Montag, 14. März 2011

1:2



Man muß gewiss kein Zenbuddhist sein um zu wissen, dass es nach solchen Spielen besser ist, etwas runterzukühlen, drüber zu schlafen und dann die fälligen Zeilen zu schreiben. Gern möchte man trotzdem auf Gott und die Welt schimpfen, wie nach solch einer grandiosen und spielbestimmenden Leistung am Ende solch ein Ergebnis stehen kann – allein: die beiden Dinger haben sich die Jungs selbst reingemacht. Zwei gravierende Abwehrfehler, zwei Gegentore, über das angebliche Linientor muss man sich auch nicht weiter aufregen – aus dem Sechspunkte- ist leider ein Nullpunktespiel geworden. Das ist jammerschade, aber leider selbstverschuldet. Bleibt die inständige Hoffnung, dass sich St. Pauli in Frankfurt etwas cleverer anstellt und die wirklich respektable Form halten kann. Forza St. Pauli!

Sonntag, 13. März 2011

Hören+Sehen



Interpol, Zenith, München, 12. März 2011
Irgendwann hat es ja soweit kommen müssen, und dass es erst bei diesem Konzert passierte, ist dann schon fast wieder eine gute Nachricht. Der Zauber ist weg. Interpol spielen im nahezu ausverkauften Münchner Zenith für ihr viertes Album auf und es ist ein ganz normales Rockkonzert, dank des Veranstaltungsortes nicht mal ein besonders gutes. Absehbar war das allemal – es ist schwer genug, über nunmehr zehn Jahre die unbestreitbar hohe Qualität ihrer Alben auf die Bühne zu bringen, besonders dann, wenn die letzte Station ihrer (Münchner) Karriere von klein über mittel, etwas größer, nun groß, also Orange House, Muffathalle, Tonhalle und Zenith, sie in eine zugige Eisenscheune zwingt, ein Gebäude also, dessen Akustik selbst für eine Dorfkirmes als bedenklich einzustufen wäre.

Da hilft es auch nichts, die Regler schon vom ersten Ton an bis an den oberen Grenzbereich zu schieben und Sam Fogarinos Schlagwerk so in den Vordergrund zu steuern, dass neben dem brachialen Wummern vom Rest der Band kaum etwas zu hören ist. Die Songs – zu oft gehört, um über die Setlist überrascht zu sein, wenigstens wurde zwischen alt und neu recht gut gemischt. Wenn man vieles schon zu gut kennt, entscheiden ja oft Nuancen über Wohl und Wehe, leider erliegen auch Interpol an diesem Abend der Versuchung, das Tempo für Bekanntes eine Spur zu stark anzuziehen und so bekommen Klassiker wie „Hands Away“, „Evil“, „Not Even Jail“ und „Slow Hands“ einen unnötig hochgepitchten Beigeschmack.

Gut gelungen dagegen die verlängerte Version von „Lights“, einem der Höhepunkte des neuen Albums – in tiefrotes Licht getaucht, konnte der Song die Intensität der Studioversion erstaunlicherweise ohne Mühe mitgehen. Mit „Obstacle“, „Untitled“ und „The New“ gab’s gleich drei Großtaten vom unerreichten Frühwerk „Turn On The Bright Lights“ am Stück, dankbar goutiert von denjenigen, die schon etwas länger an Bord sind. „Rest My Chemistry“, zweifellos ein Stück neuerer Interpol-Essenz, schaffte ebenso mühelos den Brückenschlag zum Publikum. Dass Sänger Paul Banks, verziert mit modischem Kurzhaarschnitt, weniger introvertiert, sondern für seine Verhältnisse fast ausgelassen gestimmt war, nahm man auch gern zur Kenntnis.

Am Bass mittlerweile ja Brad Truax – nun ja, man sieht ihn und weiß, was ihm zum Charismatiker und Paradiesvogel Carlos Dengler fehlt, keine abseitige Aura, kein Befremden, einfach ein fehlerloses und punktgenaues Set und doch irgendwie traurig. Es wird, man weiß es jetzt umso mehr, vieles davon abhängen, wie der zum Trio geschrumpften Band ihr nächstes Album, ihr erstes ohne Dengler, gelingen mag. Live möchte man ihnen paradoxerweise mehr Erfolg nicht wünschen - noch größere Hallen sind kaum vorstellbar, ohne deutlich an Qualität einzubüßen, dafür war dieses Konzert Beweis genug.

Freitag, 11. März 2011

Dear NME ...



Nachdem der NME in seiner aktuellen Ausgabe mit dem Titel
„100 Gigs you shouldt have been at“ protzt, muss man mich als Listenfreund natürlich nicht lange bitten. Flugs daheim die Kartenstapel gesichtet, aschenputtelmäßig aussortiert und fertig sind die ganz persönlichen TOP 15:

15/Die Skeptiker, Klubhaus Fritz Heckert, Karl Marx Stadt, 1989
DDR-Punk, „Jajaja“, „Pierre & Luce“ und „Dada in Berlin“, Brille an der Garderobe sicherheitshalber abgegeben (kluge Entscheidung, das);
14/Robbie Williams „Escapology“, Olympiastadion, München, 2003
“Let me entertain you“ – kein Zweifel, das konnte er – damals noch mit Coolness-Faktor, heute Erinnerung an längst vergessene Zeiten;
13/Rollins Band „Weight-Tour“, KGB, Barcelona, 1995
tausend durchgeknallte Katalanen bejubeln das Tier beim Gewichtestemmen, schwarze Shorts am Ende und „You know, I’m a liar!“;
12/Kaltfront, AJZ, Karl-Marx-Stadt, 1989
Besseres gab es kaum made in GDR, trister Klub im Plattenbau, fabelhaftes Tape, „Ich bin nicht dein Objekt“ – diesseits der Mauer ungeschlagen;
11/Rammstein „Herzeleid“, Nachtwerk, München, 1996
auch ein Stück Osten, wenn auch ein mittlerweile vereinnahmtes, Flammenwerfer über hitziger Moshpit, genial und gruselig;
10/PJ Harvey „To bring you my love“, Große Freiheit, Hamburg, 1995
Polly sowieso unvergessen, aber auch der mies gelaunte Tricky mit “Maxinquaye“ und Martina Topley-Bird den Tränen nahe waren die Show wert;
9/“Friedenswoche der Berliner Jugend“, Radrennbahn Weißensee, 1988
The Wailers, Rainbirds und James Brown – unglaublich, aber nach den Rainbirds sind wir quasi abgezogen, wer wollte schon den alten schwarzen Mann sehen (!?), Menschenmassen, die nur noch an gleicher Stelle von Springsteen getoppt wurden;
8/Laurel Aitken, Atomic Café, München, 2003
schwarzer Urvater des Ska trifft auf spaßbereite Skins und meistert es bravourös – Legende;
7/Interpol „Turn On The Bright Lights“, Orangehouse, München, 2002
geschätzt 100 (!) Fans erleben eine Band im Frühstadium ihres Erfolgs, zur besten ihrer Platten das beste Konzert von einigen;
6/Sonic Youth „Washing Machine“, Muffathalle, München, 1995
sicher nicht ihre beste Platte, übertrifft aber selbst das „Daydream Nation“-Konzert ein paar Jahre später, fantastisches Soundgewitter, Vorprogramm: Stereolab;
5/The Cult, Ulm, Arts & Crafts, 1994
The Cult hatten eine wunderbare Platte im Gepäck, aber Mother Tongue sind live einfach kaum zu schlagen – Vorband schlägt Hauptact, selten erlebt;
4/The White Stripes „White Blood Cells“, Feierwerk, München, 2001
vor 300 Zuschauern noch vor allem Hype, ohne „Seven Nation Army“ oder „The Hardest Button“, aber schon umwerfend intensiv;
3/Swans, Strom Linienclub, München, 1995
danach nichts lauteres mehr erlebt, Gira und Jarboe noch gemeinsam auf der Bühne, den Club gab’s danach nicht mehr lange, Cornershop im Vorprogramm (niedlich);
2/Phillip Boa „Hair“, Werner-Seelenbinder-Halle, Berlin, 1989
ganze sechs Wochen vor dem Mauerfall, Boa als arrogantes Arschloch ungeschlagen, wurde danach leider nicht besser,„Container Love“ eine Hymne;
1/Fugazi, Fabrik, Hamburg, 1995
da ging und geht nichts drüber, selten bei einem Konzert so verausgabt und am Rande der absoluten Erschöpfung wie da, ausgelassene Glückseeligkeit, hält ewig.
http://www.nme.com/magazine

Gehört_252



J Mascis „Several Shades Of Why“ (Subpop)
Der Mann muss glücklich sein. Zumindest stellt man sich das vor, denn keiner seiner Anhänger würde jemals von ihm oder seiner Combo Dinosaur jr. die komplette Neuerfindung geschweige denn eine revolutionäre Idee erwarten. Bei einer Band wie Portishead zum Beispiel, die/der eine Platte aller zehn Jahre reicht, wird schon Monate im Voraus orakelt und menetekelt, welche innovativen Glanztaten sich wohl beim neuen Album Bahn brechen werden. Anders J Mascis – setzt sich hin, holt die Klampfe raus und nörgelt gar prächtig los.

Nun gut, das ist eine arg verkürzte Darstellung, die dem, mittlerweile stark ergrauten, Mittvierziger sicherlich nicht gerecht wird, impliziert sie doch, er hätte sich mit „Several Shades Of Why“ keine große Mühe geben müssen. Hat er aber doch, denn bis zum fünften Song darf die Vermeidung jeglicher elektrisch verstärkten Gitarre als eine Art Selbstkasteiung gelten, erst bei „It’s done“ kann man etwas aufatmen und Mascis lässt die Tiere, wenn auch noch vorsichtig, von der Leine. Der Titelsong dagegen hat eine Qualität, die auf den ersten Blick befremdlich erscheint, behutsame, zuckersüße Streicher geben dem Lied beinahe etwas Barockes und man ertappt sich dabei, anerkennend und gedankenverloren zu nicken – Respekt, Alter.

Ab der Mitte ist aber, wie erwähnt, der Bann gebrochen, man hat ihn wieder, den alten Kauz und mit ihm das gewohnte und liebgewonnene Stilmittel des ausufernden Feedbacks. Nicht selten sind ja die Lieder von Mascis die besten, die auch am längsten dauern (mit Ausnahme des schändlich verunstalteten, weil apprupt beendeten Cure-Covers „Just Like Heaven“), so auch hier – „Can I“ mäandert herrlich dahin und man ist bereit für den Treueschwur: So lange dieser Mann weiter unerschrocken solche Stücke verabreicht, will man ihm niemals die Gefolgschaft kündigen. Dass ihm mit Kurt Vile mittlerweile ernsthafte Konkurrenz im Nacken sitzt, sollte da kaum stören.
http://jmascis.com/

Donnerstag, 10. März 2011

Gehört_251



Kurt Vile „Smoke Ring For My Halo“ (Matador)
Ach herrje, Platten wie diese lassen einen immer so wahnsinnig alt aussehen. Denn mit ihnen merkt man unweigerlich, wie viele Jahre wieder ins Land gegangen sind seit der Zeit, da solche Musik mal als das Maß aller Dinge galt: Grunge, von vielen schon als das nächste Revival angekündigt, während die 80er noch gnadenlos ausgeweidet werden, Grunge ohne Krach, J Mascis und Evan Dando lassen freundlich grüßen.

Kurt Vile – Achtung, Wikiwitz: „Not to be confused with Kurt Weill” – Ex-War-On-Drugs-Mitglied, kommt mit so herrlich verschlurftem Gitarrengedengel daher, dass man “Smoke Ring For My Halo” gar nicht mehr weglegen mag. Das Schuldeingeständnis der, zumindest meinerseits madonnenhaft verehrten, Kim Gordon verwundert deshalb keineswegs: “Guilty because I listen to it too much..." Frühere Wurzeln mag der eine oder andere eher beim fabelhaften Nikki Sudden als bei Nick Drake verorten, wiewohl der Bezug zu den frühen 90ern schon offensichtlich scheint. Für die aktuellen Songs wird dann auch gern mal Thurston Moore an die Saiten gebeten, auch wenn ausnahmslos alle Stücke als Einmannkapelle funktionieren.

Hinter der üppigen Haargardine verbirgt sich nebenbei ein recht gescheiter Kopf – auch wenn die Texte größtenteils recht düster ausgefallen sind („Society is my friend, it makes me laugh, down in a cool bloodbath“), so scheint ihm auch abgründiger Humor nicht ganz fremd zu sein. Für das herrliche „On Tour“ gibt’s einen kurzen Blick ins Tagebuch: „I wanna write my whole life down, burn it down to the ground, I wanna sing at the top of my lungs for fun, scream annoyingly ‘cause that’s just me, being me, being free.” Auch wegen solcher Zeilen ahnt man, dass da wieder einer von zwei Seiten brennt und dass der Reiz, den seine Lieder ausstrahlen, auch einen etwas morbiden Beigeschmack hat. Bleibt zu hoffen, dass sich Vile von Dylan nicht nur die lebensbitteren Lyrics, sondern auch dessen unbedingten Behauptungswillen abgeschaut hat ...
http://www.kurtvile.com/

Dienstag, 8. März 2011

Gehört_250



Elbow „Build A Rocket Boys!“ (Universal)
Guy Garvey ist ja eher eine markige, handfeste Erscheinung, eine also, mit der man eher das Modell britischer Landmann verbindet – erdverbunden, Knickerbocker, Öljacke, kariertes Flanell vielleicht, links die Axt, rechts den Spaten, grimmiger Blick allenthalben. Dass dieser Mann in der Lage ist, zarter Poesie einen so verträumten und oft kammermusikalischen Rahmen zu geben, verwundert den Laien. Und selbst der eingeschworene Fan, „The Seldom Seen Kid“ noch im Ohr, mag sich irritiert fragen, woher der Mann nach diesem grandiosen Vorgängeralbum die Chuzpe nimmt, mit „Build A Rocket Boys!“ gegen die Erwartungen der Branche zu arbeiten.

Denn nach dem vollen, pulsierenden und leidenschaftlichen Vorwerk hatte man wohl eher erwartet, Garvey und Kollegen würden dem Erfolgsrezept noch die eine oder andere Tonspur hinzufügen, alles noch komplexer verbasteln. Nichts dergleichen: „We tried to ignore the excitement of the big stages ... concentrated as always on making a record that would leave the listener somewhere other than [where] it found them“ lautet die Maxime und die acht Minuten zu Beginn sind die Vertonung dazu. Nörgelnde Gitarre, vorsichtig noch, erst nach der Hälfte ein quietschfiedeles Synthiemotiv , dann Orchester, breit, groß, ausladend. Bis bei „Neat Little Rows“ kurzzeitig wieder Leben in die Bude kommt, wird die Kulisse aber streng heruntergedimmt und gnadenlos reduziert. Und auch nach dem kraftvoll stampfenden Ausreißer kehrt Garvey dem Lauten wieder den Rücken, fast so als hätte er Angst, etwas Zerbrechliches zu zerstören. Es bleibt dies die Platte der leiseren, der besinnlichen Töne, der monoton geschlagenen Pianotasten, hier mal ein Horn, da eine Streichersequenz, alles untergeordnet der nach wie vor überragenden Stimme des Meisters selbst.

Verirrt sich mal ein lauteres Schlagwerk in einen Song wie bei „High Ideals“, wird es schnell auf ein Handclapping zurechtgestutzt und auch das Roxette-Riff, nebenbei eine sehr amüsante Idee, läßt sich nur kurz blicken. „Lyrically“, so Garvey, „this is a record about the ups and downs of being young through the eyes of someone who loved and hated it all at the same time“ – er hätte die Platte in Anlehnung an Schätzchen Adele also durchaus auch „22“ nennen können – für solche Spielereien ist er aber wohl einen Tick zu alt. Irgendwie hat man später das Gefühl, er möchte sich selbst in vergangenen Zeiten Trost zurufen, wenn er für „Open Arms“ versichert: „We got open arms for broken hearts, like yours my boy, come home again“. Ein leises Album, dass man gern laut hören darf, erst dann nämlich fängt einen der wohl dosierte Sound ein, erst dann ist man – glücklicherweise – endgültig verloren.
http://www.elbow.co.uk/

Montag, 7. März 2011

Gehört_249



Wye Oak „Civilian“ (City Slang)
Schon einigermaßen erschreckend, wie oft man in den letzten Tagen regelrecht gezwungen wird, Liam Gallagher als Stilmittel einer Rezension zu verwenden. Gut, bei Beady Eye war natürlich kein Auskommen, aber dass er einen auch bei Radiohead und, hier aktuell, dem wunderbaren Noisefolkduo Wye Oak aus Baltimore in den Ring zwingt, sollt einem doch zu denken geben. In einem Interview mit der Netzplattform The Quietus machte sich der Mann nämlich kürzlich seinen Gedanken über Thom Yorkes neuestes Werk gewohnt lautstark Luft: „"I heard that f* Radiohead record and I just go, 'What?!’ I like to think that what we do, we do f* well. Them writing a song about a f* tree? Give me a f* break! A thousand year old tree? Go f* yourself!”

Mangel an Deutlichkeit kann man ihm jedenfalls nicht vorwerfen, auch wenn ihm die eine oder andere Windung mehr gut zu Gehirn stehen würde – sei’s drum. Man fragt sich nun vielleicht, was Mr. Gallagher von Wye Oak halten mag, denn Jenn Wasner und Andy Stack haben ihre Vorliebe für alte Baumriesen gleich im Bandnamen verewigt. Eine Meinung zu „Civilian“ kann sich natürlich, das ist jetzt keine große Überraschung, trotzdem auch der bilden, der es nicht so mit tausendjährigen, knorrigen Tief- oder Flachwurzlern hat.

Dass Wye Oak eine angenehm selten gehörte Mischung aus zartem, berückendem Folk und knochenbrechender Bluesgitarre auf ihrem mittlerweile dritten Longplayer zelebrieren, macht sie jedenfalls mehr als nur interessant. Nach einem eher traditionellen, zurückhaltenden Einstieg auf flauschigen Midlake-Pfaden haut einen das mächtige „Holy Holy“ regelrecht aus den Latschen. Ein Riff, wie es Thurston Moore nicht besser fräsen könnte, eröffnet eine – zumindest mal für dieses Jahr – neue Hymne des Indierock. Bei „Dogs Eyes“ gibt’s ein ähnlich trockenes Gitarrenbrett, allerdings im Wechselspiel mit einer eher versponnen-freundlichen Melodie. Im Titelstück, so schön, dass es beinahe schmerzt, treffen einen die hart angerissenen Saiten wie ein überraschender und doch willkommener Platzregen.

Mehr davon, „Plains“ und „Hot As Day“ – auch bei Wye Oak hat man, ähnlich hier den White Stripes oder den Black Keys, das Gefühl, dass sie zu zweit ein so hohes Maß an Vielfalt, Komplexität und Kraft zu erreichen vermögen, dass ein Mehr an Personal diesen Zauber unweigerlich zerstören würde. Und am Ende gelingt den Zweien dann noch so ein akkustisches Zauberstück (Doubt): “If you should doubt my heart, remember this, that i would lie to you if I believed it was right to do ...” Ohne Zweifel ist das eine ganz und gar prächtige Platte geworden, und was Liam Gallagher dazu sagen wird, ist – man ahnt es schon – nicht wirklich wichtig …
http://www.wyeoakmusic.com/

Gefunden_91



Da muss ein fetter Dank an den Ciri gehen, denn kein Mensch kann ahnen, dass in einem Interview zwischen Alexa Hennig von "Huch, ich habe kein Hösschen an!" Lange und Gem Archer und Liam Gallagher (ja die) in der FAS (genau da) wirklich witzige Dinge passieren können. Kostprobe? Also, der Archer: "Mit einem Mal war mir klar: Jazz-Musik ist rund, Soul-Musik hat Ecken." Oder der Gallagher: "Ich glaube, du wirst immer wieder geboren, so lange bis du ein paar Sachen wirklich gecheckt hast. Es gibt Leute, die sehr früh sterben, die müssen wiederkommen. Kinder und so weiter. Wenn du mit neun Jahren stirbst, musst du wiederkommen." Aber jetzt kommt's, aufgepaßt - die Lange: "Wie fühlt sich das an, eine solch außerordentliche musische Begabung zu haben?" Völlig angstfrei, das alles. Der Hammer! Selber lesen: hier.

Gefunden_90



Natürlich diskutieren sie bei Bayern jetzt all' die taktischen Problemchen im Zusammenhang mit der T-Frage nach dem lustigen Motto "Wann fliegt der Holländer?" Irgendwann werden sie aber entdecken, dass die Misere damit begann, dass Mario Gomez vom 80er-Revival Wind bekommen hatte und daraufhin sein Haarbändchen in die Ecke pfefferte, um fortan mit einer noch schlimmeren Frisur auch den letzten Fan zu vergraulen ...

Freitag, 4. März 2011

Schietkram!



Gerade erst hatte die Süddeutsche nach einigen verdienten Verrissen und kleineren Irrtümern den Hamburger Tatort mit Mehmet-("Mir scheint die Sonne aus dem Arsch")-Kurtulus völlig zutreffend zum einzig rettenden Lichtblick in der ansonsten unglaublich drögen öffentlich-rechtlichen Krimi-Reihe geadelt, da meldet der Kress-Report auch schon, dass Kurtulus als verdeckter Ermittler Cenk Batu nurmehr noch zweimal den großen Schweiger geben wird, dann will er den Job schon wieder an den Nagel hängen ...

Gehört_248



R.E.M. „Collapse Into Now“ (Warner)
Auch wenn man R.E.M. grundsätzlich mit Respekt und aller gebotenen Hochachtung begegnet, darf man die vollmundigen Ankündigungen von Band und Plattenfirma ruhig mit einer gesunden Skepsis betrachten. Bis zu ihrem letzten wirklich großen Werk „Up“ aus dem Jahr 1998 haben die Mannen um Michael Stipe einen schier unerschöpflichen Vorrat an bravourösen Songs angehäuft, mit dem sie getrost mehrere Tage am Stück konzertieren könnten, ohne dass sie Gefahr liefen sich zu wiederholen oder hörbar an Qualität einzubüßen. Seltsamerweise wirken ihre Platten aber seit der Jahrtausendwende wie unsichere Gehversuche auf unbekanntem Terrain, etwas orientierungslos die Songs und manchmal auch beliebig, was erstaunlich ist für eine Formation, die wie kaum eine andere die 80er und 90er Jahre geprägt hat und vor Selbstvertrauen eigentlich nur so strotzen sollte.

Über die Gründe dafür kann man nur spekulieren. Möglicherweise ist der klassische R.E.M.-Song ihnen ein wenig zum Gefängnis geworden, denn so gut sie diese gefühlvollen und zu Herzen gehenden Midtempo-Nummern wie die aktuellen „Überlin“, „Everyday Is Yours To Win“ und „Walk It Back“ noch immer hinbekommen, es bleibt ihnen offenkundig nicht mehr als sie immer wieder aufs Neue zu perfektionieren und selbst bei den treuesten Anhängern sollte nach einiger Zeit ein gewisses Sättigungsgefühl eintreten. Versuchen sie andererseits, aus dem selbst verordneten Korsett auszubrechen – das Paradebeispiel „Monster“ liegt nun schon einige Jahre zurück – dann klingt das nicht selten bemüht und steif. Die beiden ersten Stücke, „Discoverer“ und „All The Best“, sind sicher als muntere Aufwecker gedacht, leider klingt bei Feingeistern wie Michael Stipe das rockige manchmal eine Spur ordinär. Auch das krachige „Alligator Aviator ...“ macht da keine Ausnahme – spaßig gemeint, klingt es doch eher hölzern und sperrig und steht wohl für das, was R.E.M. schon bei besagtem „Monster“ unter „Punk“ (miss)verstanden.

Wie es gelingen kann, zeigt das Trio am Ende der Platte: „That Someone Is You“ erinnert mit seiner forschen Unbekümmertheit an die großen Zeiten von „Murmur“ und „Reckoning“, anschließend setzt sich Stipe mit Marlon Brando zum Pow-Wow an das Feuer, an dem auch Bob Dylan und Johnny Cash schon miteinander klönten. Ganz zum Schluss noch das obligatorische Duett mit Patti Smith („Blue“), ein feiner Song, unterlegt mit elektrischem Gitarrenfeedback, das so ebenfalls beim grandiosen „Leave“ vom 96er Album „New Adventures in Hi-Fi“ eine passende Veredelung war.

Übrigens: Sollte sich die musikalische Untermalung bei R.E.M. dauerhaft als wenig erbaulich erweisen, dann würde ich die Lyrics von Michael Stipe immer noch ungesehen in Buchform kaufen, denn wenigstens da hat der Popwelt größter Melancholiker noch meilenweit die Nase vorn. Wer schreibt schon noch so schöne Zeilen wie „The winners write the rulebooks, the histories and lullabies“ (Marlon Brando) oder „With the restraint of New Order covers, young marble giants, I sat quietly waiting ... and with the fury lock of Sharon Stone Casino, Scarface, Al Pacino, '74 Torino, waiting for someone else to make the first move,..“ (That Someone Is You). Deshalb und weil sie sich noch immer rührend am Weltschmerz abarbeiten und trotzdem grundsympathische Kerle geblieben sind – deshalb ist auch diese Platte keine schlechte.

Mittwoch, 2. März 2011

Gehört_247



Beady Eye „Different Gear, Still Speeding“ (Indigo)
Während ich dies hier schreibe, komme ich mir ein wenig so vor wie der Großmeister des ostfriesischen Autorenfilms Otto Waalkes. Nicht weil ich schon so lichtes, dünnes Haupthaar hätte oder mich in unbeobachteten Momenten mit meinem Fön unterhielte. Sondern weil sich, ist einer der beiden Gallaghers im Spiel, fast zwangsläufig, wie in einer von Waalkes‘ cineastischen Glanztaten, ein Engel und ein Teufel in Miniaturformat auf meine Schulter setzen. Und letzterer schreit so laut, dass sein Widerpart kaum zu verstehen ist, auf mich ein: „Hau sie in die Pfanne! Und nicht zu knapp! Haben doch eh‘ alle einen an der Waffel! Sind sowas von vorgestern! Will keiner hören!“

Wie gesagt, vom Engel habe ich noch nichts gehört und so ganz ohne sorgsam gepflegte Vorurteile komme auch ich nicht aus. Was die Frage aufwirft, wie objektiv lässt sich eine Platte beurteilen, die federführend von einer arroganten Dumpfbacke wie Liam Gallagher verantwortet wird? Gar nicht, sonnenklar. Über die zeitgeschichtliche Bedeutung des Oasis-Nachfolgers kann man sicher trefflich streiten, Fakt ist jedoch, dass ich mich, wie wohl viele, diesem Album mit neugierigem Schaudern und der quasi voyeuristischen Hoffnung auf maximales Scheitern nähere.

Und enttäuscht werde. Kein Absturz, kaum Zumutung und schon gar kein Grund zur Schadenfreude. Dass „Different Gear...“ reinster Retrobeat ist, die vollkommene Rückwendung zu den Glanzzeiten des Rock’n Roll also, dürfte keine große Überraschung sein – wer wegweisend Neues erwartet hatte, muss ein ahnungsloser Tropf sein. Hat man das einmal kapiert, macht das Album dann sogar Spaß. Eine kleine Einschränkung gleich zu Beginn: Der Einstieg folgt dem Motto „Gefällt Euch nicht? Ich spiel‘s trotzdem!“, denn „Four Letter Words“ ist uninspirierter, breitbeiniger Schweinerock und wenn wir gerade dabei sind, zu dieser ärgerlichen Kategorie zählt auch „Standing At The Edge ...“ als verunglückte Kopie des famosen „Get Back“ (dennoch sollte es keinen wundern, wenn Liam demnächst behaupten würde, gerade diese beiden Songs seien das Größte, was er jemals geschrieben habe).

Egal, denn das soll’s mit den Verfehlungen auch schon gewesen sein, der Rest der Platte kommt erstaunlich frisch daher. „Millionair“, „The Roller“, „Wind Up Dream“, allesamt gut abgehangene Gitarrenbretter, schön getreten auch das Manifest „Beatles And Stones“ („Well it beats me mama, I just want to rock and roll, I'm gonna stand the test of time like Beatles and Stones“) – den Verweis auf eine ähnlich gelagerte Kuschelversion von The House Of Love würden Beady Eye sicher müde belächeln. „Bring The Light“ ist einem Oasis-Song wohl noch am nächsten, bei „For Anyone“ ist entspanntes Schlendern angesagt und für „Kill For A Dream“ und „The Beat Goes On“ werden die Beatles auf durchaus erträgliche Weise beliehen. Als persönlicher Favorit dann noch das quengelige „Three Ring Circus“, die psychedelischen Schlieren bei „The Morning Son“ hätten im Gegensatz zum weit spannenderen „Wigwam“ gern etwas kürzer ausfallen dürfen.

Wenn Liam Gallagher in einem Interview behauptet, die Platte würde mit einem Lied weniger etwas humpeln, dann entspricht das zwar seinem Selbstverständnis, darf aber getrost bezweifelt werden. Ansonsten: Wenn vieles auf „Different Gear...“ eine Nummer kleiner geraten ist als noch bei den letzten, recht fragwürdigen, gemeinsamen Veröffentlichungen zusammen mit seinem Bruder Noel, dann hilft das der Platte deutlich. Die ganz großen Songideen sucht man wohl auch vergeblich. Dass Beady Eye aber jenseits aller großmäuligen Versalien und Imperative durchaus für ordentliches Entertainment taugen, das ist wahrscheinlich für viele die schmerzhafteste Überraschung.
http://www.beadyeyemusic.com/

Dienstag, 1. März 2011

Dave macht den Horst



Schade schade - dabei hätte man den Mann mit dem hochgekrempelten Sakko gern mal live gesehen, Pustekuchen. Dave Pajo, vor nicht allzu langer Zeit als Ersatz für Carlos Dengler bei Interpol als Bassist vorgestellt, hat schon wieder das Weite gesucht und möchte gern mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Ah ja. Neu dabei jetzt für die Shows: Brad Truax. Und wenn Google nicht lügt, dann ist das ganz eine coole Sau*.
* Möglicherweise habe ich auch nicht lang genug nach adäquatem Bildmaterial gesucht ...

Montag, 28. Februar 2011

Gehört_246



Jessica Lea Mayfield „Tell Me“ (Nonesuch)
Der Argwohn, der all jene, die keine profunde Detailkenntnis zur Person Jessica Lea Mayfield vorweisen können, beim Anblick des Covers beschleicht, ist leider nicht ganz von der Hand zu weisen. Da steht dann blondiertes, rundgesichtiges Püppchen, dessen Imageberater bei der Frisurenfrage definitiv daneben gegriffen hat, das nicht weiß, wohin mit seinen Händen und einen überhaupt ganz schrecklich dauert, so dass man kurz versucht ist, das nächste Frauenhaus zu kontaktieren. Nach den ersten Takten ihrer aktuellen CD merkt man allerdings, dass man sich hier grob hat täuschen lassen, denn von dem, was man in südlichen Gebieten gemeinhin als „Hascherl“ bezeichnet, hat diese Frau so wenig wie Lothar Matthäus ein gebrauchsfähiges Hirn.

Schon im ersten Song, der sich wie einige andere auf „Tell Me“ durchaus um einen Platz auf dem nächsten Tarantino-Soundtrack bewerben könnte, macht sich ein wunderbar dreckiges Gitarrenriff großmäulig Platz und man weiß sofort, dass der Anteil des etatmäßigen Produzenten Dan Auerbach von den Grammy-Gewinnern The Black Keys kein kleiner und kein schlechter sein kann. Auch bei den folgenden Stücken versorgt Auerbach den Sound von Mayfield mit sattem Klang und Volumen und so wird aus dem Album kein leises und verhuschtes Folkstückchen, sondern eine sehr selbstbewußte und feine Mischung aus Blues, entspanntem Songwriterpop und alternativem Country.

Dabei ist sie sich nicht zu schade für den einen oder anderen Überraschungsmoment: einen leicht beschiggerten Uuhh-lalala-Chorus bei „Blue Skies Again“, das lässige, fast kindliche „Grown Man“, hingezaubert mit Casiotone und Drumpadgeplucker („I can feel you watching me and I'd give most anything to know as you're sitting there with your legs crossed and no clothes on what you are thinking of...“) – manchmal wirkt sie wie Sparingspartnerin von Oberentspanner Jack Johnson („Our Hearts Are Wrong“), dann wieder wie die Zwillingsschwester von Darling Adele („Sleepless“).

Ob sie schon, wie zu lesen war, das Format von Hope Sandoval, Frontfrau der kultisch verehrten Mazzy Star, hat sei dahingestellt, fest steht, dass sie die Klaviatur des Moll recht virtuos zu spielen vermag, dass sie ebenso gern mit dem naiven, zarten Erscheinungs- und Stimmungsbild koketiert. Wenn sie jedoch im herzzerreißenden „Run Myself Into The Ground“ darauf besteht: „I ain’t gonna change for nobody at all …”, dann nimmt man ihr das besser ab. Solche Zeilen zu dem eingangs erwähnten Coverfoto, wer das so schadlos wie sie hinbekommt, der hat nicht nur eine bewundernswerte Portion Humor, sondern auch ausreichend Selbstvertrauen für den weiteren Weg eingepackt.
http://www.jessicaleamayfield.com/

Wohnen noch sie ... ?



Ein heißer Dank zum Wochenbeginn geht an die Agentur des Möbelbastlers ROLF BENZ, die sich nun wahrlich um die Qualität der deutschen Sprache verdient gemacht hat - Slogan: "Denken sie über ein Sofa nach? Oder verlieben sie sich in es?" Da fallen mir gleich die Worte meines Neffen (4 Jahre +) ein, der meine Tochter mit den Worten "Sag' uns es!" zur zügigen Auskunft drängte. Texter müßte man sein ...

Freitag, 25. Februar 2011

Gefunden_89



Joy Division "She's Lost Control" vs. Spoek Mathambo/Pieter Hugo "Control" - sehenswert: Hier.

Liebe BILD ... Deine Judith



Frau Judith schreibt einen Brief, denn sie ist offenkundig sehr sauer. Auf Jung von Matt, auf die BILD, auf Alice Schwarzer, und, und, und - und weil es ein offener Brief ist, können wir ihn auch lesen. Hier.

Gehört_245



Beth Ditto „EP“ (Deconstruction)
Wohin die musikalische Reise bei Beth Ditto geht, ließ sich ansatzweise schon bei der letzten gemeinsamen Produktion mit ihrer Hausband The Gossip erahnen, schon auf „Music For Men“ wurden für manchen Song die vormals favorisierten Gitarren in die Ecke gestellt und dem synthetischen Beat gehuldigt. Schlecht klang das keineswegs, warum also, wird sich die Teilzeitmuse von Zopfträger Lagerfeld gedacht haben, nicht noch eine Ehrenrunde drehen, wenn’s denn so viel Spaß macht. Das Duo von Simian Mobile Disco ließ sich von der Idee ebenfalls begeistern – fertig war die 12“.

Die Glitzerkugel haben die drei nun zwar nicht neu erfunden, trotzdem ist ihnen eine kleine, feine Abwechslung zum gewohnten Gossip-Sound, den man nun mal mit Dittos Präsenz verbindet, gelungen. „I Wrote The Book“ kann man getrost einigen autobiografischen Bezug attestieren („The runaround will wear you out, you break it off, I'll break you down, the world is full of good intentions, paradise is full of lies, tell you they love you but fail to mention, who they were with again last night ...“), auch „Good Night Good Morning“ federt locker unterm Stroboskop. Disko der späten 80er und frühen 90er ist das Stichwort, bei „One Heart Surgery“ stand natürlich Adamskis „Killer“ Pate, mit dem geschmeidigen „Do You Need Someone“ ist der beste Song am Schluß gelandet. Mehr als ein Pausenfüller.

AATJ will do it too ...



Was genau will uns dieses Bild sagen?

A. Visuelle Umschreibung der Redewendung "im Trüben fischen" zur aktuellen Plagiatsaffäre im Fall KT zu Guttenberg;
B. Jörg Kachelmann weiht zum ersten Male seit längerer Zeit eine Wetterstation am Grächener Seeli, Kanton Wallis in der Schweiz ein;
C. Seelchen Antony Hegarty veröffentlicht eine neue Platte.

Lösung: C, Antony And The Johnsons veröffentlichen am 26. April ihre EP "Swanlights",
die neben dem aktuellen und bekannten Titelstück zwei bisher unbekannte Songs und einen
Remix von Oneohtrix Point Never (OPN) enthält - letzterer könnte im Hinblick auf ihre
bisherige Zusammenarbeit recht interessant werden.

Donnerstag, 24. Februar 2011

Gehört_244



Lykke Li „Wounded Rhymes“ (Warner)
Mit Zitaten und Querverweisen, das zeigen die letzten Wochen, heißt es sehr, sehr sorgsam umzugehen (na gut, billiger Witz), aber an jenem Text aus dem Onlinefundus Wikipedia bin ich einfach nicht vorbeigekommen: „Für mich war es immer klar, dass ich später etwas mit Kunst machen möchte. Das Leben ist eben ein Mysterium, dem man am ehesten mit Kunst nahe kommt. Als ich dies erkannte, war es für mich offensichtlich, wie meine Bestimmung aussieht. Ich habe überlegt, ob es Mode oder Malerei sein könnte, bis ich mich für die Musik als Ausdrucksform entschied“, so die schwedische Sängerin Lykke Li 2008 auf musik-base.de.

Soweit, so zauberhaft. Nun mag es etwas unfair sein, diese Worte in Zusammenhang mit dem neuen Album aus der Kiste zu holen, andererseits kann es helfen, die Fallhöhe darzustellen, die ihr droht, wenn man sie weiterhin bei eben diesen Worten nimmt. Denn wenn „Wounded Rhymes“ etwas nicht ist, dann ist es das: Kunst. Eher vielleicht, in Anlehung an ein Sprichwort, Wunst. Oder einfach ein ziemlich gewöhnliches, in Teilen eher mäßiges Popalbum. Das ist bei all dem Geschrei, was um die hübsche Songwriterin seit Wochen gemacht wird, noch dazu nach dem in der Tat überraschenden, weil feingliedrigeren Debüt „Youth Novels“, sicher ernüchternd. Aber trotz aller gut gemeinten elektronischen Verzierungen, trotz all der schön inszenierten monochromen Porträtfotos bleibt der Gesamteindruck doch seltsam unbefriedigend.

Wenig zu spüren von dem Reiz, der zum Beispiel eine Karin Dreijer Andersson alias Fever Ray umgibt, stattdessen eine ganze Reihe kaum überzeugender Songs: „Youth Knows No Pain“ böllert gleich gewaltig und leider auch recht mittelmäßig los, „Love Out Of Lust“ bleibt spannungsarm und beim enervierenden Shanty „Unrequited Love“ tut man sich selbst schon ein wenig leid. Bei „Rich Kids Blues“ stimmt wenigstens die Dröhnung – satter Bassrock im Stile einer Melissa auf der Maur. Das nachfolgende „Sadness Is A Blessing“ („Sadness is a blessing, sadness is a pearl, sadness is my boyfriend, oh, sadness I'm your girl ...“) ist so platt geraten, dass wahres Mitgefühl zwangsläufig außen vor bleiben muss.

Soll aber keiner sagen, es gäbe keine Lichtblicke – „I Follow Rivers“ gefällt nicht nur durch das verquere, an den unmöglichsten Stellen eingestreute metallische Geklimper, auch die beiden ruhigeren Stücke „I Know Places“ und „Silent My Song“ sind gelungen. Deutlich auf der Haben-Seite natürlich die Stampede „Get Some“ – da muss man unserem Lieblingsscientologen Beck schon das Kompliment machen, dass er sich von allen Songs den erfolgversprechendsten für seine Überarbeitung vorgenommen hat, griffiger Refrain („Like a shotgun needs an outcome, I’m your prostitute you gon‘ get some“), sichere Nummer. Schmollmund hin oder her, gemessen an den Vorschusslorbeeren dann aber doch zu wenig.
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