Dienstag, 26. April 2011

Gehört_266



The Wombats “This Modern Glitch” (Rycodisc/Warner)
Allein die Vorstellung, jede in Liverpool neu gegründete Band trage einen riesigen Rucksack huckepack, randvoll gefüllt mit der mächstigsten aller Hypotheken, welche man im Musikgeschäft fürchten muss – den Fab Four also, dieser Gedanke ist so absurd, dass man umgehend seine Fantasie am Zügel reißen will. Unfair, klar. Dabei ließen sich die Wombats, als sie vor vier Jahren mit “A Guide To Love, Loss And Desperation” über die Bühnen dieser Welt hereinbrachen, von etwaigen Versagensängsten so überhaupt nichts anmerken – an diesem Album kam 2007 niemand vorbei und Songs wie “Kill The Director”, “School Uniforms”, “Moving To New York” und vor allem das grandiose “Let’s Dance To Joy Division” bliesen einem, das darf man ruhig so überspitzt formulieren, den Schädel frei.

Leider, und das ist der unangenehme Teil dieser Fortsetzungs-geschichte, drohen die drei nun aber nicht an der schieren Übergröße der Söhne ihrer Heimatstadt, sondern schon am ungleich geringeren Erwartungsdruck zu ihrem zweiten Album zu scheitern. Denn genau das läßt sich feststellen, hat man “This Modern Glitch” mal zur Gänze gehört: Ähnlich wie bei den Killers nach “Hot Fuss” wird hier der Nachfolger des Debüts so gnadenlos überproduziert, dass am Ende jedem auffallen muss, wie sehr es dem Ganzen an Grundlegendem, am wichtigsten überghaupt mangelt – der Idee.

Wobei die singuläre Verwendung des Wortes eher irreführend ist, man darf hier ruhig auch “den Ideen” schreiben, denn kein einziger Song auf dem aktuellen Album hat auch nur annähernd das Format der anfangs genannten. Was insofern schade ist, als dass die Texte noch immer einiges an Witz versprühen, auch Matthew Murphys energische Stimme wie gewohnt nölt, allein das Material gibt nichts wirklich Überraschendes her. “Jump Into The Fog” beginnt zwar verheißungsvoll und mit großer Geste, versandet aber recht schnell zwischen überstrapaziertem Backroundgesang. Die zackigen Gitarren müssen zudem leider oft genug symphonischem Kleister weichen, das will bei “Anti-D” nicht funktionieren (“Please allow me to be your antidepressant, I too, am prescribend as freely , as any decongestand”) und wirkt auch beim Restprogramm nur bemüht.

“Last Night …”, “Techno Fan” – alles plätschert wenig inspiriert dahin, nichts dabei, was einen innehalten ließe. Bei “1996” stimmt wenigstens die sehnsuchtsvolle Attitüde – ein wehmütiger Abgesang auf die eigene Jugend (“Kissed with one eye on out TV set … I’m not cut out for the modern life”), bei “Girls/Fast Cars” allerdings weiß man nicht, ob man Murphy anerkennend auf die Schulter klopfen will, zu dröge doch das Bekenntnis: “I'm a man of simple tastes, ... I like girls, girls and fast cars, it's cheap and it's pathetic, but you can‘t hate me ...“. Wenigtens für Michael Schuhmacher haben die drei noch einen brauchbaren Rat im Gepäck (“You might as well be proud of last place.“/Schumacher The Champagne), ansonsten bleibt das Album leider vieles schuldig. Fazit: Zu früh gefreut.
http://www.thewombats.co.uk/

Sonntag, 24. April 2011

Damals hinterm Mond ...



... war das Leben auch ganz schön. Und viele der Kapellen, die sich um unser Seelenheil kümmerten - es gab sogar einige, die haben sich tatsächlich darum verdient gemacht - hatten beeindruckende, ja wohlklingende Namen. Im folgenden Gesprächsprotokoll sind derer 60 versteckt - wer zuerst mindestens 55 davon ausfindig macht und an obige Mailadresse schickt, gewinnt garantiert keine Autogrammkarte von Monika Herz, sondern einen lumpigen CD-Gutschein im Wert von 15 Westma...äh, Euro. Na denn:

Lucie (43): „Ja klar, war’n das tolle Zeiten. Ich meine – wir waren schon ein toller Kreis, also Clique, damals. Kommen tu‘ ich ja nicht aus Magdeburg, bin ja in Pankow großgeworden, richtige City eben, Berliner Schnauze, Alter! Da stehste datzu, sag‘ ich mal, auch wenn du im Rest vonner Republik im Prinzip wie’n Aussätziger, wie’n Engerling behandelt worden bist. War egal. Berlin hatte Flair, damals jedenfalls. Meine Freundin, die Jessica – ‘ne Marke sag ich dir. Dick wie ein Elefant, obwohl die echt den ganzen Tag nur Chicoree gegessen hat. Die wohnte gleich nebenan, in der No 55. Hatte immer so komische Hosen aus der JuMo an, gestreift, wie ‘n Zebra. Hey, ich sag dir, ein Biest war das, die konnte spucken wie ein Lama. War die erste, die ’ne Westkarre hatte – Scirocco, Baujahr 84. „Klasse Automobil!“, hat sogar mein Opa gesagt. Und der war ja nun, mit seinem Monokel auf der Nase, schon deutlich über’m Zenit, wenn du weißt, was ich meine. Da wenn wir immer rumgepest sind mit, eine Gala, sag ich dir!

Meine Mutter, die fand das ja schrecklich – nur am meckern, ging mir tierisch auf den Keks. „Wenn du so weitermachst, Mädel“, meinte sie, „dann kriegt euch mal die Firma dran!“ Weißt schon, die mit dem Bonbon am Kragen, von Horch und Guck. Waren doch eh‘ alle nur neidisch, die auf ihren Simson-Mopeds mit den vier PS, dabei hatten die den Gong bloß noch nicht gehört. Jessi war egal, was die anderen gesagt haben, hat immer so herrlich englisch quatschen können, so „Don’t be silly!“, „Sit down, Alter!“ oder „Mach mal soft, Kollege!“ – die Art, wie sie’s rübergebracht hat, geil! Einmal wollten wir nach’m Kino aus Berlin raus, direkt vom Metropol auf die Transit, Wessis anmachen, nur so als Test. Sind aber nur bis zur Stadtgrenze gekommen, da standen schon drei Zöllner, haben voll einen auf wichtig gemacht, so mit Zeigefinger und: „Meine Damen, lassen sie künftig solcherlei Possenspiel!“ Haben wir dann Schiss bekommen, kerth gemacht und sind express zurück nach Pankow, logo. Weißt ja nicht, was die in ihren Report reinschreiben.

89 ist’s dann so politisch geworden, Neues Forum, Gorbi und Reform, auch Kirche natürlich, christliche Plattform, endloser Dialog und so’ne Sachen. Opa war ja schon immer ein Skeptiker, der hat dann zu gemacht, nur noch auf dem Scheselong vor der Glotze gesessen und Opern angeschaut, Electra und solches Zeug. Den hat das nicht so interessiert, von wegen „Fusion zweier gleichwertiger deutscher Staaten“, war nicht so seine Passion, wenn ich das so sagen darf. Mir ist ja auch ganz schwindlig geworden bei dem Tempo – wie wenn du zu lange auf’m Karussell sitzt oder der Lift zu schnell hochrauscht – beängstigend. Hab‘ mir gesagt: ‚Lucie, jetzt gibt‘s zwei Wege, entweder verkaufste dich und machst einen auf Dekadance, so mit Brilli-Ring und viel Karat an den Pfoten. Oder du schnappst dir Opas Caravan und lernst die Welt kennen!‘

Das mit dem Wohnwagen hat dann nicht so geklappt, bin jetzt Stewardess bei der Condor, weißt schon, rechte Hand vom Pilot und links vorbei am Regenbogen, da sehe ich auch noch genug. Jessi, echt kein Wunder, ist im Osten noch in den Bau gewandert, später aber auf Freygang raus und rübergemacht – keine Ahnung, wo die jetzt steckt. Oben in meinem Flieger, da gibt’s schon mal ab und zu ’nen Toast auf sie – Rotkäppchen, versteht sich!“
Foto(s): et.spon, hier.

Freitag, 22. April 2011

Party on ...



Ein ganz und gar lustiges Stelldichein an angesagter Filmprominenz gibt's im neuen Beastie-Boys-Video "Make Some Noise" zu bestaunen, neben der halben HdR-Crew, also Elijah Wood und Orlando Bloom, noch Black, Buscemi und und und ... Macht Spaß, das.

Donnerstag, 21. April 2011

Gehört_265



Times New Viking “Dancer Enquried” (Wichita/V2)
Möchte man gar nicht glauben, dass das Trio aus Ohio in sechs Jahren jetzt schon die fünfte Langspielplatte (altdeutsch für: Download) vorlegt – sagt man nicht immer, die Jugend von heute wäre träge, wenig zielstrebig und schnell zu entmutigen? Keine Spur davon also bei dieser Band, die sich zudem noch schwer kategorisieren lässt. Garage, klar, feine Schrammelmucke, von der Auskenner behaupten, sie hieße Shit- und nicht Shoegaze – egal. Beim zweistimmigen Wechselgesang von Jared Phillips und Beth Murphy ist Verständlichkeit sekundär, die trotzig-rotzigen Vocals werden hier bewußt hinter die Gitarren gemischt. Gerade mal zwei Songs schaffen es über die magische Drei-Minuten-Marke, dem Großteil reicht der Atem nicht mal für 120 Sekunden – genug Energie haben sie trotzdem alle. Dass die drei eine Vorliebe für Fleetwood Mac haben sollen, wie zu lesen war, mag man angesichts des hübsch anzuhörenden Kravalls nicht recht glauben, die Unterstellung, Guided By Voices gehöre zu ihren unbestrittenen Vorbildern, nimmt man ihnen dagegen sofort ab. Ansonsten haben wir hier ein buntes Potpourrie aus georgeltem Psychedelic (“Ways To Go”), verfrickeltem Postpunk, für “California Roll” dürfen auch mal die Surfgitarren heulen. Ob verschlurft (“Try Harder”) oder mit Tempo (“Fuck Her Tears”), der Sound ist frisch und lässig. Wer’s braucht, nagelt halt ein großes Indie-Schild an die Kiste, für den Rest ist es einfach nur eine gute Platte.
http://timesnewviking.net/

5 minus 1



Schlechte Nachrichten für TV On The Radio und deren Fans: Gerade erst die neue Platte fertig und nicht nur hier allerbestens besprochen, ist gestern deren Bassist Gerard Smith (2vl) an Lungenkrebs verstorben - NME hier.

Mittwoch, 20. April 2011

Gehört_264



Bass Drum Of Death “GB City” (Fat Possum)
Bass Drum Of Death gehören zu der Art von Band, über die man nicht lange nachgrübeln muß, was ja zuweilen durchaus von Vorteil sein kann. Was genau da im elterlichen Wohnzimmer oder im eigenen Proberaum auf dem Plattenteller rotierte, läßt sich nach zwei, drei Songs unschwer erkennen - John Barrett und Colin Sneed haben ihre Ramones- und Stoogeslektion gelernt. 1, 2, 3, 4 – und los, kaum ein Stück länger als drei Minuten, sie machen voran. Abwechslung – geschenkt, darum geht es nicht, hier zählen allein das Herausschreien, das Verausgaben, das Druck machen. Warum ihre MySpace-Site darauf das Etikett Grunge kleben will, bleibt rätselhaft, mit einem 90er Revival hat das glücklicherweise recht wenig zu tun.

In ihren halbwegs langsamen Momenten, auch wenn diese doch eher selten bleiben und sich eigentlich nur auf die Songs „Spare Room“, „Leaves“ und „Religious Girls“ beschränken, klingen die zwei dazu noch wie eine ordentliche und zeitgemäße Version der späten Jesus And Mary Chain, auch das wird sich nicht schlecht im Lebenslauf machen. Der Verdacht, dass bei ihren Konzerten mehr Leute auf als vor der Bühne herumspringen werden, liegt nahe – ansonsten sind Prognosen eher schwierig. Auch die Japandroids oder No Age haben so angefangen und durch Beharrlichkeit mittlerweile den Schritt vom Support zum Hauptact geschafft, von anderen allerdings ist nicht viel mehr übrig geblieben als die Erinnerung an einen witzigen, klangvollen Namen.
http://www.myspace.com/johnbarrettmusic

Dienstag, 19. April 2011

Gehört_263



Bill Callahan „Apocalypse“ (Drag City)
Die Apokalypse ansich ist ja nun zu jeder Zeit ein dankbarer Stichwortgeber gewesen, auch heute findet man auf die Schnelle jede Menge nützliches, sinnfreies oder verworrenes Hirnfutter dazu. Ob nun der neutestamentarische Johannes, quasi eine Art Platzhirsch unter den Offenbarungsverkündern, herhalten muss oder als Gegenentwurf doch lieber Helge Schneider (Akopalüze nau!), gern darf der eifrige Hobbypessimist auch auf der geeigneten Website seine Meinung darüber kundtun, ob die heimelige Steinkugel im Sinne der Majas nicht doch schon im Dezember nächsten Jahres mit einem lauten Plopp! den Geist aufgeben wird.

Ohne die passende Affinität zum Weltuntergang tut man sich natürlich schwerer, die Apokalypse, und sei es auch nur der Name einer Platte von Feingeist Bill Callahan, mit offenen Armen willkommen zu heißen. Allzuviel Angst muß man als Hörer trotzdem nicht haben, auch nach den ersten Durchgängen des neuen, dritten Albums des Mitvierzigers aus Maryland läuft man nicht wie ein Abbild von Munch’s Schrei durch die Gegend. Callahans Apokalypse fühlt sich nicht kalt und und fremd an, wenngleich sich von Beginn an eine unheilvolle Note in den verzerrten Sound mischt und bis zum Ende der sieben Songs auch nicht mehr verschwinden mag.

Der Mann ist für seine naturnahen, oft naiv anmutenden Sprachbilder schon häufig gescholten worden, sie sind offensichtlich jedermanns Sache nicht und was der eine abschätzig belächelt, erwärmt dem anderen das Herz. Gehört man zur zweiten Gruppe, war schon auf dem grandiosen “Sometimes I Wish We Were An Eagle” viel Anrührendes dabei, “Apocalypse” setzt diesen Weg unbeirrt fort. Die Parabel vom Viehhirten (“Drover”) macht mit trockenem Trommeln und kreischendem Neil-Young-Feedback den Anfang, darauf folgt der ebenfalls rauhe, tieftraurige Schmerzgesang “Baby’s Breath”. Dessen dunkle Poesie läßt einen schaudernd zurück – “Good plans are made by hand, I'd cut a clearing in the land and for a little bed, for her to cry comfortable in” – es folgt das verquer swingende “America!”, sarkastischer Lobgesang auf’s Vaterland, ganz im Stile des patzig grummelnden Lou Reed.

Hernach zieht Callahan allmählich den Stecker, die Stücke werden reduzierter, elegischer und bleiben natürlich hörenswert: “Riding For The Feeling” ist der Titel entliehen – “With the TV on mute, I'm listening back to the tapes on the hotel bed, my my my apocalypse…” – der Text als Lobpreis der Selbstvergessenheit, träumerisch, auch “Free’s” versöhnt ein Stück weit mit der anfänglichen Düsternis (“… to be free in bad times or good”), bevor “One Fine Morning” das Vorangegangene über acht Minuten nochmals vermischt und zusammenfasst, ruhig, ja besinnlich, das Cover im Blick “the mountains bowed like a ballet in the morning sun“. Als verwirrende Fußnote hinterläßt Callahan am Schluß eine kryptische Zeichenfolge, die dann doch nicht mehr ist als die Nummerierung der Platte im Gesamtkatalog – soll also keiner behaupten, dass, wer der gewichtigen Gefühlswelt anhängt, nicht auch Humor haben kann.
http://www.dragcity.com/artists/bill-callahan

Montag, 18. April 2011

Gehört_262



TV On The Radio „Nine Types Of Light“ (Universal)
Zwischen den Zeilen der maßgeblichen Rezensionen zu diesem Album lies sich, vielleicht nicht ganz grundlos, ein deutliches Unbehagen spüren, gegründet auf die Frage: Kann das angehen – schon das fünfte Album und trotzdem ein gutes? Selbst manchem hartgeprüften Musikjournalisten schlottern angesichts solcher Konstanz förmlich die Knie, denn wo gibt es das schon noch zu Zeiten, da Youtube und Facebook um die A&R-Krone rangeln, dass eine Band auf herkömmlichem Wege Alben produziert, welche sich allesamt in der gleißenden Sonne des Kritikerolymps sonnen dürfen? Ein kleiner trotziger Restzweifel vielleicht – hatte sich David Sitek am musikalisch-stimmlichen Unvermögen der Filmblondine Scarlett Johansson nicht die Finger verbrannt und auch seine Zöglinge Yeah Yeah Yeahs auf zumindest diskutable Abwege geführt, und war nicht auch Wuschelkopf Kyp Malone mit seiner Rain Machine als ambitioniertes Nischenprodukt fast unerhört geblieben?

Allein – „Nine Types Of Light“ wischt alle zögerlichen Bedenken mühelos vom Tisch und ist, das läßt sich recht schnell feststellen, wie auch die Vorgänger ein perfekt austariertes Meisterwerk geworden. TV On The Radio zeichnen sich ja dadurch aus, dass nicht unbedingt die einzelnen Stücke, sondern vielmehr das Album als Ganzes im Gedächtnis haften bleiben – keine Singleband, noch ein Anachronismus also im bedauernswert kurzatmigen Business. „Second Song“: Sanfter, fast besinnlicher Beginn, alsbald setzen die quengelnden Gitarren sein und Tunde Adebimpe zeigt dem Hörer wieder, was Funk, Soul und Sexyness auf engem Raum alles anrichten können. Und auch wenn sich die Jungs in der Folge einmal mehr als Meister der digitalen Ausschmückung erweisen, sie lassen sich trotzdem in keinem Stück ohne saitenbespanntes Griffbrett erwischen. Ob mit irrlichternden Konsolentönen, eingebettet in weiche, warme Melodien wie bei „Keep Your Heart“, trocken pochenden Anschlägen höherer Geschwindigkeit in „No Future Shock“ oder dem stampfenden, bläserchorbewährten „New Cannonball Blues“, TV On The Radio wissen zu überraschen und zu begeistern, sie sind die ungekrönten Könige des Backrounds, ohne Bewährtes außer Acht zu lassen.

Mittendrin drängende Liebesschwüre (You, Will Do), poetische Kammermusik, bezaubernde Bilder: „Sunshine, I saw you through the hanging vine, a memory of what is mine fading away, but this night heals the ground and the moonlight steals the sound, I could leave suddenly unafraid“ (Killer Crane). Fast jeden Song nimmt man zudem gern als großartiges Versprechen für kommende Konzertauftritte entgegen, wer die New Yorker schon einmal en face erleben durfte wird wissen, dass sie ihre hier sorgsam konservierte Energie ohne Probleme auf die Bühne zwingen können, ein Song wie das nervös zuckende „Repetition“ wird dann live noch größer, noch begeisternder. Spätenstens dort werden sie dann auch einen Status untermauern, der nur auf den ersten Blick widersprüchlich klingt: Sie sind, seit zehn Jahren, die Band der Stunde.
http://www.tvontheradio.com/

Samstag, 16. April 2011

Tschüss denn ...



Die Zeiten, in denen Pressekonferenzen von Fussballtrainern erbauliche und/oder erheiternde Informationen boten, sind längst vorbei - ungefähr seit etwa dem Moment, als sich der biedere Titten- und Zweitligasender DSF bemüßigt fühlte, ein Format mit dem Titel "PK-TV" ins Leben zu rufen, scheint der Reiz komplett verflogen. Wo früher, also in einem anderen Jahrtausend, ein Daum herrlich sinnentleert faselte ("Ich tue dies, weil ich ein absolut reines Gewissen habe"), ein Trappatoni tobte ("Eine Trainer iste immer eine Idiot") oder ein Matthäus hoffte ("I hope we have a little bit lucky"), gibt es heute nur mehr dröges Einerlei. Entweder man gefällt sich in vieldeutigem, humorfreiem Nichtssagen (Schaaf), verfällt in gehetzte und bockige Schnappatmung (van Gaal) oder niveauarme Schimpftiraden (Rehagel), ach, wie wohltuend unorthodox nahmen sich dagegen noch die Jounalistenscherze von Hans Meyer aus.

Da tut es gut, sich Holger Stanislawskis 36minütigen Abgang anzuschauen, weil so viel von dem drinnen steckt, was dieser ganze Fußballzirkus namens Bundesliga nur noch selten hat: Herzblut, Tränen, unfreiwillige Komik, trotzige Männerromantik, Unsicherheit, unverstellte Ehrlichkeit, und wer will, kann nebenbei noch eine ganze Menge über den Verein FC St. Pauli erfahren. Natürlich gibt es nach dieser melancholischsten aller Abschiedsreden auch einige unbeantwortete, vielleicht kritische Fragen: Warum dieser Zeitpunkt, warum jetzt? Wenn man ausgebrannt ist, warum dann gleich in der nächsten Saison zum nächsten Engagement hetzen? Und warum vom Alternativverein mit historischem Flair zum firmenalimentierten Dorfklub?

Sei's drum, vielleicht weiß der Holger das selbst nicht so genau, die knappe Dreiviertelstunde wirkt jedenfalls auch wie eine Entschuldigung an sich selbst, ein einziges großes Fragezeichen - hier versucht sich einer mächtig Mut zuzusprechen für die Zeit nach dem Absprung. Trotzdem - wer wollte schon ernsthaft verlangen, dass olle Stanislawksi wie Pierre Brice als ewiger Winnetou durch den Verein geistert, man gönnt ihm bei allem Abschiedsschmerz diesen klaren Schnitt. Für alle Verpasser in voller Länge - Kaffeetasse und Taschentücher bereithalten: hier.

Donnerstag, 7. April 2011

Trotzdem Danke



Zugegeben, eben neu ist das Thema nicht gerade, aber mal ehrlich - welcher Post ist das schon? Gern darf der Autor deshalb mal seiner trotzigen und höchstsubjektiven Neigung folgen und sich eine Liste mit den witzigsten deutschen Plattentiteln zurechtbasteln. Geboren ist das Ganze in einer Hirnregion, in welcher schon seit Jahren die ungeschlagenen internationalen Favoriten herumlungern - Bauhaus mit "Press The Eject And Give Me The Tape", Ben Folds' "The Unauthorized Biography of Reinhold Messner" und die unangefochtene Doppelspitze der Titelkönige Modest Mouse mit "This Is A Long Drive For Someone With Nothing To Think About" und "Good News For People Who Love Bad News". Hier also nun die heimische Auswahl, unsortiert und bereit für ergänzende Empfehlungen:

Die Goldenen Zitronen "Kampfstern Mallorca dockt an"
Rocko Schamoni "Die frühen Werke des Monsieur 70 Volt"
Georg Kreisler "Nichtarische Arien"
Mutter "CD des Monats"
Wiglaf Droste "Das Paradies ist keine evangelische Autobahnkirche"
Bernd Begemann "Ich habe nichts erreicht außer dir"
Die Ärzte "Runter mit den Spedierhosen, Unsichtbarer!"
Georg Ringsgwandl "Der Gaudibursch vom Hindukusch"
Foyer des Arts "Ein Kuss in der Irrtumstaverne"
Fehlfarben "Die Platte des Himmlischen Friedens"
Andreas Dorau "70 Minuten Musik ungeklärter Herkunft"
Helge Schneider "22 sehr, sehr gute Lieder"
Die tödliche Doris "Die unsichtbare 5. LP materialisiert als CD"
Einstürzende Neubauten "Fünf auf der nach oben offenen Richterskala"
Der Plan "Es ist eine fremde und seltsame Welt"

Gehört_261



The Raveonettes „Raven In The Grave“ (Rykodisc)
Man möchte sich gern einreden, die Raveonettes hätten die eigene Kritik am letzten Album „In And Out Of Control“ gelesen – zu nett, zu harmlos, zu glatt im Vergleich zum formidablen „Lust Lust Lust“ - was natürlich Nonsens ist, und doch klingt „Raven In The Grave“ zu großen Teilen so, also könne man den Abgesang auf das Dänenduo noch mal als Wiedervorlage auf die berühmte lange Bank schieben.

Der Start ist natürlich, im buchstäblichen Sinne betrachtet, nur die halbe Wahrheit, denn von einer Revolution zu sprechen, wäre doch etwas vermessen. Rückbesinnung würde besser passen. Wenn auf dem besagten Vorgänger mit „Boys Who Rape...“ nur ein leidlich akzeptabler Knaller war, so findet man auf der aktuellen Platte problemlos derer fünf: „Recharge And Revolt“ mit einem schönen, um einen Halbton versetzten Anfangsriff, das elegant schrammelnde „War In Heaven“, auch „Apparitions“ perlt schön. Nach kleineren, musikalisch wie textlich arg überzuckerten Durchhängern („Forget That You’re Young“/“Summer Moon“), gelingt ihnen mit „Ignite“ und „Evil Seeds“ ein veritabler Doppelschlag aus flottem, bassgetriebenem Gitarrenpop, zwei Songs, die mit ihrer mollgefärbten, hallenden Melodieführung fast schon eine Art Mustercharakter für die Raveonettes darstellen dürften.

Offensichtlich hat ihnen also diese rückwärtsgewandte Auffrischung recht gut getan, ein erfreulich inspiriertes Album ist „Raven In The Grave“, das war, noch einmal, nicht unbedingt zu erwarten. Back in black.

Erschöpfende Auskunft



"Sophia Thomalla, 21, Schauspielerin, hat einen neuen Freund: Till Lindemann, 48, Sänger der Band Rammstein. Ihr Partner ist damit drei Jahre älter als ihre Mutter, „Tatort“-Komissarin Simone Thomalla, die derzeit mit dem Handball-Nationalspieler Silvio Heinevetter liiert ist, der wiederum nur fünf Jahre älter ist als Sophia Thomalla. Davor war Simone Thomalla mit dem Fußball-Manager, Rudi Assauer zusammen, der 21 Jahre älter ist als sie, also 66 und damit immerhin 40 Jahre älter als sein Nachfolger, aber lediglich 18 Jahre älter als Lindemann. Dessen Tochter ist übrigens so alt wie Heinevetter."
Süddeutsche Zeitung vom Donnerstag, 7. April 2011

Mittwoch, 6. April 2011

[Blank]



Einer weg: Biller, Kopf, Glaser,_, Peichl, Timmerberg, Kracht, Horx, Goetz, Althen, Scheuring, Uslar, Seidl - als unbedingter Fan der tollsten, besten, amüsantesten und relevantesten Zeitschrift Deutschlands kann man den Tod von Marc Fischer nur bedauern. Unvergessen seine schamlos zu Kreuze kriechende Eloge auf Kate Moss, keiner war mehr TEMPO.

Montag, 4. April 2011

Gehört_260



Cold Cave “Cherish The Light Years” (Matador)
Wer die letzte Platte von Wesley Eisold aus dem Winter 2009 „Love Comes Close“ noch in Erinnerung hat, der wird sich bei der aktuellen einigermaßen erstaunt Augen und Ohren reiben. Denn der Mann, der auf dem letzten Album noch den verkühlten und distanzierten Elektrowave feierte, legt gleich zu Beginn seines neuen Opus los wie ein entfesselter Derwisch – „The Great Pan Is Dead“ prügelt im Stile der Altvorderen von Ministry oder den Anfängen der Nine Inch Nails vorwärts und bleibt – dieser Widerspruch wird einen die ganze Platte begleiten – trotzdem seltsam poppig. Und solches Riffgeknatter ist nicht das einzige, was „Cherish The Light Years“ irritierend und verstörend macht, die so selbstbewußt zwischen den verschiedensten Stilen des klassichen Wavepops irrlichtert.

Die alten Bekannten sind wieder da, New Order natürlich, und Eisold pflegt auch stimmlich wieder den nölenden Charme eines Robert Smith – aber spätestens beim wundervollen „Confetti“ kommen einem plötzlich – „Mr. Tennant, can you hear me?“ – die Pet Shop Boys in den Sinn. Natürlich erschrickt man da zunächst ein bißchen, aber eben nicht allzu sehr, sind es doch perfekte Harmonien, die sich hier durch den Gehörgang schleichen, kein Grund, deshalb gleich sauer zu werden. Auch „Catacombs“ besticht durch ein erstaunlich luftiges Arrangement, auch wenn die Textzeilen alles andere als flauschig klingen: „I know I'm buried down there in the catacombs of your mind, dig deeper and you'll find a haze of daisy chains and medicated pains, good god, when acid rain floods your brain ...” das ist am Ende fast schon von niedlicher Traurigkeit.

Nicht ganz so gelungen dagegen „Underworld USA“, Eisold als „zärtlicher Missionar“ versucht sich an halbgarer politischer Metaphorik, etwas breit und gewöhnlich und kaum überzeugend. Bei „Alchemy And You“ durchzuckt es einen dann wieder – was …, jawohl, Trompeten stolpern durch den nervösen Track, der so auch den Foals zugeschlagen werden könnte. Standesgemäß dann das Ende, mit „Burning Sage“ gibt’s den ersten halbwegs waschechten Goth, wird es – nicht zu spät – mal richtig dunkel und auch „Villains Of The Moon“ hat etwas von dieser berückend bedrückenden Atmosphäre, die auf Eisolds tiefschwarze Anfänge verweist. Manchem wird das am Ende vielleicht zu wenig Düsternis und zu viel Durcheinander sein, unbeirrbar und wandlungsfähig werden die Befürworter das Album nennen – die Wahrheit wird sich wohl, wie üblich, in der Mitte finden … http://coldcave.net/

Freitag, 1. April 2011

Gefunden_92



"Paris/Bofinger/Bastille, 21:05 Uhr: ... Dort sitzt, hermetisch, wie in einer anderen Welt, ein rührendes Paar, Louis-de-Funès-haft, auch aber könnte es aus einer Zeichnung Sempés gefallen sein: eine ältere Dame mit duldender, verprügelter Aura, vom Leben gezeichnetwie auch stark geschminkt. Ihr gegenüber biegt sich über ein elsässisches Eisbein mit Sauerkraut der wahnsinnig schlecht gelaunte, maulende, dabei mampfende Mann: mühsam gebändigte Geheimratsecken in Weiß, blau unterlaufene Augenränder, große Zähne. Der Mann zermalmt das Eisbein, Soße wird auf den Tisch geschüttet, Bier eingelitert, auf die Gattin eingeredet, nicht diese beschimpfend, aber ersichtlich über einen total vermasselten Tag brüllend, dabei weiter nagend, Sauerkraut nachladend wie auf Heugabeln, immer weiter Bier nachschüttend, als müsse in dem bösen Leib ein Brand gelöscht werden. Ehe als Expressionismus." Alexander Gorkow in der Süddeutschen Zeitung vom Samstag, 2. April 2011

Donnerstag, 31. März 2011

Einer oder keiner?



Eine hübsche Sache ist momentan bei NPR gepostet - unter dem Topic "So You Think You're A Superfan" hat die Seite eine bunte Mischung eingesandter Bilder veröffentlicht, auf denen sich aufdringliche Fans schamlos um die Hälse ihrer angehimmelten Stars winden - da kann man nur froh sein, wenn man weiß, dass sich im privaten Bildarchiv nichts vergleichbares finden läßt und man nicht Gefahr läuft, auf Facebook von einem peinlichem "Du wurdest auf folgendem Foto markiert"-Hinweis auf der Pinnwand überrascht zu werden. Kurz innehalten muß man allerdings bei Bild 8 der Sammlung - hier lautet die Frage: War Hape Kerkeling 1977 schon derart umtriebig unterwegs oder hat Günter Wallraff damals undercover auch in der Musikszene ermittelt? Rätsel, ungelöste ... Eine weitere Lektion in Sachen übertriebener Anhänglichkeit und aufgekündigtem Selbstwert kann man übrigens noch immer bestens anhand der Filmdoku "The Posters Came From The Walls" lernen, unangenehmer- aber bezeichnenderweise auch am Beispiel des exemplarischen Depeche-Mode-Fans. Nichts für schwache Nerven, weiß Gott.

Gehört_259



The Kills „Blood Pressures“ (Domino)
Macht man sich die Mühe und versucht sich an einer Bilanz, welche die derzeitige Relevanz der Bands abbildet, die um die Jahrtausendwende glorreich und hoffnungsvoll zur Rettung des Indierocks aufgebrochen sind, so fällt diese, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht eben postiv aus. Coldplay, die Killers und die Kings Of Leon ans Stadion und den weichgespülten Massengeschmack verloren, Interpol, Maximo Park und BRMC ohne kreative Schubkraft, eher Nischenprodukte, den White Stripes und den Libertines mangelte es an Ausdauer oder Überlebenswillen. Nun mag das eine sehr vereinfachte Darstellung sein, doch angesichts der Tatsache, dass sich kürzlich auch noch die Strokes in die Bedeutungslosigkeit verabschiedet haben und somit allein Arcade Fire der Spagat zwischen künstlerischem Anspruch und größtmöglicher Ansprache gelungen ist, kann man ermessen, wie groß die Sehnsucht nach der einen, der guten Nachricht, wie hoch die Erwartung an das neue Album der Kills ist.

In der Zweckgemeinschaft der Nullerbands waren Alison Mosshart und Jamie Hince seit jeher als enfant terribles verschrien, paßten nicht so recht dazu – zu sperrig, zu plakativ, zu viel Kalkül und zu viel Trotz. Zumindest letzteres erweist sich nun als willkommene Eigenart, denn auch bei der nunmehr vierten Platte lassen sich die beiden in ihrem Stil nicht beirren – „Blood Pressures“ ist weder elektronisch aufgehübscht noch dem Formatfunk geopfert. Der Großteil des vorliegenden Materials ist herrlich kratziger, knochiger Bluesrock, sorgfältig geschreddert und gewohnt dunkel eingefärbt.

„Satellite“ und „Heart Is A Beating Drum“ poltern kraftvoll, das etwas gedrosselte „DNA“ gefällt mit schönen Stop-and-Go-Riffs. Etwas versöhnlicher klingen die Kills bei „Baby Says“ und der vergleichsweise schlichten Piano-Nummer „The Last Goodbye“, da möchte einem fast warm um‘s Herz werden. Das hält natürlich nicht lange an – Mosshart schüttelt einen mit ihrer beherzten und bissigen Beziehungslyrik kräftig durch (Damned If She Do), zuweilen gibt’s auch einen ordentlichen Tritt von hinten (You Don’t Own The Road), nie bösartig, immer kampfbereit. Weniger Gekreisch als bei ihrem Nebenprojekt Dead Weather, was den Songs aber eher gut tut. In Summe ein ordentliches Album, kompromißlos, unverdrossen, kein Grund also, weshalb einem um diese Band bange sein sollte. http://www.thekills.tv/

Mittwoch, 30. März 2011

Gehört_258



The Weeknd „House Of Balloons“
Einer der häufigsten Vorwürfe, den Netzrezensenten um die Ohren gehauen bekommen, lautet, sie würden sich ohnehin mindestens drei Viertel ihres angeblichen Fachwissens im Web zusammenklauen, das Ganze im besten Falle formschön arrangieren und schlussendlich als ihr Werk deklarieren und herumstolzieren lassen – mehr als ein milder Hauch von KTG durchweht also all diese Beiträge. Nun, ehrlicherweise muss man sagen, dass da nicht viel Falsches dran ist. Nein, wirklich nicht.

Was aber, wenn dem gierigen Hobbyschreiberling selbst die üblichen Bezugsquellen versiegen? Keine Klugscheisserei möglich ist? Wenn selbst einschlägige Onlinemagazine gestehen müssen, sie wüßten auch nicht so ganz genau, wer sich nun zum Beispiel hinter dem in den letzten Wochen blitzgehypten Projekt The Weeknd verbirgt? Es gibt demnach nicht mehr als eine Stadt – Toronto, einen Namen - Abel Tesfaye und einen Download. Was gleich zur nächsten Frage führt: Kann, was nix kostet, wirklich gut sein? Das wiederum ist nicht so schwierig zu beantworten, seit Radiohead weiß man, dass Beachtliches auch für lau hergehen kann, manchmal.

Und das Beachtliche entfacht hier bei „House Of Balloons“ einen zweifellos erstaunlichen Sog – synthetisch vervollkommneter Rhythm & Blues, komplett entschleunigt, strudeltief und betäubend, soulfull, wunderbar. Hier läßt sich alles Zeit, bedächtig und dunkel kriecht ein Track nach dem anderen aus dem Wunderhorn. Bezugsgrößen en masse: Leftfield, Portishead, Tricky, Burial und Morcheeba, von allem etwas und doch ein großes Stück auf eigenen Beinen. Träge gerapte Drogenbeichten, mantraartige Gesänge, einschmeichelnd, verführerisch wie die Droge selbst – der Sound ähnlich geheimnisvoll und hypnotisch wie beispielsweise bei den bislang unübertroffenen The XX (verdammt nah dran: „The Knowing“).

Der Zweiteiler aus Titelsong und „Glass Table Girls“ mit einem ganz und gar bezaubernden Zitat von Siouxsie Sioux „Happy House“, der Anschluß bleischwer – auch der fast achtminütige, behäbige Tank „The Party And The After Party“ läßt einen sprachlos zurück – Massive Attack hätten es wahrlich nicht besser machen können. Nach deren Meisterwerk „Heligoland“ ist das hier ein mehr als schlüssiger und würdiger Zwilling, Tesfaye hat Ideen im Überfluß und genügend Seele und Hirn für eine ganz große Platte, die genügend Potential hat, das Establishment gehörig durcheinander zu wirbeln. Mit dem Download sollte man sich also beeilen, sonst kommt noch wer auf die Idee, das Geschäftsmodell nachteilig zu überarbeiten. Hier geht’s lang: http://the-weeknd.com/.

Freitag, 25. März 2011

Gehört_257



Bodi Bill „What?“ (Sinnbus)
Empfehlungen der deutschen Depeche-Mode-Website unter dem Topic ‚Electro-News‘ sind, das hat die Vergangenheit gezeigt, mit äußerster Vorsicht zu genießen, auch wenn man sich dem Synthiepop gegenüber sonst recht aufgeschlossen zeigt. Ist die Gemeinde dort doch nicht gerade für ihre übermenschliche Toleranz und geschmackliche Flexibilität bekannt – offiziell geduldet waren bisher nur EBM-Senioren wie Front 242, Nitzer Ebb und De/Vision oder heimlich belächelte Plagiatoren wie Camouflage oder Hurts.

Der Tip zur Berliner Kapelle Bodi Bill war aber nun gerade dort zu finden, wo sich gestylte Hardcore-Devotees gegenseitig ihrer Einzigartigkeit versichern, weichgespülte Blaupausen sind sie deshalb noch lange nicht. Vom rockistisch verbrämten Weg, den die großen Brüder Gahan und Gore eingeschlagen haben, sind Fabian Fenk, Alex Amoon und Anton K. Feist glücklicherweise um Längen entfernt, Gitarren verirren sich in ihre Tracks nur sehr selten und eher als behutsames Accessoire. Die Stärke der Hauptstädter liegt klar beim feingliedrigen, sorgsam verfrickelten Elektropop, der sich ohne Probleme auch am heimischen Laptop bewerkstelligen läßt, wenn – ja wenn man, wie die drei, die nötigen Ideen und das entsprechende Know How hat.

Klanglich läßt sich das am besten mit den Kölnern von MIT vergleichen, auch wenn bei Bodi Bill noch eine Spur mehr Feinarbeit und Detailverliebtheit herauszuhören ist, Eigenschaften, die sie im Übrigen auch mit den Weilheimern von Notwist teilen dürften. Melancholische Grundstimmung, Tanzbarkeit nicht zwingend, sondern als mögliche Option – wenn doch mal Parallelen zu den englischen Gründervätern herauszuhören sind, dann erschöpft sich das in kleinen Geräuschen und Sequenzen. Dankenswerterweise nutzen sie dafür auch eher die „experimentelle“ Ära der Vorbilder, das metallische Klimpern in „Pyramiding“ und „And Patience“ kann man bei genauerem Hinhören vielleicht „Pipeline“ oder „Shame“ von „Construction Time Again“ zuordnen.

Schlechtes gibt es über „What?“ eigentlich nicht zu sagen, selbst ein Song wie „Hotel“, vorschnell als Schwachstelle ausfindig gemacht, wird durch den stimmlich kontrastierenden Gastbeitrag von Josephin Thomas hörenswert. Der Abschluß mit Zweiteilung und Überlänge („Friends“) ist feinstes Clubfutter, satt, auf Bewegung getrimmt und beileibe nicht plump dahingewummert. Kein Zweifel also: Fettes Plus für Berlin.
http://www.bodibill.de/

Donnerstag, 24. März 2011

Gehört_256



Peter Bjorn And John „Gimme Some“ (Startime International)
Das Schöne an Bands wie Peter (Morén) Bjorn (Yttling) And John (Eriksson) ist der Umstand, dass sie auf eine sehr angenehme Art, wie wahrscheinlich nur die Schweden es können, durch jedes griffige Raster fallen. Dass Menschen aus einem Land, welches die Lebensform des bestialischen Serienkillers zu höchster literarischer Weihe geführt hat, einen solch unbeschwerten musikalischen Stil pflegen, verwundert nur auf den ersten Blick. Denn schließlich hat dieses Land in Sachen Pop über die Jahre eine mehr als beachtliche Bandbreite abgedeckt, stecken die Fähnchen doch durchweg bei Erfolgsmodellen wie ABBA, Mando Diao, den Cardigans, Hives oder eben auch Ace Of Base und Roxette.

Wer Peter Bjorn And John und ihr widerhakenbewährtes „Young Folks“ vor fünf Jahren nicht wahrgenommen hat, musste sich schon für eine thoreuau’sche Randexistenz entschieden haben – kaum ein Song kam im Original, als Sample, Werbeuntermalung oder eingedeutschte Verwurstung öfter über den Äther und brachte den dreien jede Menge Kredit und Aufmerksamkeit. Klang jedoch das dazugehörige Album „Writer‘s Block“ noch recht „indie“, so kann davon auf dem aktuellen Album keine Rede mehr sein. Hier geht es eher um rauh gespielten und lustvollen Gitarrenpop – die Akkorde laufen ihnen dabei locker vom Griffbrett, „Dig A Little Deeper“, „Second Chance“, „Breaker Breaker“ und „I Know You Don’t Love Me“, alles wunderbar schwungvoll, mal 60’s, mal eine Dekade später, den Bezug zu den allgegenwärtigen Wavepopzeiten halten sie offenbar, besten Dank, für ausreichend abgearbeitet.

Dann schon lieber dreckig – „Black Book“ ist kurz, hart – Post Punk rules. Es scheppert also gewaltig auf „Gimme Some“ und die Raffinesse und Lässigkeit, mit der das Trio einen Song nach dem anderen heraushaut, als wäre weiter nichts dabei, läßt einen staunen. Die Herren Gallagher und Casablancas jedenfalls sollten sich trotz des milden Wetters besser etwas wärmer anziehen, denn das Album mit dem besten Rock’n Roll des Jahres 2011 kommt – Stand jetzt – nicht aus Manchester oder New York, sondern eben Stockholm.
http://peterbjornandjohn.com/blog/