Montag, 18. Oktober 2010

Gehört_200



Styrofoam „Disco Synthesizers & Daily Tranquilizers" (Excelsior)
Gut, wie ein Platte mit erlesener alternativer Tanzmusik sieht die neue Styrofoam nicht gerade aus, das Cover erinnert eher an Hornbachs neuesten Handwerkssampler oder maximal an eine Remix-Edition der aktuellen Eels-CD. Aber wenn man sieht, welch illustre Schar an Namen selbst Wikipedia unter der etwas fragwürdigen Subsumierung ‚Indietronics’ versammelt, dann wird klar, dass man nicht der einzige ist, der hier gewisse Zuordnungsschwierigkeiten hat.

In den Topf, in welchem der belgische Remixer Arne van Petegem aka. Styrofoam köchelt, sollen nämlich auch noch The Notwist, The Postal Service, Hot Chip, The Knife, Lali Puna und Stereolab passen, um nur die bekanntesten zu nennen. Alles ehrenwerte Adressen, fraglich nur, wie sie miteinander zu verschrauben sind. Was ist ‚indie’, wie ‚tronic’ muss man sein, um dazuzugehören – eine müßige Diskussion.

Besser man nähert sich „Disco Synthesizers …“ über die Labels, die sich um elektronisch verstärkte Tanzmusik in den letzten Jahren verdient gemacht haben, also Warp, Mute, Morr Music oder auch Ladomat2000 und Too Pure. All jene also, die im Portfolio eine erkleckliche Schar an ähnlichen ambitionierten Talenten und Rohdiamanten führen und keine Mühen scheuen, diese auch Jahr um Jahr über die Bühnen und Festivals dieser Welt zu scheuchen. Wobei Styrofoam fast schon ein alter Hase unter einer Menge Grünohren ist.

Seine aktuelle Platte ist grundsolider und sehr eingängiger Dancefloor, ergänzt um mal butterweiche, mal aufgeraute Gitarrenparts, größtenteils downtempo und größtenteils sehr gelungen. Das satte „Get Smarter“ marschiert ordentlich drauflos und hat noch dazu einen recht niedlichen Kinderchor im Gepäck, zusammen mit dem ebenfalls starken „Extra Carefull“ würde es wohl auch auf einer aktuellen New Order seinen Platz finden. „Kids Of Acid“ erinnert dann an einen weiteren Vertreter aus dem Indietronic-Regal, die leider etwas verblassten She Wants Revenge von Teilzeit-DJ Justin Warfield.

Richtig hart oder unangenehm wird van Petegem trotz der vorsichtigen Nähe zur ehemals hoch gehandelten Electronic Body Music der 80er nicht, einzelne Stücke wie zum Beispiel „Mile After Mile“ starten zwar mit harschen Tönen, entpuppen sich aber später als recht gemäßigte Nummern, das entschleunigte „Am I The Ghost“ wiederum hätte eine bessere B-Seite für Depeche Mode hergegeben – auch nicht die schlechteste Referenz. Am Ende übertreibt es der Meister ein wenig, „Believe Everything“ fällt leider etwas ins verschmust Mobyeske. Was aber nicht weiter ins Gewicht fällt, der Gesamteindruck bleibt ein durchweg positiver.
http://www.myspace.com/styrofoam

Gefunden_79



Natürlich wird mancher fragen: Warum gerade dieses Video? Nun, zum einen ist der Song "New Orleans" der weiter unten gepriesenen Former Ghosts ein wirklich wunderbares Stück PostWave, zum anderen gefällt die ostentativ dargestellte Bedeutungslosigkeit der Handlung, die bewußt keine große Kunst sein will und es möglicherweise dadurch gerade wird - vielleicht ist es aber auch einfach nur schön anzuschauen ...

Sonntag, 17. Oktober 2010

Gefunden_78



Hach, da wird einem das Herz ganz warm bei dieser Nachricht: Zusammen mit Interpol sind kürzlich die Pixies aus Anlaß der geglückten Rettung der 33 verschütteten chilenischen Bergarbeiter im Autodromo Hermanos Rodriquez/Mexiko City auf die Bühne gegangen und haben - klar, 33 Songs gespielt. Fünf davon gibt es nun gratis als Live-Download zu haben, dazu noch ein Video und es wird wieder einmal klar, warum eine Hallentour in Europa dringlicher denn je ist.

Hola From Mexico City/Foro Sol/Autodromo Hermanos Rodriquez
Dancing The Manta Ray
Monkey Gone To Heaven
Crackity Jones
Gouge Away
La La Love You (+ Video)

Zu finden unter: http://pixiesmusic.com/interpol.html

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Gehört_199



Belle And Sebastian “Write About Love” (Rough Trade)
Auch wenn mancher Fan das vehement bestreiten wird – man kann wahrlich nicht behaupten, dass sich die Briten von Belle And Sebastian in den fast fünfzehn Jahren ihres Bestehens wesentlich verändert hätten. Gut, der Fortgang von Isobell Campbell war ein herber Verlust und die zaghafte Hinwendung der Band zum Artrock der 70er hat auch nicht jedermann mit Beifall bedacht. Im Grunde jedoch ist das Kollektiv um Mastermind Stuart Murdoch sich und seinem Sound immer treu geblieben, noch immer buchstabiert man Indiepop wie ein französisches Kinderbuch, noch immer machen sie Musik für Kassettenmädchen mit stetem Hang zum Überzucker – die Töne weich, die Stimmen sanft, die Cover in warmer Duplex-Optik: Bei Belle And Sebastian weiß man, worauf man sich einlässt und man bekommt es auch mit dem aktuellen Album fast auf den Punkt serviert.

Elf neue Songs, bei denen man fast immer das Gefühl hat, man kenne sie schon ewig und sie wären einem nur kurzzeitig abhanden gekommen – schon der erste „I Didn’t See It Coming“ ist wie Nachhausekommen: „Make me dance, I want to surrender, your familiar arms I remember … but we don’t have the money, money makes the wheels and the world go round, forget about it, honey.” Es ist diese selbstvergessene Unbekümmertheit, die einen sofort einfängt und für den Rest der Platte nicht mehr loslassen will. Nicht beim poppigen „Come On Sister“ und auch nicht beim urbritisch bitterbösen „Calculating Bimbo“, das daherkommt wie ein Wolf im Schafspelz, spitze Nadeln verpackt in watteweiche und träge Töne.

Aus dem Muster fallen einzig das etwas überflüssige Duett mit Norah Jones – sie will mit ihrem vergleichsweise harten Timbre so gar nicht ins Gesamtbild passen, der soulige Sound klingt zudem fast gewöhnlich balladesk, auch das verspielte, aufgekratzte „I’m Not Living In The Real World“ wirkt etwas deplatziert. Geschenkt – der mehrheitliche Rest entschädigt bestens.

Das wunderbare „I Want The World To Stop“ gehört schon jetzt zum offiziellen Bandkanon, der Titelsong ist eine satte Sixtees-Nummer, das blumig lyrische Traumlied „Ghost Of Rockschool“ wandert nahe an der Grenze zum Kitsch, ohne sie jedoch zu übertreten. Beim fast mittelalterlich anmutenden „Read The Blessed Pages“ darf man raten, wessen Abschied Murdoch da betrauert – auch ohne Auflösung bleibt es ein stilles Vergnügen. Das zauberhaft träumerische „I Can See Your Future“ macht den Abschied von Campbell dann mehr als erträglich, Sarah Martin trällert munter in Begleitung majestätischer Hörner, auch dieses Lied schon jetzt ein Klassiker.

Ein Hoch auf die Verlässlichkeit also, Belle And Sebastian schaffen das Erwartete, ohne langweilig zu sein und manchmal bringen sie noch immer das Herz zum überfließen. Das mag fürchterlich dick aufgetragen klingen, jedoch: Wer’s selbst erlebt hat, wird’s aushalten.
http://www.belleandsebastian.com/

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Gehört_198



Antony & The Johnsons „Swanlights“ (Rough Trade)
Die Frage nach dem passenden Format stellt sich ja heutzutage leider nur noch allzu selten, oft ist der – hoffentlich legale – Download der schnellste und bequemste Weg, keine langen Wege, alles gleich zur Hand und das Dank technischen Fortschritts mittlerweile auch in vergleichsweise ansprechender Qualität. Wer sich aber für den Kauf des aktuellen Albums von Antony Hegarty entschieden hat, sollte kurz einen Gedanken daran verschweden, vielleicht doch zur CD oder besser noch zum altehrwürdigen Vinyl zu greifen. Und das nicht nur wegen des kunstvollen Klappcovers oder der angenehm schweren 180g-Pressung.

Wer Antony & The Johnsons hört, dem unterstellt man, dass er sich Zeit und Muße nehmen will für diese hauchzarte, entrückte Kammermusik – und selbige/r vermag vielleicht auch der scheinbaren Mühe des aus dem Gebrauch gekommenen Plattenhörens noch ein Vergnügen besonderer Art abzugewinnen. Abgesehen von der unschlagbaren Soundqualität könnte man mit dem feierlichen Prozedere dem Künstler ein Stück weit die verdiente Ehre und Dank erweisen, was mit dem flüchtigen Datenstream weitaus schlechter zu bewerkstelligen ist.

„Swanlights“ also – ähnlich groß und doch zerbrechlich wie der Vorgänger „The Crying Light“, trotz der teilweise orchestralen Begleitung (Ghost/Salt Silver Oxygen) vielleicht noch ein Stück reduzierter, puristischer. Die Lieder erneut mehr Stücke im althergebrachten, kompositorischen Sinne denn Songs, manche fragmentarisch anmutend wie das abrupt endende „Ghost“, vieles angelegt als scheinbar transparente, zellfaserfeine Meditationen. Wenn beim scatartigen „I’m In Love“ im Hintergrund ein zaghaftes Pluckern einsetzt, so ist das schon fast übertriebene Spielerei – Hegartys Vortrag lebt wie immer von seinem falsettartigen Gesang und musikalisch eher vom Weglassen als vom Draufsetzen.

Der Titelsong „Swanlights“ betört mit jenseitigen Mysterien und vibrierendem, zuweilen orientalisch anmutendem Tongeflecht, das rästelhafte, fragende „The Spirit Was Gone“ gleicht einer spirituellen Totenwäsche – verstörend. Dagegen wirkt die Single „Thank You For Your Love“ geradezu frohgemut und gegen Ende regelrecht ausgelassen. Und auch die fast zwangsläufig entstandene stimmliche Paarung zweier auf ähnliche Weise versponnener Seelen wie Hegarty und Björk bei „Fletta“ ist nur teilweise zurückhaltend, der Refrain, falls man ihn so nennen will, gerät kraftvoller und beschwingter als man es anfangs vermutet.

„Christina’s Farm“ am Ende ein bildgewaltiger Tagtraum, ein fast achtminütiger Minnegesang, der den Text des ersten Stückes „Everything Is New“ wieder aufnimmt und sich zu einem wunderbaren Crescendo emporschwingt, um dann im Nichts zu verhallen. Antony Hegarty erweist sich mit „Swanlights“ einmal mehr als bezaubernder Grenzgänger zwischen U und E, auch mit diesem neuen Album gelingt ihm wieder ein anrührendes Meisterwerk.
http://www.antonyandthejohnsons.com/

Dienstag, 12. Oktober 2010

Hören+Sehen



Grinderman, Muffathalle München, 10. Oktober 2010
So sieht er aus - Dein Albtraum: Du bist eine angehende Edelfeder auf dem Weg nach ganz oben, doch noch ist dieser Weg steinig und mühsam und will durch täglichen Kampf bewältigt werden. Mit Deinem Ressortleiter, dem Du letzte Woche sogar die Hand schütteln durftest, kommst Du zwar nicht so ganz klar, doch als es am Morgen in der Konferenz ans Aufgabenverteilen geht, eröffnet er Dir, dass am Abend der Hauptgewinn auf Dich wartet: Rocklegende, alter Haudegen, Besessener, samt legendärer Band, schon öfter totgesagt und trotzdem unkaputtbar, gilt als schwierig, aber auf der Bühne als genial, kommt mit neuer Platte - ja, Du kennst die Tourkalender auswendig, bist auf dem Laufenden, bestens informiert. Und als Du dann freudestrahlend Deine Pressefreikarte in Empfang nehmen darfst und einen verlegenen Dank verschluckst, weil das eher peinlich ist für einen zukünftigen Star am Journalistenhimmel, setzt mit dem Blick auf das Ticket eine Art entsetzte Schockstarre ein. Denn da steht nicht "Grinderman/Muffatwerk", sondern "Westernhagen/Olympiahalle". Und als ob das nicht genug wäre, fügt der Chef lakonisch hinzu: "Den Cave macht der Praktikant."

Was Du also nicht mitbekommst: Vollbesetzte Halle, angenehm rauchfrei, und eine Band, die loslegt wie der Teufel. Was insofern witzig ist, als dass alle vier ausschauen, als seien sie geradewegs von den Passionsspielen in Oberammergau in die Großstadt gekommen, Hair-Bluesrock sozusagen. Nächster Eindruck: Laut. Und zwar richtig. Die Grinderman lassen keinen Stein auf dem anderen, ungestüm wie Berserker wuchten sie einen Song nach dem anderen aus dem neuen Album - an gleicher Stelle schon ausreichend gewürdigt - auf die feuerroten oder gleißend hellen Bretter. Cave schreit, barmt, schimpft und jault sich wie erwartet die Seele aus dem Leib, Warren Ellis gibt das wahnsinnige Rumpelstilzchen, den Schachtelteufel, bewaffnet mit Rassel, kratziger Violine und einer Vielzahl an kreischenden Gitarren. Keiner schont sich, es wird geschwitzt und auch mal in die Ecke gespuckt - der Job ist hart und sie machen ihn gut.

Großartige Variationen sind nicht zu erwarten, die neuen wie auch die alten Stücke sind gewaltig und ohrenbetäubend genug, Atempausen werden kaum gewährt. Egal ob "Heathen Child", "Worm Tamer", "Palaces Of Montezuma" oder "Evil" - alles packt zu, wird zerlegt und rauft sich wieder zusammen, eine Tour de Force ohne jede Gnade. Der schonungslose "No Pussy Blues" darf ebensowenig fehlen wie das anfeuernde "Get It On" - gebremster einzig "What I Know" und das etwas ältere "Man In The Moon". Am Ende dann als Dreingabe noch der rüttelnde, kraftstrotzende und blutrote "Grinderman"-Song, mehr wäre kräftemäßig wohl auch nicht dringewesen. Überzeugt, überwältigt und wirkt wie eine gehörige Tracht Prügel, für die man auch noch freiwillig Geld auf den Tresen gelegt hat. Und Westernhagen? War auch da ...

Montag, 11. Oktober 2010

Gehört_197



Kings Of Leon „Come Around Sundown“ (RCA)
Die Kings Of Leon haben in den Jahren seit der Gründung ihres schmissigen Familienunternehmens eine sagenhafte Performance aufs Parkett gelegt und man könnte sie, würden sie als Aktie gehandelt werden, zweifellos als grundsoliden Anlagetipp empfehlen. Die Chartplatzierungen ihrer bisherigen vier Alben kletterten, so sie nicht gleich, wie bei den stets etwas gescheiteren Briten, die Spitze markierten, in den USA und Resteuropa kontinuierlich nach oben, die gebuchten Hallen wurden größer und die Touren länger. Man sollte meinen, Vater Followill könnte als ehrenwerter und ehrgeiziger Wanderprediger stolz sein auf seine Jungs.

Doch wie üblich hat der Erfolg auch immer einen Pferdefuß unter der Soutane, und der heißt bei den Kings schlicht: Gefälligkeit. Manch einer, der neben der Musik auch gern das Gras wachsen hört, hatte die Entwicklung schon mit dem letzten Album „Only By The Night“ geahnt, aber erst „Come Around Sundown“ wird die gewachsene Anhängerschar vor die Wahl zwischen Abkehr oder erneutem Treueschwur stellen: Keine der vorangegangenen Platten war so konsequent auf Breite, auf Masse und auf Konsens gebügelt wie die aktuelle, keine war so geschlossen und dicht produziert und keine war streckenweise so – ja, langweilig.

Nach dem schönen Eingangsgag, einen schwermütigen Song mit Namen „The End“ an den Anfang eines Albums zu stellen, hält leider schnell der stadiontaugliche Durchschnitt Einzug – die vollgepackte Single „Radioactive“, das schluchzende „Pyro“, das schunkelnde „Mary“, alles recht mediokrer Südstaatenrock ohne viel Esprit. Vorbei die Zeiten, in denen Caleb Followill sich für den Hörer noch die Stimmbänder wund bellte, vorbei die Zeiten von gehetzten Glanzstücken wie „Pistol Of Fire“ oder „Crawl“, von solch unschlagbar dreckigen Gassenhauern wie „Molly’s Chambers“ und „Holy Roller Novocaine“. Auf „Come Around Sundown“ muß alles rund und gewichtig klingen, golden und honigsüß wie bei „Back Down South“ oder getragen und verhangen wie „The Immortals“ – das Spontane, das Wilde, der Tritt in den Hintern bleibt aus.

Dass die Kings durchaus noch gute Songs schreiben können steht außer Frage, „The Face“ ist mit reduziertem Instrumentarium ein feiner Ausreißer aus der Arenafalle, auch „No Money“ klingt zwingend und geradeheraus, zusammen mit den ansatzweise gelungenen „Pony Up“ und „Mi Amigo“ gibt die Platte also auch Erfreuliches her, auch wenn dessen Anteil am Gesamtwerk etwas ärmlich wirkt.

Vielleicht muß man mit der Großfamilie auch nicht allzu hart ins Gericht gehen, wenn man zum Kreis derer gehört, denen Fortentwicklung um ihrer selbst willen schon als Qualitätsmerkmal erscheint. Schlägt man sich wie ich aber ausnahmsweise mal auf die Seite der Bewahrer, dann ist das Album eher eine Enttäuschung. Ob darauf eine Rückbesinnung folgt wird stark davon abhängen, wie die Kings Of Leon mit dem Lob und dem Ruhm umzugehen bereit sind, ob sie beides also als Anerkennung oder doch eher als Abschreckung empfinden.
http://www.kingsofleon.com/

Freitag, 8. Oktober 2010

Eine mehr.



Eine gute Nachricht in ganz eigener Sache - seit dem 6. Okober ist Frida (dicke) da und weiß schon mit ihren Körpermaßen gehörig zu beeindrucken: 36/56/4.270 - Kopf/Länge/Gewicht. Respekt. Mehr davon bald wie gewohnt rechts ...

Dienstag, 5. Oktober 2010

Gehört_196



Former Ghosts „New Love“ (Konkurrent)
Sollte mal irgendwer eine Einheit erfinden, mit der man die gefühlte Temperatur eines Raumes bei musikalischer Beschallung bemessen wollte, wäre Jamie Stewart als Namensgeber denkbar gut geeignet. Jamie Stewart – ja, das ist der, der seelenruhig und schokoladekauend das Mantra „Dear God I Hate Myself“ daherquengelt, während sich sein aktueller Sidekick bei Xiu Xiu, Angela Seo, neben ihm liegend den spärlichen Inhalt aus dem Leib würgt – kein Video für Menschen mit nervösem Magen. Stewart jedenfalls vermag eine wohltemperierte Umgebung binnen einer CD-Länge gleichsam schockzufrosten, so dass man sich nach ein paar Minuten über Raureif und kondensierten Atem gar nicht mehr wundern muß. Jüngstes Beispiel für dieses Phänomen ist die Zusammenarbeit mit seinem Kumpel Freddie Ruppert und Nika Roza Danilova, die als Zola Jesus mit ihrer aktuellen Platte „Stridulum II“ der Nullgradmarke in diesem Jahr schon bedenklich nahe gekommen ist.

Stewart dreht den Regler im Kühlraum gleich noch ein paar Stufen runter, schon der erste Track kommt als gehexelte Synthethiktapete daher, Stimme mit viel Hall, Töne extraschräg, es geht nach unten. Spätestens bei todtraurigen „New Orleans“ hat man dann jede Hoffnung fahren lassen, beim kaltklaren „Until You Are Alone Again“ wird es zappenduster und es ist gerade mal das erste Drittel geschafft. Dass die Platte trotzdem nicht in einer freudlos morbiden Ödnis endet liegt zum großen Teil daran, dass die Former Ghosts neben all den düsteren Predigten das Tanzen nicht vergessen haben und jede Menge feiner Beats in ihre Songs hineinbasteln. Schon „Winter’s Year“ und „New Orleans“ pochen und klacken untergründig und behutsam, spätestens wenn dann „And When You Kiss Me“ schief und schnell durch die Gegend hüpft, ist die Erinnerung an Ian Curtis, Joy Division und deren Nachfolger New Order nicht mehr wegzuwischen. Auch das fünfeinhalbminütige „Taurean Nature“ pluckert dumpf und birgt einige hübsche Verziehrungen, wenn sie auch mit sehr kalter Nadel gestrickt sind.

Die Vocals von Tearists Yasmine Kittles bei „I’m Not What You Want“ wirken im Zusammenspiel mit den klaren Drumparts angenehm verhalten, der Nachfolger „Only In Time“ wird dann wieder von Danilovas markigem Timbre allein beherrscht. Stewart irritiert noch einmal in „Bare Bones“ mit einer Stimme zwischen verdrücktem Gelächter und belegtem Schluchzen, mit „New Love“ fällt zu spärlichen Pianotakten der Vorhang. Wer’s winterlich mag, ist hier bestimmt nicht falsch, alle anderen sollten sich schleunigst ein paar wärmende Gedanken machen.
http://formerghosts.com/

Montag, 4. Oktober 2010

Gehört_195



Ben Folds & Nick Hornby „Lonely Avenue“ (Warner)
Man wird jetzt oft Sachen lesen wie „Lieblingsmusiker meets Lieblingsautor“ und viele werden fragen, warum die beiden Protagonisten, die für diese Platte verantwortlich zeichnen, sich erst jetzt zu einer Zusammenarbeit entschlossen, die wie gemacht ist für Überschriften wie „If Books could sing …“ und ähnliche Schmeicheleien. Und natürlich ist es schön, wenn Sympathieträger Nummer 1, der
versponnene, quicklebendige Pianoentertainer, seit fünfzehn Jahren aufopferungsvoll tätig im Dienste des herzerwärmenden Popsongs, Sympathieträger Nummer 2 trifft, der sich als Popliterat mit einem Plus an Jahren auch schon ein Plus an Leibesfülle erarbeiten konnte und mit seinen zauberhaften Romanen seit jeher existentielle Richtlinien für’s leidige Singleleben zu vermitteln weiß – wie zum Beispiel die Empfehlung, bei einem ersten Date zunächst die Plattensammlung der Angebeteten unter die Lupe zu nehmen. Sollte sich darin nämlich Vinyl und oder Plastik von Tina Turner oder Phil Collins befinden, sei von einer Fortsetzung des Paarungsversuchs dringend abzuraten – eine nahezu zeitlos gültige Regel.

Was man allerdings bei all der wohlwollenden Reminiszenz vergisst, ist dass Ben Folds auch vor dieser umjubelten Kollaboration schon sehr feinzüngige, bissige und schwarzhumorige Lieder zum Besten gegeben hat, allein „The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner“ wäre Fundgrube genug, anrührender wiederum als bei „The Luckiest“ oder „Fired“ vom Album „Rockin’ The Suburbs“ war er selten.

Aber wenn man sich vom Gedankenspiel löst, wer hier wohl wen eher gebraucht habe, und wenn man nach den ersten Durchläufen vergisst sich zu fragen, wer einem denn jetzt wohl diese aberwitzigen Geschichten erzählen will, der singende Ben oder doch der schreibende Nick, dann wird natürlich auch aus „Lonely Avenue“ eine sehr unterhaltsame Angelegenheit: Hier trifft Großes Kleines, alltägliche Spiegelungen kreuzen weltumspannende Schlagzeilen – alles in Schwung gehalten von Folds unvergleichlich fantasievoller und feinfühliger Begabung, die Töne wie die Bälle des Jongleurs in launigem Schwung zu halten.

Wie Hornby im ersten Song „A Working Day“ seine Selbstwahrnehmung gegen die der Öffentlichkeit stellt („ I’m a looser I’m a poser, everthing I write is shit“) ist ebenso komisch wie die traurigen Bekenntnisse von Bristol Palins Ex in „Levi Johnston’s Blues“. Trauriges („Hope is a bastard, hope is a liar“/Picture Window), Träumerisches (“I’ve got no time for detail plans ‘cause I’m too busy dreaming”/Practical Amanda) und jede Menge gedankengesäumte Liebeslieder (Claire’s Ninth, Password) – Hornby und Folds vertonen die komplette Beziehungskiste und wagen mit dem herrlichen „From Above“ sogar eine Art gemeinsames Manifest: „Maybe thats how books get written, maybe thats why songs get sung, maybe we are the unlucky ones …“ Und wenn Folds dann bei „Your Dogs“ erst den Joe Strummer gibt und später zum abgedrehten Chorus lädt, wenn er „seiner“ Liebe Saskia Hamilton, einer Poetikprofessorin, seine Verehrung und Begeisterung entgegenbellt, dann sind die anfänglichen Zweifel bald verschwunden und beide, der Autor wie der Musiker, dürfen auch weiterhin mit wohlwollender Aufmerksamkeit rechnen.
http://benfolds.com/

Freitag, 1. Oktober 2010

Gehört_194



Neil Young „Le Noise“ (Warner)
Es ist dies das Privileg ehrwürdiger Rocklegenden, auch liebevoll alte Säcke genannt, im höheren Alter Alben zu veröffentlichen, die sich wenig scheren um Marktanalysen und Hörgewohnheiten von Käuferschichten und Zielgruppen. Neil Young hat, so knapp vor der offiziellen Pensionärsgrenze, reichlich an Vita und Glaubwürdigkeit vorzuweisen, sein Backkatalog ist ähnlich umfangreich und vielfältig wie die Archive des Vatikan – der Mann darf also. Und trotzdem befällt so manchen eingeschworenen Fan ein mächtiges Zittern – was, wenn der Meister endgültig jedweder Erwartungshaltung abgeschworen hat und zukünftig nur noch solch kantige Brocken in die Runde wirft? Was, wenn sich auf komenden Alben demnächst statt der ohnehin mageren acht Titel nur noch zwei mit geschätzt jeweils zwanzig Minuten Spielzeit befänden? Endzeitstimmung?

Dafür besteht nun wirklich keinerlei Anlaß, denn wie auch das vordergründig monochrom düstere Cover vom neuen „Le Noise“ bei genauem Hinsehen viel Licht und Helligkeit offenbart, so besitzt auch die neue Platte des knurrigen Kanadiers viel Weiches, Versöhnliches und eine große Portion Melancholie. Natürlich hat jeder seine ganz eigenen Assoziationen zu diesen vierzig Minuten elektrisch verstärkter Meditation beizusteuern, nicht wenigen kommen die sagenhaften und gewaltigen Bilder von Jarmuschs „Dead Man“ in den Sinn – Birkenwälder, schwarzweiß, endlos, leinwandfüllend und allein getragen von einem unglaublichen Feedbackgetöse, welches in den besten Momenten wirkt wie ein akustischer Aderlaß, wenn es Welle um Welle vorandrängt und hinwegfegt. Man muß das mögen, klar, denn auch auf „Le Noise“ läßt Young das Gitarrenmonster heulen, gibt ihm die Sporen und jagt es ohne Gnade über seine Spielwiese aus grob geschlagenen Riffs, Rückkopplungen und experimenteller Vielspurigkeit. Und auf den ersten Blick scheinen die rauen Texturen auch das Bild dieses Albums zu bestimmen, das bittersüße „Walk With Me“ ebenso wie das sogar stimmlich verzerrte „Sign Of Love“, selbst der schwelgerische Trostgesang „Someone’s Gonna Rescue You“ ist beinharter Bluesrock.

Doch es gibt eben auch solche anrührenden Tearjerker wie das unverfremdete „Love And War“, Herzstück und Politikum der Platte, das jedem anderen als Young wahrscheinlich gnadenlos misslungen wäre, ihm aber, so einfach die proklamierten Sätze auch scheinen, auf unvergleichliche und wahrhaftige Art gelingt. Ähnlich berückend der behutsame Gesang bei „Peaceful Valley Boulevard“, trauriges Gesternlied – ihm zu lauschen ist wie alte Fotos anschauen, nur eben lauter – ein unverhohlener, beißender Klagegesang für die Ureinwohner Amerikas und das Weltenschicksal ganz allgemein: „At first they came for gold and then for oil, fortunes were made and lost in lifetimes, mother earth took poison in her soil ... A child was born and wondered why.“ Bleischwere Worte, tröstlich nur die Begleitung.

Auch wortwörtlich also ein Album, das erst einmal verdaut werden will. Die Chance jedenfalls, dass „Le Noise“ bald im jamba-Sparabo zu haben sein wird oder die Spitze der Downloadcharts erklimmt, geht streng gegen null – nicht die schlechteste Voraussetzung, den Mythos zu wahren. http://www.neilyoung.com/

Donnerstag, 30. September 2010

Meine Frau sagt ... [9]



... dass sie schon lang nix mehr sagen durfte, und wer weiß, wie gern gerade sie mal wieder tanzen würde, der wird verstehen, dass dieser Tanztip aus Bochum ganz einfach sein muß. Also, ihre Empfehlung, mein Ausrufezeichen dahinter: Bewegungsbefehl aus dem Pott.

Montag, 27. September 2010

Und sie kommen doch ...



Früher waren es Rauchzeichen oder Buschtrommeln, heute ist es Gezwitscher - zu irgendwas muss das Zeugs ja auch gut sein: Twitter meldet, dass Interpol (ja die) im Frühjahr nächsten Jahres noch einmal nach Deutschland kommen, somit sieht die komplettierte Tourliste wie folgt schon etwas erfreulicher aus:

20.11. 2010 Berlin, Tempodrom
22.11. 2010 Dortmund, Westfalenhalle
03.03. 2011 Hamburg, Docks
04.03. 2011 Hamburg, Docks
10.03.2011 Leipzig, Haus Auensee
12.03. 2011 München, Kesselhaus

Sonntag, 26. September 2010

Gehört_193



No Age „Everything In Between“ (Sub Pop)
Irgendwann bekommt man natürlich ein gewisses Glaubwürdigkeitsproblem, wenn man aller paar Wochen einen neuen Anwärter auf den Sieg in der bunten Lotterie zum Album des Jahres ins Rennen schickt – The Black Keys, LCD Soundsystem, The Divine Comedy, The Roots, natürlich Arcade Fire – zuletzt die zweite Grinderman. Allesamt erstklassige Platten und auf den ersten Blick will sich einem selbst nicht erschließen was denn um Himmels Willen das neue, dritte Album von No Age für einen Platz auf dieser Liste qualifiziert.

Wie auch der wunderbare Vorgänger „Nouns“ ist auch dieses wieder von recht fragwürdiger Produktionsqualität, klingt phasenweise seltsam flächig, blechern und unscharf, so als wäre die Aufnahme vor der finalen Pressung noch über einen Kurzwellensender gejagt worden. Und trotzdem steckt in „Everything In Between“ eine selten gehörte Vielfalt und ungefilterte, ungebremste Energie, roh und bei aller Einfachheit trotzdem – ja, klug. Und man lehnt sich sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, No Age bekommen langsam den Stellenwert, den Fugazi zu Zeiten ihres Bestehens hatten und teilweise auch jetzt in punkto Nachlassverwaltung noch genießen.

Zum Start hämmert bei „Live Prowler“ ein unablässiges Anlassergeräusch auf den Schädel, der Song schleppt sich träge und in reizvoller Monotonie über die kurze Zeit, bevor dann in „Glitter“, der ersten Singleauskopplung, kreischende Noisegitarren mit einem vergleichsweise braven New-Order-Bass kontrastieren. Es bleibt laut und angenehm chaotisch – bei „Fever Dreaming“ legen die beiden Jungs aus L.A. los wie weiland die Ramones, das Jaulen im Hintergrund lässt sich nicht näher verifizieren, und auch „Depletion“ kann und will die Probekeller im Hinterhof nicht verleugnen. Zuweilen bremsen sich Randy Randall und Dean Allen Spunt auch etwas ein, „Common Heat“ oder „Valley Hump Crash“ haben – man reibt sich verwundert die Ohren – sogar liedhafte Züge.

Allein der Umstand, dass man jeden einzelnen der dreizehn Songs kommentieren möchte zeigt, dass No Age mit kleinster Besetzung ein erstaunlich großes Repertoire hervorzubringen in der Lage sind – Garage, Punk, Electro, Shoegazing, Noise, sollen nur kommen! Vieles wirkt grob zusammengehauen, unfertig und bezieht doch genau aus diesem skizzenhaften seinen Zauber. Ganze drei Instrumentaltracks werden auch noch untergebracht und selbst die fallen zum Rest keinesfalls ab. Das stampfende „Sorts“ grandios, „Shed And Transcend“ schnell, dicht, eine Furie, zum abschließenden „Chem Trails“ gerechte Arbeitsteilung am Mikro. No Age gehören im Übrigen auch zu der seltenen Spezies, die sich auch für ihre B-Seiten richtig Mühe geben – das wunderbare „Inflorescence“ mit dem überraschenden Keyboard-Break von der verlängerten „Glitter“-Version ist dafür das beste Beispiel.

Gerade erst am Wochenende konnte man die Klage des kanadischen Entertainers Chilly Gonzales lesen, in Deutschland gäbe es keine Bewunderung ohne Kritik. Lasst uns also damit hier und heute anfangen: Uneingeschränktes, schonungsloses Lobpreisen für diese Band und diese Platte – es würde nicht verwundern, wenn nach The XX auch das Album dieses Jahres eines in schlichtem schwarz/weiß wäre.
http://www.myspace.com/nonoage

Donnerstag, 23. September 2010

DFW_US: 81/99/120



Frohsinn: "Als aktiver Drogensüchtiger zeichnete sich Gately durch seinen wilden und fröhlichen Elan aus. Er hielt die ans Quadrat angeflanschten Ohren steif, lächelte breit, doch weder fügte noch versagte er sich einem Menschen. Er ließ sich nicht auf die Stulle furzen und war ein fröhlicher, aber unerbittlicher Anhänger der Rache-ist-Blutwurst-Schule."
Ärzte: "Die meisten Ärzte betreten die Bühnen ihrer Berufsausübung mit forscher Munterkeit, die sie dann ein wenig reduzieren und dämpfen müssen, wenn die Bühne der fünfte Stock eines Krankenhauses ist, eine Psychatriestation, wo forsche Munterkeit einen Hautgot von Häme bekäme."
Weltmacht: "In den Ver. St. des modernen Am. ist der Staat weder eine Mannschaft noch ein Code, sondern eine Art saloppe Kreuzung aus Wünschen und Ängsten, und der einzige öffentliche Konsens, dem sich ein Junge beugen muß, besteht im anerkannten Vorrang direkten Strebens nach der oberflächlichen und kurzsichtigen Vorstellung persönlichen Glücks."

Gehört_192



Maximum Balloon „Maximum Balloon“ (Interscope)
Man sollte eigentlich annehmen, dass mit dem Namen David Andrew Sitek mittlerweile jeder halbwegs musikalisch interessierte Mensch etwas anzufangen weiß. Für den informationsresistenten Rest hier noch einmal fettgedruckt: David Sitek ist für den intelligenten Pop das, was Rick Rubin für alternde Helden im Vorruhestand ist, ein Veredler, ein Zauberer, der Mann mit dem berühmten „Midas Touch“. Hauptberuflich als Mastermind für TV On The Radio tätig, ist er als Produzent mehr als begehrt und wem die Ehre zuteil wird, mit ihm zusammenarbeiten zu dürfen, darf sich glücklich schätzen – sein Name im Booklet ist pure Währung. Er stand den Yeah Yeah Yeahs und den Liars helfend zur Seite, erbarmte sich der sangestechnisch minderbegabten Scarlett Johansson und arrangierte das quirlige Debüt der Foals. Der Mann hat also zu tun.

Doch offenbar nicht so viel, als dass nicht noch etwas Zeit abfiele für sein Soloprojekt Maximum Balloon. Wie auch bei einigen anderen Hochkarätern in diesem Jahr wird auch hier nicht einfach nur musiziert, sondern kräftig gefeatured – Gästeliste galore! Ohnehin dabei, quasi mit Kollegenrabatt, Tunde Adebimpe (Absence Of Light) und Kyp Malone (Shakedown), auch Katrina Ford (Young Love) ist ein bekanntes TV-On-The-Radio-Darling und war schon auf den ersten Platten der Jungs mit von der Partie, ihre Band wiederum, Celebration, saß mit besagten Yeah Yeah Yeahs und Role Model Karen O. (Communion) gemeinsam im Tourbus.

Die Musik von Maximum Balloon unterscheidet sich indes nicht wesentlich von Siteks Stammkombo – ähnlich funky, flirrend und für Freunde des geschwungenen Tanzbeins gefährlich infektiös. Etwas abseits dieses erfolgversprechenden Schemas vielleicht der flotte Rap der Kollaboration mit dem Meister aller Mixtapes, Theophilus London – „Groove Me“sollte keine Schwierigkeiten haben, den Tanzboden zu rocken. „Young Love“ und „The Lesson“ wiederum kommen etwas wavig daher und passen trotzdem gut ins Gesamtbild. Wenig überraschend dagegen, dass auch David Byrne (Apartment Wrestling) im Kollektiv mitmischt, als anerkannter „Weltmusiker“ und Meister der Wandlungsfähigkeit kennt dieser Mann bekanntermaßen keinerlei Berührungsängste. Das Ende des bunten Reigens bildet Shivarees Ambrosia Parsley mit dem countryesken „Pink Bricks“ – und wir wissen, das David Sitek wieder einmal alles richtig gemacht hat. Ansonsten heißt’s jetzt schnell sein: Sitek sollte gerade frei – ... zu spät.
http://www.myspace.com/maximumballoon

Gefunden_77



"Ich spreche viel mit meinem deutschen Schäferhund."
Ivan Lendl im SZ-Interview auf die Frage "Eine Frau und fünf Töchter im Haus - wie kommen Sie dagegen an?", 23. September 2010

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"S04-Sieg bekommst Du für Geld, Asa's Lächeln ist unbezahlbar ..."
Schalke-Fan Heiko K. aus E. kennt sich aus - seine Antwort nach dem Ausgang des 5. Spieltages

Mittwoch, 22. September 2010

Gehört_191



Laetitia Sadier „The Trip“ (Drag City)
Da sucht man händeringend nach einem Einstieg oder einer passenden Querverbindung, um an das Solowerk von Stereolab-Mitbegründerin Laetitia Sadier besser bebildern zu können und muß gar nicht um so viele Ecken denken. Sadiers Musik, eine sehr entspannte Mischung aus schummrigem Barpiano, altbekanntem Postrock und swingendem Chanson erinnert beim ersten Hören auch an die Musik der schottischen Indiekapelle Camera Obscura. Und die Vermutung liegt nahe, dass deren Name wiederum an eines der Alben von Christa Päffgen alias Nico angelehnt ist, Warhols befohlenem Sidekick für den Egomanen Lou Reed bei Velvet Underground also, geheimnisvolle Sängerin, Model und Schauspielerin in Personalunion, zwei Jahre vor der Taufe von Sadiers Band unter ebenso tragischen wie albernen Umständen ums Leben gekommen. Wenn man es also zwingen will, schließt sich hier der Kreis, denn nicht selten erinnert Sadiers dunkles Timbre an die Stimme ebenjener Nico, ohne jedoch deren stetig mitschwingende eiseskalte Trostlosigkeit und den überharten Akzent zu besitzen.

Von Gänsehaut also keine Spur, eher ein angenehmes Kribbeln auf der Haut stellt sich ein bei diesem „Trip“ durch mal jazzige, mal behutsam rockende Arrangements, denen man sowohl ihre Vorliebe für die sorgsam austarrierte und sparsam instrumentierte Musik als auch lateinamerikanische Rhythmik anhört. Nach den endlosen, fugenartig aufgebauten und sich in wildes Getöse steigernden Loops, die Stereolab vor allem live so gern zelebrierten, sucht man hier vergeblich – alles auf „The Trip“ atmet durch, entspannt sich und erfreut sich am Kleinen. An den bezaubernden Klavierpassagen bei „The Natural Child“, dem sanften Gitarrenpop von „By The Sea“ oder einer fast zu kurz geratenen Interpretation von Gershwins „Summertime“. Mit „Un Soir, Un Chien“ ist zudem ein recht feines, hier gleichsam „entschrägtes“, eingängigeres Cover des Stücks von Les Rita Mitsouko enthalten.

Manches gerät der äußerlich eher kantig wirkenden Französin dann doch etwas schwerer, in den beiden Stücken „Fluid Sand“ und „Statues Can Bend“ verarbeitet sie dem Vernehmen nach den frühen Verlust ihrer jüngeren Schwester. Dass das Album dadurch gehaltvoller, aber nicht tränenrührig wird, bleibt ihr unbestrittenes Verdienst, diese Ernsthaftigkeit in so anmutige und scheinbar schwerelose Melodien zu verpacken wird ihr so schnell niemand nachmachen.
http://www.stereolab.co.uk/

Dienstag, 21. September 2010

Gehört_190



Swans „My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“ (Young God)
Wer von einer, von dieser Platte der Swans erbauliche Unterhaltung, Zeitvertreib und Zerstreuung erwartet, vielleicht in der heimlichen Hoffnung, deren Mastermind Michael Gira sollte sich doch mit etwas mehr als fünfundfünfzig Lebensjahren für unangestrengte Beschaulichkeit und leisere Töne entschieden haben, der kann sich den Weg in den Plattenladen oder das Geld für den Download getrost sparen. Denn das neue Werk der New Yorker NoWave-Legenden jüngster Besetzung gleicht noch immer eher einem wütenden Ungeheuer, noch immer liegen die Stücke der Band als schwer verdauliche Brocken im Magen und wollen nichts weniger als gefallen.

Als vor einigen Monaten die Nachricht von einer Rückkehr der Swans herübertickerte, waren nicht wenige Fans grenzenlos euphorisch. Später ist diese vorbehaltlose Begeisterung einer behutsameren Vorfreude gewichen, nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass weder Gitarrist Norman Westberg als auch die leidenschaftlich verehrte Sängerin Jarboe in der wiedervereinigten Mannschaftsaufstellung auftauchten.

Am destruktiven und morbiden Sound der Swans hat sich trotzdem nichts Wesentliches geändert und gleich im ersten Stück „No Words/No Thoughts“ wird das Terrain abgesteckt und der Abgrund ausgelotet. Es sägt, dröhnt und scheppert, dass sich die Hirnrinde kräuselt – knappe zehn Minuten bedrohliches Wummern, unterlegt mit Giras dunkel grollendem Gesang. Gleich zum zweiten Song „Reeling The Liars In“ hin dann der bekannte, abrupte Wechsel in Tempo und Instrumentierung, keinesfalls jedoch in der Grundstimmung, den schon die Gebrüder Reid auf ihren Frühwerken mit The Jesus And Mary Chain so herrlich zu zelebrieren wußten. Ihnen und vor allem den Cave’schen Bad Seeds sind die Swans überhaupt nur vergleichbar, die abgehackte, druckvolle Extase, die durch wenige, ständige wiederholte und wenig variierte Akkorde erzeugt wird – bei den Stücken „Jim“ und „My Birth“ wird exemplarisch vorgeführt, was den vielschichtigen Soundbombast der Swans fast zum Alleinstellungsmerkmal werden läßt und Billy Corgan noch immer den giftgrünen Neid ins Gesicht treibt.

Der wortgewaltigeste Titel „You Fucking People Make Me Sick“ ist dann, auch diese Irritation durchaus mit Vorsatz, der verspielteste – Giras Stimme mit der kindlichen, gekünstelten Modulation eines Clowns, vielleicht ein Wiedergänger zu Batmans Joker, dunkel dräuend, Pianogewitter, Stukageheule, Posaunenchöre, die Texte wie sonst auch krypisch und mysteriös – nichts, was man sich zur besinnlichen Teestunde gönnt. Kurz vor Schluß wird im gewaltigen „Eden/Prison“ noch einmal dem hypotisch schweren, gehetzten Beat gehuldigt, der diese Band über Jahrzehnte auch live so atemberaubend gemacht hat. Der Schluß ganz ohne Krawall, allein, versöhnlich, vielleicht. “May I find my way to the reason to come home.” – „Thank You, Goodbye. Good Luck.“
http://swans.pair.com/