Karies
„Alice“
(This Charming Man Records)
Wenn in der Stuttgarter Zeitung eine Überschrift wie „Die Könige des Morbiden“ steht und damit Einheimische meint, dann darf man davon ausgehen, dass das Überwindung gekostet hat. Denn dem Schwaben an sich ist das Morbide eigentlich ziemlich fremd. Im bundesrepublikanischen Gesamtvergleich gilt das dazugehörige Bundesland ja eher als die Heimat der trickreichen Selfmade-Kümmerer, stets bester Laune, nie um eine Idee verlegen, Überlebenskünstler, Stehaufmännchen. Ist der Schwabe einmal schlecht gelaunt, dann bruddelt er höchstens, aber Nihilismus, Pessimismus oder Fatalismus liegen etymologisch meilenweit außerhalb der Landesgrenzen. Fanta 4 gehen natürlich klar, die entsprechen dem Selbstverständnis, aber Post-Punk? Wird vermutlich sehr argwöhnisch beäugt und im Zweifelsfalle ungutem, fremdem Einfluss zugeschrieben. Aber auch im Musterländle tun sich sonderbare Dinge, gibt der pragmatische Grüne als politisches Rolemodel mittlerweile den Landesvater und eine Band wie Die Nerven gilt ebenso lange als eine der bekanntesten Noise- und Indierock-Kapellen der Republik. Und weil aus deren Dunstkreis auch Karies stammen (bekanntermaßen werkelt Kevin Kuhn hier im Zweitjob), gehört eben seit 2013 auch der düstere Post-Punk mit zum Repertoire.
Das mittlerweile vierte Album der Formation nach „Fun ist ein Stahlbad“, „Seid umschlungen, Millionen“ und „Es geht sich aus“ ist ihr vielleicht variantenreichstes geworden. Stilistisch maximal vielseitig, textlich gewohnt rätselhaft, so präsentieren sich die vier in den knapp vierzig Minuten – hektisch nervöse Anklänge schönster NDW-Tradition gleich zu Beginn mit „Holly“ und „Pebbo“, später dunkler mit dronigem Gitarrenlärm, Wortspiele als bruchstückhafte Bestandteile der Soundcollagen, mantraartig wiederholt, dadaistisch auf die Spitze getrieben. Gern auch Gegensätze – hier der Pop von „Reden über was“ als Parabel aufs tägliche Worthülsengefecht, dort der „Altar“ fast schon gothy, bleischwarzes Pathos, dunkle Messe, Angst, Bedrohung. Im Vergleich zu den ersten Alben ist dieses hier deutlich inhomogener, wandlungsfähiger, dafür weniger hart. Jetzt fallen einem eher die Schweizer von Grauzone ein, Anfang der 80er haben die gleißend hell gebrannt, sind schnell erloschen und vielen leider nur mit einem abgenudelten „Eisbär“ im Gedächtnis verblieben. Ihr damaliges Debüt ähnelt dem aktuellen „Alice“ in vielen Momenten und das ist ein weiterer, erstaunlicher Aspekt schwäbischer Eigenart. http://kariesband.blogspot.com/
Zum Album gibt es im Übrigen auch eine weitere Ausgabe der Rubrik Familienalbum.
07.11. Wiesbaden, Kreativfabrik
08.11. Köln, Gebäude 9
09.11. Osnabrück, Kleine Freiheit
10.11. Bremen, Lila Eule
11.11. Berlin, Lido
12.11. Dresden, Groovestation
13.11. Leipzig, Ilses Erika
14.11. Chemnitz, Nikola Tesla
15.11. Nürnberg, Künstlerhaus
16.11. Würzburg, Cairo
Mittwoch, 17. Oktober 2018
Chlöe Howl: Restart
Zugegeben, es hat einige Zeit gedauert, bevor Madame wieder die Straße rockt, aber nun ist sie zurück: Chlöe Howl war 2013 mal so etwas wie das heißeste Versprechen des Königreichs, raspelkurzes, feuerrotes Haar, unzählige Sommersprossen und eine angenehm raue, trotzige Stimme. Soll heißen: Hammerfrau. Mittlerweile ist aus dem einst so collen Königreich ein einigermaßen zerrissenes geworden, Chlöe Howl hat im letzten Jahr mit "Magnetic" und "Do It Alone" zwei respektable Songs abgeliefert, die Haare sind länger und länger geworden und nun startet sie mit dem Video zu "Work" erneut durch. Wünschen wir ihr Glück, verdient wäre es allemal.
Dienstag, 16. Oktober 2018
Christine And The Queens: Mitten hinein
Christine And The Queens
Support: Lauren Auder
Columbiahalle, Berlin, 15. Oktober 2018
Bayern zu entfliehen ist dieser Tage nur schlecht möglich: Erst der vom Rest der Republik mit einer Mischung aus Neid und Fremdscham bestaunte Trachtensuff des Oktoberfestes (Disneyland für Dauerdichte, SZ), dann hustet der einst so stolze und jetzt ziemlich irdische Ballsportverein aus München und stürzt das ganze Land samt La Mannschaftnix in eine schlimme Depression – und nun auch noch diese Laptop-Lederhosen-Landtagswahl samt volkstümelnder Politkasper, roter Dystopie und spaßiger, grüner Allmachtsfantasien. Selbst die ehrenwerte FAZ liest sich plötzlich wie eine Lokalausgabe des bedrohlich trudelnden Freistaates – ist da denn kein Entkommen!? Doch, schon. Oder besser: fast. Denn selbst auf dem einzigen Deutschlandkonzert von Frankreichs Musikexport Nummer eins Christine And The Queens in Berlin werden am Eingang ein paar schwammige Brezn gereicht. Tagsüber hatte man schon einen Kreuzberger Hipster mit Weißbier aus der Flasche flanieren sehen (dafür gäb’s in Bayern mit Recht eine strenge, amtliche Abmahnung), aber sonst ist hier alles angenehm unbayerisch – die Hauptdarstellerin ja ohnehin und sowieso.
Héloise Letissier ist nicht ohne Grund dort, wo sie jetzt so frenetisch umarmt und bejubelt wird – niemand bringt das neue Gefühl der sexuellen Selbstbestimmung so locker und bestimmt auf den Punkt wie sie, niemand vermählt klassischen Pop und verschwitzten Tanz auf so beeindruckend perfekte Weise wie diese schmale, trotzige, sympathische Frau aus Nantes. Wer ihre Lieder hört, mitsingt und -schwingt, der kann damit auf gänzlich einfache, weil eingängige Art (wie sie das eben auch tut) eine sehr gegenwärtige Lebenseinstellung verinnerlichen und transportieren. Christine And The Queens schaffen auch an diesem Abend das, was Politik mit dem oft angestrengten Ringen der Worte nicht vermag: Mit einem Fingerschnippen, einem Hüftschwung, einer herausfordernden Geste, einem lauten Lachen hat sie die Halle sofort hinter sich und somit auch in dem Gefühl vereint, dass sich das, was da auf der Bühne passiert, mühelos im sonst so beschwerlichen Alltag zwischen Vorsicht und Vorurteil unterbringen ließe.
Auch wenn es wohl Schwerstarbeit ist, was Letissier da mit ihrem Tanzensemble vor dem Bühnenbild aus Bergkulisse (Bavaria, haha) und schwerer See veranstaltet, auch wenn dahinter eine bis ins letzte Detail verplante Choreografie stecken mag – es wirkt so verteufelt leichtfüßig, so selbstverständlich und locker, wie es wohl nur die Verbindung von Können und Leidenschaft vermitteln kann. Die an Fame oder die Westside-Story erinnernden Tänze, das Auf und Ab mal geschmeidiger, mal wilder Bewegungsabläufe, wie man es schon aus ihren Videos kennt, das Ineinander von Körper, Sound und Gesang ist unglaublich, ist ansteckend. Und makellos – was sicher ein ungewollter Eindruck ist, denn gerade die Akzeptanz des Makels, der Unebenheit, der Anders- und Unartigkeit ist Letissier ja in ihren Liedern ein immerwährendes Anliegen. Jeder ihrer zahlreichen, aktuellen Hits lässt sich von dieser Seite lesen, ob nun „It Doesn’t Matter“, „5 Dols“, „Damn, Dis-Moi“ oder „La Marcheuse“ – sie alle sprechen ein und dieselbe Sprache.
Und sind andererseits natürlich ganz nah bei den Idolen der Zeit verortet, die sie musikalisch offenbar am meisten schätzt: Queen, Michael Jackson, Madonna, sie alle werden mehr oder weniger deutlich zitiert. Sie internationalisieren quasi ein Programm, was ausschließlich in französischer Sprache wohl schwerer möglich wäre (und sicher ein Grund für die konzeptionelle Zweisprachigkeit ihrer Alben ist). Der große Magier (und Vereinnahmer) Pop ist also allgegenwärtig, man nimmt es gern in Kauf, versteht sich prächtig und genießt den Auftritt auf und später auch als szenische Überraschung vor der Bühne. Wenn sich Letissier dann ausgepumpt, mit glücklichen und dankbaren Worten aus dem Publikum von selbigem verabschiedet, dann meint man zu verstehen, was diese Frau so einzigartig macht wie nur wenige vor ihr: Wer die Mühe vorher und die Nähe danach mit solch beseelter Freude auf sich nimmt, kann das nur aus Berufung tun. Und spielt sich so auf direktestem Weg mitten hinein in die Herzen der Zuhörer. Die Brezn gingen am Ende übrigens nicht mal für den halben Preis weg, was als schöne und gerechte Schlusspointe irgendwie auch bestens paßt.
Support: Lauren Auder
Columbiahalle, Berlin, 15. Oktober 2018
Bayern zu entfliehen ist dieser Tage nur schlecht möglich: Erst der vom Rest der Republik mit einer Mischung aus Neid und Fremdscham bestaunte Trachtensuff des Oktoberfestes (Disneyland für Dauerdichte, SZ), dann hustet der einst so stolze und jetzt ziemlich irdische Ballsportverein aus München und stürzt das ganze Land samt La Mannschaftnix in eine schlimme Depression – und nun auch noch diese Laptop-Lederhosen-Landtagswahl samt volkstümelnder Politkasper, roter Dystopie und spaßiger, grüner Allmachtsfantasien. Selbst die ehrenwerte FAZ liest sich plötzlich wie eine Lokalausgabe des bedrohlich trudelnden Freistaates – ist da denn kein Entkommen!? Doch, schon. Oder besser: fast. Denn selbst auf dem einzigen Deutschlandkonzert von Frankreichs Musikexport Nummer eins Christine And The Queens in Berlin werden am Eingang ein paar schwammige Brezn gereicht. Tagsüber hatte man schon einen Kreuzberger Hipster mit Weißbier aus der Flasche flanieren sehen (dafür gäb’s in Bayern mit Recht eine strenge, amtliche Abmahnung), aber sonst ist hier alles angenehm unbayerisch – die Hauptdarstellerin ja ohnehin und sowieso.
Héloise Letissier ist nicht ohne Grund dort, wo sie jetzt so frenetisch umarmt und bejubelt wird – niemand bringt das neue Gefühl der sexuellen Selbstbestimmung so locker und bestimmt auf den Punkt wie sie, niemand vermählt klassischen Pop und verschwitzten Tanz auf so beeindruckend perfekte Weise wie diese schmale, trotzige, sympathische Frau aus Nantes. Wer ihre Lieder hört, mitsingt und -schwingt, der kann damit auf gänzlich einfache, weil eingängige Art (wie sie das eben auch tut) eine sehr gegenwärtige Lebenseinstellung verinnerlichen und transportieren. Christine And The Queens schaffen auch an diesem Abend das, was Politik mit dem oft angestrengten Ringen der Worte nicht vermag: Mit einem Fingerschnippen, einem Hüftschwung, einer herausfordernden Geste, einem lauten Lachen hat sie die Halle sofort hinter sich und somit auch in dem Gefühl vereint, dass sich das, was da auf der Bühne passiert, mühelos im sonst so beschwerlichen Alltag zwischen Vorsicht und Vorurteil unterbringen ließe.
Auch wenn es wohl Schwerstarbeit ist, was Letissier da mit ihrem Tanzensemble vor dem Bühnenbild aus Bergkulisse (Bavaria, haha) und schwerer See veranstaltet, auch wenn dahinter eine bis ins letzte Detail verplante Choreografie stecken mag – es wirkt so verteufelt leichtfüßig, so selbstverständlich und locker, wie es wohl nur die Verbindung von Können und Leidenschaft vermitteln kann. Die an Fame oder die Westside-Story erinnernden Tänze, das Auf und Ab mal geschmeidiger, mal wilder Bewegungsabläufe, wie man es schon aus ihren Videos kennt, das Ineinander von Körper, Sound und Gesang ist unglaublich, ist ansteckend. Und makellos – was sicher ein ungewollter Eindruck ist, denn gerade die Akzeptanz des Makels, der Unebenheit, der Anders- und Unartigkeit ist Letissier ja in ihren Liedern ein immerwährendes Anliegen. Jeder ihrer zahlreichen, aktuellen Hits lässt sich von dieser Seite lesen, ob nun „It Doesn’t Matter“, „5 Dols“, „Damn, Dis-Moi“ oder „La Marcheuse“ – sie alle sprechen ein und dieselbe Sprache.
Und sind andererseits natürlich ganz nah bei den Idolen der Zeit verortet, die sie musikalisch offenbar am meisten schätzt: Queen, Michael Jackson, Madonna, sie alle werden mehr oder weniger deutlich zitiert. Sie internationalisieren quasi ein Programm, was ausschließlich in französischer Sprache wohl schwerer möglich wäre (und sicher ein Grund für die konzeptionelle Zweisprachigkeit ihrer Alben ist). Der große Magier (und Vereinnahmer) Pop ist also allgegenwärtig, man nimmt es gern in Kauf, versteht sich prächtig und genießt den Auftritt auf und später auch als szenische Überraschung vor der Bühne. Wenn sich Letissier dann ausgepumpt, mit glücklichen und dankbaren Worten aus dem Publikum von selbigem verabschiedet, dann meint man zu verstehen, was diese Frau so einzigartig macht wie nur wenige vor ihr: Wer die Mühe vorher und die Nähe danach mit solch beseelter Freude auf sich nimmt, kann das nur aus Berufung tun. Und spielt sich so auf direktestem Weg mitten hinein in die Herzen der Zuhörer. Die Brezn gingen am Ende übrigens nicht mal für den halben Preis weg, was als schöne und gerechte Schlusspointe irgendwie auch bestens paßt.
Moderate Rebels: Die letzten Geheimnisse
"Less chords and words; simple and complicated; direct and vague. We have our mottos", so das aktuelle Statement der Post-Punk-Band Moderate Rebels. Klingt ganz nach der Story vom Pudding, dem Nagel und der Wand - nichts genaues weiß man nicht und will's auch gar nicht wissen. Dass es im Leben keine Geheimnisse, keine Mysterien mehr gibt, ist ein oft beklagter Fakt, auch das vielköpfige Ensemble (neun ständige Mitglieder zählt die Kapelle aus London) bedauert das und macht daraus das Thema ihres neuen Songs "Faith And Science", der nach "Beyond Hidden Words" und "I Love Today" dritten Vorauskopplung aus ihrem kommenden Album "Shared Values", das am 30. November via Everyday Life Records erscheinen wird.
Die Nerven: Anhaltende Aufruhr [Update]
Die Nerven
„Fake“
(Glitterhouse)
Manchmal kommt man schon darüber ins Grübeln, warum das denn so sein muß, dass die richtig guten Sachen meistens auch die richtig schwierigen sind. Solche also, die Kopfarbeit einfordern, die anstrengend, unbequem, unnachgiebig sein und einem den letzten Nerv (sic!) rauben können. Das gilt für Bücher, Filme und für die Musik, wo nur nachhaltig bleibt, was Unruhe zu erzeugen vermochte. Eine erschöpfende Antwort ist nicht so schnell zu finden, wohl aber mit dem neuen, vierten Album der Band Die Nerven ein Beispiel zur Untermauerung der These. Einfach zu haben war das Trio noch nie, Max Rieger, Julian Knoth und (später) Kevin Kuhn bewegten sich in ihren Anfangstagen allerdings ein wenig unter dem Wahrnehmungsradar, was vielleicht etwas damit zu tun hatte, daß viele Leute Punk und Stuttgart nicht ganz so einfach übereinander brachten wie beispielsweise Hamburg oder Berlin. So zu tun, als ob die Band gerade einen Überraschungscoup gelandet hat, wäre dennoch ungerecht, denn auch Fluidum, Fun und OUT, ihre bisherigen Platten, waren kleine Meisterwerke. Nur eben weitgehend unentdeckte respektive ignorierte.
Das jedenfalls, soviel ist sicher, wird ihnen nun nicht mehr passieren, denn nachdem sie live seit Jahren schon eine eigene Kategorie definieren (die sie erst kürzlich mit einer phänomenalen Pressung untermauerten), gibt es nun sogar internationale Aufmerksamkeit und Beifall, hierzulande sollte „Fake“ den Durchbruch bringen. Auch oder gerade weil es – siehe oben – wieder ein zorniges, ein aufrührendes Werk geworden ist. Das waren zwar die drei Vorgänger auch schon, doch kommen jetzt zu Wut und Frust noch deutliche Anflüge von Wehmut und Melancholie hinzu. Und eine hörbare stilistische Auffächerung des Sounds, die den musikalischen Nebenschauplätzen von Rieger (All diese Gewalt), Knoth (Peter Muffin) und Kuhn (Karies) Rechnung trägt. Mehr Elektronik also, wenn auch sparsam eingesetzt, mehr Mut zur tragenden Melodie und häufiges Spiel mit Pausen, Rhythmus- und Tempowechseln. Wer unbedingt einen Vergleich braucht, kann in Deutschland möglicherweise bei den Münsteranern von Messer fündig werden.
Leiser wird es deswegen trotzdem nicht. Wenn der Einstieg mit „Neue Wellen“ und „Niemals“ vielleicht etwas gemäßigter geraten ist und eher dem Etikett Post-Punk genügt, wer sich wie Die Nerven entschieden hat, in seiner Arbeit das Gegenwärtige, und sei es auch noch so unangenehm, zu spiegeln (Stichwort: What a time to be alive), der muß wehtun. Und so finden sich natürlich viele beißende Kommentare zum dem, was uns fälschlicherweise als soziales Netzwerk verkauft wird und doch nur eine kalte, künstliche Parallelwelt ist, die gleichwohl die Kraft hat, Leben zu manipulieren und im schlimmsten Falle gar zu zerstören. „Frei“ zeichnet hier ein ebenso düsteres Bild wie der Titelsong „Fake“, es geht um Deutungshoheit und Meinungsmache, um Multiplikatoren und Algorithmen für die Lügen und den Neid, um den ungezügelten Hass auf alles und jeden (und nicht von ungefähr werden beide Stücke von der Band in eine Doppelsingle gepackt). Dagegen nimmt sich der ferngesteuerte Konsumwahn der Jetztzeit („Skandinavisches Design“) fast schon harmlos aus.
Die neuen Töne sind die traurigen, die rat- und auch mal mutlosen. „Wir machen alles falsch, wir machen alles richtig“ heißt es an einer Stelle und natürlich kommt die Frage, ob früher wirklich alles besser, einfacher war. „Kann es nicht gestern sein?“, eines der stärksten Stücke, spinnt den Faden weiter – wo ist sie denn, die Rückrufaktion für diesen Planeten, für diese Gesellschaft, wo jeder meint, alles richtig, alles korrekt machen zu müssen und dann doch nur wegrennt oder eben Amok läuft. Ist das olympische Motto „Dabeisein ist alles“ der einzige Trost, weil wir uns wenigstens als Zeitzeugen für diesen ganzen Irrsinn fühlen dürfen? Doch wem sollen wir berichten, wenn wir staunend inmitten der „Explosionen“ stehen? Diese und andere Fragen provozieren die Songs, es ist ein kluges, schonungsloses, ernüchterndes Werk geworden. Und auch wenn uns die Antworten dazu fehlen – genauer hinzuhören wäre schon mal ein erster Schritt.
Update: Fakenews sozusagen - neues Video zu "Niemals" und Konzertdaten 18/19 en masse.
16.10. Saarbrücken, Sparte 4
17.10. Hamburg, Übel und Gefährlich
21.10. Münster, Gleis 22
23.10. Esslingen, Koma
24.10. Darmstadt, Oettinger Villa
25.10. Düsseldorf, New Fall Festival
01.11. Graz, Orpheum
02.11. Linz, Ahoi Pop Festival
03.11. Wien, Eurovox Festival
17.02. Freiburg, Waldsee
18.02. Karlsruhe, Kohl
19.02. Mainz, Schon Schön
20.02. Essen, Zeche Karl
21.02. Bielefeld, Forum
22.02. Kiel, Schaubühne
23.02. Kopenhagen, Loppen
24.02. Rostock, Mau Club
27.02. Berlin, SO 36
28.02. Nürnberg, Z Bau
01.03. München, Kammerspiele
02.03. Passau, Zauberberg
„Fake“
(Glitterhouse)
Manchmal kommt man schon darüber ins Grübeln, warum das denn so sein muß, dass die richtig guten Sachen meistens auch die richtig schwierigen sind. Solche also, die Kopfarbeit einfordern, die anstrengend, unbequem, unnachgiebig sein und einem den letzten Nerv (sic!) rauben können. Das gilt für Bücher, Filme und für die Musik, wo nur nachhaltig bleibt, was Unruhe zu erzeugen vermochte. Eine erschöpfende Antwort ist nicht so schnell zu finden, wohl aber mit dem neuen, vierten Album der Band Die Nerven ein Beispiel zur Untermauerung der These. Einfach zu haben war das Trio noch nie, Max Rieger, Julian Knoth und (später) Kevin Kuhn bewegten sich in ihren Anfangstagen allerdings ein wenig unter dem Wahrnehmungsradar, was vielleicht etwas damit zu tun hatte, daß viele Leute Punk und Stuttgart nicht ganz so einfach übereinander brachten wie beispielsweise Hamburg oder Berlin. So zu tun, als ob die Band gerade einen Überraschungscoup gelandet hat, wäre dennoch ungerecht, denn auch Fluidum, Fun und OUT, ihre bisherigen Platten, waren kleine Meisterwerke. Nur eben weitgehend unentdeckte respektive ignorierte.
Das jedenfalls, soviel ist sicher, wird ihnen nun nicht mehr passieren, denn nachdem sie live seit Jahren schon eine eigene Kategorie definieren (die sie erst kürzlich mit einer phänomenalen Pressung untermauerten), gibt es nun sogar internationale Aufmerksamkeit und Beifall, hierzulande sollte „Fake“ den Durchbruch bringen. Auch oder gerade weil es – siehe oben – wieder ein zorniges, ein aufrührendes Werk geworden ist. Das waren zwar die drei Vorgänger auch schon, doch kommen jetzt zu Wut und Frust noch deutliche Anflüge von Wehmut und Melancholie hinzu. Und eine hörbare stilistische Auffächerung des Sounds, die den musikalischen Nebenschauplätzen von Rieger (All diese Gewalt), Knoth (Peter Muffin) und Kuhn (Karies) Rechnung trägt. Mehr Elektronik also, wenn auch sparsam eingesetzt, mehr Mut zur tragenden Melodie und häufiges Spiel mit Pausen, Rhythmus- und Tempowechseln. Wer unbedingt einen Vergleich braucht, kann in Deutschland möglicherweise bei den Münsteranern von Messer fündig werden.
Leiser wird es deswegen trotzdem nicht. Wenn der Einstieg mit „Neue Wellen“ und „Niemals“ vielleicht etwas gemäßigter geraten ist und eher dem Etikett Post-Punk genügt, wer sich wie Die Nerven entschieden hat, in seiner Arbeit das Gegenwärtige, und sei es auch noch so unangenehm, zu spiegeln (Stichwort: What a time to be alive), der muß wehtun. Und so finden sich natürlich viele beißende Kommentare zum dem, was uns fälschlicherweise als soziales Netzwerk verkauft wird und doch nur eine kalte, künstliche Parallelwelt ist, die gleichwohl die Kraft hat, Leben zu manipulieren und im schlimmsten Falle gar zu zerstören. „Frei“ zeichnet hier ein ebenso düsteres Bild wie der Titelsong „Fake“, es geht um Deutungshoheit und Meinungsmache, um Multiplikatoren und Algorithmen für die Lügen und den Neid, um den ungezügelten Hass auf alles und jeden (und nicht von ungefähr werden beide Stücke von der Band in eine Doppelsingle gepackt). Dagegen nimmt sich der ferngesteuerte Konsumwahn der Jetztzeit („Skandinavisches Design“) fast schon harmlos aus.
Die neuen Töne sind die traurigen, die rat- und auch mal mutlosen. „Wir machen alles falsch, wir machen alles richtig“ heißt es an einer Stelle und natürlich kommt die Frage, ob früher wirklich alles besser, einfacher war. „Kann es nicht gestern sein?“, eines der stärksten Stücke, spinnt den Faden weiter – wo ist sie denn, die Rückrufaktion für diesen Planeten, für diese Gesellschaft, wo jeder meint, alles richtig, alles korrekt machen zu müssen und dann doch nur wegrennt oder eben Amok läuft. Ist das olympische Motto „Dabeisein ist alles“ der einzige Trost, weil wir uns wenigstens als Zeitzeugen für diesen ganzen Irrsinn fühlen dürfen? Doch wem sollen wir berichten, wenn wir staunend inmitten der „Explosionen“ stehen? Diese und andere Fragen provozieren die Songs, es ist ein kluges, schonungsloses, ernüchterndes Werk geworden. Und auch wenn uns die Antworten dazu fehlen – genauer hinzuhören wäre schon mal ein erster Schritt.
Update: Fakenews sozusagen - neues Video zu "Niemals" und Konzertdaten 18/19 en masse.
16.10. Saarbrücken, Sparte 4
17.10. Hamburg, Übel und Gefährlich
21.10. Münster, Gleis 22
23.10. Esslingen, Koma
24.10. Darmstadt, Oettinger Villa
25.10. Düsseldorf, New Fall Festival
01.11. Graz, Orpheum
02.11. Linz, Ahoi Pop Festival
03.11. Wien, Eurovox Festival
17.02. Freiburg, Waldsee
18.02. Karlsruhe, Kohl
19.02. Mainz, Schon Schön
20.02. Essen, Zeche Karl
21.02. Bielefeld, Forum
22.02. Kiel, Schaubühne
23.02. Kopenhagen, Loppen
24.02. Rostock, Mau Club
27.02. Berlin, SO 36
28.02. Nürnberg, Z Bau
01.03. München, Kammerspiele
02.03. Passau, Zauberberg
Sonntag, 14. Oktober 2018
Kristin Hersh: Gute Nachrichten
Kristin Hersh
„Possible Dust Clouds“
(Fire Records)
Man kommt in letzter Zeit (möglicherweise) häufiger zu der Einsicht, daß einem bestimmte Menschen fehlen. Öffentliche Menschen. Menschen, die in den Jahren, die einem noch nicht so dunkel schienen wie die heutigen, wie selbstverständlich da waren, geredet, gesungen, gefilmt, geschrieben haben. Und nun, da man sie bräuchte, fällt auf, daß sie nicht mehr da sind – einfach so. Und zwar nicht, weil sie nicht mehr leben, sondern stumm sind, versteckt, sich zurückgezogen haben. Ihre Wortmeldungen hätten, da ist man sicher, etwas Tröstliches, Vertrautes, etwas, das das Leben in den schwierigen, unsteten Momenten erträglicher machen würde. Michael Stipe ist so ein Mensch. Es gab Zeiten, da erschien in regelmäßigen Abständen ein Album seiner Band R.E.M., nicht jedes ein Meisterwerk, aber immer mit ein paar Songs, die das Zeug dazu hatten, den Alltag aufzuhellen, Gedanken in die richtige Bahn zu lenken, solche Sachen. Die Brücke zu Kristin Hersh ist hier schneller gebaut als man denkt, denn niemand anderes als Stipe hat mit Hersh gemeinsam ihr erstes Soloalbum „Hips And Makers“ aus dem Jahr 1994 eröffnet, „Your Ghost“ heißt der Song und man muß lange suchen, um ein schöneres Duett aus dieser Zeit zu finden.
Kristin Hersh ist im Unterschied zu ihrem damaligen Gesangspartner nie richtig weg gewesen, auch wenn die Pausen zwischen ihren Veröffentlichungen nicht eben klein waren, die ihrer Band Throwing Muses sogar empfindlich groß. Deren letztes gemeinsames Werk datiert immerhin auf 2015, da passt es außerordentlich gut, daß Hersh mit ihrem neuen Solo die wohl beste Muses-Platte seit Jahren abgeliefert hat. Natürlich würde sie das so nie sagen (selbst wenn Drummer Dave Narcizo für einige Stücke im Studio vorbeischaute), aber im Gegensatz zu den vorangegangenen Alleingängen wie zum Beispiel „Wyatt At The Coyote Palace“, einem Opus mit erstaunlichen vierundzwanzig Stücken, ist „Possible Dust Clouds“ erfreulich kurz, knackig und durchgängig rockig geworden. Auch wenn das Covermotiv anderes vermuten läßt – hier ist nicht viel Zeit für behutsame Einleitungen oder besinnliche Momente. Die Gitarren tönen schon ab den ersten Takten von „LAX“ angenehm laut und rau, es scheppert und knirscht wie in den besten Indietagen der 90er. Manchmal kippt der Sound gar etwas ins Psychedelische wie bei „Gin“ oder „Tulum“, das ist etwas ungewöhnlich, aber durchaus reizvoll.
Die wohl wichtigste Komponente aber, die also, die man (siehe oben) auf keinen Fall vermissen möchte, ist sicher Hershs markante Stimme. An Kraft hat sie über die Jahre nichts eingebüßt, so brüchig und verletzlich sie klingt, ist sie dennoch von einer Energie und Intensität, die einem noch immer unter die Haut fährt. Wie sie auf „Possible Dust Clouds“ gegen ihre Dämonen, Ängste ansingt (Hersh litt bis vor kurzem an einer Form Posttraumatischer Belastungsstörung), wie sie versucht, ihren Platz als Mutter, Frau, Freundin und Musikerin zu finden, zu erkämpfen, das ist beeindruckend. Aufgewachsen an der Ostküste der USA, lebt und arbeitet sie seit längerer Zeit in Kalifornien und man kann (nicht nur an der neuen Platte) hören, dass ihr die Gegend gut tut. So gut, dass auch, wie sie Stereogum gerade erzählte, ein weiteres Album der Throwing Muses in Reichweite ist. Es besteht also kaum Gefahr, auf Hersh, auf ihre Stimme, ihre Geschichten in nächster Zeit verzichten zu müssen. Und wer weiß, vielleicht läßt sich ja Michael Stipe davon inspirieren, wir hätten nichts dagegen. https://www.kristinhersh.com/
„Possible Dust Clouds“
(Fire Records)
Man kommt in letzter Zeit (möglicherweise) häufiger zu der Einsicht, daß einem bestimmte Menschen fehlen. Öffentliche Menschen. Menschen, die in den Jahren, die einem noch nicht so dunkel schienen wie die heutigen, wie selbstverständlich da waren, geredet, gesungen, gefilmt, geschrieben haben. Und nun, da man sie bräuchte, fällt auf, daß sie nicht mehr da sind – einfach so. Und zwar nicht, weil sie nicht mehr leben, sondern stumm sind, versteckt, sich zurückgezogen haben. Ihre Wortmeldungen hätten, da ist man sicher, etwas Tröstliches, Vertrautes, etwas, das das Leben in den schwierigen, unsteten Momenten erträglicher machen würde. Michael Stipe ist so ein Mensch. Es gab Zeiten, da erschien in regelmäßigen Abständen ein Album seiner Band R.E.M., nicht jedes ein Meisterwerk, aber immer mit ein paar Songs, die das Zeug dazu hatten, den Alltag aufzuhellen, Gedanken in die richtige Bahn zu lenken, solche Sachen. Die Brücke zu Kristin Hersh ist hier schneller gebaut als man denkt, denn niemand anderes als Stipe hat mit Hersh gemeinsam ihr erstes Soloalbum „Hips And Makers“ aus dem Jahr 1994 eröffnet, „Your Ghost“ heißt der Song und man muß lange suchen, um ein schöneres Duett aus dieser Zeit zu finden.
Kristin Hersh ist im Unterschied zu ihrem damaligen Gesangspartner nie richtig weg gewesen, auch wenn die Pausen zwischen ihren Veröffentlichungen nicht eben klein waren, die ihrer Band Throwing Muses sogar empfindlich groß. Deren letztes gemeinsames Werk datiert immerhin auf 2015, da passt es außerordentlich gut, daß Hersh mit ihrem neuen Solo die wohl beste Muses-Platte seit Jahren abgeliefert hat. Natürlich würde sie das so nie sagen (selbst wenn Drummer Dave Narcizo für einige Stücke im Studio vorbeischaute), aber im Gegensatz zu den vorangegangenen Alleingängen wie zum Beispiel „Wyatt At The Coyote Palace“, einem Opus mit erstaunlichen vierundzwanzig Stücken, ist „Possible Dust Clouds“ erfreulich kurz, knackig und durchgängig rockig geworden. Auch wenn das Covermotiv anderes vermuten läßt – hier ist nicht viel Zeit für behutsame Einleitungen oder besinnliche Momente. Die Gitarren tönen schon ab den ersten Takten von „LAX“ angenehm laut und rau, es scheppert und knirscht wie in den besten Indietagen der 90er. Manchmal kippt der Sound gar etwas ins Psychedelische wie bei „Gin“ oder „Tulum“, das ist etwas ungewöhnlich, aber durchaus reizvoll.
Die wohl wichtigste Komponente aber, die also, die man (siehe oben) auf keinen Fall vermissen möchte, ist sicher Hershs markante Stimme. An Kraft hat sie über die Jahre nichts eingebüßt, so brüchig und verletzlich sie klingt, ist sie dennoch von einer Energie und Intensität, die einem noch immer unter die Haut fährt. Wie sie auf „Possible Dust Clouds“ gegen ihre Dämonen, Ängste ansingt (Hersh litt bis vor kurzem an einer Form Posttraumatischer Belastungsstörung), wie sie versucht, ihren Platz als Mutter, Frau, Freundin und Musikerin zu finden, zu erkämpfen, das ist beeindruckend. Aufgewachsen an der Ostküste der USA, lebt und arbeitet sie seit längerer Zeit in Kalifornien und man kann (nicht nur an der neuen Platte) hören, dass ihr die Gegend gut tut. So gut, dass auch, wie sie Stereogum gerade erzählte, ein weiteres Album der Throwing Muses in Reichweite ist. Es besteht also kaum Gefahr, auf Hersh, auf ihre Stimme, ihre Geschichten in nächster Zeit verzichten zu müssen. Und wer weiß, vielleicht läßt sich ja Michael Stipe davon inspirieren, wir hätten nichts dagegen. https://www.kristinhersh.com/
Run The Jewels: From outer space
Seit letzter Woche im Kino, ist - wie so oft bei einer Marvel-Verfilmung - der Soundtrack fast noch spannender als der Film selbst. Den Titelsong "Venom" von Eminem haben wir bereits gehört und gerade ist auch noch "Let's Go (The Royal We)" online gegangen, den Run The Jewels beigesteuert haben.
Freitag, 12. Oktober 2018
Slaves: Auf den zweiten Blick [Update]
Slaves
„Acts Of Fear And Love“
(EMI/Universal)
Auf die Frage, welche denn nun die schwierigste Platte ist und warum, gibt es wohl die verschiedensten Antworten. Vielleicht die erste, weil man mit dem raus muss, was vorher nur die engsten Freunde im Probekeller gehört haben und die Angst vor der Blamage oder, noch schlimmer, vor der kompletten Missachtung einfach riesig ist. Die zweite, weil die Zeit der Anerkennung schon wieder vorbei sein könnte und das Lob von gestern so trügerisch wie flüchtig ist. Oder doch die dritte, weil gleich hinter der vermiedenen Blamage die bequeme Wiederholung lauert, der sich nur die wirklich Guten standhaft verweigern. Klar ist jedenfalls, dass es der nicht so schwer hat, der es sich selbst nicht zu einfach macht. Von den Slaves aus Kent gibt es schon zwei Alben und trotzdem noch jede Menge Vorurteile zu hören. Der Independent fasste diese gerade recht treffend mit den Worten zusammen: „All mouth, no trousers“, was ungefähr so viel bedeutet wie „Großes Maul und nix dahinter“. Isaac Holman und Laurie Vincent jedenfalls haben aufgegeben, es allen recht machen zu wollen und um Anerkennung von Fans, Kritik und verehrten Kollegen gleichermaßen zu buhlen – sie sind etwas selbstbewusster, etwas vorsichtiger und wohl auch eine Ecke reifer geworden.
Und genau das hört man „Acts Of Fear And Love“ an: Deutlich kürzer als die beiden Vorgänger, wirken die Songs darauf überlegter, ausgesuchter, reflektiert und bisweilen (siehe Videos) ziemlich selbstironisch. Wütend sind sie natürlich noch immer, aber nicht ausschließlich. Es gibt die punkigen Killer, die mit roughem Gitarrensound loshämmern, den Insta-Wahn geißeln („The Lives They Wish They Had“), in simplen Zeilen politische Statements vom Stapel lassen („Bugs“) oder sich dem allgemeinen Konsum-Irrsinn verweigern („Magnolia“). Aber ebenso akustische Einschübe wie das melancholisch angehauchte „Daddy“, das für Holman und Vincent wie das Fast Forward in der Zeitschleife oder die rechtzeitige Warnung klingen dürfte, desweiteren ein Titelstück, das über die Worte eines Lehrers, die Biografie eines Freundes sinniert und regelrecht nachdenklich wirkt. Oder eben „Chokehold“, obschon laut und schroff, aber mit einem überraschenden Perspektivwechsel, den man den beiden jetzt nicht unbedingt zugetraut hätte. Sie würden, so sagten sie in einem Interview, jetzt andere Musik hören, Elliott Smith, Leonard Cohen, solche Sachen. Ihrem Stil hat das ganz gutgetan. Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche, keine überambitionierten Ausflüge mehr in Sachen Rap oder Brazz-Pop. Stattdessen neun Songs, die bestehen können. Klar, daß die spannende Frage nun lautet: Wie es wohl wird – das vierte Album? https://youareallslaves.com/
20.10. Wien, Szene Wien
21.10. Berlin, Lido
22.10. Hamburg, Knust
25.10. München, Strom
04.11. Köln, Luxor
Update: Nach dem Schlagzeug-Casting und der Aerobic-Stunde nun ein Mal Wohnung Weißeln mit den Slaves - hier kommt das Video zur Single "Magnolia".
„Acts Of Fear And Love“
(EMI/Universal)
Auf die Frage, welche denn nun die schwierigste Platte ist und warum, gibt es wohl die verschiedensten Antworten. Vielleicht die erste, weil man mit dem raus muss, was vorher nur die engsten Freunde im Probekeller gehört haben und die Angst vor der Blamage oder, noch schlimmer, vor der kompletten Missachtung einfach riesig ist. Die zweite, weil die Zeit der Anerkennung schon wieder vorbei sein könnte und das Lob von gestern so trügerisch wie flüchtig ist. Oder doch die dritte, weil gleich hinter der vermiedenen Blamage die bequeme Wiederholung lauert, der sich nur die wirklich Guten standhaft verweigern. Klar ist jedenfalls, dass es der nicht so schwer hat, der es sich selbst nicht zu einfach macht. Von den Slaves aus Kent gibt es schon zwei Alben und trotzdem noch jede Menge Vorurteile zu hören. Der Independent fasste diese gerade recht treffend mit den Worten zusammen: „All mouth, no trousers“, was ungefähr so viel bedeutet wie „Großes Maul und nix dahinter“. Isaac Holman und Laurie Vincent jedenfalls haben aufgegeben, es allen recht machen zu wollen und um Anerkennung von Fans, Kritik und verehrten Kollegen gleichermaßen zu buhlen – sie sind etwas selbstbewusster, etwas vorsichtiger und wohl auch eine Ecke reifer geworden.
Und genau das hört man „Acts Of Fear And Love“ an: Deutlich kürzer als die beiden Vorgänger, wirken die Songs darauf überlegter, ausgesuchter, reflektiert und bisweilen (siehe Videos) ziemlich selbstironisch. Wütend sind sie natürlich noch immer, aber nicht ausschließlich. Es gibt die punkigen Killer, die mit roughem Gitarrensound loshämmern, den Insta-Wahn geißeln („The Lives They Wish They Had“), in simplen Zeilen politische Statements vom Stapel lassen („Bugs“) oder sich dem allgemeinen Konsum-Irrsinn verweigern („Magnolia“). Aber ebenso akustische Einschübe wie das melancholisch angehauchte „Daddy“, das für Holman und Vincent wie das Fast Forward in der Zeitschleife oder die rechtzeitige Warnung klingen dürfte, desweiteren ein Titelstück, das über die Worte eines Lehrers, die Biografie eines Freundes sinniert und regelrecht nachdenklich wirkt. Oder eben „Chokehold“, obschon laut und schroff, aber mit einem überraschenden Perspektivwechsel, den man den beiden jetzt nicht unbedingt zugetraut hätte. Sie würden, so sagten sie in einem Interview, jetzt andere Musik hören, Elliott Smith, Leonard Cohen, solche Sachen. Ihrem Stil hat das ganz gutgetan. Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche, keine überambitionierten Ausflüge mehr in Sachen Rap oder Brazz-Pop. Stattdessen neun Songs, die bestehen können. Klar, daß die spannende Frage nun lautet: Wie es wohl wird – das vierte Album? https://youareallslaves.com/
20.10. Wien, Szene Wien
21.10. Berlin, Lido
22.10. Hamburg, Knust
25.10. München, Strom
04.11. Köln, Luxor
Update: Nach dem Schlagzeug-Casting und der Aerobic-Stunde nun ein Mal Wohnung Weißeln mit den Slaves - hier kommt das Video zur Single "Magnolia".
HEALTH vs. Perturbator: Maschinenmusik
Okay, wir hatten mit "Mass Grave" die ziemlich außergewöhnliche Paarung der Industrialrocker HEALTH aus Los Angeles mit der Songwriterin Soccer Mommy. Die Jungs scheinen an derartigen Kombinationen Gefallen gefunden zu haben, denn nun erscheint ein weiteres Joint Venture. Gemeinsam mit dem Pariser Electrokünstler Perturbator haben die drei nun den Track "Body/Prison" veröffentlicht, ein hämmerndes Stück Maschinenmusik.
Donnerstag, 11. Oktober 2018
Adrianne Lenker: Auf der Suche
Adrianne Lenker
„Abysskiss“
(Saddle Creek)
Es gibt nicht viele Alben, die sich lesen und hören lassen wie ein Gedichtband, und es sind natürlich nicht die lauten, sondern die zarten, nachdenklichen Töne, die solches zulassen, die Raum geben für’s Nachschwingen der Worte und Sätze. Kürzlich ist bei Saddle Creek das Debütalbum von Sarah Beth Tomberlin erschienen – das ist so eins, das nachhallt, im Stillen wirkt, das Ruhe ausstrahlt und auch braucht. Auf gleiche Weise tut das auch die zweite Soloplatte von Adrianne Lenker. Eigentlich ist die junge Frau, die mittlerweile in New York lebt, mit ihrer Band Big Thief unterwegs und erst im letzten Jahr hat das Quartett mit „Capacity“ eines der interessantesten, intensivsten Alben der Saison veröffentlicht. Naturgemäß schafft es ja nicht jeder Song auf die Setlist, mancher hat nicht die Qualität, oftmals aber paßt er auch in Stimmung und Sound nicht zum Rest. Lenker tut gut daran, diese Stücke nicht einfach wegzusortieren, sie prüft, wie sie in einem Interview dem Musikportal DIY erzählte, jede Idee, bevor sie zu verblassen droht, ob sie sich vielleicht solistisch weiterverfolgen läßt. Daraus entsteht dann ein lyrisch derart anspruchsvolles, fast ausschließlich mit akustischer Gitarre eingespieltes Werk wie „Abysskiss“.
Zusammen mit Produzent und Musiker Luke Temple und Toningenieur Gabe Wax ist ihr eine überaus zerbrechliche, anrührende und sehr intime Platte gelungen – keine Drums, kaum Schnörkel, nur ein paar spärliche Effekte, Folk der reinsten Sorte. Ohne genauere Details zu kennen oder zu brauchen, geht es um die schönen und die schmerzvollen Erfahrungen, die sie in Liebesbeziehungen gemacht hat. Lenker scheint eine Frau auf der Suche, unentschieden, open minded, dabei aber auch empfindsam und verletzlich: „No one can be my man, no one can be my woman“ singt sie in „From“, an anderer Stelle bekennt sie: „I’m a lot of boy with a lot of nerves“. Ihr anderes großes Thema ist die Natur, Geburt und Tod in ihrer Gleichzeitigkeit, unabänderlich, mal brutal, mal sinnlich: „See my death become a trail and the trail leads to a flower, I will blossom in your sail, every dreamed and waking hour”, heißt es in “Terminal Paradise”, berührende Zeilen, die sie an anderer Stelle, mit verändertem Blickwinkel variiert. Dem Verlust wiederum spürt sie bei “What can you say” mit den Worten nach: “Pray you can find me, I've been busy turning into more transparent, I could look a lot like you” – wie gesagt, eine Sammlung wunderbarer, lebenskluger Verse, die noch weiter klingen, wenn der Song schon zu Ende ist. Gibt es ja heute nicht mehr so oft. https://adriannelenker.bandcamp.com/
23.01. Berlin, Baumhaus Bar
„Abysskiss“
(Saddle Creek)
Es gibt nicht viele Alben, die sich lesen und hören lassen wie ein Gedichtband, und es sind natürlich nicht die lauten, sondern die zarten, nachdenklichen Töne, die solches zulassen, die Raum geben für’s Nachschwingen der Worte und Sätze. Kürzlich ist bei Saddle Creek das Debütalbum von Sarah Beth Tomberlin erschienen – das ist so eins, das nachhallt, im Stillen wirkt, das Ruhe ausstrahlt und auch braucht. Auf gleiche Weise tut das auch die zweite Soloplatte von Adrianne Lenker. Eigentlich ist die junge Frau, die mittlerweile in New York lebt, mit ihrer Band Big Thief unterwegs und erst im letzten Jahr hat das Quartett mit „Capacity“ eines der interessantesten, intensivsten Alben der Saison veröffentlicht. Naturgemäß schafft es ja nicht jeder Song auf die Setlist, mancher hat nicht die Qualität, oftmals aber paßt er auch in Stimmung und Sound nicht zum Rest. Lenker tut gut daran, diese Stücke nicht einfach wegzusortieren, sie prüft, wie sie in einem Interview dem Musikportal DIY erzählte, jede Idee, bevor sie zu verblassen droht, ob sie sich vielleicht solistisch weiterverfolgen läßt. Daraus entsteht dann ein lyrisch derart anspruchsvolles, fast ausschließlich mit akustischer Gitarre eingespieltes Werk wie „Abysskiss“.
Zusammen mit Produzent und Musiker Luke Temple und Toningenieur Gabe Wax ist ihr eine überaus zerbrechliche, anrührende und sehr intime Platte gelungen – keine Drums, kaum Schnörkel, nur ein paar spärliche Effekte, Folk der reinsten Sorte. Ohne genauere Details zu kennen oder zu brauchen, geht es um die schönen und die schmerzvollen Erfahrungen, die sie in Liebesbeziehungen gemacht hat. Lenker scheint eine Frau auf der Suche, unentschieden, open minded, dabei aber auch empfindsam und verletzlich: „No one can be my man, no one can be my woman“ singt sie in „From“, an anderer Stelle bekennt sie: „I’m a lot of boy with a lot of nerves“. Ihr anderes großes Thema ist die Natur, Geburt und Tod in ihrer Gleichzeitigkeit, unabänderlich, mal brutal, mal sinnlich: „See my death become a trail and the trail leads to a flower, I will blossom in your sail, every dreamed and waking hour”, heißt es in “Terminal Paradise”, berührende Zeilen, die sie an anderer Stelle, mit verändertem Blickwinkel variiert. Dem Verlust wiederum spürt sie bei “What can you say” mit den Worten nach: “Pray you can find me, I've been busy turning into more transparent, I could look a lot like you” – wie gesagt, eine Sammlung wunderbarer, lebenskluger Verse, die noch weiter klingen, wenn der Song schon zu Ende ist. Gibt es ja heute nicht mehr so oft. https://adriannelenker.bandcamp.com/
23.01. Berlin, Baumhaus Bar
Mittwoch, 10. Oktober 2018
Girlpool: Mehr als zwei
Ziemlich überraschend sind da zwei neue Songs von Girlpool, dem Indierock-Duo aus Los Angeles, aufgetaucht, die wir auf keinen Fall vorenthalten möchten. Cleo Tucker und Harmony Tividad haben sich bekanntlich vor einigen Jahren ohne Drummer am Punkrock versucht und sich dabei mit ihrem Album "Before The World Was Big" gar nicht so schlecht angestellt. Auf der Folgeplatte "Powerplant" gab's dann doch ein paar Schläge dazu, Miles Wintner schloß sich den beiden für Aufnahme und anschließendes Touren an. Der Sound ist angereichert geblieben, denn auch die beiden aktuellen Tracks "Lucy's" und "Where You Sink" verfügen über mal analoge und mal digitale Beats. Auskünfte über eventuelle Albumpläne waren bis jetzt noch nicht zu bekommen, man kann also nur hoffen, dass den beiden Stücken noch ein paar mehr folgen.
Lala Lala: Gute Gründe
Lala Lala
„The Lamb“
(Hardly Art)
Es gibt viele Gründe, weshalb man Lillie West sympathisch finden kann. Für den mürrischen, zweifelnden Blick, mit dem sie auf dem Cover ihres zweiten Albums in der Gegend herumsteht. Für ihre oft so schiefe Stimme, mit der sie ziemlich angstfrei ihre Songs begleitet und in der immer ein „Love it or leave it“ im Subtext mitschwingt. Für ihren ersten Song, mit dem sie 2014 auf sich aufmerksam machte – eine herrlich traurig-alberne Slackerhymne namens „Fuck With Your Friends“, in der es um die Gedanken eines Teenagermädchens geht, das nicht ganz so smart und selbstsicher daherkommt wie es vielleicht wollte, und um Langeweile, Sex und Zigaretten. Nicht nur dieses Stück ist wunderbar, das ganze Debütalbum „Sleepyhead“, das zwei Jahre später erschien, klingt so verschroben und verworren und liebenswert wie das, was Heranwachsenden durch den Kopf geht und verdient deshalb den (noch auszulobenden) Übersetzerpreis der begriffsstutzigen Ü20-Generation called: Erwachsene.
Ihr Leben ist nicht eben einfacher geworden, so liest man, die Band, der sie nun vorsteht, gibt West den nötigen Halt, um mit Paranoia, Depression und Unglücksfällen im Freundeskreis klarzukommen. Der eigenwillige Name erinnert da fast an das Bild eines verstörten Kindes, welches sich aus Angst die Ohren zuhält und trotzig, laut vor sich hinsingt. Doch mögen ihre Themen ernst und grüblerisch sein, die Töne dazu sind von bestechender Schönheit. Magischer Glanz, den die Gitarren in „Dove“ und „Water Over Sex“ erzeugen und den man von The XX oder, wie beim späteren „Copycat“, von Interpol kennt. An anderer Stelle rough und crispy, abgebremster Surfsound, klug verbastelter LoFi-Synthrock – so etwas bringt nicht, wer kein Gefühl für Harmonien oder aber die Sehnsucht danach hat. Ganz am Ende, da überrascht uns West mit einem Saxophonsolo, so soft, so 90er, daß es unmittelbar im Ohr schmilzt. Anders als ihr Einstieg vor vier Jahren, anders gut. Und definitiv eine Frau, die man im Blick behalten sollte. https://www.lalabandlala.com/
26.02. Köln, Bumann und Sohn
04.03. Hamburg, Aalhaus
05.03. Berlin, Monarch
„The Lamb“
(Hardly Art)
Es gibt viele Gründe, weshalb man Lillie West sympathisch finden kann. Für den mürrischen, zweifelnden Blick, mit dem sie auf dem Cover ihres zweiten Albums in der Gegend herumsteht. Für ihre oft so schiefe Stimme, mit der sie ziemlich angstfrei ihre Songs begleitet und in der immer ein „Love it or leave it“ im Subtext mitschwingt. Für ihren ersten Song, mit dem sie 2014 auf sich aufmerksam machte – eine herrlich traurig-alberne Slackerhymne namens „Fuck With Your Friends“, in der es um die Gedanken eines Teenagermädchens geht, das nicht ganz so smart und selbstsicher daherkommt wie es vielleicht wollte, und um Langeweile, Sex und Zigaretten. Nicht nur dieses Stück ist wunderbar, das ganze Debütalbum „Sleepyhead“, das zwei Jahre später erschien, klingt so verschroben und verworren und liebenswert wie das, was Heranwachsenden durch den Kopf geht und verdient deshalb den (noch auszulobenden) Übersetzerpreis der begriffsstutzigen Ü20-Generation called: Erwachsene.
Ihr Leben ist nicht eben einfacher geworden, so liest man, die Band, der sie nun vorsteht, gibt West den nötigen Halt, um mit Paranoia, Depression und Unglücksfällen im Freundeskreis klarzukommen. Der eigenwillige Name erinnert da fast an das Bild eines verstörten Kindes, welches sich aus Angst die Ohren zuhält und trotzig, laut vor sich hinsingt. Doch mögen ihre Themen ernst und grüblerisch sein, die Töne dazu sind von bestechender Schönheit. Magischer Glanz, den die Gitarren in „Dove“ und „Water Over Sex“ erzeugen und den man von The XX oder, wie beim späteren „Copycat“, von Interpol kennt. An anderer Stelle rough und crispy, abgebremster Surfsound, klug verbastelter LoFi-Synthrock – so etwas bringt nicht, wer kein Gefühl für Harmonien oder aber die Sehnsucht danach hat. Ganz am Ende, da überrascht uns West mit einem Saxophonsolo, so soft, so 90er, daß es unmittelbar im Ohr schmilzt. Anders als ihr Einstieg vor vier Jahren, anders gut. Und definitiv eine Frau, die man im Blick behalten sollte. https://www.lalabandlala.com/
26.02. Köln, Bumann und Sohn
04.03. Hamburg, Aalhaus
05.03. Berlin, Monarch
Deafheaven: Programmänderung
Deafheaven
Support: Inter Arma
Kranhalle, München, 9. Oktober 2018
Das ist ja gerade das Schöne an einer Band wie Deafheaven. Dass man während eines Konzertes nicht nur ordentlich den Schädel vertrimmt bekommt, sondern auch noch genügend Gelegenheit hat, Feldstudien zu ihrem außergewöhnlichen Status zu betreiben. Bekanntlich bedient die Blackgaze-Formation aus San Francisco nur wenige der gängigen Klischees der Schwermetall-Szene – angefangen bei der außergewöhnlichen Gestaltung ihrer Tourposter, Plattenhüllen und Merch-Shirts (sogar eines mit Sonnenblumen ist jetzt im Sortiment) bis hin zum markantesten Unterschied, der Vermischung infernalischen Krachs mit zarten Shoegazing-Melodien. Und so finden sich im Publikum auch an diesem Abend neben den üblichen Morgoth- und Cannibal-Corpse-Hoodies erstaunlich viele Hipsterbärte und Basecaps, selbst Barbour- und Steppjacken werden gesichtet, deren Träger im Normalfall vom ultraorthodoxen Puristen anssatzlos aus dem Saal geschmissen würde. Nicht so hier, dafür ist der Sound dann doch zu ungewöhnlich. Nach der Tour zum doch recht düsteren „New Bermuda“ vor zwei Jahren, auf der sie noch im etwas größeren Nachbarsaal des Münchner Feierwerks auftraten, durfte man gespannt sein, wie die aktuelle Platte „Ordinary Corrupt Human Love“ live funktionieren würde.
Neben dem fast schon balladesken Duett zusammen mit Chelsea Wolfe („Night People“) finden sich dort erstaunlich viele Gitarrenriffs konventioneller Machart, alles wirkt etwas lichter und kontrastreicher. Die beiden Gitarristen Kerry McCoy und Shiv Mehra haben augenscheinlich viel Spaß an den neuen Texturen und haben für die acht Stücke des Abends so etwas wie eine Bühnenchoreo erarbeitet. Was soviel heißt, als daß sie sich etwas bewegen können und zwischendurch sogar als Backgroundchor Dienst tun – keine ganz gewöhnliche Sache. Unverändert dagegen Sänger George Clarke – die Gesten sind sparsam, das jetzt längere Haupthaar wirbelt verschwitzt durch die Gegend und sein weidwundes Gebrüll geht einem noch immer durch Mark und Bein. Ein paar Worte nur ans begeisterte Publikum (von dort reckt jemand zur handelsüblichen Pommesgabel tatsächlich ein halbvolles Weinglas (!) in die Höhe), wobei die Grußadresse an München recht emotionsarm ausfällt und der Hinweis, das gut zehnminütige „Glint“ vom neuen Album spiele man hier zum ersten Mal auf der Tour, schlicht gelogen ist. Egal, Ausnahmestellung bestätigt, Ohren taub – Abend gelungen.
Support: Inter Arma
Kranhalle, München, 9. Oktober 2018
Das ist ja gerade das Schöne an einer Band wie Deafheaven. Dass man während eines Konzertes nicht nur ordentlich den Schädel vertrimmt bekommt, sondern auch noch genügend Gelegenheit hat, Feldstudien zu ihrem außergewöhnlichen Status zu betreiben. Bekanntlich bedient die Blackgaze-Formation aus San Francisco nur wenige der gängigen Klischees der Schwermetall-Szene – angefangen bei der außergewöhnlichen Gestaltung ihrer Tourposter, Plattenhüllen und Merch-Shirts (sogar eines mit Sonnenblumen ist jetzt im Sortiment) bis hin zum markantesten Unterschied, der Vermischung infernalischen Krachs mit zarten Shoegazing-Melodien. Und so finden sich im Publikum auch an diesem Abend neben den üblichen Morgoth- und Cannibal-Corpse-Hoodies erstaunlich viele Hipsterbärte und Basecaps, selbst Barbour- und Steppjacken werden gesichtet, deren Träger im Normalfall vom ultraorthodoxen Puristen anssatzlos aus dem Saal geschmissen würde. Nicht so hier, dafür ist der Sound dann doch zu ungewöhnlich. Nach der Tour zum doch recht düsteren „New Bermuda“ vor zwei Jahren, auf der sie noch im etwas größeren Nachbarsaal des Münchner Feierwerks auftraten, durfte man gespannt sein, wie die aktuelle Platte „Ordinary Corrupt Human Love“ live funktionieren würde.
Neben dem fast schon balladesken Duett zusammen mit Chelsea Wolfe („Night People“) finden sich dort erstaunlich viele Gitarrenriffs konventioneller Machart, alles wirkt etwas lichter und kontrastreicher. Die beiden Gitarristen Kerry McCoy und Shiv Mehra haben augenscheinlich viel Spaß an den neuen Texturen und haben für die acht Stücke des Abends so etwas wie eine Bühnenchoreo erarbeitet. Was soviel heißt, als daß sie sich etwas bewegen können und zwischendurch sogar als Backgroundchor Dienst tun – keine ganz gewöhnliche Sache. Unverändert dagegen Sänger George Clarke – die Gesten sind sparsam, das jetzt längere Haupthaar wirbelt verschwitzt durch die Gegend und sein weidwundes Gebrüll geht einem noch immer durch Mark und Bein. Ein paar Worte nur ans begeisterte Publikum (von dort reckt jemand zur handelsüblichen Pommesgabel tatsächlich ein halbvolles Weinglas (!) in die Höhe), wobei die Grußadresse an München recht emotionsarm ausfällt und der Hinweis, das gut zehnminütige „Glint“ vom neuen Album spiele man hier zum ersten Mal auf der Tour, schlicht gelogen ist. Egal, Ausnahmestellung bestätigt, Ohren taub – Abend gelungen.
Freitag, 5. Oktober 2018
Eminem: Freaky
Schon jemand gefragt, warum hier nichts zu "Kamikaze" stand, dem neuen Album von Eminem? Berechtigte Meldung. Einfach verpasst? Vielleicht. Others peoples business. Auch. Fest steht jedenfalls, daß nicht das geklaute Beastie-Boys-Cover das Spannendste an der Platte ist, sondern tatsächlich die Musik. Denn Marshall Mathers aka. Slim Shady ist mit der Platte ein ganz und gar beeindruckendes (ähh) Revival gelungen, packend, hart, politisch, ja virtuos. Allein die drei Singleauskopplungen, die hier anstelle von mehr Text stehen, sprechen für sich - also "Fall", "Lucky You (Feat. Joyner Lucas)" und gerade taufrisch geteilt der Titelsong zur Marvel-Verfilmung von "Venom". Allesamt ziemlich freaky, aber wir haben von ihm ja gottlob nichts anderes erwartet.
Donnerstag, 4. Oktober 2018
Kagoule: Die Stadt der Stunde
Man kann nun wirklich nicht behaupten, dass Nottingham in diesem Blog unterrepräsentiert wäre. Was zu einem nicht ganz unwichtigen Teil an unserer schier grenzenlosen Verehrung für die Sleaford Mods liegt, die sich nun schon über erstaunlich viele Jahre hält und nicht einen Jota abgenommen hat. Zudem haben wir vor kurzem mit John Paul einen weiteren Sohn der Stadt ins Herz geschlossen, der ähnliche Felder wie die Mods beackert und deshalb unbedingt mit seinem Album "No Filter" erwähnt gehört. Bei all der Freude über rappende Grantler wollen wir allerdings nicht unterschlagen, daß auch in Sachen Grunge und Indierock gute Arbeit am Sherwood Forest geleistet wird - womit wir unweigerlich bei Kagoule landen. Die haben 2015 mit "Urth" noch immer eines der überraschendsten Debütalben hingelegt und seit Ankündigung des Nachfolgers "Strange Entertaiment" für den 26. Oktober eine Reihe weiterer famoser Songs folgen lassen. Heute ist das "It's Not My Day" (was wir aus ebenjenem Grund nun wieder nicht behaupten können) - sie kann also gern kommen, die zweite Platte.
Mittwoch, 3. Oktober 2018
The Breeders: Zeitsprung
Man kann nur hoffen dass das kein Sinnbild und das letzte Wort noch nicht gesprochen ist: Im Video zu "Spacewoman", der aktuellen Single der Breeders, läßt Regisseur Richard Ayoade zunächst die Deal-Schwestern in Kostümen durch die Gegend wandeln, die wahlweise an die Netflix-Serie "The Rain", "Outbreak" oder die hiesige Imkerzunft erinnern. Am Ende stehen beide Damen dann vor einem brennenden time leap und entsorgen dorthin zuerst ihre Instrumente, bevor sie danach selbst ins Ungewisse treten. Keine Breeders mehr, keine nächste Platte?! Nachdem wir uns doch gerade erst so über das mehr als gelungene Comeback-Album "All Nerve" gefreut hatten. Es wäre nur allzu schade ...
Eliza Shaddad: Damenwahl
Bei Damenwahl wäre das sicher schneller gegangen: Man fragt sich tatsächlich, wann denn eigentlich einer von den Stieseln im Hintergrund mal auf die Idee kommt, die Dame im rosa Tüll zum Tanz aufzufordern. Schließlich ist das nicht irgendwer, sondern Eliza Shaddad und diese singt einen weiteren bezaubernden Song aus ihrem am 28. Oktober bei Beatnik Creative erscheinenden Album "Future". "Just Goes To Show" ist einer von mehreren Songs, den die junge Londoner Debütantin bislang aus der Platte ausgekoppelt hat und auch der klingt, keine große Überraschung, so wunderbar wie der Rest.
10.12. Hamburg, Nochtwache
11.12. Berlin, Privatclub
13.12. Baden, Zum Alten Hasen
10.12. Hamburg, Nochtwache
11.12. Berlin, Privatclub
13.12. Baden, Zum Alten Hasen
Dienstag, 2. Oktober 2018
Art Brut: Mach's noch einmal, Eddie! [Update]
Lang, lang ist's her. Da galten Art Brut mal als das ganz große Ding der Stunde. "Modern Art makes me want to rock out!" - Zeilen wie diese waren wie Gebete und die Konzerte dazu heilige Messen mit ganz viel Communio. Sie haben lange Zeit versucht, das Feuer am brennen zu halten, doch irgendwann war die Luft raus und Eddie Argos der Anstrengungen müde. Dann kamen die Idles und "Brutalism" und da war selbst für diese Kunst eine neue Leinwand gefunden. Aber irgendwie wollen sie keine Ruhe geben, es wurde reichlich umbesetzt und nun kommt tatsächlich eine neue Platte in Umlauf. "Wham! Bang! Pow! Let's Rock Out" klingt wie die Beschwörung der guten, alten Zeiten und hört man sich den Titelsong an, möchte man auch gleich daran glauben. Einem Eddie ist schließlich alles zuzutrauen...
Update: Nach dem possierlichen Tiervideo ganz im Sinne von Bernhard Grzimek (Do you remember the Steinlaus?!) gibt es jetzt zur zweiten Single "Hospital!" ein paar lustige Eierköppe zu bestaunen - es bleibt also höchst unterhaltsam.
Update: Nach dem possierlichen Tiervideo ganz im Sinne von Bernhard Grzimek (Do you remember the Steinlaus?!) gibt es jetzt zur zweiten Single "Hospital!" ein paar lustige Eierköppe zu bestaunen - es bleibt also höchst unterhaltsam.
Montag, 1. Oktober 2018
Peter Bjorn And John: Fragende Blicke
Etwas muss passiert sein in den Stockholmer Atlantis-Studios. Das letzte Album des schwedischen Poptrios Peter Björn And John klang noch nach ausgelassenem Kindergeburtstag, auch das Artwork sah noch gewohnt spaßig aus. Doch nun - zerbröselte Knochen und die drei Herren mit fragendem Blick unter einer glimmenden Neonröhre? "Darker Days"? So nämlich nennt sich ihre neue Platte, die am 19. Oktober erscheinen soll. Doch weil wir noch keine Originaltöne haben, bleiben uns vorerst nur Vermutungen und ein paar Takte vom letzten Wurf "Breakin' Point" und der Single "Dominos".
18.10. Wien, Flex
20.10. Berlin, Scope Festival
Update: Und weil eine richtig gute Band alles gemeinsam macht, gibt es nun von unserem Trio gleich drei Songs auf einen Schlag, jeder von einem anderen Mitglied intoniert. Auf der Website der Jungs kann man die Clips per Tastendruck interaktiv auswählen, wer es lieber auf die konventionelle Art mag, der darf gleich hier weiterschauen - nacheinander also "Every Other Night", "Gut Feeling" und "One For The Team".
18.10. Wien, Flex
20.10. Berlin, Scope Festival
Update: Und weil eine richtig gute Band alles gemeinsam macht, gibt es nun von unserem Trio gleich drei Songs auf einen Schlag, jeder von einem anderen Mitglied intoniert. Auf der Website der Jungs kann man die Clips per Tastendruck interaktiv auswählen, wer es lieber auf die konventionelle Art mag, der darf gleich hier weiterschauen - nacheinander also "Every Other Night", "Gut Feeling" und "One For The Team".
Sisteray: So muss das [Update]
So, einen kleinen Wachmacher kann dieser träge Sonntag ruhig vertragen. Was würde da besser passen als die neue Single "Wannabes" von der Londoner 4-Mann-Kapelle Sisteray. Der Song stammt von ihrer neuen EP "Sisteray Said", die am 7. September bei Vallance Records veröffentlicht wird. Und er klingt so selbstbewußt und rotzig, wie das britischer Rock nun mal eben muß.
Update: Die machen halt nicht nur coole Musik, sondern sehen auch so aus - Beweis ist das neue Video zur Single "Wannabes", gerade von Zuzana Dahamshy abgedreht.
Update: Die machen halt nicht nur coole Musik, sondern sehen auch so aus - Beweis ist das neue Video zur Single "Wannabes", gerade von Zuzana Dahamshy abgedreht.
Abonnieren
Posts (Atom)






















