Dienstag, 23. Mai 2017

Fearing: Untergrund

So, jetzt zur Abwechslung wieder mal etwas gänzlich Düsteres: Für Fearing, ein Quartett aus dem kalifornischen Oakland, ist die dortige Sonne offensichtlich nicht erfunden worden, die Männer um Sänger James Rogers geben sich derart spaßfrei, daß man fast versucht ist, ein weiteres Revival des Gothrock auszurufen (wo doch das letzte noch gar nicht so lange her ist). Abgrundtiefe Stimme, flackernde Minimalbeleuchtung, Bass und Gitarren direkt aus dem Untergrund - so zumindest hört sich die aktuelle Single "Another Night" der an diesem Freitag erscheinenden EP "A Life Of None" an - natürlich nirgendwo anders als bei Funeral Party Records.

Sløtface: Nicht ganz so brav [Update]

Okay, Haim waren heute sicherlich ein Knaller. Aber so gut sie klingen - ein wenig brav sind sie eben schon. Da passt es ganz gut, daß wir mit Sløtface noch eine Band für heute in petto haben, die etwas wilder ist. Die Norweger um Leadsängerin Haley Shea hatten ja im vergangenen Jahr eine Reihe vielversprechender Songs veröffentlicht, nun ist für den 15. September endlich ihr Debütalbum "Try Not To Freak Out" angekündigt und mit "Magazine" gibt es davon auch gleich die erste Single zu hören.

17.09.  Berlin, Musik und Frieden
19.09.  Köln, MTC
21.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
24.09.  Wiesbaden, Schlachthof
26.09.  München, Strom 

Update: Ersetzen wieder mal Ton durch Bild - hier ist das Video zur Single + Coverart des Albums.


Montag, 22. Mai 2017

Pumarosa: Universell

Pumarosa
„The Witch“

(Caroline/Universal)

Es gab und gibt ja in Kunst einige wenige Universalgenies, denen es vergönnt war bzw. ist, stilistisch auf verblüffend vielfältige Weise zu glänzen. Maler, bei deren Oeuvre man also das Gefühl hat, es versammle nicht das Werk eines Einzigen, sondern das mehrerer Genies verschiedener Epochen; Filmregisseure á la Spielberg, die in sämtlichen Genres zur Hochform auflaufen oder Schriftsteller wie beispielsweise der bewundernswerte David Mitchell, der dem Leser mit jedem seiner Romane einen weiteren Kosmos mit einer neuen Sprache erschließt oder dies im allerbesten Falle gleich mehrfach zwischen zwei Buchdeckel zu packen vermag. Und auch wenn die Haare, an denen dieser Vergleich herbeigezogen wird, ziemlich lang sind – nicht anders verhält es sich mit dem vorliegenden Album.



Denn dem Londoner Quintett Pumarosa gelingt es auf unvergleichliche Art, verschiedenste Facetten und Gesichter auf die Spiellänge einer knappen Stunde zu verdichten. Da hätten wir den fein verschränkten Synthpop von „Dragonfly“, knorrige Post-Punk-Gitarren bei „Honey“ und die ausufernde Psychedelik von „The Witch“. Der hypnotische Flow samt wunderbarem Saxophonsolo der Vorabsingle „Priestess“ nimmt sich mit siebeneinhalb Minuten genausoviel Zeit, wie er eben braucht, „Lions Den“ gemahnt mit schwermütigem Piano-Intro an einen Radiohead-Song aus Kid-A-Zeiten wie das darauffolgende „Gruesome“ an den unbeschwerten Indierock der Neunziger. Es fehlen nicht die funkigen Gitarrengrooves („Red“), Drum’n’Bass-Beats („Hollywood“) und nervöse Jazz-Anklänge beim abschließenden „Snake“.

Zuviel des Guten? Keinesfalls. Denn ähnlich wie der Maler mit Pinsel und Leinwand bringen es die Musiker von Pumarosa mit der bezaubernden Sängerin Isabel Munoz-Newsome bei jedem ihrer Stücke zu erstaunlicher Perfektion, gerade so, als hätten sie ihren Lebtag nichts anderes gemacht als jenen Sound in diesem einen Moment. Wer mag, darf sich gern ein paar Verbindungsglieder erschließen, welche die Vielfalt zusammenhalten: Die Melancholie und zeitweise Düsternis vielleicht, die durch die Stücke schimmern (und sie manchmal nahe an den Gothrock bringen) oder vielleicht die Rolle der Frau als geheimnisvolles, kämpferisches und angreifbares Wesen, im hypnotischen Doppel aus Titelsong und „Priestess“ thematisiert. Viel mehr an Mut und Inspiration läßt sich (genreübergreifend, wenn man so will) zur Zeit kaum hören.

Donnerstag, 18. Mai 2017

Love A: Schreiende Ungerechtigkeit

Love A
„Nichts Ist Neu“

(Rookie Records)

Für Verlierer ist normalerweise nichts zu holen. Der letzte, für den mehr heraussprang als ein Blumentopf, war ein linkischer Schlacks namens Beck Hansen und fragte „I’m a loser baby, so why don’t you kill me?“ Fünfundzwanzig Jahre ist das mittlerweile her, geändert hat sich seitdem nichts. Was Wunder also, daß eine so gute Band wie Love A aus Trier wahrscheinlich auch mit dem vierten Album keine allzu großen Bäume ausreißen wird. Fair ist das nicht. Hier paßt er mal, der Begriff der „schreienden Ungerechtigkeit“. Denn was in der Kriminologie das Übertöten, das ist bei Love A und ihrem so leidenschaftlichen Frontmann Jörkk Mechenbier das Überschreien. Da muß alles raus, der ganze Frust, die Abscheu, die Enttäuschung. Seit ihrem Debüt „Eigentlich“ aus dem Jahre 2011 hat sich an den Songs nichts Wesentliches geändert, Punkrock im Grenzbereich, schnell, kraftvoll, stets am Anschlag. Wer da wen vor sich hertreibt – Stimme den Sound oder umgekehrt – ist eigentlich egal, die Welt ist zu schlecht, um stillzuhalten und weil sie nicht besser wird, werden auch Love A nicht leiser.



Und die Mängelliste ist lang: Man lebt nebeneinander her, ohne sich zu kennen, die Entfremdung nimmt zu und das Scheitern ist Alltag („Nachbarn II“), die Gedanken und Gesänge von gestern sind heute dank Petry Heil und Adolf Wundermann buchstäblich wieder brandaktuell („Unkraut“), der „Sonderling“ wird verlacht (obwohl wir uns doch alle die kleine Wohlfühlnische wünschen), der oder das Deutsche nervt generell („Löwenzahn“) und „am Ende des Tages sind wir alle gefickt“, stolpern einfach weiter und haben uns ans Verlieren schon lange gewöhnt. Richtig glücklich ist hier niemand, keiner leidet so schön wie Mechenbier und der einzige Trost ist, daß eben das dazugehört zum Leben: „Wir müssen Risse haben, damit das Licht hineinkann, wir müssen Kanten haben, damit es Risse gibt“ („Kanten“). Wie er seine Zeilen über den Münchner Stenz, den „Monaco“-Franze meint, bleibt im Ungefähren, da paßt der Unmut nicht so recht zum Charme des Protagonisten. Egal, man würde ihnen wünschen, daß die Wut sich auch mal auszahlt, endlich. http://love-a.de/

24.05.  Hamburg, Molotow
25.05.  Düsseldorf, Zakk
26.05.  Wiesbaden, Schlachthof
27.05.  Leipzig, Conne Island
01.07.  Trier, Sommerbühne Ex-Haus
14.07.  Dortmund, Youth Brigade Festival
29.09.  Hannover, Faust
30.09.  Flensburg, Volksbad
01.10.  Rostock, PWH
02.10.  Bremen, Tower

Holy Boy: Immer noch frostig

Aus dem norwegischen Bergen ins kalifornische Los Angeles - ein ziemlich weiter Weg, den Helene Jæger da unternommen hat: Ihre Herkunft kann die Dame allerdings kaum verleugnen, denn die Musik, die sie unter dem Pseudonym Holy Boy macht, klingt doch sehr nach frostigen Nächten im oberen Teil der Nordhalbkugel. Solistisch vor einem Jahr mit dem Song "15 Billion Miles" in Erscheinung getreten, kommt nun das mächtig bollernde "Lay Your Hands" hinterher - der Track stammt von ihrer ersten EP, die am 9. Juni via Native Habitat erscheinen soll.

Mittwoch, 17. Mai 2017

Marika Hackman: Der Ernst der Lage [Update]

Man müßte schon längere Zeit suchen, wollte man ein Bild finden, wo sie nicht ganz so finster dreinschaut: Marika Hackman ist also mit ihren 25 Jahren ein größtenteils ernstes Mädchen. Was einer Folkmusikerin, die mit "We Slept At Last" schon ein hochgelobtes Album herausgebracht hat, sicher ganz gut zu Gesicht steht. Keine Frage, daß da mehr kommen soll und so ist für den 9. Juni das zweite Werk der Londonerin geplant - "I'm Not Your Man" kann bislang zwei Songs als Hörprobe vorweisen, hier also "Boyfriend" und ganz aktuell "My Lover Cindy". Und wer gut aufgepaßt hat, der weiß, dass Hackman hier im vergangenen Jahr schon wegen ihres Duetts mit dem ebenfalls verheißungsvollen Oscar Scheller aufgetaucht ist ("Only Friend").

Update: Und hier ist das Video zur aktuellen Single, gedreht hat den Clip Sam Bailey von der befreundeten Band Francobollo - sehr strange. Dazu kommt mit "Violet" ein weiterer Track vom neuen Album.



Dienstag, 16. Mai 2017

OMD: Noch nicht fertig

Nicht ganz so lange im Rennen wie die Sparks, aber auch schon etwas Patina angelegt haben Orchestral Manoeuvres In The Dark, kurz OMD. Eigentlich galt das Wave-Duo 1998 ja schon als endgültig beerdigt und die Stammplätze mit den immergleichen Songs auf den unvermeidlichen Hitsamplern waren fix gebucht. Doch Andy McCluskey und Paul Humphreys hatten offenbar keine Lust, die 80er auf immer und ewig abzufeiern und so nahmen sie 2006 die Arbeit für zwei leidlich erfolgreiche Alben wieder auf. Am 1. September soll nun via White Noise Records das nächste folgen, "The Punishment Of Luxury" erhielt seinen Titel nach einem Gemälde des italienischen Malers Giovanni Segantini und wird zwölf neue Songs enthalten, den ersten Vorgeschmack gibt es mit "La Mitrailleuse" gleich vor Ort und ab November auf Deutschland-Tour.

25.11.  Erfurt, Traumhits Festival
26.11.  Hamburg, Große Freiheit
28.11.  Berlin, Huxley's Neue Welt
29.11.  Leipzig, Haus Auensee
30.11.  München, Tonhalle
02.12.  Offenbach, Stadthalle
03.12.  Düsseldorf, Mitsubishi Electric Hall

Gemischtes Doppel: The Japanese House vs. Babeheaven [Update]

Selten hat man die Gelegenheit, gleich zwei tolle Bands mit zwei tollen Songs in einem Post anzupreisen. Bei den beiden folgenden macht das durchaus Sinn, denn Amber Bain alias The Japanese House und Babeheaven werden bald für acht Termine in England die Bühne teilen. In Vorbereitung also das folgende Material: Bain hat für den 16. Juni ihre bislang vierte EP angekündigt, die erste Single daraus, "Saw You In A Dream" (produziert mit George Daniel/1975), stellen wir jetzt vor. Die wunderbaren Babeheaven wiederum, hier schon mit ihren Songs "Moving On" und "Ode To Dom" gewürdigt, haben sich für ihren Neuling "Your Love" mit Deem Spencer zusammengetan - Hammersong!

Update: Gute Gelegenheit, noch mal auf beide Bands und Songs hinzuweisen, denn sowohl The Japanese House als auch Babeheaven haben nun die passenden Videoclips parat.

The Japanese House (solo)
02.05.  Hamburg, Prinzenbar
03.05.  Berlin, Privatclub
06.05.  Wien, Chelsea
07.05.  Zürich, Papiersaal



No Vacation: Mögliche Urlaubsbekanntschaft [Update]

Das Leben kann manchmal ziemlich ungerecht sein. Immer dann nämlich, wenn man sich mal entspannen möchte, der Geist hinwegdämmert und auch sonst alles schön im Fluß ist, kommt garantiert von irgendwo eine Stimme daher mit dem denkwürdigen Schlußsatz: "Wir sind doch hier schließlich nicht im Urlaub!" Um wievieles härter muß diese Ermahnung junge Leute treffen, die in San Francisco aufgewachsen sind, in der Sonnenstadt schlechthin also. Sab Mai, Marisa Saunders, Nat Lee, Harrison Spencer und James Shi zum Beispiel. Doch unterkriegen lassen die sich davon nicht. Sondern gründen einfach eine Band mit dem Namen No Vacation und schreiben traumhafte Lieder. "Beach Bummer" zum Beispiel, oder "Dreamgirl", eine wunderbare Ode an ein Mädchen mit blauen Knien. Und jetzt eben "Mind Fields". Die Single ist seit Ende Februar im Handel und wir wollen trotzdem darauf verweisen - im Juni soll ihr nächstes Album, Nachfolger für das 2015 erschienene "Amo XO", erscheinen. Genau das Richtige für den Urlaub also.

Update: Den wollen wir gleich weiterreichen - mit "Yam Yam" gibt es einen neuen Song, mutmaßlich von der immer noch im Juni geplanten LP.

Courtney Barnett: Ei mit Hai

Neues von Courtney Barnett ist immer einen Post wert: Die so liebenswerte wie streitbare Australierin hat im Rahmen einer Splitsingleaktion der Labels Milk! Records und Bedroom Suck eine 7" mit dem Titel "How To Boil an Egg" aufgenommen und wenn jetzt jemand energisch dazwischenrufen will "Moment, das Ding kenn' ich doch schon!", dann müssen wir sagen: Jain. Denn der Titel ist tatsächlich eines der ersten Stücke, die Barnett im Alter von einundzwanzig schrieb, für die aktuelle Version hat sie in aber nochmal alle Instrumente neu eingespielt und zwar höchstselbst. Wann der Nachfolger für ihr formidables Album "Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit" (2015) ins Haus steht, wissen wir allerdings noch nicht, dieses Stück steht vorerst nur für sich allein.

Montag, 15. Mai 2017

Fleet Foxes: Gar nicht vergeblich

Schon die erste Kostprobe war im besten Sinne reichhaltig, nun kommt die zweite hinterher: Von ihrem für den 16. Juni angekündigten dritten Album "Crack-Up" haben die Fleet Foxes Anfang März die Vorabsingle “Third of May/Ōdaigahara” veröffentlicht, für die nächste Nummer "Fool's Errand" gibt es nun einen Videoclip, gedreht von des Sängers Robin Pecknolds Bruder Sean. Und weil es gerade so gut paßt, kommen hier noch drei der lang erwarteten Livetermine hinterher.

12.11.  Hamburg, Docks
13.11.  Berlin, Columbiahalle
01.12.  Köln, Live Music Hall

Cigarettes After Sex: Endzeitstimmung [Update]

Über den betörenden Charme der Musik von Cigarettes After Sex, einer vierköpfigen New Yorker Kapelle, haben wir hier ja schon geschwärmt, von dem tiefschwarz gefärbten Pop gab es bislang eine EP zu hören, nun soll am 9. Juni via Partisan Records endlich ihr Debütalbum folgen. Darauf enthalten neben dem letztens vorgestellten Song "K." auch die neue Single "Apocalypse", erfreulicherweise kommen die vier Herren auch gleich noch auf ein paar Termine vorbei.

11.04.  Berlin, Heimathafen Neukölln
12.04.  Hamburg, Knust
26.04.  München, Technikum
27.04.  Wien, Flex
03.08.  Luhmühlen, A Summer's Tale
06.11.  Köln, Kulturkirche
04.12.  Zürich, Plaza
06.12.  Berlin, Astra

Update: Ein weiterer Song erreicht uns heute - hier kommt "Each Time You Fall In Love", dazu noch drei neue Termine für das spätere Jahr.



Woman: Nicht an jeder Ecke

Woman
„Happy Freedom“
(Asmara)

Fast ist man versucht sich zu entschuldigen, weil man dem Kölner Trio nach Anhören ihrer vorzüglichen Single „Control“ Soulambitionen angedichtet hatte. Natürlich spielen Woman keinen Soul, ebensowenig wie Funk, Progrock, Synthpop oder Dance. Jedenfalls nicht ausschließlich. Denn was die Musik von Manuel Tran, Milan Jacobi und Carlos Hufschlag auszeichnet, ist die Fähigkeit, mit all den genannten Stilen so gekonnt zu jonglieren, daß es schwerfällt, diese Mixtur in eine einzige Schublade zu stecken. Das kann bisweilen auch gewaltig schiefgehen, man kann sich verzetteln und einen Gemischtwarenladen in Discountergröße aufbauen – die drei tun zum Glück das nicht. Der Sound von Woman ist angenehm ausbalanciert, geschmeidig und vertrackt zugleich, eigentlich finden sie immer einen Dreh, die Songs weder beliebig noch anstrengend klingen zu lassen.



Daß Zebo Adam, der Mann hinter den österreichischen Durchstartern Bilderbuch, seine  Finger an den Reglern hatte, läßt sich unschwer heraushören, ein Stück wie „Love“ hätte mit seinen breitbeinigen Gitarrenriffs plus ein wenig mehr Schmäh durchaus auch auf der letzten Platte der Wahlwiener Platz gefunden. Auch andere Bezüge sind mit Bedacht, aber aller Deutlichkeit gewählt – Pink Floyd schimmern passenderweise in einem Track namens „Money“ durch die Saiten, für Moroder, Zoot Woman und The Whitest Boy Alive bleibt bei „Marvelous City“ und „Concrete Jungle“ genügend Assoziationsspielraum, später darf man noch die Pronomen Space-, Post- und Art- in die Rock-bzw. Popkiste packen. Alles klug gemacht, Feinmechanik quasi, sämtliche Rädchen und Schräubchen sitzen und funktionieren an der richtigen Stelle und dank häufig eingestreuter, angenehm vertrauter Funkrhythmen kommt selbstredend der Tanzboden nicht zu kurz.

Damit aus dem Ganzen kein allzu ausgelassenes Fest wird (was man bei dem Titel ja durchaus vermuten könnte), geht es textlich eher besinnlich zur Sache, dem Netzmagazin Diffus haben sie kürzlich in den Block diktiert, daß sie sich sehr wohl Sorgen um die politische Kultur und das Stimmungsbild in diesem Lande machen, insofern sind der fiese Bassbeat aus „Khung-Bo“ oder die Schwermut mancher Zeile keine Ausrutscher, sondern die Folge betonter Nachdenklichkeit. Soll heißen, so „happy“ ist die grenzenlose Freiheit nicht zu haben und hat man sie erst einmal, dann will auch verteidigt werden. All diese Dinge unter einen Hut zu bringen ist schon eine beachtliche Leistung, die – mit Verlaub – hierzulande in dieser Qualität nicht an jeder Straßenecke zu finden ist.

Freitag, 12. Mai 2017

Feist: Gegen die Schwerkraft

Feist
„Pleasure“

(Polydor)

Das Leben zwischen den Extremen ist bekanntlich kein einfaches. Aber eben auch kein langweiliges. Wer also mit Eintönigkeit, Vorhersehbarkeit und Langeweile nicht viel anzufangen weiß, lebt und liebt den Überschwang, in die eine und in die andere Richtung. Für den geht es nach oben wie nach unten gleichermaßen. Auch die Kanadierin Leslie Feist kennt die Tücken des Auf und Ab, die Versuchung, nicht alles und jeden an sich heranzulassen, das Leben auf Abstand zu halten. Und hat darüber auf ihrem aktuellen Album, das nicht nur Vergnügen heißt, sondern auch ein großes ist, den passenden Song geschrieben: „As long as I stay closed like that, secretive to stay intact. Well that is not fun, that’s why I couldn’t trust anyone at all“ heißt es dort, und weiter: „I was living in extremes and everything that that means … So I got high and I got low.” Die ganze Platte ist hin- und hergerissen, zwischen zartesten Folkpop-Melodien mit zerbrechlichem Gesang in traurig versonnener Melancholie, und verzerrten Gitarrenriffs, sich überschlagender Stimme, wilder Selbstbehauptung. Ein Spiegel ihrer selbst, so kann man es deuten.

Schon der Titelsong, begleitet von Chilly Gonzalez am Klavier, tastet vorsichtig und rockt rotzig zugleich, sie trauert der alten Liebe rührend hinterher (“I Wish I Didn’t Miss You”) und beschwört die neue gleich im Anschluss (“Any Party”), gibt der Sehnsucht nach Einfachheit wunderbare Worte auf den Weg (“Baby Be Simple”) und weigert sich, dann wegzulaufen, wenn es wieder hinab geht. Überhaupt, die Düsternis, sie klingt öfter an auf “Pleasure” als man es von ihren früheren Alben kennt. Die Zeilen von “The Century”, wieder begleitet von Gonzalez und unterstützt vom erzählerischen Bass des Jarvis Cocker, führen in eine Seele, der die dunkle Seite des Mondes nur allzu bekannt ist: “Almost as long as one of those endless dark nights of the soul, those nights that never end, when you believe you'll never see the sunrise again, when a single second feels like a century…” All das illustriert mit Chorgesängen und bemerkenswert vielschichtigen Arrangements, produziert von Langzeitbegleiter Dominic Salole alias Mocky und Renaud LeTang – emotional, dünnhäutig, trotzdem stark. “The experience of pleasure is mild or deep, sometimes temporal, sometimes a sort of low grade lasting, usually a motivator. If the way you look at things is how they look then my motivation is to look with a brighter eye”, so Feist über das Thema ihres Albums. Das Bemühen, diese Sicht der Dinge in ihre Songs zu übersetzen, ist hier trotz aller Schwere jederzeit spürbar und macht sie zu einer Ausnahmeerscheinung. http://www.listentofeist.com/

20.07.  Mainz, Zitadelle
24.07.  Berlin, Tempodrom
02.08.  München, Circus Krone
19.08.  Winterthur, Steinberggasse

Die Liga der Gewöhnlichen Gentlemen: Schnellstmöglich

Damit war so schnell nicht zu rechnen, da haben sie einen kalt erwischt: Das Hamburger Swingkommando Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen werden doch tatsächlich am 14. Juli ein neues Album veröffentlichen, und das, wo doch das alte noch gar nicht so alt ist. Macht man sowas? Tja, wenn man es sich leisten kann... Elf neue Songs stehen bereit, über die Landesgrenzen hinaus für Furore zu sorgen und selbst die Ankündigung, dass es sich bei "It's OK To Love DLDGG" um ein Konzeptalbum handeln soll (normal ja: Igitt!), kann die Begeisterung kaum bremsen. In der geradezu euphorischen Vorabproklamation des Labels Tapete Records ist von vielen Gästen die Rede, es fallen Namen wie Andreas Dorau und Lloyd Cole, potzblitz! Und ein Tour, ja auch die soll es geben und zwar ganz bald - daß München (wir erinnern: Heimat von Werner Enke!) nicht mit auf dem Zettel steht, kann sich nur um einen ärgerlichen Praktikantenfehler handeln und ist vielleicht dem Umstand geschuldet, daß dieser das heimelige Atomic Cafe auf der Booking-Suche nicht finden konnte. Wird hoffentlich schnellstbaldmöglichst korrigiert!

14.07.  Hamburg, Hafenklang
15.07.  Berlin, Monarch
13.09.  Bielefeld, Nr.z.P.
14.09.  Hannover, Bei Chez Heinz
15.09.  Köln, Gebäude 9
16.09.  Wolfsburg, Saunaclub
29.09.  Leipzig, Naumanns im Felsenkeller
30.09.  Mainz, Schon Schön
01.10.  Karlsruhe, KOHI
02.10.  Stuttgart, Goldmarks
12.10.  Düsseldorf,Tube
13.10.  Aachen, Raststätte
14.10.  Münster, Gleis 22



Thurston Moore: Vorerst kein Bedarf [Update]

Mittlerweile sollte sich ja jede noch so kleine Hoffnung, es würde sich mit Sonic Youth endlich mal die richtige Band zu einer Reunion entschließen, zerschlagen haben - Lee Ranaldo, Kim Gordon, Thurston Moore, bei allen läuft es solo soweit prima und so wird es wohl auf absehbare Zeit keine weitere Zusammenarbeit ergeben. Apropos Moore: Der hat gerade sein fünftes Soloalbum via Caroline/Universal mit dem Titel ""Rock'n Roll Consciousness" angekündigt, am 28. April soll die Platte mit ganzen fünf neuen Stücken erscheinen, eines davon "Smoke Of Dreams" gibt es hier schon als Videoclip, mit dabei im Studio waren im Übrigen auch Debbie Googe (My Bloody Valentine) und SY-Drummer Steve Shelley.

Update: Ein neuer Clip zum aktuellen Album macht die Runde - hier ist "Aphrodite" mit gut acht Minuten Spielzeit.

20.06.  Hamburg, Knust
21.06.  Köln, Stadtgarten
28.06.  Zürich, Bogen F
30.06.  München, Strom
04.07.  Dresden, Beatpol



HAIM: Hype on! [Update]

Auf den Tag hatten ja schon viele hingezittert: Die Geschwister HAIM, clevere Mädchenkombo mit einer ziemlich sagenhaften Debütplatte im Portfolio, hatten in den vergangenen Tagen ja schon kräftig für ihr bald anstehendes, neues Album getrommelt, nun lassen sie zumindest mal die erste Single "Right Now" aus dem Sack und die darf schon mal als sehr gelungen gelten. Der Rest folgt dann garantiert scheibchenweise in den nächsten Stunden. Hype on!

Update: Zum Weiterhypen gleich noch einen neuen Song - hier kommt "Want You Back". Oder, wie heißt es auf den neuen T-Shirts so treffend: Go Haim Or Go Home!



Donnerstag, 11. Mai 2017

Sleaford Mods: Grund zur Beschwerde

Sleaford Mods
Support: Pisse, Mark Wynn
Freiheiz, München, 10. Mai 2017

Da hat doch tatsächlich gerade ein eifriger Lokaljournalist versucht, für eine Konzertankündigung den bayerischen Grant und den englischen Rant zu verbandeln, was rein buchstabentechnisch eine tolle Idee ist, sonst aber schiefgehen muß. Denn die unwirsche und derbe Beschwerde über alles und jeden ist den hiesigen Ureinwohnern quasi in die Zirbelholzwiege gelegt, ist ein Wesenzug, der keinen konkreten Anlass braucht – der Bayer grantelt halt, weil er muß. Die Wut und der Furor der beiden Burschen da oben auf der Bühne, von denen ja eigentlich nur der eine, also Jason Williamson, wirklich verhaltensauffällig am Fluchen und Schimpfen ist, haben sehr wohl ihre aktuellen Gründe und es ist anzunehmen, daß die Sleaford Mods nicht halb so populär wären, würden in ihrem Heimatland nicht eine Reihe gewissenloser Geschäftemacher und politischer Autodidakten die Tagesgeschäfte bestimmen und eben jenes Land in Grund und Boden regieren. Insgeheim ist man also fast froh, daß es ehemals Cool Britania anhaltend schlecht geht, kommt man doch so in den genug übelst gelaunter und deshalb vorzüglicher Modmucke.

Obwohl die beiden Herren ihre schlechte Laune natürlich ständig vor sich hertragen (es sei denn, irgendein Idiot meint, seinen vollen Bierbecher über Andrew Fearns Laptop ausgießen zu müssen), zwischendrin präsentieren sich die zwei durchaus launig. Williamsons Gestik changiert ohnehin zwischen gockelhafter One-Man-Show (gern auch mit Grunzen und Bellen garniert) und seinen markanten, scharfzüngigen Rap-Tiraden, bei denen man sich gleichermaßen Sorgen um seinen Gemütszustand und die Haltbarkeit der Stimmbänder macht. Umsonst, der Mann ist fernab der Bühne, das weiß man, ein kluger, besonnener und sehr reflektierter Kopf mit viel Humor und großem Herzen. Anhänger haben die Sleaford Mods jedenfalls auch in München reichlich gesammelt, nach dem letztjährigen Auftritt im beengten, aber charmanten Feierwerk nun also mit neuem Album der geräumige Mehrzwecksaal, viel Platz für die Moshpit also – vorzugsweise zu Killertracks wie „T.C.R.“, „Jolly Fucker“, „Tweet Tweet Tweet“, „BHS“ und „Jobseeker“. Natürlich wären ein paar Minuten obendrauf (bei knapp einer Stunde netto) schön gewesen – ehrlicherweise würde man selbst aber bei einem solchen Auftritt nach spätestens drei Songs völlig entkräftet ins Publikum kippen. Also ein letztes Mal „Tied Up In Nottz“ angestimmt und raus mit Applaus. Und hoffen, daß der Laptop gehalten hat und die beiden auch in der kommenden Saison noch Bock auf Bavaria haben …

Swimming Tapes: Gegengewicht

Und damit da ja kein Ungleichgewicht entsteht, wollen wir der Dunkelheit schnell etwas Helles entgegenstellen: Passenderweise haben die Swimming Tapes, Londoner Dauergäste bei MPMBL, eine neue Single parat - "Queen's Parade" stammt von einer neuen EP, die das Quintett gerade über Hand In Hive Records angekündigt hat - mehr dazu bald wie gewohnt an gleicher Stelle.

Lød: Keine Schlafmützen

Natürlich hat man, hört man sich diesen Song an, sofort Mr. Murphy und sein gerade erst zu neuem Leben wiedererwecktes LCD Soundsystem im Kopf: Aber das sind nicht die einzigen, die einem während der achteinhalb Minuten in den Sinn kommen - auch das schwedische Krautrock-Kollektiv Audionom, leider zur Zeit nicht aktiv, meldet sich aus dem persönlichen Langzeitspeicher. Lød jedenfalls stammen aus Kopenhagen und bestehen aus den Musikern Søren Gade (Gesang), Mads Uldum (Schlagzeug), Sebastian Kjær (Bass), Anders Andersen (Keyboards) und Erik Thøgersen (Gitarre), der feine Track "Folder" stammt von der Debüt-EP der Band, die am 30. Juni via Tough Love erscheinen soll. Klar, daß wir da dranbleiben. Ach ja, eins noch: Bitte nicht mit dem gleichnamigen Einrichtungshaus verwechseln, für Bettwäsche sind die Herren kaum zuständig...