Montag, 11. April 2016

Isolation Berlin: Kleiner Mann, ganz groß

Isolation Berlin
Support: Der Ringer
Feierwerk, München, 10. April 2016

Der heutigen Jugend wird ja gemeinhin gern nachgesagt, sie sei oberflächlich und nur auf den eigenen Vorteil bedacht, leidenschaftlichen Gefühlsausbrüchen begegne sie skeptisch bis abweisend. Wie falsch man mit dieser Einschätzung liegen kann, verdeutlicht ein Abend wie dieser im Münchner Feierwerk. Zwar tragen Isolation Berlin den Hype quasi schon im Namen (denn mehr 80er geht eigentlich gar nicht) und trotzdem hat das Publikum ein feines Gespür dafür, wo aufgesetzte Attitüde endet und die kompromisslose, künstlerische Selbstausbeutung beginnt. Tobias Bamborschke, schon optisch eine Art Wiedervereiningung Gesamtberliner Musikgeschichte – hier Rio Reiser (Ton Steine Scherben, West), dort André Herzberg (Pankow, Ost) – Bamborschke also müsste als Sänger des Quartetts schon ein verdammt guter Schauspieler sein, wollte man ihm nicht abnehmen, dass er in den Songs und auf der Bühne nicht sein Innerstes nach außen kehrt.

Ein zarter Jungspund mit blassem Teint und auch an diesem Abend (mit Verlaub) äußerlich in eher bemitleidenswertem Zustand, macht also nicht den Eindruck, als sei er mal eben kurz vorbeigekommen, um einen Promogig abzureißen. Die Stücke, mit denen Isolation Berlin die Musikkritik erst überrascht und dann im Sturm genommen haben und deren Hauptteil sich auf dem grandiosen Debütalbum „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ befindet, lassen sich so gar nicht in ein bestimmtes Genre pressen – düstere Grauzonenmusik, der Punk der Fehlfarben hier, Anklänge der Neuen Deutschen Welle mit allen exaltierten Verrücktheiten da. Das Gros der Songs aber beruft sich auf die lakonisch-melancholischen Milieubetrachtungen von Sven Regener und Element Of Crime, hier sind die größten Gemeinsamkeiten auszumachen. Bamborschke ist also gekommen, dem enthusiastischen Anhang sein schwarzes Herz auszuschütten, über enttäuschte Liebe, Verlassenheit und  Todessehnsucht zu klagen und man merkt dem Jungen an, dass er den Satz von dem einen Lied, das ihm geblieben ist, nicht einfach so dahersingt.

Er zittert, stampft und springt dabei, mal treibt ihn der „Wahn“ und läßt ihn irre lachen, dann wieder ist es „Annabelle“, die Angebetete, die ihn, wenn auch nur kurz, aus seinen dunklen Gedanken holt. Es ist sicher nicht übertrieben zu behaupten, dass der kleine Mann und die großen Lieder einige Zeit überdauern werden, das Potential ist schon auf der Platte zu erkennen, live kommen sie noch um einiges intensiver daher. Da wird das titelgebende „Isolation Berlin“ zum krachenden Manifest trostloser Verlorenheit, entfacht „Körper“ eine fast schon beängstigend zerstörerische Wucht und Wut und sorgt der Kontrast zwischen Geflüster und Geschrei bei „Ich wünschte ich könnte“ einmal mehr für Gänsehaut. Es ist eine triste und tieftraurige Welt und dennoch folgt ihm und ihnen das Publikum mit wachsender Begeisterung. Vielleicht ist es ja so – der Gedanke kommt einem mehrmals an diesem Abend – dass nicht nur der Zuhörer einen Gleichgesinnten sucht, sondern auch der Sänger dringend des Zuspruchs bedarf, das Leben da draußen wäre sonst für manchen einfach nicht auszuhalten.

Sonntag, 10. April 2016

Zen Mantra: Vor dem Sommer [Update]

Wird mal wieder Zeit für was Eigenes, das hat sich wahrscheinlich Sam Perry, Mitglied von Yumi Zouma, gedacht und gerade eben sein zweites Solo unter dem Moniker Zen Mantra angekündigt. Am 15. April soll also via Flying Nun Records das selbstbetitelte Album des Neuseeländers erscheinen, geht man nach dem Vorabtrack "Sekond Skin", dann wird daraus - ganz im Gegensatz zu dem obigen Bild - ein schillernd poppiges Vergnügen, gerade richtig für den dann bald bevorstehenden Sommeranfang.

Update: Er hat einen weiteren zauberhaften Song online gestellt - hier nun also Single Nummer zwei "Maybe I'll See You In My Dreams".

Samstag, 9. April 2016

Gun Shy: Neuer Ableger

Frage: Gibt es eigentlich so etwas wie Grungegaze? Wenn ja, dann haben die Kollegen von DIY gerade einen weiteren Vertreter dieser Sparte vorgestellt: Gun Shy kommen aus Southampton und wurden von Josh Bannister, dem ehemaligem Mitglied der Punk-Kapelle Milk Teeth, gegründet (der neue Name stammt im Übrigen von einem Film des Regisseurs Eric Blakeney aus dem Jahr 2000, in Deutschland hieße die Formation - befremdliche Vorstellung - folgerichtig "Ein Herz und eine Kanone"). Gemeinsam mit Will Palmer, George Turner und Dom Wright hat der Bannister gerade via Failure By Design Records die erste EP der Band angekündigt und zwei Stücke sind auch schon im Umlauf - "To Leave" und "The Only Way".


Chelsea Lankes: Neue Optik

Neue Farbe im Haar, neue Songs: Eigentlich hatten wir bei Chelsea Lankes aus Los Angeles nach den letzten Verlautbarungen ja mit einem kompletten Album gerechnet, nun ist es eine EP geworden. Nach der ersten Single "Bullet" kommt hier der Song "Paralyzed" hinterher, das selbstbetitelte Kurzformat ist gestern bei B3SCI Records erschienen.

Freitag, 8. April 2016

The Hearing: Keine Chance

Und gleich noch einen Hinkucker: Hinter dem Moniker The Hearing versteckt sich Ringa Manner aus Helsinki. Von der eigentlich recht zarten Person geht, das läßt sich im aktuellen Video zum Song "Backwards" leicht sehen, eine unheimliche Präsenz und Anziehungskraft aus, die sie, wie man hört, auch in ihre Live-Shows übersetzen kann. Da passt es ganz gut, dass am 22. April bei Solina Records das neue Album "Adrian" erscheint, auf dem außerdem auch der Song "Robots vs. Human Heart" zu hören sein wird. Und wer einmal die Stimme der Finnin vernommen hat, um den ist es ohnehin bald geschehen.



Shura: Bildende Kunst

Sehenswertes gibt es zum Wochenende noch von Shura: Kürzlich hatte die junge Londonerin ja ihr neues Album "Nothing's Real" angekündigt und mit einem Four-Tet-Remix der Single "Touch" eskortiert, nun konnte sie für die Visualisierung des Tracks "The Space Tapes" keinen Geringeren als den Grafiker, Designer und Filmkünstler John Karborn gewinnen. So sehenswert wie dessen gesamtes Portfolio ist, so eindrucksvoll gerät auch der Film zum Song - und hören kann man den natürlich auch sehr gut.

Smile: Alles, nur nicht uncool

Smile
„Rhythm Method“

(Smooch Records)

Das nennt man dann wohl gern eine handfeste Überraschung: Pete Baxter, Max Turner, Josh Delaney und Liam Gough waren in mitteleuropäischen Breiten bislang eine recht unbekannte Größe, mit ihrem zweiten Album schicken sie sich nun an, dies gründlich zu ändern. Und die Zeichen dafür stehen, um das Plattitüden-Trio vollständig zu machen, gar nicht so schlecht. Denn Smile wollen über weite Strecken so klingen wie eine lässig-zeitgemäße, australische Version von Velvet Underground – und erstaunlicherweise bekommen sie das ganz gut hin (lustigerweise findet sich auf ihrem Debüt ein Song mit dem Titel “Still Waiting For My Man”, der Bezug ist also, so darf man unterstellen, tatsächlich gewünscht). Zwischen Post- und Protopunk schrammeln die Jungs auf “Rhythm Method” ihre acht Songs jedenfalls auf ein beachtlich hohes Niveau, die Geschwindigkeit wirkt meist sorgsam gedrosselt, auf dass es nur ja nicht zu hektisch resp. uncool wird und Stücke wie die famosen “Central Business Dickheads” oder “BLVD” werden dann gern mal auf sechs oder sieben Minuten gestreckt, ohne dass es zu bemüht wirkt. Mit der ersten Single “Boundless Plains To Share” hatten sie ja schon aufmerken lassen, weil sie dort aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik ihrer Regierung einfach ein paar Textzeilen der Nationalhymne eingebaut hatten – mit “Cool. I Need Money” ist ihnen dann auch noch ein richtig dreckiger Crowdpleaser gelungen, an dem wohl kein College-Radio vorbeikommen wird. Noch ein Geheimtipp also, doch wenn nicht alles täuscht, sollte es mit der Ruhe recht bald vorbei sein. Smile auf Bandcamp

Donnerstag, 7. April 2016

Kassassin Street: Burschenschaft

Das kann gar nicht anders sein - für junge Männer wie diese hier muss der Begriff Lads erfunden worden sein: Rowan Bastable, Nathan Hill, Ryan Hill, Andy Hurst und Tom Wells haben sich vor gut einem Jahr im südenglischen Portsmouth unter dem Namen Kassassin Street zusammengefunden und spielen seither einen energetischen Psychpop, der dem der frühen Kasabian nicht ganz unähnlich ist. Nach der EP "Radio Silence" ist gerade ein neuer Song mit dem Titel "Hand In My Pocket" in Umlauf - für die sommerlichen Festivals sollten die fünf schon jetzt eine feste Größe sein.

Yeasayer: Fröhliche Rekonstruktion

Yeasayer
„Amen And Goodbye“

(Mute Records)

Natürlich ist das eine schöne Platte. Angefangen beim spleenig-gruseligen Gatefold-Cover des kanadischen Bildhauers David Altmejd, der für die Hülle ein skurriles Kuriositätenkabinett zur Aufstellung bringt, das den aktuellen Sound der New Yorker Psychpop-Kapelle nicht besser in Szene setzen könnte. Und Chris Keating, Anand Wilder und Ira Wolf Tuton haben sich auch wahrlich alle Mühe gegeben, diesen Marktplatz der Seltsamkeiten auf ihre spezielle, nicht selten etwas kautzige Art mit Leben zu füllen. Dafür reichte den dreien natürlich nicht nur eine einfacher Take – die Stücke wurden vielmehr nach erster Aufnahme an Joey Waronker, den Schlagzeuger von Atoms For Peace, weitergegeben, der sie dann in gänzlich neue Strukturen zusammengeführt hat, eine Art mutwilliger Rekonstruktion also.

Herausgekommen ist eine Vielzahl äußerst lebendiger Miniaturen, denen man sowohl die Spielfreude der Band als auch Waronkers Lust am Experiment anhört. Zwar sind die dreizehn Tracks bei weitem nicht so abgefahren und freaky wie die Psychedelia der Nachbarn vom Animal Collective, dennoch spannen sich auch hier die Bezugspunkte vom zarten Neo-Folk über den ausgelassenen Art-Rock der 70er bis hin zum zeitgemäßen Electropop der aktuellen Dekade. Ein bisschen störend mag den einen oder anderen ankommen, dass Yeasayer das Zeug zum Songwriting mit Hitpotential zwar mehrfach andeuten, aber letztendlich zu selten nutzen – mit “I Am Chemistry”, “Silly Me” und “Cold Night” finden sich gerade mal zweieinhalb Songs auf der Platte, die im klassischen Sinne zu Ende gespielt wurden, der Rest verbleibt im skizzen- und bruchstückhaften und verschenkt so die eine oder andere tragfähige Idee. Der Spaßfaktor aber kommt ganz sicher nicht zu kurz, zu Berimbao, Bouzouki, Vibraphone, Wurlitzer und jeder Menge analoger Synthesizer werden hier Töne und desgleichen Texte zusammengestöpselt. Wer da den Anschluß halten kann, ist fein raus, alle anderen freuen sich einfach an Einfallsreichtum und Wagemut des Trios und wippen beschwingt mit der Fußspitze mit. http://www.yeasayer.xyz/

20.06.  Lausanne, Les Docks

The Vryll Society: Crosspromotion

Wie die Faust auf's Auge: Erst beim letzten Mal hatten wir die zugegeben etwas weit hergeholte Parallele zwischen der Liverpooler Band The Vryll Society und dem städtischen Fußballklub gezogen, wobei die einen sicher zu der Popularität aufschließen wollten, die der andere schon innehat. Und just heute kommt mit "La Jetee" ein neuer Song des Psychrock-Quintetts um die Ecke, am Tag also, da der FC Liverpool in Dortmund um das Weiterkommen in der Euroleague kämpft. Seltsame Crosspromotion - tolle Musik, eine klassische Win-Win-Situation.

Electronic Beats Festival: Pinke Tage mit Verlose

Das alljährliche Telekom Electronic Beats Festival macht vom 18. bis 22. Mai Station in Köln und kann mit einem teils ambitionierten, teils großartigem LineUp aufwarten. So wird Grace Jones nach siebenjähriger Abstinenz wieder auf der Bühne stehen, die britischen HONNE machen einen auf geheimnisvoll und zum schärfsten Bademantelträger seit Udo Jürgens, eben Chilly Gonzalez, muss man wohl nichts mehr sagen. Hier das komplette Showprogramm der fünf pinken Tage:

Grace Jones, 18.05., E-Werk*
Woman und MØ, 19.05., Gloria Theater*
Grizzly und NOEMA, 19.05., Jack Who
Chilly Gonzales, 20.05., Kulturkirche*
Kerri Chandler und Hans Nieswand, 20.05., Gewölbe
Void mit Radio Slave, 20.05., Heinz Gaul
Christian Löffler and Mohna, 21.05, Stadtgarten
Kompakt Open Air mit Michael Mayer, 22.05., Jack in the Box
Tony Allen, 22.05., Club Bahnhof Ehrenfeld
HONNE, wo und wann auch immer

*WinWin: Für drei der Konzerte verlost MPMBL jeweils 1 x 2 Tickets - nämlich für Grace Jones im E-Werk, desweiteren für den gemeinsamen Auftritt der Kölner Band Woman zusammen mit der dänischen Songwriterin Mø und schlussendlich für den großartigen Chilly Gonzalez in der Kulturkirche - einfach eine schnelle Mail mit Name, Adresse und Wunschkonzert an info@mapambulo.de, wie immer first in first out.







Mittwoch, 6. April 2016

Hot Hot Heat: Mit letzter Konsequenz

Die großen Zeiten dieser Band sind zugegebenermaßen schon eine Weile vorbei: Hot Hot Heat aus Kanada sind das, was man eine klassische Milleniumsgeburt nennen darf - 1999 gegründet, 2001 das erste Album, sie hatten einige richtig gute Singles und wir selbst ein paar schöne Momente in der "Indiedisko". Nun, das ist fast Geschichte, denn Sänger Steve Bays hat gerade ein neues, aber leider auch ein letztes Album angekündigt - die selbst betitelte Platte soll am 24. Juni bei Kaw Liga Records erscheinen und eingezählt wird der Abschied mit der Single "Kid Who Stays In The Picture". Das Originalzitat zum Farewell lautet im Übrigen: "The idea behind the album was: If you want to try and do something great, it can only be when the inspiration hits." Genau das haben sie nun konsequent zu Ende gedacht.

HOST: Double Intesity

Einen knappen Monat ist es her, da brachten HOST, das Joint Venture aus London und Berlin, ihre erste Single "All Night Every Night" unter die Spiegelkugeln der Nacht und alle Welt (naja, sagen wir: ziemlich viele Menschen) waren begeistert. Das sollte sich mit Track Nummer zwei, erneut abgemischt von The-Chemical-Brothers-Mitglied Steve Dub, nicht ändern, auch "State Of Your Soul" pumpt wieder gewaltig. Feinstes Clubfutter!

Eagulls: Lichtgeflimmer

Drei Titel gibt's nun schon von der neuen Platte, zum letzten nun auch ein Video: Für den 13. Mai haben die Eagulls aus Leeds ihr neues Album "Ullages" angekündigt, nach "Lemontrees" und "My Life In Rewind" kommt für das zuletzt vernetzte "Skipping" ein passender Clip von Matthew Michael und John Tully dazu.

23.05.  Berlin, Badehaus RAW-Gelände
24.05.  Hamburg, Hafenklang

Bleached: Weiterärgern

Bleached
„Welcome The Worms“

(Dead Oceans)

Ganz ehrlich: Streiten möchte man mit den Mädels noch immer nicht. Denn wenn sie so Konflikte lösen wie sie in die Saiten hauen, dann kann das für den Gegenüber ziemlich unangenehm werden. Und Konflikte, so liest man, gab es seit ihrem feinen Debüt „Ride Your Heart“ vor drei Jahren reichlich zu meistern – kaputte Freundschaften, Hausräumungen, Abstürze, Party-Overkill. Dabei war es wohl von Vorteil, dass die Geschwister Jennifer und Jessica Clavin mit ihrer Band eine feste Konstante in ihrem Leben hatten, an der sie sich aufrichten konnten. Im Laufe der Zeit sind dann noch Bassistin Micayla Grace und Drummer Marc Jordan zum Team gestoßen und gemeinsam mit dem Produzenten Joe Chicarelli, der auch schon mit den Strokes und Morrissey arbeitete, ist dann – als eine Art Selbstreinigungsprozeß – das vorliegende Album entstanden. Geändert hat sich, das wird viele freuen, nicht sonderlich viel, der Sound ist orientiert sich noch immer an Fixpunkten wie Blondie, The Slits und den Shangri-Las und ist, wegen des personellen Zugänge, auch noch eine Spur voller, griffiger geworden. Unter dem Banner des Eingangsstücks „Keep On Keepin‘ On“ versammelt sich (wieder eher monothematisch) alles, was sich zu verfahrenen Beziehungskisten, Frustbesäufnissen, Liebesschwüren, Trotzbeschwörungen, nutzlosen Träumen und sonstigen Ärgernissen des Alltags so singen läßt, begleitet von herrlich schiefem und kraftvollem Gitarrengeschmirgel. Ein jeder der zehn Songs hat also ordentlich Grip und sogar Pop-Appeal, nur in der Summe wirken sie vielleicht ein wenig zu eintönig. Das ist aber auch das Einzige, das man an der Platte bemängeln könnte, sollen sie sich ruhig mal weiter so ärgern - wir hören's gern.

30.05.  Zürich, Eldorado


Dienstag, 5. April 2016

Black Mountain: Die ganze Palette

Black Mountain
„IV“

(Jagjaguwar)

Ein bisschen Besinnung, um danach nicht alles über den Haufen, sondern einfach vieles zusammenzuschmeißen, kann sich, wie man am neuesten Album der Black Mountains hören kann, durchaus lohnen. Deren letzter Opus „Wilderness Heart“ ließ ja ein wenig die ausufernden Großtaten der frühen Tage vermissen, dafür gab es ein paar getragene Balladen mehr im Angebot. Nicht jedermanns Sache, aber auf dem Wege zu neuen Klängen und mit der Lust an Veränderung verständlich. Nun, Amber Webber und Stephen McBean haben sich für das schlicht „IV“ betitelte Album für einen Mittelweg entschieden und so gibt es in knapp einstündiger Überlänge von allem, was man von dem kanadischen Quintett erwarten darf, reichlich: Ganze drei Langformate hält diese Platte bereit, beginnend mit dem herrlichen „Mothers Of The Sun“, das kurz noch verhalten mit Webbers zarter Stimme beginnt, aber kurz darauf zum Psychrockkracher mutiert. Etwas spaciger dann das mantraartige „(Over And Over) The Chain“, in dessen Mittelteil die Gitarren erneut heftig schmirgeln und wenig später dann der neunminütige Schlußakkord „Space To Bakersfield“, ein Stück in nächster Reichweite zu King Crimson und Pink Floyd. Fast poppig geraten dagegen „You Can Dream“ oder „Cemetry Breeding“, Black Mountain scheuen offenkundig auch konventionelle Strukturen nicht. Aufgefüllt mit jeder Menge elektronischer Verzierungen, leben alle Songs vom Spannungsfeld der Gesangsduette und der Wucht ihrer Kompositionen, das WahWah angerissener Seiten („Defector“) kontrastiert mit dem fast schon süßlichen Schmelz des Countryschunklers „Line Them All Up“. Harsches, Grobes, Einschmeichelndes, Verträumtes, Abgedrehtes – sie haben viele Bälle in der Luft und so, wie es sich anhört, auch genügend Hände, um sie am Schweben zu halten. Die unbedingte Düsternis der beiden Erstlingswerke ist dennoch dahin, es wird spannend sein zu beobachten, wie der Anhang mit dem Überangebot und der Stilvielfalt zurechtkommt. http://www.blackmountainarmy.com/

06.04.  Zürich, Bogen F
07.04.  Genf, PTR Usine
16.04.  Berlin, Lido

The Lytics: Bam!

Wen das jetzt an ganz früher erinnert, der ist sicher schon sehr alt und hat ein gutes Gedächtnis: Was hier so mächtig oldschoolig aus den Boxen wummert, stammt keineswegs von N.W.A. oder Public Enemy, sondern von dem kanadischen HipHop-Kollektiv der Stunde The Lytics. Die fünf Herren aus Winnipeg, die sich ab morgen durch deutsche Clubs rappen, haben ihre neue EP "Hold On" von keinem Geringeren als Mike D (Beastie Boys) produzieren lassen und wenn alle Tracks darauf so gut abgehen wie "Friction", haben sie mit Sicherheit noch Größeres vor.

06.04.  Berlin, Prince Charles
07.04.  Hamburg, Molotow Sky Bar
08.04.  Dresden, Beatpol
09.04.  Jena, Kassablanca
10.04.  Haldern, Pop Bar
11.04.  Oberhausen, Druckluft
12.04.  Köln, Yuca
13.04.  Bremen, Tower
14.04.  Osnabrück, Popsalon
15.04.  Heidelberg, Karlstorbahnhof
16.04.  Zürich, M4Music Festival
17.04.  Wiesbaden, Schlachthof

Montag, 4. April 2016

Pet Shop Boys: Einfach gut

Pet Shop Boys
„Super“

(X2 Recordings)

Über den Umgang mit Superlativen konnte der Münchner in den letzten Jahren so einiges lernen. In der mutmaßlich schönsten Stadt der Welt nämlich trainiert der vermeintlich beste Trainer des Erdballs die kompletteste Fußballmannschaft des Universums, besetzt mit so sagenhaft begabten Starspielern, dass jeder einzelne allein schon gegen eine Weltauswahl ohne nennenswerte Schwierigkeiten bestehen könnte. Pep Guardiola, so der Name der gottgleichen Gestalt an der Seitenlinie, wurde und wird während seiner Amtszeit nicht müde zu betonen, wie sehr er die Qualität seines Kaders wertschätzt und wie ausgezeichnet sein Verhältnis zu jedem einzelnen seiner schutzbefohlenen Kicker doch ist – dafür erfand der Mann eine Reihe neuer Gütesiegel, die von „Top!“ in der einfachen Variante über das Triple „Top! Top! Top!“ bis hin zur (hier als Entsprechung des Wortes Super) Endausbaustufe „Super! Super! Super!“ reichten. Hören und glauben kann das außer der rosabebrillten Hardcore-Kutte nun wirklich keiner mehr, insofern gilt Guardiolas inflationäre Verwendung von Superlativen als Musterbeispiel für die Entwertung gutgemeinter Botschaften.

Als Neil Tennant und Chris Lowe ihren Arbeit in Sachen intelligenter Tanzmusik 1981 aufnahmen, war der kleine Pep gerade mal zehn Jahre alt und sein Genie kaum erkennbar. Dass die Pet Shop Boys heute nach sage und schreibe fünfunddreißig Dienstjahren eine Platte wie die vorliegende abliefern, grenzt – hier ist eine vorbehaltlose Lobhudelei dringend angebracht – schon fast an ein Wunder. Natürlich ist elektronischer Dancepop in gesetztem Alter weitaus einfacher zu praktizieren, hier muss niemand in gewagter und nicht selten peinlicher Pose den Rockonkel mimen (und nebenbei einen Bandscheibenschaden riskieren), die beiden haben es ja vorgemacht, wie man sich ausgefallener Kostümierung auch heute noch einem durchweg jüngeren Publikum erfolgreich präsentieren kann. Dass sie aber nach zwölf Alben und knapp sechzig Singles streckenweise immer noch so klingen, als hätten sie die Lust am Discosound gerade erst für sich entdeckt, nötigt einem schon gehörigen Respekt ab.

Gerade die technoiden Klänge haben es ihnen in den letzten Jahren ja angetan, Stücke wie „Happiness“, „Pazzo!“ und „Inner Sanctum“ feiern die Maschinenbeats wie ein Hochamt und finden einmal mehr erstaunlich frische Grooves und Melodien. Selbstreferentialität ist natürlich ein ebenso fester Bestandteil des Programms – dass Tennant und Lowe vor Jahrzehnten als synthetische „Pop Kids“ belächelt wurden, tragen sie heute stolz wie eine Monstranz vor sich her, sie haben es halt schon immer gewusst und verbasteln um die augenzwinkernden Zeilen sogleich ein paar Zitate ihrer eigenen Evergreens (die es ja immerhin Wochenende für Wochenende in die Fußballarenen dieser Welt geschafft haben). Nebenbei gibt es auch angenehm Bedenkliches zu hören – „Twenty-Something“ ist eine flotte, aber traurige Ode an die Jugend, die angehalten ist, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: „Take your smart phone, make your way home, on your own.“

Die beklemmendsten Zeilen hört man in dem Stück „The Dictator Decides“, allseits als Kritik am grassierenden Neoliberalismus ihres Heimatlandes verstanden. Zu düsterem Marschrhythmus und Opernpathos erklingt das Klagelied des von Selbstzweifeln geplagten Despoten, der des Regierens müde und der Macht überdrüssig ist, „too weak to be strong“, der erlösenden Kugel seiner Feinde entgegenfiebernd. Fünf kurzgefaßte Strophen voller shakespearscher Dramatik, da macht sich die Arbeit an diversen Musical-, Theater- und Filmprojekten bezahlt. Der Abschied gibt der Sehnsucht Worte, endlich all den Schmutz und die Dummheit für immer hinter sich zu lassen („We need some practical dreamers, maybe few magicians, shall we get away from here?”), wohl wissend, dass auch das nur ein frommer Wunsch bleiben wird. Man muss es nicht übertreiben – die Pet Shop Boys einfach gut, klug und humorvoll zu nennen, reicht auch heute aus. Die Liga, in der sie spielen, ist ohnehin ihre eigene. http://petshopboys.co.uk/home

EAT FAST: Genauso gut, nur schneller

Nun, die Ergänzung hat ihnen ganz gewiss nicht geschadet, zumal sie wortwörtlich zu verstehen ist: Bis vor kurzem hieß diese Band aus Newcastle noch EAT, nun also EAT FAST und genauso klingt auch die neue Single - nach "Biker Drone" und "Biker Lime Slicer" kommt nun "Stammer" - und wie!

Sonntag, 3. April 2016

Seratones: Glückshormone mit Dampf

Glückshormone und Bluesrock - passen bestens zusammen, sind schwarz und kommen aus Louisiana: Die Seratones, eine vierköpfige Schrammelkombo, stammen ursprünglich aus dem Städtchen Shreveport und haben gerade für den 6. Mai beim Label Fat Possum Records ihr Debütalbum "Get Gone" angekündigt. Zwei Stücke davon, nämlich "Chandelier" und das niegelnagelneue "Sun", kann man sich schon vor der Veröffentlichung anhören und die beiden haben schon mal mächtig Dampf. Sollte der Rest von A.J. Haynes, Adam Davis, Connor Davis und Jesse Gabriel ähnlich gelagert sein (wovon auszugehen ist), dann lohnt sich sicher auch ein Besuch auf der sommerlichen Konzerttournee.

22.08.  Hamburg, Molotow
23.08.  Berlin, Berghain Kantine
24.08.  Köln, Blue Shell