Samstag, 6. Juli 2019

Ilgen-Nur: Wechselspiel

Die erste Vorankündigung für die Hamburgerin war vor Wochen schon raus, heute kommt die Fortsetzung: Ilgen-Nur, Songwriterin mit Vorliebe für laute Gitarren, hatte im Vorfeld der Veröffentlichung ihres Debütalbums "Power Nap" am 30. August zusammen mit den Tourplänen die erste Single "In My Head" präsentiert, nun geht mit "Easy Way Out" die zweite samt Kurzfilm auf Sendung. Stimmlich wählte die Künstlerin in Kim Gordon ein honoriges Vorbild, sie wollte bei dem Song die Strophen eher sprechen als singen, der Clip von Constantin Timm nimmt uns in einer Art Sammeltaxi mit auf eine nächtliche Reise, man assoziiert mal bedrohliche Spannung, mal Geborgenheit - ein Wechselspiel. Konstant hoch bleibt die Vorfreude auf eine mutmaßlich großartige Platte.

Silverbacks: Gleich nebenan [Update]

Es wäre weit mehr als ungerecht, wenn wir bei dem ganzen (gleichwohl völlig berechtigten) Hype um die Dubliner Post-Punk-Kapelle Fontaines D.C. eine Band vergessen würden, die in der gleichen Stadt wohnt und schon ein paar Takte eher auf dem Radar erschienen ist. Und bevor jetzt alle gleich zusammenzucken - nein, wir reden selbstverständlich nicht von U2. Sondern von den Silverbacks. Die Silberrücken nämlich hatten schon in den vergangenen drei Jahren immer wieder feine Singles veröffentlicht, zuletzt die Songs "Just For A Better View" und "Dunkirk". Und gerade eben kam nun das neue Stück "Pink Tide" um die Ecke, produziert ein weiteres Mal von Daniel Fox (Girl Band).

Update: Und hier auch noch das Video zur Single.



Donnerstag, 4. Juli 2019

Die Kerzen: Poesiealbum

Die Kerzen
„True Love“
(Staatsakt)

Vielleicht hat der olle mecklenburgische Herzog Christian Ludwig II. ja damals irgendwie geahnt, dass das nicht anginge. Dass also eine so wunderbare Band wie Die Kerzen unmöglich aus einem Ort Names Klenow kommen könne. Das macht sich zwar im berlinerischen Dialekt ganz dufte, würde aber dem Charakter des Quartetts in keinster Weise gerecht werden. Und so hat der Hochwohlgeborene schon Mitte des 18. Jahrhunderts ein paar Prunkbauten in der Nähe errichten lassen und die Gegend dann ausgesprochen weise zu Ludwigslust umgetauft. Und das wiederum trifft die Kerze oder besser den Nagel auf den Kopf. Denn mit Lust assoziiert man die Musik von Jelly Del Monaco, Die Katze, Fizzy B und Super Luci sofort, dem Adel sei Dank. Soll heißen: Wahre Liebe, New Romantic, Schmachten, Schwelgen – Wham? Bham! Und es wird einige geben, die behaupten wollen, diese Platte wäre wie gemacht für einen heißen Sommer – stimmt ja. Aber sie macht sich ebenso gut vor einem knisternden Kamin an graufrostigen Wintertagen, man kann sich zu den Songs mit schweißperlenbesetzter Haut in der Sonne aalen oder unter meterdicken Wolldecken verkriechen, sie wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Allwetterplatte sozusagen.



Denn unabhängig von der jeweiligen Witterung spielt sich bei „True Love“ wie schon zuvor auf der ebenso fabelhaften EP „Erotik International“ vieles im Kopf ab, werden bei manchem Erinnerungen heraufbeschworen aus einer Zeit, wo die Liebe noch Herzen zerriss, schmerzte wie die Hölle oder Glücksgefühle auslöste, die man bis dato gar nicht für möglich gehalten hätte. Emotions im Überfluß, das sind Die Kerzen, ganz ohne falsche Scham und Schwülstigkeit, sondern weich, warm, rührend. Und denkbar einfach gemacht: Der Ostrock der späten Achtziger wird ja nicht nur im Besserwesten stets belächelt, hatte aber Qualitäten, die heute gern wieder ausgegraben werden und allemal eine zweite Chance verdienen. Wer sich frühe Stücke von City, Silly, Pankow oder selbst IC Falkenberg anhört, entdeckt dort viel, was eine Band wie die Die Kerzen heute so gut und unverwechselbar macht – simple Soundmuster, hübsche Melodien und vor allem ungekünstelte, im Kleinen wirklich große Poesie.



Inwiefern dieser Bezug bewusst gewollt oder nur zufällig ist, sei dahingestellt, die zehn Songs des Debüts jedenfalls sind übervoll davon, man kann sie aber auch ganz ohne diese Erinnerungsbrille genießen. Sie wippen nicht nur zum feinem Synthpop aus längst vergangenen Tagen von Cola-Whisky, Diskokugel und Trockeneisnebel, sie wollen mit allem Kitsch und überzeichnetem Gefühl auch ernst genommen werden, weil das Leben nicht nur damals so war, sondern auch heute (hoffentlich) ab und zu noch so ist. „Saigon“, „Al Pacino“, „In der Nacht hast Du geweint“ und „Desole“, um nur einige der schönsten zu nennen, besingen Leidenschaft, Sehnsucht, Einsamkeit, Trübsinn, Verzweiflung, Verzückung, solche Dinge. Und wo eine/r sich daran erinnert, wie weh das alles mal getan hat und trotzdem einiges dafür täte, solches noch einmal zu erleben, da steckt der oder die andere mitten in ebenjenem Strudel und verliert sich darin gerade so hoffnungslos – beides vermögen diese Songs zu spiegeln. Wer Schwäche zu zeigen bereit ist, wer Mut hat zum großen Gefühl, gern auch den Überschwang feiert, muß dieses Jahr keine Lieblingsplatte mehr suchen – sie ist soeben erschienen.

13.07.  Chemnitz, Musikmeile
14.07.  Frankfurt/Oder, Hansestadtfest
22.08.  Berlin, Frannz Club
18.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
18.10.  Berlin, SO36
19.10.  Schorndorf, Manufaktur

Dienstag, 2. Juli 2019

The Dead Sound: Neuanfang

Jedem Ende wohnt ein Anfang .. ja, kennt jeder. Scheißspruch manchmal. Dachten sich vielleicht auch die Anhänger der Punkband Freiburg aus Gütersloh, als die vor einem Jahr ihre Auflösung bekanntgaben. Aber irgendwo stimmt's halt dann doch - einige Zeit später sitzt zumindest Lars Borrmann wieder hinter dem Schlagwerk und macht gemeinsame Sache mit zwei Buddies, die sonst ihren Dienst bei Love A tun, Karl Brausch (Gesang/Gitarre) und Dominik Mercier am Bass. Die drei haben sich für ihr einigermaßen neues Projekt The Dead Sound dem Noiserock und Shoegazing verschrieben, Bands wie A Place To Bury Strangers, My Bloody Valentine oder The Jesus And Mary Chain standen zweifellos Pate. Ihr Debütalbum wird unter dem Titel "Cuts" am 19. Juli bei Crazysane Records erscheinen, neben den älteren Stücken "Into The Dark" und "No Tomorrow" haben wir hier das aktuelle Video zur Single "Do You Fear?" parat.

19.07.  Trier, VillaWuller
30.08.  Köln, Stereo Wonderland
31.08.  Berlin, Zukunft am Ostkreuz





The Screenshots: Kleine Freuden

Nicht selten sind die kleinen und unverhofften Nachrichten die erfreulichsten. Diese hier zum Beispiel ist geradezu eine winzige und doch hat sie das Zeug, den Tag zu retten: Die fabelhafte Krefelder Punkrockkapelle The Screenshots nämlich geht noch in diesem Jahr auf "Liebe Grüße an alle"-Clubtour - einfach so. Im November 2018 ist ihr letztes Album "Übergriff" erschienen, darauf so tolle Hammerhits wie "Fußball ist cool", "Hey" oder "Männer", Stücke, die sich auch auf dem Vinyl-Sammelsurium "Europa" finden. Hier also die sehnlichst erwarteten Termine und ein Video-Rundumschlag vom Feinsten.

19.11.  Bremen, Lagerhaus
20.11.  Berlin, Zukunft am Ostkreuz
21.11.  Leipzig, Ilses Erika
22.11.  Chemnitz, Atomino
23.11.  Wien, GrillX
24.11.  Salzburg, Rockhouse Bar
26.11.  München, Milla
27.11.  Karlsruhe, Kohi
28.11.  Stuttgart, Merlin
29.11.  Mainz, Schon schön







Sonntag, 30. Juni 2019

Vandebilt: Durchstarter

Beginnen wir unser sonntägliches Bildungsprogramm heute im englischen Norden, genauer im Städtchen Sunderland. Von dort stammen Jordan Miller, Jack Crack, Jack Wade und Daniel Martin - 2018 haben sie unter dem Namen Vandebilt ihre ersten Demos aufgenommen, stilistisch könnte man ihren Sound als elektrifizierten Funk-Punk bezeichnen. Die erste Single "Dream In Colour" kam im März ins Netz, schon diese sehr poppig und tanzbar, und auch das aktuelle Stück "Pushing Through" hat einen gleich mit den ersten Takten. Wäre verwunderlich, wenn die vier damit nicht gleich durchstarten würden.



Hideous Sun Demon: Big News, erster Teil

Etwas kompromissloser und knackiger gehen dieser drei Kerle zu Werke: In ihrer Heimat Australien sind Hideous Sun Demon eine feste Garage-Punk-Größe, drei Alben haben Vincent Buchanan-Simpson, Andrew Blackman und Jake Suriano aus Melbourne bzw. Perth bereits veröffentlicht (das letzte "Fame Erotic Dream" 2018), nun steht für die kommende Woche via Hell Beach ihre neue 4-Track-EP "Good Time" an und die erste Single "Can't Live Like That" brettert schon mal ordentlich los. Ihr Label hat übrigens verlautbart: "You can expect a lot of big news from the band over the next few weeks" - dann warten wir einfach mal ab, was noch so kommt.



Nobody's Baby: Gut zugehört

Das hier nennt sich Death-Doo-wop und kommt aus der kalifornischen Bay Area, und damit kommen endlich auch einmal ein paar Frauen ins Spiel: Nämlich Katie Rose (Gesang/Gitarre) und Penelope Leegeten (Bass), die von Peter Niven (Gitarre) und Ryan Feras (Drums) unterstützt werden. Die vier werden am 16. August unter dem Namen Nobody's Baby ihre gleichnamige Debüt-EP veröffentlichen, einen von fünf Tracks, die Single "Life Of A Thousand Girls", stellen wir hier schon mal vor und wer meint, sie würden damit in die Fußstapfen von Garbage oder den Cramps treten, hat schon mal ganz gut zugehört.

Harry Mold: Keinen Respekt

Wieder zurück auf der Insel und einen kurzen Ausflug nach Basildon in der Grafschaft Essex gemacht. In der Stadt an der englischen Ostküste, 40 Kilometer von London entfernt, sind nicht nur Alison Moyet und Gemma Ray geboren, sondern stand auch die Wiege von gleich vier Gründungsmitgliedern der Synthpop-Formation Depeche Mode (Clarke, Gore, Fletcher, Gahan), mächtig viel 80er-Tradition, möchte man meinen. Der Junge Harry Mold hat damit so gar nichts am Hut, beschäftigt sich lieber mit zackigem Gitarrenrock und teilt gerade seine Debütsingle "Drain" via Touch Recordings. Keinen Respekt also - gut so, möchte man meinen.

Anna Wiebe: Immer in Bewegung

Ganz zum Schluß noch ein vergleichsweise ruhiger Ausklang dieses heißen Sommertages. Er stammt von der Künstlerin Anna Wiebe aus dem kanadischen Ort Guelph inmitten der großen Seenplatte. Wiebe macht seit 2013 Musik, veröffentlichte 2016 mit einer Reihe versierter Studiomusiker ihr Debütalbum "New Behavior" und hat nun für den 12. Juli die nächste Platte mit dem Titel "All I Do Is Move" geplant. Angelehnt ist der Titel an ein Zitat des Autors Douglas Coupland, das Wiebe sich im Vorfeld der Aufnahmen notiert hatte und das ihr nun wieder in den Sinn kam: "The act of endless motion itself is a substitute for any larger form of thought." Nachdem vor zwei Monaten der Song "Fortune" erschien, geht nun mit "I Felt It In The Wind" ein zweiter vorab in die Runde.

Freitag, 28. Juni 2019

Le Butcherettes: Kaum zu bändigen

Le Butcherettes
„Live At Clouds Hill“
(Clouds Hill)

Dachgeschosswohungen haben ja in den letzten Jahren einen etwas zweifelhaften Ruf erlangt, auch und besonders in Hamburg. Denn gerade dort schlägt die Gentrifizierung über alle Stadtviertel erbarmungslos zu, Schanze, Altona, St. Pauli – der Kiez in seiner ursprünglichen Form geht langsam aber sicher vor die Hunde, alles wird kern- und luxussaniert, mach’s gut, alte Hanse. Auch in Veddel an den Elbbrücken wird das nicht anders aussehen, allerdings hat man dort schon vor Jahren zumindest eine Adresse einer sehr lobenswerten Verwendung zugeführt. Gleich in der Nähe des sogenannten Entenwerders befinden sich nämlich in einem altehrwürdigen Backsteinbau die Studios und Aufnahmeräume von Clouds Hill Recordings. Und unter diesen Dachschrägen, zwischen allerlei nerdigem, musikalischen Liebhabergerät, treffen sich in unregelmäßigen Abständen verschiedenste Künstler zu Sessions vor Kleinstpublikum – Pete Doherty war zu Besuch, Omar Rodriguez-Lopez ließ sich dort von Jean-Hervé Perón (Faust) um ein Haar das Bein absägen und auch Oberarzt Bela B Felsenheimer musizierte in denkwürdiger Atmosphäre. Zuletzt im März zu Gast die fabelhaften Le Butcherettes aus dem mexikanischen Guadalajara.



Nun weiß, wer Teri Bender Gender jemals mit ihrer Band live erleben durfte, um die kaum zu bändigende Wildheit und Wucht des Garagenpunk-Quartetts. Denkbar schwierig also, diese Energie in einem Take auf Tape (denn das ist die Philosophie der Reihe) und hernach auf limitiertes Vinyl zu bannen. Und dennoch scheint es gelungen. Die Aufnahmen sind in Anbetracht der selbstverordneten Spontaneität vielleicht nicht gerade ein Klangwunder, aber die acht Stücke der 12“, allesamt vom aktuellen Album „bi/MENTAL“, kommen trotzdem roh und räudig genug daher, so dass man eine Ahnung davon bekommt, wieso Konzerte der SchlachterInnen sonst eher kultischen Opferzeremonien als durchgeplanten Genußevents gleichen. Eingezählt wird das Ganze mit Benders furiosem Monolog – mutmaßlich direkt aus dem Kopf ihrer Mutter, die eine laute Klage über rastlose Einsamkeit und unstillbare Lust führt. Danach schwankt alles, wie auf dem Original, zwischen monströsem, schartigem Riffgetrümmer und eingängigen Rocknummern, getrieben von Benders Stimmgewalt. Ein wirklich lohnenswertes Dokument ungebremsten Spieltriebs.

30.06.  Berlin, Bi Nuu
03.07.  Dresden, Chemiefarik
04.07.  München, Feierwerk

Yung Hurn: Dada im Spaßbad

Yung Hurn
Airline Show
München, Tollwood Festival, 27. Juni 2019

Die eigentliche Herausforderung ist ja nicht der Besuch selbst. Wenn man in gesetztem Alter ist und sich dazu entschließt, bei Yung Hurn vorbeizuschauen, dann kann man davon ausgehen, daß die übergroße Mehrheit des Publikums höchstens halb so alt ist wie man selbst. Sich davon abschrecken zu lassen wäre keine Alternative, gute Mucke bleibt gute Mucke, auch wenn die Haare schon grau sind und der Rücken schmerzt. Im Zweifelsfall kann man sich ja damit herausreden, dass man halt den eigenen Nachwuchs vorbeibringe und der Einfachheit halber gleich auf ein, zwei Bier dageblieben ist. Im Normalfall (die angenehme Variante) wird man ohnehin ignoriert, ein wenig peinlicher ist die zwar seltene, aber sehr freundliche Respektbekundung („Sie gehen also tatsächlich auf sooo ein Konzert?!“), naja, laß mal besser stecken… Nein, richtig schwierig wird es erst, wenn man darüber schreiben will, denn die Fettnäpfe sind so groß wie die Fallstricke lang. Zur Auswahl steht einerseits der verspannte Oberlehrermodus, der stets vergleichen und ins Verhältnis setzen will und deshalb häufig mit Sätzen beginnt wie: „Also, zu meiner Zeit …“ oder „Bei uns damals hatte/mußte/durfte/brauchte …“ Nicht weniger schlimm: Rezomäßig rankumpeln. Geht immer schief, selbst wenn’s superironisch gemeint ist (siehe Beispiel Sächsische Zeitung). Die Fremdschamquote ist in beiden Fällen ziemlich hoch.

Also dann der Mittelweg, denn einige Dinge gäbe es schon zu sagen. Dass auch die Organisation solch eines Gigs Stolpersteine bereithalten kann, beweist die Einlasskontrolle. Zwei Zugänge zunächst, an beiden jeweils eine Schlange von bis zu einem halben Kilometer Länge (die sich ganz am Ende wieder zum Kreis schließen müssten), Kontrolltempo: keines. Dass dann später noch weitere Tore geöffnet wurden, bekommt nur mit, wer hinten nicht bereits verdurstet und/oder weggedimmt ist, das Einlaßtempo ändert sich nur marginal, viel wichtiger ist, dass der nachlässige Schlangenbenutzer auf den vorgeschriebenen Abstand von genormten 123,5 Zentimetern zum passierten Verkaufstand hingewiesen wird, hier muß dringend verwarnt werden. Einmal drinnen im Zelt, weiß man, dass sich Ärger und Eile nicht gelohnt haben. Ein DJ knüppelt der wachsenden Menge mäßig abwechslungsreichen Techno um die Ohren, es füllt sich und es dauert. Lange – bis zum Hauptact jedenfalls. Denn mit dem Support gibt es ein Wahrnehmungsproblem: Man sieht sie nicht, man versteht sie nicht, man weiß nicht so recht, was sie wollen. Sie hatten wohl gerade nichts Besseres vor. Die Stimmung hält sich in Grenzen.



Das ändert sich zum Glück schlagartig, als Yung Hurn die Bühne entert – infernalisches Geschrei, im Handumdrehen wird aus der Menge ein wogendes Spaßbad aus schwitzenden Körpern, unbedingt textsicher und feierbereit, es kann losgehen. Und das tut es auch, spätestens ab dem dritten oder vierten Song drehen alle frei, „FDP“, „Bianco“, „Ok Cool“, "Cabrio" und „Y. Hurn Wieso?“ sind erwartungsgemäß einige der stärksten. Die Tracks kommen live trotz madiger Zeltakkustik erstaunlich klar und kantig rüber, werden nicht wie befürchtet einfach weggenuschelt. Überhaupt: Allerspätestens ab Ü40 erntet man ja wahlweise Schulterzucken, gehobene Augenbrauen oder verzweifelte Ratlosigkeit, spielt man im Freundeskreis eines der genannten Stücke an, die meisten scheitern, weil sie versuchen, den Inhalt einzig über den Wortlaut, den Text zu begreifen, ohne dem dadaistischen Aspekt, dem Spaß an der Vermengung von Musik, Lautsprache, Dialekt, Geräusch Raum zu geben. Jüngeren Menschen gelingt das offenkundig weitaus besser, unbekümmerter. Es klappt also gut an dem Abend, auch wenn’s scheiße heiß ist – oben lässig, unten entspannt, keine Wünsche offen. Draußen vorm Zelt stehen dann alle, ausgepumpt, dampfend, mit hochroten Köpfen, aber glücklich und für einen Moment zufrieden mit dem Leben.

Felix Kummer: Mit anderen Mitteln

Keine Schrammelgitarren, keine zackigen Drums, stattdessen schleppende Beats und düstere Reime - Felix Kummer, Frontmann der Chemnitzer Truppe Kraftklub, hat eine Solosingle veröffentlicht und dafür das Metier gewechselt. Dass er rappen konnte, wußte man aus diversen Gastauftritten ohnehin, jetzt ist mit "9010" die erste eigene Veröffentlichung raus und zwar eine mit klarer Botschaft. Dass seine politische Heimat links der Mitte liegt, ist jetzt keine so große Überraschung, dennoch sind ein paar deutliche Worte in dieser Zeit sicher gut zu gebrauchen. Kummer wählt dennoch nicht Verachtung und Hass, sondern Abscheu, Ratlosigkeit, gar Mitleid. Kein Geheimnis, dass der Song mit der früheren Postleitzahl seiner Heimatstadt betitelt ist, die einstmals bekanntlich Karl-Marx-Stadt hieß. Was dem Song folgt, ist noch unklar, ein Interview mit Kummer findet sich unter anderem bei Spiegel Online.

Automatic: Tiefgekühlt [Update]

Zunächst einmal sind es nur knappe zweieinhalb Minuten. So kurz nämlich ist die erste Single von Automatic, einer recht neuen Post-Punk-Kapelle aus Los Angeles, die gerade bei ihrem neuen Label Stones Throw veröffentlicht wurde. Das Trio besteht aus Izzy Glaudini (Keyboard), Lola Dompé (Drums) und Halle Saxon (Bass) - singen tun sie alle drei - und begann als DIY-Projekt vor zwei Jahren zusammenzuarbeiten. Der Sound von "Calling It" kommt als tiefgekühlte LoFi-Variante der frühen 80er daher, ein Album, so erzählten sie gerade dem Onlinemagazin Flaunt, ist zwar geplant, im Vordergrund stehen aber eher die gemeinsamen Auftritte. Und die sollen, so liest man weiter, farbenfroh und durchaus konzeptionell angelegt sein.

Update: Den Clip zum Song hat Ross Harris in einer alten Aluminium-Gießerei gedreht, die seit den 70er Jahren der Großmutter von Schlagzeugerin Lola Dompé gehört und nur von Frauen bewirtschaftet wird - das Storybook dazu ist, nun ja, einigermaßen eigenartig.



Donnerstag, 27. Juni 2019

Die Kerzen: Smoothes Gemetzel

Na toll, und das ohne Spoilern!? Zur Band Die Kerzen, die uns der Softpop-Gott direkt aus dem flauschigen Wattehimmel gesandt hat, damit auch wir hier unten im Jammertal mal richtig kuscheln können, haben wir in den letzten Wochen schon einige Sätze gedrechselt. Und es wird wirklich Zeit, dass ihr Album "True Love" nächste Woche bei Staatsakt erscheint. Nicht nur, weil es mutmaßlich supergut werden wird, sondern weil uns bald die Superlative auszugehen drohen. Die wirklich letzten packen wir jetzt also in die Präsentation ihres aktuellen Videos zum unfaßbar smoothen Song "Al Pacino" - so richtig mit Bankrobbery, Entspannungskippen, großen Jungs und coolem Mädchen. Und ganz am Ende? Gemetzel! Aber wer nun an wem, das sollte sich jede/r schon selbst anschauen, wofür haben es die vier denn schließlich gedreht?

13.07.  Chemnitz, Musikmeile Chemnitz      
14.07.  Frankfurt/Oder, Hansestadtfest      
22.08.  Berlin, Pop Kultur/Frannz Club
18.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
18.10.  Berlin, SO36
19.10.  Schorndorf, Manufaktur

Thom Yorke: Von der Rolle [Update]

Ein neues Album steht auch von Thom Yorke ins Haus. Gemeinsam mit Superproduzent und Dauerkollaborateur Nigel Godrich hat er "ANIMA" via XL Recordings produziert, am 27. Juni soll die Platte erscheinen. Zeitgleich ist die Veröffentlichung eines Kurzfilms, eines sog. One-Reelers, geplant, den Yorke zusammen mit Paul Thomas Anderson ersonnen hat - es handelt sich hierbei um einen Film von 10 bis 12 Minuten Länge, der seinen Namen den Filmrollen aus der Stummfilmzeit entlehnt hat und hauptsächlich mit Cartoon- und Comedymaterial gefüllt ist. Seine letzte Soloarbeit war die Songsammlung "Tomorrow's Modern Boxes", darauf folgten diverse andere Projekte, ein Soundtrack und natürlich Aufnahmen mit Radiohead.

02.07.  Köln, Palladium
03.07.  Frankfurt, Jahrhunderthalle

Update: Seit heute sind Album und Film online erhältlich, hier mit "Not The News" ein erster akkustischer Einblick.





Sløtface vs. Lasse Lokøy: Doppelnummer [Update]

Das Markteing geht manchmal seltsame Wege: Da hat vor einigen Tagen Lasse Lokøy, der Bassist der norwegischen Band Sløtface, ein Song-Doppel abgeliefert, das aufhorchen ließ und so gar nichts mit dem kracherten Indierock des Brotjobs zu tun hatte, gute Sache das. Und heute kommt nun, welch Überraschung, die Ankündigung seiner Kollegen daher, dem Debüt "Try Not To Freak Out" aus dem Jahr 2017 bald eine weitere Platte folgen zu lassen. Eine erste Single mit dem Namen "Telepathetic" brettert schon mal via Propeller Recordings durch den Äther und kein anderer als Lokøy gibt bekannt, dass dieses Stück innerhalb kürzester Zeit spät in der Nacht geschrieben und produziert worden ist, "most of us don’t remember any of it because we were so tired”. Okay, dann kann man ihnen nur wünschen, dass sie weiterhin so spät und sprunghaft agieren, es sollte unser Schade nicht sein.

Update: So, zumindest Sløtface schicken ihrer Single heute ein Video hinterher.





Mittwoch, 26. Juni 2019

Sigrid: Improvisationstalent

Das schönste Video dieser Tage - ach was soll's - der nächsten Wochen kommt von Sigrid. Die junge Norwegerin hat nicht wenige in diesem Jahr mit ihrem Debütalbum "Sucker Punch" überrascht - lupenreiner, erstklassiger Dancepop, eine wahre Freude. Zu ihrer aktuellen Single "Mine Right Now" kommt nun ein Clip, der weder auf eine spannende Choreografie setzt noch atemberaubende Effekte aufweisen kann, nein, nicht mal die Künstlerin selbst ist zugegen. Entscheidend ist die Entstehungsgeschichte des Filmchens selbst und das Netzportal The Line Of Best Fit bezeichnet es nicht ohne Grund als das "Fyre Festival unter den Musikvideos": Eigentlich hatte Sigrid nämlich vor, mit einer angeheuerten Crew unter Anleitung von Regisseur Max Siedentopf in den Bergen Bulgariens das perfekte Drama hinzulegen, alles war angerichtet, alles war arrangiert - nur die Hauptperson selbst fehlte noch. Einen Tag vor Drehbeginn hätte sie kommen sollen, doch dann wurde ihr Flug gecancelt und alles drohte in die Binsen zu gehen. Da das Team aber schon mal vor Ort war, entschieden sie sich kurzerhand, die Sache trotzdem durchzuziehen, Sigrids Rolle übernahm in Ermangelung einer anderen Idee Herr Siedentopf selbst und so wurde daraus eine der spaßigsten Angelegenheiten der jüngeren Musikgeschichte. Der Populariät des Albums und der Künstlerin selbst wird das wohl keinen Abbruch tun, der Kontrast aus perfektem Pop und wackeliger Improvisation tut dem Hochglanzgeschäft im Gegenteil ganz gut.

Dienstag, 25. Juni 2019

Brittany Howard: Gegen den Schmerz

Schon bei ihrer Band, den Alabama Shakes, war die Frau eine Schau, nun debütiert Brittany Howard mit ihrem Soloalbum "Jaime". Benannt hat die eindrucksvolle Frontfrau ihre Platte nach ihrer Schwester, die im Teenageralter verstorben ist und der sie nun, wie sie dem Label ATO mit auf den Weg gab, ein positives Denkmal setzen will, das den schmerzlichen Verlust überstrahlen soll. Die erste Single wiederum heißt "History Repeats" - flirrender, jazziger Steamfunk, der Nachfolger des letzten Band-Albums "Sound And Color" kommt am 20. September in den Handel.



Hot Chip: Anspielen gegen die Vergeblichkeit

Hot Chip
"A Bathfull Of Ecstasy"
(Domino Records)

Wenige haben sich um die klug verbastelte Popmusik, Spezialgebiet Indietronica, so verdient gemacht wie Alexis Taylor; Joe Goddard und ihre gemeinsame Band Hot Chip. Wobei die Abmessungen der Gattung ziemlich weit gefasst sind: Die Pet Shop Boys zählen trotz ihrer zunehmend ironischen, subtil politischen Texte ganz gewiß nicht zum Bereich Independent, The Knife aus Schweden wiederum waren eher am provokativen Ende angesiedelt und als Pop im Sinne von „populär“ eigentlich nicht mehr definierbar. Acts wie The Postal Service, die Junior Boys oder Zoot Woman besetz(t)en eher kleinere Nischen, die deutschen The Notwist bringen desöfteren analoge Gitarren ins Spiel, lassen dafür aber ab und an die Tanzbarkeit vermissen. Letztere haben Hot Chip im Laufe ihres Bestehens immer mehr in den Mittelpunkt gerückt, die letzten Alben „One Life Stand“ (2010), „In Our Heads“ (2012) und „Why Make Sense?“ (2015) waren Meilensteine in puncto strictly dancefloor – flauschige Vocals, lässige Beats, wohlig wabernde Synthesizer, man musste sie einfach lieben.



Wie kaum anders zu erwarten, gehen die fünf Herren aus London den eingeschlagenen Weg konsequent weiter, der Sound ihrer mittlerweile neunten Platte entwickelt sich fast zu einer Art Hippiemanifest. Farben sehen und spüren, den Zauber des Moments leben, positiv bleiben, wenn es um eine herum immer dunkler wird – Hot Chip bemühen sich um Optimismus in einer Welt, in der allerorten alte Gewissheiten bröckeln und Fatalismus und Eskapismus auf dem Vormarsch sind. Schon die Ansprache des Predigers im Eingangsstück, der seine Version von peace, love and happiness ausruft, gerät kraftvoll und mitreißend, in Folge übernehmen dies neben den Texten immer auch die wummernden Houserhythmen, die typischen, repetitiven Elemente, der Flow der einzelnen Tracks.



Von platter Erbauungslyrik sind die Herren dennoch weit entfernt, denn ebenso deutlich lassen sich aus den Songs Wehmut, Traurigkeit und gar Verzweiflung heraushören, die Dinge also, gegen die sie eigentlich ansingen und -spielen. „Positive“ beispielsweise wendet sich gegen notorische Schwarzseher, in „Why Does My Mind?“ beklagt Taylor sein eigenes Hirn, das so gar nicht funktioniert, wie er es gern hätte: „Why does my mind fill all my time, with lust and blues? It's true. Why can’t my mind keep things in line, so we can trust in me, and I, you?”, da klingt natürlich auch ein Stück weit die Vergeblichkeit durch, welche Taylor, Goddard, ja wir alle ahnen. Dennoch: Wenigstens für die Spieldauer des Albums macht sich ein wohliges Gefühl breit, füllen warme Melodien, berührende Harmonien die Räume und lassen einem die Hoffnung, es könnte sich doch alles irgendwie zum Besseren wenden, wenn wir selbst es denn (bei uns) schaffen – Hot Chip für ihren Teil haben schon mal angefangen. https://www.hotchip.co.uk/

03.12.  Berlin, Columbiahalle
05.12.  Lausanne, Les Docks
11.12.  Hamburg, Docks