Donnerstag, 20. Februar 2014

Linda Perhacs: Kaum zu glauben

Okay, das klingt nun wirklich etwas arg nach einer "supermelodramatic story", aber dazugedichtet wurde wirklich nichts: Die 27-jährige Zahnhygienikerin Linda Perhacs entdeckt in einer Hippiekommune in Los Angeles ihre Liebe zur Musik und nimmt 1970 ein Album auf, das keinen so recht interessiert. Erst Jahre später wird "Parallelograms" mehr und mehr zum Kultobjekt, die Sängerin aber hat der Musik mittlerweile den Rücken gekehrt und bleibt zunächst unauffindbar. Erst im Jahr 2005 gelingt es einer New Yorker Plattenfirma, mithilfe der nun erstandenen Masterbänder eine überarbeitete Wiederveröffentlichung zu erwirken - Fans wie Devendra Banhart und die Band Animal Collective, ja sogar Daft Punk entdecken die Künstlerin für sich und so ist es bei all dem Support gar nicht mehr so verwunderlich, dass nun, vierundvierzig Jahre nach dem Debüt, ein zweites Album von Perhacs erscheinen soll. "The Soul Of All Natural Things" ist in einer Woche bei Asthmatic Kitty erhältlich, mit "River Of God" und "Freely" gibt es schon zwei Stücke daraus zum vorhören.

Ski Lodge: Vergleichen erlaubt

Klingt wie die Smiths? Aber sicher! Bei diesem Titel von Ski Lodge passt wirklich alles wie der berühmte Topf auf den Deckel - die dramatischen Lyrics, das traurige Piano, die Stimme von Bandleader Andrew Marr. Die aktuelle Single "Our Love Is Over Now" ist bisher nur digital zu haben, weitere Arbeitsproben des Quartetts aus Brooklyn gibt es bei Bandcamp.

Waters: Kopfsache

Vor drei Jahren hatte Van Pierszalowski die Anhänger seiner Band Port O'Brien mit einem Album seines neuen Projektes Waters ja mehr als großzügig entschädigt, das Debüt "Out In The Light" hatte zwischen Krach und Besinnlichkeit einiges zu bieten. Nun folgt bald der nächste Streich, mit "Got To My Head" ist schon mal eine neue, recht poppige Single im Rennen.

Bo Ningen: Für leise nicht zu haben

Sie kommen aus Japan, leben aber mittlerweile in England: Die Punkformation Bo Ningen, vor einiger Zeit durch eine Kollaboration mit den Savages wieder ins Blickfeld geraten, haben für den Monat Mai ihr nächstes, dann drittes Studioalbum angekündigt. Die Vorabsingle "DaDaDa" kann man sich beim New Yorker Label No Recordings in limitiertem Vinyl bestellen - mit dem NDW-Klassiker von Trio hat das Stück aber rein gar nichts zu tun.

Mittwoch, 19. Februar 2014

John Frusciante: Selbsterklärend

Alle Achtung - bei Nummer elf ist er mittlerweile schon angekommen: Der frühere Gitarrist der Red Hot Chili Peppers John Frusciante hat für den April sein nächstes Studioalbum "Enclosure" angekündigt und verschenkt aus diesem Anlaß auf seiner Website mit "Scratch" den letzten Song der Platte gegen Angabe einer verifizierbaren Mailadresse. Den Titelnamen darf man übrigens ruhig wörtlich nehmen, in dem knapp siebenminütigen Stück geht es ziemlich lebhaft, um nicht zu sagen chaotisch zu.

Dum Dum Girls: Blumengrüße

Fleurop wird es freuen: Die Dum Dum Girls haben für das Video zum Song "Too True To Be Good" jede Menge bunte Blümchen abfilmen lassen - der Song gehört zu den stärkeren des Albums "Too True", das vor ein paar Tagen erschienen ist.

Eagulls: Das Bild macht die Musik

Eagulls
„Eagulls“

(Partisan)

Geschmackloser Reihenhausklinker, ausgebrannte Autowracks vor lebloser Wohnkulisse, verwaiste Kinderspielplätze ebenda – die Eagulls wissen sehr wohl, dass nicht allein der Ton, sondern auch das Bild die Musik macht. Punkrock der groben Sorte aus Leeds, der gegen die lieblose Tristesse anschreit, den ihre Covershots zeigen; das Quintett um Mark Goldsworthy, Henry Ruddel, Liam Matthews, Tom Kelly und Sänger George Mitchell spielt einen schnellen, einen dreckigen Garagensound. Man kann sie ohne weiteres zu den Holograms, Ceremony oder Iceage ordnen, mit allen drei Bands haben sich die Jungs auch schon Tourbus und Bühne geteilt. Viel Abwechslung zwischen den einzelnen Songs sollte man nicht erwarten, alles stampft und macht vorwärts, zum lauten Lärm gibt es ab und an sogar mal eine gefällige Melodie. Etwas aus der Reihe fallen vielleicht das träge “Possessed” und der Schluß mit “Soulless Youth”, hier eröffnet ein wüstes Nebelhorn für den dunklen Bass – ein Album für Puristen.

17.04.  Bern, ISC
19.04.  Zürich, Elmo Delmo
21.04.  Köln, Blue Shell
22.04.  Hamburg, Hafenklang
25.04.  Berlin, Comet Club

London Grammar: Those were the days

Das freut den notorischen Nörgler: London Grammar, ähnlich wie ihre Kollegen Chvrches in letzter Zeit eher durch eine Unzahl von (respektablen) Coverversionen im Gespräch, bringen zur Abwechslung mal wieder Selbstkomponiertes zur Aufführung - für einen ihrer ersten Songs "Hey Now" gibt nun endlich einen Videoclip zu bestaunen.

Pharrell Williams: For all the girls

Schmiede das Eisen, solange es heiß ist: Denkt sich auch der sympathische Multitasker Pharell Williams und wird deshalb Anfang März eine neue Platte aus dem Hut (sic!) zaubern. "Girl" soll das gute Stücke heißen und selbstredend gibt es dazu schon einen wahnsinnig aussagekräftigen Teaser. Auf der Platte findet sich, soviel ist sicher, auch sein wunderbares Stück "Happy", alles weitere sobald bekannt.

Camera Obscura: Auf geht's!

Babypause vorbei, das Tourleben kann wieder kommen: Tracyanne Campbell, Sängerin der schottischen Band Camera Obscura, hatte im Sommer vergangenen Jahres die Aufnahmen zu den 4AD-Sessions noch hochschwanger beendet, nun sollen die Stücke im Rahmen des Record Store Day in physischer Form erscheinen. Gefilmt wurde das Ganze im Übrigen auch, und zwar von Iain Forsyth und Jane Pollard, die gerade mit ihrem Nick-Cave-Film "20.000 Days On Earth" für Furore sorgen. Parallel zur sogenannten "Session EP" plant die Band für Irland und England darüberhinaus schon wieder erste Bühnentermine, es bleibt also zu hoffen, dass sie in nächster Zeit auch wieder einmal in Deutschland zu sehen sind.

Tracklisting:
Seite 1
1. Break It To You Gently
2. Desire Lines
Seite 2
1. Every Weekday
2. Fifth In Line To The Throne

Dienstag, 18. Februar 2014

Kelis: Auffrischung

Bis zum 18. April muss noch warten, wer das neue Album "Food" von Kelis in Händen halten will. Ein paar aktuelle Bilder gibt es nun zum Song "Jerk Ribs", exklusiv beim "Time Magazine".

The Notwist: Nur für kurze Zeit

The Notwist
„Close To The Glass“

(City Slang)

Das schreibt sich immer so leicht dahin – sechs Jahre warten, neue Platte, alles super, weiter geht’s… Dabei darf und muss man schon mal innehalten, wenn die Weilheimer Blosn um die Gebrüder Acher nach längerer Pause eine Arbeitsprobe abliefert und diese wieder, schon wieder und lange vor Erscheinen als Meisterwerk gefeiert wird. The Notwist gelten hierzulande nicht ohne Grund als heilbringende Konstante und Phänomen gleichermaßen, argwöhnisch beäugt, weil sie geschafft haben, woran andere sich oft mit übermäßiger Anstrengung seit Jahren erfolglos abarbeiten – sie sind eine eigenständige Marke, sie klingen nicht “wie”, sondern setzen den Maßstab und zitieren sich maximal selbst. Die Aufmerksamkeit, die ihnen seit Jahren zuteil wird, verdienen sie sich – erstaunlich genug – ausschließlich mit musikalischen Nebengeräuschen, man nimmt die fünf meistenteils als eher scheue Heimwerker wahr, die nur dann in Erscheinung treten, wenn Platte und Tour es notwendig machen. Danach treten sie wieder bereitwillig zurück in den Halbschatten, das große, das laute Rad sollen ruhig andere drehen.

“Close To The Glass” ist wieder solch ein Monolith geworden, so wie auch “Shrink” und “Neon Golden” schon welche waren, beileibe nicht umstürzlerisch oder zeitgeistig, sondern auf angenehme Art wiederzuerkennen und doch behutsam und klug verändert. Es finden sich mit “Casino”, "Kong" und “Run Run Run” Stücke darauf, die auch schon vor einigen Jahren entstanden sein könnten, andere wie der trocken wummernde Titelsong oder das sorgsam geschichtete “Into Another Tune” weisen ein neues und auf’s Neue bezauberndes Klangspektrum aus. Es ist immer wieder faszinierend, wie The Notwist für jeden ihrer Songs immer gerade das Nötige tun, um ihn dauerhaft am Schwingen zu halten – mögen die Töne wie in den ersten Takten von “Signals” zunächst noch scheinbar ziellos umherstolpern, sie folgen alle einem streng ausgeklügelten Muster und finden am Ende stets zu einer beeindruckenden, harmonischen Gesamtheit.

Im oberbayerischen Hinterland hat man bekanntlich das analoge Knistern zum digitalen Stilmittel erhoben, Ähnliches gilt für das Quietschen, was entsteht, wenn Finger über das verzwirbelte Metall von Gitarrensaiten gleiten – hier für “From The Wrong Place” einmal mehr kunstvoll geloopt. Dass sie aber durchaus auch noch, ganz im Sinne ihrer Wurzeln, dem Noise und dem Feedback huldigen können wie bei “Seven Hour Drive”, darf zwar überraschen, heißt aber eigentlich nur, dass laut nicht gleich billig sein muss. Schlussendlich bleiben sie doch eher als detailverliebte Feinmechaniker in Erinnerung, die auch einen mehr als achtminütigen Instrumentaltrack (“Lineri”) nicht scheuen, wenn er denn in ihr Konzept passt. Dem Zuhörer bleibt die Bewunderung, vielleicht sogar Hochachtung und den ganz Aufgeweckten die Möglichkeit, dem Glücksgefühl bei einem der wenigen Liveauftritte in diesem Jahr etwas Nachhaltigkeit zu verleihen. http://notwist.com/

24.02.  Wiesbaden, Schlachthof
25.02.  Bielefeld, Forum
26.02.  Berlin, Heimathafen
10.03.  Stuttgart, Wagenhallen
20.03.  Köln, E-Werk
12.04.  Linz, Posthof
13.04.  München, Circus Krone
25.05.  Berlin, C-Club
26.05.  Berlin, C-Club
27.05.  Hamburg, Laeiszhalle

The Afghan Whigs: Leidensfähig

Man hatte ja schon sehnsüchtig auf die ersten Töne gewartet - hier sind sie nun: The Afghan Whigs, deren neues Album "Do To The Beast" für den 14. April via Sub Pop angekündigt ist, haben mit "Algiers" einen ersten Song samt Video veröffentlicht. Der Film zum Ton wurde laut Pitchfork von Phil Harder in der kalifornischen Einöde Agua Dulce gedreht und ist nichts für schwache Gemüter.

Woman's Hour: Von A nach B

Wer A mag, wird B auch nicht verachten: Woman's Hour aus London hatten kürzlich mit "Her Ghost" via Secretly Canadian eine wirklich wunderbare Arbeit abgeliefert, nun gibt es mit "I Need You" die passende Rückseite dazu.

Montag, 17. Februar 2014

Sun Kil Moon: Kozeleks Erzählungen

Sun Kil Moon
„Benji“

(Caldo Verde/Cargo)

Bei diesem Album darf mal gespoilert werden, einfach deshalb, weil es ohnehin nicht anders zu erwarten war: Mark Kozelek hat zusammen mit seiner Begleitkombo Sun Kil Moon wieder ein einzigartiges Album vorgelegt, das war schon beim Vorgänger “Among The Leaves” so und wird, man ahnt es, auch in den nächsten Jahren nicht anders sein. Der Ansatz, die kleinen, persönlichen Betrachtungen mit den großen, schlagzeilenträchtigen Ereignissen zu verknüpfen, ist nicht eben neu, Kozelek gelingt es dennoch auf eindrückliche, weil unprätentiöse Art und Weise, den Zuhörer mit der Vertonung dieser, seiner “Geschichtensammlung” anzurühren. Damit nicht genug, er darf sein Album auch fern jeder Peinlichkeit nach einem tierischen Serienheld seiner Kindheitstage benennen, den er sich zusammen mit seinen Großeltern im Kino anschaute – einfach nur, weil er das Gefühl hatte, die Stimmung der Platte sei auch so schon traurig genug.

Die beiden Stücke “I Can’t Live Without My Mothers Love” und “I Love My Father” sind von einer so unverstellten Klarheit und Intimität, wie man sie heute nur selten zu hören bekommt, in Kozeleks Liebeserklärung an seine Eltern schwingen Wahrhaftigkeit, Dank und Nachsicht für ein ganzes Leben mit. Ähnlich nahe gehen einem die beiläufigen Berichte zum Unfalltod einer früheren Freundin (“Carissa”) oder die Irrwege des väterlichen Freundes “Jim Wise”. Man weiß nicht, ob Kozelek ein sonderlich religiöser Mensch ist (zum Gebet reichte es jedenfalls nach eigener Aussage nicht), seine Zeilen an die Opfer des Schulmassakers in Newton (“Pray For Newton”) oder die Gedanken zum Tod des Serienmörders Richard Ramirez (“…Dies Of Natural Causes”) lassen bei allem Befremden doch auch Mitgefühl und ehrliche Sinnsuche erahnen.

Mehr als andere Alben zuvor ist “Benji” ein sehr reduziertes, zurückhaltend instrumentiertes geworden, es dauert bis zum vierten Song (“Dogs”), bis sich mal ein Schlagzeug aus der Deckung wagt. Die akkustische Begleitung folgt völlig uneitel dem Sog der Geschichten, bei “I Watched The Film The Song Remains The Same“ sogar ganze zehn Minuten lang, selten einmal wie bei „Richard Ramirez...“ mischt sich unterschwellig etwas Aggressivität dazu. In dieser Hinsicht ist der Schlußakkord „Ben’s My Friend“ eine überraschende Ausnahme, man könnte ihn fast schon als ausgelassen bezeichnen – Kozelek dreht einen wunderbaren Reigen samt verträumtem Bläsersatz und man fragt sich unweigerlich, ob nicht auch Sonnenscheinchen Jack Johnson im Hintergrund mit am Zupfen ist. Nach Angel Olsen und ihrem „Burn The Fire For No Witness“ ist dies jedenfalls schon die zweite Platte in diesem Jahr, die allein deshalb überzeugen kann, weil sie nichts von sich hermacht. http://www.sunkilmoon.com/

Bill Callahan: Jede Freiheit

Bill Callahan
Freiheizhalle, München, 16. Februar 2014

Support: Alasdair Roberts

Zu dem einen oder anderen verschmitzten Lächeln hat’s dann doch noch gereicht – Grund genug gab es reichlich und zwar sowohl auf wie auch vor der Bühne. Bill Callahan spielte am Sonntag vor ausverkauftem Haus und es war gut, dass es dieses war. Die Freiheizhalle gehört in München ja eher zur Kategorie “unterschätzt resp. underrated”, für Konzerte dieser Größenordnung und für einen so wandlungsfähigen Sound der Mischung intim bis knackig gab sie diesmal den bestmöglichen Klangkörper ab. Mit einem reinen Akustikauftritt war gottlob an diesem Abend nicht zu rechnen, Callahan wurde von drei Mitmusikern begleitet und er war wie auch der Großteil des Publikums derart angetan von ihnen, dass er sie gleich zweimal vorstellte. Matt Kinsey (Gitarre), Jaime Zuverza (Bass) und Neil Morgan (Drums) jammten sich zusammen mit dem notorisch wortkargen Songwriter durch ein Set, das sich zumindest auf dem Zettel ziemlich unspektakulär ausnahm. So fanden sich dort hauptsächlich Stücke des aktuellen Albums “Dream River” (was in Anbetracht der Güte der Platte ganz gewiß kein Fehler war), mit “Drover” und dem widerspenstigen “America!” gab’s vom Vorgänger “Apocalypse” wenig und aus den Tagen seines früheren Projektes Smog mit einer einzigen Ausnahme nichts zu hören. Die Bandbreite war trotzdem beachtlich – lakonisch zart noch der Einstieg mit “The Sing”, deutlich aufgerauter und wuchtiger dann schon das famose “Javelin Unlanding” und mit reichlich Psychrockzitaten versehen hernach “Ride My Arrow”, “Seagull” und die benannten älteren Stücke. Dass gut Ding Weile haben will (oder vielleicht sogar muss) hätte als Konzertmotto bestens gepasst, einmal in Fahrt, spielten sich die vier auf der Bühne in einen kleinkollektiven Rausch und ließen den Songs jede Freiheit – da weder Callahan selbst noch seine Band zu extrovertierter Bühnenpräsenz neigen, blieb die Musik angenehm vordergründig. Nach dem wunderbaren “Please, Send Me Someone To Love” von Percy Mayfield gab’s ganz zum Schluss mit “Too Many Birds” doch noch einen veritablen Hit zu hören, man sollte also meinen, es wäre für jeden etwas dabeigewesen…

St. Vincent: So einfach ist das

Ach ja, sollte irgendwer Ausschau halten nach Konzertterminen für St. Vincent - einfach mal ein paar Tickets für The National holen, dann gibt's die reizvolle Dame im Vorprogramm.

02.06.  München, Zenith
04.06.  Hamburg, Stadtpark
05.06.  Berlin, Zitadelle
10.06.  Leipzig, Parkbühne
11.06.  Köln, Tanzbrunnen

Beyoncé: Über den Durst

Wie stand gerade so schön zu lesen: "Another day, another remix" - ha! Bei "Drunk In Love" von Beyoncé dürfen offensichtlich alle mal. Zunächst startete Kanye West den lustigen Reigen, danach machte sich Abel Tesfaye alias The Weeknd an's Werk und nun hat auch noch Wesley Pentz, besser bekannt als Diplo, seine Hände im Spiel.

Freitag, 14. Februar 2014

Phantogram: Clever und Smart

Phantogram
„Voices“

(Universal)

Phantogram machen es einem wirklich recht einfach. Man muss sie mögen wie man vorher die Raveonettes mochte und jetzt die späten Dum Dum Girls und die Chvrches charmant findet, die gemeinsame Schnittmenge ist keine kleine. Sarah Barthel und Josh Carter aus New York spielen eine sehr clevere Variante des elektrifizierten Synthrock, sehr perkussiv, mit jeder Menge Popappeal und doch genügend Überraschungseffekten und Reibungspunkten versehen, damit er nicht zu schnell zu abgegriffen wirkt. Die Stücke auf „Voices“, ihrem zweiten Album, markieren ein Terrain zwischen Dance, TripHop und Electroclash und gerade die ersten beiden Tracks „Nothing But Trouble“ und „Black Out Days“ können als munteres Nebeneinander von Big Beat, Raspelgitarre und satten Drumloops mühelos überzeugen. Das bleibt leider nicht über die komplette Spieldauer so zwingend, mal gerät das Rockige etwas inspirationslos und unrund, auch Carters Leadvocals funktionieren nicht ganz so gut wie die seiner Partnerin. Mit dem einen oder anderen Kniff gelingt es den beiden trotzdem, die Mehrzahl der Songs vor dem Mittelmaß zu retten, hier ein paar hübsche Akkorde á la The XX („The Day You Died“), dort ein Prodigy-Riff („Bad Dreams“), man kann ihnen nicht lange gram sein. Die beiden langsamen Nummern „Bill Murray“ und „My Only Friend“ fangen das Album ohnehin wieder ein und versöhnen mit den schwächeren Momenten, viel mehr kann man von gutem Pop eigentlich nicht erwarten.

Xiu Xiu: Höllentrip

Xiu Xiu
“Angel Guts: Red Classroom”

(Bella Union)

Mit einfacher Kost war nicht zu rechnen, darauf deutete schon Jamie Stewarts wirklich sehr ungewöhnliche Hommage an Nina Simone ein paar Monate zuvor hin, dafür stehen Xiu Xiu auch als Band seit nunmehr fünfzehn Jahren. Dass sich allerdings der Vorgänger “Always” gegen “Angel Guts: Red Classroom” im Nachhinein wie ein netter Kindergeburtstag samt Luftschlangen und Topfklopfen ausnimmt, ist dann doch erstaunlich – man hatte angenommen, viel weiter ließe sich der Trübsinn des Mannes nicht mehr steigern, schwarz sein nun mal schwarz. Das war ein Irrtum. Was sich zwischen Intro und Outro der aktuellen Platte, also innerhalb der Klammer aus grellem, klirrend kaltem Pfeifen und kreischendem Lärm, zu dem die Herren Unruh, Hacke, Chung und Bargeld anerkennend genickt hätten, abspielt, ist klinisch kalter Seelenstriptease der ganz unangenehmen Sorte. Stewart zerlegt und seziert seinen eigenen Schädel samt Inhalt zu nervösen, fiebernden Beats, es hämmert, spuckt und sägt in einem fort, die Stimme zittert oder wird gleich durch den Häcksler gejagt, von Dingen wie Wärme (meint deren Abwesenheit) oder Trost will hier niemand mehr sprechen. Es geht offenbar nur noch um Erlösung, von der erdrückenden Macht der Bilder, von den “Dummen im Dunkeln”, Perversionen, weiße Ärsche, schwarze Schwänze, alles ein einziges Panoptikum – mittendrin Stewart, angeekelt, getrieben und isoliert. Wirklich Spaß macht das nicht, selbst gemäßigte Stücke wie “New Life Immigration” und “Bitter Mellon” wirken vergiftet und nach ein paar Durchläufen sorgt man sich nicht nur um des Sängers, sondern auch um die eigene Psyche. Ein Höllentrip. http://xiuxiu.org/