  Berlin, Temprodrom



Wildhart: Wie gehabt [Update]

Dass aus dem schwedischen Göteborg nicht musikalisch Bewundernswertes kommt, das weiß der treue Leser - Baula, Emmecosta, Pale Honey, Agent Blå, Westkust und natürlich Little Dragon, es ist eine lange Reihe, von Zufall kann keine Rede mehr sein. Das gilt natürlich auch für das Duo Wildhart. Ihre erste "EP1" haben wir hier zumindest erwähnt, kurz danach gab es 2016 das Debütalbum "Shine", nun teilen die Ylva Holmdahl und Kiwi Berg ein neuen Song. Und - nicht überraschend - handelt es sich auch bei "New Beginning" wieder um erstklassigen Electropop, er stammt von der künftigen EP "Caught In A Fisheye", zu haben als Stream und Videoclip. Feinkost wie gehabt.

Update: Auch für die zweite Single bleibt es dabei - die beiden Schweden sind immer für ein paar vertrackte Wohlklänge gut - hier also der nächste Track "Every Touch".




Donnerstag, 14. Juni 2018

Hotel Lux: In bester Gesellschaft

Diese fünf jungen Herren hatten wir hier auch schon mal (verdientermaßen), da ging es um das Moskauer Hotel und Henkersmahlzeiten. Heute wieder der Ostblock, diesmal widmen sich die ziemlich britischen Hotel Lux der Berliner Mauer. "Berlin Wall" ist die B-Seite ihrer aktuellen Single "Daddy" und klingt wieder mal schnoddrig, lässig, leicht angenervt, eben nach all dem, was einen guten Song von der Insel ausmacht. Hotel Lux veröffentlichen übrigens auf dem Label Big Score, dort also, wo auch die Idles-Lieblinge Lice zu Hause sind - kein Zufall, möchte man meinen.

Eliza Shaddad: Wider besseren Wissens

Da ist fast schon Vorsicht angesagt, denn die zügellose Schwärmerei könnte einem irgendwann auch als Stalking oder gekaufte Liebedienerei ausgelegt werden. Dennoch werden wir nicht müde, die Londoner Künstlerin Eliza Shaddad auf das Ausgiebigste zu loben - gerade hat das Mädchen ihre neue Single "My Body" samt Video von Joe McCrae ins Netz gestellt, das Album "Future" soll via Beatnik Creative in ebenjener näheren Zukunft erscheinen. Der Song beschreibt, so die Sängerin, das Gefühl, vom eigenen Körper hinters Licht geführt zu werden, zu wissen, dass man oft besser allein klarkommt und dann doch dem Zweifel nachzugeben, wider besseren Wissens.



Chris Liebing: Alte Liebe

Die Neuigkeit, daß Chris Liebing kürzlich bei Mute unterschrieben hat, ist ja nun auch so neu nicht mehr, was aus dieser Liason werden sollte, stand allerdings noch nicht fest. Das hat sich jetzt geändert, denn der Mann hat für den 7. September seinen Einstand bekanntgegeben - "Burn Slow", so der Name des Albums, wird zehn Tracks enthalten und auch die Gästeliste ist mit Polly Scattergood (onDeadWaves), Miles Cooper Seaton, Cold Cave und Aleen erfreulich delikat besetzt. Nach dem ersten Vorgeschmack "Novembergrey" spendiert Liebing auch gleich noch einen zweiten, "Polished Chrome (The Friend Pt.1)" schmückt sich mit der Stimme von Wave-Urgestein Gary Numan, unschwer zu hören, daß die Liebe für den Sound der 80er keine kleine ist.

Mittwoch, 13. Juni 2018

Hope: Begeistertes Entsetzen

Nicht, dass uns die vier nicht auch schon aufgefallen wären. Aber mit dem richtigen Zitat im Rücken geht die Sache noch dreimal schneller durch die Decke. Joe Talbot, Sänger der britischen Kombo Idles aus Bristol (gerade mit der neuen Platte "Joy As An Act Of Resistance" auf den Absprung), hat im vergangenen Jahr sein Herz oder vielmehr seine Ohren für die Berliner Post-Punk-Band Hope entdeckt: "I found Hope to be mesmeric live. They have a soulful integrity, that resides in a pounding resonance with chromatic washes, that cut through a dark, dark black; leaving you aghast. Beautiful music by beautiful people" - kurzum, er war ziemlich begeistert. 2017 ist auch das selbstbetitelte Album des Quartetts erschienen, von diesem stammt die Single "Drop Your Knives", die wiederum gerade mit ein Clip von Ricardo Bernardi auf Sendung ging. Kommt also eins zum anderen - irgendwann.

Deaf Wish: Pure Energie

Schnell mal in den digitalen Erinnerungen gekramt - und: Siehe da, irgendwie kam einem der Name doch bekannt vor. Klar, Deaf Wish aus Melbourne sind ja auch nicht irgendeine x-beliebige Kapelle, vier Alben haben sie bislang veröffentlicht und am 27. Juli soll nun via Sub Pop die Nummer fünf dazukommen. "Lithium Zion" wurde genauso wie der Vorgänger "Pain" aus dem Jahr 2015 von Mickey Young abgemischt, das Video zur ersten Single "FFS" mit der wunderbaren Sarah Hardiman  wiederum stammt von Gitarrist Jensen Tjhung und Drummer Daniel Twomey.



Snail Mail: Alles in einem

Snail Mail
„Lush“

(Matador)

Man sollte Lindsay Jordan wirklich nicht unterschätzen. Sie ist zwar noch keine zwanzig und eine eher zarte Erscheinung. Liest man aber die Interviews zur Veröffentlichung ihres Debüts, dann wird recht schnell klar, dass man ihr und ihrer Band Snail Mail mit dummen Sprüchen und Kleinmädchengetue nicht kommen muß. Jordan kann durch aus eine ziemlich rüde Rede schwingen, wo es vor fucks und shits nur so wimmelt, sie steht auf Gitarrenklänge aller Art, vorzugsweise die von Sheer Mag, Alvvays und Mark Kozelek, hat schon einige weniger angenehme Erfahrungen mit garstigen Plattenfirmen gemacht und träumt davon, ein Video zusammen mit Kristen Stewart zu drehen. Nur weil sie also aus einem kleinen Städtchen an der Ostküste kommt, ist sie noch lange kein schüchternes, blondes Hascherl – vielleicht taugt der Clip zur Single „Heat Wave“ deshalb so gut, die Dinge etwas gerader zu rücken, denn dort vermöbelt am Ende sie die tumben Kerle und nicht umgekehrt. Die Musik, die Snail Mail, also auch Alex Bass und Roy Brown, gemeinsam machen, klingt da zugegebenermaßen etwas weniger schroff.

Seit 2015 schreibt Jordan ihre Songs, größter Erfolg war bislang ihre EP „Habit“, die 2016 erschienen ist und sie schnell auf den Radar der größeren Labels brachte, nach einigen Umwegen ist sie nun bei Matador, einem Indie-Schwergewicht gelandet. Das Netzportal Fader schrieb vor einem Jahr die so hübsche wie passende Überschrift „The Old-School Beauty Of Snail Mail’s Suburban Slowcore“, wenige Worte, in denen eigentlich alles gesagt ist. Denn „Lush“ ist bei aller Attitüde in erster Linie schöner, lässiger Pop-Stoff – die Gitarrenhooks perlen und tänzeln anmutig durch die zehn Stücke und wirklich nur ganz selten werden sie dabei (wie bei besagtem „Heat Wave“ und „Deep Sea“) durch harschere Anschläge gestört. Auch Jordans Stimme reiht sich da nahtlos ein, einzig für „Speaking Terms“ wagt sie sich mal etwas weiter aus der Deckung und klingt etwas fordernder, bestimmter. Weniger ernst ist es ihr mit den Anliegen der Songs deshalb trotzdem nicht, hier werden Teenager-Nöte, Trennungsschmerz und Beziehungssorgen verhandelt und wer behauptet, das wäre nicht der Ernst des richtigen Lebens, der hat sie nicht wirklich erlebt. Irgendwie also ein All-in-one-Album, wo das Kleine groß wird und der Moment das ist, was zählt. https://www.snailmail.band/

Death Cab For Cutie: Getreu dem Motto

Immer weiter, schon klar. Es gibt wohl kaum eine größere Entfernung als die zwischen dem einst so verbissenen Torwart Oliver Kahn und den leichtfüßigen Indierockern Death Cab For Cutie. Aber das Motto des gebürtigen Badeners ist einfach omnipräsent, er scheint im Alter zudem etwas milder geworden zu sein und dann das: Es war schon fast ein kleines Wunder, dass die Band vor vier Jahren den Weggang von Chris Walla derart unaufgeregt und ohne hörbare Qualitätseinbußen weggesteckt hat, sie haben einfach weitergemacht und mit "Kintsugi" ein zweifellos hervorragendes Album ohne ihren genialen Gitarristen veröffentlicht. Wäre ja auch zu schade gewesen. Jetzt kündigen die nunmehr drei verbliebenen Amerikaner (ergänzt um die beiden Tourmitglieder Dave Depper und Zac Rae) mit "Thank You For Today" eine weitere Platte an und "Gold Rush", die erste Vorauskopplung, schafft es dann vielleicht auch mal auf die Playlist des ehemaligen Ballfängers.



Dienstag, 12. Juni 2018

Kristin Hersh: Nicht nur leise Töne [Update]

Eigentlich sind Sandstürme ja kein Spaß, man darf aber annehmen, daß beigefügte Warnung nicht allzu ernst gemeint ist: Kristin Hersh, Sängerin der verehrungswürdigen Bands Throwing Muses und 50 Foot Wave, seit langer Zeit ebenso erfolgreich solo unterwegs, hat nach dem Doppelschlag "Wyatt At The Coyote Palace" aus dem Jahr 2016 ein neues Album in Eigenregie angekündigt - und dieses soll den Titel "Possible Dust Clouds" tragen. Der Wechsel zu Fire Records, wo die Platte am 5. Oktober erscheinen wird, flankiert das Vorhaben, Livetermine der stimmgewaltigen Künstlerin gibt es vorerst nur einige wenige auf der Insel (und dem von Robert Smith kuratierten Meltdown Festival), als kleinen Trost hier vorab aber schon mal eine frühe Version der Single "LAX", die erstaunlich rau und krachert daherkommt. Recht so.

Update: Und auch von "Breathe In", dem nächsten Song vom neuen Album, gibt es eine sogenannte rough version - nicht zu viel versprochen.