Dienstag, 19. September 2017

Sløtface: Diskrete Gehirnwäsche

Sløtface
„Try Not To Freak Out“

(Propeller Recordings)

Ganz so neu ist die Taktik nicht, aber so sympathisch hat sie bislang noch kaum jemand umschrieben: Das norwegische Quartett Sløtface hat es sich seit seiner Gründung im Jahr 2012 zur Aufgabe gemacht, politische Standpunkte nicht etwa mittels kruder Punkattitüde zu transportieren, sondern diese der größeren Wirkung wegen besser in feine Melodien zu verpacken: „We think pop music is a great tool to sneak really important messages into catchy melodies. It's a very discreet kind of brainwashing“, sagten sie kürzlich dem Portal altpress.com und liegen damit wahrscheinlich auf den Punkt richtig. Denn nicht nur die hierzulande anstehende Wahl zeigt, daß kaum etwas so unglaublich langweilen kann wie agitatorische Bekehrungsversuche nach herkömmlichem Muster, selbst Politiker-Interviews mittels zielgruppenaffiner Youtube-Stars wirken eher einschläfernd, der Informationsgehalt sinkt hierbei in gleichem Maße wie die Fremdscham nach oben schnellt. Sløtface gehören nun aber mal tatsächlich zu einem Teil der jungen Generation, der einerseits über gesamtgesellschaftliche Lebensumstände nachzudenken bereit ist und darüberhinaus versucht, seinen Mitmenschen die beharrliche Auflehnung gegen die Zerstörung der Umwelt und für die unbedingte Gleichbehandlung von Männern und Frauen nahezubringen.



Und zwar mit ihren Mitteln. Wobei sich vor allem Haley Sheas Gesang als Wucherpfund erweist, gelingt es ihr doch, je nach Anforderung angemessen wütend oder verführerisch zart aufzutreten – der krachige Indierock mit Mut zur anschmiegsamen Hookline tut ein Übriges. Gleich beim Einstieg „Magazine“ läßt Shea keine Zweifel daran aufkommen, daß sie das Körper-Diktat einschlägiger Modezeitschriften für unsinnig und geradezu gefährlich hält, später tagträumt sie sich an die Seite von „Nancy Drew“, der berühmten Detektivin und Superheldin aus den Büchern der Dreißiger. Ein ganze Reihe feiner Songs also, bei „Pitted“ haben die Skandinavier für gute Ohren sogar ein paar Trompeten versteckt, „Slumber“ kommt als zweistimmiger Einschmeichler daher – mit einem Anlauf von vier EP also ein überaus gelungener Erstling. Zum Eintrag als kulturelle Berühmtheit auf der Wikiseite ihrer Heimatstadt Stavanger haben es Sløtface übrigens noch nicht geschafft, da müssen immer noch Dom und Konservenfabrik herhalten. Wenn es mit der Band allerdings so furios weitergeht, wird da sicher bald eine Aktualisierung fällig sein.

19.09.  Köln, MTC
22.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
24.09.  Wiesbaden, Schlachthof
26.09.  München, Strom

Montag, 18. September 2017

New Candys: The Italian Job

Dunkles aus Italien, genauer aus Venedig: Die New Candys, seit 2012 im Dienste des Noiserocks Marke Jesus And Mary Chain unterwegs, haben für den 6. Oktober ihr neues, drittes Album via Fuzz Club Records angekündigt. "Bleeding Magenta" ist in Eigenregie entstanden und mit "Excess" gibt es hier die erste Hörprobe davon - Fernando Nuti (Gesang, Gitarre), Diego Menegaldo (Gitarre, Gesang), Stefano Bidoggia (Bass, Keys) und Dario Lucchesi (Drums) sind im Dezember auch für ein paar Termine in Deutschland und Umgebung unterwegs.

07.10.  Berlin, Interkosmos Fest
03.12.  Hamburg, Hafenklang
04.12.  Dortmund, Labsal
12.12.  Erfurt, Frau Korte
20.12.  Biel, La Salopard
21.12.  Nürnberg, Z-Bau
22.12.  Linz, Kapu
23.12.  Wien, Das Bach

Crooked Colours: Auf den Zettel

Crooked Colours
„Vera“

(Import)

Gar keine Frage, natürlich müssen die Schwergewichte, so sie es denn verdient haben, gelobt und gefeiert werden – all eyes on, alles richtig. Dennoch wünschte man sich manchmal ein wenig mehr Aufmerksamkeit für die scheinbar Kleinen, die Newbies, denn auch Arcade Fire, LCD Soundsystem und The National (um mal drei der letzten Bestseller zu nennen) haben mal unten angefangen und mussten um die Gunst ihrer Zuhörer buhlen. Und zwar zu Zeiten, da sich die Kundschaft noch keinem solchen Bombardement aus Bildern und Tönen ausgesetzt sah und mehr Zeit war, ein Album mal am Stück durchzuhören. Natürlich kann man trefflich darüber streiten, ob denn das nun wirklich bessere, leichtere Zeiten gewesen sind oder ob, die Killers haben sich gerade entsprechend in der Tonart verstiegen, die Musik heute einfach nicht mehr die Qualität hat wie noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Schwer vorstellbar eigentlich.



Das Trio Crooked Colours aus dem australischen Perth jedenfalls wird damit ganz sich nicht gemeint sein und kann doch etwas Vorschuss gut gebrauchen – vor einigen Wochen ist ihr Debütalbum „Vera“ erschienen und wenn man neben einem guten Herzen halbwegs Sinn und Verstand beisammen hat, dann muss man hier kräftig loben: Wunderbar luftige Melodien, die in den vorab verbreitenen Singles schon anklangen und nun auf kompletter Spiellänge nichts von ihrem Reiz verloren haben. Wer die Wild Beasts oder Django Django zu seinen Vorlieben zählt und wem Neuankömmlinge wie Methyl Ethel und Cool Sounds nicht entgangen sind, der wird an dieser Popmischung seine Freunde haben. Philip Slabber, Leon De Baughn und Liam Merrett-Park mögen es, soviel ist sicher, eingängig, geschmeidige Sythies, hübsche Gitarrenhooks, ein paar Bläser dazu, klug gemachter LoFi-Pop rules. Hier ein wenig Reggae und Dub („Hope You Get It“, „Vera“), gegen Ende hin mehr und mehr elektronisch („Show Me“, „Perfect Run“), alles in allem ein Sound, dem man sich nur schwer entziehen kann. Jetzt brauchen die drei also nur noch einen langen Atem.

03.10.  Köln, Gebäude 9
04.10.  München, Ampere
05.10.  Nürnberg, Club Stereo
06.10.  Leipzig, Neues Schauspiel
07.10.  Berlin, Ritter Butzke
11.10.  Luzern, Schüür
12.10.  Basel, Parterre
13.10.  Bern, Dachstock
14.10.  Zürich, Exil

Samstag, 16. September 2017

Muna: Vorgeschmack

Gerade weil wir hier nach wie vor der Meinung sind, daß Muna der bislang wichtigste Poplichtblick des Jahres waren und ihr Album "About U" als eines der besten unbedingt in die Top Ten 2017 gehört, weil wir weiterhin noch nicht verwunden haben, daß das Trio in Europa nur als Supportact von Harry Styles zu sehen sein wird (und nicht etwa und berechtigter Weise umgekehrt) - gerade deshalb ist es tröstlich, wenn Katie Gavin, Josette Maskin und Naomi McPherson gerade mit einem neuen Song für diese Tour aufwarten. "In My Way"

27.10.  Köln, Palladium (mit Harry Styles)
07.11.  Berlin, Tempodrom (mit Harry Styles)

Freitag, 15. September 2017

The National: Umständehalber

The National
„Sleep Well Beast“

(4AD)

Um ehrlich zu sein, die Planungen bzw. Erwartungen für The National sahen ein wenig anders aus: Nach ihren beiden okayen, aber nicht gerade umwerfenden Alben „High Violet“ und „Trouble Will Find Me“ war man darauf gefaßt, wieder eines dieser grummelnden Standardwerke in Überlänge zu bekommen – die herrlichen Gründerzeiten lange aus dem Blick, das Nötigste getan, so schön gemütlich hier … Und nun? Nichts mit mittelalterlicher Genügsamkeit, kein Dienst nach Vorschrift. Sänger Matt Berninger hatte ja schon im Vorfeld der Veröffentlichung von Platte Nummer sieben im NME schon gewarnt: "I’m going very dark with the new National record, which is a place I love to go. People have always described our music as dark and say it goes very melancholy, somber places. They haven’t heard anything yet! This next thing is crazy.” Und zu viel versprochen hatte er dabei tatsächlich nicht, die Suche nach den Gründen hierfür endet aber mit einer etwas heiklen Antwort.

Was nämlich wäre passiert, so die etwas steile These, wenn der gefährliche Dumpfkopf und Toupetträger in den USA die Wahlen im Dezember letzten Jahres nicht gewonnen und also alles weiterhin seinen beschaulichen, wenn auch deutlich friedvolleren Lauf genommen hätte? Man kann ja nicht bestreiten, daß sich nach einigen Anlaufschwierigkeiten unter den Künstlern, also auch Musikern (zumindest denen, die der Meinungsbildung grundsätzlich positiv gegenüberstehen), eine durchaus fruchtbringende Wut eingestellt hat, Trump zudem unfreiwilligerweise sogar eine Politisierung all derer herausgefordert hat, die bislang ihre Ansichten eher im Stillen formulierten und jetzt eine Art Erweckungserlebnis gegenwärtigen. Schon klar – man hätte liebend gern auf diese Herausforderung, gerade auch weil sie so unwägbar ist, verzichtet, aber gäbe es denn ohne sie so wunderbare Platte wie „DAMN.“, „We Got It From Here…“, „FLOTUS“, „in.ter a.li.a“, „American Dream“?!



Und eben auch „Sleep Well Beast“? Wobei die politische Komponente, die ja nun schon erstaunlich genug für The National ist, nur einen Teil der gelungenen Überraschung ausmacht. Neben der dunklen, hadernden, bedrohlichen Lyrik von „Walk It Back“ (mit einem ziemlich gruseligen Zitat zum Selbstverständnis der Neuen Rechten), „The System Only Dreams In Total Darkness“ und „Turtleneck“, neben dem ganzen Grant also, denn Berninger vorträgt, zeigt sich der Sound der Band von umwerfender Frische und Wandelbarkeit. Die Hälfte des Albums wurde offenbar völlig angstfrei in die Hände verständiger Programmierer gelegt, es pluckert, pocht und klackt nach Herzenslust und zwar immer an der richtigen Stelle, der Groove paßt und man merkt, wieviel Berninger, der zusammen mit den Dessners produziert hat, wohl aus seiner Zeit bei EL VY an lohnenswerten Erfahrungen einbringen konnte.



Darüber hinaus gibt es kratzig schiefen Bluesrock („Turtleneck“), zärtliche Liebeserklärungen an Frauen und Städte („Born To Beg“, „Guilty Party“) und sogar ein paar klug dosierte Erinnerungen an die alten Hits auf „Boxer“ und „Alligator“, hier mit schwungvollen Gitarren zu „Day I Die“. Noch mehr ließe sich noch aufzählen – die rührende Widmung an die kürzlich verstorbene Schwiegermutter von Aaron Dessner („Carin At The Liquor Store“) ist nur ein Moment von vielen. Dass Matt Berninger die anfängliche Vermutung vielleicht nicht ganz daneben findet, darauf könnte man bei seiner Erklärung des Plattentitels schließen: „… the beast for me isn’t a negative thing: it’s the future. We’ve all got kids, and when I see all of our kids… They’ve got a challenge ahead of them, but I feel positive about the future. The beast is like, wait until the youth wakes up. It’s an abstract thing.“ Musik wie diese könnte den Jungen und den Alten sicher dabei helfen, mit dem Beast klarzukommen, wenn es sich schon nicht von selber trollt. http://americanmary.com/

21.10.  Hamburg, Elbphilharmonie
23.10.  Berlin, Tempodrom
24.10.  Berlin, Tempodrom

Sgrow: Beim Namen genommen

Namen sind Schall und Rauch, sagt man. Stimmt aber gar nicht. Denn schon die Protagonisten Vilde Nupen und Kristoffer Lislegaard lesen sich mit wohligem Schaudern und wenn man dann noch ihr gemeinsames Projekt Sgrow über die Lippen bringt, ist die Assoziation perfekt: Nordisch karge Kühle, mystische Landschaften, alles ziemlich düster. Ähnliches läßt einen dann auch die Musik empfinden - gerade haben die beiden mit "Feel Something" einen neuen Track ins Netz gestellt, der recht bedrohlich scheppert und einen kräftig durchschüttelt, auch wenn Nupens Stimme eher zart bleibt. Das Debütalbum des Duos aus Norwegen ist 2015 unter dem Namen "Terrors And Ecstasies" erschienen, nach einem ausgiebigen Aufenthalt in Toronto ist der Nachfolger nun für Oktober geplant.

Update: Mit "Kismet" gibt es einen weiteren Song des unterkühlten Duos aus Oslo zu hören - das neue Album wird im Übrigen "Circumstance" heißen und am 10. November erscheinen.


Wild Ones: Singe lieber ungewöhnlich [Update]

Ist die Suche nach dem geeigneten Sommerhit eigentlich schon abgeschlossen? Wenn nicht, wie wäre es mit den Wild Ones aus Portland und ihrem flirrenden "Paresthesia"? Die Wahl würde jedenfalls ein ganz besonderes Stück treffen, hört man nämlich Sängerin Danielle Sullivan genauer zu, wird schnell klar, daß sich hinter der wundervollen Melodie ein sehr ernsthaftes Thema versteckt - es geht um Angstzustände, Nervenstörungen, Dinge also, mit denen man sich eigentlich ungern beschäftigt und die man in solchem Rahmen schon gleich gar nicht besingt. Gerade das aber macht das Stück und die Band so interessant, man darf sich schon mal den 6. Oktober vormerken, dann nämlich erscheint bei Topshelf Records das Album "Mirror Touch". Ganz so unbekannt sind die fünf im Übrigen nicht mehr, vor zwei Jahren wußten sie schon mit ihrer EP "Heatwave" zu überraschen.

Update: Und hier kommt mit "Standing In The Back At Your Show" die zweite Single dieser wunderbaren Band.

Donnerstag, 14. September 2017

Kraftklub: Platte mit Stil

Das hätte sich Ol' Dirty Bastard zu Lebzeiten auch nicht träumen lassen, daß sein Song mal als Soundtrack für die Plattenbau-Ästhetik von Ol' Dirty Karl-Marx-Stadt herhalten darf: Laut Felix Brummer war "Chemie Chemie Ya" auf der Zitatescheibe "Keine Nacht für Niemand" von Kraftklub als Hommage an den New Yorker Rapper gedacht, dazu ließ nun Regisseur Sebastian Tomczak die Kamera durch die Betonfelsen von (Vermutung) Fritz-Heckert-Town fahren. Abgefuckte Ostoptik, funktioniert eigentlich immer.

A Certain Ratio: Auffrischung

Als ob sie's nötig hätten: Das honorige Label Mute Records hat offenbar zum Beginn des vierten Quartals beschlossen, sich bei der Hörer- und Käufergunst ganz vorn zu platzieren und also 2017 zu einem ganz besonderen Jahr zu machen. Kürzlich haben die Briten bekanntlich verkündet, das Gesamtwerk der Industrial-Pionieren Throbbing Gristle auf Vinyl wiederzuveröffentlichen, nun gaben sie bekannt, daß Ähnliches auch mit den genauso heiß verehrten Helden des Post Punk A Certain Ratio passieren soll. Den Anfang machen am 24. November die Alben "The Graveyard And The Ballroom" (in der limitierten Version mit farbiger PVC-Hülle, CD und Kassette), "To Each" und "Force" (beide farbiges Vinyl), im Februar 2018 folgen dann "I'd Like To See You Again", "Good Together" und "acr:mcr". Und weil das alles so wunderbar ist, gibt es hier noch einen kleinen Labelsampler der Band vorab und die Nachricht, das A Certain Ratio am 16. Dezember in Manchester spielen werden - wer also um die Weihnachtszeit noch nichts vorhat...

Febueder: Erwachen [Update]

Und noch einmal Alternativ-Pop, diesmal aus dem englischen Ascot: Von dort stammt das Trio Febueder - seit 2010 musizieren Kieran Godfrey (Gesang, Gitarre) und Samuel Keyssel (Percussion) miteinander, 2015 kam Toby Ingram (Bass) hinzu, am 12. Mai soll nun ihre neue EP "From An Album" erscheinen. Fünf Tracks wird sie enthalten, für "Morning Yawn" hat Timothy Jacob Elledge ein Video mit starken Bildern beigesteuert.

Update: Und hier kommen mit "Shapeshifter" und "Stilts" noch weitere Songs der EP.





The Lumes: With Compliments [Update]

Das ist mal ein Satz, auf den man sicher auch im Raum Stuttgart nicht wenig stolz ist: "‘Envy’ combines the relentless noise rock of Protomartyr and Die Nerven with the dynamic shifts of The Pixies." Daß Die Nerven als Referenzgröße für die niederländische Formation The Lumes herhalten, dürften die schwäbischen Noiserocker schon als Kompliment verstanden wissen, zeigt es doch, daß ihr Stil - gerade wieder auf dem fulminanten Album "Live in Europa" manifestiert - durchaus ein prägender ist. Die Parallelen jedenfalls sind schnell herauszuhören, Post-Punk meets treibenden Gitarrenlärm, im Oktober wird besagte EP "Envy" bei Crazysane Records erscheinen und die erste Vorabsingle "Compulsion" ist schon mal eine Wucht - wen es nach mehr verlangt, der darf sich gern mal bei Bandcamp umtun, dort steht die ältere 12" "Lust" im Stream bereit.

Update: Gern wollen wir hier das Video zum Song "Slow" ergänzen.



Dienstag, 12. September 2017

Pale Honey: Größer denken

Schweden bleibt, wie sollte es anders sein, en vogue: Vor zwei Jahren hat das Duo Pale Honey aus Göteborg das gleichnamige Debütalbum veröffentlicht und dem Begriff LoFi eine neue, lohnende Facette verliehen. Die neue Platte von Tuva Lodmark (Gitarre) und Nelly Daltrey (Drums) soll nun, so haben die beiden bekanntgegeben, erwachsener klingen und offensichtlich, glaubt man der ersten Auskopplung "Get These Things Out Of My Head" ist das Ding mit der Enthaltsamheit auch ein Stück weit passé. Dafür spricht auch, daß mit Anders Lagerfors ein neues Bandmitglied mit an Bord ist, am 13. Oktober soll "Devotion" bei Bolero Recordings erscheinen.

AUTOBAHN: Eins nach dem anderen [Update]

Erst kamen die Tourdaten (vorerst leider nur auf der Insel selbst), nun auch der Grund dafür: AUTOBAHN, britische Post-Punk-Kapelle aus Leeds, haben den Nachfolger für ihr beachtliches Debüt "Dissemble" aus dem Jahr 2015 fertig - am 3. November soll "The Moral Crossing" via Tough Love Records erscheinen. Zehn neue Songs hält die Band mit dem sehr deutschen Namen bereit und den Titelsong kann man sich in Folge gleich im Stream anhören.

Update: Autobahn mit Zukunft - hier die nächste Single "Future".



Violet Youth: Paßt ins Bild [Update]

Blackburn? Schon mal gehört? Klar, seit der Fußball von der Insel mit seinen Trilliarden in aller Munde ist, kennt man auch die Blackburn Rovers und die waren schließlich schon mal Englischer Meister. Über zwanzig Jahre her ist das, noch weitere zehn Jahre früher war die Glanzzeit der immer noch allgegenwärtigen 80s und wenn die aufgewärmt wird, fällt auch der Name Echo And The Bunnymen. Mit ihrem Sänger Ian McCulloch waren sie mal das ganz große Ding und hatten tatsächlich zu Beginn des besagten Jahrzehnts einige richtig gute Platten im Angebot. Long time ago, kein Wunder, daß die Sehnsucht nach ähnlichen Erfolgen wächst und ebenso verständlich, daß vier junge Burschen, wenn sie nur annähernd so ähnlich aussehen wie ihre großen Vorbilder, auch gleich in diesem Topf verrührt werden. Violet Youth aus Blackburn also sollen die neuen Echo And the Bunnymen sein. Klingen tatsächlich so und Sänger Owen kann in Sachen Optik in der Tat punkten. Ihre aktuelle EP "Primary Nature" besteht aus vier angemessen dunklen Wavepopliedern und es sollte nicht verwundern, wenn wir von den Jungs bald mehr hören würden.

Update: Und hier kommt ein feines Video zur aktuellen Auskopplung "She Said".



I'm Not A Band: Tanz der Stilisten [Update]

Tja, mit "violin and vocals" ist das so eine Sache, da ist man ganz schnell das neue Nerd-Ding und von Coolness um Lichtjahre entfernt. Könnte man meinen. Muß aber gar nicht sein. Nicht nur, weil die elektrisch verstärkte Violine Dank so prominenter Mitstreiter wie Laurie Anderson, Warren Ellis und Owen Pallett im Laufe der Jahre an Popularität gewonnen hat - auch Tanzbarkeit ist mit diesem Instrument durchaus hinzubekommen. Stephan Jung und Simon Ortmeyer beweisen das seit mehreren Jahren, unter dem Namen I'm Not A Band haben die beiden Berliner schon diverse Singles und Kurzformate produziert, die letzten Alben stehen mit "BandBand" (2012) und "Oceans" (2015) zu Buche. Jetzt wurde ein weiteres angekündigt, am 22. September soll "Past Forward" erscheinen und mit "Stronger" und ganz aktuell "Call The Light" federn schon mal zwei Tracks fröhlich vor. Das Cover der Platte hat übrigens die Künstlerin Peggy Kuiper (Holland/London) gestaltet und auch der Clip zur ersten Single "Stronger" ist nach ihren Ideen entstanden. Stil haben die beiden Herren also auch noch - was soll da schon schiefgehen?

25.10.  Stuttgart, Café Galao
17.11.  Zürich, tba.
08.12.  Hannover, Faust - Mephisto
14.12.  München, Ampere
18.01.  Leipzig, Werk 2
19.01.  Dresden, Ostpol



Mittwoch, 6. September 2017

Kagoule: Vermisstenmeldung

Zwei Jahre ist das kleine Wunder mittlerweile alt, mit dem die Krachkapelle Kagoule damals entzückte: Im August 2015 erschien das Debüt des Grunge-Trios aus Nottingham und die Verweise zu Nirvana und den Smashing Pumpkins waren so unüberhörbar wie überaus gut gelungen, „Urth“ wusste zudem mit einer eigenwilligen Optik zu begeistern, die die Band in der heimatlichen Werkstatt selbst entwarf. Ein Jahr später gab es, die wenigen Livetermine flankierend, eine weitere Single namens „Magnified“ samt Video – dann: Stille. Das heißt, getourt sind die drei natürlich weiterhin, aber neues Material ließ lange Zeit auf sich warten. Umso größer also die Freude, das nun „Monsieur Automaton“ via Ra Ra Rok Records um die Ecke knirscht. Und was soll man sagen – alles beim Alten, zum Glück. Dicker Bassgroove, windschiefe Gitarren, Widerhakenmelodien, klaustrophobisches Artwork, passt. Hoffen wir, dass zu den angekündigten Konzerten daheim bald ein paar auf dem Festland kommen und der Monsieur nicht allzu lange allein bleibt. Eine neue Platte nämlich wäre dringend von Nöten.

Montag, 4. September 2017

Throbbing Gristle: Zum Vierzigsten

Das nennt man mal fruchtbare Gleichzeitigkeit: Um den Zeitpunkt, als sich in Düsseldorf mit Kraftwerk eine der einflussreichsten deutschen Musikgruppen aller Zeiten (und mithin eine der wenigen mit internationaler Reputation) zusammenfand, ging im englischen Yorkshire aus der Kunstgruppe COUM Transmissions das Nebenprojekt Throbbing Gristle in der Urbesetzung Genesis P-Orridge, Cosey Fanni Tutti, Chris Carter und Peter Christopherson hervor, die ihrerseits als die maßgeblichen Erfinder der Industrial Music gelten. Ohne sie keine Clock DVA, keine Psychic TV, Test Dept., Laibach, Cabaret Voltaire und letztlich auch keine Nine Inch Nails. Bis zum amtlich anerkannten Debüt „The Second Annual Report“ vergingen nochmals ein paar Jahre, 1977 erschien das Album und eröffnet am 3. November wiederum einen Reigen von gleich zehn Neuveröffentlichungen, die das Label Mute Records gerade verkündet hat. Zunächst werden neben dem Erstling auch noch „20 Jazz Funk Greats“ und „The Taste of TG: A Beginners Guide to Throbbing Gristle“ erscheinen, am 26. Januar folgen dann „D.o.A. The Third and Final Report“, „Heathen Earth“ und „Part Two: Endless Not“ und Ende April 2018 schließt sich der Kreis mit „Mission of Dead Souls“, „Greatest Hits“, „Journey Through a Body“ und „In The Shadow Of The Sun“. Zumindest von den drei ersten Werken wird es neben der regulären Doppel-CD auch eine farbige Doppel-Vinyl-Variante geben – als akustische Kostprobe spendiert Mute an dieser Stelle schon mal die Neufassung von „United“ aus dem Jahr 1978, im Original auf „The Taste of…“ enthalten.

Sonntag, 3. September 2017

Baula: Kein Scherz

Was sich im ersten Moment wie die sächsische Verballhornung der Berliner Band Paula ausnimmt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als isländisch-schwedisches Pop-Duo: Ísak Ásgeirsson und Karolina Thunberg spielen seit 2015 unter dem Namen Baula miteinander, wohnen mittlerweile in Göteborg und stellen hier ihre drei neuesten Songs vor. Die Vorliebe für die dänischen Raveonettes läßt sich leicht heraushören, die beiden scheuen aber auch den Einsatz von Bläsern und Piano nicht - im Folgenden also "Don't Bother", "Just Like Yesterday" und das aktuelle "Nova", produziert von Henryk Lipp (Anna von Hausswolff, Graveyard, Millencolin).

The Steve McQueens: Weitverbreitet

Wir müssen noch mal kurz über Coolness reden. Einen Begriff also, der sehr eng mit drei Namen verbunden ist: James Bond, Paul Newman und Steve McQueen. Warum die beiden Amerikaner für ersteren nie eine Rolle übernommen haben, liegt auf der Hand - eine Frage der Herkunft, keineswegs der Eigung, versteht sich. Newman ist vor knapp neun Jahren verstorben und hat nicht nur eine riesige Lücke hinterlassen, sondern auch das wunderschöne Philippe-Djian-Zitat, das wir an dieser Stelle gern noch einmal wiederholen wollen: "Mitunter gibt es nichts Härteres auf der Welt, als nicht Paul Newman zu sein. Vor allem, wenn das Wetter mies ist." McQueen, ebenbürtig in vielerlei Hinsicht, hat es bekanntlich schon deutlich eher und vor der Zeit erwischt, Verehrung und Faszination halten jedoch weltweit unvermindert an. So benannten beispielsweise Ginny Bloop, Joshua Wan, Jase Sng und Aaron James aus Singapur ihre Band nach dem Schauspieler, seit 2013 spielen The Steve McQueens zusammen eine ziemlich aufregende Mischung aus Neo Soul, Jazz und Funk - am 13. Oktober soll nun via Umami Records ihr neues Album "TERRAЯIUM" erscheinen, von dem bislang der Song "Hephaestus" vorlag, nun ist als zweite Single "Sun" dazugekommen.

Freitag, 1. September 2017

Casper: Draußen vor der Tür

Casper
„Lang lebe der Tod“

(Sony)

Menschen mit zerrissenem Herzen zuzuhören ist immer ein zwiespältiges Vergnügen, man fühlt sich immer ein wenig ungut dabei, wie ertappt, weil doch Melancholie, Traurigkeit, Verzweiflung und Wut zwar gut klingen, doch dem Eigentümer des Herzens weitaus mehr Probleme bereiten als einem selbst. Curtis, Cobain, würde ganz gut passen jetzt. Doch deren Herzen waren gebrochen, das von Benjamin Griffey aka. Casper schlägt uns hochtourig und widerständig in seinen Bann. Es gibt ja nicht viele, mit denen man so mitleiden kann wie mit dem Jungen aus Bielefeld, die gegerbte Stimme, Texte, Körper, Gestik, besagte Zerrissenheit war schon immer sein Programm. Liest man die Geschichte des aktuellen, vierten Albums, folgt man den neuen Stücken, dann hat sich daran nichts geändert: Selten, dass sich jemand derart offensiv und öffentlich dem Dilemma des Künstlers stellt, den es zwar nach Anerkennung verlangt und der doch, je mehr er diese Zuwendung, diese Verehrung spürt, auf Abstand mit Anstand, auf Abgeschiedenheit, auf Distanz pocht.

Ein hilfloser Zauberlehrling mit nichts mehr als dem sehnlichen Wunsch, den Beifall und die Likes ohne all die Hoffnungen und Projektionen, ohne das ein und alles zu bekommen, davon erzählen auf dieser großartigen Platte gleich drei Songs auf verschiedene Weise – „Lass sie gehen“ mischt falsche Erwartungen, Überforderung und Mutlosigkeit, „Deborah“ deutet den schlimmsten aller Abschiede an und auch „Meine Kündigung“ formuliert den Zwiespalt in erstaunlicher Deutlichkeit. Vierzig Tage Stardome, die restlichen dreihundertzwanzig als musikalischer Eremit, das entspräche, so hat es Casper gerade erzählt, seinen Vorstellungen von einem erfüllten Leben. Natürlich weiß er selbst nur zu gut, dass dieser Mittelweg nicht zu bekommen ist, denn allein die Livebühnen des Landes, für die er lebt und wo er ein ums andere Mal regelrecht verschlungen wird, kosten ihn deutlich mehr Lebenszeit als die biblische Zahl. Und versorgen ihn, so darf man annehmen, wiederum mit der notwendigen Schubkraft für die weniger euphorischen Momente des Lebens.

Man wünscht ihm, dass er den Spagat weiterhin auszuhalten vermag, denn es würde eine Stimme fehlen, die vielen gerade jetzt, wo babylonisches Geplärre die Orientierung erschwert, eine wichtige ist. Und ein Sound, der in dieser Form, also der Verbindung von unglaublicher, brachialer Wucht mit melodieverliebter Schönheit und Eleganz, nahezu einzigartig ist. Wie zum Beweis die ersten vier Tracks, ein Triumphzug: „Lang lebe der Tod“ als bittersüße Gothpop-Hymne mit Blixa Bargeld, Sizarr und Dagobert, „Alles ist erleuchtet“ dann macht aus dem rettenden Lichtschein eine trügerische Hoffnung, weil er doch nur aus dem irisierenden Geflacker der Bildschirme gespeist wird, von dem wir uns nicht lösen können und wollen. Der Tanz auf den Ruinen kurz darauf, der fatalistischste Sommerhit seit langem – „Keine Angst“ mit dem wunderbaren Drangsal und einem sepiafarbenen Slomo-Clip, bei dessen Dreh man gern dabeigewesen wäre.



Und schließlich die „Sirenen“, der Rammstein-Moment für den Straßenkampf, Crossover-Mucke mit fetten Beats und rasenden Gitarren, kaltes Klirren, kehliges Geschrei und ein Vorgeschmack auf das finale Getöse ganz am Schluss des Albums. Es war im Vorfeld viel davon die Rede, dass „Lang lebe der Tod“ sein unangenehmstes Werk sei – wie die schwindelerregenden Millionensummen für halbwegs begabte Kicker zeigen, verbrauchen sich solche Superlative schnell. So platt es klingt: Die Zeiten werden härter und so klingen diejenigen, die bereit sind, das Leben draußen vor der Tür mit ungeschönter Poesie und zugleich mitmenschlicher Haltung zu begleiten, folglich genauso hart und kantig. Hierbei dennoch Zweifel, Schwächen und Ängste zuzulassen und zu benennen, kommt nicht eben häufig vor, nicht zuletzt dafür gebührt Casper größter Respekt. Er wird wohl weitermachen müssen. www.casperxo.com

31.10.  Münster, Halle Münsterland
03.11.  Zürich, Samsung Hall
04.11.  Stuttgart, Schleyer-Halle
08.11.  Hamburg, Sporthalle
10.11.  Dortmund, Westfalenhalle
14.11.  Wien, Stadthalle
17.11.  München, Zenith
18.11.  Frankfurt am Main, Festhalle
21.11.  Leipzig, Arena
22.11.  Bremen, ÖVB-Arena
24.11.  Berlin, Max-Schmeling-Halle
25.11.  Hannover, Swiss-Life-Hall
26.11.  Würzburg, S. Oliver Arena
10.03.  Erfurt, Messehalle