Donnerstag, 31. Januar 2019

Bob Mould: Wahlberliner Paranoia

Wüßte man nicht, dass Bob Mould Berlin als Zweitwohnsitz sehr schätzt, man könnte fast denken, er habe etwas gegen die Stadt. Zumindest legt dies das neue Video zur Single "Lost Faith" nahe, das er selbst konzipiert und zusammen mit Philipp Virus gedreht hat. Das zeigt ihn auf der ständigen Flucht vor schlagstockbewährten Lederjacken (die auch vor Drohnen und Giftspritzen nicht Halt machen) und seiner eigenen Paranoia. Jetzt ist Berlin nicht gerade als engstirnige Metropole bekannt, aber Mould wird seine Gründe haben, warum er diese Single seines kommenden Albums "Sunshine Rock" gerade hier platziert hat. Ergänzen wollen wir übrigens noch mit dem etwas früher erschienenen Song "What Do You Want Me To Do".



Beth Gibbons: Mammutaufgabe

Darauf waren wohl nur die wenigsten gefasst. Gut, seit dem vergangenen Jahr hat mal als unbedingter Fan von Portishead wieder begonnen, die Nachrichten von Geoff Barrow, Adrian Utley und Beth Gibbons in einen erhofften Zusammenhang mit einem neuen Album, dem vierten nach "Third", zu setzen. 2008 ist das erscheinen, elf Jahre hatte es auch bis zu diesem gebraucht, die Zeit wäre also danach. Barrow hat mit BEAK> gerade gut zu tun, Utley war nicht weniger geschäftig und in den letzten Monaten u.a. mit Torres, Anna Calvi und Algiers im Studio, nur von Gibbons gab es nach ihren letzten Soli zusammen mit Paul Webb nicht mehr viel zu hören. Und nun das: Gemeinsam mit dem Polnischen Radio-Sinfonieorchester, dirigiert von Krzysztof Penderecki, hat die vielbeachtete Künstlerin die 3. Sinfonie von Henryk Górecki mit dem Namen "Sinfonie der Klagelieder" eingespielt, das Werk soll am 29. März bei Domino Records erscheinen. Obwohl, aufgenommen wurde das Ganze ja schon 2014 bei einem Programmabend in Warschau, besonders erstaunlich: Gibbons singt nach akribischer Vorbereitung in polnischer Originalsprache. Von dem Projekt wird es zum gleichen Zeitpunkt auch einen Livemitschnitt mit entsprechender Dokumentation geben.

Cherry Glazerr: Durchgebissen

Cherry Glazerr
„Stuffed And Ready“
(Secretly Canadian)

Irgendwie ist es schwer vorstellbar, dass Cherry Glazerr ins Vorprogramm der Breeders und der Pixies geschafft haben. Und zwar nicht, weil sie den Vergleich scheuen müßten – nein: Wer um Himmels Willen läßt sich denn von einer Band supporten, die einem mühelos innerhalb einer knappen Stunde die komplette Gefolgschaft abspenstig machen könnte? Gut, spätestens mit diesem, ihrem dritten Album muß sich die Formation um Sängerin Clementine Creevy solche Gedanken wohl nicht mehr machen, denn die neue Platte so fabelhaft geraten, dass von nun an nur noch Headlining-Shows auf dem Programm stehen dürften. So doppeldeutig wie Titel und Cover der Platte, so bissig legt das Trio los. Und wenn jetzt wieder irgendsoein Scherzbold daherkommt und sich beschwert, dass man doch für mühsam erspartes Geld mehr als knapp fünfunddreißig Minuten Musik verlangen könne, möchte man gleich noch einmal Kuchen nachordern und ihm hernach mit einem riesengroßen Stück den neunmalklugen Mund stopfen. Cherry Glazerr brillieren mit ihren Dreiminütern und es ist natürlich eine große und seltene Kunst, eine Platte so kurz und hochspannend zu halten, der alte Hinweis „all killer, no filler“ passt hier perfekt.



Gleich Song Nummer zwei „Daddi“ haut den vermeintlichen Vormachtsmännern und Beziehungsdominatoren so kräftig eins vor den Ranzen, dass sie sich die folgende halbe Stunde davon nicht mehr erholen: „Don’t hold my hand, don’t be my man … smoking makes me taste like filth to keep you away!“ Und klänge das Ganze nicht so bitter, würde man also hinter solchen Zeilen nicht ein paar wenig erfreuliche Erfahrungen vermuten müssen – lauter Beifall wäre angebracht. Aber Creevy ist keine, die kleinbei gibt, Stücke wie „Juicy Socks“, „Isolation“ und „Wasted Nun“ kommen mit dem selben Furor daher, mal geht es um die Last des Fremdbildes und gesellschaftlicher Konventionen, später singt sie von Selbstekel, Missbrauch und fehlender Würde („Special lady with her issues, you can sue me if I kiss you, I'm a wasted girl, I'm a wasted girl, I'm a wasted nun and I don't have fun”) und die Gitarren kreischen die Anklage dazu. Das tun sie übrigens die ganze Zeit und zwar mit einer Schärfe und Präzision, die man eben von den beiden eingangs genannten Bands kennt und liebt. Beruhigend zu wissen, dass die Nachfolge endgültig geregelt ist.



10.04.  Hamburg, Molotow
15.04.  Berlin, Musik und Frieden
16.04.  Köln, Blue Shell

Mittwoch, 30. Januar 2019

Boy Harsher: Endzeitkulisse

Boy Harsher
„Careful“
(Nude Club Records)

Es beginnt wie in einer dieser endzeitlichen Kinofantasien, mit unheilvoll tickenden Geräuschen, die sich zu düsterem Gewummer verdichten, dazu eine verzerrte Stimme, die mehr raunt als singt, alles sehr bedrohlich, trotzdem muß man weiter, „Keep Driving“. Die Bilder dazu hat man schnell im Kopf: Glutroter Nachthimmel, Nebelschwaden, meterhoch getürmter Schrott, noch kein Mensch zu sehen, aber das Lauern gieriger Augenpaare spürt man schon im Rücken – mehr Mad Max und Blade Runner als Lost Highway. Augustus Muller und Jae Matthews für ihren Teil lieben David Lynch, das haben sie oft genug betont und der Großmeister des amerikanischen Kinos würde ihnen wohl die größte Freude machen, ließe er sie für eines seiner Alterswerke am Soundtrack mitarbeiten. Als Referenz haben die beiden bislang das Albumdebüt „Yr Body Is Nothing“ aus dem Jahr 2016 und diverse EP vorzuweisen. Und nun die neue Platte. Ganz im Stile des Vorgängers ist „Careful“ dem Darkwave, der EBM und dem Synthpop verpflichtet, es dominiert die kühle Künstlichkeit.



Dafür, dass man bei Anhören nicht allzu sehr friert, sorgt Matthews Stimme, die im Gegensatz zum industriellen Sound des Duos warm und angenehm gothy daherkommt. Am eindrucksvollsten gelingt das gleich zu Beginn bei den drei vorabveröffentlichten Tracks „Face The Fire“, „Fate“ und „LA“ – im Mittelstück taumeln zudem die Synthakkorde auf so seltsame Weise, dass man glaubt, das Studio habe nicht in Northampton, sondern ein paar Jahrzehnte später in der obigen Kulisse gestanden und der Notstrom konnte nicht alle Lieferengpässe ausgleichen, herrlich. Mittendrin wird’s dann auch mal recht poppig, was keineswegs schlimm ist, nur das Dunkle und Ungewisse bleibt dabei eben etwas auf der Strecke. Dennoch ein feines Album für ein unterrepräsentiertes Genre, gerade hierzulande sucht man Ähnliches fast vergebens. Vielleicht eine Anregung, mal wieder „Aerdt“, ein zu Unrecht gescholtenes Werk von Pink Turns Blue zur Hand zu nehmen, die Parallelen sind dann doch erstaunlich. www.boyharsher.com



21.02.  Hamburg, Turmzimmer
04.03.  Heidelberg, Karlstorbahnhof
05.03.  Berlin, Berghain
06.03.  Leipzig, UT Connewitz
07.03.  Augsburg, Neue Kantine
08.03.  Köln, Artheater
10.03.  Berlin, Urban Spree



Montag, 28. Januar 2019

Preoccupations: Willkommen und Abschied

Wenn der Mensch in Erklärungsnot kommt, wird es häufig metaphysisch, auch mystisch. Gelegenheit dazu gibt es genug, denn der Zustand unserer Umwelt, unserer Gesellschaft ist nicht der beste und der Sinn von all dem oft fragwürdig. So ging es wohl auch den kanadischen Preoccupations, als sie gemeinsam mit Nicolas Brown und Evan Henderson das Video für ihre aktuelle Single "Compliance" ersonnen haben. Das Instrumentalstück befindet sich ganz am Ende des Albums "New Material", das die Band im vergangenen Jahr veröffentlichte und die Bilder dazu sind so düster wie beeindruckend: Ein Geist namens Mariah "ist aus Äonen des Schlafes in einer Welt erwacht, die seit langem von Menschen aufgegeben wurde und die sich durch Verschwendung und Konsum stark verändert hat", so die Regisseure, "Während Mariah sich bemüht, diese Welt zu verstehen, trauert sie derjenigen nach, die sie für immer verloren hat (DIY)."

12.02.  Heidelberg, Karlstorbahnhof
13.02.  Winterthur, Gaswerk Kulturzerntrum
14.02.  Lausanne, La Romandie
15.02.  Basel, Sommercasino

Peter Doherty And The Puta Madres: Mit Sicherheit

Klingt ziemlich platt der Spruch - aber er hat tatsächlich nichts verlernt, der Junge. Obwohl das eine fast unzulässige Verniedlichung ist, denn erstens wird Peter Doherty in ein paar Wochen auch schon vierzig und zum Zweiten hat er mehr auf dem Kerbholz als jede Kirche Andachtskerzen in der Auslage. Aber wie das nun mal so ist, der Herrgott hat dem eigenwilligen Wirrkopf eine so übergroße Menge Talent in die Wiege gelegt, dass es nicht nur für seine beiden Bands, die Babyshambles und die Libertines, reicht, sondern auch noch die neueste Formation The Puta Madres mit tollen Songs versorgt. Mit denen nämlich hat er gerade ein Album aufgenommen, das am 26. April erscheinen wird. Und wären die Soundtracks von Peaky Blinders nicht schon voll von herrlichen Sauf- und Prügelliedern, dann würde die erste Single "Who's Been Having You Over" mit Sicherheit auf einem der Tonträger landen.

The Mountain Goats: Year of the dragon

John Darnielle war seiner Zeit tatsächlich etwas voraus, als er 2017 zusammen mit seiner Band The Mountain Goats sein letztes Album "Goths" nannte - danach kamen zu diesem Thema viele daher und machten es wahrlich nicht besser. Das Album war eine Art coming-of-age-Story und wirklich gothy war darauf genaugenommen nur ein einziger Song, gleichwohl war auch der Rest wunderbares Songwriting mit vielen feinen Ideen und guten Geschichten obendrein. Wenn man nun seine seherischen Fähigkeiten in Betracht zieht, dann kommen demnächst Drachen und Mysterygames zum ihrem nächsten Comeback. Denn die nächste Platte wird den Titel "In League With Dragons" lauten und auch das Cover läßt keinen Zweifel an der feuerspuckenden Ernsthaftigkeit des Unternehmens. Und die Musik? Nun, die kommt, geht man nach der ersten Single "Younger", weit weniger martialisch daher, das Stück überrascht mit entspannten Folkgitarren, Piano und jazzigen Sax-Parts. Wird also sicher wieder ein Hinkuck-...äh, -hörer. Genaues wissen wir am 26. April via Merge Records.

Sonntag, 27. Januar 2019

UV Rays: Ausprobieren

Zeit für ein paar Fundstücke. Da hätten wir zum Beispiel die UV Rays aus Brooklyn. Die vierköpfige Formation um Sängerin Adrien DeFontaine hat sich dem eingängigen Gitarren-Pop verschrieben, zu ihrem Vorbildern zählen sie neben The Smiths, Television und Sleater Kinney auch einige hierzulande ziemlich unbekannte japanische Bands wie Tricot oder The Cabs. Am 1. März soll nun also die erste EP erscheinen, auf "Try And Begin" findet sich neben den früher veröffentlichten Stücken wie "Facade" und "Distraction" auch die aktuelle Single "Flowerhead". Macht gute Laune.



Pastis: Vereinte Nationen

Zu guter Letzt wäre da noch eine finnische Kapelle mit französisch anmutenden Namen: Pastis kommen aus Helsinki und klingen zudem noch ziemlich englisch. Quasi drei Nationen in einer Band vereint also, passiert auch nicht alle Tage. Eine EP mit dem Titel "Four Stories" steht für die fünf Jungs aus dem Jahr 2017 zu Buche, nun soll am 8. Februar das Debütalbum "Circles" bei Stupido Records folgen. Von diesem sind bislang die Stücke "Amazon" und "Valour Valour" in Umlauf, nun folgt Single Nummer drei "Around Here" und die rockt dann auch ganz ordentlich.

Samstag, 26. Januar 2019

Clay And Friends: Aruba calling

"Wir sind hier nicht auf Aruba, Mike!" Ob Mike Clay wohl Tocotronic kennt? Na gut, vielleicht ist die Sache mit Dirk und Seattle doch etwas weit hergeholt, schließlich reden wir auf der einen Seite von unterkühltem Hamburger Diskurspop und auf der anderen von einer Band namens Clay And Friends, die in englischer und französischer Sprache eine maximal entspannte Mixtur aus Reggae, Soul und Hip Hop betexten. Und die sehr wohl karibische Gefühle aufkommen lassen. Okay, die fünf Jungs sehen dazu auch seeeehr gechillt aus, allerdings stammen sie aus Montreal und haben gerade einen neue EP mit dem hübschen Titel "La Musica Popular Du Verdun" veröffentlicht. Und darauf finden sich eben Stücke wie "Cocomo" und "Going Up The Coast" - Strandgefühle also. Klingt ein bisschen nach Zebda, Le Négresses Vertes und Manu Chao, nur dass hier eben auch gerappt wird. Und das gar nicht so übel - der Text zu "OMG", so hat Mike Clay gerade The Line Of Best Fit verraten, ist eigentlich an dem Tag entstanden, an dem Mac Miller verstarb und der Sänger selbst bei einem Unfall sein Auto schrottete. Das Leben kann sich von einem Tag auf den anderen drehen, meint er damit, hop oder top, manchmal eine Sache weniger Augenblicke. Tolle Mucke.



TEEN: Besser rennen

Auf keinen Fall unterschlagen wollten wir den neuen Song des Geschwistertrios TEEN aus Brooklyn: Nachdem Teeny, Lizzy und Katherine Lieberson im Video zur ersten Single "Only Water" schon so herrlich auf einem ausgetrockneten Acker am tanzen waren, steht selbiges nun in der Dunkelheit an. Überhaupt steht Bewegung bei den dreien offenbar ganz hoch im Kurs, da wird gerannt, was das Zeug hält und auch ein Babybauch stellt da kein Hindernis dar. Der neue Song "Runner" (wie sonst) stammt übrigens vom Album Nummer vier "Good Fruit", das am 1. März bei Carpark Records erscheinen wird. Das Weglaufen, um das es hier geht, hat übrigens ganz praktische und durchaus nachvollziehbare Gründe - Teenys Erklärung dazu: "Often when a dude is asking me to be his girlfriend, and comply with his systems of habit, I run."



Freitag, 25. Januar 2019

At Pavillon: Allerweltsband

At Pavillon
„Believe Us“
(Las Vegas Records)

Der Österreicher pflegt ja, das hört man in regelmäßigen Abständen von den kritischen Geistern des Alpenlandes, gegenüber seinen deutschen Nachbarn einen gesamtgesellschaftlichen, bereichsübergreifenden Minderwertigkeitskomplex. Abgesehen vom Schifoan, Topfenstrudeln und Opernballern meint er sich stets in der Defensive und beklagt lautstark seine ungenügende Performance im Vergleich mit den ungeliebten, weil humorlosen und genußfeindlichen Technokraten, kurz: Piefkes. Soweit die grob überzeichnete Interpretation einer leidenschaftlichen, über Jahrhunderte gewachsenen Abneigung. In Sachen Popkultur lässt sich eine ausgewachsene Psychose wie diese nun aber wirklich nicht mehr glaubhaft darstellen, war in den letzten Jahren Cool Austria immer mit vorndran, wenn es um hippe Musikkultur ging: Hier der morbide Suffrock von Wanda, die schwarzhumorigen Liedermacher Nino aus Wien und Voodoo Jürgens, die gespreizte Lässigkeit von Bilderbuch, der wunderbare Schmäh von Granada und elektronische Finesse Marke Soap And Skin und Leyya.



Wer jetzt geglaubt hatte, das sei es mit dem Hype auch schon gewesen, der irrt. Das zumindest legt das Debütalbum der Wiener At Pavillon nahe. Wie sich das für eine junge, hoffnungsvolle Band aus der „city of diversity“ („Vienna“) gehört, handelt es sich bei dem Quartett im besten Sinne um eine Allerweltsband – Sänger Mwita Mataro hat seine Wurzeln in Tansania, Paul Majdzadeh-Ameli im Iran, Tobias Kobl und Bernhard Melchart teilen sich die deutsch-österreichische Komponente. Melchart und Mataro machen, so ist zu lesen, schon seit Jahren gemeinsam Musik (ihrem alten Treffpunkt, einem Pavillon im Wiener Türkenschanzpark verdankt das Quartett im Übrigen seinen Namen), sie alle eint die Liebe zum Britpop neuerer Prägung, Vorbilder wie Arctic Monkeys, Foals, Bloc Party geben die Blaupause für einen Sound, der in den 80er geboren wurde und uns Ältere auch an die starken Momente von INXS vom anderen Ende der Welt erinnert.



Ähnlich wie Michael Hutchence hat auch Mwita Mataro diese energiegeladene, flirrende Aura, die die Stücke des Albums vorantreibt und sie zugleich so wunderbar federn läßt. Gerade bei Songs wie „Lions“, „Face It“ oder auch „Stop This War“ gehen die funkigen Gitarren von der Leine und zwar so rasant, daß die komplette Band, wie in einem der Videos zu sehen, hinter Gittern besser aufgehoben ist. Dabei punkten At Pavillon nicht nur mit kraftvollen Tönen, sondern auch klugen Texten. Auch wenn politische Agitation nicht Mataros Sache ist, wie er in einem älteren Interview bekennt, gibt es doch ein paar deutliche Einlassungen zur Genderprobelmatik („Disco Demolition Night“), der zunehmenden Vernetzung, die nicht selten in der Vereinsamung endet („All Eyes On You“) und das Leben in der selbsteingerichteten Komfortblase im allgemeinen. Die Clips dazu sind teilweise ziemlich schräg – „Believers“ bekam von Patricia Narbón eine Art okkulte Messe verpaßt, in „Stop This War“ (Regie Luca Fuchs) konkurrieren devote Junkies um die Gnadengaben eines alternden Playboys. Lang hat’s gedauert mit diesem Album, das Ergebnis kann sich hören und sehen lassen. http://www.atpavillon.com/



19.01.  Wien, FM4 Geburtstagsfest
26.01.  Wien, Recordbag
13.03.  München, zehner
14.03.  Stuttgart, Merlin
15.03.  Köln, Stereo Wonderland
16.03.  Leipzig, Neues Schauspiel
19.03.  Bremen, Tower Musikclub
20.03.  Berlin, Badehaus Berlin
23.03.  Linz, Stadtwerkstatt
05.04.  Mödling, Bühne Mayer
23.05.  Baden, Werkk
25.03.  Wien, Aera
24.05.  Will, Gare de Lion
25.05.  Dorbirn, Spielboden

Honey Lung: Frühwerke

Wenn die gegenwärtigen Sachen gefallen, dann darf man auch mal nach den Anfängen fragen. Enttäuschend sind die selten, schon gar nicht bei einer Band wie Honey Lung, der Londoner Formation, die - es wurde schon oft gesagt - wie die britische Variante der Smashing Pumpkins klingt, wenn J Mascis sich unters Ensemble gemischt hat. Für den 1. Februar haben die vier eine Platte mit dem Titel "Memory" angekündigt, auf der acht frühe Aufnahmen des Quartetts zu hören sind. "Sophomore", "Stuttering Mind", "Export The Family" sind schon länger draußen, seit heute gibt es auch "Complete" im Stream. Was klar wird: Sie waren früher schon so gut wie heute. Wissen wir das jetzt also auch.



Makthaverskan: Nachgezogen [Update]

In der vergangenen Woche haben wir ja quasi das skandinavische Shoegazing-Jahr eröffnet und einen neuen Song der schwedischen Westkust vorgestellt, nun ziehen die ebenso reizvollen Makthaverskan aus Göteborg nach und stellen eine Seite ihrer neuen Doppel-A-Single "Demands/Onkel" online. Das letzte Album des Quartetts ist vor zwei Jahren erschienen, ob und wann es ein weiteres geben wird, steht noch nicht fest, vorerst soll nur diese 7" am 25. Januar bei Run For Cover Records erscheinen.

Update: Und hier ist dann auch die Flipside "Onkel".



Donnerstag, 24. Januar 2019

BRUTUS: Doppelfunktion

Wer sie nicht kennt, wird sich womöglich kurz die Augen reiben. Denn eine singende Schlagzeugerin sieht und hört man tatsächlich nicht alle Tage. Stefanie Mannaerts jedenfalls füllt diese Doppelfunktion wie selbstverständlich bei der belgischen Post-Rock-Formation BRUTUS aus und hat gerade mit dem Trio das zweite Album "Nest" für den 29. März bei Hassle Records angekündigt. Aufgenommen wurde die Platte im kanadischen Vancouver gemeinsam mit Jesse Gander (Japandroids, White Lung) und neben der ersten Auskopplung "War", hier zu sehen in einer Livesession, werden noch weitere zehn Songs darauf enthalten sein. Das Debüt "Burst" gibt's zudem noch einmal zu reinhören dazu, ein wenig Vorbildung für die anstehenden Konzerte kann ja mal nicht schaden.

28.04.  Münster, Sputnik Cafe
13.05.  Köln, MTC
14.05.  Hamburg, Hafenklang
16.05.  Berlin, Maze
18.05.  Dresden, Scheune
20.05.  München, Strom
22.05.  Frankfurt, Nachtleben



Crows: Neuzugang

Einen heißen Neuzugang hat gerade das Label des Idles-Frontmanns Joe Talbot zu vermelden: Dort nämlich hat kürzlich die Londoner Formation Crows unterschrieben, eine Post-Punk-Band, die in den letzten Jahren mehrere EP (hier vorgestelllt u.a. "Unwelcome Light" und "Cold Comfort") veröffentlichte. Nun bringen sie als Einstand ihr Debütalbum "Silver Tongues" mit und von diesem wiederum die Vorabsingle "Chain Of Being" - der Rest dann am 22. März bei Balley Records.

Weezer: Geborgter Pop in Türkis

Als vor einigen Wochen "Africa" aus den Boxen erklang, ein Song, den man bei allem Respekt vor Toto, besser gleich wieder ausschalten wollte, mußte man kurz stutzen - das waren ja gar nicht die mittlerweile greisen Kalifornier mit ihrem 80er Dudelhit, sondern Weezer, die Knallschädel aus Los Angeles. Und was man für eine kurze Marotte gehalten hatte, entpuppte sich gerade als Konzept, denn die vier Herren haben flugs ein komplettes Album mit ihren Favoriten verschiedener Epochen eingespielt. Mit dabei "Sweet Dreams", "Billie Jean", "Everybody Wants To Rule The World", selbst "Take On Me" ist dabei. Die Tatsache, dass man keine Original-Interpreten dazuschreiben muß, zeigt schon, wie populär die Auswahl getroffen ist. Das Ergebnis ist dann weit weniger überraschend als angenommen, sie halten sich doch sehr nahe an die Ursprungsversionen und krachende Gitarren gibt es nur dann, wenn sie ohnehin schon eingeplant gewesen sind (siehe "Paranoid"). Dennoch - "The Teal Album", gerade raus, ein Spaß.

Mittwoch, 23. Januar 2019

Steve Gunn: Gern gehört

Steve Gunn
„The Unseen In Between“
(Matador)

Schon eigenartig, wie und wann wir immer wieder auf Künstler stoßen, die eine ziemlich lange Zeit einfach an einem vorbeimusiziert haben, ohne dass man Notiz von ihnen genommen hätte – und plötzlich sind sie da und man fragt sich, wie um alles in der Welt das hat passieren können. Die Selbstvorwürfe halten sich zwar in Grenzen, es war ja keine böswillige Ignoranz, nur Unwissenheit gepaart mit passender Gelegenheit, der Zufall hatte wohl auch seine Finger im Spiel. So auch jetzt: Wer den No-Wave und Noise-Rock von Sonic Youth verehrt, der wird deren Auflösung vor acht Jahren mit großem Schmerz in Erinnerung behalten haben und weil man sich naturgemäß an vieles klammert, was einem die Erinnerung wachhält, bleiben natürlich auch die aktuellen Arbeiten von Lee Ranaldo, Thurston Moore und vor allem Kim Gordon stets im Fokus. Letztere hat nun gerade für das Netzportal Stereogum ein Interview mit eben jenem Steve Gunn geführt, was auf den ersten Blick etwas verwunderlich ist, vermutet man doch zwischen beiden nicht allzugroße musikalische Schnittmengen.

Natürlich weit gefehlt, denn Gordon kennt den Mann mit der Gitarre im Vergleich zu vielen von uns sogar ziemlich gut. Schließlich wohnt er in der Stadt, in welcher sie ihr musikalisches coming out erlebt hat (also New York), noch dazu trat Gunn zu früheren Zeiten auch schon mal im Vorprogramm von Sonic Youth auf. Meistenteils infernalischen Krach spielen und daheim geschmeidigen Twang anhören muss darüberhinaus auch kein Widerspruch sein, Gordon dazu: „Ich neige dazu, Noise eher live zu sehen als ihn über Kopfhörer zu hören. Ich rette meine Ohren quasi für meine eigene Musik, die wirklich laut ist. Schließlich können sie diesen Lärm nicht ständig ertragen.“ Und da ist sie bei Gunn an der richtigen Adresse, „The Unseen In Between“ hält neun wunderbare Stücke bereit, klassisches Songwriting, ab und an mit psychedelischen Ausflügen und harscheren Tönen verschnitten. Gunn zählt Größen wie Sandy Bull, Neil Young und John Fahey zu seinen Vorbildern, in den bedächtigeren Momenten wie bei „New Moon“ fällt einem noch Nick Drake ein, nicht die schlechteste Ahnengalerie also.



Interessant ist, dass Gunn bis zu seinem 2013er Album „Time Off“ ausschließlich instrumentale Musik aufgenommen hat (nebenher gab es ein kurzes Intermezzo in der Kapelle von Kurt Vile), erst auf Zureden seiner Freunde entschloss er sich, das Ganze mit Text und Stimme zu wagen. Was kein Fehler war, wie wir jetzt wissen. So dürfen wir beispielsweise in „Stonehurst Cowboy“ der Geschichte seines Vaters nachspüren, der einen Bruder und viele Freunde in Vietnam verlor und deshalb versuchte, dem Wahnsinn zu entkommen. Gunns Sprache ist bildhaft, zuweilen rauh und stets sehr poetisch, der Gesang warm und etwas brüchig – beim „Vagabond“ läßt er sich zudem von Meg Braid begleiten. Ankerpunkt des Albums aber bleibt sein Gitarrenspiel, hart und bluesig für das Herzstück „New Familiar“, geschmeidig schimmernd oder wieder an anderer Stelle mit dem Beat und Swing der 60er unterlegt. Man hört ihm einfach gern zu, selbst wenn es sich um die Liebeserklärung an eine zugelaufene Katze namens „Luciano“ handelt. Das Leben ist schließlich sonst schon laut genug. http://www.steve-gunn.com/

Die Heiterkeit: Wiedererkannt

Das gelingt tatsächlich nicht jedem und jeder, ein paar Takte angespielt, die Stimme setzt ein - klar: Die Heiterkeit und vor allem Stella Sommer. Soviel an Respekt hat sie der Popwelt mit ihren bislang drei erschienenen Alben, Soloarbeiten und Gastauftritten dann schon abgetrotzt, dass es keinerlei Zweifel gibt, wen sie da vor sich haben und der Pressetext zur nachfolgenden Ankündigung spart dann auch nicht an vollmundigen Lobpreisungen, unter Göttin geht da gar nix und wer Nico als Referenz auch nur denkt, wird sofort am nächsten Baum aufgeknüpft. Lustig ist das deshalb, weil auch ein Zitat aus der französischen Presse aufgeführt wird, was da heißt: "Lou Reed hätte es geliebt". Naja, dessen Zuneigung für seine ehemalige Zwangsbegleitung, die ihm Warhol zwecks höherer Sympathiewerte und unbestrittenem Sexappeal an die Seite gepflanzt hatte, hielt sich bekanntlich in Grenzen. Sei's drum - Buback steht an. Dort erscheint nämlich am 1. März "Was passiert ist", die vierte Platte der Hamburgerinnen und der Nachfolger von "Pop und Tod I+II". Die ist garantiert besser als der letzte Shorty von den Mausis, produziert hat wieder Moses Schneider, es soll um nicht weniger als "Desillusionierung, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit" gehen und nach dem Titelsong gibt es heute zu den Tourdaten noch den Song "Wie finden wir uns".

14.03.  Münster, Sputnik Café
15.03.  Köln, Artheater
16.03.  Schorndorf, Manufaktur
17.03.  Freiburg, Slow Club
18.03.  Karlsruhe, P8
19.03.  Zürich,  Bogen F
20.03.  München, Strom
21.03.  Wien, Fluc
22.03.  Salzburg, Arge Kultur
23.03.  St.Gallen, Palace
24.03.  Nürnberg, Z-Bau
26.03.  Dresden, Societätstheater
27.03.  Leipzig, Werk2
28.03.  Frankfurt, Mousonturm
29.03.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
30.03.  Berlin, Lido



Dienstag, 22. Januar 2019

Methyl Ethel: Großer Spaß in Fortsetzung [Update]

Die Surrealisten des Pop sind also wieder unterwegs. Was? Wie bitte? Na ja, wir sollten das jetzt nicht zu hochen hängen, aber Methyl Ethel aus dem australischen Perth waren im vergangenen Jahr so etwas wie die Überraschung der Saison - ihr Album "Everything Is Forgotten" kam mit exaltierten Diskonummern, Artrock-Chick und ziemlich abgefahrenen Videos daher, das war alles sehr unterhaltsam. Und, denken wir an das wundervolle "Ubu", auch überaus tanzbar dazu. Für den 15. Februar ist nun ihre dritte Platte mit dem passenden Titel "Triage" via 4AD angekündigt und auch der Clip zum ersten Vorabsong "Real Tight" kann mühelos an die vorangegangenen Filme anknüpfen. Großer Spaß, Take eins sozusagen.

Update: Und weiter geht die Sause - hier kommt die nächste Single "Trip The Mains" mit einem Clip von PAVLOVA und Sally Bower.



FEHM: Endlich zum Punkt

FEHM aus Leeds sind hier beileibe keine Unbekannten mehr. Eine erste Erwähnung fanden sie, damals noch zu dritt, 2016 mit ihrer EP "Circadian Life", im Jahr darauf gab es eine Doppel-A-Single "Last Breath/Human Age" und nun steht, glaubt man den aktuellen News, wohl endlich das Debütalbum an. Wann genau es soweit ist, wird noch bekanntgegeben, vorerst geht ihr neuer Song "Blue Hour (Nothing Lasts Forever)" über das eigene Label Everything Has Meaning an den Start.

Rosalía: Brennende Mühlen

Gerade wieder auf der Bildfläche erschienen: Die katalanische Künstlerin Rosalía. Auf dem aktuellen Album von James Blake singt Rosalía Vila Tobella, so ihr vollständiger Name, ein Duett mit dem Briten - "Barefoot In The Park" gehört zu den besten Stücken, die sich auf "Assume Form" finden. Die gebürtige Andalusierin hat allerdings im vergangenen Jahr mit "El Mal Querer" selbst ein großartiges Werk abgeliefert - auch auf dieser, ihrer zweiten Platte, sucht sie die Verbindung von traditionellen Klängen wie Flamenco mit modernen, zeitgenössischen Elementen wie R'n B, Hip Hop und Pop. Auf die beiden ersten Singleauskopplungen "Malamente" und "Pienso En Tu Mirá" folgt nun das Stück "De Aquí No Sales", das Video von Diana Kunst und Mau Morgó zeigt sowohl spanische Ikonografie als auch ihre Liebe für die heimische Motoradszene, die schon früher bei ihr zu sehen (und zu hören) war.





Foals: Volle Breitseite - Ausgang offen [Update]

Da kommt es gleich mal ziemlich dicke. Und das macht dann vielleicht auch etwas skeptisch. Trotzdem: Die britischen Foals um Sänger Yannis Philippakis haben wie erwartet zu ihrem angekündigten Doppelschlag ausgeholt und heute ihr Doppelalbum "Everything Not Saved Will Be Lost" im BBC und allen verfügbaren Netzwerken für den 19. März platziert, flankiert von der ersten Single "Exits". Und die hat es zugegebenermaßen in sich - satte fünf Minuten maximal ausgeschöpftes Klangspektrum. Dass die Fohlen zunehmend in die Breite gehen, war schon auf dem Vorgängeralbum "What Went Down" zu hören. Gespannt sind wir trotzdem - mehr sobald vorhanden.

15.05.  Lausanne, Les Docks
20.05.  Berlin, Huxleys Neue Welt

Update: Der Clip zur aktuellen Single stammt von Albert Moya.



Montag, 21. Januar 2019

Babeheaven: Nachgelegt

Diesmal mussten wir nicht so lange auf die nächste Wortmeldung von Babeheaven, der Londoner Shooting Stars, warten. Gleich zu Beginn des Jahres erschien "November", eine berührende Ballade mit trippigen Beats und ganz viel Soul, heute nun die Single "Circles", entspannter zwar, aber nicht weniger reizvoll. Für die Heimat haben die vier gerade eine Kurztour angekündigt, die Hoffnung, daß die wunderbare Nancy Andersen zusammen mit ihren Kollegen bald auch wieder mal in Richtung Festland aufbricht, wollen wir nicht aufgeben.



Beak>: Die Kunst des Taumelns

Ein ziemlich tolles Video kommt heute von Geoff Barrow und seiner Band BEAK>. Im September des vergangenen Jahres ist das deren aktuelles Album ">>>" erschienen und zur Single "Brean Down" gibt es seit kurzem einen Clip von Joe Volk, der so simpel wie beeindruckend ist. Es tanzt dort in einer One Cut Aufnahme Vladislav Platonov, Mitglied des russischen Dance-Ensembles Bullet From Space - auch wenn das Ganze mehr einem Taumeln ähnelt, so steckt doch augenscheinlich eine enorme Menge an Körperbeherrschung drin, noch dazu gelingt die Performance in einer handelsüblichen Bundeswehr-Parka, nicht gerade das bequemste Kleidungsstück, wenn es um derartige Akrobatik geht. Klasse Stück, klasse Moves!

Samstag, 19. Januar 2019

Isolated Youth: Guter Anfang

Das ist schon mal klar: Will man eine Band voranbringen, kann es nicht schaden, einen charismatischen Sänger oder eine Frau mit markanter Stimme dabei zu haben, zu schnell ist man sonst wieder aus dem Gedächtnis verschwunden. Isolated Youth aus der schwedischen Hauptstadt ist das schon mal gelungen, wer Frontmann Axel Mardberg sieht, fühlt sich schnell an Brian Molko erinnert, der maßgeblich für den Erfolg von Placebo verantwortlich ist. Die Parallelen sind offenkundig - schwarzes, langes Haar, feminine Züge, bizarre Garderobe und eine Stimme, die sich sofort einprägt. Zusammen mit dem dunklen, leidenschaftlichen Post-Punk-Sound seiner drei Bandkollegen ergibt das eine ziemlich packende Mischung. Anhören kann man sich diese auf der gerade erschienenen EP "Warfare" - fünf treibende Stücke, das bekannteste von ihnen vielleicht "Safety", mit dem die Band im Frühjahr 2018 auf der Bildfläche auftauchte und dessen Remix-Version ebenfalls für Aufsehen sorgte. Nachdem der neue Labeldeal mit Fabrika Records fix ist, soll bald auch eine Headliner-Tour durch Europa auf dem Programm stehen.



Mira Mann: Zwei Wochen Angst

Foto: Thomas Gothier
Angst ist wohl eine der intensivsten und unangenehmsten Erfahrungen des Menschen, trotzdem sie als schlechter Ratgeber gilt, kann sie unser Leben maßgeblich bestimmen, lenken. Und auch wenn Philosophen und Psychologen behaupten, sie sei die Triebfeder unserer Entwicklung, sei unabdingbar für unser Fortkommen in der Welt, auch wenn uns Menschen, die behaupten, niemals Angst zu haben, suspekt vorkommen: Angst tut nicht gut. Sich ihr zu stellen, fällt uns schwer, erträglicher wird sie für die, denen sie eine stete, große Last ist, häufig nur dann, wenn sie andere Menschen treffen, denen es ebenso geht. Beschreiben lässt sie sich ebenso schwer, Versuche (wie auch dieser) wirken schnell eitel oder unbeholfen. Die Band Blumfeld hat dem "Testament der Angst" um die Jahrtausendwende nicht nur ein Lied, sondern eine ganze Platte gewidmet und selbst ihre Wort wirken heute, knapp zwanzig Jahre danach, seltsam hölzern.

Dass Musiker zu Autoren werden, ist nicht eben selten, die Liste derer, die sich an den Text ohne Sound trauen (wohl ein schwieriges Unterfangen, wenn man es anders gewohnt ist), dürfte lang sein. Mira Mann, Sängerin und Bassistin der Münchner Band Candelilla, ist diesen Schritt nun gegangen. 2017 haben Candelilla ihr letztes Album "Camping" bei Trocadero veröffentlicht, viel getourt und danach eine längere Pause eingelegt. Mann schreibt für die Süddeutsche Zeitung, die Magazine Ultra Soft, Das Wetter, Tegel Media und moderiert beim Münchner Netzfunk Radio80K - beim Kölner Kleinverlag Parasitenpresse wird nun am Montag kommender Woche ihr Lyrik-Band "Gedichte der Angst" erscheinen, in dem sie sich laut Pressetext mit "einer sehr persönlichen Erfahrung von Krankheit und Verunsicherung" auseinandersetzt, aufgeschrieben in zwei Spätsommerwochen des Jahres 2017. Sascha Ehlert, Chefredakteur von Das Wetter, vermerkt dazu, diese seien "so mutig, wie Literatur nur in guten Fällen ist". Am Ende des Buches erzähle Mann, wie und warum sie dazu gekommen sei, diese Dinge aufzuschreiben, "davon kriegt man einen Kloß im Hals und dann liest man dennoch von vorne los, versteht viele der Gedichte auf eine andere, vielleicht intimere Art und Weise und lässt sich von ihnen umhüllen – ein gutes Gefühl."

Lesungen
25.02.  München, Favorit Bar
11.03.  Köln, Wohngemeinschaft

Freitag, 18. Januar 2019

James Blake: Entwaffnung

James Blake
„Assume Form“
(Polydor)

Gerade schlägt ja der Werbespot eines amerikanischen Rasierklingenherstellers besonders in den USA hohe Wellen, es geht einmal mehr und sehr aufgeregt um die neue Männlichkeit, um Geschlechterrollen und -klischees und augenscheinlich ist diese Debatte sowohl bei Gegnern als auch Befürwortern des Wandels kaum noch ohne den Begriff „toxisch“ zu haben. Stellt sich die Frage: Taugt das neue Album von James Blake denn als Beitrag zum Diskurs? Antwort: Ja und nein. Ja, weil eigentlich alles, was irgendwo auf unserem hektischen Planeten passiert, Veränderungen der Gesellschaft mal mehr und mal weniger schnell beeinflußt, alles wird hinterfragt, ins Verhältnis gesetzt und bewertet, da macht auch diese Platte keine Ausnahme. Zumal sie natürlich von einem Mann vorgelegt wird, der mit seinem zarten Falsett, seiner Innerlichkeit und bewußten Verletzlichkeit so gar nicht in das Raster alter Männerversteher passen und noch immer so manch grob gezimmertes Weltbild zum Wanken bringen dürfte. Nein deshalb, weil Blake ja beileibe kein überraschendes Phänomen mehr ist. „Assume Form“ ist mittlerweile sein viertes Album und auch die vorangegangenen fanden ihr Publikum mit dieser bemerkenswerten Mixtur aus Dubstep, klassischem Songwriting und LoFi-Pop – over the top, klar, aber eben auch sehr berührend. Der einzige seiner Art ist er damit zwar nicht mehr, wohl aber der talentierteste.



Das überraschend kurzfristig veröffentlichte Album hat nun einige behutsame Änderungen im Programm, manche zum Vor-, andere zum Nachteil. Die Vermählung seines Sounds mit trippigem Hip-Hop-Rhymes, 2013 gemeinsam mit Chance The Rapper und dem grandiosen „Life Round Here“ gestartet, erfährt hier seine konsequente Fortsetzung – jetzt finden sich Kollaborationen mit André 3000 („Where’s The Catch“), Metro Boomin/Travis Scott („Mile High“) und dem Neo-Soul von Moses Sumney („Tell Them“) auf der Platte, allesamt sehr gelungen und catchy. Neu dagegen die spanisch-britische Variante, für „Barfood In The Park“ hat Blake die Katalanin Rosalía ins Studio gebeten, herausgekommen ist der wohl spannendste Track des Albums, weil zur bekannten Palette noch der kontrastreiche Gesang der jungen Spanierin hinzukommt, mal gefühlvoll gehaucht, mal rau und leidenschaftlich intoniert. Anderes dagegen gerät weniger zwingend: Wenn Blake im Stile eines gutgelaunten Crooners bei „Can’t Believe The Way We Flow“ den Barjazz beleiht, dann klingt das bei allem Respekt eine Ecke zu kitschig, als Grübler im Halbschatten macht er eine überzeugendere Figur denn als verliebter Charmeur.



Thematisch ist James Blake im Gegensatz zum sphärischen, deepen Klang seiner Tracks dann doch sehr diesseitig, dreht sich vieles um die Liebe mit all ihren Verirrungen, Schmerzen und dem Hochgefühl, welche/s sie für einen bereithält. Im wunderbaren „Power On“ mahnt er die Demut in Partnerschaften an, lobt die Fähigkeit, den anderen mit allen Fehlern und Schwächen zu akzeptieren und als Bereicherung zu erfahren. Das Titelstück wiederum meint die Liebe zur Körperlichkeit an sich eingedenk der Gefahr, sich der medialen Übermacht, der digitalen Verheißung hin- und die Verbindung zum realen Welt aufzugeben – Form annehmen also, hier sein, im Jetzt. Passend dazu der Aufruf an die Zuhörer (und sich selbst) gegen Ende („Don’t Miss It“), sich besser den Moment zu vergegenwärtigen, als ihm später hinterher zu trauern. Um den Bogen zum Anfang zu finden – toxisch ist an all dem gar nichts. Vielmehr geht es um Abrüstung, bestenfalls Entwaffnung, darum, Gefühl zuzulassen, Fehler zu dulden. Zum Rolemodel eines scharf kalkulierenden Markenartiklers eignet sich sich Blake dennoch nicht – in diesem speziellen Falle wäre er (ein Blick auf’s Cover genügt) für den Job auch einfach zu schlecht rasiert. https://www.jamesblakemusic.com/

Donnerstag, 17. Januar 2019

Sigrid: Höchste Zeit

Nun, das neue Jahr beginnt so, wie das neue Jahr zu Ende ging: Post-Punk aus London, schwedischer Shoegaze und Pop aus Norwegen? Nie von gehört? Na, dann wird es Zeit, sich ganz zügig den Namen Sigrid auf den Zettel zu schreiben, schließlich hat die Musikerin aus Alesund im letzten Herbst mit "Sucker Punch" mal schnell noch einen formidablen Hit aus dem Hut gezaubert. Was bei ihr jetzt nicht ganz so ungewöhnlich ist - schließlich gab es von ihr auch vorher schon reichlich Hörenswertes zu berichten. So wie dieser letzte Song heißt im Übrigen auch das Albumdebüt, das am 1. März erscheint - vorher aber noch eine weitere Auskopplung, hier kommt ganz aktuell "Don't Feel Like Crying".

03.06.  Köln, Lanxess Arena

James Blake: Mit neuen Mitteln [Update]

Das scheint jetzt also das große Ding zu sein. Früher gab's Marketing, VÖ-Termine, Spots, Vorabsingles, solche Sachen. Doch wer es sich leisten kann, zieht heutzutage besser die Guerilla-Masche durch, projiziert skurrile Bilder oder Videos an Hauswände, schaltet komische Anzeigenmotive oder kryptische Zeichen und Symbole. Wann und mit wem das anfing - keine Ahnung. Aber es nimmt zu und gehört wohl so. Gerade hat James Blake ein paar dieser Nachrichten auf der Welt verteilt, denen man entnehmen kann, daß sein neues Album "Assume Form" am 18. Januar erscheinen wird, das Tracklisting stammt von der französischen Amazon-Seite (die natürlich schon wieder gelöscht ist), das Cover aus einem Reddit-Chat, Gott allein weiß, ob das alles belastbar ist. Wir bringen's trotzdem, gehört wohl zum Geschäft und macht ja auch ein ganz klein wenig Spaß. Der einzige Song übrigens, der von der Platte bislang greifbar ist, scheint "Don't Miss It" zu sein, das Video dazu kam schon vor einigen Monaten in Umlauf.

Update: Und kurz vor Veröffentlichung des Albums kommt die erste Single in Umlauf - hier ist "Mile High" zusammen mit Travis Scott und Metro Boomin.



Mittwoch, 16. Januar 2019

Property: Warum so skeptisch?

Und auch der Post-Punk ist natürlich mit dem neuen Jahr noch lange nicht vorbei - gerade habe diese vier ernst dreinblickenden Herrschaften ihren neuesten Song abgeliefert: Morgan Hewitt, Michael Woods, Josh Holliday und Ryan Grieve kommen aus London und musizieren dort unter dem Namen Property. Noch Ende 2018 ist die erste Single "Adult Cereals" erschienen, nun folgt mit "Jumping Off" ein weiteres Stück. Und auch das kann sich hören lassen, es könnte durchaus etwas werden mit dieser Band, so viel Skepsis muss also gar nicht sein.

Dienstag, 15. Januar 2019

Karen O vs. Danger Mouse: Kreativität im Quadrat

Vier Alben hat Karen Orzolek, kurz O, zusammen mit ihrer wunderbaren Band, den Yeah Yeah Yeahs, herausgebracht und sollten sie gemeinsam das kommende Jahr erreichen, dann feiern sie dort ihr Zwanzigjähriges. Wow! Beweglich sind sie jedenfalls immer geblieben, Nick Zinner schraubt seit jeher an einer beachtlichen Zahl von Nebenprojekten und fotografiert auch noch ganz gern, Madame O zeigt sich auch recht kreativ, arbeitet gern solistisch, nimmt Soundtracks auf und hat gerade mit Produzent und DJ Brian Joseph Burton aka. Danger Mouse eine neue Platte angekündigt. "Lux Prima", so der Name, soll am 15. März bei BMG erscheinen und nach dem überlangen Titelstück von epischer Breite ist heute nun ein zweiter Song davon in Umlauf gegangen - "Woman" poltert um einiges mehr und zeigt einmal mehr, dass wohl noch mit einigen Überraschungen zu rechnen sein wird.



Montag, 14. Januar 2019

Friedliche Übernahme: Waves Of Dread 6/6

Zu guter Letzt natürlich noch der Anlaß der Aktion selbst - das erste Video der Waves Of Dread. Der Clip zu "Lay" stammt von Leo Astudillo und auch zu diesem gibt es natürlich ein Statement von Nick JH: "Barcelona ist eine Stadt, die mir am Herzen liegt. Ich hatte in den letzten Jahren das Glück, einige wirklich wundervolle Momente mit Menschen zu teilen, die ich sehr liebe. Es ist bedauerlich, dass diese Erinnerungen befleckt werden können. Meine Sehnsucht, einmal an den Ort zurückzukehren, in dem ich meine zweite Heimat sehe, wird immer sehr stark sein. "Lay" ist mein Liebeslied in die Stadt."



Friedliche Übernahme: Waves Of Dread 5/6

5  Neil Young „Cinnamon Girl“

"Noch so ein Song, der mich einfach umgehauen hat, als ich ihn zum ersten Mal hörte. Es steckt so viel drinnen, ist ein so riesiger Rocksong, aber dieser hohe, flirrende Gesang hält ihn irgendwie auf dem Boden und lässt ihn nicht überzogen klingen. Youngs Stil ist auch einer, den ich über die Jahre nachgeahmt habe, ich habe ihm als Gitarrist viel zu verdanken."

Friedliche Übernahme: Waves Of Dread 4/6

4  Sonic Youth „Silver Rocket“

"„Daydream Nation“ hat mir dabei geholfen zu erkennen, dass gutes Songwriting nicht zwingend aus diesem Standard-Tuning mit Vers/Chorus/Vers-Strukturen bestehen muss. Dieses Lied hatte einen bleibenden, prägenden Eindruck bei mir hinterlassen - der laute Abschnitt in der Mitte war gegen jede Regel, ihre Energie und ihr Musikverständnis sind beispiellos. Sonic Youth sind total einzigartig."

Friedliche Übernahme: Waves Of Dread 3/6

3  Dinosaur Jr. „Little Fury Things“

"J Mascis hat meine Art, Gitarre zu spielen, stark geprägt. Das ganze Album „You’re Living All Over Me“ ist so maximal roh, ich liebe einfach die Art und Weise, wie es klingt. Es zeigt, dass man nicht unbedingt das beste Studio oder den besten Produzenten haben muss, um etwas wirklich Großartiges aufzunehmen. Wie reduziert und simpel die Aufnahmen sind, ist ein Teil des Charmes, darüber habe ich viel nachgedacht, als ich die erste EP eingespielt habe."

Friedliche Übernahme: Waves Of Dread 2/6

2  My Bloody Valentine „To Here Knows When“

"Ihre Musik änderte die Art und Weise, wie ich Gitarre spielte und Musik schrieb. Schicht um Schicht übereinanderzulegen, Kevin Shields kannte da wirklich keine Grenzen – so etwas hatte ich noch nie vorher gehört. „Loveless“ wurde schnell zu einem meiner Lieblingsalben. Sehr oft wird diese Platte als einer der lautesten bezeichnet, die es jemals gegeben hat, aber das allein wird diesem Werk nicht gerecht. Sie ist so viel mehr als das – es steckt wahre Schönheit darin."

Friedliche Übernahme: Waves Of Dread 1/6

Man macht das natürlich nicht alle Tage, in diesem speziellen Falle ist es uns aber eine ganz besondere Freude: Die Waves Of Dread aus Newcastle aus Newcastle waren hier schon mit ihrer allerersten Debütsingle zu hören, ihr aufgerauhter Shoegazing-Sound gefiel sofort und als jetzt die Ankündigung für ihr erstes Video kam, war die Idee für ein 'friendly takeover' geboren. Songschreiber und Gitarrist Nick JH war schnell dafür gewonnen - fünf Songs, die den Stil der Band, ihre Art, Musik zu machen, nachhaltig beeinflusst haben. Und auch wenn die drei Briten mutmaßlich um einiges jünger sind als wir, sind die Referenzen fast schon von gediegener, altehrwürdiger Qualität. Was uns wiederum einigen Respekt abnötigt, schließlich hätten auch wir kaum bessere Verweise finden können...

1  The Stone Roses „I Wanna Be Adored“

"Das erste Mal, als ich dieses Stück hörte, werde ich nie vergessen - ich habe 2005 Glastonbury im Fernsehen gesehen und zufällig genau in dem Moment eingeschaltet, als Ian Brown auf die Bühne kam. Er spielte diesen und drei weitere Roses-Songs zu Beginn seines Sets – von diesem Augenblick an habe ich den Song und die Band geliebt, sie sind sicherlich eine meiner All-Time-Favorites. Ich hatte das Glück, Brown ein paar Jahre später kennenzulernen und ein paar Gigs der Roses-Reunion zu sehen."

Sonntag, 13. Januar 2019

Miss Grit: Die Gitarre ist weiblich [Update]

Gerade war erst wieder (diesmal in der Süddeutschen Zeitung) davon zu lesen, daß der Rock'n Roll der weißen Männer ausgedient habe und alles ganz traurig aussehen müsste, wäre da nicht die Vielzahl weiblicher Musikerinnen, die das Ruder längst übernommen hätten und die Zukunft eigentlich doch ganz rosig aussähen ließen. Namen wie Snail Mail, Mitski, St. Vincent und Courtney Barnett wurden stellvertretend für das vergangene Jahr genannt und das wahrlich Tröstliche an dieser doch schon recht abgenutzten Meldung ist, dass diese Entwicklung schon seit mehreren Jahren anhält und einer/m jeden von uns augenblicklich eine Unmenge weiterer Beispiele einfallen würden. Das neueste gleich vor Ort: Auch Margaret Sohn aus Michigan nennt die Gitarre ihre liebste Begleiterin und gemeinsam mit ihren Freunden hat sie nun unter dem Namen Miss Grit ihre EP "Talk Talk" eingespielt. Zwei Stücke davon sind seit kurzer Zeit in Umlauf, auf das im Dezember veröffentlichte Titelstück folgt heute "The Bride", elektrisch, poppig, eine reizvolle Mischung, der man zum einen das Können und ebenso die Verehrung für den Sound von Annie Clark (s.o.) anhören kann.

Update: Seit heute ist die gesamte EP online.

Farveblind: Kein Entkommen

Diese beiden Jungs aus Kopenhagen waren schon im Sommer vergangenen Jahres hier zu Gast, damals hatten Magnus Pilgaard Gronnebaeck und Jens Asger Lykkeboe Mouritzen aka. Farveblind gerade ihr Songdebüt "Jewels" draußen. Aber was heißt hier Song, der Track war ein derart heiß abgekochtes Grime-MashUp, aufgenommen gemeinsam mit Paul Stephan, dass man sämtliche Gliedmaßen nur mit viel Mühe stillhalten konnte. Genauso wird es vielen mit der nun erschienenen Debüt-EP "BOXES" ergehen, denn auch die vier anderen darauf enthaltenen Stücke sind von ähnlicher Energie, die Zusammenarbeit mit Steve Dub (The Prodigy, The Chemical Brothers, New Order) läßt sich einmal mehr kaum verleugnen.

Swervedriver: Gelungene Fortsetzung

Swervedriver
„Future Ruins“
(Rock Action Records)

Einer der übelsten Ausrutscher, der einem früher in Diskussionen über britische Musik passieren konnte, war die Verwechslung einer bestimmten Vorsilbe. Wollte man sich nämlich in den Neunzigern als Kenner und Fan der dortigen Shoegazing-Szene ausweisen, rutschte dem einen oder anderen schon mal versehentlich ein „Skrew“ statt einem „Swerve“ über die Lippen und weil im gleichen Moment die Gesichtszüge des Gegenübers einfroren, wusste man, dass einem gerade etwas ziemlich Dummes passiert war. Die mit der Schraube nämlich zählten seit Beginn der 80er zu den einflussreichsten Vertretern der rechtsgerichteten Oi- und RAC-Szene, was verständlicherweise kein sehr gutes Licht auf sie warf – Swervedriver hingegen hatten mit solchen Verirrungen nichts am Hut, sie spielten seit ihrer Gründung durch Adam Franklin und Jimmy Hartridge eine sehr spannende Mischung aus Grunge-, Psychedelic- und Surf-Rock und kombinierten dies mit dem bekannten Sound der „Schuhstarrer“.



Zum Glück hat es nur die angenehmere der beiden Bands in die Jetztzeit geschafft. Von einem Comeback braucht man hier dennoch nicht sprechen, denn das hatten die Herren aus Oxford schon vor knapp fünf Jahren mit ihrem Album „I Wasn’t Born To Lose You“. Schon auf diesem unterstrichen sie ihr Credo, nachdem Shoegazing nicht zwingend brav, introvertiert und verträumt klingen muss. Sänger und Bandgründer Adam Franklin erwähnt ja in Interviews gern mal seine Vorliebe für Songs von Nirvana, Hüsker Dü oder Motörhead und so spielen Swervedriver seit jeher die härtere, schiefere Variante als ihre Mitstreiter, sind die Ausflüge in Richtung Dreampop eher Ausnahme denn Regel. Es überwiegen also wieder die harschen Gitarrentöne und die dicken Drums, gleich „Mary Winter“ poltert mächtig los, Ähnliches gilt für „Spiked Flower“ und „Good Times Are So Hard To Follow“.



Allen gemeinsam ist aber auch die unbedingte Vorliebe für die großen, mal zarten, mal hymnischen Melodien – hinter der Wall Of Sound versteckt sich also immer auch die Freude an der Harmonie, am Wohlklang. Eine politische, eine proklamatorische Band (s.o.) sind Swervedriver zwar nie gewesen, aber auf „Future Ruins“ kommen auch sie um ein paar bildhafte Andeutungen nicht herum: Der Titelsong zum Beispiel beklagt den Zustand unserer Gesellschaft („We are ruled by fools, these are future ruins, that the king is insane, is now old news“), bei „Mary Winter“ ist es der Blick des Astronauten auf einen dem Niedergang geweihten Planeten („Planet Earth long gone and my feet won’t touch the ground”), im Song darauf dann gar der Abgesang („We’ve stumbled into the end of days, where the future comes home to cry…”) – erwartungsgemäß alles keine erfreulichen Dinge. Trotzdem ist es eine hörenswerte Platte geworden, ein bisschen sentimental, ein bisschen fatalistisch, aber ganz sicher niemals peinlich.
http://www.swervedriver.com/home/

Donnerstag, 10. Januar 2019

Heavy Lungs: Eigenarbeit

Und zum Tagesschluß wieder mal eine Wortmeldung von Bristols neuestem Feuerwerk Heavy Lungs: Nach Erscheinen der wunderbaren Doppel-A-Single "Bloodbrother/Danny Nedelko" zusammen mit den Idles ist dieses Stück wieder eine Eigenarbeit, auch wenn die Kollegen um Joe Talbot im Netz schon kräftig mitpromoten - das Video zum Song "Jealous" stammt von Marie und Steph Dutton, ihre letzte EP "Abstract Thoughts" aus dem vergangenen Jahr gibt's hier gleich noch mal auf Wiedervorlage.



SOAK: Entschieden eigenwillig

Bekanntgeworden ist die junge Irin ja eigentlich über ein paar Schotten. 2014 nämlich hatten die Chvrches nämlich einen Hit namens "The Mother We Share" und Bridier Monds-Watson alias SOAK hatte, noch relativ unbekannt, davon ein so schönes Cover abgeliefert, dass sofort alle Welt Feuer und Flamme war. Es folgten weitere Achtungszeichen, im letzten Jahr schließlich die Single "Everybody Loves You" und damit auch der offizielle Dreh zum Pop. Jetzt kam die Ankündigung für ein neues Album, das den Titel "Grim Town" tragen wird und für den 26. April bei Rough Trade terminiert ist - die erste Single "Knock Me Off My Feet" setzt den eingeschlagenen Weg konsequent fort, ohne etwas von der androgynen Eigenwilligkeit einzubüßen.



Westkust: Bester Beweis

Vor ihnen waren einige, nach ihnen kamen viele: Als die schwedische Shoegazing-Band Westkust 2015 mit ihrem Debüt "Last Forever" die Aufwartung machte, war noch nicht zu ahnen, dass daraus ein wahrer Hype werden sollte - Schweden konnte sich einmal mehr als Musiknation feiern lassen und mußte sich nicht immer mit ABBA für Verirrungen wie Ace Of Base entschuldigen. Es ging schließlich auch anders. Die Kapelle aus Göteborg jedenfalls zieht nun mit dem Folgealbum nach - im März wird das gleichnamige "Westkust" bei Luxury Records erscheinen und die erste Single nennt sich lustigerweise "Swebeach", ein Kunstwort, bei dem sich jeder selbst seinen Teil denken kann.