Dienstag, 14. September 2010

Gehört_186



The Hundred In The Hands "The Hundred In The Hands" (Warp)
Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen hat neulich in einem Interview zu seinem neuen Buch „Freiheit“ eine ziemlich düstere Prognose über die Entwicklung seines Heimatlandes abgegeben. Es gehe unweigerlich den Bach runter damit, waren sinngemäß seine Worte. Ganz verwegen könnte man jetzt in der Musik von The Hundred In The Hands ein weiteres Indiz für diesen zwangsläufigen Niedergang sehen, denn es gab in den letzten Jahren wohl kaum eine Band, die zwar aus dem Melting Pot musikalischer Kreativität, also aus New York kam und so unverschämt „german“ klang wie dieses Duo. Nun mag sich mancher im ersten Überschwang freuen und reklamieren, dass doch nichts Falsches daran sei, wenn sich auch die Amis mal an deutscher Hochkultur orientieren. Nur, und da hakt die Sache etwas, so hoch ist die Kultur nicht, die hier zitiert wird, soll heißen, The Hundred In The Hand klingen verdächtig oft nach Klee, Mia und Zweiraumwohnung und das sind, mit Verlaub, nicht gerade Inbegriffe ambitionierter Innovation. Auch Klee haben es verstanden, auf ihren Alben liebenswerte Ereignislosigkeit in watteweiche und wohldosierte Gitarrenhooks und allerhand synthetische Klangtapete zu packen, nichts davon klang wirklich unangenehm, vieles mit der Zeit aber reichlich langweilig und öde. Diese Platte scheint ähnlich gestrickt, poppige und gefällige Liedchen, die keinem weh tun und den Hörer nicht vor allzugroße Herausforderungen stellen. Phasenweise gelingen ihnen sogar ganz hübsche Perlen, „Lovesick“ und „Dead Ending“ bleiben etwas länger haften, der große Rest aber zieht schnell vorbei. Natürlich versuchen sich die zwei in ihren besseren Momenten, vornehmlich im letzten Drittel auch an klangvolleren Namen, bei „Last City“ und „Dressed In Dresden“ meint man als Vorbilder Siouxie & The Banshees durchzuhören, „Gold Blood“ könnte so auch von den früheren Yeah Yeah Yeahs stammen und an anderen Stellen wieder meint man eine Vorliebe für Malaria und X Mal Deutschland durchzuhören. Alles in allem scheint es, dass The Hundereds In The Hands bei aller „Catchyness“ ein wenig die Reibungsflächen vernachlässigt haben. Als Debüt geht das dennoch in Ordnung, es bleibt genügend Luft nach oben für den Nachfolger.
http://www.myspace.com/thehundredinthehands

Montag, 13. September 2010

Gefunden_75



"Lothar Matthäus ist eine Lebensform, die ohne die BILD-Zeitung gar nicht denkbar wäre."
Volker Pispers in "Volker Pispers & Gäste", Samstag, 11.09.2010, 3sat

Sonntag, 12. September 2010

Gehört_185



Grinderman „2“ (Mute)
Nicht wenige Menschen denken ja gern in Bildern. Meine hierzu sehen ungefähr so aus: Es muss vor knapp fünf Jahren passiert sein, da war es der Herrgott leid und er schickte seinem Knecht Nick Cave im Traum eine seiner beeindruckendsten biblischen Gestalten (denn auch er hatte Caves literarische Ergüsse gelesen und wusste wo er zu packen war). Er sandte ihm also einen Erzengel, dieser baute sich mit Flammenschwert und Donnerhall vor ihm auf und sprach davon, dass man oben im Himmel dieses rührselige Zeug, diese Lonely-Boatman-Nummern und den ganzen erbaulich, schwülstigen Pianokram nicht mehr hören wolle, Cave solle sich zusammenreißen und, so des Engels wörtliche Botschaft, „endlich Musik mit Eiern machen“. Und siehe da, Cave zeigte sich einsichtig und scharte alte Weggefährten um sich, um künftig wieder dem dreckigen Bluesrock, der Zote und den Körpersäften aller Art, kurz: seinen eigentlichen Wurzeln zu huldigen. Mit dem Ergebnis, dass seine Anhängerschaft, wenigstens zu großen Teilen, wiederum ihm huldigte.

Klar, dass sie sich und uns das ganz harten Birthday-Party-Revival nicht mehr gaben, ein „King Ink“ würde aus Cave nicht wieder werden, aber nach dem fulminanten Debüt mit dem wohl deftigsten Seniorenrock, seit olle Iggy seine Plastikhosen wieder in dem Schrank gehängt hat, gibt es nun das zweite Album von Grinderman und, das ist die Überraschung, es ist das bessere der zwei geworden.

Lange hat man nicht mehr so energische, gnadenlos scheppernde Akkorde von – sorry und mit allem Respekt – so alten Männern zu hören bekommen. Die ersten vier Songs strotzen geradezu vor Kraft und Spielwut, einer versucht gleichsam den anderen zu übertrumpfen und auf einmal wirken Jack White’s Dead Weather wie eine harmlose, juvenile Laienspieltruppe. Hier und jetzt setzt der Meister selbst wieder den Standard und ordnet die Hierarchie. „Worm Tamer“ haut einen schlicht um und „Heathen Child“ gelingt selbiges sogar ohne das fantastische Featuring von Robert Fripp aus der gepimpten „Super“-Version. Bei aller Breitbeinigkeit sind die vier jedoch vom einfallslosen Gebolze soweit entfernt wie Cave selbst von päpstlicher Frömmigkeit. Die Songs sind allesamt klug arrangiert, klingen frisch und unverbraucht und erscheinen entschiedener, klarer als noch auf ersten Grinderman-Album.

Das fast siebenminütige „When My Baby Comes“ täuscht bis zur Hälfte mit trügerischer Zurückhaltung, doch nach dem Taktwechsel erwacht das Bluesmonster und fegt alles hinweg, was noch auf Gnade hoffte. Erst bei der behutsam pochenden Selbstbetrachtung von „What I Know“ lässt uns Cave einen Moment der Ruhe, Atemholen für den großartigen Rest. Ein Hochamt auf das Böse schlägt einem bei „Evil“ um die Ohren und „Kitchenette“ lässt den Sound für fünf Minuten auf der Schlachtbank zerstückeln. Das soulige „Palaces Of Montezuma“ erinnert am ehesten an Caves Zeit mit den Bad Seeds und wirkt im Vergleich zum rohen, geschredderten Rest fast anschmiegsam und zahm. Nichts davon wiederum beim krönenden Abschluss, der „Bellringer Blues“ kreischt und dröhnt noch einmal als Gesamtsumme der vorangegangen fünfunddreißig Minuten.

Solange Nick Cave im Stande ist, solche Höllenmusik zu machen, muss einem um den Mann nicht bange sein. Und solange weit droben ab und an Bedarf nach solcher Unterhaltung besteht, braucht man auch das Jenseits nicht sonderlich fürchten. Das Rennen um den Jahrespoll jedenfalls scheint mit dieser Platte fast entschieden.
http://www.myspace.com/grinderman

Freitag, 10. September 2010

Gehört_184



Black Mountain „Wilderness Heart“ (Jagjaguwar)
Als Einstieg zur neuen, dritten Platte von Black Mountain ist das Video zur Single „Old Fangs“ ganz gut geeignet: weichgezeichnete 70er-Optik, torkelnde Super 8, Ford Mustang, eine Menge cooler Typen und zum Schluß eine okkulte Drogenmesse. Es würde nicht wundern, käme Dennis Hopper noch in Begleitung von Natural Born Killer Mickey Knox um die Ecke gechoppert. Dazu feiner Rock-Standard, der, und das ist vielleicht die Kehrseite, so auch von den Queens Of The Stone Age kommen könnte. Will sagen, besagtes „Old Fangs“ und „The Hair Song“ zeigen, dass die Kanadier um Stephen McBean, zur Mitte des Jahrzehnts angetreten als die Rettung des Psychedelic Rock, mittlerweile durchaus die gängigen Muster und Gassenhauer des Genres beherrschen und auch selbst bestimmen. Sorgen, sie würden damit der Langeweile anheim fallen, muß man sich trotzdem nicht machen. Zwar sind sie nicht mehr so unberechenbar wie beim düsteren Debüt und der grandiosen Single „Druganaut“, auch die ausufernden Progrock-Epen vom Nachfolger „In The Future“ wie „Tyrants“ und „Bright Lights“ fehlen auf dem neuen Album. Trotzdem haben sie sich eine ganze Menge Wucht und Griffigkeit bewahrt, die schwerblütigen Riffs bei „Rollercoaster“ zeugen ebenso davon wie der staubtrockene Klopper „Let Spirits Ride“. McBean und Kollegin Amber Webber teilen sich mittlerweile fast jeden Song, mit „Burried By The Blues“ gelingt ihnen eine ansehnliche Rockballade, später darf Webber noch den Titelsong veredeln und erinnert mit ihrem zartrauchigem Timbre ein wenig an Duke Spirits Liela Moss. Nicht jeder Song gelingt als großer Wurf, von den zwei ruhigeren Stücken am Ende zum Beispiel kann nur „Sadie“ überzeugen – trotzdem ein ordentliches Album, weniger spektakulär, aber noch mit ausreichend Dampf im Kessel.
http://www.myspace.com/blackmountain

Gehört_183



Junip „Fields“ (City Slang)
Irgendwo habe ich neulich gelesen, der gemeine Hausspatz wäre als Spezies vom Aussterben bedroht und schon mit einem Bein auf der roten Liste des WWF. Traurig. Bis hierhin sollte er allerdings noch immer einen guten Job gemacht haben, denn dass José González‘ neue Band Junip ein unbedingter Geheimtip dieses Herbstes werden würden, das haben die Spatzen schon sehr früh von den Dächern gepfiffen. José González ist nun beileibe kein Unbekannter mehr und wer seine 2005 erschienene Platte „Verneer“ sein Eigen nennt, der hat zum einen für die kalten Tage schon gut vorgesorgt und weiß zudem auch, was ihn mit Junip so ungefähr erwartet. Denn so riesig ist der Unterschied nicht zum Soloschaffen des argentinisch stämmigen Schweden, wie auch ihre Brüder im Geiste, die charmanten Midlake, peppen Junip ihren feingesponnenen Folk mit ein wenig Elektronik und Perkussion auf und einige der Songs auf „Fields“ verleiten so durchaus zum vorsichtigen Fingerschnippen. Ab dem zweiten Durchlauf lassen sich die mal helleren, mal besinnlicheren Lieder alle mühelos mitsingen. Höhepunkte kann man bei dieser Klasse schwer ausmachen, „Without You“ erinnert angenehm an die Großtaten von Simon & Garfunkel, ohne in die Kitschfalle zu laufen, „Howl“ pluckert bezaubernd dahin und ähnlich schönes wie das fast schon meditative „Bitter & Sweet“ haben wir in diesem Jahr auch schon von den Broken Bells gehört. Wird also nicht lang dauern, bis aus dem Geheimtip ein Kaufbefehl geworden ist. Und jetzt her mit der Petition zum Schutz des treuen Spatzenvogels!
http://www.junip.net/

Donnerstag, 9. September 2010

Gefunden_74



Stuckrad-Barre trifft Sarrazin im Rahmen der Aufzeichnung eines Late-Night-Show-Piloten beim Spartenkanal ZDF-Neo. Beide kleben einander gelbe Zettel mit frei gewählten Persönlichkeiten auf die Stirn und müssen nun durch Fragen ihre fiktive Identität erraten. Auf Stuckrad-Barres Stirn steht "Josef Goebbels". Sarrazin dazu: "Ihre Beliebtheit schwankte stark." Nach der Auflösung ist Stuckrad-Barre erstaunt - Sarrazin locker: "Der Mann war sehr gut mit Worten ..." Neo-Chef Himmler (sic!) berichtet über irritierte Anrufe beim Sender. Das Ganze ist schon ein paar Wochen her, mittlerweile kennt man neben den Herren Stuckrad-Barre und Goebbels auch Herrn Sarrazin etwas besser. "Sueddeutsche.de" schrieb übrigens, dass eine Stellungnahme vom ZDF nicht zu bekommen war - "Herr Himmler mußte plötzlich in eine Sitzung." Wohin denn? In den Führerbunker ... ?

Hereinspaziert!



Gut, ich will ehrlich sein: Das, was ich Experiment oder Selbstversuch nenne, paßt nicht in die Reihe der ehrenwerten Namen Diogenes, Houdini oder Henry David Thoreau, es ist noch nicht einaml so gewagt wie der halsbrecherische Coup von SZ-Autor Alex Rühle, ein halbes Jahr ohne Netzzugang auszukommen (brrr, mir läufts noch immer kalt den Rücken herunter beim Gedanken an so viel Wagemut). Aber – Achtung: Lieblingswort! – nichtsdestotrotz möchte ich es natürlich schon entsprechend gewürdigt wissen, dass ich mich an die Lektüre des gefürchteten Ziegelsteinformats „Unendlicher Spaß/Infinite Jest“ von David Foster Wallace gewagt habe. In loser Folge wird es an dieser Stelle nun Zitate aus dem Wälzer geben, die des Zitierens würdig sind – so wie zum Beispiel die Zeile von Seite 10: „Mein Herz rumpelte wie ein Paar Schuhe im Wäschetrockner.“ Für Nachahmer und Statistikfreaks hier noch einmal die bedrohlichen Eckdaten:

Länge: 22 cm
Breite: 14 cm
Höhe: 6 cm
Umfang: 1.410 Seiten (exkl. Quellverzeichnis)
Gewicht: 1,485 kg

Ganz nebenbei habe ich mir ausgerechnet, dass ich bei einer durchschnittlichen Leseleistung von 4 Seiten pro Tag (Abend) ziemlich genau in einem Jahr mit dem Buch fertig sein werde. Na denn man los ...

Mittwoch, 8. September 2010

Gehört_182



Brandon Flowers „Flamingo“ (Universal)
Jedem, der mit Groll und/oder Ratlosigkeit vor dieser Platte sitzt, sei zur Entspannung folgender Gedankengang empfohlen: Wie wäre es denn, wenn die Killers und ihr smarter Frontmann Brandon Flowers nicht, wie bisher angenommen, mit ihrem Debüt „Hot Fuss“ aus dem Jahre 2004 den Kulminationspunkt ihres Schaffens erreicht haben, sondern diese Platte eher den lästigen Ausrutscher in der Karriere markiert und das belächelte und bekrittelte „Day & Age“ den lang erwartetetn Treffer? Was, wenn also Brandon Flowers gar nicht daran gelegen ist, die ihm angedichtete dunkle Seele ständig nach außen zu wenden, sondern das „ich“, dem er Ausgang verschafft, lieber die lichten und doch nachdenklichen Momente eines Dandys, eines Bohemians leben will? Klingt „Flamingo“ dann anders? Wohl kaum, aber Flowers hat nun oft genug gezeigt, dass das Bonoeske eher das seine ist, dass er sich als Wiedergänger des geschätzten Posers Freddy Mercury weit wohler fühlt denn als verschlossener Tropf, dass er mit Falsett, Federboa und einer großen Portion Ironie besser umzugehen weiß als mit düsterer Einsilbigkeit. Dass er noch dazu Spaß an der Sache hat, an der großen Geste, am Überschwang, an der augenzwinkernden Tragödie, merkt man der Platte an. Angefangen bei der Hymne auf Amerikas kaputtes, schimmerndes Plastikeldorado Las Vegas über den feinen Rocksong „Only The Young“, wo die These trifft: Brandon Flowers allein klingt wie U2 zusammen. Das samtweiche Duett mit Rilo Kiley’s Jenny Lewis ist eine Klasse für sich, „Playing With Fire“ wiederum passt in getragener Rhythmik und Soundfärbung bestens zum warm ausgeleuchteten Covermotiv und ist noch dazu eine kluge und einfühlsame Zwiesprache zwischen Vater und Sohn. Manches Mal verliert der gerade bekehrte Hörer vielleicht noch den Anschluß, das poppige „Was It Something I Said“ kommt doch arg bonbonfarben und zappelig daher, vielleicht irritieren auch die Kastagnetten in „Magdalena“. Am Ende croont Flowers mitsamt Chor bei „On The Floor“ und dreht in „Swallow It“ nach einer Art entspanntem Sprechgesang noch ein paar abschließende Pirouetten, vorbei. Wen das noch immer nicht überzeugt hat, dem sei als Jobbeschreibung noch einmal der 2005 veröffentlichte Song „Glamorous Indie Rock’n Roll“ ans Herz gelegt, für den Rest bleiben die unvergessenen, bissigen Zeilen „I’ve got soul, but I’m not a soldier“ zum Trost aus alten Tagen ...
http://www.brandonflowersmusic.com/

Gehört_181



Blonde Redhead „Penny Sparkle“ (4AD)
Man ist bescheiden und genügsam geworden. Der lausige Sommer treibt einen dazu. Warum dann also nicht die kleinen Überraschungen feiern, die der klamme September aus dem Hut zaubert. Dass die vollmundigen A&R-Deklamationen von Plattenfirmen in der Regel das Papier nicht wert sind auf dem sie stehen, weiß jedes minderbegabte Kind. Mit einem halbwegs respektablen Album hätte man nach dem etwas matten „23“ trotzdem rechnen können, das übliche „weiter so“ – man hätte es dem Trio Blonde Redhead nicht übelgenommen. Was da aber nun mit „Penny Sparkle“ ins Regal kommt ist mehr als nur bloßer Durchschnitt, es ist eine kleine Offenbarung, ist Verfeinerung, Bereicherung und herzerwärmend schön. Woran sich Super700 hierzulande trotz aller Ambition ergebnislos abarbeiten, wo sich die gehypte Zola Jesus deutlich zu wenig wandlungsfähig zeigt – Blonde Redhead gelingt mit ihrem mittlerweile achten Album ein großer Schritt nach vorn. Obschon die drei nach wie vor in einer beschaulichen Nische musizieren, sind sie doch nach und nach zu einem Schwergewicht und als solches zum einzig legitimen Nachfolger der legendären Cocteau Twins gewachsen. Wie bei diesen Elisabeth Fraser, gibt bei Blonde Redhead Kazu Makino der traurig-verträumten Musik mit ihrer fragilen Stimme eine bittersüße Klammer und drückt ihr so einen zarten Stempel auf. Besonders beim zweiten Song (Not Getting There) sind die Parallelen deutlich zu hören. Erfreulich gut ist die Hinwendung zum synthetischen Sound gelungen, die Effekte und Spannungsbögen werden so gekonnt gesetzt dass man den Eindruck hat, die Band punktiere jeden einzelnen Song. Hier ein anhaltendes Pochen, da ein Knarzen, die Vögel zwitschern und das Wasser tropft, was in der Beschreibung albern klingt, macht die Songs reizvoll und anmutig zugleich. Selten hat jemand das Ende einer Beziehung, vielleicht abgesehen von Tracey Thorn, in solch stilvolle Theatralik verpackt wie die New Yorker beim zauberhaften „My Plants Are Dead“, selten waren in letzter Zeit Klage und Liebeszweifel so hörbar wie in „Love Or Prison“. Den hypnotischen Sog ihrer früheren „Misery“-Zeiten haben sie sich trotzdem bewahrt, mit „Oslo“ ist ihnen hierfür ein gutes Beispiel gelungen. Und auch wenn die Platte tatsächlich in der zweiten Hälfte etwas abzubauen scheint, spätestens „Black Guitar“ läßt einen die kleinen Zweifel vergessen – der Song schleicht sich wie ein süßes Gift unnachgiebig ins Ohr. Und was wäre, um den Kreis zu schließen, willkommener als eine derartige Betäubung angesichts der graukalten Tristesse draußen vor der Tür.
http://www.blonde-redhead.com/

Montag, 6. September 2010

Gerichtsreporterin, ehrenhalber.



Das war heute ein kurzer erster Arbeitstag für Alice Schwarzer beim Kachelmann-Prozeß als neue Gerichtsreporterin ihres Leib- und Magenblattes, der BILD. Fünf Minuten, dann war schon wieder Schluß und es wird interessant sein zu lesen, was Frau Schwarzer in der morgigen Ausgabe daraus für eine männermordende Kolumne bastelt. Andererseits ist's grad schon wurscht, was zählt ist der ehrenhafte Wille, jedweder Hetzkampagne, Vorverurteilung & Frauenverachtung in einer meinungsbildenden Tageszeitung entgegenzutreten. Und dafür, das muß man ihr lassen, hätte sie sich kein besseres Medium aussuchen können. Tolle Sache, Frau Schwarzer!

Gefunden_73.1



Wenn es noch eines Beweises für die Uneitelkeit dieses Mannes bedurfte, dann ist er mit der Wahl seines aktuellen Albumcovers erbracht. Wer solche Fotos zu Hause hat, läßt sie in der Regel ganz schnell verschwinden, denn einen Blumentopf, geschweige denn ein neues Date lassen sich damit ganz sicher nicht gewinnen. Im unten zitierten Interview der Süddeutschen verwahrt sich Phil Collins vehement gegen die Unterstellung, besonders schlau zu sein. Nun, das wird ihm jetzt keiner mehr vorwerfen wollen. Johnny Cash übrigens hat für seine letzte Veröffentlichung auch mit seinem Kindergesicht herhalten müssen, konnte sich aber (wegen: tot) nicht mehr dagegen wehren. Phil Collins, möchte man meinen, hätte die Möglichkeit gehabt ...

Sonntag, 5. September 2010

Gefunden_73



"Man erinnert sich an ein Interview mit dem großen Rocker Lemmy Kilmister von Motorhead (oh ja! Anm. Admin.). Der drohte Leuten, die am Nebentisch über Phil Collins lästerten, Prügel an. Dann ging er auf die Knie und verneigte sich in Richtung Schweiz. [...] Einen wie Collins müßte man bei Manufactum ins Regal stellen. Goldenes Handwerk."
Alexander Gorkow in der Süddeutschen Zeitung vom 4. September 2010

Donnerstag, 2. September 2010

Gehört_180



The Walkmen „Lisbon“ (Fat Possum)
Da hat man gerade erst Interpol gelobt für die Leistung, seit der Jahrtausendwende vier mehr als passable Platten zustande gebracht zu haben, nur um danach über die Bilanz einer anderen New Yorker Band zu stolpern. The Walkmen nämlich, ungefähr zum selben Zeitpunkt wie das Postpunktrio gestartet, haben gerade ihr fünftes Album abgeschlossen und auch dieses ist beileibe kein schlechtes. Zugegeben, bisher hatte ich so meine Probleme mit dieser Kombo und insbesondere mit der leicht überdrehten Stimme des Sängers Hamilton Leithauser. Während einen Interpol gleichsam einhüllen in ein warmes, weiches Tuch, piesackt einen Leithausers Organ mit konstanter Hartnäckigkeit, überschlägt sich nicht selten und macht den Hörgenuß nicht eben einfacher. Zudem hatte man bei früheren Alben oft das Gefühl, The Walkmen würden ihre Songs mit Absicht durch eine von diesen kleinen, spielwalzenbestückten Drehorgeln pressen, so blechern und hell klangen Sound und Gesang in Summe. Nichts oder nur wenig davon auf dem neuen Album, der Auftakt „Juveniles“ betört mit ungewohnter Leichtigkeit und schon das zweite Stück punktet mit fetten Rockstandards, die man so nur selten zu hören bekommen hat – „Angela Surf City“ ist also das, was man einen Knaller nennt. Der nächste Höhepunkt läßt mit „Blue As Your Blood“ nicht lange auf sich warten, getragen von einem wunderbaren Countrypicking, fließt der Song wohlig über die gut vier Minuten dahin. Gleiches tut auch das lässige „Woe is Me“ mit entspanntem Singsang und gutgelauntem Gitarrenthema. Beim traurigen „Torch Song“ kommt Leithauser seinem großen Vorbild Elvis einen Schritt näher, das Stück hat tatsächlich etwas von der Geschmeidigkeit des Meisters und klingt angenehm rund. Ein kleiner und feiner Selbstbetrachtungsshuffle mit Bläserchören (While I Shovel The Snow) noch zum Schluß, bevor man zum Titelstück aufspielt. Gedanklich baut man es in Vertrautes ein, mir ist da als erstes Wim Wenders vorzügliches Stadtporträt „Lisbon Story“ präsent und da paßt es auch wunderbar hinein. Scheint, als hätten sie diesmal vieles, wenn nicht gar alles richtig gemacht.
http://www.myspace.com/thewalkmen

Mittwoch, 1. September 2010

Gehört_179



The Count & Sinden „Mega Mega Mega“ (Domino)
Ehrlicherweise machen die beiden Londoner DJs nicht die Art von Musik, mit der ich mich längere Zeit beschäftigen wollte, von ein paar Zeilen der Würdigung ganz zu schweigen. Aber was soll’s, seit einigen Tagen verirre ich mich auf der Suche nach brauchbarer Tagesuntermalung aus dem Netz fortwährend mehr oder weniger bewußt zu eben diesem Mix aus House, Dancehall, Breakbeat und Electrodisko. Für Vergleiche fehlt es mir am nötigen Insiderwissen, ich kann nur dringend anraten, den Versuch zu wagen und mal ein paar Takte zu riskieren. Wer die eingangs gestellte Frage „Do You Really Want It?“ mit einem uneingeschränkten „Ja“ beantworten kann, dem muß auch vor dem Rest nicht bange sein – „Mega Mega Mega“ gibt ordentlich Gas und viel Zeit zum bedächtigen Abwägen wird einem nicht gelassen: „After Dark“ in Begleitung der Mystery Jets ist noch gemäßigtes Midtempo, „Hardcore Girls“ zieht schon besser an und „Elephant 1234“ pumpt ohne Gnade alle restlichen Zweifel aus der Bahn. Das Album funktioniert als – tja, „Mega“-Mix ganz prächtig, die Stilvielfalt ist beeindruckend und wird auch ohne Langeweile gekonnt gemeistert. Selbst ein souliges Stück Eurodisko wie „Addicted To You“ läßt sich da mühelos unterbringen und ein angeschmachtetes „Llamame“ wird, ordentlich gepimpt, durchaus genießbar. Sollte also da draußen ein gestresster Alleinunterhalter die passende Scheibe für die Atempause am Pult suchen – die ist hiermit gefunden. Die Leute werden es „megamäßig“ lieben ...
http://www.myspace.com/countandsinden

Dienstag, 31. August 2010

Gehört_178



Interpol „Interpol“ (Matador)
Die Verwirrung begann vor einigen Monaten damit, dass Sam Fogarino, Drummer der New Yorker Band, für den Herbst dieses Jahres eine Rückkehr zu den Wurzeln der Band in Aussicht stellte, Sänger Paul Banks wiederum meinte, das neue Album würde noch orchestraler, noch vielschichtiger werden als das vorangegangene. Nun, bandinterne Abstimmungen sind offensichtlich ihre Sache nicht – wer das vierte Album schon gehört hat, weiß aber, dass sie irgendwie beide Recht behalten haben. Bassist Carlos Dengler im Übrigen sagte damals gar nichts, sondern quittierte einfach den Dienst (was interessanterweise den Fokus vom aktuellen Album ein Stück weit auf das kommende verschiebt, denn am jetzt vorliegenden hat er, soviel ist verbürgt, noch federführend mitgearbeitet). Nun gilt der Bassist ja gemeinhin nicht als stilprägend oder maßgeblich für das Schaffen einer Band. Für eine Gruppe wie Interpol aber, deren Sound sich im Grundschema an einer starken Basslinie orientiert ist dieser Verlust jedoch mehr als bemerkenswert und es wird interessant sein zu sehen, ob der gefundene Ersatz (David Pajo/Slint) die Lücke in der kommenden Zeit zu schließen vermag.

Wie erwähnt ist das neue Album ein eher unentschiedenes geworden, vereint es doch all die Merkmale, die Interpol im Laufe der Zeit in ihren Sound haben einfließen lassen. Wenn also das erste Album „Turn On The Bright Lights“, zu Recht bei den Fans der ersten Stunde in unerreichbare Höhen gehoben, wenn also dieses Album das dunkle und noch unbehauene Erweckungswerk war, Nachfolger „Antics“ der geglättete, tanzbarere Nachfolger und „Our Love To Admire“ vor drei Jahren mit Komplexität und großer, oftmals theatralischer Geste nicht gerade geizte, dann steht Album Nummer vier am Scheideweg und weiß noch nicht so recht, welche Richtung es einzuschlagen gilt.

Im Vergleich zum Vorgänger fehlt zwar das gewaltige, überbordende Pathos und stilvolle Drama solcher Songs wie „Pioneer To The Falls“ und „Rest My Chemistry“, so groß wollte man es offensichtlich nicht wieder machen. Es gibt aber, und das gefällt, keinen Ausreißer nach unten wie die tendenziell eher schwachen „The Heinrich Maneuver“ und „Who Do You Think?“. Auffällig an den neuen Sachen ist zudem eine ungewohnte Leichtigkeit, die manchem der Stücke anhaftet, schon der Start mit „Success“ gerät nicht so düster und enigmatisch wie „Untitled“ oder „Next Exit“, auch bei „Summer Well“ und „Try It On“ überwiegen eher die milderen Akkorde. Schwerpunkt bleibt natürlich die Schwermut – im schattigen Moll hatten und haben Interpol noch immer ihre besten Momente: Schleppend, träge und nicht eben freudestrahlend sägt sich bei „Memory Saves“ im Hintergrund eine Gitarre durch’s düstere Panorama, begleitet vom dumpfen Beat Fogarinos und Banks klagender Stimme. Die Single „Lights“ wächst im Kontext des Albums zu erstaunlicher Größe und holt das nach, was sie als erwartungsüberladene erste Vorauskopplung noch nicht zu zeigen vermochte. Tonnenschwer und tieftraurig, der Bass rollt und die Klage erfreut in ihrer Schönheit das melancholische Gemüt. Später gesellt sich zum traurigen Triumvirat noch „Safe Without“ hinzu, mit seinem hypnotischen Eingangsriff, den polternd blechernen Percussions und den fernöstlichen Ausschmückungen sicher einer der Höhepunkte des Albums.

Nicht außer Acht lassen kann man auch die Parallelen der aktuellen Songs zu Paul Banks Soloveröffentlichung aus dem Jahr 2009 unter seinem früheren Pseudonym Julian Plenti – experimentierfreudiger und zugleich seltsam verinnerlicht präsentierte sich hier der empfindsame Frontmann. Nicht wenig davon findet sich beim bezaubernden „Always Malaise (The Man I Am)“ wieder, und auch das abschließende „The Undoing“ mit seinen sparsamen Arrangements und den spanischen Texteinschüben verweist auf Banks gefühlvolle Selbstbetrachtungen, beide passen hier bestens ins Konzept.

Letztendlich kann man sagen, dass ihnen zwar nichts Übermenschliches, aber gleichwohl Großes gelungen ist mit diesem Album und wer die Überraschung vermisst dem sei gesagt, dass diese durchaus auch in der qualitativ hochwertigen Kontinuität liegen kann. Bands mit annähernd vier gleichwertig guten Alben sind im sich selbst verschlingenden Popzeitalter der Neuzeit mehr als rar gesät. Und auch wenn Interpol im Sommer mit U2 auf die Bretter steigen und so versuchen, die Tauglichkeit ihrer Musik in neuen Dimensionen zu erproben – sie werden Coldplay nicht beerben (wollen) und immer eine Band derjenigen bleiben, die ihre dunkle und überhöhte Pose und Majestät zu schätzen wissen.
www.interpolnyc.com

Mary & Max



Eine eigene Rubrik "Gesehen_..." hat beim Thema Film schon lange keinen größeren Sinn mehr gemacht, zu selten habe ich den Weg ins Kino geschafft und wenn ich dann doch mal drinne war, dann war der Streifen entweder kein allzu neuer oder kein sonderlich origineller. Das kann man allerdings von diesem hier nicht behaupten, denn der Animationsfilm des Australiers Adam Elliot, ergänzt um den schönen Untertitel "Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?" ist die äußerst amüsante und liebenswerte Geschichte einer ungewöhnlichen Brieffreundschaft zwischen dem alternden, kauzigen New Yorker Juden Max und dem kreuzunglücklichen australischen Provinzteenie Mary. Sicher kein Film für Kinder, die zwölf Jahre Altersbeschränkung kommen nicht von ungefähr, eine traurig-komische Erzählung aber mit vielen kleinen witzigen Ideen und Randverweisen. Wer den Humor von Tim Burtons "Nightmare Before Christmas" und "Corpse Bride" mochte, ist hier in jedem Falle gut aufgehoben.
http://www.maryandmax.com/

Donnerstag, 26. August 2010

Gehört_177



Wir sind Helden „Bring mich nach Hause“ (Columbia)
Der Blick ins Netz, welches ja in puncto Summe der möglichen Nebengeräusche den konventionellen Printmedien inzwischen deutlich den Rang abgelaufen hat, zeigt, dass die Helden und im Speziellen deren Frontfrau Judith Holofernes noch immer eine prima Reibungsfläche für Debattierer und Diskutanten abgeben. Ob es um die Namen ihrer Kinder, ihre Meinung zu deren Erziehung oder die Wahl ihres Wohnortes geht, stets kann sie mit reichlich Meinung, mit Häme, Schulterklopfen und Kopfschütteln rechnen. Natürlich trifft sie das nicht unvorbereitet, wer sich wie sie in den Fokus stellt wird wissen, womit er/sie zu rechnen hat. Trotzdem ist es erstaunlich, dass diese Band trotz der offensiven, wohl bewußten Zurückhaltung der restlichen Mitglieder des Ensembles seit Jahren ein gleichbleibendes Grundrauschen umgibt, immer leicht anschwellend im Turnus der Veröffentlichung der jeweiligen Alben. Die Gefahr, dass die Bewertung dieser wiederum bei all dem Tamtam hintenüberfällt, ist da natürlich nicht eben klein.

Neben so wichtigen Dingen wie: Friedrich oder Kevin? Waldorf oder Montessori? Kreuzberg oder Zehlendorf? gilt es also zu klären: Ist die neue Platte auch eine gute Platte? Die Antwort darauf ist ein klares Jain. Man kann nicht einmal sagen, welche Eindrücke, die positiven oder die negativen, eigentlich überwiegen. Im Vergleich zum Debüt ist das neue Album sicher ein schlechteres, den Vorgänger „Soundso“ aber übertrifft es mit Leichtigkeit. Das liegt am erfreulichen Umstand, dass die Helden sich nicht mehr ausschließlich auf die Reimkünste ihrer Sängerin verlassen, sondern wieder angefangen haben, Musik zu machen. Und zwar phasenweise gar keine so schlechte. Schwungvolle Beispiele sind sicher „Was uns beiden gehört“ und „Dramatiker“, ebenso der satte, spielfreudige Blues von „Im Auge des Strums“ und das druckvolle „Kreise“. Der Anfang, also „Alles“, müßte dann als Gegenbeispiel herhalten – für den Beginn einer Platte ohnehin eine schlechte Wahl, nach diesem trägen und zähen Stück braucht man eine Zeit, um mit dem Rest warm zu werden. Auch die „Flucht in Ketten“ ist eher halbgar geraten und kommt nicht recht von der Stelle.

Stark sind die Helden seit jeher bei den gefühligen, nach innen gewandten Stücken, der liedgewordene Beschwerdebrief an die Elterngeneration bei „Die Ballade von Wolfgang und Brigitte“ und das dunkle „Meine Freundin war im Koma ...“ können überzeugen, da macht es auch nichts, dass Holofernes‘ Stimme zuweilen bricht. Das fällt erst wieder bei „23:55“ ins Gewicht, hier stört der dünne Gesang, der zuweilen nur ein Kiecksen ist und wird auch durch flottes Musizieren nicht wettgemacht.

Auch bei den Texten ist man zwiegespalten. Zur Genüge bekannt ist ja der Hang der Band zu Assoziationsketten, Wortspielereien und zum bunten Metaphernfestival, und sehr oft gefällt das noch immer, ist klug und auch mal überraschend. Und trotzdem ertappt man sich bei dem Wunsch, Judith Holofernes hätte ab und an besser ein paar Drehungen weniger gemacht und den einfachen Satz dem verschachtelten vorgezogen.

Unentschieden am Ende, mit leichten Vorteilen für die Heldenmannschaft. Denn immerhin bemühen sie sich Zeit ihres Bestehens um Abwechslung und vertonen nicht seit Jahr und Tag den gleichen feuchten Tagtraum wie Humpes Doppelhaushälfte. Dass sich dabei einiges abnutzt, ist wohl unabdingbar und zu verschmerzen.
http://www.myspace.com/wirsindhelden

Gehört_176



Ra Ra Riot „The Orchard“ (Barsuk Records)
Dass das zweite reguläre Album von Ra Ra Riot zu ungleichen Teilen von Chris Walla (9) und Rostam Batmanglij (1) abgemischt worden ist, hätte man durchaus auch ohne diesen Hinweis erahnen können, denn die Parallelen zu Death Cab For Cutie und Vampire Weekend springen einen beim Hören von „The Orchard“ förmlich an. Ein sommerfrischer Liederreigen, durch die Bank alles Prachtexemplare des luftig leichten Folkpops. Auf einen zurückhaltend instrumentierten Beginn folgen mit „Boy“, „Too Dramatic“ und „Foolish“ gleich drei potentielle Hitkandidaten. Ganz und gar bezaubernd dann das getragene „You And I Know“, wunderbar gesungen von Alexandra Lawn, dankenswerterweise packen die Jungs neben ihr bei diesem Song ihre Gitarren auch mal etwas härter an. Diesen Mut hätte man ihnen über die Länge des Albums gern öfter gewünscht, trotzdem bleiben die feinen Melodien und zart schwingenden Rhythmen ganz von selbst im Ohr hängen. Am Ende angelangt, weiß der geneigte Hörer, dass diese Band trotz des irreführnden Namens weit entfernt ist davon, Übles zu wollen. Auch das vermeintlich brennende Haus auf dem Cover entpuppt sich bei näherem Hinsehen als hell erleuchtete Behausung unter beschaulichem Sternenhimmel. Eine Platte, die man im nahenden Herbst griffbereit haben sollte – man wird den Trost an grauen und regenverhangenen Tagen noch bitter brauchen.
http://www.rarariot.com/

Dienstag, 24. August 2010

Gehört_175



Zola Jesus „Stridulum II“ (Souterrain Transmissions)
Als erstes Plus dieser Platte muß man eindeutig das Cover nennen. Jetzt wird mancher fragen: Warum um alles in der Welt das denn? Nun einfach deshalb, weil sich die gute Nika Roza Danilova aka. Zola Jesus eben nicht für die üblichen nebelverhangenen Grabgesteine, Krähenbeine, Knochenreste und ähnliche neugothische Spielereien entschieden hat, sondern für kompromißlos abschreckende Häßlichkeit. Auch bei ihrer Musik verfährt die russischstämmige Amerikanerin ähnlich konsequent, das allerdings nicht immer zu ihrem Vorteil. „Stridulum II“ ist ja gewissermaßen eine erweiterte Ausgabe der vorangegangenen gleichnamigen EP. Was aber bei kürzerer Lauflänge nicht so ins Gewicht fiel, erweist sich beim Longplayer als auffälliger Nachteil: So gut jeder Song in sich funktioniert, so wenig abwechslungsreich klingt sich das komplette Material in der Gesamtheit. Danilovas Stimme hat ein angenehm dunkles, kehliges Timbre, ist kräftig und harmoniert gut mit der düsteren Mixtur aus Drumcomputer und schwermütigen Synthieschleifen. Träge wie die ölige Substanz auf dem Cover tropft so ein Track nach dem anderen aus den Boxen, das melodiegewordene Unglück nur durch die Pausen zwischen den einzelnen Stücken unterbrochen. Die ersten drei Stücke „Night“, „Trust Me“ und „I Can’t Stand It“ bleiben als die besten im Gedächtnis, wohl auch weil sich das Jammertal danach durch stete Wiederholung schnell verbraucht. Gegen Ende noch einmal eine, wenn auch kleine Erfrischung, „Sea Talk“ kann mit etwas schärferer Rhythmik punkten und bei „Lightsick“ sind es die Pianoloops, die bei Laune halten. Trotzdem eine schöne Platte, nebenbei gehört eine angenehm schattige Klangtapete – im Gegensatz zu den beiden großen tiefschwarzen Überraschungen des letzten Jahres, Fever Ray (für die ZJ als Support auflief) und The XX fehlts es ihr allerdings deutlich an Wandelbarkeit und Ideenreichtum.
http://zolajesus.com/

Gehört_174



Admiral Radley „I Heart California“ (Redeye)
Auf der Website von Admiral Radley findet man unter dem Thema „The Story“ unter anderem den lustigen Hinweis: „Some of us decided it might be fun to get together and make an Earlimart/Grandaddy album with various members of each band collaborating, constructing songs and recording them in a loose and enjoyable atmosphere. We will call it Earlidaddy or Grandimart! Yaaaaaay!” Damit ist zum Zustandekommen der neuen Band eigentlich erschöpfend Auskunft gegeben –meinentwegen hätten sie sich aber auch Schweinskopfsülze nennen können, zu wissen, dass der verrückte Jason Lytle wieder im Geschäft ist lässt einen ohnehin vieles verzeihen. Und wenn die Platte auch keine Offenbarung geworden ist, so hält sie doch eine ganze Reihe wunderbarer Lieder bereit, die das Herz das eine oder andere Mal hüpfen lassen. Nach einer wachsweichen und reichlich schwarzhumorigen Ode an Kalifornien im Titelstück kommt mit “Sunburn Kids” ein erstes Highlight und schnell wird einem bewußt, wie nahe sich doch schon früher Grandaddy und die Pixies in den besten Momenten waren. Die Arbeitsteilung funktioniert auf dem Album reibungslos, mal Lytle, mal Burch (wunderbar: Lonesome Co.) am Mikro, beim traumhaften “The Thread” dann sogar im Duett mit Bassistin Ariana Murray. Am eingängigsten geraten natürlich die Nummern, die Lytle eng an seine alte Band angelehnt hat – “Red Curbs” und “Ending Of Me” hätten auf einer alten Grandaddy-Scheibe problemlos Platz gefunden. Für den Kracher “I’m All Fucked Up On Beer” darf es dann schon auch mal ein wenig Industrial Marke Ministry sein – befremdlich, und der Abschluß ist schon wegen des originellen Titels “I Left U Cuz I Luft U” seine Zeit wert. Insgesamt nicht so zwingend wie die letzten Sachen von Grandaddy, aber besser als Lytle’s Solotrip aus dem Mai des vergangenen Jahres.
http://www.admiralradley.com/