Freitag, 10. März 2017

U2: Eingeständnis

Kürzlich mit dem Auto unterwegs und nebenher einer Radiosendung von FluxFM gelauscht. Nannte sich "FluxGenerator" und die beiden (sehr jungen) Moderatoren hatten es sich zur Aufgabe gemacht, das dreißigjährige Jubiläum von "The Joshua Tree", dem tatsächlich bahnbrechenden Album von U2, zu feiern. Mit einer einstündigen Einspielung der kompletten Platte und jeder Menge mehr oder weniger nützlicher Randnotizen. Aber: Dabei gemerkt, daß man an dem Werk doch sehr hängt, auch wenn es schwer fällt, dies der Band von heute zuzugestehen; daß viel von der eigenen Biografie dranhängt, Erinnerungsbilder, Momentaufnahmen, Kopfkino der angenehmen Art. Und daß es gar nicht so schlecht ist, zu wissen, daß zu "With Or Without You" Ross zum ersten Mal von Rachel geküßt wurde - aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Übrigens: Gerade haben U2 bekannt gegeben, daß es das Album ab dem 2. Juni via Interscope in einer fünf Kilo schweren Sonderedition geben wird - ganze sieben Platten (original und live), Remixe, B-Sides, ein Buch mit Fotografien von The Edge und Sonderdrucke von Anton Corbijn. Ob die 170 Trumpdollar gut angelegt sind, muß dann jeder selber entscheiden, fest steht, es kann auf keinen Fall schaden, die Platte in einer ruhigen Stunde mal wieder aus dem Schrank zu nehmen. Sie ist tatsächlich besser, als man heute denkt...



Lorde: Einfach Pop [Update]

Das Warten hat lange gedauert, es wurde viel geteasert und noch mehr geheimnist, herausgekommen ist dann doch ein ziemlich normaler Popsong. Vorerst jedenfalls. Ella Marija Lani Yelich-O'Connor, bekannter unter dem Moniker Lorde, hat gerade ihre neue Single "Green Light" mit einem Video venetzt - im Sommer soll dann endlich das dazugehörige Album "Melodrama" als Nachfolger von "Pure Heroine" (2013) erscheinen. Dessen Cover, siehe oben, dürfte wie der Vorabtrack für einige Diskussionen in Sachen Geschmack sorgen. Warten wir's besser mal ab.

Update: ... und hängen derweil den nächsten Track "Liability" noch hinten dran.



Donnerstag, 9. März 2017

MUNA: Unerklärlich

Das muß einem erst mal erklärt werden - warum ein Album wie "About U" von MUNA nicht schon seit Wochen die Charts anführt und Verkaufsrekorde bricht?! Stattdessen, wir zitieren mal die Liste des Grauens: Bibi und Tina, Bravo Hits Vol. 96 (!), Philipp Poisel, Falco, allzu lange darf man da gar nicht draufschauen, ohne endgültig den Glauben an das Gute im Menschen zu verlieren. Wir wollen dennoch einen weiteren Versuch der Missionierung wagen und stellen deshalb das aktuelle Video "Crying On The Bathroom Floor" ein, viel schöner geht es nun wirklich nicht mehr. Wer das jetzt immer noch nicht mag, sollte sich schleunigst bei The Biggest Loser anmelden.

Idles: People and politics

Idles
„Brutalism“

(Balley Records)

Wo anfangen bei dieser Platte? Vielleicht beginnt man am besten damit, daß die Idles, fünfköpfige Band aus Bristol, London und Newport, zu der Sorte wütender, weißer Männer gehören, die das disparate, leicht panische England zur Zeit trotz allem spannend machen. Musiker wie die Sleaford Mods oder Fat White Family, die sich nicht abfinden wollen mit der Tatsache, daß ein Haufen korrupter Politiker und Geschäftemacher gerade dabei sind, den Karren ihres ohnehin schon ziemlich angeschlagenen Heimatlandes noch tiefer in den Dreck zu fahren. Sozialstaatsabbau, Nationalismus, Spießbürgertum, Erosion der Grundrechte, eine frustrierte Jugend, vor Monaten von den Anhängern unbelehrbarer Separatisten und Populisten zum Brexit verdammt, eine Jugend, die nun langsam realisiert, daß Cool Britannia nicht mehr als ein gut verkäuflicher, aber kaum nachhaltiger Werbeslogan ist und war. Nicht, daß es anderen Ländern so viel besser erginge, daß auch uns nicht bald ein ähnliches Schicksal drohen könnte, nur erinnert das Inselleben viele gerade an die Zeiten, als eine gewisse Margaret Thatcher dem Wirtschaftsliberalismus, passenderweise eine Erfindung aus Manchester, zur fröhlichen Urständ verhalf.



“It’s not like we’ve tapped into a Zeitgeist, it’s more that the Zeitgeist has tapped into us,” so Sänger Joe Talbot in einem Interview. Jede Zeit hat also ihre Musik, damals waren es The Clash, die Pistols und die Buzzcocks, heute sind es eben die Idles. Politisch, nicht weil sie, wie sie betonen, die Welt verändern wollen, sondern weil Politik und deren Verirrungen ihren Alltag unmittelbar bestimmt, sie umtreibt und – ja, wütend macht. Um das zu unterstreichen, haben die fünf für den Titel ihres Debütalbums einen Begriff aus der Architektur der Fünfziger gewählt, als ungeschönte Betonbauten unter dem Stichwort Brutalismus für Aufsehen, Befremden und auch Faszination sorgten. Es ging und geht dabei um Radikalität, Kompromißlosigkeit, um den schmucklosen Kern – ergänzen wir für die Platte noch roh, laut und direkt. Vom noch unentschiedenen, vielschichtigeren Post-Punk ihrer ersten EP „Welcome“ aus dem Jahr 2015 haben sich die Idles über die folgenden „META“ resp. „MEAT“ bis hin zum aktuellen Langformat geradewegs in Richtung Punk entwickelt, klingen sie auf „Brutalism“ noch härter, unnachgiebiger, straighter.



Stücke wie die erste Single „Well Done“ lassen kaum Platz für Interpretationen, mach was, zeig was, Leistungsgesellschaft galore („Why, don’t you get a job, … win a medal, … get a degree, why don’t you like reggae?“) Talbots Meinung dazu: „I'd rather cut my nose off to spite my face!” Die bissigen Texte, die originellen Videos – die Idles sind nicht nur zornige, sondern darüberhinaus sehr humorige Männer: Wenn Bassist Adam Devonshire durch die Ausstellungsräume der Tate Britain ruckt und zuckt, um für "Stendhal Syndrome" die Universalität der Kunst zu betonen, dann ist das ebenso großes Kino wie Talbot als Porzellan-Smasher vor dem Jugendbild der Mutter. Die der Platte ja irgendwie auch ihren Stempel aufdrückt. Nicht nur, weil ihr in eben jenem Song „Mother“ und vielleicht auch ihren Ermahnungen gedacht wird („The best way to scare a Tory is to read and get rich!“). Talbot hat erzählt, daß er die kränkliche Frau über Jahre gepflegt hat, nachdem sie sich lange von ihrem Mann, seinem Vater, getrennt hatte. Um diese Erfahrung reicher, baute er nach ihrem Tod zusammen mit dem Vater eine Skulptur, quasi als eine Art gemeinsamer Trauerarbeit, ebenjene, die nun auf dem Cover abgebildet ist. Auch deshalb ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Album. http://www.idlesband.com/



Dead Ceremony: Geschmeidige Irreführung

Das gehört natürlich zum Kapitel der vorsätzlichen Irreführung: Christopher Stewart, David Trevillion, Harry Pearce und Neil Allen werden den Bandnamen Dead Ceremony nicht ohne Grund und vor allen nicht ohne ein verschmitztes Grinsen im Gesicht gewählt haben, denn wer hinter dem Quartett aus dem englischen Tunbridge Wells eine garstige Deathmetal-Formation erwartet, den müssen wir doch enttäuschen. Eher ist das Gegenteil der Fall - die Jungs spielen einen sehr geschmeidigen Synthpop und ihre neue Single "Oh Boy" darf als Paradebeispiel gelten. Das Stück folgt der Debüt-EP "Tell Me Lies" aus dem vergangenen Jahr und auch diese kann man sich getrost noch einmal geben.



Mittwoch, 8. März 2017

First Aid Kit: Deutliche Worte

Noch ein Frauentagsgeschenk, allerdings keine so freundliche Danksagung wie die von She Drew The Gun (s.u.) zuvor: Das schwedische Duo First Aid Kit hat einen Song mit dem Titel "You Are The Problem Here" und es braucht nicht viel Fantasie, um zu wissen, wer hier als Adressat gemeint ist. “I am so sick and tired of this world, all these women with their dreams shattered, from some man’s sweaty, desperate touch. Goddammit, I’ve had enough" singen Klara und Johanna Söderberg und lassen dazu, ein kleines Novum, ziemlich knorrige Gitarren erklingen. Paßt gut zur Wut, paßt aber auch so gut zu den beiden und die Hoffnung, daß dies auch für ein zukünftiges neues Album so beibehalten wird, ist keine kleine.

Methyl Ethel: Bittersweet Symphonies

Methyl Ethel
„Everything Is Forgotten“

(4AD)

Für Eilige: Wollte man vornwegpreschen, dann könnte man – zumindest für die zweite Single – gleich die Losung ausgeben: „Ubu ist das neue Happy!“ Denn was das Trio aus dem australischen Perth mit diesem Song abgeliefert hat, ist allerfeinster, maximal ansteckender Indiepop. Und zwar der Premiumklasse und unbedingt sommerhittauglich. Einen gewichtigen Haken hat die Sache dann aber doch, denn so sonnig, wie es klingt, ist das Stück gar nicht, geht es doch um Außenseiter, um zunehmende Entfremdung, den Zerfall alter Freundschaften. Erfreulich trotzdem: Auch der Rest des Albums der Methylgruppe (platter Namenswitz #1) kann mit dem besagten Killertrack mithalten, Jake Webb, Thom Stewart und Chris Wright ist mit “Everything Is Forgotten” eine erstaunliche, durchgängig spannende Platte gelungen. Stilistisch läßt sich das wohl unter intelligent gemachtem, tanzbarem Artpop ansiedeln, irgendwo zwischen den Beatles und Beach Boys von damals und Arcade Fire und Hot Chip im Hier und Jetzt. Das ist erstaunlich genug, denn Webb’s erste eigene Besitztümer aka. Jugendsünden bestanden, so liest man, aus U2, Seal und dem Soundtrack von “Batman Forever”.



Dauerhafte Schäden sind davon nicht zurückgeblieben – ohnehin will niemand ernsthaft mit den Preziosen aus der pubertären Frühzeit hausieren gehen – was die drei jetzt machen, genügt wirklich höchsten Ansprüchen. Nach dem Debüt “Oh Inhuman Spectacle” aus dem Jahr 2013 ist auch der zweite Wurf der Schnapsdrosseln (platter Namenswitz #2) prall gefüllt mit trickreich verschränkten Melodien, die unter der Regie von Webbs markant hoher Stimme federn, pulsieren, vibrieren. Der psychedelische Charakter des Vorgängers ist zugunsten eingängigerer Harmonien etwas in den Hintergrund getreten, dennoch:  Von bedächtig und zart bis hin zum großen Drama, gern auch gleich in einem einzigen Stück wie bei “Act Of Contrition”, ist alles dabei, “Femme Maison/One Man House” kulminiert gar in großartigem Krawall und hat einen von diesen herrlichen, nennen wir sie mal: Interpol-Momenten dabei. Alles zusammen bittersüßer Pop, wie man ihn in dieser Konzentration selten zu hören bekommt. http://methylethel.com/

13.03.  Hamburg, Molotow
14.03.  Berlin, Kantine Berghain
31.05.  Lausanne, Les Docks
05.06.  Zürich, Mascotte

She Drew The Gun: Zukunft mit Fortsetzung [Update]

Ein unverhofft schnelles Wiederhören gibt es gerade mit Louisa Roach und ihrer Band She Drew The Gun. Im Mai des letzten Jahres haben die Liverpudlians mit "Memories Of The Future" ein durchaus beachtliches Album abgeliefert - Bristol-Sound, Gitarrenkrach, sehr schöne Nummer. Nun schicken sich die vier an, am 17. März via Skeleton Key Records mit "Memories Of Another Future" (so heißt das Ding tatsächlich) eine weitere Platte zu veröffentlichen und mit "No Hole In My Head" lassen sie uns auch schon mal vorhören - der Song ist eine Coverversion des gleichnamigen Titels von Malvina Reynolds.

Update: Schöne Idee - zum Internationalen Frauentag gibt es von She Drew The Gun eine Rundum-Danksagung an alle Musikerinnen dieser Welt, also Aretha, Joni, Nina, Alanis, Billie, Dolly, Annie, Janis, ...



Dienstag, 7. März 2017

Forest Swords: Dunkler Vorbote

Und gleich noch ein ganz dunkles, faszinierendes Stück Elektronik hinterher: Matthew Barnes aka. Forest Swords gilt als einer der interessantesten Klangtüftler der Insel - der Stil des Mannes aus Liverpool läßt sich dabei nur ganz schwer beschreiben, das war schon bei seinem Debüt "Dagger Paths" aus dem Jahr 2010 so und auch in Folge änderte sich daran nichts. Heute nun "The Highest Flood" als möglicher Vorbote für ein neues Album, viele Worte muß man darum nicht machen - die fünf Minuten sprechen mehr als für sich.

Fleet Foxes: Kein Entkommen

Okay, an der Nachricht kommt heute kaum jemand vorbei - auch hier nicht: Robin Pecknold und seine Fleet Foxes haben endlich ihr neues Album angekündigt. Was bei anderen Bands eigentlich eine alltägliche Meldung ist, läßt bei den Folkies aus Seattle die Erwartungen ins Unermessliche steigen - zu gut waren die beiden Vorgänger "Fleet Foxes" und "Helplessness Blues". Nun also am "Crack-Up" am 16. Juni bei Nonesuch, das Cover der Platte ziert ein Kunstwerk von Hiroshi Hamaya - und die erste Single “Third of May/Ōdaigahara” mißt knappe neun Minuten. Und klingt, als könnten sich die Hoffnungen bewahrheiten.

La Brass Banda: Passionsspiele

La Brass Banda
„Around The World“
(RCA/Sony)

Was würde das wohl für ein trauriges Bild abgeben, wenn wir zukünftig nur noch vor der heimischen Konsole säßen, der Mund zu einem entgeisterten Staunen erstarrt und die Augen hinter einer dieser protzigen VR-Brillen verborgen? Keine Vergangenheit mehr, die es zu vermissen gäbe, keine Gegenwart zum wortwörtlichen Begreifen, Karl May läßt grüßen – nur noch trügerische Wunschträume, virtuelle Realitäten, Hologramme, alles geht und Gefühle können wir uns nicht mal mehr schenken. Was das mit La Brass Banda zu tun hat? Nun, man kann ja über die Blechkolchose vom Chiemsee vieles behaupten – zu viele Flausen, zu große Hallen, gar zu modern und nicht mehr so ursprünglich (wobei zu klären wäre, wo genau man da die Grenze ziehen wollte) – an Experimentierfreude und Unternehmungslust hat es den Brassern um Stefan Dettl noch nie gemangelt. Und daß sie jetzt in die Weltgeschichte hinausgezogen sind und alle Erlebnisse dieser einmonatigen Entdeckungsreise in eine Art Jubiläumsalbum gepackt haben, das kann man ihnen nicht hoch genug anrechnen. Vor allem, wenn es so gut gelungen ist.



Denn auch dem, der mit Vorbehalten, die eventuell auf der letzten Studioplatte „Europa“ und ihrer manchmal allzu bemühten Elektrifizierung fußen, an den Start gegangen ist, darf gesagt sein: Man muß sich nur die kurzen Videosequenzen anschauen, die das aktuelle Werk im Netz begleiten, um zu ermessen, mit welcher Passion die Kapelle durch die Gegend zieht, um an den ungewöhnlichsten Orten zu musizieren und unterwegs alles an Inspiration gierig aufzusaugen, was dem eigenen Entwicklungsprozeß dienlich sein könnte. Und an diesem wiederum lassen sie uns Zuhörer teilhaben – Afrobeats, Latinorhythmen, Reggaevibes, Hongkong, Australien, Japan, Brasilien, die USA natürlich, das und noch mehr gibt die bunte Mischung der Platte her. Kombiniert (quasi Crossover) mit ihrer charmanten Heimatverbundenheit, die aufkratzt, mitstampft, zum Tanz lädt oder zu Tränen rührt.



Ein Widerspruch, den man durchaus leben kann: Wenn Dettl mit wässrigen Augen und seligem Grinsen der Sambaschule bei der Performance zuschaut, dann ist er einerseits endlich angekommen, bei Menschen, die wie er Musik als Leidenschaft und Lebensinhalt begreifen – dennoch singt er ein paar Takte später wieder von der Sehnsucht nach der heimischen Hütte , den Rückzugsorten seiner Jugend und den Herzensmenschen („Johnny“/“Laba“). Und weiß doch auch, daß nicht einmal mehr die ohne Wehmut zu haben sind, daß Erinnerungen verblassen oder der Zeit zum Opfer fallen („Africa“). Das Schöne an „Around The World“ ist wohl neben der Kunstfertigkeit der Band, daß das Album weder in seiner Grundstimmung noch stilistisch aus der Balance gerät. Der Sound ist so nahe an den Wurzeln der Freunde, am „Bauwagn“ und am „Woid“ also, wie selten zuvor und traut sich doch so wunderbare Spinnereien wie den rosaroten „Cadillac“ samt Housegroove und Autotune. Zurück mit dem Blick nach vorn, etwas Besseres hätte ihnen wie uns kaum passieren können. http://www.labrassbanda.com/

Levin Goes Lightly: Mut zur Lücke

Freudige Kunde aus dem Hause Staatsakt, diesmal mit ein paar Fakten mehr unterfüttert: Daß der Stuttgarter Levin Goes Lightly am 28. April bei der besagten Plattenpresse sein nächstes Album "GA PS" veröffentlichen wird, war ja schon früher publik, nun gibt es mit Cover, erster Single "O'Neill" samt Video und Tourdaten die restlichen Eckdaten dazu. Und was soll man sagen - die Freude ist groß.

13.05.  Bremen, Lagerhaus w/ All Diese Gewalt
14.05.  Hamburg, Westwerk w/ All Diese Gewalt
15.05.  Berlin, Lido w/ All Diese Gewalt
16.05.  Leipzig, Werk 2
17.05.  München, Unter Deck
18.05.  Karlsruhe, Kohi
19.05.  Köln, King Georg
20.05.  Essen, Hotel Shanghai

Montag, 6. März 2017

Nick Cave And The Bad Seeds: Vorfreude

Okay, Weihnachten ist nun wirklich noch ein bisschen hin und ob man dieses gabentischtaugliche Album so lange liegen lassen will? Wohl kaum, denn die Songs auf "Lovely Creatures" stammen von Nick Cave und den Bad Seeds und die machen in der Schublade nur halbsoviel Spaß. Gerade hat Cave ja recht überraschend seine nächste Liverunde angekündigt und da paßt die extradicke Kompilation aus den Jahren 1984 bis 2014 bestens ins Programm. Zusammengestellt von Mick Harvey und Cave selbst enthält sie in der maximalen Deluxe-3CD-Variante ganze 45 Stücke und satte 2 Stunden Videomaterial auf DVD plus Buch. Doppel-CD und 3LP kommen nur auf magere 21 Songs, zu wenig für den Hardcore-Fan, gerade richtig wahrscheinlich für Neueinsteiger - und für die ist es bekanntlich nie zu spät. Für Letztere auch noch mal die Tourtermine, alle anderen haben die Tickets ja eh schon an der Pinwand heften. Einziger Kritikpunkt: Das Albumcover ist mehr als einfallslos, aber wenigstens stimmt der Inhalt...

07.10.  Frankfurt, Jahrhunderthalle
09.10.  Hamburg, Sporthalle
12.10.  Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle
22.10.  Berlin, Max-Schmeling-Halle
02.11.  München, Zenith

The Districts: Nicht nachgemacht

Lititz klingt zugegebenermaßen eher nach einem brandenburgischen, also zutiefst preußischen Garnisionsstädtchen als nach einem Örtchen im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania, aber weil wir wissen, daß die Amis alles kopieren, was halbwegs erfolgreich ist, reden wir hier eben über die Heimatstadt der amerikanischen Rockband The Districts. Deren Musik ist allerdings keine platte Kopie, die klingt schön verwegen und kraftvoll - gerade hat die Formation von Sänger Rob Grote eine neue Single via Fat Possum angekündigt, die am diesjährigen Record Store Day erscheinen soll. Und vielleicht läutet "Ordinary Day", so der Titel, ja auch ihr neues, drittes Album ein, wer weiß ...

25.05.  Berlin, Badehaus Szimpla

Freitag, 3. März 2017

Diet Cig: Keine Magenschmerzen [Update]

Und wieder ein Debüt, auf das man sich schon längere Zeit freut und das nun endlich in die Puschen kommt: Diet Cig, das New Yorker Duo aus Alex Luciano und Noah Bowman, hat nach einigen Vorabsongs und EP nun endlich seinen Erstling "Swear I'm Good At This" angekündigt - die Platte soll am 7. April via Frenchkiss Records erscheinen und mit "Tummy Ache" ist auch tatsächlich gleich ein brandneuer Song davon verfügbar. Und nein, Magenschmerzen muß man dabei weiß Gott nicht bekommen.

Update: Hier nun auch das Video zum Song - Regie von Robert Kolodny - und mit "Barf Day" ein weiterer Track im Stream.



Mittwoch, 1. März 2017

The Drums: Unter Vorbehalt

Und das am Tag, mit dem die vierzigtägige Enthaltsamheit eingeläutet werden sollte: The Drums kündigen ungeachtet dessen mit "Abysmal Thoughts" ihr neues Album an - und zwar mit der gewohnt luftigen Vorabsingle "Blood Under My Belt". Der Nachfolger der letzten Platte "Encyclopedia", die hier ja keinen so überschwänglichen Lobgesang hervorrief, wird am 16. Juni bei ANTI- erscheinen und trotz gewöhnungsbedürftigem Artwork geloben wir eine möglichst unvoreingenommene Beurteilung - ganz so entsetzlich wird's schon nicht werden.

Candelilla: Bilder einer Ausstellung

Candelilla
„Camping“

(Trocadero)

Gerade die kleineren, ambitionierten Labels haben sich hierzulande zu Eigen gemacht, womit Galerien und Verlage schon länger erfolgreich umgehen: Was denen das Vorwort bekannter Kuratoren, Maler und Literaten für Kataloge und Bücher gilt, sind hier die Einlassungen befreundeter Musiker. Das hat unbestreitbare Vorteile. Zum einen ist der/die gewonnene Autor/in kaum der verkaufsfördernden Lobhudelei verdächtig, zudem liest ein solcher Text weitaus spannender als die ewiggleichen Promo-Hymnen, bei denen man nicht selten das Gefühl hat, sie würden von findigen Wortsuchprogrammen zusammengestöpselt, deren einzige Bestimmung es ist, möglichst viele Superlative aneinanderzureihen. Nicht zu unterschätzen ist die Erfahrung, die Künstler bei der Bewertung (wenn es denn eine sein soll) des Werkes einbringen, wissen diese doch um die Mühen der Prozesse, um die Kämpfe und hart errungenen Siege und natürlich auch um die (tunlichst verschwiegenen) Niederlagen. Was die Bilder einer Ausstellung im Idealfall also verständlicher macht, kann hier nicht falsch sein, schließlich stellen auch Musiker/innen mitsamt der Texte ihre Seelen ins Schaufenster und wir Rezipienten deuten fleißig und hoffen auf Zugang.

Dieser war für Candelilla aus München noch nie einfach zu haben, der Sound, die Worte stets angenehm störrisch, aus der Linie und möglichst gegen jede Erwartung, ein Song eine Zahl. Letzteres zumindest hat sich geändert, alles andere ist geblieben. Etwas Hilfe vielleicht von Andreas Spechtl, Sänger von Ja, Panik und auch solistisch unterwegs. Er klingt bei seinen Liner-Notes wie ein Fanboy aus Überzeugung, wenn er uns „Camping“ ein Stück näher bringt. Selbst auch einer, der weniger erklären möchte, der die Assoziation schätzt und die Auseinandersetzung fordert. Die Vorsicht, mit der Spechtl den Plattentitel „Camping“ zwischen Susan Sontag’s „notes on camp“ und der Deutschen liebster Urlaubsbeschäftigung, der Reise mit den eigenen vier Wänden, verortet, hat schon fast etwas Rührendes. Er weiß es nicht genau, traut sich nicht mehr als diese Vermutung und bietet dem Zuhörer somit diese Möglichkeit als eine von vielen. Und läßt sich sonst von der Bildsprache der Stücke, die bei Songs wie „Intimität“, „Atmen“ oder „Tier“ oft nur als dadaistischer Stichwortgeber daherkommt, gern zugleich verstören und faszinieren.

Auffällig, wie schon beim Vorgängeralbum „Heart Mutter“ (damals noch von Studiolegende Steve Albini produziert), sind die Härte und Schroffheit, die hier für einige der Songs auf die Spitze getrieben werden. Klirrende Synthetik gleich zu Beginn, später die wunderbar treibenden Akkorde von „Trocken und staubig“, bestimmt, geführt von Mira Manns wütendem Gesang, der wiederum von einer Intensität, die fast schon beklemmend ist. Spechtls Bewunderung angesichts der Unbedingtheit, mit der Mann selbst in den ruhigen Passagen die Songs an sich zieht, ist nachvollziehbar, nur einmal wechselt sie für „Pool“ die Perspektive und gibt die stille, distanzierte Beobachterin – der Rest ist wildes, leidenschaftliches „Ich“. Einen Song allerdings spart Spechtl bei seinem Rundgang aus, obwohl er sich in seiner Perfektion und seinem – ja, doch: Pop-Appeal so deutlich von den anderen unterscheidet: „Transformer“, gesungen von Lina Seybold, gibt sich erstaunlich zart, eingängig und harmonisch, Warpaint packen solche Dinge gern auf ihre Alben, hier irritiert er als Einzelgänger an zentraler Stelle – ist das Herz also doch ein weiches? Wohl eher nicht. Aber ein Bild mehr und wir stehen davor und staunen.

16.03.  Linz, STWST
17.03.  Wolfsberg, Container25
18.03.  Wien, Venster99
15.04.  München, Milla (Record Release)
19.04.  Dresden, Ostpol
20.04.  Leipzig, Spelunke
21.04.  Berlin, Berghain Kantine
22.04.  Hamburg, Golem
24.04.  Erfurt, Frau Korte
25.04.  Frankfurt, Klapperfeld Ex-Gefängnis
26.04.  Nürnberg, MUZ
27.04.  Karlsruhe, Kohi
28.04.  Saarbrücken, tba.
29.04.  Schorndorf, Manufaktur

Sylvan Esso: Auffrischung

Aus aktuellem Anlaß eine kleine Auffrischung: Sylvan Esso, amerikanisches Elektroduo, hatten ja vor Wochen mit "Radio" und "Kick Jump Twist" schon zwei neue Stücke im Umlauf gebracht, damals allerdings noch im quasi freien Feld. Das hat sich jetzt geändert. Für den 28. April ist via Loma Vista ein Album namens "What Now" angekündigt, das Cover (s.o.) ist auch schon fertig und zur Unterfütterung gibt es noch einen weiteren Track samt Video obendrauf - "Die Young", violá.

Dienstag, 28. Februar 2017

Grandaddy: Im Land der verlorenen Dinge

Grandaddy
„Last Place“

(Smi Col)

Man kann Jason Lytle nicht dankbar genug dafür sein, daß er seine Band Grandaddy vor mehr als zehn Jahren nicht einfach hat sterben lassen. Nicht, weil er es uns in irgendeiner Weise schuldig gewesen wäre oder seine Solowerke enttäuscht hätten. Nein, die Leerstelle war einfach zu groß. Man tut sich ja etwas schwer, den Sound des Quintetts aus Modesto, Kalifornien, seriös einzuordnen – heute würde man wohl den sperrigen Begriff Folktronic bemühen, gepaart mit crispy Gitarrenakkorden und Lytles wattierter Stimme. Gerecht wird man ihnen damit auch nur zum Teil. Vielleicht waren und sind die fünf Herren so eine Art männliche Entsprechung zum Debüt einer gewissen Alison Goldfrapp. Deren Erstling „Felt Mountain“ verkörperte zur Jahrtausendwende ähnlich wundersame Sehnsuchtsklänge, mystisch angehaucht, irgendwie verwunschen also, zutiefst melancholisch und aus einer längst vergangenen Zeit in die heutige gefallen. Für einen kurzen Moment war das ohne Vergleich, die Dame sattelte später allerdings auf stampfende Diskonummern um und den Zurückgebliebenen blieben, quasi als Methadon, nur Platten wie „Under The Western Freeway“ und „The Software Slump“ – von Grandaddy.



Aber was heißt hier: nur? Hört man sich das neue und nicht weniger wunderbare „Last Place“ an, dann wird einem bewusst, was gefehlt hat und wie schön es sich anfühlt, Melodien wie diese wieder an seiner Seite zu wissen. Der betörende Gesang, die fein verwobenen Harmonien (natürlich in Moll), Streicher und Piano, alles schmiegt sich wieder in den Gehörgang und erzeugt dort, selbst wenn es rockig wird, ein wohliges Schaudern. Der Kopf wiederum füllt sich mit so seltsamen wie liebenswerten Bildern aus dem Land der vergessenen Dinge, Schmalfilm-Patina, Spieldosenfantasien und chromglänzende Karossen: „Antique photos of celebrities, Samsung black-and-white fade-away qualities, every woman and child and man in the canyon land, in a trance and wandering about in the canyon land – everything about us is a lost machine, everything about we is a forgotten dream…“ Nicht immer folgen den Erinnerungen nur schöne Gedanken, Songs wie „Evermore“ oder „I Don’t Wanna Live Here Anymore“ dealen mit traurigen Bildern, die auch zu Lytles Fotoalbum gehören. Man blättert sie dennoch gern durch, weil die Musik der Band selbst die Wehmut erträglich macht. Wem, bitteschön, gelingt das sonst … ? http://www.grandaddymusic.com/

Damaged Bug: Angemessen abgefahren [Update]

Von John Dwyer gibt es zwei Arten von Fotos. Solche, auf denen er ziemlich entrückt mit seinem Instrument zu sehen ist und somit seinem Hauptberuf, also Musiker, nachgeht. Und solche, auf denen er ziemlich viel Unsinn treibt - siehe oben. Da er sowohl mit seiner Band Thee Oh Sees als auch solo unter dem Moniker Damaged Bug unterwegs ist, überwiegen die Gitarrenbilder. Gerade hat er sein nächstes Album im Alleingang angekündigt, nach "Hubba Bubba" und "Cold Hot Plumbs" kommt nun also "Bunker Funk" via Castle Face Records zum Verkauf und Single Nummer eins "Bog Dash" klingt schon wieder angemessen abgefahren.

Update: Zwei neue Songs gilt es vom kommenden Damaged-Bug-Album zu vermelden, hier kommen "Slay The Priest" und "Unmanned Scanner".