Donnerstag, 25. September 2014

Alt-J: Begnadete Flickschuster

Alt-J
„This Is All Yours“

(Pias)

Man hätte schon gern gewusst, ob die Jungs von Alt-J während der Arbeiten an ihrer zweiten Platte das himmelhoch gelobte Debüt „An Awesome Wave“ nicht ab und zu leise zum Teufel gewünscht haben. Ausgezeichnet mit einem der renomiertesten Musikawards, dem Mercury-Prize, und zu Frühvollendeten geadelt, könnte es durchaus sein, dass die Band aus Leeds das überschwängliche Lob im Nachhinein eher als Fluch denn als Segen empfunden hat, die Hypothek, diesem Meilenstein etwas Gleichwertiges, ähnlich Geniales folgen zu lassen, erschien übermächtig. Nimmt man nun aber das Ergebnis zur Hand, dann haben Joe Newman, Thom Green und Gus Unger-Hamilton nach dem Abgang ihres Bassisten dem großen Erwartungsdruck bestens standhalten können – sie sind noch immer und auch mit diesem zweiten Album die begabtesten Flickschuster auf der Insel.

Einen genauen Stil aus diesem überbordenden Soundpatchwork zu benennen scheint schlicht unmöglich, Elektrofolk ist es, Soul hat es, rocken tut es und wer sich aufmerksam durch den kompletten Liederzyklus hört, wird dazu noch Blues, Brass und ein paar mittelalterliche Töne entdecken und zwar so, dass es nicht überfordert, sondern fasziniert. Was auf den ersten Blick wie eine märchenhafte Klammer für den Mittelteil anmutet (Nara – Narnia, mmh…?), entpuppt sich nach einiger Sucherei als eigenwilliges Sinnbild für Vollkommenheit und Urvertrauen – mit Nara ist offenbar ein Landstrich in Japan gemeint, auf welchem sich Unmengen von Hirschen in freier Wildbahn tummeln, die einen angstfreien und ungestörten Umgang mit den Einwohnern der Gegend pflegen.

Dazwischen großartige Songs: „Every Other Freckle“ mit Flötentönen, Kopfstimmenchorus und den markanten, trippigen Beats, „Left Hand Free“ danach als knochentrockender Psychrock-Stomp, komplett gegensätzlich, perfekt gelungen. Dem zarten „Choice Kingdom“ folgt die Vorauskopplung „Hunger Of The Pine“, ein grandioser, chamäleonhafter Stilmix, dem selbst ein gelooptes Sample von Miley Cyrus nichts anhaben kann. Am schönsten ist vielleicht „The Gospel Of John Hurt“ geraten, feinster „Tessellate“-Wiedergänger und mit einem Facettenreichtum versehen, der bei manchem Künstler für ein ganzes Album herhalten muss. Trotz allem Wohlgefallen machen Alt-J noch immer keine gefällige Musik für Jedermann, etwas Zeit und Mühe sind schon erforderlich, um sich in den mal funkelnden, mal grell leuchtenden Kosmos der drei hineinzuhören – ohne Zweifel ein lohnendes Unterfangen. http://www.altjband.com/

07.02.  Offenbach, Stadthalle
08.02.  Köln, Palladium
09.02.  Hamburg, Docks
11.02.  Berlin, Columbiahalle
13.02.  Winterthur, Eishalle
16.02.  Wien, Gasometer
17.02.  München, Zenith

Dienstag, 23. September 2014

Karen O: It's all so quiet [Update]

Karen O
„Crush Songs“

(Cult Records)

Über die fachgerechte Verwendung des einen Fourletter-Wortes wird zwar nicht annähernd so viel debattiert wie über die Bedeutung des anderen, Karen O, schillernde Frontfrau der New Yorker Kapelle Yeah Yeah Yeahs schafft es trotzdem, beide in einen Satz mit Sinn zu packen. Dem Internetportal Quietus nämlich sagte sie gerade: „For me, what takes the most amount of courage is becoming vulnerable and bearing your soul, and not ever worrying about how the crowd is going to react to you playing soft sweet songs all of a sudden. It's PUNK rock to sing, write and perform LOVE songs.“ Dieser Definition gern folgend, ist Punk nicht zwingend laut, schnell und dreckig, sondern in erster Linie Herausforderung, Wagnis, Befremden und Selbstüberwindung. So gesehen ist also mehr davon bei Björk oder Bonnie Prince Billy zu hören als bei den ewiggleichen Brettbolzern von Rancid, Blink 182 oder Green Day.

Ein schöner Gedanke, den Frau Orzolek da vorbringt, zumal sie so die beste Überleitung zu ihrer ersten Soloplatte liefert. Vor einiger Zeit schon hatte sie zusammen mit Spike Jonze den Soundtrack zu „Where The Wild Things Are“ produziert, und auch der klang zarter und bedächtiger als ihre kracherten YYYs. „Crush Songs“, im Gegensatz zum unfreiwillig geleakten Tape „KO At Home“ eine hochoffizielle Nummer, ist nun noch um einiges reduzierter, wirkt regelrecht ausgewildert und läßt sich dennoch kaum als musikalisches Kaminfeuer verwenden. Dafür sind die vierzehn LoFi-Miniaturen nicht nur zu kurz, sondern auch von einer herausfordernden Intimität und Intensität, die wirkliche Entspannung nicht zulassen. Orzoleks Stimme klirrt gleich zu Beginn metallen zur akustischen Gitarre, später schieben sich unter diese kühle Verletzlichkeit ein paar vereinzelte Computerbeats.

Sie kommt einem mit diesen sparsam vertonten Gedankenausrissen manchmal näher als zu ertragen ist, bei „Day Go By“ fühlt man sich an die chloroformwattige Betäubtheit erinnert, die einen beim  Anhören von Velvet Underground manchmal erwischte – Karen O ist nicht ohne Grund ein bekennender Fan des kürzlich verstorbenen Lou Reed. Einmal nur drängt Unterdrücktes lautstark nach außen, in „Body“ kreischt und pfeift es derart infernalisch, dass man keinen Unterschied zwischen Mensch und Maschine mehr erkennen kann. Und würde das Ganze nicht im dann doch wundervollen „Indian Summer“, in der „Sunset Sun“ und einem mehrstimmigen Singalong enden, man wäre wahrscheinlich der Verzweiflung anheim gefallen. Kaputte Liebeslieder, die weh tun – ihre Punkplatte, in der Tat. http://www.karenomusic.com/

07.10.  Berlin, Heimathafen

Update: Bekanntlich hat Karen O ihr Solodebüt ja auf dem Label von Buddy Julian Casablancas veröffentlicht - im TimeOut-Magazin kann man seit heute ein Gespräch der beiden zu ihrer Zusammenarbeit lesen - hier.

Azealia Banks: Kein Verlass

Das klingt nun wiederum gar nicht so bitchig und aggressiv wie der letzte Song, man kann sich, das ist gut, auf Azealia Banks in dieser Hinsicht also kaum verlassen: Nach "Heavy Metal And Refelctive" kommt mit "Chasing Time" ein weiterer Track vom lang erwarteten Album "Broke With Expensive Taste" der New Yorker Göre.

26.10.  Berlin, Huxley's Neue Welt
27.10.  Köln, Live Music Hall
06.10.  Zürich, X-Tra
07.10.  Lausanne, Les Docks

Montag, 22. September 2014

Marianne Faithfull: Seltsame Liebeserklärung

Es ist der Song mit dem eigenwilligsten Titel auf dem neuen Album von Marianne Faithfull "Give My Love To London", das Ende September endlich erscheinen soll. "Late Victorian Holocaust" wurde von Nick Cave getextet und arrangiert und unterscheidet sich so vom Rest der Stücke auf der Platte, die sämtlich aus der Feder von Faithfull selbst stammen sollen.

The Notwist: Immer weiter

Wie ist das, wenn man die Perfektion schon erreicht hat? Hört man dann auf? Nein - zumindest nicht The Notwist. Im Frühjahr haben die Musiker aus Weilheim im Zuge der Veröffentlichung ihres Albums "Close To The Glass" schon eine ganze Reihe von Konzerten auch hier in Deutschland absolviert und auch diese - altgediente Fans werden das bestätigen - folgten wiederum vormals perfekten Darbietungen älteren Datums. Es hält die Gebrüder Acher und Martin Gretschmann nicht davon ab, weiterzumachen und so kommen sie im Winter 2014/15 wieder vorbei.

01.11.  Lausanne, Les Docks
02.11.  Freiburg, Jazzhaus
05.12.  Berlin, Tempodrom
21.03.  Dresden, Reithalle
25.03.  Graz, Generalmusikdirektion
26.03.  München, Alte Kongresshalle

Kele: Neuer Song und eine Frage

Eine weitere Zwischenstandsmeldung von Kele Okereke und seinem heiß erwarteten Soloalbum "Trick", VÖ am 10. Oktober - "Coasting", das neue Stück, ist nach "Doubt" der nächste offizielle Leak (wenn es so etwas überhaupt gibt). Bliebe nur noch die Frage zu klären, was um alles in der Welt ein Video von Helene Fischer (!) im Blog des bislang eigentlich ziemlich sympathischen Jungen zu suchen hat...?!

Samstag, 20. September 2014

Sleaford Mods: Fuckin' coming round again [Update]

Immer mal ein Sehnsuchtsblick auf die Website und nun endlich ein Lichtblick: Die Sleaford Mods kommen wieder mal nach Deutschland - wenn auch erst im Frühjahr 2015. Am 24. April spielt der fleischgewordene Albtraum des Musik-Establishments im Bahnhof Langendeer in Bochum. Und - hallo Bochumer - laßt Euch bloß nicht einfallen, diesen Termin zu verpassen. Das Ding muss ausverkauft!

Update: Wird doch noch eine richtig erwachsene Liste draus...

24.04.  Bochum, Bahnhof Langendeer
25.04.  Wiesbaden, Schlachthof
29.04.  Salzburg, Rockhaus

Freitag, 19. September 2014

Fear Of Men vs. Ty Segall: Gegensätze

Wir hatten ja schon einige absonderliche Paarungen in letzter Zeit, diese hier ist auch nicht ohne: Die Dreampopper Fear Of Men aus Brighton haben sich für eine Neubearbeitung ein Stück von Ty Segall, dem God of Fuzz, vorgenommen - "Sleeper" stammt vom gleichnamigen Album aus dem vergangenen Jahr und wer mit dem Original vergleichen möchte, darf das hier tun. Im Übrigen kann man sich die Leisetreter auch noch live anschauen, die Termine wie folgt.

06.10.  Heidelberg, Karlstorbahnhof
07.10.  Hamburg, Astra Stube
08.10.  Berlin, Schokoladen
10.10.  Wien, Otakringer Brauerei
11.10.  St. Pölten, Freiraum
17.10.  Luzern, Gewerbehalle
18.10.  Rorschach, Treppenhaus

Clueso: Und so weiter

Clueso
„Stadtrandlichter“

(Text und Ton/Universal)

Nun also, zum sechsten Mal: Trostlieder, Trotzlieder, Liebeslieder, Lieder vom Verschwinden, Lieder von der Sehnsucht, Lieder vom Aufbruch, vom Heimkommen, von der Freiheit, vom Fallenlassen, kaum Wut, viel Sanftmut, auch Mutmacher. Clueso hat in den Jahren so viele Dinge gemacht, die hätten schiefgehen können – gingen sie aber nicht, die peinlich hätten enden können – taten sie aber nicht. Hat mit einem Orchester gespielt, mit Kerth und Niedecken, hat seinen Kopf für Raab hingehalten. Ist nichts passiert, hat er alles irgendwie hinbekommen und seinen Charme, seinen Stil, seinen eigenen Kopf dabei nie verloren. Man möchte meinen, so einer wird irgendwann langweilig und er ist es dennoch nicht geworden. So einer wird irgendwann auch mal eine schlechte Platte machen – sicher (und wer hätte kein Verständnis dafür), aber diese hier ist es ganz gewiss noch nicht.

Die hat er ganz allein produzieren und einspielen lassen, auf seinem eigenen Label und sie zeigt wieder einmal, was für eine Begabung der Junge hat, was für ein Gespür für den richtigen Ton und die passenden Worte. Clueso ist, sicher eines seiner (doch sehr offensichtlichen) Geheimnisse, ein ebenso guter Musiker wie Texter, seine Songs sind nicht entweder oder, sie sind immer beides: Sie sagen das Richtige auf schnörkellose, auf unprätentiöse Art und klingen dazu noch nach erstklassig arrangiertem Pop. „Freidrehen“, „Alles leuchtet“ – entspannt, mit etwas Jazz und Funk verzwirbelt, einfache Sätze, die jeder versteht und die doch nicht im billigen Dutzend zu bekommen sind. Noch besser: „Still“ und „Galerie“, beide nahe an der Perfektion, funkelnde Gitarrenakkorde, mit denen man anderswo die Stadien füllt. Wem das zu simpel und zu glatt ist, der kann mit Schönheit und Klarheit, wenn sie denn mal passen, nicht umgehen.

Schon richtig, die großen Statements sucht man vergebens, Gesellschaftskritik steht hier nicht mal zwischen den Zeilen und vieles erschöpft sich in molliger Melancholie, Befindlichkeit rules. Aber Clueso ist nun mal der Beobachter im Kleinen, er beschränkt sich auf das, was für ihn selbst erfahrbar, beschreibbar ist – man nennt das wohl Authentizität. Und letztlich Ehrlichkeit – er tut nicht so als ob, er ist nicht anders. Und zwar mit einer beneidenswerten Beiläufigkeit, für die manche/r sonst lange üben muss. Der Erfurter gehört ja neben Jan Delay zu den wenigen ernstzunehmenden Künstlern, deren Verehrung für Udo Lindenberg den eigenen Erfolgen, dem eigenen Ruf nichts anhaben kann und denen man solche Adressen nicht als bloße Anbiederei auslegen muss, eben weil sie diese Zuneigung selbst gegen die Erwartungen ihrer skeptischen Anhängerschaft verteidigen. „Cello“ vom MTV-Unplugged-Album war somit Glücksfall und seltener Lichtblick in einem, und auch „Sein Song“ klappt auf Anhieb mit den beiden. Hätte wieder schiefgehen können. Und … ? Eben. http://www.clueso.de/

24.11.  Hof, Freiheitshalle
25.11.  Frankfurt, Jahrhunderthalle
26.11.  Oberhausen, König-Pilsener-Arena
28.11.  Braunschweig, Volkswagen Halle
29.11.  Köln, Lanxess Arena
01.12.  München, Zenith
02.12.  Stuttgart, Porsche Arena
05.12.  Berlin, Max Schmeling Halle
07.12.  Leipzig, Arena
08.12.  Hamburg, O2 Arena
27.12.  Erfurt, Messe

Donnerstag, 18. September 2014

Esben And The Witch: Vergröberung

Esben And The Witch
„A New Nature“

(Nostromo)

Irgendwo musste der Haken ja sein, irgendwo der Grund, weshalb Rachel Davies mit ihrer Band nach dem eigentlich recht erfolgreichen „Wash The Sins…“ eine Crowdfundig-Plattform bemühte, um das Geld für die neue Platte in Eigenregie zusammen zu bekommen. Und er oder besser sie sind schnell gefunden, denn eigentlich gibt es gleich zwei Kriterien, die eine Ausnahme von der Regel notwendig machten: Esben And The Witch wollten für die neue Platte den großen Schnitt und das bedeutete eine komplette Abkehr vom Sound des Vorgängers – statt fortgesetzter Verfeinerung in Richtung Shoegazing, Dreampop und Referenzen wie den Cocteau Twins sollte nun die Kehrtwende in Richtung Noise und Post-Rock kommen, grob verzerrte Gitarrenwände die luftigen Klangteppiche ersetzen. Und da Mut auch bei Indielabels gute Argumente braucht und ebensoviel Zeit kostet, haben sich die drei aus Brighton kurzerhand zum Spendenaufruf entschlossen. Noch dazu sollte auch nicht irgendwer diesen Schritt begleiten – Steve Albini schien dem Trio der Geeignetste zu sein, Songs mit der Länge von einer knappen Viertelstunde zu bändigen und die Energien und Ideen in die richtigen Bahnen zu lenken. Und so ungewohnt das alles klingt – es hat eine Vitalität und Energie, die beeindruckt. Das Scheppern und Krachen der Gitarren, das Auf und Ab, die Breaks und Pausen, die oft nur zum Luftholen dienen, bis die nächste Welle geordneten Lärmens anrollt – zarten Verästelungen wie auf dem doch sehr wavelastigen Debüt „Violent Cries“ sucht man hier vergebens. Dagegen setzen sie Brachiales wie „Blood Teachings“, das gegen Ende mächtig Fahrt aufnimmt, das erwähnte, überlange „The Djungle“, das für die Dramatik auch Bläser bereithält, und vor allem „No Dog“, zu dem einem neben den Stooges auch noch der Bombast-Metal der Mellon-Collie-Pumpkins und natürlich PJ Harvey einfallen. Es ist nicht also unbedingt die leichte Verdaulichkeit, die den Reiz von „A New Nature“ ausmacht, sondern vielmehr die Wucht und die Unmittelbarkeit, mit der die Band ihre Vorstellungen in die Tat umsetzen. Respekt dafür. http://esbenandthewitch.co.uk/

19.10.  Köln, Gebäude 9
20.10.  Berlin, Bi Nuu
21.10.  Dresden, Beatpol
22.10.  München, Muffatcafé
23.10.  Schorndorf, Manufaktur

Sharon Van Etten vs. The Juan MacLean: Kontrapunkt

Auch Sharon Van Etten hat Mut bewiesen und sich für die Neubearbeitung ihres Songs "Our Love" vom Album "Are We There" einen musikalischen Kontrapunkt ausgesucht: Juan MacLean, der sich ja eher mit feiner Elektronik als mit fragilem Folk beschäftigt und gerade seine Platte "In A Dream" veröffentlicht, hat aus dem Stück eine siebeneinhalbminütige Synthieschleife gebastelt - hörenswert.

Mittwoch, 17. September 2014

Wild Beasts: Versammlung der Edelhelfer

Da haben sich die Wild Beasts ein paar Edelhelfer gesucht: Für eine Deluxe-Ausgabe ihres letzten Albums "Present Tense" wurden ganze neun Remixversionen verschiedener Tracks gesammelt, stammen tun diese u.a. von SOHN, East India Youth, Djrum und den Foals, letztere erzeugen einen besonders prächtigen Sog.

Neonschwarz: Eigene Wege

Neonschwarz
„Fliegende Fische“

(Audiolith)

Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Zum Besseren hat sich in diesem Land nicht wirklich etwas verändert. In Hamburg werden Stadtviertel großräumig gesperrt und zu Kontrollbezirken erklärt, in München diktiert die gesunde Volksmeinung dem Stadtrat die Flüchtlingspolitik, in Kreuzberg brennt eine Moschee, in Wuppertal eine Synagoge, NPD raus, AFD rein, der Wolf ist noch immer da, nur der Schafspelz war in der Reinigung. Wenn dann das Gutmenschentum in Gestalt der Springerpresse zwecks Reichweitenoptimierung per Leuchtreklame zum kollektiven Friedensgebet ruft (jaja, so große Schafspelze sind auch im Handel erhältlich…), dann weiß man, dass an Platten wie dieser hier vom Hamburger Zeckenrapkollektiv Neonschwarz nichts falsch sein kann. Schon klar, die Themen sind die alten, die Probleme aber eben auch: Gentrifizierung, Neue Rechte, Gesellschaftsränder, Armutsschere, etc. So alt, dass man auch gern mal die Helden früherer Tage beleihen darf – „Unser Haus“ kommt mit feinem Scherben-Zitat zu frischen Beats. Überhaupt – soundtechnisch betrachtet bekommt die Platte der 3+1 (jetzt neu mit DJ Ypsilon) ein dickes Plus. Captain Gips, Johnny Mauser und Marie Curry geben jedem Track einen ordentlichen Groove mit auf den Weg, Skabläser, HipHop, Jazz-Anleihen, Afrofunk, sie ziehen das so gut durch, das keine Langeweile aufkommen kann. Und natürlich gibt’s zu fälligen Meinungsbildung („Die SPD wählt ihr bitte nicht mehr!“) auch eine anständige Partymucke („Outta Control“), einzig die wohl doppeldeutig gemeinten Floßfahrt-Skits sind ein bisschen nervig. Macht aber nix, dafür kommen „Verwandelt“ und auch der „Scheinriese“ besonders gut rüber. Korrekte Ansagen, die noch dazu Spaß bringen, was will man mehr. http://neonschwarz-music.com/

26.09.  Hamburg, MS Stubnitz
31.10.  Erlangen, E-Werk
01.11.  Berlin, Lido
13.11.  Jena, Kassablanka
14.11.  Würzburg, Cairo
15.11.  Wiesbaden, Schlachthof
27.11.  Düsseldorf, FFT
28.11.  Ravensburg, Studio 104
29.11.  Osnabrück, Kleine Freiheit
04.12.  Lüneburg, Salon Hansen
11.12.  Oberhausen, Druckluft
12.12.  Flensburg, Volksbad
13.12.  Kiel, Alte Meierei
22.01.  Wien, B72
23.01.  Salzburg, Rockhouse
24.01.  Innsbruck, Weekender

The Drums: Über der Zeit

The Drums
„Encyclopedia“

(Minor Records)

Da sind sie also wieder, die milchgesichtigen Posterboys aus Brooklyn, die immer noch ein wenig so aussehen, als würden sie der Pubertät nie entwachsen. Obwohl, so viele sind es ja nicht mehr – nach „Portamento“, dem letzten Album der Band, schrumpfte diese, ursprünglich als Quartett gestartet, nochmals, übrig blieben nurmehr die beiden Gründungsmitglieder Jonathan Pierce und Jacob Graham. Dass sich mit den zwei Abgängen auch der Charakter ihrer Musik ändert, war abzusehen, schon der Vorgänger kam ja deutlich synthetischer daher als das Debüt und so ist es keine Überraschung, dass viele der zwölf Songs von „Encyclopedia“ mit allerlei elektronischen Verziehrungen aufwarten. Grundsätzlich verfahren ja The Drums nach dem bewährten Erfolgsprinzip, mit welchem auch die Strokes groß und erfolgreich geworden sind und welches da heißt: Sei sparsam und verwende nie mehr als ein eingängiges Motiv (oder auch Riff) pro Song, dieses muss dann allerdings gut genug sein, um in Erinnerung zu bleiben und das Stück zu prägen. Zwei der schönsten haben sie in „I Can Pretend“ und „I Hope Time Doesn’t Change Him“ verbaut, an anderer Stelle („Kiss Me Again“, „Face Of God“) lösen sie sich von den jetzt gängigen Wavemustern und kehren zu ihren Ursprüngen zurück – nervös vibrierende Beats, Pierce‘ immer etwas zu schrille Stimme eiert zwischen den Tönen einher, das muss man mögen. Ruhe gönnen sie sich eher selten, wenn doch, kann daraus wie beim Schlußakkord „Wild Geese“ auch mal etwas erstaunlich Anmutiges entstehen. Dazwischen eine Reihe eher mittelmäßiger Nummern – dennoch: Wer ehrlich ist, der gesteht sich ein, dass er die Band bei ihrer Taufe im Jahr 2008 mit einem eher kurzen Verfallsdatum ausgestattet hat – der Stil zu retro, der Gesang kaum mehrheitsfähig – so gesehen ist diese Platte dann schon wieder als Erfolg zu werten. http://thedrums.com/

13.11.  Berlin, Fraanz Club
14.11.  Hamburg, Molotow

Dienstag, 16. September 2014

Einstürzende Neubauten: Ergänzungen

Ein paar kleine Ergänzungen zum neuen Album "Lament" der Einstürzenden Neubauten wollen wir nicht vorenthalten: Das Artwork für's Cover steht mittlerweile fest - und auf der Liste der Konzerttermine ist ein neuer für Hannover hinzugekommen. Erwähnt werden sollte auch, dass neben all den üblichen Eigenwilligkeiten bei der Instrumentierung auch noch die Musik der sogenannten "Harlem Hell Fighters", der ersten afroamerikanischen Kampfttruppe des 1. Weltkrieges (um den es ja hauptsächlich geht) eine Wiederveröffentlichung erfahren wird. Erscheinungstermin der Platte ist im Übrigen der 7. November via Mute/BMG.

09.11.  Aachen-Stolberg, Zinkhütter Hof,
10.11.  Hannover, Capitol
11.11.  Berlin, Tempodrom
13.11.  Lausanne, Les Docks
16.11.  München, Muffathalle

Fiva: Mehr als 1560 Worte

Fiva
Support: Average
Ampere, München, 15. September 2014

Gerade erst durfte man lesen, dass Eminem sich mit einem seiner Songs ins Guinness-Buch gerappt hat – 1560 Worte füllen den Track und natürlich hört sich das beeindruckend an. Nina Sonnenberg alias Fiva MC würde, spräche man sie darauf an, diese Meldung wahrscheinlich auf ihre eigene Art charmant weglächeln, sie weiß, dass Quantität und Geschwindigkeit nur mäßig Auskunft geben können über die Güte der Rhymes und dass der Inhalt – Binsenweisheit sowieso – den Sinn und somit die Qualität vorgeben. Von letzterer hat sie nicht zu knapp, im Juni ist ihr neues Album „Alles leuchtet“ erschienen und auch auf diesem zeigt die Münchnerin wieder ihr seltenes Talent, klare Ansagen zu sanftem Wordflow zu verbinden, laut zu sein, ohne sich in leeren Posen zu erschöpfen, Mädchen mit Herz und Kopf also, immer noch.

Sie hatte ihrer Band, so verriet sie, einen wunderbaren Abend angekündigt und es zeigte sich schnell, dass sie sich für dieses Versprechen nicht weit aus dem Fenster lehnen musste – Heimspiel nennt man das und auch wenn sie angeblich von allen Anwesenden den meisten Bammel vor dem Auftritt in der Geburtsstadt hatte – viel zu spüren war davon nicht. Wozu auch, mit einem perfekt harmonierenden DJ Radrum an den Turntables, den abgefunkten Jungs aus Wien im Rücken und einem Publikum, dass ihr für zwei Stunden förmlich an den Lippen hing, brauchte ihr nicht bange sein. Zumal sie ja auf der Setlist reichlich Material hat, um sich die Zeit mit ihren Lieblingsbeschäftigungen zu vertreiben: Singen, Klatschen, Tanzen, solche Sachen eben. „Zu alt um cool zu sein“, den Augenblick genießen, vielleicht auch einen Sommer (wie es in einem ihrer Stücke heißt) – das ging genau an diesem Abend und zwar von Start bis Ende.

„Goldfisch“, „Frühling“, „Kleinkunst“, „Leuchtturm“, viel Bewegung, da kann selbst der verirrte Anzugträger nicht anders, als verschämt die Arme zu schwenken. Nicht alles München-Lieder, aber schnell zu solchen gemacht – denn klar: „Die Stadt gehört wieder (einmal) mir!“ Bei so viel beschwingtem Frohsinn wird es natürlich schwierig, auch mal auf ernst herunterzukühlen, es gelingt ihr dennoch. „Du bist nicht mein Monster“ klingt live noch grimmiger als von der Konserve und bei „Phoenix“, dem wohl besten Song der aktuellen Platte, erwischt einen kurz ein kühles Schaudern, auch das gehört mit zum Programm. Man kann mit ihr, soviel ist klar, allerbestens ausflippen, bekommt das aber nicht umsonst, sondern darf sich dazu gern noch ein paar Gedanken mehr machen oder zur weiteren Verwendung mit auf den Heimweg nehmen.

Auch wenn Bernadette La Hengst und Peter Brugger nur vom Band grüßen - Komplimente gibt es reichlich und zwar von beiden Seiten. Szenenapplaus für ein Solo am Jazzpiano, lockeren Freestyle als Kaufstimulanz und jede Menge glückselige Momente auf und vor der Bühne. Kurz nur glaubt man zu bemerken, wie Fivas sonst so feste Stimme vor lauter Rührung wegzukippen droht, warum auch nicht, solche Abende daheim sind schließlich wie gemacht für’s Familienalbum und da darf man auch schon mal etwas sentimental werden. Der launige Hinweis des Bassisten, man solle doch endlich diese depperten Luftballons wegtun, wird mit breitem Grinsen quittiert – es bleibt also dabei: Nicht wieviel, sondern was man sagt, entscheidet. Und wer noch Trost braucht, summt draußen einfach weiter: „Das Beste ist noch nicht vorbei…“

Montag, 15. September 2014

Pixies: Trödelmarkt

Zwischendrin mal wieder ein Video der Pixies - "Ring The Bell" stammt vom immer noch aktuellen Album "Indie Cindy", wurde von Lital Mizel und Adi Frimmerma gedreht und kann exklusiv beim NME bestaunt werden.

Sonntag, 14. September 2014

Kraftklub: Immer noch anders

Kraftklub
„In Schwarz“
(Universal)

Alles halb so schlimm das Ganze. Aber der Gag war es wert. Nach dem vermummten Krawalleinstieg mit „Hand in Hand“ kamen Kraftklub mit „Unsere Fans“ gewohnt schnell auf den Punkt, und zwar auf einen wunden. Sie drehten den Spieß einfach um und machten ihren Fans den Vorwurf, mit dem sich sonst die andere Seite herumschlagen muss: Ideale verraten, käuflich geworden, harmlos, lahm und ohne Biss. Schon Zeit also, sich loszusagen? Schon eine Beziehungskrise? Kannste getrost vergessen. Kraftklub sind wahrscheinlich wie ihr Anhang einfach nur zwei Jahre älter und um ein paar Erfahrungen reicher, ansonsten hat sich weder etwas zum Besseren oder Schlechteren geändert. Der Sound bleibt einfach bis eintönig und hält sich noch immer nicht für so wahnsinnig wichtig – viel wichtiger sind vielmehr ihre Pointen und die setzen die Schnodderschnauzen aus Chemnitz, der „Stadt die immer schläft“, noch mit der gleichen grimmigen Ernsthaftigkeit wie schon auf dem Debüt.

Schimpfen, wüten und ein paar Dinge klarstellen – die selbsternannte Lieblingsband (der Liebslingsband) setzt auf Bewährtes, weil vieles noch nicht, wie man so gern sagt, zu Ende erzählt ist. Das meint nicht gerade den einen oder anderen kleinen Diss, hier in Richtung Frida Gold („Alles wegen dir“) oder Cro („Deine Gang“), sondern eher ein deutliches Statement (denn eine klare Haltung kann niemals schaden) in Sachen Neue Rechte und Duckmäusertum („Schüsse in die Luft“), Gentrifizierungsspießer („Meine Stadt ist lau“) und rosabebrillte Konsensprediger („Schöner Tag“). Felix Brummer hat es immer noch nicht so mit dem Singen und schreit seinen Unmut lieber laut hinaus und irgendwie muss da auch ihr Geheimnis liegen, dass sie nach Rammstein und Marteria zum dritten ernstzunehmenden Schwergewicht des jungen und angenehm unangepassten Ostens macht.

Die sperrige, rotzige Ehrlichkeit der fünf hat immerhin dafür gesorgt, dass der Anti-Berlin wieder eine Hymne hat, dass man mit der oft so missliebig beäugten Zone nicht nur ulkige Randfichten und unbelehrbare Hinterwäldler verbindet, sondern eben auch Coolness und – oh Wunder – eine eigene, vertretbare Meinung. Die Klubtour war in nullkommanix ausverkauft, Hype auf sächsisch also (wie so schön ungläubig im Proberaumskit zu hören), dem jungen Teil des Landes, so er nicht atemlos durch die Nacht rennt, kann das nur guttun, den alten wird es nicht weiter kratzen. Erwähnt sei noch, dass auch die Liebe (auch die enttäuschte) auf dem neuen Album nicht zu kurz kommt, auch wenn es zu einem neuerlichen Knaller wie “Kein Liebeslied“ diesmal nicht gereicht hat. Aber manchmal reicht, wie man hört, auch ein olles Fahrrad, um seinen Gefühlen Auslauf zu geben. Es bleibt dabei – sie sind nicht wie die anderen Jungs, besser ist das. www.kraftklub.to

Samstag, 13. September 2014

Deaths: Erster Auszug

Neuvorstellungen, nächster Teil: Wieder Electronics, diesmal von einem Projekt aus Berlin. Deaths, so der hoffnungsfrohe Name, wollen bis Ende des Jahres eine komplette Platte mit dem Titel "Chapter One: Blame me" fertigstellen - einen ersten Song davon geben sie hier gegen Angabe einer gültigen Mailadresse schon mal zum Download frei. Zum sehr soften Klang von "Lonewolves" werden Namen wie Active Child, Darkside, SOHN, Hurts oder Deptford Goth in die Runde geworfen - stimmen irgendwie alle, mal schauen, vielleicht wird ja am Ende auch was ganz Eigenes daraus...

Jack White: He's got the look

Hey - neuer Look? Jack White trägt im Video zu "Whould You Fight For My Love?" vom Album "Lazaretto" doch tatsächlich einen trendigen Kurzhaarschnitt mitsamt Koteletten, das hat er gut hinbekommen. Die Stimmung ist natürlich, dem Songthema entsprechend, trotzdem etwas miesepetrig, den Clip gibt es via Dailymotion bei Vevo.