Die nächsten Bekannten sind EUT aus Amsterdam, die hier im Mai ebenfalls bei einer Sonntagsrunde aufgetaucht sind. Damals erwähnten wir mit einem Video-RoundUp ihr feines Debütalbum "Fool For The Vibes", mit dem sie in den nächsten Tagen durch Deutschland touren werden. Und aus diesem Anlass spendieren die fünf jetzt auch noch mal einen neuen Song mit dem Titel "It's Love (But It's Not Mine)", mit dabei wieder die wunderbare Stimme von Sängerin Megan de Clerk und eine ganz Menge geschmeidiger Gitarrenakkorde.
Sonntag, 13. Oktober 2019
Bishop Briggs: Sensible Naturgewalt
Okay, die lustigen Knubbel rechts und links sind weg, überhaupt - der ganze Schädel geschoren, komplett, das kann wohl nicht anders als programmatisch nehmen: Bishop Briggs, also eigentlich Sarah Grace McLaughlin, die sich nach ihrem schottischen Geburtsort nahe Glasgow benannt hat, hat sich rein äußerlich eine Zäsur verordnet, nachdem ihr Debütalbum "Church Of Scars" im letzten Jahr doch für ziemlich viel Aufsehen gesorgt hatte. Abgesehen vom martialischen Erscheinungsbild hat es in Sachen Musik keine Änderung gegeben - warum auch, hatte sich ihr souliger Steampop doch ausgesprochen gut bewährt. Bislang erschienen sind vom angekündigten Nachfolger "Champion" der Titelsong und das Stück "Tattooed On My Heart". Die neue Single "Jekyll And Hide" (kein Rechtschreibfehler) meint im Übrigen nicht die Künstlerin selbst, sondern die Schwierigkeit, Leute zu daten, die zwei Gesichter, zwei unterschiedliche Wesenszüge haben. Im Online-Magazin CoS richtete sie übrigens aus, sie hoffe, ihren Fans gefalle die neue Single - wenn nicht, dann solle man das besser für sich behalten, sie wäre zu empfindlich, um die Ablehnung zu ertragen. Wer's glaubt...
12.12. Hamburg, Uebel und Gefährlich
13.12. Berlin, Metropol Theater
15.12. Köln, Die Kantine
16.12. Zürich, Mascotte
12.12. Hamburg, Uebel und Gefährlich
13.12. Berlin, Metropol Theater
15.12. Köln, Die Kantine
16.12. Zürich, Mascotte
Freitag, 11. Oktober 2019
Bilderbuch: Für nichts zu schade
Bilderbuch, our favorite famous Lieblingsband aus Ibiz - äh, Österreich, sind ja um kein noch so albernes Fotoshooting verlegen, von Maurice Ernst gibt es dieses wunderbare Bild in den Schuhen (und Kleidern) einer Kaiserin, die Freiheitsstatue, na klar und dann noch dieses feuchte Sommerbild mit Regenwaldshirt - leiwand! Jetzt ist der Junge mit dem Automobil durch Dubai gebraust und hat dazu das neue Liedchen "Kitsch" geträllert, eine Schau. Angeblich hat sich auch Lindsay Lohan am Set blicken lassen (Traumcollabo!), der Song jedenfalls ist wie erwartet Spitzenklasse.
Gaddafi Gals: Kaum auszurechnen
Gaddafi Gals
„Temple“
(3-Headed Monster Posse)
Die Zeit der Eindeutigkeit ist längst vorbei, die schubladengerechte Sortierung, Etikettierung kaum mehr möglich. Das gilt für die Gesellschaft allgemein, wo links und rechts als verlässliche Standortkriterien mehr und mehr zu verschwinden bzw. zu verschwimmen scheinen (weil sich der Populismus überall gleichermaßen breitmacht und Linksfaschisten und Ökonationalisten wie selbstverständlich in gegnerischen Biotopen wildern. Das gilt für die Geschlechtertrennung, Stichwort Genderdebatte, LGBTQIA und natürlich auch für die Kunst, meint hier speziell die Musik. Wo früher der Rock eben nur Rock war und auch bei Metal, Rap oder Soul klare Grenzen gezogen wurden, werden heute alle erdenklichen Stilrichtungen nach Herzenslust miteinander vermischt. Das Nachsehen hat, wer die Scheuklappen nicht rechtzeitig vom Kopf bekommt – gut so. Je vielfältiger, facettenreicher es wird, um so mehr hakt es naturgemäß bei der Umschreibung, man braucht ein paar Vokabeln mehr, um eine Vorstellung zu vermitteln resp. zu bekommen, was genau einen hier erwartet.
Für die Gaddafi Gals beispielsweise schickt das Label folgende ins Rennen: divers, queer, migrantisch, antipatriarchal, esoterisch, futuristisch, soft, hybrid, internetaffin und global, eine jede ist man breit zu glauben, eine jede davon kann man unterstreichen und mindestens die gleiche Menge zusätzlicher fügt jede*r hinzu, der die erste EP „The Death Of Papi“ und nun das fabelhafte Albumdebüt „Temple“ hört und mag. Eine Wundertüte an Querverweisen: Der Eingang in den Tempel erfolgt durch eine der 36 Kammern des Wu-Tang, schlierige Loops, tonnenschwere Beats, garstige Rhymes, in der Folge richten Portishead, Massive Attack, FKA twigs das Koordinatensystem immer wieder neu aus, RnB, Jazz, all das klingt an und noch viel mehr. blaqtea (alias Ebow), slimgirl fat (ehemals Nalan381) und walter p99 arke$tra vermeiden also den eindimensionalen Bezug
Und verwahren sich ebenso strikt der politischen Vereinnahmung, so jedenfalls war es in einem Gespräch mit „Das Wetter“ zu lesen. Natürlich hat jede*r von ihnen eine klare, eigene Meinung, die er oder sie aber nicht wie eine Monstranz in den Songs vor sich hertragen möchte. Der Fokus liegt, musikalisch wie auch textlich klar im Assoziativen, zu Sätzen wie „Be my applepie until the day I die“ und wiegenden Hüften im „Temple Of Love“ darf man sich selbst ein passendes Bild machen. Ebenso geheimnisvoll und ungefähr bleibt es in den Videoclips der drei, „Skimask“ und „Mitsubishi“, Masken und Posen hier, entspanntes Cruisen dort, kein Ferrari, kein Maserati, nonono – „that’s us“. Soweit, so unklar. Selbst bei Themen Mysoginie und Homophobie gibt es keine plakativen Statements, der „Papi“ soll sterben, endgültig, aber wer oder was ins Gras beißen muß, bleibt offen. Schwer auszurechnen, schwer einzuordnen wollen sie sein, das hält die Spannung und macht sie mithin zu einem der interessantesten Acts dieses Jahres.
„Temple“
(3-Headed Monster Posse)
Die Zeit der Eindeutigkeit ist längst vorbei, die schubladengerechte Sortierung, Etikettierung kaum mehr möglich. Das gilt für die Gesellschaft allgemein, wo links und rechts als verlässliche Standortkriterien mehr und mehr zu verschwinden bzw. zu verschwimmen scheinen (weil sich der Populismus überall gleichermaßen breitmacht und Linksfaschisten und Ökonationalisten wie selbstverständlich in gegnerischen Biotopen wildern. Das gilt für die Geschlechtertrennung, Stichwort Genderdebatte, LGBTQIA und natürlich auch für die Kunst, meint hier speziell die Musik. Wo früher der Rock eben nur Rock war und auch bei Metal, Rap oder Soul klare Grenzen gezogen wurden, werden heute alle erdenklichen Stilrichtungen nach Herzenslust miteinander vermischt. Das Nachsehen hat, wer die Scheuklappen nicht rechtzeitig vom Kopf bekommt – gut so. Je vielfältiger, facettenreicher es wird, um so mehr hakt es naturgemäß bei der Umschreibung, man braucht ein paar Vokabeln mehr, um eine Vorstellung zu vermitteln resp. zu bekommen, was genau einen hier erwartet.
Für die Gaddafi Gals beispielsweise schickt das Label folgende ins Rennen: divers, queer, migrantisch, antipatriarchal, esoterisch, futuristisch, soft, hybrid, internetaffin und global, eine jede ist man breit zu glauben, eine jede davon kann man unterstreichen und mindestens die gleiche Menge zusätzlicher fügt jede*r hinzu, der die erste EP „The Death Of Papi“ und nun das fabelhafte Albumdebüt „Temple“ hört und mag. Eine Wundertüte an Querverweisen: Der Eingang in den Tempel erfolgt durch eine der 36 Kammern des Wu-Tang, schlierige Loops, tonnenschwere Beats, garstige Rhymes, in der Folge richten Portishead, Massive Attack, FKA twigs das Koordinatensystem immer wieder neu aus, RnB, Jazz, all das klingt an und noch viel mehr. blaqtea (alias Ebow), slimgirl fat (ehemals Nalan381) und walter p99 arke$tra vermeiden also den eindimensionalen Bezug
Und verwahren sich ebenso strikt der politischen Vereinnahmung, so jedenfalls war es in einem Gespräch mit „Das Wetter“ zu lesen. Natürlich hat jede*r von ihnen eine klare, eigene Meinung, die er oder sie aber nicht wie eine Monstranz in den Songs vor sich hertragen möchte. Der Fokus liegt, musikalisch wie auch textlich klar im Assoziativen, zu Sätzen wie „Be my applepie until the day I die“ und wiegenden Hüften im „Temple Of Love“ darf man sich selbst ein passendes Bild machen. Ebenso geheimnisvoll und ungefähr bleibt es in den Videoclips der drei, „Skimask“ und „Mitsubishi“, Masken und Posen hier, entspanntes Cruisen dort, kein Ferrari, kein Maserati, nonono – „that’s us“. Soweit, so unklar. Selbst bei Themen Mysoginie und Homophobie gibt es keine plakativen Statements, der „Papi“ soll sterben, endgültig, aber wer oder was ins Gras beißen muß, bleibt offen. Schwer auszurechnen, schwer einzuordnen wollen sie sein, das hält die Spannung und macht sie mithin zu einem der interessantesten Acts dieses Jahres.
28.10. Wien, Das Werk
02.11. München, Folks! Club
03.11. Stuttgart, Schräglage
04.11. Köln, Yuka
05.11. Leipzig, Institut für Zukunft
07.11. Hamburg, Uebel und Gefährlich
08.11. Berlin, Badehaus
Donnerstag, 10. Oktober 2019
Public Practice: Keine Angst vorm Tanzen
Dass wir uns hier mitten in den wohlbekannten und geliebten Achtzigern bewegen, ist ziemlich schnell klar: Public Practice kommen mitten aus der City von New York und spielen einen Post-Punk, der keine Angst hat vor wippenden, funkigen Grooves. Hört man sich die Single "Disposable" an, entdeckt man zunächst dunkle Drums und amtlich verzerrte Stromgitarren, bei der Rückseite "Extra-Ordinary" wird aber schnell klar, dass Sam York (Vocals), Vince McCelland (Gitarre), Drew Citron (Bass/Synth/Vocals) und Scott Rosenthal (Drums) auch Spaß haben wollen, denn das hier tanzt und hüpft ordentlich. Derzeit, so sagt ihr Label Wharf Cat Records, basteln sie in Brooklyn am Debütalbum, das der EP "Distance Is A Mirror" (2018) nachfolgen soll.
Diving Station: Bienen und Harfen
Ganz ehrlich - Bands, die eine Harfe zu ihren Instrumenten zählen und noch dazu über Honigbienen singen, die würde man sonst geflissentlich weiterskippen. Bei Diving Station aus Manchester könnte es sein, dass man dies bereut. Denn wer den flirrenden Gitarrensound des Quartetts und die zauberhafte Stimme von Leadsängerin Anna McLuckie (die spielt auch Clàrsach, was eben eine keltische Harfe ist) einmal gehört hat, möchte so schnell nicht mehr davon lassen. Zwei EP sind von den vieren bislang erschienen, mit "Alice" haben sie 2017 debütiert und dann im Folgejahr "Feather Mouth" nachgeschoben. Nun also "Honey Bees", ein Song, der von der indisch-kanadischen Schriftstellerin Rupi Kaur und ihrem Buch "Milk And Honey" inspiriert ist - gleiches gilt für den Chorus: "She was a rose in the hands of those, who had no intention of keeping her". Dazu gibt es hier noch die etwas ältere Single "Film".
The Wha: Geradewegs in die Hölle [Update]
Naja, das mit der Hölle könnte schneller passieren als gedacht. "Don't wanna go to heaven, I'll go to hell instead", mit diesen Worten endet "Innocents", der Song der irischen Band The Wha und dieser Text zusammen mit dem Photo oben dürfte im erzkonservativen Irland Eintrittskarte genug sein. Dennoch sieht es nicht so aus, als würden sich Finn Cusack, Sam Cullen, Marek The Lech und Abe G Harris einen Teufel darum scheren, was wer an diesem Stück auszusetzen hat. Die Schulfreunde aus dem Städtchen Kilkenny machen schließlich Rock'n Roll und da gehören rotzige Attitüde und Rebellion mit dazu. Und die katholische Kirche hat nun mal wegen der skandalösen Mißbrauchsvorwürfe keinen so sauberen Ruf im Moment, warum also übervorsichtig sein? Die erste Single der Band jedenfalls ist gerade bei Chess Club erschienen, sie werden einige größere Gigs spielen und man wird sehen, wie weit sie's wohl bringen.
Update: Und weil zu jeder A- auch eine B-Seite gehört, kommt hier "40 Odd Years".
Update: Und weil zu jeder A- auch eine B-Seite gehört, kommt hier "40 Odd Years".
DJ Shadow: Full package [Update]
Ursprünglich hatten wir ja "nur" einen einzigen Song, den wir nicht genau zuzuordnen wußten, das ist mittlerweile anders: Im Juli noch jubelten wir über die Kollaboration "Rocket Fuel" von DJ Shadow und De La Soul, nun ist die Komplettprogramm bekannt - am 15. November nämlich soll ein Doppelalbum mit dem Titel "Our Pathetic Age" von dem kalifornischen Soundwizzard erscheinen, eine Hälfte mit Instrumentals, die andere mit Gastkünstlern vollgepackt. Und neben den Hip-Hop-Legenden finden sich dort noch Paul Banks (Interpol), Run The Jewels, Nas und Samuel T. Herring von den Future Islands. Hier mit "Rosie" ein erster Leckerbissen aus dem ersten Teil.
Update: Und hier kommt auch schon der nächste Track zum Vorhören, “Urgent, Important, Please Read” (Feat. Rockwell Knuckles, Tef Poe, & Daemon) frisch aus der Dose.
Update: Und hier kommt auch schon der nächste Track zum Vorhören, “Urgent, Important, Please Read” (Feat. Rockwell Knuckles, Tef Poe, & Daemon) frisch aus der Dose.
Dienstag, 8. Oktober 2019
Seeed: Aus eigener Kraft mit neuem Dreh
Seeed
„Bam Bam“
(BMG/Warner)
Ganz so easy, ganz so simpel wird es nicht gegangen sein, wie uns das der gute Pierre Baigorry alias Peter Fox gern glauben machen will: „Die Sonne kommt, es geht von vorne los – einfach so“ heißt es in den ersten Zeilen von „Ticket“, dem Opener und Mutmacher des Neulings. Es ist ja nach der letzten Platte plötzlich ziemlich still um die Berliner Dancehall-Kolchose geworden, totenstill muß man leider sagen, denn im Mai vergangenen Jahres starb überraschend mit Demba Nabé eines der tonangebenden Gründungsmitglieder von Seeed und danach war erst mal Schicht. Zunächst wurde gecancelt, dann verschoben, der Rest der Mannschaft entschied sich nach längerem Ringen für’s Weitermachen. Aus heutiger Sicht eine gute Entscheidung. Denn sie hätten sonst mit einem Album („Seeed“, 2012) aufgehört, das aus kommerzieller Sicht zwar ihr erfolgreichstes, aus künstlerischer allerdings das schwächste geworden war – trotz voller Mannschaft schien die Luft raus, mehr als ein „Augenbling“ an Spannung und Inspiration war kaum zu bekommen. Das Erstaunliche ist, dass es nun nicht irgendwie weitergeht, weil es, wie man so platt sagt, eben muss. Sondern mit voller Kraft und neuen Ideen.
Und die holen sie sich auch, neuer Dreh, per Input von außen. Ganz wie die Schwestern und Brüder vom Hip-Hop wurde die Gästeliste ordentlich vollgepackt: Collabo-King Trettmann darf mit Fox gemeinsam die ewige und unbedingte Liebe beschwören („Immer bei dir“), Salsa 359 feiern standesgemäß mit ein paar Schlückchen Courvoisier und weil die Herren von Deichkind beim Sex immer gern das Licht anlassen, gibt’s von Nura (SXTN) hintendrein gleich ordentlich eine vor die Plautze („Sie ist geladen“). Alles in allem herrlich unkorrekt die ganze Party, Booties, Teile, Dinger, Kisten, man kennt es ja nicht anders und Anstoß muss man trotzdem keinen finden – sie lieben das Leben und preisen die Körper. War noch nie anders. Etwas Lobpreis geht allerdings auch an das money, auch wenn Seeed natürlich wissen, dass sich damit love nicht kaufen lässt. Zeitgleich mit Ernst-Wilhelm Händler (haha, Feullietonisten-Idee!) spricht hier der Mammon mit dem User: „Hab keine Angst vor mir!“
„Geld“ gehört zur Reihe der Tracks, die ohne fremde Hilfe auskommen und genauso gut funktionieren, die den Biss und den Riddim haben und kräftig Staub aufwirbeln. „Lass sie gehn“ ist die große, lässige Abschiedsrede mit den ganz fetten Vibes, „Komm in mein Haus“ dann das, was wohl am Ehesten als politisches Statement verstanden werden kann, als Aufruf, sich zu entscheiden („Geb' ich die Hand, heb' ich die Faust, geb' ich alles oder auf, ewiger Rausch und Medizin, steh' ich auf oder bleibe liegen?“). Jammern ist bei dem wiedererstarkten Tanzkollektiv mit den drei „e“ und dem dicken „B“ nicht zu haben, den einzigen Emotionsschub gibt es nicht in „No More Drama“ (klar), den haben sie sich für das Ende aufgehoben. Dort schwelgen dann gnadenlos die Streicher und das Piano um die Wette, „What A Day“ als aufwühlender Tearjerker aus der Feder vom verblichenen Demba Nabé. Passt. Man kann jetzt nach der langen Pause viel reinreden und rauslesen, Seeed gar wie die SZ mit dem wahlweise geliebten oder verhassten FC Bayern vergleichen, nun denn. Man kann „Bam Bam“ aber auch einfach mal so stehen (oder schwingen) lassen. Für den Moment, und für die Vorfreude auf Kommendes.
„Bam Bam“
(BMG/Warner)
Ganz so easy, ganz so simpel wird es nicht gegangen sein, wie uns das der gute Pierre Baigorry alias Peter Fox gern glauben machen will: „Die Sonne kommt, es geht von vorne los – einfach so“ heißt es in den ersten Zeilen von „Ticket“, dem Opener und Mutmacher des Neulings. Es ist ja nach der letzten Platte plötzlich ziemlich still um die Berliner Dancehall-Kolchose geworden, totenstill muß man leider sagen, denn im Mai vergangenen Jahres starb überraschend mit Demba Nabé eines der tonangebenden Gründungsmitglieder von Seeed und danach war erst mal Schicht. Zunächst wurde gecancelt, dann verschoben, der Rest der Mannschaft entschied sich nach längerem Ringen für’s Weitermachen. Aus heutiger Sicht eine gute Entscheidung. Denn sie hätten sonst mit einem Album („Seeed“, 2012) aufgehört, das aus kommerzieller Sicht zwar ihr erfolgreichstes, aus künstlerischer allerdings das schwächste geworden war – trotz voller Mannschaft schien die Luft raus, mehr als ein „Augenbling“ an Spannung und Inspiration war kaum zu bekommen. Das Erstaunliche ist, dass es nun nicht irgendwie weitergeht, weil es, wie man so platt sagt, eben muss. Sondern mit voller Kraft und neuen Ideen.
Und die holen sie sich auch, neuer Dreh, per Input von außen. Ganz wie die Schwestern und Brüder vom Hip-Hop wurde die Gästeliste ordentlich vollgepackt: Collabo-King Trettmann darf mit Fox gemeinsam die ewige und unbedingte Liebe beschwören („Immer bei dir“), Salsa 359 feiern standesgemäß mit ein paar Schlückchen Courvoisier und weil die Herren von Deichkind beim Sex immer gern das Licht anlassen, gibt’s von Nura (SXTN) hintendrein gleich ordentlich eine vor die Plautze („Sie ist geladen“). Alles in allem herrlich unkorrekt die ganze Party, Booties, Teile, Dinger, Kisten, man kennt es ja nicht anders und Anstoß muss man trotzdem keinen finden – sie lieben das Leben und preisen die Körper. War noch nie anders. Etwas Lobpreis geht allerdings auch an das money, auch wenn Seeed natürlich wissen, dass sich damit love nicht kaufen lässt. Zeitgleich mit Ernst-Wilhelm Händler (haha, Feullietonisten-Idee!) spricht hier der Mammon mit dem User: „Hab keine Angst vor mir!“
„Geld“ gehört zur Reihe der Tracks, die ohne fremde Hilfe auskommen und genauso gut funktionieren, die den Biss und den Riddim haben und kräftig Staub aufwirbeln. „Lass sie gehn“ ist die große, lässige Abschiedsrede mit den ganz fetten Vibes, „Komm in mein Haus“ dann das, was wohl am Ehesten als politisches Statement verstanden werden kann, als Aufruf, sich zu entscheiden („Geb' ich die Hand, heb' ich die Faust, geb' ich alles oder auf, ewiger Rausch und Medizin, steh' ich auf oder bleibe liegen?“). Jammern ist bei dem wiedererstarkten Tanzkollektiv mit den drei „e“ und dem dicken „B“ nicht zu haben, den einzigen Emotionsschub gibt es nicht in „No More Drama“ (klar), den haben sie sich für das Ende aufgehoben. Dort schwelgen dann gnadenlos die Streicher und das Piano um die Wette, „What A Day“ als aufwühlender Tearjerker aus der Feder vom verblichenen Demba Nabé. Passt. Man kann jetzt nach der langen Pause viel reinreden und rauslesen, Seeed gar wie die SZ mit dem wahlweise geliebten oder verhassten FC Bayern vergleichen, nun denn. Man kann „Bam Bam“ aber auch einfach mal so stehen (oder schwingen) lassen. Für den Moment, und für die Vorfreude auf Kommendes.
Russian Baths: Ungewöhnliche Methoden [Update]
Update: Von den New Yorkern gibt es nun die Ankündigung eines Debüt-Albums, heißen wird es "Deepfake" und erscheinen soll es am 8. November bei Good Eye Records. Der bislang geteilten Single "Parasite" stellen wir hier noch den nicht ganz so alten Song "Tracks" und das aktuelle Stück "Responder" zur Seite.
Nilüfer Yanya: Realness gesucht [Update]
Nilüfer Yanya
„Miss Universe“
(PIAS)
Der Beginn: Befremdlich. Eine künstliche Stimme – Alexa, Siri, whatever – bedankt sich für das Interesse, begrüßt die Teilnahme, die gleichbedeutend ist mit der Übergabe persönlicher Daten und stellt eine Verbesserung, gar eine Verlängerung der Lebensumstände in Aussicht. WWAY Health (We Worry About Your Health) heißt das Programm, mit dem die junge Londonerin Nilüfer Yanya ihr Debütalbum eröffnet, es steht für die Inanspruchnahme unseres sozialen Umfelds durch einen vernetzten, künstlich generierten Rundumservice, der uns glauben machen soll, alles sei in Ordnung, alles sei in guten Händen. Doch gleich darauf, in ihrer ersten Hitsingle „In Your Head“, folgt er auch schon, der Hilferuf einer Generation, die sich zunehmend in Abhängigkeit der sozialen Medien sieht, einer Generation, der Schritt für Schritt die Realität abhandenkommt: „Some validation is all I need!“
Ist denn niemand da draußen, so fragt Yanya, der einem Orientierung gibt in dieser verrückten Welt, wo die Insta-Story, auf Hochglanz poliert und aller Ecken und Kanten beraubt, mehr gilt als eine Haltung, eine gute Geschichte, wo jeder nur noch Avatar sein will, weil das wirkliche Lebensgefühl von der Unsicherheit, von der Angst überlagert wird, ob man überhaupt noch man selbst sein darf. Thematisch also eine spannende Sache, die Yanya hier für ihre Altersgenossen aufrollt und dem steht ihre Musik in keinster Weise nach. Auch wenn der Titel des Albums eher auf das allgegenwärtige Bodyshaming unserer Tage hinweist, so ist „Miss Universe“ tatsächlich ein sehr universelles, überaus vielfältiges Album geworden.
Die Unentschiedenheit, die es auszeichnet, ist zugleich seine Stärke. Wenn am Anfang die Gitarren dominieren und knarzige Riffs wie bei „Paralyzed“ von Yanyas Verehrung für die Strokes und Pixies künden, so bekommen wir mit längerer Spieldauer immer wieder neue Facetten von ihr zu hören. Da wird dem Jazz ebensoviel Platz eingeräumt wie lässigen Dancerhythmen (zwischen „Baby Blu“ und „Heat Rises“ fühlt sich selbst die Dauerüberwachung des WWAY (s.o.) bemüßigt, eine dezente Warnung auszusprechen), smoothe Saxophonparts wechseln mit treibenden Beats und funkigen Breaks. Ebenso variabel zeigt sich die Britin stimmlich, anfangs noch mit dunklem Timbre unterwegs, das gut mit dem roughen Sound harmoniert, wird der Gesang später mal spitzer und höher, dann wieder weicher, nahbarer. Kluger Stilmix in Überlänge und mit Sicherheit eine der interessantesten Platten dieses Jahres.
Update: Einen Ausflug nach Istanbul, die Geburtsstadt ihres Vaters, spediert uns die Künstlerin im aktuellen Video zu "Paradise", bei "H34T Rises" (das eigentlich "Heat Rises" heißen sollte) gibt es einen Motoradausflug.
17.04. Hamburg, Nochtwache
18.04. Berlin, Berghain Kantine
21.04. Wien, Chelsea Club
22.04. München, Ampere
24.04. Zürich, Exil
25.04. Köln, Blue Shell
neu:
24.10. Hamburg, Bahnhof Pauli (Klubhaus St. Pauli)
27.10. Berlin, Festsaal Kreuzberg
30.10. Köln, Luxor
„Miss Universe“
(PIAS)
Der Beginn: Befremdlich. Eine künstliche Stimme – Alexa, Siri, whatever – bedankt sich für das Interesse, begrüßt die Teilnahme, die gleichbedeutend ist mit der Übergabe persönlicher Daten und stellt eine Verbesserung, gar eine Verlängerung der Lebensumstände in Aussicht. WWAY Health (We Worry About Your Health) heißt das Programm, mit dem die junge Londonerin Nilüfer Yanya ihr Debütalbum eröffnet, es steht für die Inanspruchnahme unseres sozialen Umfelds durch einen vernetzten, künstlich generierten Rundumservice, der uns glauben machen soll, alles sei in Ordnung, alles sei in guten Händen. Doch gleich darauf, in ihrer ersten Hitsingle „In Your Head“, folgt er auch schon, der Hilferuf einer Generation, die sich zunehmend in Abhängigkeit der sozialen Medien sieht, einer Generation, der Schritt für Schritt die Realität abhandenkommt: „Some validation is all I need!“
Ist denn niemand da draußen, so fragt Yanya, der einem Orientierung gibt in dieser verrückten Welt, wo die Insta-Story, auf Hochglanz poliert und aller Ecken und Kanten beraubt, mehr gilt als eine Haltung, eine gute Geschichte, wo jeder nur noch Avatar sein will, weil das wirkliche Lebensgefühl von der Unsicherheit, von der Angst überlagert wird, ob man überhaupt noch man selbst sein darf. Thematisch also eine spannende Sache, die Yanya hier für ihre Altersgenossen aufrollt und dem steht ihre Musik in keinster Weise nach. Auch wenn der Titel des Albums eher auf das allgegenwärtige Bodyshaming unserer Tage hinweist, so ist „Miss Universe“ tatsächlich ein sehr universelles, überaus vielfältiges Album geworden.
Die Unentschiedenheit, die es auszeichnet, ist zugleich seine Stärke. Wenn am Anfang die Gitarren dominieren und knarzige Riffs wie bei „Paralyzed“ von Yanyas Verehrung für die Strokes und Pixies künden, so bekommen wir mit längerer Spieldauer immer wieder neue Facetten von ihr zu hören. Da wird dem Jazz ebensoviel Platz eingeräumt wie lässigen Dancerhythmen (zwischen „Baby Blu“ und „Heat Rises“ fühlt sich selbst die Dauerüberwachung des WWAY (s.o.) bemüßigt, eine dezente Warnung auszusprechen), smoothe Saxophonparts wechseln mit treibenden Beats und funkigen Breaks. Ebenso variabel zeigt sich die Britin stimmlich, anfangs noch mit dunklem Timbre unterwegs, das gut mit dem roughen Sound harmoniert, wird der Gesang später mal spitzer und höher, dann wieder weicher, nahbarer. Kluger Stilmix in Überlänge und mit Sicherheit eine der interessantesten Platten dieses Jahres.
Update: Einen Ausflug nach Istanbul, die Geburtsstadt ihres Vaters, spediert uns die Künstlerin im aktuellen Video zu "Paradise", bei "H34T Rises" (das eigentlich "Heat Rises" heißen sollte) gibt es einen Motoradausflug.
17.04. Hamburg, Nochtwache
18.04. Berlin, Berghain Kantine
21.04. Wien, Chelsea Club
22.04. München, Ampere
24.04. Zürich, Exil
25.04. Köln, Blue Shell
neu:
24.10. Hamburg, Bahnhof Pauli (Klubhaus St. Pauli)
27.10. Berlin, Festsaal Kreuzberg
30.10. Köln, Luxor
Cartel Madras: Willkommen in der Mosh Pit [Update]
Frisch auf die Omme (wir bleiben, sorry, queer) gibt's jetzt mal von diesen beiden hier: Schon im vergangenen Jahr teilten Cartel Madras mit ihrem Track "Pork And Leek" kräftig Schläge aus, das gleiche erwartet uns nun mit ihrer neuen Single "Lil Pump Type Beat". Das Video vermittelt etwas von der Live-Power, die bei Priya "Contra" und Bhagya "Eboshi" Ramesh, Schwestern aus dem kanadischen Calgary, unschwer zu bekommen ist. Nach einer ersten EP namens "Project Goonda Part 1: Trapistan" (2018) steht nun für den 1. November Teil zwei mit dem Titel "Age Of Goonda" bei Sub Pop an und wer sich die zwei Clips anschaut, wird sich wünschen, die beiden auch mal hierzulande in der Mosh Pit zu treffen. Ausgesprochen werden sie übrigens in etwa wie [kär'tel me'dräs] - aber das nur am Rande.
Update: Gleich noch eins auf die Mütze? Aber gern doch - hier kommt das Video zu "Goonda Gold".
Update: Gleich noch eins auf die Mütze? Aber gern doch - hier kommt das Video zu "Goonda Gold".
Sonntag, 6. Oktober 2019
Michael Stipe: Rebel Yell
Das läßt sich wohl unwidersprochen behaupten: Auf fast keine Rückkehr hat man so gehofft, auf fast keine war man so gespannt wie auf die des R.E.M.-Masterminds Michael Stipe. Denn wie sagt man so schön - diese Geschichte war und ist beileibe noch nicht zu Ende erzählt. Einen so klugen, empathischen und sympathischen Kopf mochte man einfach noch nicht abschreiben, nicht in diesen Zeiten. Und natürlich hat er sich zur Veröffentlichung seiner neuen Single "Your Capricious Soul" über die Seite der Klima-Aktivisten Extinction Rebellion so seine Gedanken gemacht: "I took a long break from music, and I wanted to jump back in. I love ‘Your Capricious Soul’ – it’s my first solo work. I want to add my voice to this exciting shift in consciousness. Extinction Rebellion gave me the incentive to push the release and not wait. Our relationship to the environment has been a lifelong concern, and I now feel hopeful—optimistic, even. I believe we can bring the kind of change needed to improve our beautiful planet earth, our standing and our place on it." Der Sound dazu ist übrigens für Stipes Verhältnisse recht ungewohnt - unbedingt anhören!
Talk Show: High Noon mal anders
Ebenso schön ist dieses Stück samt visueller Umsetzung: Die Londoner Kapelle Talk Show war hier im Frühjahr schon mit zwei wunderbaren Tracks zu Gast, nun kommen sie mit ihrer neuen Single "Ankle Deep (In A Warm Glass Of Water)" wieder zum Zug. Der Song beginnt mit ein paar Westerngitarren und wandelt sich später mehr und mehr zu dunklem Post-Punk, Sänger Harrison Swann zieht denn auch Parallelen sowohl zu Ennio Morricone als auch Roxy Music und Echo And The Bunnymen. Eine sehr eigenwillige Mischung, möchte man meinen, funktioniert aber prächtig - unbedingt die beiden Termine des Quartetts als Support der irischen Just Mustard vormerken!
17.01. Berlin, Cassiopeia
18.01. Hamburg, Mucke bei die Fische
17.01. Berlin, Cassiopeia
18.01. Hamburg, Mucke bei die Fische
Lilla Parasit: Hinaus in die Welt damit
Wo wir gerade in Schweden sind, da kommen einem die hier gerade recht: Are Engen Steinsholm tut normalerweise Dienst als Gitarrist bei der Stockholmer Band Melby, nun stellt er die erste Single seines neuen Side-Projektes Lilla Parasit vor. Um sich versammelt hat der Junge noch Amanda Lindgren, David Svedmyr und Jessica Klingsell, der Song "Gaslights" befindet sich auf einem Minialbum, das in nächster Zeit via Rama Lama der Welt zu Gehör gebracht werden soll. Und wenn wir ehrlich sind, dann darf von dem psychedelischen Popsound ruhig gern mehr kommen.
Pallas Athene: Virtuelle Welt, reale Ängste [Update]
Kompletter Stilwechsel, anderer Kontinent: Dieser Song heißt "The Wall" und stammt von der kanadischen Künstlerin Pallas Athene. Hinter diesem sagenhaften Pseudonym verbirgt sich Breanna Johnston, eine junge Dame aus Toronto, die seit 2014 in kompletter Eigenregie einige dieser elektronischen Stücke aufgenommen hat. Der neue Track wird sich auf einer selbstbetitelten EP befinden, die für die nächste Zeit geplant ist, zum Stück selbst gibt sie zu Protokoll: "Ich habe mein das Lied aus meiner Sicht als Beobachterin einer virtuellen Welt geschrieben. Ich empfinde mich selbst und andere eher als Außenstehende, überwältigt vom bedrohlichen Zustand unsrer Umwelt und der ständigen Informationsüberflutung durch Nachrichten, Anzeigen, Mails und Messages. Dieser Track handelt von Einschränkung, Einsamkeit und Entmachtung, die ich als Teil dieser Welt empfinde, und auch von meiner Angst vor Isolation."
Update: Ein weiterer Track vom Minialbum kommt hier mit "Through Hell".
Update: Ein weiterer Track vom Minialbum kommt hier mit "Through Hell".
Samstag, 5. Oktober 2019
Pale Honey: Keine Verwechslung
Nein, mit den schwedischen Schwestern von First Aid Kit sollte man diese beiden hier nicht verwechseln: Nelly Daltrey und Tuva Lotmark haben, Unterschied Nummer eins, keinerlei verwandschaftliche Beziehung, auch ihre Musik ist nicht ansatzweise so lieblich und zart wie die des Duos aus Stockholm. Pale Honey kommen aus Göteborg und orientieren sich eher an Bands wie Hater, Melby oder Westkust. Nach ihrem gleichnamigen Debüt (2015) und dem Nachfolger "Devotion" soll nun wiederum bei Bolero Recordings ein drittes Album erscheinen, als Vorauskopplung geht zunächst die Single "Set Me Free" ins Rennen.
26.10. Hamburg, Female Future Festival
27.10. Darmstadt, 086
28.10. Köln, Blue Shell
30.10. Berlin, Urban Spree
26.10. Hamburg, Female Future Festival
27.10. Darmstadt, 086
28.10. Köln, Blue Shell
30.10. Berlin, Urban Spree
Mittwoch, 2. Oktober 2019
Deichkind: Die besten Bösen
Deichkind
„Wer sagt denn das?“
(Sultan Günther Music)
Ja, das ist die Frage, die man sich seit Jahren stellt – nur eben mit anderer Betonung ergo Bedeutung: Wer genau ist das nun, der das sagt. Oder rappt. Oder singt – naja, das nun eher weniger. Den Deichkindern paßt die Unsicherheit darüber, was genau sie eigentlich machen, seit Jahren ganz gut in den Kram und wenn man meinte, die Lösung gefunden zu haben, ging’s mit Vollbremsung und quietschenden Reifen in eine andere Richtung. Vielleicht lag und liegt aber auch darin der Reiz, dass jede/r ein Stück abhaben konnte von dem dicken Kuchen. Die Partyprinzen, die Technojünger, die Gangsterrapper, die Saufpunks und die Schlagerfuzzis, die Mitschnacker und Mittehipster. Tja und neuerdings dann auch die Kopfgesteuerten. Denn dort, im Feuilleton von FAZ, ZEIT, SZ und im Spiegel finden die ehemals mitleidig belächelten Schmuddelkinder, die niemand wirklich für voll nehmen wollte, mittlerweile ja auch statt, dort gibt’s plötzlich nicht nur einhelliges Kopfnicken und gnädige Einspalter, sondern ganzseitige Elogen, Deutungsversuche, Interviews satt. Da wird Platz freigeräumt, weil man erkannt hat, dass die gar nicht so wirr und durchgeknallt sind, sondern tatsächlich was Kluges zu sagen haben.
Und so begrüßen wir denn neuerdings (völlig zu Recht) Deichkind als durchaus ernstzunehmende Seismographen des überdrehten Zeitgeisttheaters, als Chronisten einer Welt im Wahn, die immer mehr einer Bühne für klein- und großkriminelle Laiendarsteller mit Nebenberuf Staatenlenker ähnelt und dafür sorgt, dass Textstoff in Fülle vorrätig ist, der nur noch in Form gebracht werden muß. Und wie sie das tun, ist schon (und schon wieder) Extraklasse. Deichkind arbeiten sich als kluge Wortkünstler und Lautmaler an allem ab, was uns tagtäglich zwischen Nachrichten und Netzwerken, in der Bürohölle und sogar in privaten Rückzugsräumen um die Ohren fliegt, was wir (bewußt oder unbewußt) selbst befördern, wogegen wir manchmal schon abgestumpft scheinen. Stichworte also: Fakenews, Teutonengehabe, Marktdiktat, die Dummheit der Masse, Ersatzreligionen, Fetischismus, alte Drogen, neue Drogen, mir das Meiste, keine/r eine Ausnahme.
Dabei verwehren sie sich strikt der Rolle von Hysterie- oder Hassverstärkern, davon, so sagen sie, gäbe es sonst schon genügend. Deichkind schauen und hören einfach sehr genau hin, auf’s Maul und noch mehr auf die Bildschirme, und was sie uns zurückmelden ist so unterhaltsam wie beängstigend. So treffend wie in „Wer sagt denn das?“ („Ich glaub ab jetzt nur das, was stimmt“) oder „Dinge“ („… geben Kingdom, Dinge nehmen alles“) wurden Silben und Worte in den letzten Jahren so noch selten verbaut. Die Rammstein-Persiflage auf das tausendjährige Bier-Imperium hat weit mehr Witz und Geist als das „Wurstwasser“ von Mundstuhl, zur Partyabsage gibt’s natürlich allerderbste Partymucke (was denn sonst) und auch sonst bekommt wirklich jede und jeder, ob Ökofaschist, Moneymaker, Serienjunkie, Konsumist oder Berufsoptimist ordentlich eine mit. Dass diese entlarvenden Nadelstiche dennoch Spaß machen, auch wenn man sich an der einen oder anderen Stelle ertappt fühlt, ist wohl das größte Verdienst der Band. Es ist wie bei gutem Kabarett – am lautesten wird applaudiert, wenn es am bösesten ist. Deichkind sind die besten Bösen. https://www.deichkind.de/
„Wer sagt denn das?“
(Sultan Günther Music)
Ja, das ist die Frage, die man sich seit Jahren stellt – nur eben mit anderer Betonung ergo Bedeutung: Wer genau ist das nun, der das sagt. Oder rappt. Oder singt – naja, das nun eher weniger. Den Deichkindern paßt die Unsicherheit darüber, was genau sie eigentlich machen, seit Jahren ganz gut in den Kram und wenn man meinte, die Lösung gefunden zu haben, ging’s mit Vollbremsung und quietschenden Reifen in eine andere Richtung. Vielleicht lag und liegt aber auch darin der Reiz, dass jede/r ein Stück abhaben konnte von dem dicken Kuchen. Die Partyprinzen, die Technojünger, die Gangsterrapper, die Saufpunks und die Schlagerfuzzis, die Mitschnacker und Mittehipster. Tja und neuerdings dann auch die Kopfgesteuerten. Denn dort, im Feuilleton von FAZ, ZEIT, SZ und im Spiegel finden die ehemals mitleidig belächelten Schmuddelkinder, die niemand wirklich für voll nehmen wollte, mittlerweile ja auch statt, dort gibt’s plötzlich nicht nur einhelliges Kopfnicken und gnädige Einspalter, sondern ganzseitige Elogen, Deutungsversuche, Interviews satt. Da wird Platz freigeräumt, weil man erkannt hat, dass die gar nicht so wirr und durchgeknallt sind, sondern tatsächlich was Kluges zu sagen haben.
Und so begrüßen wir denn neuerdings (völlig zu Recht) Deichkind als durchaus ernstzunehmende Seismographen des überdrehten Zeitgeisttheaters, als Chronisten einer Welt im Wahn, die immer mehr einer Bühne für klein- und großkriminelle Laiendarsteller mit Nebenberuf Staatenlenker ähnelt und dafür sorgt, dass Textstoff in Fülle vorrätig ist, der nur noch in Form gebracht werden muß. Und wie sie das tun, ist schon (und schon wieder) Extraklasse. Deichkind arbeiten sich als kluge Wortkünstler und Lautmaler an allem ab, was uns tagtäglich zwischen Nachrichten und Netzwerken, in der Bürohölle und sogar in privaten Rückzugsräumen um die Ohren fliegt, was wir (bewußt oder unbewußt) selbst befördern, wogegen wir manchmal schon abgestumpft scheinen. Stichworte also: Fakenews, Teutonengehabe, Marktdiktat, die Dummheit der Masse, Ersatzreligionen, Fetischismus, alte Drogen, neue Drogen, mir das Meiste, keine/r eine Ausnahme.
Dabei verwehren sie sich strikt der Rolle von Hysterie- oder Hassverstärkern, davon, so sagen sie, gäbe es sonst schon genügend. Deichkind schauen und hören einfach sehr genau hin, auf’s Maul und noch mehr auf die Bildschirme, und was sie uns zurückmelden ist so unterhaltsam wie beängstigend. So treffend wie in „Wer sagt denn das?“ („Ich glaub ab jetzt nur das, was stimmt“) oder „Dinge“ („… geben Kingdom, Dinge nehmen alles“) wurden Silben und Worte in den letzten Jahren so noch selten verbaut. Die Rammstein-Persiflage auf das tausendjährige Bier-Imperium hat weit mehr Witz und Geist als das „Wurstwasser“ von Mundstuhl, zur Partyabsage gibt’s natürlich allerderbste Partymucke (was denn sonst) und auch sonst bekommt wirklich jede und jeder, ob Ökofaschist, Moneymaker, Serienjunkie, Konsumist oder Berufsoptimist ordentlich eine mit. Dass diese entlarvenden Nadelstiche dennoch Spaß machen, auch wenn man sich an der einen oder anderen Stelle ertappt fühlt, ist wohl das größte Verdienst der Band. Es ist wie bei gutem Kabarett – am lautesten wird applaudiert, wenn es am bösesten ist. Deichkind sind die besten Bösen. https://www.deichkind.de/
Dienstag, 1. Oktober 2019
Bodega: Neuerungen [Update]
Brooklyn ist zurück mit einem weiteren Ausrufezeichen - und zwar von alten Bekannten: Bodega, fünfköpfiges Post-Punk-Kollektiv und so etwas wie das Start Up des letzten Jahres, haben nach ihrem Erfolgsalbum "Endless Scroll" eine Mini-LP unter dem Namen "Shiny New Model" angekündigt. Sieben Stücke werden auf dem Tonträger enthalten sein, der für den 11. Oktober terminiert ist und vom Titelsong gibt es hier ein Video, gedreht unter der Regie von Brian Ngai und Nikki Belfiglio. Zu sehen ist dort übrigens auch die neue Drummerin der Band, Tai Lee.
Update: Und das kommt auch schon ein weiterer Titel von der EP - das Lyric-Video zu "Knife On The Platter".
Update: Und das kommt auch schon ein weiterer Titel von der EP - das Lyric-Video zu "Knife On The Platter".
Automatic: Gekonnt wiederbelebt
Automatic
„Signal“
(Stones Throw)
Schwer zu glauben, aber es ist noch gar nicht so lange her, da hat man solch einen Sound auch deshalb abgemischt, weil musikalisches Talent, Equipment und Produktion einfach nicht mehr hergaben, aus der Dürftigkeit wurde Statement – Punk, Post-Punk, Wave, No-Wave, weil nicht mehr ging, war das der einzig richtige Ausweg. Heutzutage verwenden ausgefuchste Klangtüftler viel Zeit darauf, genau so shabby zu klingen wie in der Zeit der späten Siebziger und frühen Achtziger und wenn es so gut gelingt wie bei eben jenem Debüt des kalifornischen Trios Automatic, dann kann das bei allem Retrochic durchaus ein Grund zur Freude sein. Ihren Namen, so durfte man lesen, haben sich Izzy Glaudini (Keyboard), Lola Dompé (Drums) und Halle Saxon (Bass) bei einem Song der Go-Go’s geliehen, die Musik stammt dagegen eindeutig aus der Schnittmenge irgendwo zwischen Joy Division, den Slits und Suicide – die Synths kränkeln herrlich schräg zu trockenen, stumpfen Schlägen und grollendem Bass, die der Gesang ist mit dem staubigen Hall vergangener Tage versehen und so kommt es, dass man manche Songs, auch wenn es Eigenkompositionen sind, schon lange zu kennen glaubt. Dass die drei Freundinnen auch Filmemacher wie Lynch und Argento zu ihren Vorbildern zählen, mag man gern glauben, denn auch hinter den Clips zu ihren Singles „Strange Conversations“, „Calling It“ und „Too Much Money“ verbergen sich kleine Geschichten, Masken, Rollenspiele, Verfremdung - durchaus also künstlerische Ambition. Ordentlich unterkühlt das alles, muss ja so sein, trotzdem oder gerade deshalb ein feines Album.
27.10. Hamburg, Goldener Salon
28.10. Berlin, Urban Spree
„Signal“
(Stones Throw)
Schwer zu glauben, aber es ist noch gar nicht so lange her, da hat man solch einen Sound auch deshalb abgemischt, weil musikalisches Talent, Equipment und Produktion einfach nicht mehr hergaben, aus der Dürftigkeit wurde Statement – Punk, Post-Punk, Wave, No-Wave, weil nicht mehr ging, war das der einzig richtige Ausweg. Heutzutage verwenden ausgefuchste Klangtüftler viel Zeit darauf, genau so shabby zu klingen wie in der Zeit der späten Siebziger und frühen Achtziger und wenn es so gut gelingt wie bei eben jenem Debüt des kalifornischen Trios Automatic, dann kann das bei allem Retrochic durchaus ein Grund zur Freude sein. Ihren Namen, so durfte man lesen, haben sich Izzy Glaudini (Keyboard), Lola Dompé (Drums) und Halle Saxon (Bass) bei einem Song der Go-Go’s geliehen, die Musik stammt dagegen eindeutig aus der Schnittmenge irgendwo zwischen Joy Division, den Slits und Suicide – die Synths kränkeln herrlich schräg zu trockenen, stumpfen Schlägen und grollendem Bass, die der Gesang ist mit dem staubigen Hall vergangener Tage versehen und so kommt es, dass man manche Songs, auch wenn es Eigenkompositionen sind, schon lange zu kennen glaubt. Dass die drei Freundinnen auch Filmemacher wie Lynch und Argento zu ihren Vorbildern zählen, mag man gern glauben, denn auch hinter den Clips zu ihren Singles „Strange Conversations“, „Calling It“ und „Too Much Money“ verbergen sich kleine Geschichten, Masken, Rollenspiele, Verfremdung - durchaus also künstlerische Ambition. Ordentlich unterkühlt das alles, muss ja so sein, trotzdem oder gerade deshalb ein feines Album.
27.10. Hamburg, Goldener Salon
28.10. Berlin, Urban Spree
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