Dienstag, 29. Januar 2013
Wieder auf den Brettern
Lang war von den vier Jungs aus Florida nichts zu hören, eine kleine EP ("Tarot Classics"), sonst Sendepause. Nun sind Surfer Blood also mit einem neuem, ihrem zweiten Longplayer bald zurück im Spiel. "Pythons" wird der Nachfolger von "Astro Coast", ihrem Debüt, heißen, produziert hat Gil Norton und mit "Weird Shapes" gibt es schon einen ersten Song.
Montag, 28. Januar 2013
Momentaufnahmen
Das ist nicht nur für Filmfreaks unterhaltsam: Im Video zu "gun-shy", der nächsten Auskopplung aus dem Album "Shields" von Grizzly Bear, gibt sich die Band experimentierfreudig - Haut, Haare, Fingernägel, mit allem, was die Körperpalette so hergibt, wird hochauflösend und wahlweise mit Zeitraffer oder Superslomo herumgespielt, ein kleines Meisterwerk. Verantwortlich zeichnet dafür im Übrigen Kris Moyes, dessen Arbeiten für Franz Ferdinand, Wolfmother, The Presets oder Hercules And Love Affair man sich hier ergänzend anschauen kann.
Gekommen um zu bleiben
Erst war es weg, nun ist es wieder da: Das Video zum ersten neuen Stück aus "Shaking The Habitual", dem kommenden Album von The Knife. Regie führte die in Berlin lebende Schwedin Marit Östberg, bekannt vor allem durch ihren Beitrag zum 13teiligen Pornozyklus "Dirty Diaries", der 2009 veröffentlicht wurde und für den Karin Elisabeth Dreijer Andersson aka. Fever Ray auch schon die Musik beisteuerte. Das offizielle Statement zum jetzt schon kontrovers diskutierten Clip lautet:
"The film 'Full of Fire' started to grow as an embryo in the song's lines 'Who looks after my story'. Who takes care of our stories when the big history, written by straight rich white men, erase the complexity of human's lives, desires and conditions? The film 'Full of Fire' consists of a network of fates, fears, cravings, longings, losses, and promises. Fates that at first sight seem isolated from each other, but if we pay attention, we can see that everything essentially moves into each other. Our lives are intertwined and our eyes on each other, our sounds and smells, mean something. Our actions create reality, we create each other. We are never faceless, not even in the most grey anonymous streets of the city. We will never stop being responsible, being extensions, of one another. We will never stop longing for each other, and for something else."
"The film 'Full of Fire' started to grow as an embryo in the song's lines 'Who looks after my story'. Who takes care of our stories when the big history, written by straight rich white men, erase the complexity of human's lives, desires and conditions? The film 'Full of Fire' consists of a network of fates, fears, cravings, longings, losses, and promises. Fates that at first sight seem isolated from each other, but if we pay attention, we can see that everything essentially moves into each other. Our lives are intertwined and our eyes on each other, our sounds and smells, mean something. Our actions create reality, we create each other. We are never faceless, not even in the most grey anonymous streets of the city. We will never stop being responsible, being extensions, of one another. We will never stop longing for each other, and for something else."
Doppeltes Spiel
Die Comebäck-Tour neigt sich dem Ende, die Ärztivals sind im Anmarsch - Halbneues von den Die Ärzte (autorisierte Schreibweise!): Am 15. März, also noch laaange hin, erscheint die Doppel-A-Single "Waldspaziergang mit Folgen"/"Sohn der Leere". Gespannt sein darf man hier besonders auf die dazugehörige Doppel-B-Seite "Waldspaziergang mit Gott"/"Lohn der Lehre", beide von Bela B. Geröllheimer.
Sonntag, 27. Januar 2013
Herz ist Trumpf
Local Natives
„Hummingbird“
(PIAS)
Wird 2013 das Jahr der Weicheier und Warmduscher? Hoppla, ganz so hart sollten wir es nun vielleicht nicht formulieren, aber nachdem sich selbst Tocotronic im Song „Neue Zonen“ als „Plüschophile“ und „Soft Boys“ outen und die Tour der – laut landläufiger Kritikermeinung – zu harmlosen Zuckerjungen verkommenen Mumford And Sons schon landauf, landab Monate vorher ausverkauft ist, hat man unweigerlich den Eindruck, den Leisetretern um Midlake und die Fleet Foxes könnten in diesem Jahr noch einige mehr folgen. Oder, um den abgegessenen Spruch mal wieder zu bemühen: Wieder einmal ist leise das neue laut. Grizzly Bear und die Villagers haben mit dem zarten Electrofolk begonnen, nun legen die Local Natives aus L.A. mit ihrer zweiten Platte nach.
Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass sie deren Standard so ganz nicht halten können, auch wenn „Hummingbird“ beileibe kein schlechtes Album geworden ist. Das Quartett um Sänger Taylor Rice weiß sehr wohl, wie Gefühl und Melancholie zu buchstabieren sind, für die Dauer der ersten drei, vier Songs will man ihnen auch gern widerstandlos folgen und den Kopf zu verträumten Melodien wiegen. Gerade „Heavy Feet“, die zweite Single der vier, ist ein grandioses Stück Folkpop und auch die nervösen Pianoanschläge bei „Black Spot“ tun ihre Wirkung. Leider aber verpassen sie es, diese herzschmerzende Grundstimmung über die Dauer der elf Songs auch einmal zu brechen, fügen sie ihnen – anders als die beiden letztgenannten Bands – kein überraschendes Moment hinzu.
Jedes der Stücke mag für sich allein wunderbar funktionieren, so manchem Soundtrack und Sampler werden sie prächtig zu Gesicht stehen, aber in der Summe verbraucht sich die anrührende Gefühligkeit leider etwas und so reiht sich selbst „Breakers“ nach spannendem Beginn – endlich mal etwas Leben in der Bude! – in die Reihe der getragenen, süßlichen Breitwandlandschaften ein. Bei „Black Balloons“ wagt sich mal eine straightere Gitarre nach vorn, bei „Mt. Washington“ verbleibt selbige leider nur als Textur im Hintergrund.
Vom Kolibri, welcher dem Album seinen Namen gab und der bei „Colombia“ aus dramaturgischen Gründen das Zeitliche segnen muss („A hummingbird crashed right in front of me and I understood all you did for us…“), liest man, dass er ein im Verhältnis zu seinem Körper überdimensioniertes Herz besitzt, die Wahl des Titelhelden kann also durchaus als Erklärung für den Mangel an Abwechslung herhalten. Wenn man jetzt noch weiß, dass das Debüt der Local Natives „Gorilla Manor“ noch deutlich lebendiger klang und sich selbst neben den Werken von Vampire Weekend nicht verstecken musste, so darf man doch immer noch hoffen, dass nach dem „down“ auch wieder ein „up“ folgen wird – sie haben einfach zu viel Potential für einen verfrühten Abgesang. http://www.thelocalnatives.com/
16.02. Köln, Studio 672
25.02. Berlin, Comet Club
26.02. München, Atomic Cafe
01.03. Zürich, Rote Farbrik
„Hummingbird“
(PIAS)
Wird 2013 das Jahr der Weicheier und Warmduscher? Hoppla, ganz so hart sollten wir es nun vielleicht nicht formulieren, aber nachdem sich selbst Tocotronic im Song „Neue Zonen“ als „Plüschophile“ und „Soft Boys“ outen und die Tour der – laut landläufiger Kritikermeinung – zu harmlosen Zuckerjungen verkommenen Mumford And Sons schon landauf, landab Monate vorher ausverkauft ist, hat man unweigerlich den Eindruck, den Leisetretern um Midlake und die Fleet Foxes könnten in diesem Jahr noch einige mehr folgen. Oder, um den abgegessenen Spruch mal wieder zu bemühen: Wieder einmal ist leise das neue laut. Grizzly Bear und die Villagers haben mit dem zarten Electrofolk begonnen, nun legen die Local Natives aus L.A. mit ihrer zweiten Platte nach.
Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass sie deren Standard so ganz nicht halten können, auch wenn „Hummingbird“ beileibe kein schlechtes Album geworden ist. Das Quartett um Sänger Taylor Rice weiß sehr wohl, wie Gefühl und Melancholie zu buchstabieren sind, für die Dauer der ersten drei, vier Songs will man ihnen auch gern widerstandlos folgen und den Kopf zu verträumten Melodien wiegen. Gerade „Heavy Feet“, die zweite Single der vier, ist ein grandioses Stück Folkpop und auch die nervösen Pianoanschläge bei „Black Spot“ tun ihre Wirkung. Leider aber verpassen sie es, diese herzschmerzende Grundstimmung über die Dauer der elf Songs auch einmal zu brechen, fügen sie ihnen – anders als die beiden letztgenannten Bands – kein überraschendes Moment hinzu.
Jedes der Stücke mag für sich allein wunderbar funktionieren, so manchem Soundtrack und Sampler werden sie prächtig zu Gesicht stehen, aber in der Summe verbraucht sich die anrührende Gefühligkeit leider etwas und so reiht sich selbst „Breakers“ nach spannendem Beginn – endlich mal etwas Leben in der Bude! – in die Reihe der getragenen, süßlichen Breitwandlandschaften ein. Bei „Black Balloons“ wagt sich mal eine straightere Gitarre nach vorn, bei „Mt. Washington“ verbleibt selbige leider nur als Textur im Hintergrund.
Vom Kolibri, welcher dem Album seinen Namen gab und der bei „Colombia“ aus dramaturgischen Gründen das Zeitliche segnen muss („A hummingbird crashed right in front of me and I understood all you did for us…“), liest man, dass er ein im Verhältnis zu seinem Körper überdimensioniertes Herz besitzt, die Wahl des Titelhelden kann also durchaus als Erklärung für den Mangel an Abwechslung herhalten. Wenn man jetzt noch weiß, dass das Debüt der Local Natives „Gorilla Manor“ noch deutlich lebendiger klang und sich selbst neben den Werken von Vampire Weekend nicht verstecken musste, so darf man doch immer noch hoffen, dass nach dem „down“ auch wieder ein „up“ folgen wird – sie haben einfach zu viel Potential für einen verfrühten Abgesang. http://www.thelocalnatives.com/
16.02. Köln, Studio 672
25.02. Berlin, Comet Club
26.02. München, Atomic Cafe
01.03. Zürich, Rote Farbrik
Samstag, 26. Januar 2013
Nachtisch
Na, etwa schon vergessen? Dabei hat die Sängerin der Screaming Females doch einen Namen, den man nun wirklich im Gedächtnis behalten sollte: Marissa Paternoster. Außerdem hatten die drei mit "Ugly" im letzten Jahr eine wahrhaft wunderbare Platte dabei. Für all jene, die etwas für den kleinen Hunger danach brauchen, gibt es im Februar ein Tape der Band mit dem Titel "Chalk Tape" zu erwerben - daraus bei Stereogum den Titel "Poison Arrow", zum Hören und Saugen.
Das wahre Ich
Na endlich, möchte man sagen. Paul Banks, Sänger von Interpol und seit geraumer Zeit auch solo ganz erfolgreich unterwegs, wird ja in keinem Interview müde zu betonen, dass seine musikalischen Vorlieben nicht, wie es vielen Musiksachverständigen gefallen würde, beim Postpunk der 80er zu suchen sind, sondern bei HipHop, Rap und experimenteller Eletronik. Nun darf man sich mal ein Mixtape anhören, an dem Banks ganze neun Monate gearbeitet haben soll. Der Titel lautet - standesgemäß, möchte man fast sagen - "Everybody On My Dick Like They Supposed To Be", mit dabei u.a. Talib Kweli, El-P und Mike G. Download bei datpiff.com. Nicht vergessen werden darf natürlich der Hinweis auf Banks' Tour durch Europa in den nächsten Tagen und Wochen:
28.01. Frankfurt, Mouseonturm
29.01. Köln, Gloria
03.02 Wien, Wuk
06.02. Berlin, Kesselhaus
09.02. Hamburg, Gruenspan
28.01. Frankfurt, Mouseonturm
29.01. Köln, Gloria
03.02 Wien, Wuk
06.02. Berlin, Kesselhaus
09.02. Hamburg, Gruenspan
Freitag, 25. Januar 2013
Freiwillige Selbstkontrolle
Euer Ernst? Falsche Geschwindigkeit? A-ha? Papa Schlumpf? Na, muss jeder selbst entscheiden, jedenfalls ist er raus, der erste Song der Strokes vom neuen Album - nicht die Single, die soll "All The Time" heißen. Das hier ist "One Way Trigger" und klingt, nun ja, etwas befremdlich. Oder?
Ich kaufe ein "O"
Tocotronic
„Wie wir leben wollen“
(Universal)
Wie konnte das passieren? Nach zwanzig Jahren käuflich dokumentierter Historie darf man diese Frage schon einmal stellen. Wie konnte diese Band, die sich anfangs noch fast schüchtern und kostümiert hinter genuschelten Unmutsäußerungen und mäßig inspiriertem Geschrammel zu verstecken schien, so bedeutend werden? Wie konnten sie so lange durchhalten mit all ihren verzwickten Metaphern, wo man hierzulande doch eher die klare Kante, das Selbsterklärende und Eindeutige liebt, wo jeder am liebsten gleich nach drei umgedrehten Buchstaben das Rätsel lösen möchte. Zwischentöne, Zwielichtiges, Unbestimmbares – alles höchst suspekt, wer kann das brauchen? Die Antwort ist so vielschichtig wie die Zeilen, die Sänger Dirk von Lowtzow seit jeher dem Sound von Tocotronic beigibt, gerade reisen sie wieder „als lebende Leichname“ („Vulgäre Verse“) durch die bestellten Suiten namhafter Hotels und sollen sich erklären.
Vielleicht liegt es ja daran, dass sie irgendwann beschlossen haben, wirklich Musik zu machen, dass sie mehr (Rick McPhail) und akribischer, perfektionistischer geworden sind. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich ihren Hörern nicht nur zumuten, sondern ihnen auch zutrauen, mit der Unschärfe, den Wortbildern und den Anrissen umgehen zu können. Zeit ihres Bestehens haben sie den Zweifelnden, den Illusionisten, Unvernünftigen, den ungepanzerten Einzelgängern das Wort geredet und die Zeiten, die so sind wie sie sind, lassen diese nicht weniger werden – wer dazu noch bereit ist, den zweiten Blick zu riskieren, den Kopf zu bemühen, dem bleiben Tocotronic die willkommensten Unterhalter.
Musikalisch ist „Wie wir leben wollen“ nach dem Ende der sogenannten Berlin-Trilogie vielleicht nicht der angekündigte Bruch, natürlich noch mehr Schall und noch mehr Wahn, aber schon aufgrund der Menge an Material vielgesichtiger; die Songs – analog aufgenommen, wie man hört – unterscheiden sich mehr als zuvor voneinander, in ihren Stimmungen, in ihren ungewohnten Instrumentierungen, in der Art, wie nah einem von Lowtzow mit seinem jetzt so wandelbaren Gesang auf die Pelle rücken will, mal drängend und gehetzt, mal beiläufig und verspielt, am Ende verklingt er einfach, unerreichbar.
Kurz ins Detail: Das energisch beschwingte „Hey Hey Hey“ des Eingangsstücks („Im Keller“) ist grandios und neben „Warte auf mich..“ und „Die Revolte…“ eine der bestechendsten und eingängigsten Tanznummern des Albums. Der Countryswing inklusive Steelguitar von „Chloroform“ hat einen gleich im Sack, ebenso die mehr als lässige Bläsergruppe von Ja Panik in „Neue Zonen“. Erneut der Daumen hoch für die Young’sche Elektrifizierung des Titelstücks, für ‚Krach vs. Flötenton‘ bei „Eine Theorie“, die sprichwörtliche Höllenfahrt im gleichnamigen Song und den zackigen Beat fürs „Neutrum“. Mehr als stark „Exil“, gerade und auch wegen der Textzeile „Ich bin krank, ich bin ein weißer heterosexueller Mann, du kannst mich abschieben wenn du willst“, das Meisterstück vielleicht „Warm und Grau“, ein brachiales Crescendo mit bedrohlichem Fadeout.
Es ist sicher keinen Fehler, wenn man an dieser Stelle die Finger von der Interpretation der Texte lässt oder Gedachtes und Zusammengereimtes besser für sich behält – für Wort und Ton gilt gleichermaßen: Das nicht Genannte ist mindestens genauso gut wie das Erwähnte. Soll einen die Vollkommenheit des Albums freuen oder eher ehrfürchtig erschaudern lassen, egal, was sie gemacht haben, haben sie besser gemacht als je zuvor und jede Lobeshymne an diese Band ist berechtigt, der Hype verdient und die Liebe mehr als abbezahlt. Sie könnten in zwanzig Jahren noch so weitermachen, sagte Lowtzow kürzlich, sie würden wahrscheinlich nur etwas anders klingen. Bei den meisten hätte man dies als Drohung verstehen können, von den Vieren nimmt man es als willkommene Prophezeiung. Zweite beste Band der Welt, diesmal ohne Zweifel. www.tocotronic.de
„Wie wir leben wollen“
(Universal)
Wie konnte das passieren? Nach zwanzig Jahren käuflich dokumentierter Historie darf man diese Frage schon einmal stellen. Wie konnte diese Band, die sich anfangs noch fast schüchtern und kostümiert hinter genuschelten Unmutsäußerungen und mäßig inspiriertem Geschrammel zu verstecken schien, so bedeutend werden? Wie konnten sie so lange durchhalten mit all ihren verzwickten Metaphern, wo man hierzulande doch eher die klare Kante, das Selbsterklärende und Eindeutige liebt, wo jeder am liebsten gleich nach drei umgedrehten Buchstaben das Rätsel lösen möchte. Zwischentöne, Zwielichtiges, Unbestimmbares – alles höchst suspekt, wer kann das brauchen? Die Antwort ist so vielschichtig wie die Zeilen, die Sänger Dirk von Lowtzow seit jeher dem Sound von Tocotronic beigibt, gerade reisen sie wieder „als lebende Leichname“ („Vulgäre Verse“) durch die bestellten Suiten namhafter Hotels und sollen sich erklären.
Vielleicht liegt es ja daran, dass sie irgendwann beschlossen haben, wirklich Musik zu machen, dass sie mehr (Rick McPhail) und akribischer, perfektionistischer geworden sind. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich ihren Hörern nicht nur zumuten, sondern ihnen auch zutrauen, mit der Unschärfe, den Wortbildern und den Anrissen umgehen zu können. Zeit ihres Bestehens haben sie den Zweifelnden, den Illusionisten, Unvernünftigen, den ungepanzerten Einzelgängern das Wort geredet und die Zeiten, die so sind wie sie sind, lassen diese nicht weniger werden – wer dazu noch bereit ist, den zweiten Blick zu riskieren, den Kopf zu bemühen, dem bleiben Tocotronic die willkommensten Unterhalter.
Musikalisch ist „Wie wir leben wollen“ nach dem Ende der sogenannten Berlin-Trilogie vielleicht nicht der angekündigte Bruch, natürlich noch mehr Schall und noch mehr Wahn, aber schon aufgrund der Menge an Material vielgesichtiger; die Songs – analog aufgenommen, wie man hört – unterscheiden sich mehr als zuvor voneinander, in ihren Stimmungen, in ihren ungewohnten Instrumentierungen, in der Art, wie nah einem von Lowtzow mit seinem jetzt so wandelbaren Gesang auf die Pelle rücken will, mal drängend und gehetzt, mal beiläufig und verspielt, am Ende verklingt er einfach, unerreichbar.
Kurz ins Detail: Das energisch beschwingte „Hey Hey Hey“ des Eingangsstücks („Im Keller“) ist grandios und neben „Warte auf mich..“ und „Die Revolte…“ eine der bestechendsten und eingängigsten Tanznummern des Albums. Der Countryswing inklusive Steelguitar von „Chloroform“ hat einen gleich im Sack, ebenso die mehr als lässige Bläsergruppe von Ja Panik in „Neue Zonen“. Erneut der Daumen hoch für die Young’sche Elektrifizierung des Titelstücks, für ‚Krach vs. Flötenton‘ bei „Eine Theorie“, die sprichwörtliche Höllenfahrt im gleichnamigen Song und den zackigen Beat fürs „Neutrum“. Mehr als stark „Exil“, gerade und auch wegen der Textzeile „Ich bin krank, ich bin ein weißer heterosexueller Mann, du kannst mich abschieben wenn du willst“, das Meisterstück vielleicht „Warm und Grau“, ein brachiales Crescendo mit bedrohlichem Fadeout.
Es ist sicher keinen Fehler, wenn man an dieser Stelle die Finger von der Interpretation der Texte lässt oder Gedachtes und Zusammengereimtes besser für sich behält – für Wort und Ton gilt gleichermaßen: Das nicht Genannte ist mindestens genauso gut wie das Erwähnte. Soll einen die Vollkommenheit des Albums freuen oder eher ehrfürchtig erschaudern lassen, egal, was sie gemacht haben, haben sie besser gemacht als je zuvor und jede Lobeshymne an diese Band ist berechtigt, der Hype verdient und die Liebe mehr als abbezahlt. Sie könnten in zwanzig Jahren noch so weitermachen, sagte Lowtzow kürzlich, sie würden wahrscheinlich nur etwas anders klingen. Bei den meisten hätte man dies als Drohung verstehen können, von den Vieren nimmt man es als willkommene Prophezeiung. Zweite beste Band der Welt, diesmal ohne Zweifel. www.tocotronic.de
Zeitverkürzer
Auch nicht mehr lang hin zum neuen Album "Waiting For Something To Happen" der Veronica Falls. Ein Zeitverkürzer kann trotzdem nicht schaden, wenn er auch nur 2 Minuten und 58 Sekunden misst: "Buried Alive" bei Soundcloud - bittesehr.
Foals by Numbers
Nach "Inhaler" war "My Number" das zweite Stück von der neuen Foals, das bekannt wurde - nun kommt für den Song auch ein passender Clip, zu sehen bei tape.tv. Am kommenden Freitag gibt's dann wie angekündigt das Album "Holy Fire" dazu.
Für Ungeduldige
Es gibt Leute, die können nicht warten. Hier sitzt einer davon. Nächste Woche kommt der neue Song von The Knife offiziell ans Tageslicht, mit geringem Aufwand läßt sich das neunminütige Stück allerdings schon jetzt im Netz finden - zum Beispiel hier bei holeytonal.
Blueprint
Kaum sind die News für's Album von Depeche Mode draußen, gibt's endlich auch ein Cover für die erste Single "Heaven" - an die schwarzen Flecken muß man sich dennoch gewöhnen, es bleibt bei der Feststellung: Anton Corbijn kann zwar tolle Fotos machen, als Schriftkünstler taugt der Mann nur sehr bedingt. Eher erfreulich ist dagegen, dass auf der Maxi-Single neben Remixen von Owlle und Blawan auch einer von Darling Matthew Dear zu finden sein wird. Zu hören gibt's noch nix vom neuen Song, dafür aber schon mal einen Drifting Somewhere Mix von "Angel".
Donnerstag, 24. Januar 2013
Ab in die Sonne
Achtung - Neidnummer: Gut, wir wußten, dass Barcelona eine der schönsten Städte der Welt ist. Wir wußten auch, dass ein paar Jungs da unten den wohl ansehnlichsten Fussball unserer Tage spielen und von Lionel Messi wollen wir jetzt erst gar nicht reden. Dass die katalanische Metropole nun aber in diesem Sommer auch noch das beste LineUp aller Festivals der letzten 10, ach was, ever für's Primavera präsentiert - tja, das dürfte allen klar sein, die sich folgende Namen (in Auszügen!) vergegenwärtigen:
Swans, My Bloody Valentine, Phoenix, The Knife, The Jesus and Mary Chain, Grizzly Bear, Tame Impala, Dinosaur Jr., Wu-Tang Clan, Band of Horses, Nick Cave and The Bad Seeds, Dexys, Adam Green, Deerhunter, Death Grips, Savages, Hot Chip, The Postal Service, The Breeders, Crystal Castles, Wild Nothing, Fucked Up, Solange, Camera Obscura, Dead Can Dance, Crime & The City Solution, Christopher Owens, Four Tet, The Sea and Cake, Local Natives, Bob Mould, Daniel Johnston, How to Dress Well, Neurosis, Metz, ... ach ja, und Blur.
Wer also hin will - hier informieren und hier buchen.
Swans, My Bloody Valentine, Phoenix, The Knife, The Jesus and Mary Chain, Grizzly Bear, Tame Impala, Dinosaur Jr., Wu-Tang Clan, Band of Horses, Nick Cave and The Bad Seeds, Dexys, Adam Green, Deerhunter, Death Grips, Savages, Hot Chip, The Postal Service, The Breeders, Crystal Castles, Wild Nothing, Fucked Up, Solange, Camera Obscura, Dead Can Dance, Crime & The City Solution, Christopher Owens, Four Tet, The Sea and Cake, Local Natives, Bob Mould, Daniel Johnston, How to Dress Well, Neurosis, Metz, ... ach ja, und Blur.
Wer also hin will - hier informieren und hier buchen.
Körpereinsatz
Ganz egal, wo das Video zu "Ecstasy" von Iceage gedreht worden ist, es geht ganz schön zur Sache. Konzerte der Dänen sind ganz offenbar eine recht körperbetonte Angelegenheit, was die Musik ohnehin schon vermuten ließ. Mitte Februar ist es jedenfalls endlich so weit, dann kommt das neue Album "You're Nothing" endlich ins Geschäft.
Pretty in pink
Ahh, ja. Da muss man erst mal eine Weile dran kauen, bis man den sperrigen Titel verdaut hat: Depeche Mode haben ihr nächstes Album "Delta Machine" getauft - bis auf die gleichlautenden Anfangsbuchstaben erschließt sich einem das auf die Schnelle noch nicht. Hat aber Zeit, das Ding kommt ja erst am 26. März in den Handel. Ein Tracklisting zur Platte gibt es ebenfalls schon, 13 Songs plus 4 Bonusstücke, "Heaven" ist mit dabei und "Angel" heißt tatsächlich "Angel", nachzulesen bei Pitchfork.
Traurige Geschichte
Es ist ja sonst eher unüblich, dass gleich die erste Single eines neuen Albums eine Coverversion ist - diese hier hat allerdings ihre eigene, traurige Geschichte: Während eines Konzerts des Black Rebel Motorcycle Clubs 2010 auf dem belgischen Pukkelpop starb der Vater des Gitarristen Robert Levon Been mit nur 60 Jahren hinter der Bühne an einem Herzinfarkt. Michael Been selbst war Bassist bei der Band The Call, er ging mit dem BRMC auf Tour und stand oft auch als Toningenieur hinter den Reglern. "Let The Day Begin" war einer der populärsten Songs von The Call, nun dient er der nächsten Generation als emotionaler Türöffner für deren siebten Longplayer - hier bei Soundcloud.
Mittwoch, 23. Januar 2013
Jetzt aber mal los
Hamburg rückwärts: Die Heiterkeit präsentieren das Video zu ihrem Song "Hauptquartier" aus dem kürzlich erschienenen Album "Herz aus Gold" - wer da noch mal Lust bekommt, die drei nun doch wirklich und richtig live zu sehen, für den sind die folgenden Termine:
24.01. Dresden, Scheune
25.01. Kassel, Schlachthof
26.01. Münster, Gleis 22
06.02. Berlin, Kantine am Berghain
27.02. Düsseldorf, Forum Freies Theater
28.02. Darmstadt, Künstlerkeller
01.03. Zürich, Stall 6
02.03. St. Gallen, Palace
03.03. Ulm, Sauschdall
31.05. Neustrelitz, Immergut Festival
24.01. Dresden, Scheune
25.01. Kassel, Schlachthof
26.01. Münster, Gleis 22
06.02. Berlin, Kantine am Berghain
27.02. Düsseldorf, Forum Freies Theater
28.02. Darmstadt, Künstlerkeller
01.03. Zürich, Stall 6
02.03. St. Gallen, Palace
03.03. Ulm, Sauschdall
31.05. Neustrelitz, Immergut Festival
Nach dem Regen
Da hat's wohl jemand auf die Spitzenposition in der Kategorie "Witzigste Bandnamen 2013" abgesehen: Omar Rodriguez-Lopez, bekannt als Gitarrist von At The Drive-In und The Mars Volta, hat mit der Band Bosnian Rainbows ein neues Lieblingsspielzeug gefunden. Zusammen mit Drummer Deantoni Parks, Keyboarder Nicci Kasper und Sängerin Teri Gender-Bender nahm die neugegründete Formation Ende 2012 hierzulande ihr Debütalbum auf - einen ersten, erstaunlich sonnigen Titel mit dem Namen "Torn Maps" gibt es bei Soundcloud zu hören.
Krebskampfmaschinen
John Green
"Das Schicksal ist ein mieser Verräter"
(Hanser)
Für viele Leute sind hinweisende Aufkleber auf Büchern oder CD's eine große Hilfe: "Explicit Content"? Muß gut sein. "Spiegel-Bestsellerliste"? Das heißt für die einen, hier kann ohne viel zu überlegen zugegriffen werden (für Menschen, die das beides gut beherrschen, sind diese Listen gemacht), der kulturkritische Magazinleser täuscht sich schließlich nie. Anderen gilt das eher als Warnung: Hände weg - Massengeschmack! John Green's Roman "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" dürfte beide Aufkleber tragen und ginge es nach dem Humorverständnis des Autors oder auch der Protagonisten, käme noch ein dritter hinzu: Achtung - Krebsbuch! Denn ja, es geht die ganzen 280 Seiten um den ermüdenden, manchmal hoffnungs-, in jedem Falle illusionslosen Kampf von Teenagern gegen wuchernde Metastasen, Lungenödeme und haufenweise Tumore, es geht um verzweifelte Eltern, um wütende Kinder, um die ganz große und deshalb auch ganz reine Liebe, es ist kitschig bis zum Abwinken und dennoch unglaublich anrührend. Man will ja als Rezensent nicht der Versuchung erliegen, den eigenwilligen, wortwitzigen und manchmal recht lakonischen Tonfall des Autors zu kopieren, es reicht wohl, wenn man erwähnt: Lange kein Buch, was einen so angefaßt und mitgerissen hat wie dieses. Was den Cineasten die Gefühlsachterbahn eines Pedro Almodovar ist, das wird dem Leser, wenn es denn passt, dieses Buch sein. Und auch: ja, alle Klappentexte treffen in's Schwarze. Deshalb: Pflichtlektüre.
"Das Schicksal ist ein mieser Verräter"
(Hanser)
Für viele Leute sind hinweisende Aufkleber auf Büchern oder CD's eine große Hilfe: "Explicit Content"? Muß gut sein. "Spiegel-Bestsellerliste"? Das heißt für die einen, hier kann ohne viel zu überlegen zugegriffen werden (für Menschen, die das beides gut beherrschen, sind diese Listen gemacht), der kulturkritische Magazinleser täuscht sich schließlich nie. Anderen gilt das eher als Warnung: Hände weg - Massengeschmack! John Green's Roman "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" dürfte beide Aufkleber tragen und ginge es nach dem Humorverständnis des Autors oder auch der Protagonisten, käme noch ein dritter hinzu: Achtung - Krebsbuch! Denn ja, es geht die ganzen 280 Seiten um den ermüdenden, manchmal hoffnungs-, in jedem Falle illusionslosen Kampf von Teenagern gegen wuchernde Metastasen, Lungenödeme und haufenweise Tumore, es geht um verzweifelte Eltern, um wütende Kinder, um die ganz große und deshalb auch ganz reine Liebe, es ist kitschig bis zum Abwinken und dennoch unglaublich anrührend. Man will ja als Rezensent nicht der Versuchung erliegen, den eigenwilligen, wortwitzigen und manchmal recht lakonischen Tonfall des Autors zu kopieren, es reicht wohl, wenn man erwähnt: Lange kein Buch, was einen so angefaßt und mitgerissen hat wie dieses. Was den Cineasten die Gefühlsachterbahn eines Pedro Almodovar ist, das wird dem Leser, wenn es denn passt, dieses Buch sein. Und auch: ja, alle Klappentexte treffen in's Schwarze. Deshalb: Pflichtlektüre.
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