Wo wir gerade wieder mal beim Post-Punk sind: Augen und Ohren auf für Brooklyn, denn von dort kommen Big Bliss. Das Trio hat 2016 mit der Arbeit begonnen, aus dieser Zeit stammt die erste EP "Keep Near". Es folgten die Stücke "Fortune" und "Contact", für den Oktober nun haben die Brüder Cory (Drums) und Tim Race (Gesang, Gitarre) zusammen mit Wallace May am Bass ihr neues Album "At Middle Distance" via Exit Stencil Recordings angekündigt, die Single "Surface" gibt es jetzt schon zum Vorhören.
Freitag, 7. September 2018
Interpol: Gegensatz als Triebfeder
Interpol
„Marauder“
(Matador)
Die Geschichte von Interpol war immer auch eine der Rechtfertigungen, Missverständnisse, Gegensätze. Denn wenn der dunkel schimmernde, basslastige Waverock der New Yorker schnell den Bogen zu den einschlägigen Vorbildern der 80er spannte, so wollten doch Sänger Paul Banks, Gitarrist Daniel Kessler und Drummer Sam Fogarino von solchen Referenzen nichts hören – fielen in einem Interview Namen wie Joy Division, The Chameleons oder Television, konnte die Unterhaltung schnell frostig und ungemütlich werden. Einzig Ex-Bassist Carlos Dengler schien, schon rein optisch, den offensichtlichen Bezug zu leben, fast folgerichtig verließ er 2010 die Band. Etwaige Hoffnungen auf seine Rückkehr anlässlich der Jubiläumstour zum Debütalbum „Turn On The Bright Lights“ wurden mit vehementen Statements zurückgewiesen. Was Wunder also, dass in einer Aufzählung der Songs, die Banks zum Musikmachen inspirierten, Post-Punk nicht einmal ansatzweise zur Sprache kam, wohl aber Michael Jackson, Pink Floyd, Golden Earing, N.W.A. und Aerosmith. Interpol hatten und haben zu der Ecke, in die sie sich von Fans und Kritikern gedrängt sehen, kein sonderlich entspanntes Verhältnis.
Um so erstaunlicher ist es, daß die Band auch bei ihrem mittlerweile sechsten Studioalbum auf dem für sie so typischen Sound beharrt: Banks‘ sehnsuchtsvoll schmachtender Gesang, Kesslers jubilierende, melancholische Hooks und Fogarinos treibendes Schlagwerk, alles klingt vertraut, Ausreißer, Brüche sind kaum zu hören. Man könnte fast meinen, die Tour mit dem Erstling im vergangenen Jahr habe diese Platte sogar noch ein Stück näher zu den Anfangstagen gerückt – eine These, die im Interview schnell verneint wird, denn zum Zeitpunkt der Feierlichkeiten seien schon gut achtzig Prozent der neuen Stücke fertig gewesen. Sei’s drum. Auch wenn die Düsternis des Beginners genauso wenig erreicht wird wie der Druck von „Antics“ und Glanz und Majestät von „Our Love To Admire“ – die vorliegenden Stücke sind allemal gelungene Fortschreibungen altbekannter Klasse, und das auf höherem Niveau als noch beim etwas zerfaserten Vorgänger „El Pintor“.
Die Harmonien sitzen, die Riffs passen und packen zumeist, besonders gut beim Einstieg „If You Really Love Nothing“, wenn Banks die Beliebigkeit und Lieblosigkeit, den schönen Schein ohne Tiefe besingt und die Gitarren dazu trocken schnarren (das Stück, welches die wunderbare Kristen Stewart im Video von Hala Matar perfekt in Szene setzt, gibt übrigens laut Banks die aktuelle Parallele zu „Stella Was A Diver And She Is Always Down“ aus der Zeit der Jahrtausendwende). Ebenso gelungen die bitter-süßen Mollmelodien bei „Flight Of Fancy“ und „NYSMAW“, die rauen, pulsierenden Akkorde von „Stay In Touch“ und Banks brüchige Aufgewühltheit am Schluß („It Probably Matters“). „Everytime you'd walk away I'd bring it outside, cause I didn’t have the grace or the brains“ verzweifelt er da, die Befürchtungen eines Kleinlauten im Moment der Besinnung. „Marauder“, so hat er gesagt, stehe für das Schlechte in uns allen, das beim einen mehr, beim anderen weniger zu Tage tritt, aber doch immer ein Teil von uns ist.
Die Neugier und die Lust sind es, die eine Band lebendig halten – so lange beide in ausreichendem Maße vorhanden seien, müsse man sich auch nicht für jedes Album neu erfinden, die Glaubwürdigkeit erziele man, so Banks, aus der Energie, die man in seine Arbeit stecke. Man möchte noch die Gegensätzlichkeit hinzufügen. Denn gerade weil Interpol versuchen, so vieles gleichzeitig zu sein – arty, rockig, rude, zärtlich, soulful, rough, geheimnisvoll uvm. – gerade deshalb gelingen ihnen noch immer berührende Songs, die im Gedächtnis haften bleiben. Dass dies nicht bei jedem Versuch klappen kann, ist verständlich („Number 10“ zum Beispiel fällt nach traumhaften Intro rätselhafterweise komplett auseinander), die Anzahl der achtbaren Stücke überwiegt noch immer die der weniger spannenden, sie haben damit deutlich mehr Ausdauer und Beständigkeit bewiesen als manche andere Kapelle ihrer „Alterklasse“. Und sie scheinen damit noch längst nicht fertig zu sein. Gut zu hören. http://www.interpolnyc.com/
23.11. Hamburg, Theater am Großmarkt
25.11. Berlin, Tempodrom
„Marauder“
(Matador)
Die Geschichte von Interpol war immer auch eine der Rechtfertigungen, Missverständnisse, Gegensätze. Denn wenn der dunkel schimmernde, basslastige Waverock der New Yorker schnell den Bogen zu den einschlägigen Vorbildern der 80er spannte, so wollten doch Sänger Paul Banks, Gitarrist Daniel Kessler und Drummer Sam Fogarino von solchen Referenzen nichts hören – fielen in einem Interview Namen wie Joy Division, The Chameleons oder Television, konnte die Unterhaltung schnell frostig und ungemütlich werden. Einzig Ex-Bassist Carlos Dengler schien, schon rein optisch, den offensichtlichen Bezug zu leben, fast folgerichtig verließ er 2010 die Band. Etwaige Hoffnungen auf seine Rückkehr anlässlich der Jubiläumstour zum Debütalbum „Turn On The Bright Lights“ wurden mit vehementen Statements zurückgewiesen. Was Wunder also, dass in einer Aufzählung der Songs, die Banks zum Musikmachen inspirierten, Post-Punk nicht einmal ansatzweise zur Sprache kam, wohl aber Michael Jackson, Pink Floyd, Golden Earing, N.W.A. und Aerosmith. Interpol hatten und haben zu der Ecke, in die sie sich von Fans und Kritikern gedrängt sehen, kein sonderlich entspanntes Verhältnis.
Um so erstaunlicher ist es, daß die Band auch bei ihrem mittlerweile sechsten Studioalbum auf dem für sie so typischen Sound beharrt: Banks‘ sehnsuchtsvoll schmachtender Gesang, Kesslers jubilierende, melancholische Hooks und Fogarinos treibendes Schlagwerk, alles klingt vertraut, Ausreißer, Brüche sind kaum zu hören. Man könnte fast meinen, die Tour mit dem Erstling im vergangenen Jahr habe diese Platte sogar noch ein Stück näher zu den Anfangstagen gerückt – eine These, die im Interview schnell verneint wird, denn zum Zeitpunkt der Feierlichkeiten seien schon gut achtzig Prozent der neuen Stücke fertig gewesen. Sei’s drum. Auch wenn die Düsternis des Beginners genauso wenig erreicht wird wie der Druck von „Antics“ und Glanz und Majestät von „Our Love To Admire“ – die vorliegenden Stücke sind allemal gelungene Fortschreibungen altbekannter Klasse, und das auf höherem Niveau als noch beim etwas zerfaserten Vorgänger „El Pintor“.
Die Harmonien sitzen, die Riffs passen und packen zumeist, besonders gut beim Einstieg „If You Really Love Nothing“, wenn Banks die Beliebigkeit und Lieblosigkeit, den schönen Schein ohne Tiefe besingt und die Gitarren dazu trocken schnarren (das Stück, welches die wunderbare Kristen Stewart im Video von Hala Matar perfekt in Szene setzt, gibt übrigens laut Banks die aktuelle Parallele zu „Stella Was A Diver And She Is Always Down“ aus der Zeit der Jahrtausendwende). Ebenso gelungen die bitter-süßen Mollmelodien bei „Flight Of Fancy“ und „NYSMAW“, die rauen, pulsierenden Akkorde von „Stay In Touch“ und Banks brüchige Aufgewühltheit am Schluß („It Probably Matters“). „Everytime you'd walk away I'd bring it outside, cause I didn’t have the grace or the brains“ verzweifelt er da, die Befürchtungen eines Kleinlauten im Moment der Besinnung. „Marauder“, so hat er gesagt, stehe für das Schlechte in uns allen, das beim einen mehr, beim anderen weniger zu Tage tritt, aber doch immer ein Teil von uns ist.
Die Neugier und die Lust sind es, die eine Band lebendig halten – so lange beide in ausreichendem Maße vorhanden seien, müsse man sich auch nicht für jedes Album neu erfinden, die Glaubwürdigkeit erziele man, so Banks, aus der Energie, die man in seine Arbeit stecke. Man möchte noch die Gegensätzlichkeit hinzufügen. Denn gerade weil Interpol versuchen, so vieles gleichzeitig zu sein – arty, rockig, rude, zärtlich, soulful, rough, geheimnisvoll uvm. – gerade deshalb gelingen ihnen noch immer berührende Songs, die im Gedächtnis haften bleiben. Dass dies nicht bei jedem Versuch klappen kann, ist verständlich („Number 10“ zum Beispiel fällt nach traumhaften Intro rätselhafterweise komplett auseinander), die Anzahl der achtbaren Stücke überwiegt noch immer die der weniger spannenden, sie haben damit deutlich mehr Ausdauer und Beständigkeit bewiesen als manche andere Kapelle ihrer „Alterklasse“. Und sie scheinen damit noch längst nicht fertig zu sein. Gut zu hören. http://www.interpolnyc.com/
23.11. Hamburg, Theater am Großmarkt
25.11. Berlin, Tempodrom
Donnerstag, 6. September 2018
Metric: Vervollständigung
Nachdem wir mit "Dark Saturday" und "Dressed To Suppress" kürzlich die ersten beiden Songs des neuen Albums von Metric geteilt hatten, machen wir bei dieser Nachricht besser mal mit einem weiteren Post auf. Denn aktuell haben die Kanadier den Titel und das VÖ-Datum ihrer Platte bekanntgegeben - sie wird "Art Of Doubt" heißen, am 21. September erscheinen und zwar mit dem nachfolgenden Artwork. Und damit es nicht allzu trocken wird, haben wir noch "Now Or Never Now" als weiteren Vorabtrack im Angebot.
Montag, 20. August 2018
Death Cab For Cutie: Beschwingte Sanftmut
Death Cab For Cutie
„Thank You For Today“
(Atlantic)
Vielleicht ist es tatsächlich so, daß etwas nicht „zu schön“ sein kann. Aber die Frage wird kommen. Denn die Songs von Death Cab For Cutie finden sich (vermutlich) seit jeher am häufigsten auf solchen Playlists und Mixtapes, die mit Stimmigkeit, Harmonie und Schönheit punkten wollen. Solche Lieder wollen gefallen und genau das möchte man ja irgendwie auch, wenn man sie verlinkt, teilt oder (Achtung: Steinzeitwort) aufnimmt. Und auf den Alben der Band, ob nun wie der Großteil vom ehemaligen Gitarristen Chris Walla oder, wie die letzten beiden, von Rich Costey produziert, klebte ja immer der imaginäre Sticker „Popmagie“ drauf, so rund, so geschmeidig und eingängig waren fast alle der darauf befindlichen Stücke. Sie nicht zu mögen war geradezu unmöglich, ihnen Gefallsucht oder übertriebene Perfektion vorwerfen zu wollen, schien unangebracht und vermessen. Die Befürchtung, nach Wallas Abgang würde sich daran Grundlegendes ändern, zerstob mit „Kintsugi“ nach wenigen Minuten, und wird sich, das können wir vorwegnehmen, auch jetzt nicht bestätigen.
Denn in Ben Gibbard hat das Quintett aus Washington noch immer einen der besten, weil geschmackssichersten Songwriter des amerikanischen Indiepop in seinen Reihen und in Costey einen Mann an den Reglern, der – laut Gibbard – den unbestechlichen, objektiven Blick von außen in die Produktion einbringt und weiß, was gut ist für ein DCFC-Album und was eher nicht. Und so auch mit dem neunten Album die Geschichte der Band als Konstante im besten Sinne fortschreibt. Natürlich sind sie älter geworden, Gibbard ist knapp über die vierzig gerutscht und sieht sich, wie er gern sagt, in der Mitte des Lebens. Und möchte von dort aus, wie wahrscheinlich viele andere in diesem Alter auch, gern ein wenig mehr Dankbarkeit und Achtsamkeit in seinen Songs anklingen lassen. Dass diese dennoch keinerlei kitschige Erbaulichkeit verströmen, liegt wohl am sicheren Gespür und Verantwortungsbewußtsein des Künstlers für sein Werk. Und zu gleichen Teilen am Sound der Band selbst. Denn beschauliche Akustik findet hier eher am Rande statt.
Der Großteil der Stücke federt frisch und mit den gewohnt perlenden Gitarrenhooks ausgerüstet durchs Programm. Es mag auch an Gibbards Timbre liegen, dass man nicht eben selten an Neil Tennant und seine Pet Shop Boys denken muß. Die lakonische Melancholie tut ein Übriges, wenn Vergangenem nachgetrauert („Gold Rush“), über schmerzliche Veränderungen sinniert wird („I Dreamt We Spoke Again“/“You Moved Away“). Freundschaften werden gefeiert, die seltenen Augenblicke der Glückseligkeit sowieso und manchmal kippt Gibbards Gefühligkeit mitsamt der Grundierung dann doch kurz, wie bei „Northern Lights“, ins Liebliche. Auch der Schluß mit „60 And Punk“ kramt doch in allzu bekannten Sozialklischees („There's nothing elegant in being a drunk, it's nothing righteous being 60 and punk. But when you're looking in the mirror do you see, that kid that you used to be?“). Geschenkt, mißmutiges Kriteln und Granteln kann einem hier schnell als neunmalgescheit oder Neid ausgelegt werden. Es ist gut, Songs mit beschwingter Sanftmut und leiser Ironie wie diese zu haben. An Gelegenheiten, da man sie gut brauchen kann, wird es, das weiß wohl auch Gibbard, mit zunehmendem Alter nicht mangeln. https://deathcabforcutie.com/
06.02. Köln, Live Music Hall
07.02. Berlin, Astra Kulturhaus
09.02. Hamburg, Große Freiheit
„Thank You For Today“
(Atlantic)
Vielleicht ist es tatsächlich so, daß etwas nicht „zu schön“ sein kann. Aber die Frage wird kommen. Denn die Songs von Death Cab For Cutie finden sich (vermutlich) seit jeher am häufigsten auf solchen Playlists und Mixtapes, die mit Stimmigkeit, Harmonie und Schönheit punkten wollen. Solche Lieder wollen gefallen und genau das möchte man ja irgendwie auch, wenn man sie verlinkt, teilt oder (Achtung: Steinzeitwort) aufnimmt. Und auf den Alben der Band, ob nun wie der Großteil vom ehemaligen Gitarristen Chris Walla oder, wie die letzten beiden, von Rich Costey produziert, klebte ja immer der imaginäre Sticker „Popmagie“ drauf, so rund, so geschmeidig und eingängig waren fast alle der darauf befindlichen Stücke. Sie nicht zu mögen war geradezu unmöglich, ihnen Gefallsucht oder übertriebene Perfektion vorwerfen zu wollen, schien unangebracht und vermessen. Die Befürchtung, nach Wallas Abgang würde sich daran Grundlegendes ändern, zerstob mit „Kintsugi“ nach wenigen Minuten, und wird sich, das können wir vorwegnehmen, auch jetzt nicht bestätigen.
Denn in Ben Gibbard hat das Quintett aus Washington noch immer einen der besten, weil geschmackssichersten Songwriter des amerikanischen Indiepop in seinen Reihen und in Costey einen Mann an den Reglern, der – laut Gibbard – den unbestechlichen, objektiven Blick von außen in die Produktion einbringt und weiß, was gut ist für ein DCFC-Album und was eher nicht. Und so auch mit dem neunten Album die Geschichte der Band als Konstante im besten Sinne fortschreibt. Natürlich sind sie älter geworden, Gibbard ist knapp über die vierzig gerutscht und sieht sich, wie er gern sagt, in der Mitte des Lebens. Und möchte von dort aus, wie wahrscheinlich viele andere in diesem Alter auch, gern ein wenig mehr Dankbarkeit und Achtsamkeit in seinen Songs anklingen lassen. Dass diese dennoch keinerlei kitschige Erbaulichkeit verströmen, liegt wohl am sicheren Gespür und Verantwortungsbewußtsein des Künstlers für sein Werk. Und zu gleichen Teilen am Sound der Band selbst. Denn beschauliche Akustik findet hier eher am Rande statt.
Der Großteil der Stücke federt frisch und mit den gewohnt perlenden Gitarrenhooks ausgerüstet durchs Programm. Es mag auch an Gibbards Timbre liegen, dass man nicht eben selten an Neil Tennant und seine Pet Shop Boys denken muß. Die lakonische Melancholie tut ein Übriges, wenn Vergangenem nachgetrauert („Gold Rush“), über schmerzliche Veränderungen sinniert wird („I Dreamt We Spoke Again“/“You Moved Away“). Freundschaften werden gefeiert, die seltenen Augenblicke der Glückseligkeit sowieso und manchmal kippt Gibbards Gefühligkeit mitsamt der Grundierung dann doch kurz, wie bei „Northern Lights“, ins Liebliche. Auch der Schluß mit „60 And Punk“ kramt doch in allzu bekannten Sozialklischees („There's nothing elegant in being a drunk, it's nothing righteous being 60 and punk. But when you're looking in the mirror do you see, that kid that you used to be?“). Geschenkt, mißmutiges Kriteln und Granteln kann einem hier schnell als neunmalgescheit oder Neid ausgelegt werden. Es ist gut, Songs mit beschwingter Sanftmut und leiser Ironie wie diese zu haben. An Gelegenheiten, da man sie gut brauchen kann, wird es, das weiß wohl auch Gibbard, mit zunehmendem Alter nicht mangeln. https://deathcabforcutie.com/
06.02. Köln, Live Music Hall
07.02. Berlin, Astra Kulturhaus
09.02. Hamburg, Große Freiheit
Far Caspian: Rückbesinnung
Samstag, 18. August 2018
Parquet Courts: Britain first [Update]
Parquet Courts
„Wide Awake“
(Rough Trade)
Würde man einen Europäer fragen, wer ihm in der Not denn näher stände – der verpeilte Brexit-Brite oder der fehlgeleitete Amok-Amerikaner, er würde wohl doch zum zwar bemitleidenswerten, aber doch humor- und kulturvollen Inselbewohner tendieren. Lustigerweise tut das der Amerikaner manchmal auch, denn ab und an kommt einem eine Band in die Quere, die zwar aus Übersee stammt, aber englischer nicht klingen könnte. So auch Parquet Courts. Schon das letzte Album des Quartetts aus Texas, das unter dem schönen Namen „Human Performance“ 2016 erschien, mischte auf unterhaltsame Weise schmissigen Punk, psychedelischen Spätsechziger-Rock und feine Popideen und auch jetzt sind es vornehmlich die Stranglers und vor allem The Clash, an die einen Andrew Savage und Kollegen erinnern.
Auf einem Foto des Independent, gerade zu einem Interview erschienen, sieht man die Jungs mit vor’s Gesicht geschlagenen Händen sitzen und natürlich stehen da die Assoziationen Schlange: Können sie das Elend im eigenen Land nicht mehr mit ansehen, sind sie des Chaos unter Trump müde oder wollen sie besser die Augen verschließen, sich besser verstecken vor der Dumm- und Dumpfheit politischer Meinungshoheit in Washington, ganz nach dem kleinkindlichen Motto: Wenn ich keinen sehe, sieht mich auch niemand? Mitnichten, die Parquet Courts haben schon sehr viel Spaß am Proklamieren und Insistieren. Schon beim fabelhaften „Total Football“ nutzen sie einen Begriff aus dem holländischen Ballsport-Lehrbuch, um den Hörern ihre Idee von Gemeinschaft und Zusammenhalt näher zu bringen. In rauflustiger Stimmung geht es weiter – „Almost Had To Start A Fight/In And Out Of Patience“, jetzt wollen sie wissen, was denn besser ist, zuschlagen oder zurückweichen, Konfrontation oder Kompromiss.
Bei „Normalization“ geht es um die Frage, an was wir uns denn noch gewöhnen sollen/dürfen, wo wir die Grenze ziehen, wo Schluß ist mit lustig. Armut, Gewalt, Selbstbetrug, nicht gerade die lustigsten Themen, aber genau die richtigen für eine Punkband wie sie. Der Sound, den Produzent Danger Mouse veredelt hat, hält viele Facetten bereit – von schnell und hart, funky und poppig bis zu den schleppenden Dubsound-Anleihen bei „Before The Water Gets Too High“, zwischendrin mit „Freebird II“ ein Ausflug zu den Beatles, eine schunkelnde Todesbetrachtung samt Kinderchor und am Ende sogar ein wunderbare, einigermaßen optimistische Ode an die Zärtlichkeit: „Nothing reminds the mind of power like the cheap odor of plastic, leaking fumes we crave, consume, the rush it feels fantastic. But like power turns to mold, like a junkie going cold I need the fix of a little tenderness.“ Die besten Briten, die Amerika gerade zu bieten hat. https://parquetcourts.wordpress.com/
04.07. Berlin, Festsaal Kreuzberg
05.07. Hamburg, Molotow
17.07. Düdingen, Bad Bonn
18.11. Köln, Gebäude 9
19.11. München, Ampere
20.11. Frankfurt, Brotfabrik
Update: Nachgereicht gehört von dieser vortrefflichen Band auf alle Fälle das Video zur aktuellen Single "Freebird II".
„Wide Awake“
(Rough Trade)
Würde man einen Europäer fragen, wer ihm in der Not denn näher stände – der verpeilte Brexit-Brite oder der fehlgeleitete Amok-Amerikaner, er würde wohl doch zum zwar bemitleidenswerten, aber doch humor- und kulturvollen Inselbewohner tendieren. Lustigerweise tut das der Amerikaner manchmal auch, denn ab und an kommt einem eine Band in die Quere, die zwar aus Übersee stammt, aber englischer nicht klingen könnte. So auch Parquet Courts. Schon das letzte Album des Quartetts aus Texas, das unter dem schönen Namen „Human Performance“ 2016 erschien, mischte auf unterhaltsame Weise schmissigen Punk, psychedelischen Spätsechziger-Rock und feine Popideen und auch jetzt sind es vornehmlich die Stranglers und vor allem The Clash, an die einen Andrew Savage und Kollegen erinnern.
Auf einem Foto des Independent, gerade zu einem Interview erschienen, sieht man die Jungs mit vor’s Gesicht geschlagenen Händen sitzen und natürlich stehen da die Assoziationen Schlange: Können sie das Elend im eigenen Land nicht mehr mit ansehen, sind sie des Chaos unter Trump müde oder wollen sie besser die Augen verschließen, sich besser verstecken vor der Dumm- und Dumpfheit politischer Meinungshoheit in Washington, ganz nach dem kleinkindlichen Motto: Wenn ich keinen sehe, sieht mich auch niemand? Mitnichten, die Parquet Courts haben schon sehr viel Spaß am Proklamieren und Insistieren. Schon beim fabelhaften „Total Football“ nutzen sie einen Begriff aus dem holländischen Ballsport-Lehrbuch, um den Hörern ihre Idee von Gemeinschaft und Zusammenhalt näher zu bringen. In rauflustiger Stimmung geht es weiter – „Almost Had To Start A Fight/In And Out Of Patience“, jetzt wollen sie wissen, was denn besser ist, zuschlagen oder zurückweichen, Konfrontation oder Kompromiss.
Bei „Normalization“ geht es um die Frage, an was wir uns denn noch gewöhnen sollen/dürfen, wo wir die Grenze ziehen, wo Schluß ist mit lustig. Armut, Gewalt, Selbstbetrug, nicht gerade die lustigsten Themen, aber genau die richtigen für eine Punkband wie sie. Der Sound, den Produzent Danger Mouse veredelt hat, hält viele Facetten bereit – von schnell und hart, funky und poppig bis zu den schleppenden Dubsound-Anleihen bei „Before The Water Gets Too High“, zwischendrin mit „Freebird II“ ein Ausflug zu den Beatles, eine schunkelnde Todesbetrachtung samt Kinderchor und am Ende sogar ein wunderbare, einigermaßen optimistische Ode an die Zärtlichkeit: „Nothing reminds the mind of power like the cheap odor of plastic, leaking fumes we crave, consume, the rush it feels fantastic. But like power turns to mold, like a junkie going cold I need the fix of a little tenderness.“ Die besten Briten, die Amerika gerade zu bieten hat. https://parquetcourts.wordpress.com/
04.07. Berlin, Festsaal Kreuzberg
05.07. Hamburg, Molotow
17.07. Düdingen, Bad Bonn
18.11. Köln, Gebäude 9
19.11. München, Ampere
20.11. Frankfurt, Brotfabrik
Update: Nachgereicht gehört von dieser vortrefflichen Band auf alle Fälle das Video zur aktuellen Single "Freebird II".
Donnerstag, 16. August 2018
Christine And The Queens: Je nach Sichtweise
Black Belt Eagle Scout: Rollenverständnis
Wer bei Bild und Name Assoziationen in Richtung amerikanischer Ureinwohner (wir Europäer sagen der Einfachheit halber meist Indianer) hat, liegt so falsch nicht: Denn Katherine Paul ist tatsächlich in einer Reservation der Swinomish-Indianer im Bundesstaat Washington geboren und aufgewachsen. Seit gut zehn Jahren lebt die queere Künstlerin und radikale Feministin in Portland und macht dort unter dem Namen Black Belt Eagle Scout ziemlich beachtliche Musik. Aufgewachsen in der Tradition des spirituellen Gesangs ihrer Urahnen, kam sie später zunächst mit ein paar Bootlegs und VHS-Tapes von Hole und Nirvana in Kontakt - das sollte sie nachhaltig beeinflussen. Erste eigene Versuche startete sie in einer Art Rock'n Roll-Camp für Mädchen, 2014 erschien dann ihr selbstbetiteltes Debütalbum. Der Nachfolger wird nun beim renommierten Label Saddle Creek erscheinen, "Mother Of My Children" wird natürlich hauptsächlich von Pauls Erfahrungen, von ihrem Selbstverständnis als amerikanische Ureinwohnerin in den USA dieser Tage handeln. Und nach der ersten Singleauskopplung "Soft Stud" gibt es hier und heute"Just Lie Down" zu hören.
Mudhoney: Kein Entkommen [Update]
Da kann man jetzt wirklich nicht so tun, als ob es keine Nachricht wäre: Mudhoney haben sich vor über dreißig Jahren in Seattle gegründet, sie haben zeitgleich mit Nirvana die Welt elektrisiert, waren im Gegensatz zu Kobain und Konsorten aus naheliegenden Gründen aber bis heute durchgehend auf Sendung und sind mit kleinen Unterbrechungen auch immer ihrem Label Sub Pop treu geblieben. Man könnte also sagen, Sänger Mark Arm ist ein Traditionalist im besten Sinne, einer, der weitermacht, auch wenn's schwer fällt. Weil er einen Sinn darin sieht. Gerade haben die Herren für den 28. September das zehnte Studioalbum angekündigt, "Digital Garbage" folgt tatsächlich ganze drei Dekaden nach dem Debüt "Superfuzz Bigmuff". Und der Zustand der Welt gibt der Band Anlaß genug, nicht nachzulassen. Denn natürlich arbeiten sich Arm, Turner, Maddison und Peters an den aktuellen Verwerfungen in ihrer Heimat ab, kommentieren sie wenig überraschend den beklagenswerten Zustand der Zivilgesellschaft, an dem beileibe nicht nur ein Donald Trump schuld ist.
In den Liner-Notes des Labels kommentiert der Sänger seine Meinung zum medialen Overflow, auf den sowohl der Albumtitel als auch der Track "Kill Yourself Live" anspielen, wie folgt: „Ich bin nicht auf Social Media, also ist meine Erfahrung etwas begrenzt, aber die Leute scheinen wirklich Bestätigung in der Art zu finden - und dann gibt es Facebook Live, wo Leute Folter und Mord gestreamt haben, oder, im Fall von Philando Castile, von einem Polizisten ermordet wurden. Während des Schreibens dieses Liedes habe ich darüber nachgedacht, wie man, wenn man einmal etwas online gestellt hat, es nicht mehr wegwischen kann. Es wird immer da sein - auch wenn es niemand ausgräbt, es schwebt immer noch irgendwo da draußen." Diesen Dingen zu entkommen ist für ihn nicht möglich: „Ich hätte wirklich gerne Songs darüber geschrieben, wie man einfach am Strand rumhängt und einen schönen Urlaub macht, aber ... das macht wahrscheinlich keinen tollen Rock aus.“ Hier schon mal mit "Paranoid Core" eine erste Hörprobe vorab.
13.11. Berlin, Festsaal Kreuzberg
14.11. Hamburg, Fabrik
15.11. Köln, Gebäude 9
16.11. Luzern, Schuur
17.11. Vevey, Rocking Chair
19.11. Frankfurt, Zoom
20.11. München, Strom
25.11. Wien, Arena
Update: Mit "Kill Yourself Live" gibt es hier nun den zweiten Song vom Album.
In den Liner-Notes des Labels kommentiert der Sänger seine Meinung zum medialen Overflow, auf den sowohl der Albumtitel als auch der Track "Kill Yourself Live" anspielen, wie folgt: „Ich bin nicht auf Social Media, also ist meine Erfahrung etwas begrenzt, aber die Leute scheinen wirklich Bestätigung in der Art zu finden - und dann gibt es Facebook Live, wo Leute Folter und Mord gestreamt haben, oder, im Fall von Philando Castile, von einem Polizisten ermordet wurden. Während des Schreibens dieses Liedes habe ich darüber nachgedacht, wie man, wenn man einmal etwas online gestellt hat, es nicht mehr wegwischen kann. Es wird immer da sein - auch wenn es niemand ausgräbt, es schwebt immer noch irgendwo da draußen." Diesen Dingen zu entkommen ist für ihn nicht möglich: „Ich hätte wirklich gerne Songs darüber geschrieben, wie man einfach am Strand rumhängt und einen schönen Urlaub macht, aber ... das macht wahrscheinlich keinen tollen Rock aus.“ Hier schon mal mit "Paranoid Core" eine erste Hörprobe vorab.
13.11. Berlin, Festsaal Kreuzberg
14.11. Hamburg, Fabrik
15.11. Köln, Gebäude 9
16.11. Luzern, Schuur
17.11. Vevey, Rocking Chair
19.11. Frankfurt, Zoom
20.11. München, Strom
25.11. Wien, Arena
Update: Mit "Kill Yourself Live" gibt es hier nun den zweiten Song vom Album.
Mittwoch, 15. August 2018
Annabel Allum: Ohne Unterlass
Songs in erstaunlich schneller Abfolge - und tatsächlich kein schlechter dabei. Das kann nun wirklich nicht jede/r von sich behaupten, Annabel Allum schon. Die überaus talentierte Londonerin veröffentlicht ihre Stücke in einem Turnus, dass selbst wir nicht hinterherkommen - zuletzt waren hier "Beat The Birds", "Rascal" und das fabelhafte "Em(ily)" zu hören, alle von aktuellen ihrer EP "Sorry I'm Not Perceptible". Nun gleich wieder eine weitere Arbeitsprobe, "Fear Naught" steht vorerst für sich allein. Wer möchte, kann sich außerdem die gelungene BBC-Live-Session anschauen, weil aber ein Video keinen Auftritt vor Ort ersetzen kann, hoffen wir immer noch auf ein paar baldige Reisetermine.
Cat Power: Zurück zu den Wurzeln [Update]
Wer Attila heißt, gebürtiger Portugiese und von Beruf Lehrer ist, der hat den 5. Oktober ohnehin dick im Kalender angestrichen, doch nun dürfen sich auch alle anderen (und das sollte allem Ermessen nach die große Mehrheit sein) diesen Tag vormerken. Dann nämlich erscheint via Domino Records das neue Album von Cat Power - wahrlich ein wunderbare Nachricht. Die Haare sind wieder lang, das Gesicht ist schmaler geworden als noch zu Zeiten des Vorgängers "Sun" von 2012. "Wanderer" heißt das neue Werk, elf neue Stücke wird es enthalten (eines davon ein Duett mit Lana Del Rey) und ein erster Teaser zeigt die Künstlerin in karger Landschaft, laut Auskunft von Chan Marshall werden wir viel Folk und Blues zu hören bekommen.
28.10. Berlin, Astra Kulturhaus
Update: Man sieht sie zwar nicht, aber sie ist dabei - das Duett mit Lana Del Rey ist passenderweise ein Song namens "Woman", begleitet von einer reinen Frauenband. Konsequent.
28.10. Berlin, Astra Kulturhaus
Update: Man sieht sie zwar nicht, aber sie ist dabei - das Duett mit Lana Del Rey ist passenderweise ein Song namens "Woman", begleitet von einer reinen Frauenband. Konsequent.
Idles: Der Reim zur Zeit
"Islam didn't eat your hamster,
Change isn't a crime,
So won't you take my hand, sister
And sing with me in Time"
Ach, wenn wir nur ein Poesiealbum früherer Tage überreicht bekämen, in das man so lustige Gedichte hineinschreiben konnte wie das mit den vier Ecken und der Liebe (oder so) - wir würden diesen ganz und gar ernst gemeinten Spruch aus "Great", dem neuesten Song der Idles, dick und fett buchstabieren, einfach weil er so gut in die Zeit passt. Die Band aus Bristol kommt ja bekanntermaßen (und man kann das gar nicht oft genug wiederholen) bald mit ihrem zweiten Album "Joy As An Act Of Resistance" auf den Markt und bislang kennen wir die Singles "Samaritans", "Danny Nedelko" und "Colossus". Und weil wir sie kennen, wird nichts anderes als das nächste Meisterwerk erwartet. Hier jedenfalls schon mal das Video von Theo Watkins und allgemein die Empfehlung, ab und an mal bei Twitter eines ihrer Haikus zu lesen. Entspannt den Tag ungemein, wirklich.
Change isn't a crime,
So won't you take my hand, sister
And sing with me in Time"
Ach, wenn wir nur ein Poesiealbum früherer Tage überreicht bekämen, in das man so lustige Gedichte hineinschreiben konnte wie das mit den vier Ecken und der Liebe (oder so) - wir würden diesen ganz und gar ernst gemeinten Spruch aus "Great", dem neuesten Song der Idles, dick und fett buchstabieren, einfach weil er so gut in die Zeit passt. Die Band aus Bristol kommt ja bekanntermaßen (und man kann das gar nicht oft genug wiederholen) bald mit ihrem zweiten Album "Joy As An Act Of Resistance" auf den Markt und bislang kennen wir die Singles "Samaritans", "Danny Nedelko" und "Colossus". Und weil wir sie kennen, wird nichts anderes als das nächste Meisterwerk erwartet. Hier jedenfalls schon mal das Video von Theo Watkins und allgemein die Empfehlung, ab und an mal bei Twitter eines ihrer Haikus zu lesen. Entspannt den Tag ungemein, wirklich.
Schlachthofbronx: Isarwummern
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Foto: Sebastian Kempff/Mucbook |
Dienstag, 14. August 2018
Helena Hauff: Prinzipiell anachronistisch
Helena Hauff
„Qualm“
(Ninja Tune)
Instrumental-Alben haben es bei der breiten Masse nicht immer einfach, sind so etwas wie die Stiefkinder im Musikbusiness. Immer dann, wenn sich Grenzbereiche berühren, wird es schwer, konsequent zu bleiben und es finden sich tatsächlich nur wenige Künstler, die mit einer Mischung aus Stilbewußtsein, Trotz und Stolz der Versuchung widerstehen, dann doch den einen oder anderen Gaststar ins Studio respektive ans Mikrophon zu laden. Selbst Post-Rock-Ikonen wie Mogwai haben sich in den letzten Jahren Stück für Stück von der allzu rigiden Genre-Definition verabschiedet, Stuart Braithwaite und Barry Burns singen mittlerweile selbst und ihre Gefolgschaft nimmt es ihnen nicht allzu krumm. Unter Techno-DJs, auch den deutschen, ist ein Beharren auf puristischen Prinzipien eher weniger gefragt, altgediente Stars der Szene wie Hell oder Westbam glänzen schon seit längerem mit honorigen Leihstimmen, Chris Liebing brachte sich gerade mit Polly Scattergood an seiner Seite in Erinnerung.
Dagegen wirkt eine Platte wie die vorliegende von Hamburgs DJane Helena Hauff geradezu anachronistisch. Was aber nicht weiter schlimm ist. Denn zum einen hat die junge Frau durch ihre steile Karriere genügend Selbstbewußtsein getankt, um sich von Skeptikern und Trendsettern nicht weiter irritieren zu lassen. Zum anderen paßt ihre Beharrlichkeit bestens ins Bild vom düsteren Electropunk, einem Etikett, dass sich im Ausland gut vermarkten läßt – mürrischer Blick, femme fatale, neo-gothy, das kommt (wie gerade im The Guardian und in der SZ zu lesen) beim Leser des Feuilleton gut an. Hauff mit der Kippe im Mundwinkel, den Blick konzentriert auf ihre beiden Plattenteller gerichtet - dieses Bild vor Augen, liest sich ein Satz wie der folgende besonders gut: „Hauff steht auf diese Rotzigkeit, die fast etwas Punkmäßiges hat, als würde die Platte um einen ausgestreckten Mittelfinger kreisen (SZ).“
Trotzdem versteht sie es, dieses Bild an geeigneter Stelle zu brechen, so wie ihr ab und an doch ein Lächeln am Pult entwischt. Gerade auch auf dem aktuellen Album finden sich beileibe nicht nur die dunklen, dronig-übersteuerten Töne, die ihre Spielart von Minimal-Techno, EDM und Acid-House charakterisieren. Vornehmlich in der zweiten Hälfte von „Qualm“, dem Nachfolger des Debüts „Discreet Desires“ aus dem Jahr 2015, bewegt sich der Sound desöfteren sehr melodiös über wabernde Flächen und irrlichternde Punkturen tief hinein in den tanzbaren Synthpop der 80er. Nach dem doch ziemlich wuchtigen Beginn, bei dem man schnell die kurzgeschnittene Bildfolge ineinanderkippender Hochhaussilhouetten grauer Industrievorstädte vor Augen hat, entwickeln Tracks wie „Hyper-Intelligent Genetically Enriched Cyborg“ und das vergleichsweise kurze Titelpaar „Qualm/No Qualms“ kurz darauf deutlich mehr Wärme.
Wer Hauffs famose Remix-Arbeiten für Pankow oder The Klinik im Ohr hat, dem wird vor allem „Panegyric“ gefallen, ein Stück, dass sich wie viele vorher bei der so simplen wie genialen Basslinie von (wahlweise) Bauhaus‘ „Bela Lugosi’s Dead“ oder „I Wanna Be Your Dog“ von den Stooges bedient. Dazu passt ihr Kommentar in besagtem Guardian-Interview, sie könne mit der Bezeichnung „retro“ eigentlich ganz gut leben, für sie bedeute das keineswegs eine Abqualifizierung ihrer Arbeit: “Ich kann mich an nichts erinnern, was neu, wirklich neu war, das nicht so klang, als sei es vorher nicht schon einmal gemacht worden.“ Das Statement einer Dreißigjährigen, durch deren Hände schon einige Platten gegangen sind und das all jenen nicht schmecken wird, die immer noch und jedes Mal wieder meinen, sie hätten gerade das Rad (hier: Rock/Pop) neu erfunden. Sehr ehrlich, deshalb sympathisch und angenehm aus der Zeit. http://helena-hauff.com/
„Qualm“
(Ninja Tune)
Instrumental-Alben haben es bei der breiten Masse nicht immer einfach, sind so etwas wie die Stiefkinder im Musikbusiness. Immer dann, wenn sich Grenzbereiche berühren, wird es schwer, konsequent zu bleiben und es finden sich tatsächlich nur wenige Künstler, die mit einer Mischung aus Stilbewußtsein, Trotz und Stolz der Versuchung widerstehen, dann doch den einen oder anderen Gaststar ins Studio respektive ans Mikrophon zu laden. Selbst Post-Rock-Ikonen wie Mogwai haben sich in den letzten Jahren Stück für Stück von der allzu rigiden Genre-Definition verabschiedet, Stuart Braithwaite und Barry Burns singen mittlerweile selbst und ihre Gefolgschaft nimmt es ihnen nicht allzu krumm. Unter Techno-DJs, auch den deutschen, ist ein Beharren auf puristischen Prinzipien eher weniger gefragt, altgediente Stars der Szene wie Hell oder Westbam glänzen schon seit längerem mit honorigen Leihstimmen, Chris Liebing brachte sich gerade mit Polly Scattergood an seiner Seite in Erinnerung.
Dagegen wirkt eine Platte wie die vorliegende von Hamburgs DJane Helena Hauff geradezu anachronistisch. Was aber nicht weiter schlimm ist. Denn zum einen hat die junge Frau durch ihre steile Karriere genügend Selbstbewußtsein getankt, um sich von Skeptikern und Trendsettern nicht weiter irritieren zu lassen. Zum anderen paßt ihre Beharrlichkeit bestens ins Bild vom düsteren Electropunk, einem Etikett, dass sich im Ausland gut vermarkten läßt – mürrischer Blick, femme fatale, neo-gothy, das kommt (wie gerade im The Guardian und in der SZ zu lesen) beim Leser des Feuilleton gut an. Hauff mit der Kippe im Mundwinkel, den Blick konzentriert auf ihre beiden Plattenteller gerichtet - dieses Bild vor Augen, liest sich ein Satz wie der folgende besonders gut: „Hauff steht auf diese Rotzigkeit, die fast etwas Punkmäßiges hat, als würde die Platte um einen ausgestreckten Mittelfinger kreisen (SZ).“
Trotzdem versteht sie es, dieses Bild an geeigneter Stelle zu brechen, so wie ihr ab und an doch ein Lächeln am Pult entwischt. Gerade auch auf dem aktuellen Album finden sich beileibe nicht nur die dunklen, dronig-übersteuerten Töne, die ihre Spielart von Minimal-Techno, EDM und Acid-House charakterisieren. Vornehmlich in der zweiten Hälfte von „Qualm“, dem Nachfolger des Debüts „Discreet Desires“ aus dem Jahr 2015, bewegt sich der Sound desöfteren sehr melodiös über wabernde Flächen und irrlichternde Punkturen tief hinein in den tanzbaren Synthpop der 80er. Nach dem doch ziemlich wuchtigen Beginn, bei dem man schnell die kurzgeschnittene Bildfolge ineinanderkippender Hochhaussilhouetten grauer Industrievorstädte vor Augen hat, entwickeln Tracks wie „Hyper-Intelligent Genetically Enriched Cyborg“ und das vergleichsweise kurze Titelpaar „Qualm/No Qualms“ kurz darauf deutlich mehr Wärme.
Wer Hauffs famose Remix-Arbeiten für Pankow oder The Klinik im Ohr hat, dem wird vor allem „Panegyric“ gefallen, ein Stück, dass sich wie viele vorher bei der so simplen wie genialen Basslinie von (wahlweise) Bauhaus‘ „Bela Lugosi’s Dead“ oder „I Wanna Be Your Dog“ von den Stooges bedient. Dazu passt ihr Kommentar in besagtem Guardian-Interview, sie könne mit der Bezeichnung „retro“ eigentlich ganz gut leben, für sie bedeute das keineswegs eine Abqualifizierung ihrer Arbeit: “Ich kann mich an nichts erinnern, was neu, wirklich neu war, das nicht so klang, als sei es vorher nicht schon einmal gemacht worden.“ Das Statement einer Dreißigjährigen, durch deren Hände schon einige Platten gegangen sind und das all jenen nicht schmecken wird, die immer noch und jedes Mal wieder meinen, sie hätten gerade das Rad (hier: Rock/Pop) neu erfunden. Sehr ehrlich, deshalb sympathisch und angenehm aus der Zeit. http://helena-hauff.com/
Tess Parks And Anton Newcombe: Zeit genommen
Anton Newcombe ist ein vielbeschäftigter Mann. In den letzten vier Jahren hat er immerhin drei Studioalben zusammen mit seiner Band The Brian Jonestown Massacre veröffentlicht, ein viertes soll im Winter folgen, er setzte sich mit The Third Sound zum Videodreh in ein Auto und werkelte zusammen mit The Limiñanas an deren Album. Wenn einer wie er sich also Zeit nimmt, zum wiederholten Male eine Koproduktion in Angriff zu nehmen, dann muß da auch was dran sein. 2015 nämlich stand Newcombe erstmals mit Tess Parks für die gemeinsame Platte "I Declare Nothing" im Studio, nun soll eine weitere folgen. Aufgenommen haben die zwei in des Altmeisters Cobra Studios in Berlin, zur ersten Single "Right On" wiederum wurde in Londons Straßen von Ruari Meehan gedreht - so kann es weiteregehen.
18.11. Berlin, Urban Spree
18.11. Berlin, Urban Spree
Drahla: Lust auf mehr [Update]
Neues Material aus Leeds, genauer von dem Trio Drahla. Wir hatten die drei ja letztens im Februar erwähnt, damals auf ihre EP "Third Article" und ihre Touren mit Ought und Metz verwiesen - sie sind seitdem nicht weniger bekannt geworden. Nun also steht ein neuer Track im Netz, "Twelve Divisions Of The Day" und zwar aus Anlaß ihres Signings beim Indie-Label Captured Tracks. Das Stück wummert einem schön kräftig entgegen, soll am 20. Juli auf Vinyl erscheinen und bringt die Band hoffentlich auch bald mal über den Kanal nach Deutschland - wir wären sicher dabei.
Update: Deutschland-Termine gibt es zwar noch immer keine, aber wenigstens können wir uns mit dem Video zur aktuellen Single "Twelve Divisions Of The Day" trösten. Dranbleiben!
Update: Deutschland-Termine gibt es zwar noch immer keine, aber wenigstens können wir uns mit dem Video zur aktuellen Single "Twelve Divisions Of The Day" trösten. Dranbleiben!
Neonschwarz: Mittelfinger hoch!
Haben wir das eben richtig verstanden - sie wollen raus aus Hamburg?! Aus der City, wo's immer regnet? Nee, schon klar, ganz so ernst können das Marie Curry, Johnny Mauser, Captain Gips und Spion Y von Neonschwarz nicht meinen, denn die alte Hanse ist ja schließlich die Schatzstadt des Rapquartetts. Also ging's eher um einen guten Reim für die neue Single "Maradona", die gerade die Sommerrunde macht, denn am 12. Oktober ist schließlich Releaseday für "Clash", das neue Album bei Audiolith. Und weil's im neuen Song ohnehin weniger um's Wohnen geht als um die Freundschaft und was sie alles aushalten kann/muß, werden wir die Worte mal nicht auf die Goldwaage legen und einfach bis zum Herbst weiterfeiern. Auch wenn wir nicht im Norden sitzen, aber richtig beste Freunde gibt's schließlich hier unten im Süden genauso viele.
Viagra Boys: Überraschen lassen [Update]
Wo wir gerade bei den billigen Scherzen sind - hier kommt noch so einer. Denn diese vertrauenserweckenden Herren aus dem schwedischen Örtchen Södermalm (ein Wortspiel, dass manchem in Bayern jetzt wieder gefallen wird) nennen sich tatsächlich Viagra Boys. Klar, dass das Punk ist. Und nicht ganz so ernst gemeint sein kann. Ganz so trashig kommt die Musik der Band allerdings nicht daher. Der Bass ist zwar ziemlich dominant, aber wir hören eben auch Bläserblech und anderes Artfremdes, ein paar Spuren The Fall oder Talking Heads vielleicht. Klingt toll - drei Stücke gibt es aktuell zu hören, neben "Sports" auch noch die Tracks "Jungle Man" und "Beijing Taxi", sehr speziell, das alles. Ein Albumdebüt ist in Arbeit...
Update: ... und wohl schon beschlossene Sache: "Street Worms", so der Name der Platte, ist für den 28. September in Planung und die Single "Sports" erhält umgehend einen ziemlich unterhaltsamen Clip - wir gehen sofort live runter auf den Center Court One.
Update: ... und wohl schon beschlossene Sache: "Street Worms", so der Name der Platte, ist für den 28. September in Planung und die Single "Sports" erhält umgehend einen ziemlich unterhaltsamen Clip - wir gehen sofort live runter auf den Center Court One.
Eliza Shaddad: Wider besseren Wissens [Update]
Da ist fast schon Vorsicht angesagt, denn die zügellose Schwärmerei könnte einem irgendwann auch als Stalking oder gekaufte Liebedienerei ausgelegt werden. Dennoch werden wir nicht müde, die Londoner Künstlerin Eliza Shaddad auf das Ausgiebigste zu loben - gerade hat das Mädchen ihre neue Single "My Body" samt Video von Joe McCrae ins Netz gestellt, das Album "Future" soll via Beatnik Creative in ebenjener näheren Zukunft erscheinen. Der Song beschreibt, so die Sängerin, das Gefühl, vom eigenen Körper hinters Licht geführt zu werden, zu wissen, dass man oft besser allein klarkommt und dann doch dem Zweifel nachzugeben, wider besseren Wissens.
Update: Auf der einen Seite ist man froh um jeden Ton, den Eliza Shaddad uns von ihrem zukünftigen Album probieren läßt, auf der anderen Seite will man so immer nur mehr davon haben - ein Teufelskreis. Hier nun die aktuelle Single "This Is My Cue".
Update: Auf der einen Seite ist man froh um jeden Ton, den Eliza Shaddad uns von ihrem zukünftigen Album probieren läßt, auf der anderen Seite will man so immer nur mehr davon haben - ein Teufelskreis. Hier nun die aktuelle Single "This Is My Cue".
Montag, 13. August 2018
Iceage: Saufen, Lieben, Krieg und Tod [Update]
Iceage
„Beyondless“
(Matador)
Also in den 70ern war das so: Auf die Frage, was denn auf eine gute Rockplatte gehört, gab’s nicht viel zu überlegen – Saufen, Lieben, Krieg und Tod, die Reihenfolge spielte dabei eine untergeordnete Rolle, ebenso die Ausgewogenheit. Hauptsache, es war alles dabei. Keine Ahnung, ob man das heute noch so beantworten würde, die Dinge sind ja viel komplizierter geworden (was nicht wirklich stimmt), vielleicht müsste man nur noch ergänzen: irgendwas mit Medien. Wie auch immer, die dänische Band Iceage, lange nach den wilden Siebzigern gegründet, hätte wohl auch vor knapp fünfzig Jahren mit ihrem aktuellen, vierten Album Erfolg gehabt. Und zwar nicht nur, weil es so klingt, als wäre es in einem der legendären Aufnahmestudios in London, Detroit, New York oder Hamburg aufgenommen worden (tatsächlich war es dann doch das schwedische Göteborg), sondern weil eben jene angesprochenen Zutaten enthält, die das Leben wahlweise so verdammt schwer oder wunderbar einfach machen können und also universell und ohne zeitliche Grenzen gelten.
Angefangen bei „Hurrah“, einem würdigen Anti-Kriegs-Böller: „Dancing to the sound of the enemy's guns, boogie as we drop one by one“, hier wird weder mit blutiger Bildsprache noch mit Sarkasmus gespart, hier bekommt die selbst- und waffenverliebte Männlichkeit (sorry, da gibt es leider keine Ausreden) mit all ihren dummen Ritualen und Lügenmärchen mal ordentlich eine vor den Latz geknallt. Liebe gibt’s natürlich an allen Ecken, mal zusammen mit dem trotzigen Popsternchen Sky Ferreira („Pain Killer“), später auf der Suche nach Trost und Realness im knapp sechsminütigen „Catch It“. Gesoffen und angemessen gejammert wird bei „Thieves Like Us“, der Tod wiederum (und die Medien irgendwie auch) linsen in „Showtime“ auf denkbar gruselige Weise ins Bild, wenn der hoffnungsvolle Jungstar sich auf offener Bühne den Kopf wegschießt – und das Publikum einigermaßen sauer auf das abrupte Ende reagiert: „What a selfish swine!“
Anders als gerade bei den ebenso hoch gehandelten Arctic Monkeys haben Iceage alles richtig gemacht: Auch sie nämlich haben sich vom Sound früherer Tage hörbar entfernt – kein Hardcore mehr, dafür knackige Bläser, Bluesgitarren und Streicherdrama. In den Songs von „Beyondless“ stecken aber eben nicht nur Ambition und Mut, sondern auch wunderbare Melodien, glaubhafter Straßendreck an den Hacken (hier wirkt nichts aufgesetzt, hier stimmt die Attitüde noch) und für einen so herrlich kraftvollen Stampfer wie „Plead The Fifth“ mitsamt den abgefahrenen Lyrics müssen andere Jahre klöppeln. Daß einem ganz am Ende beim Titelsong tatsächlich U2 und „With or Without You“ einfallen, ist dann quasi das Sahnhäubchen – das kommt einem so wunderbar schräg, so krass vor, als wäre man selbst unter Einnahme bewußtseinserweiternder Substanzen mit im Studio gewesen. Was soll man da noch groß drumherum reden – ein Hammeralbum! http://iceagecopenhagen.eu/
31.08. Hamburg, Off The Radar Festival
15.09. Berlin, Bi Nuu
03.11. Zürich, Rote Fabrik
Update: Für das Video zur aktuellen Single "Under The Sun" haben Iceage mit dem japanischen Künstler Azuma Makoto zusammengearbeitet - die Installation, aufgenommen im Frühjahr in Tokio, nennt sich passenderweise "Crazy Garden x Iceage".
„Beyondless“
(Matador)
Also in den 70ern war das so: Auf die Frage, was denn auf eine gute Rockplatte gehört, gab’s nicht viel zu überlegen – Saufen, Lieben, Krieg und Tod, die Reihenfolge spielte dabei eine untergeordnete Rolle, ebenso die Ausgewogenheit. Hauptsache, es war alles dabei. Keine Ahnung, ob man das heute noch so beantworten würde, die Dinge sind ja viel komplizierter geworden (was nicht wirklich stimmt), vielleicht müsste man nur noch ergänzen: irgendwas mit Medien. Wie auch immer, die dänische Band Iceage, lange nach den wilden Siebzigern gegründet, hätte wohl auch vor knapp fünfzig Jahren mit ihrem aktuellen, vierten Album Erfolg gehabt. Und zwar nicht nur, weil es so klingt, als wäre es in einem der legendären Aufnahmestudios in London, Detroit, New York oder Hamburg aufgenommen worden (tatsächlich war es dann doch das schwedische Göteborg), sondern weil eben jene angesprochenen Zutaten enthält, die das Leben wahlweise so verdammt schwer oder wunderbar einfach machen können und also universell und ohne zeitliche Grenzen gelten.
Angefangen bei „Hurrah“, einem würdigen Anti-Kriegs-Böller: „Dancing to the sound of the enemy's guns, boogie as we drop one by one“, hier wird weder mit blutiger Bildsprache noch mit Sarkasmus gespart, hier bekommt die selbst- und waffenverliebte Männlichkeit (sorry, da gibt es leider keine Ausreden) mit all ihren dummen Ritualen und Lügenmärchen mal ordentlich eine vor den Latz geknallt. Liebe gibt’s natürlich an allen Ecken, mal zusammen mit dem trotzigen Popsternchen Sky Ferreira („Pain Killer“), später auf der Suche nach Trost und Realness im knapp sechsminütigen „Catch It“. Gesoffen und angemessen gejammert wird bei „Thieves Like Us“, der Tod wiederum (und die Medien irgendwie auch) linsen in „Showtime“ auf denkbar gruselige Weise ins Bild, wenn der hoffnungsvolle Jungstar sich auf offener Bühne den Kopf wegschießt – und das Publikum einigermaßen sauer auf das abrupte Ende reagiert: „What a selfish swine!“
Anders als gerade bei den ebenso hoch gehandelten Arctic Monkeys haben Iceage alles richtig gemacht: Auch sie nämlich haben sich vom Sound früherer Tage hörbar entfernt – kein Hardcore mehr, dafür knackige Bläser, Bluesgitarren und Streicherdrama. In den Songs von „Beyondless“ stecken aber eben nicht nur Ambition und Mut, sondern auch wunderbare Melodien, glaubhafter Straßendreck an den Hacken (hier wirkt nichts aufgesetzt, hier stimmt die Attitüde noch) und für einen so herrlich kraftvollen Stampfer wie „Plead The Fifth“ mitsamt den abgefahrenen Lyrics müssen andere Jahre klöppeln. Daß einem ganz am Ende beim Titelsong tatsächlich U2 und „With or Without You“ einfallen, ist dann quasi das Sahnhäubchen – das kommt einem so wunderbar schräg, so krass vor, als wäre man selbst unter Einnahme bewußtseinserweiternder Substanzen mit im Studio gewesen. Was soll man da noch groß drumherum reden – ein Hammeralbum! http://iceagecopenhagen.eu/
31.08. Hamburg, Off The Radar Festival
15.09. Berlin, Bi Nuu
03.11. Zürich, Rote Fabrik
Update: Für das Video zur aktuellen Single "Under The Sun" haben Iceage mit dem japanischen Künstler Azuma Makoto zusammengearbeitet - die Installation, aufgenommen im Frühjahr in Tokio, nennt sich passenderweise "Crazy Garden x Iceage".
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