Freitag, 9. Juni 2017

She Drew The Gun: Lohnende Zuarbeit

Nun war das Original ja schon ein tolles Stück, aber auch der Remix ist nicht ohne: Das Liverpooler Quartett She Drew The Gun hat für eine Neubearbeitung ihres Stückes "Poem" prominente Unterstützung bekommen - The Lynchmob vs. The Gun aka. Produzent Brendan Lynch und Andrew Innes (Primal Scream) haben sich den Song noch einmal vorgenommen. Stammen tut er übrigens vom Album "Memories Of Another Future", erschienen Anfang diesen Jahres. 

Lorde: Simple things

In der kommenden Woche wird es also endlich meldodramatisch, dann nämlich wird sich die Neuseeländerin Lorde mit ihrem neuen Album offiziell zurückmelden. Und weil sich solche Ankündigungen immer gut mit Musik und Zahlen machen, gibt es heute ein paar Tourtermine zu "Melodrama" und den neuen Track "Sober" gleich im Vorabdoppelpack. Ach ja, Mode macht die Dame auch noch, das Bild stammt aus der aktuellen amerikanischen Elle.

11.10.  München, Zenith
14.10.  Köln, Palladium
15.10.  Berlin, Tempodrom

Donnerstag, 8. Juni 2017

Idles: Erlösung

Lang genug haben wir warten müssen, aber nun ist es endlich soweit: Die Idles, wunderbar schrilles Krachkollektiv aus Bristol, haben bekanntlich vor einigen Wochen ein ganz und gar formidables Album mit dem Titel "Brutalism" veröffentlicht und nun lassen sie sich damit auch in Deutschland hören. Und auch wenn die Reise durch die Republik leider auf die nördliche Hälfte begrenzt bleibt, sie kommen. Das allein zählt.

26.11.  Münster, Gleis 22
27.11.  Hamburg, Molotow
28.11.  Köln, Gebäude 9
29.11.  Heidelberg, Pret-A-Ecouter-Festival

Nadine Shah: Lügenverkäufer

Selbst ohne großes Gespür für sarkastische Untertöne wird dem Betrachter schnell klar, daß es sich hier um einen eher zweideutigen Titel handelt: Nadine Shah, englische Songwriterin mit norwegisch/pakistanischen Wurzeln, wird im August ihr neues Album "Holiday Destination" veröffentlichen, der Covershot einer zerbombten Hausfassade, die leider an vielen Orten dieser Welt fotografiert sein könnte, legt einen klaren politischen Bezug nahe und auch die beiden ersten Singles "Out The Way" und ganz aktuell "Yes Men" legen diesen Schluss nahe. Es geht Migration, um Lügenverkäufer und falsche Rettungsversprechen, all das also, was uns auch hierzulande derzeit umtreibt. Und zwar auf sehr eindringliche Weise.

Mittwoch, 7. Juni 2017

Otzeki: Die bessere Alternative

Vorsicht ist geboten bei solchen Vergleichen, denn man weiß ja nicht, wie sie so ankommen: Wenn man Mike Sharp und Joel Roberts alias Otzeki mit dem Kompliment um den Bart geht, sie klängen wie eine bessere Alternative von Depeche Mode, dann könnten sie sich geschmeichelt oder eben arg beleidigt fühlen, je nach Sichtweise. Wir haben hier vor Ort jedenfalls vor einem Jahr schon die feine EP "Falling Out" gelobt und können nun nahtlos damit weitermachen, denn auch die neuen Stücke, ganz vorn dran das aktuelle "True Love" überzeugen mit allerfeinstem Synthpop. Wahre Liebe heißt dann auch die dazugehörige 12" und auf dieser finden sich dann noch die Tracks "All This Time" und "Touch". Und wer jetzt gewaltig Lust auf die Herren bekommen hat, der sollte in Köln, Hamburg, München und - ähh, Diepholz mal besser die Festivalplakate studieren, dort nämlich werden sie im Spätsommer zu Gast sein.

All We Are: Was muss, das muss

All We Are
„Sunny Hills“
(Domino Records)

Üblicherweise rät das Management seinen Zöglingen ja eher zu behutsamen Veränderungen, um die Stammkundschaft nicht zu verprellen. Bei der Liverpooler Band All We Are ist das offensichtlich etwas anders gelaufen – entweder haben sie gar keinen von diesen A/R-Beratern, hören bewusst nicht auf ihn oder aber der Typ treibt sich, so er nicht gerade die Musikgeschäfte lenkt, auf dem Hochrisikoparkett der Börse rum, liebt also grundsätzlich den Nervenkitzel. Doch selbst wenn wir nur die ersten beiden Möglichkeiten in Betracht ziehen, läßt sich die 180-Grad-Wende des Trios nur schwer erklären und sie selbst tragen nicht eben viel zur Lösung bei. Vor gut zwei Jahren ist also das selbstbetitelte Debüt von Richard O’Flynn, Guro Gikling und Luíz Santos erschienen und weil Geschmeidigkeit und zarte Melodik damals Trumpf waren, rotierten sämtliche Stücke wochenlang auf den Playlists und Podcasts in- und außerhalb des Landes, ein Erfolg soweit. Glaubt man den dreien, so war das leichtgewichtige Popappeal der Songs allerdings ihrer gemeinsamen Unerfahrenheit und der Atmosphäre des walisischen Aufnahmestudios geschuldet. Und als solches nicht das wahre Wesen der Band.

Dieses scheint nun auf „Sunny Hills“ voll zur Geltung zu kommen: „We were feeling this anxiety or darkness within us, and we found catharsis through this more direct music“, so Drummer O‘Flynn über die neuen Töne, „There was a shift towards playing this sort of faster, harder, more direct music, and we'd all feel much better after it.“ Von der hübschen Beschaulichkeit ihrer früheren Stücke ist also nicht mehr viel übrig geblieben, vielmehr geht es auf dem aktuellen Album deutlich lauter, weniger zimperlich und ein ganzes Stück weit ernster zur Sache. Die Zeiten sind so, möchte man sagen – schaut man sich die beiden Videos zu „Human“ und „Animal“ an, die als Fortsetzungsgeschichte die traurigen Geschicke einer kleinen Provinzgemeinde spiegeln, dann ist der krude Sound wohl Folge gesellschaftlicher Umbrüche und Verwerfungen, wie sie in England an jeder Ecke zu spüren sind. Treibende New-Order-Hooks zählen da noch zu den gefälligsten Stilmitteln, ansonsten gibt es reichlich bratzigen Elektrorock, fette Böllerbeats und komprimiertes, zentnerschweres Drama.



Das ist jetzt nicht so schlimm, wie es sich in dieser Gebrauchsanweisung vielleicht anhört, nur eben komplett anders als zuvor und für manch unvorbereiteten Zuhörer sicherlich etwas verstörend. Wenn für „Down“ mathmetalmäßig die Gitarren bearbeitet werden und kurz darauf droniger Noise durch „Dreamer“ stampft, dann geht das tatsächlich sehr direkt in Richtung Magengrube, der Facettenreichtum, mit dem das Vorwerk noch zu glänzen vermochte, bleibt in diesen Momenten aber leider auf der Strecke. Natürlich läßt sich auch den dunklen Seiten durchaus Reizvolles abgewinnen, Giklings Stimme beispielsweise nimmt manchem allzu harten Schwenk die Schärfe und hier und da versteckt sich dann doch noch die eine oder andere feinsinnige Extraidee. In der Summe jedoch wäre weniger wohl mehr gewesen – für den Zuhörer heißt es nun, beide Alben irgendwie übereinander zu bringen und die Neuausrichtung zu bewerten. Als Musiker, diese Antwort zumindest kennen wir schon, hat man ohnehin keine andere Chance als das zu tun, was zu tun ist. Oder anders: Was muss, das muss. http://www.thisisallweare.co.uk/

08.06.  Berlin, Auster Club

Diamond Thug: Bereit für mehr

Manchmal braucht es etwas Zeit, bis der Groschen fällt - doch, ja, die waren hier schon mal Thema: Diamond Thug aus Südafrika konnten vor zwei Jahren mit ihrer zauberhaften Single "Long Way" punkten, nun ist es an der Zeit für Neues. Chantel Van T, Ted Buxton, Danilo Queiros und Adrian Culhane haben gerade ihre aktuelle Single "Eclipsed" in die Runde geschickt und die ist mit ihren verschlungenen Synth-Loops keineswegs schlechter geraten als die Songs davor. Ende Mai ist das gute Stück erschienen, der Sommer ist also bereit für die vier.

Dienstag, 6. Juni 2017

Torres: Hautkontakt

Neuer Deal, neuer Song: Mackenzie Scott alias Torres, amerikanische Songwriterin, ist für den Nachfolger ihres letzten Albums "Sprinter" aus dem Jahr 2015 zu 4AD gewechselt. Wie genau der Longplayer heißen soll und wann mit ihm zu rechnen ist, wissen wir noch nicht so genau, dafür gibt es aber mit "Skim" eine erste Single zu hören/sehen (das Video stammt von Ashley Connor) und ein paar Termine für den Herbst.

13.11.  Köln, Gebäude 9
14.11.  Hamburg, Waagenbau
15.11  Berlin, Berghain Kantine
16.11.  München, Ampere

Show Me The Body: Charaktertest

Show Me The Body
Sunny Red, München, 5. Juni 2017

So etwas nennt man dann wohl Charaktertest: Das New Yorker Hardcore-Trio Show Me The Body ist aus seiner Heimatstadt mit Sicherheit anderes gewohnt, ist dort ein Gig der drei anberaumt, kann es mit frei verfügbarer Atemluft im vollgestopften Club schon mal ziemlich eng werden. An der Frage, ob die Jungs auf dem diesjährigen Coachella-Festival auftreten sollen, erhitzten sich vor ein paar Monaten die Gemüter weit mehr als am Sicherheitskonzept der Veranstaltung. Hierzulande müssen Julian Cashwan Pratt, Noah Cohen-Corbett und Harlan Steed wohl kleiner denken, in München zum Beispiel finden sich am Montagabend knapp fünfzig Unverdrossene (zählt man Barmann und Kartenabreißer mit dazu, die sich zeitweise zum Grüppchen vor der Bühne gesellen), um die Band im düsteren Kellerabteil zu hören. Und natürlich auch zu spüren, denn die aggressive, scharfkantige Mischung aus Gitarrenlärm, Analogdrums, geloopten Beats und Rap-Stakkato läßt sich vor allem auch körperlich erleben. Einen Auftritt vor derart dürftiger Kulisse anzugehen ist selten eine Freude, Publikum und Band geben sich so gut es eben geht Mühe, eine ansprechende Atmosphäre hinzubekommen - dann, wenn Pratt sein Banjo zur Seite legt und sich wild zuckend den Tanzenden entgegenwirft, daß manchem die Bierflasche zu entgleiten droht, bekommt man eine Ahnung davon, wie es wohl funktionieren könnte, wenn ... Hilft nichts, trotz zweier Mixtapes ("Body War"/"Corpus") ist das Set nach einer halben Stunde in Rekordkürze schon wieder beendet, draußen zwitschern in der Dämmerung noch die Vögel, zehn nach neun, etwas ratlos gehen Band und Besucher, mäßig verausgabt, auseinander. Kein Vorwurf, warum auch, man hat es halt versucht. Vielleicht ein Trost: Vor fünfzehn Jahren standen standen Interpol, auch New York, eine Etage weiter oben im Orangehouse vor gerade mal einhundert Gästen und spielten denen ihr noch ziemlich unbekanntes, aber sagenhaftes Debüt "Turn On The Bright Lights" vor - heute füllen sie die großen Hallen und müssen sich keine Gedanken mehr machen, ob denn das Eintrittsgeld wohl für die nächste Tankfüllung reicht ...

Beach Fossils: Seelenspiegel

Beach Fossils
„Somersault“

(Bayonet/Cargo Records)

Wahrscheinlich wäre es ein leichtes, das neue, dritte Album der Beach Fossils, jenem charmanten Trio aus Brooklyn, zur Sommerplatte des laufenden Jahres auszurufen. Schließlich finden sich hier zarteste Melodien zu Hauf, die Stücke sind so locker und beschwingt arrangiert, dass man sich ihnen widerstandslos überlassen möchte und wandeln noch dazu stilsicher zwischen den Genres des Indierocks einher – Dreampop, Shoegazing, Folk und – ja, auch der Madchester Rave gehören zu ihrem Repertoire. Im Vergleich zur letzten Platte „Clash The Truth“ (2013) haben auf „Somersault“ noch ein paar mehr Instrumente und Klangfarben Platz gefunden, neben Flöten, Streichern und klassischem Piano wurde auch um Saxophon und den Soul der 70er erweitert, Gavin Mays aka. Cities Aviv macht so aus seinem Auftritt in „Rise“ eine kurze, aber handfeste Überraschung. Und ist damit in bester Gesellschaft, denn schon zuvor hatte Rachel Goswell, sonst bei Slowdive am Mikrophon, mit „Tangerine“ für den ersten Höhepunkt gesorgt. Es folgen mit „May 1st“, „Sugar“ und „Down The Line“ weitere von ähnlicher Qualität. Sommergefühl, wie gesagt.



Wären da nicht die viele traurigen Texte. Dustin Payseur nämlich, Sänger und Gründer der Beach Fossils, begreift den eingängigen Sound seiner Stücke wohl als willkommene Gelegenheit, dem Hörer einen Blick auf seine melancholische, oft grüblerische Gedankenwelt zu eröffnen. Wie ein roter Faden ziehen sich die sehr intimen Betrachtungen durch die Songs, Payseur spiegelt für jedes der Lieder ein Stück seiner Seele, singt von zerbrochener Liebe, Verlustängsten, Orientierungslosigkeit und dem Gefühl, allzu häufig das Falsche zu tun. Daß daraus keine richtige Wut wird, liegt wohl an seinem Wesen (selbst bei „Be Nothing“ wagen die Gitarren nur einen gebremsten Ausbruch), es sieht eher so aus, als sei er schon damit zufrieden, ein paar Leidensgenossen an seiner Seite zu wissen. Solange er jedenfalls Schwermut so wunderbar leicht zum klingen bringt, wird er sich um einen Mangel an Aufmerksamkeit nicht sorgen müssen. http://www.beachfossils.com/

18.08.  Hamburg, Dockville Festival
22.08.  München, Muffathalle
05.09.  Köln, Blue Shell
06.09.  Berlin, Musik und Frieden

Montag, 5. Juni 2017

Bantam Lyons: Verlässlich [Update]

Vor einem knappen Jahr haben wir uns hier noch darüber mokiert, dass das restliche Europa den Franzosen in Sachen zeitgemäßer Rock- und Popmucke die Butter vom Brot, also vom Baguette, nimmt. Dieser Tage haben sich wenigstens Phoenix mit einem Lebenszeichen zurückgemeldet (ob das angesichts der letzten, ziemlich lauen Platte eine gute Botschaft ist, muß anderweitig geklärt werden), und auch sonst kann sich Frankreich ja um Aufmerksamkeit nicht beklagen. Was aber eher mit Herrn M. und Frau LP. zu tun hat. Wenigstens die Waverocker Bantam Lyons aus Nantes erweisen sich als verlässlich und so haben sie gerade für den 24. Mai ihre neue EP "Oh, Cordelia!" angekündigt - der Nachfolger des Albums "Melatonin Spree" hält für Eilige auch noch die erste Single ""When Lips Turn Blue" bereit.

Update: Und mit "Melatonin" haben wir jetzt einen zweiten Track von der neuen EP parat.

Samstag, 3. Juni 2017

Alt-J: Traumpfade

Alt-J
„Relaxer“

(Infectious)

Und schon wieder die Frage: Wie lang kann man das durchhalten? Ohne dass auf der einen Seite die Verästelung sämtlicher Musikstile zum bloßen Selbstzweck gerät, um nur ja dem einmal gesetzten Anspruch zweier formidabler Platten gerecht zu werden, ohne dass auf der anderen Seite der Hörer irgendwann überfordert abwinkt, weil eben jener Anspruch auf Dauer ermüdend ist? Noch geht es ganz wunderbar, auch mit dem neuen Werk „Relaxer“ bleiben Alt-J ihrem Stil treu, eigentlich keinen zu haben. Schon wieder packen sie in einen Song Ideen hinein, die eigentlich auch für fünf gereicht hätten, bleibt Vertracktheit ihr Credo. Da geht es ihnen nicht anders als Radiohead, mit denen sie ja nicht von ungefähr ständig in verglichen werden – mit einem gewichtigen Unterschied: Thom Yorke und seine Truppe kommen (was man bei der Vielzahl der Kleinkunstwerke, die sie mittlerweile abgeliefert haben, schnell vergisst) vom simplen Rocksong, ihr Debüt „Pablo Honey“ glänzte mit den einfachen Mitteln guten Songwritings, erst im Laufe der Jahre haben sich die Herren zu den überaus versierten Klangmischern entwickelt, als die sie heute verehrt werden.



Bei Alt-J hat es so eine stetige Entwicklung (zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung) nicht gegeben, aus dem Stand legten sie mit dem Erstling „An Awesome Wave“ sogleich einen anspruchsvollen Ton- und Preisträger hin, gefolgt von dem nicht weniger erstaunlichen „This Is All Yours“ im Jahr 2014. Genies, Wunderkinder, Frühvollendete, mit diesen Begriffen waren die Besprechungen ihrer Platten gefüllt und nichts davon war übertrieben. Und auch das neuerliche Werk wird solchen Lorbeer ernten, wenngleich sich erste Warnhinweise vernehmen lassen, man solle es doch bitteschön nicht übertreiben. Mit der Zuordnung ist das immer noch so eine Sache, wir staunen erneut über zart knisternden Elektrofolk, Alternativ-Pop, verfrickelten Blues, orchestralen (Ba)rock und etwas Psychedelik. Es gibt wirklich kaum etwas, an das sich das Quartett aus Leeds nicht herantraut und wenig ist dabei, das nicht gelingt. Wo die schwülstige Atmosphäre bei „Hit Me Like A Snare“ mitsamt seinen eigenartigen, teilweise auch kraftmeierischen Texten etwas aufgesetzt wirkt, da entschädigen die beiden feinen Einstiegstracks „3WW“ (gemeinsam mit Ellie Rowsell/Wolf Alice) und „In Cold Blood“ auf’s Beste.

Ganz und gar großartig die Idee, einfach mal ein Cover des eigentlich zur Unhörbarkeit abgenudelten Animals-Klassikers „House Of The Rising Sun“ in den knapp vierzig Minuten unterzubringen. Das noch dazu recht ansprechend klingt. Highlight allerdings ist das sehnsüchtig-traurige „Adeline“, ein klug verbastelter Schmachtfetzen über Unerreichbarkeit und nicht erwiderte Liebe, bei dem Alt-J, wie man liest, ein Stück Filmscore von Hans Zimmer aus dem Streifen „Thin Red Line“ beliehen und gemeinsam mit dem London Philharmonic Orchestra umgewidmet haben – wirklich mehr als geglückt. Und so ließen sich noch eine ganze Reihe mehr Beispiele benennen, warum ihr Output zwar manchmal etwas anstrengend, doch immer noch bewundernswert vielschichtig und inspirierend ist. Denn wer dem Werk von Alt-J und somit auch den neuen Stücken von „Relaxer“ die notwendige Konzentration und ungeteilte Aufmerksamkeit entgegenbringt, entdeckt, wenn alles gut läuft, in ihnen eine Tiefe und phantasievolle Bildgewalt, wie sie sonst nur die eigenen Träume bereithalten. http://www.altjband.com/

13.06.  Berlin, Funkhaus Nalepastraße

Freitag, 2. Juni 2017

Moderate Rebels: Kein Grund für gute Laune

Das sieht natürlich alles schon ganz schön trist aus, so in schwarz/weiß und mit diesen ernsten Gesichtern. Kommt natürlich nicht von ungefähr, die Moderate Rebels sind schließlich eine Londoner Psychpunk-Band und als solche macht man nun mal nicht auf quietschbunten Frohsinn. Im November 2016 ist ihre Debütsingle "God Sent Us" bei Everyday Life Recordings erschienen, nun sind sie mit einer ersten EP am Start. Auf "Proxy" befinden sich fünf Stücke, "Rename/Rebrand" kann man sich bei Bandcamp anhören, "Liberate" gibt's als Stream via Soundcloud.



Kraftklub: Genug vom Dogma

Kraftklub
„Keine Nacht für Niemand“

(Vertigo Berlin/Universal)

Es scheint sich was getan zu haben beim Klub der Kräftigen. Nein, nicht daß Felix Brummer plötzlich singen könnte, ganz soweit sind wir noch nicht. Folgten die beiden ersten Alben der gebürtigen Karl-Marx-Städter allerdings noch der Regel, möglichst über die komplette Spiellänge Stimmbänder, Gitarrensaiten und Trommelfelle auf’s Äußerste zu malträtieren, geht es auf dem aktuellen weit weniger dogmatisch zu. Vom Etikett, die deutschen Franz Ferdinand zu sein, haben sich die fünf Herren jedenfalls verabschiedet und das ist, gerade auch im Hinblick auf die Zukunft der ostdeutschen Kapelle, zunächst einmal eine gute Nachricht. Klar hat das wieder mal nicht jeder so gesehen, für ihre erste Single „Dein Lied“ haben sie kräftig Prügel einstecken müssen – wie erwartet hatte sich mancher mit der Mischung aus „Slut Shaming“ und Kammerorchester etwas schwergetan. Obwohl wir doch mal zaghaft nachfragen wollen, warum man um alles in der Welt dem verdammten Trennungsschmerz nicht ein paar deftige Worte mit auf den Weg geben darf, damit Enttäuschung und Wut auch als solche verstanden werden? Plüschtierworte haben in solchen Fällen jedenfalls noch selten zur Klärung beigetragen. Starker Song – Punkt.



Weiter: Schleppende Hip-Hop-Beats treffen kleingehackte Gitarrenhooks („Leben ruinieren“), Stoner-Riffs für die Luftgitarre und Mitgrölrefrains für die anstehenden Festivalparties („Am Ende“). Auf der Gästeliste diesmal die überaus großartigen Sven Regener und Farin Urlaub, eine Dirty-Ol-Bastard-Reminiszenz, die eher als Verulke rüberkommt („Chemie Chemie Ya“) und ganz am Schluß („Liebe zu dritt“) ein paar fette Technotakte, die die Jungen auf Deichkind, die Alten auf DAF zurückdatieren. Überhaupt, Zitate sind offenbar das ganz große Ding beim Dritten, das geht natürlich schon beim Scherben-Titel los, was insofern ganz gut paßt, als dass das Namensgeber stramm auf die 45 zugeht und die 68er gerade zum wiederholten Male in den Feuilletons seziert und abgefeiert werden (ganz nebenbei sind wir damit auch wieder bei einem Urthema der Band: „Wir sind zu jung to Rock’n Roll“).

Stichwort Urlaub, an der Stelle hakt die Platte ein wenig, denn nicht nur der „Sklave“ ist eine recht dreiste Doppelung des alten Ärzte-Hits, an mancher Stelle ertappt man sich bei dem Gedanken, der sächsischen Kopie doch besser das Berliner Original vorzuziehen. Und spätestens bei „Venus“ fällt einem ein, dass der eigentliche Fick-Geber doch aus Hamburg-Eppendorf kommt und in Sachen Mittelfinger den Klubmitgliedern drei Jahre voraus ist. Geschenkt, sie haben vieles probiert, von brav bis trotzig böse ist alles dabei und auch das eigene Profil hat, dank „Fenster“ an Schärfe nichts verloren. Dass die Band mit diesem Album bewusste Angriffspunkte setzt, darf ruhig honoriert werden, sie selbst scheinen ordentlich Spaß daran zu haben – und Haltung war, ganz nebenbei, ohnehin noch nie ihr Problem. Zu dem könnte, glaubt man Brummer, aber bald die Optik werden, denn nach weiß, schwarz und rot sind nun „keine coolen Farben mehr übrig“ (SZ). Es gibt wohl nicht wenige Bands, die gern solche Sorgen hätten … http://www.kraftklub.to/

Donnerstag, 1. Juni 2017

Arcade Fire: Viral ist besser

Schwergewichtstag, Teil zwei: Arcade Fire habe gerade einen neuen Song spendiert, das heißt, so richtig offiziell ist er ja noch gar nicht im Umlauf. Und natürlich ist die Geschichte, auch wenn es sich wohl um einen viralen Gag handelt, sehr hübsch. Geht also ein Junge auf das Primavera Festival in Barcelona, erwischt dort ein Exemplar der neuen Single "Everything Now", springt sofort in den nächsten Plattenladen und spielt sie dort ab. Gefilmt wurde natürlich auch und nun steht der Clip samt Hintergrundgeräuschen u.a. bei Pitchfork. Mutmaßungen über das neue Album, von dem der Rolling Stone vermutet, daß es den Titel "Infinite Content" tragen soll (was natürlich falsch sein mußte, denn es heißt wie die Vorauskopplung selbst und kommt offiziell am 28. Juli), gibt es natürlich genug, zuzüglich eines Sekundenschnipsels von einem russischen Account - herzallerliebst das alles. Wirklich verlässlich sind wohl nur die Livedaten für den Sommer. So, und jetzt bitte weiter durchdrehen...



16.06.  Köln, Tanzbrunnen
02.07.  Berlin, Wuhlheide
11.07.  Linz, Ahoi! The Full Hit Of Summer

Liam Gallagher: Der Kleine legt vor

Schwergewichtstag, Teil eins: Die Gallaghers sind ja beide gerade aus traurigem Anlaß wieder in den Fokus geraten, diesmal hat es allerdings weniger mit einer ihrer Marotten, sondern mit ihrem musikalischen Werk zu tun. Seit dem Attentat in Manchester gelangt nämlich ihr Uralt-Oasis-Hit "Don't Look Back In Anger" als trotzige Publikumshymne zu neuer Beliebtheit, Gänsehaut inklusive. Beide Brüder haben aber auch neues Solomaterial im Angebot, den ersten Anlauf macht Liam und postet die Single "Wall Of Glass" vom Solodebüt "As You Were" - die Bruderkartoffel wird wohl bald folgen, Noels drittes Album soll am 9. November im Regal stehen.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Italia 90: Starke Bilder

Sport macht Bilder. Nicht nur im TV oder Netz, sondern vor allem im Kopf. Das kann man ganz schnell selbst ausprobieren: München '72? Sturmhaube auf Balkon. Wimbledon '85? Beckerjubel. Imola '94? Senna in Trümmern. Man kann das ohne Ende weitertreiben. Ähnliche Gedanken haben wahrscheinlich auch die Londoner Jungs von Italia 90 umgetrieben und wenn es ihnen um die eigene Mannschaft bei der damaligen WM ging, dann waren das sicher keine allzu vergnüglichen Erinnerungen: Gascoigne weinend am Ende, Halbfinale gegen Deutschland (natürlich im Elfmeterschießen), Spiel um Platz drei gegen den Gastgeber verloren, nichts also, wozu man gern das Kopfkino einschaltet (daß Rudi trotz Spuckattacke am Ende Weltmeister wurde - Randnotiz). Passenderweise heißt der siebenminütige Kracher, den sie gerade vernetzt haben, "Competition" - wenn all das bedeutet, daß die vier einen guten Humor haben, dann wollen wir gern mehr davon.

Dienstag, 30. Mai 2017

Kraftklub: "Ein Hit für Helene, das wär's!"

Keine Nacht für Niemand? Ein neues Album von Kraftklub? Ganz klar, müssen wir was machen. Aber statt den Jungs mit schwergewichtigen Fragen auf die Nerven zu gehen, schicken wir doch besser jemanden zum Interview, der schon altersmäßig besser zur Band passt und nicht bei Kraftwerk stehen geblieben ist. Zum Glück haben wir in Leipzig mit Josefine Simonsen quasi unsere Fieldreporterin für Berlin und den wilden Osten sitzen und so machte sie sich umgehend auf in die Hauptstadt zur Album-Preview bei Landstreicher Bookings und anschließendem Gespräch mit Felix Brummer, Steffen Israel und Karl Schumann. Über was geredet wurde? Nun, die neuen Songs natürlich, aber auch über eigenartige Rituale, Helene Fischer, Schnaps und Kosmonauten. Also dann, schnell mal reingehört ...

Am Freitag kommt das neue Album – aufgeregt?
Steffen: Es geht noch. Machen kann man jetzt sowieso nichts mehr, das ist ja jetzt fertig. Wir sind eher aufgeregt, weil es auch wieder mit den Konzerten losgeht, wir also gleich wieder voll loslegen. Wenn man bedenkt, dass wir so lange nicht gespielt haben.
Karl: Wir können ja vorher proben.
Steffen: Ja einmal vielleicht. Wir sollten auch nicht übertreiben. Einmal vielleicht noch gucken, wie man die Gitarre hält.

Das ist ja jetzt Euer drittes Album. Habt ihr da irgendwie Schiss, dass das Feedback vielleicht nicht so gut sein könnte wie bei den ersten beiden?
Felix: Nö. [lacht] Also beim zweiten hatte ich tatsächlich befürchtet, die Reaktionen wären nicht so gut, so von wegen Nachfolger vom Debüt und so. Dieses Gefühl hab ich jetzt überhaupt nicht. Negatives Feedback gibt es ganz bestimmt, aber Angst davor, dass wir vielleicht wirklich Quatsch gemacht haben könnten – die gibt’s nicht.
Karl: Ich glaube, das ist auch fast unmöglich. Dass also fünf Leute etwas gemeinsam machen, dann wahnsinnig stolz darauf sind und am Ende war’s ein Griff ins Klo ... nee, das müsste man erstmal hinbekommen.

Felix: Bei der zweiten Platte waren wir wirklich viel unsicherer. Nicht, weil wir plötzlich verlernt hätten, wie man die Musik macht, auf die wir Bock haben. Sondern weil der Druck von außen schon spürbar war und viele gefragt haben: „Waren Kraftklub vielleicht doch nur ‘ne Eintagsfliege?“ Jetzt, wo das hinter uns liegt, ist alles entspannt.

Gibt es denn einen neuen Song, auf den ihr live schon richtig Bock habt?
Felix: Ich freu mich sehr auf den Song „Am Ende“. Der wird wahrscheinlich der erste Song unserer Show auf den Festivals sein. Wir werden also gleich mit einem neuen Song anfangen.
Steffen: „Am Ende“ am Anfang. Könnte zu Verwirrungen führen ...

Ihr habt es ja schon gesagt: Ihr spielt diesen Sommer auf vielen Festivals und dann im Herbst folgt die Tour. Favorisiert ihr eins von beiden?
Felix: Das Gute am Festivalsommer ist halt der Sommer …
Steffen: Ja, dass man draußen spielt. Festivals an sich sind ja schon deshalb cool, weil man kann sich all die anderen Bands angucken kann.
Felix: Also ich bin tendenziell auch eher pro Festival. Aber wir haben in den letzten Wochen für ‘n paar Geheimkonzerte einfach so nachts in Clubs gespielt. Und das fand ich eigentlich mit am lustigsten, so ganz ohne Ankündigung aufzutreten.

Kommt es denn vor, dass manche Leute dann sagen: „Och ne, auf die hatte ich jetzt gar keinen Bock, was machen denn die hier?“
Steffen: Da sind wir egoistisch. Wir haben da Bock drauf, uns macht’s Spaß und wenn es euch nicht gefällt, dann – tja, tut’s uns leid.
Felix: Das ist tatsächlich ‘ne gute Möglichkeit, die neuen Sachen nochmal zu testen. Wir haben ja in erster Linie als Live-Band angefangen und uns auch immer als solche verstanden. Und da mussten wir natürlich anfangs öfters vor Leuten spielen, die keinen Bock auf Kraftklub hatten – den Support will ja in der Regel niemand sehen. Das ist ‘ne harte Schule, durch die wir schon früh gegangen sind. Und klar, wenn wir jetzt irgendwo überraschend in Clubs spielen, gibt’s bestimmt auch ein paar Leute, die da keine Lust drauf haben. Aber da müssen die durch, wir müssen’s schließlich auch.

Merkt man denn, dass die Stimmung anders ist, wenn man unangekündigt spielt?
Felix: Ich glaube, das läuft immer ähnlich ab. Man kann uns ja so viel hassen wie man will, aber eine schlechte Live-Band hat uns nun wirklich noch niemand genannt. Ich glaube, selbst der härteste Hater guckt sich das doch erst mal ein paar Minuten an. Und so lang wird‘s ja in der Regel auch nicht.
Karl: Richtig, denn das Geheimrezept lautet: Nie zu lange spielen, immer kurz und knackig!

Wieso spielt ihr eigentlich nicht auf dem Kosmonaut Festival?
Steffen: Die haben uns nicht gebucht, die Schweine!
Karl: Wir wollten uns zu wenig zahlen.
Steffen: Nee, im Ernst – wir wollten nicht, dass die Leute immer davon ausgehen, dass wir da jedes Jahr spielen und dass sich das Festival nur um uns dreht. Es soll ein eigenständiges Festival sein mit vielen verschiedenen coolen Bands. Deswegen haben wir da offiziell erst einmal gespielt und gleich zum Start als der „Geheime Headliner“, weil da natürlich noch keiner mitmachen wollte.

Habt ihr denn ein Ritual vor Konzerten?
Steffen: Zähne putzen.
Felix: Da gab’s tatsächlich mal eins, weil wir es immer so cool fanden, dass die anderen Bands so ein Ritual haben. Und da hatten wir mal einführt, dass wir uns alle vorm Konzert in einen Kreis stellen und jeder dem nächsten im Uhrzeigersinn eine Ohrfeige gibt.
Steffen: So als Ermutigung.
Felix: Das hat eine Weile auch ganz gut funktioniert. Bis bei einer Clubshow mal unser Tonmann Nico mit in der Runde stand. Normalerweise ist der ja immer schon am Pult, nur diesmal halt nicht. Wir jedenfalls fangen an, uns Reih um eine zu klatschen. Und Max, unser Schlagzeuger, haut halt dem Nico eine ins Gesicht. Und der scheuert dem Max reflexartig dermaßen eine zurück, dass wir alle mit offenem Mund dastanden und gesagt haben: „Okay, das ist jetzt irgendwie der Zeitpunkt, an dem wir dieses Ritual beenden sollten.“
Karl: War ja auch nicht besonders cool, sich gegenseitig vorher eine reinzuhauen. Dann geht man mit ‘nem Handabdruck auf der Backe auf die Bühne, hat vielleicht Schmerzen und so richtig gut fürs Bandgefühl und die Stimmung war‘s dann wirklich nicht.
Steffen: Da haben wir‘s besser gelassen …

Und etwas Neues ist Euch nicht eingefallen?
Felix: Steffen trinkt manchmal heimlich noch ‘nen Schnaps. [Lachen]
Steffen: Stimmt doch gar nicht.
Felix: Warum lachste denn dann so ertappt?
Steffen: Ab und zu mal was trinken, das hat man früher doch öfter gemacht vorm Auftritt ...
Karl: Ja, und jetzt machste es eben alleine.
Steffen: Man merkt ja schnell, dass es sich echt beschissen spielt, wenn man vorher zu viel getrunken hat. Aber einer ist keiner, sag ich immer. Und ich putz mir immer die Zähne vorm Auftritt!
Karl: Nach dem Schnaps.



Für Eure erste Single „Dein Lied“ habt ihr erstmal ganz schön viel Kritik eingesteckt, weil es ja nicht der ganz typische Kraftklub-Sound ist. Hat das besonders Spaß gemacht oder habt ihr Euch da eher missverstanden gefühlt?
Felix: Teils, teils. Manche Leute haben das ein bisschen komisch aufgefasst, weil sie‘s nicht verstanden haben. Wenn wir jetzt böse Rapper gewesen wären, dann wär’s vielleicht klarer gewesen. Oder wenn wir den Song in der dritten Person gesungen hätten. Aber es war halt in der ersten und es waren halt keine bösen Rapper, sondern eben wir. Das hat einige ein bisschen verschreckt. Und ein wenig kann man’s auch verstehen. Wir finden es ja auch dumm, wenn ständig verkrustete Rollenklischees bedient werden, wenn Frauen als Schlampen bezeichnet werden und der Typ, der Sex mit vielen Frauen hat, ist der lässige Casanova. Klar ist das dumm und rückständig. Aber hat halt nichts mit dem Song zu tun. Aus der Perspektive, die wir für den Typen gewählt haben, kippt die Stimmung von verständnisvoll in rachsüchtig und psychopathisch und das finden wir super spannend. Manchen Leuten ist das zu hart, auch das Wort „Hure“. Aber wir verwenden eine extreme Sprache, um extreme Emotionen rüberzubringen. Und das macht uns Spaß. Anderen nicht, deswegen ist das vielleicht nicht so gut angekommen. Aber damit müssen wir leben.

Im Video zu „Dein Lied“ steht ja im Hintergrund die ganze Zeit das brennende K und ab und zu sieht man, wie sich im Orchester jemand nervös umdreht – waren die froh, als der Dreh vorbei war?
Felix: Na auf jeden Fall. Das K war wirklich riesig. Die Idee war schon vorher ziemlich lustig – wir bauen zehn Stunden lang ein K auf und das lassen wir dann einfach in drei Minuten abbrennen. Aber das dann tatsächlich so zu machen, erfordert halt unglaublich viel Vorbereitung, denn die Dimensionen kann man sich gar nicht richtig vorstellen. Ich weiß auch gar nicht, ob das auf dem Video so rüberkommt, aber das war wirklich riesengroß und halt auch dementsprechend richtig heiß. Und ich glaube schon, da hat hinten der ein oder andere im Orchester ein bisschen geschwitzt.
Steffen: Aber das K war 12 Meter hoch und das Orchester saß 22 entfernt, also rein physikalisch wär das gar nicht möglich gewesen, selbst wenn es umgefallen wäre.
Felix: Aber die Hitze war schon heftig.

Wie seid ihr auf die Idee zu dem Video von „Fenster“ gekommen? Ist jemand von Euch ein Fan von „Falling Down“?
Felix: Den Bezug gibt’s tatsächlich, auf jeden Fall.
Steffen: Wir versuchen uns ja bei allem Gedanken zu machen, weil‘s Spaß macht. Natürlich um die Musik, aber auch beim Drumherum gibt es ganz viel Sachen zu überlegen. Schabernack, live und das alles. Aber bei dem Video haben wir wirklich gesagt: Das geben wir ab.
Felix: Die Grundidee ist ja sehr lustig, dass der Amokläufer niemanden findet, den er noch umbringen kann, diese Figur also noch absurder zu machen. Er würde halt so gern jemanden erschießen, aber es gibt einfach niemanden mehr, alle sind schon tot. Und mit seiner Wut und seinem Hass steht er am Ende ganz allein da. Das fanden wir ein schönes Bild, das passt auch gut zum Inhalt des Songs. Dieser unbändige Wille „Ich will was verändern, ich will den Leuten mal zeigen, wie‘s richtig geht, irgendjemand muss doch mal was machen gegen diese ganze Überfremdung! Und deshalb geh ich jetzt los und mach‘ das selber!“ Und diese Haltung wollten wir mit der Figur ein bisschen auf die Schippe nehmen.



Bei dem Song singt ja auch Farin Urlaub mit, wie ist es denn zu der Zusammenarbeit gekommen?
Karl: Wir sind ja alle große Ärzte-Fans, unser Produzent hat mal für Die Ärzte gearbeitet und hat halt seine Handynummer. Und da haben wir Farin gefragt, ob er Lust hat. Eigentlich wollten wir ihn eher für einen anderen Song haben, da sollte er einen Chor singen, weil er das so schön kann. Doch dann haben wir ihm noch mal „Fenster“ vorgespielt und da meinte er, das würde ihm noch besser gefallen. Also hat er da mitgemacht.
Felix: Ist halt krass, wie sich der Song ab diesem Moment wirklich anhört wie einer von den Ärzten. Und wir haben für ungefähr 30 Sekunden ein Ärzte-Stück auf unserer Platte.

Gibt es denn noch eine andere Band oder einen anderen Künstler, mit der bzw. dem ihr richtig gern mal zusammenarbeiten würdet?
Karl: Helene Fischer.
Felix: Bei Helene Fischer auf ihrem Album so ‘nen kleinen Song ... Nee, wir haben vorhin gelesen, dass über tausend Leute für das neue Helene-Fischer-Album Songs eingeschickt haben. Sie hat sich quasi aus tausend Songs das Album ausgesucht, das sie dann gesungen hat. Auf der einen Seite ist das irgendwie unglaublich eklig und pervers, dass man sich einfach so aus tausend völlig fremden Stücken sein Album herausklabustert. Auf der anderen Seite halt auch ziemlich faszinierend. Aber sonst sind auf dem Album eigentlich fast alle Leute versammelt, mit denen wir in den letzten Jahren zu tun hatten oder von denen wir inspiriert wurden, seitdem wir Musik hören.
Steffen: Wenn jetzt aber Phil Collins sagen würde: „Ich will bei euch auch mal was singen“, dann würden wir den schon auch noch unterkriegen …

Apropos Inspiration: Gibt es einen bestimmten Grund dafür, dass man auf dem neuen Album besonders viele solcher Anspielungen hört?
Felix: Also irgendjemand hat mal über die neue Platte gesagt, dass sie deutlich zeigen will, wo wir herkommen, wo unsere musikalische Heimat liegt. Auf der anderen Seite aber auch versucht, sich davon zu emanzipieren. Das hätte ich jetzt nicht so ausgedrückt, aber ich find‘s irgendwie ganz passend. Es war jetzt keine bewusste Entscheidung, so eine Art Collage zu machen, aber am Ende hat es sich richtig angefühlt, hier noch wen zu fragen oder da noch was zu verstecken, denn schließlich zeigt das Album dann, aus welchem Holz wir geschnitzt sind.

Ihr seid ja mittlerweile viel in Berlin, habt ihr denn irgendwann mal bereut „Ich will nicht nach Berlin“ gemacht zu haben?
Felix: Wir haben schon immer gesagt: Berlin ist geil. Schon als alle anderen Berlin noch abgehatet haben, da waren wir schon bei: „Berlin. I love it.“

Also doch alles nur Ironie?
Felix: Ja, das hat niemand verstanden. [Lachen] In Wirklichkeit war es ein verzweifelter Hilfeschrei, weil wir dort keine Wohnung gefunden haben. Trotzdem haben immer noch ein ziemlich ambivalentes Verhältnis zur großen Stadt mit dem B.
Steffen: Braunschweig.
Karl: Briggow.
Felix: Es ist aber nicht mehr so dramatisch. Wir haben unseren Frieden geschlossen mit der Hauptstadt, wir fühlen uns hier sehr wohl. Schließlich haben wir hier auch das Album aufgenommen, wir reden gerade in Berlin und sind auch privat oft da. Aber es ist auch immer wieder schön „Tschaui“ zu sagen. Und einfach wegzufahren.

Mittlerweile werdet ihr ja auf der Straße sicher erkannt. Ist es eigentlich in Berlin oder in Chemnitz entspannter, durch die Straßen zu laufen?
Felix: Entspannt ist beides. Wenn wir nicht gerade unsere Uniform anziehen und durch die Stadt schlendern, ist das alles nicht so dramatisch.
Karl: Wenn wir zu fünft in Berlin auf ein Konzert bei Von Wegen Lisbeth vorbeischauen, dann wird man schon mal erkannt, aber sonst hält sich das in Grenzen.
Steffen: Also ich wurde in Berlin noch nicht angesprochen.
Felix: Man muss vielleicht jeden Tag mal ein Foto machen, aber damit kann ich umgehen. Da gibt’s wirklich Musikerkollegen und -kolleginnen, wo’s ganz anders abgeht, wo Leute vor der Haustür warten, so obsessiv ist das bei uns nicht.

Also keine kreischenden Mädels?
Karl: Ach, um Gottes willen.
Felix: Nee.
Steffen: Das wäre echt schrecklich.
Karl: Naja, Steffen ist wohl der Einzige, der das feiern würde.
[Lachen]

17.10.  Salzburg, Rockhouse
18.10.  Dornbirn, Conrad Sohm
20.10.  Kempten, bigBOX Allgäu
21.10.  Stuttgart, Hans-Martin-Schleyer-Halle
22.10.  Pratteln, Z7
24.10.  Münster, Halle Münsterland
26.10.  Hannover, Swiss Life Hall
27.10.  Bremen, ÖVB Arena
28.10.  Dortmund, Westfalenhalle
30.10.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
31.10.  Hamburg, Sporthalle
02.11.  Berlin, Max-Schmeling-Halle
03.11.  Leipzig, Arena Leipzig
04.11.  Frankfurt, Festhalle



"Keine Nacht für Niemand" erscheint am 2. Juni bei Vertigo/Berlin
Tickets für die Hallentour über https://krasserstoff.com/tickets
Foto (oben) von Philipp Gladsome

Josefine Simonsen ist 19 Jahre alt und lebt in Leipzig. Das Abi ist seit letztem Jahr durch, seither zählen nur noch die zwei großen Leidenschaften Tanz und Musik. Josefine arbeitet in einem Tanzstudio und unterrichtet dort Kinder- und Jugendgruppen. Wohin die Reise dann wirklich geht, wird sich zeigen, vielleicht eifert sie ja doch ihren Eltern nach, die beide als Journalisten beim MDR arbeiten. Musikalisch zählen zur Zeit neben - klar: Kraftklub - auch noch Marteria, die Glass Animals, Bilderbuch und (ähm...) Ed Sheeran.

The Fall: Falsche Zeit

Puh, was für eine Aufregung. Wenn es nur um das neue Album "New Facts Emerge" von The Fall gegangen wäre, die Nachricht wäre wohl irgendwo zwischen Trump (#covfefe) und Abstieg (#1860) versandet. So aber stellte sich raus, daß unter den elf neuen Songs, die Mark E. Smith ab dem 28. Juli seinem Anhang via Cherry Red präsentieren wird, auch einer mit dem etwas missverständlichen Titel "Victoria Train Station Massacre" zu finden sein wird - dummerweise ist genau das der Name einer U-Bahn-Station in Manchester, in dessen Nähe es kürzlich nach dem Konzert von Ariana Grande zum dem schlimmen Selbstmordanschlag kam. Hat natürlich nix miteinander zu tun, blöder Zufall das, Artwork schon fertig. Hier jedenfalls schon mal Liveaufnahmen mit zwei der neuen Songs ("2nd House Now"/"New Facts Emerge"), aufgenommen am 27. Januar in Southampton.



Chk Chk Chk: Schüttel was du hast!

Chk Chk Chk
„Shake The Shudder“

(Warp Records)

Irgendwie hatte man ja angenommen, spätestens nach dem freakigen Glanzstück „What if“ wäre Schluss mit der ganzen Chose. Falsch gedacht, zählt Bandvorsteher Nic Offer doch nicht nur zu den durchgeknalltesten Typen, sondern auch zu den beharrlichsten Anhängern des Prinzips „Höher-Schneller-Weiter“ und so ist „Shake The Shudder“ nicht weniger als die konsequente Maximierung seines Anliegens, die Clubs dieser Welt mit perfektem Futter zu versorgen. Immer mehr heißt hier die Devise, mehr Funk, mehr Groove, mehr Disco, es pumpt, vibriert und stampft aus jeder Pore dieses Albums – die drei Ausrufezeichen treiben es also auf die Spitze. Ruhepausen sind hier nicht vorgesehen, es variiert nur die Schlagzahl pro Minute, mal House, mal Electro, mal souliger Eurodance oder Synthpop, weil Tanzen einfach die beste Rache ist.



Auf dem noch deutlich gitarrenlastigeren Debüt „!!!“ hatte Offer zur Jahrtausendwende noch gesungen „There’s no fucking rules, Dude“ und das Motto im Laufe der Jahre dann doch mehr und mehr kassiert, denn die einzige Anweisung heißt hier schlicht „Bewegung“. Wie? Egal, da darf man auch gern mal so derangiert aussehen wie Offer selbst auf dem Covershot. Und wenn man er es allein als Mann nicht bringt, holt er sich entweder die passende Verstärkung (mit dabei sind Cameron Mesirow/Glasser, Lea Lea, Meah Pace und Dauergast Molly Schnick) oder mutiert unter dem Künstlernamen Nicole Fayu gleich selbst zur Dragqueen. Wie sang noch mal der weise Reinhold Heil mit Spliff Anfang der Achtziger: „Komm steh auf, geh auf's Parkett, schüttel was du hast, denn du bist kein Brett!“ Der wußte also damals schon, daß es keine andere Lösung gibt. http://chkchkchk.net/