Donnerstag, 13. September 2012
Nur noch süß
Der Song hält, was der Titel verspricht - "Candy" wird, soviel kann man ahnen, die Kindergeburtstage rocken, mehr nicht. Früheren Pepp, selbstironische Grandezza, liebenswerte Hochstapelei, Stil - alles Fehlanzeige. Stattdessen: Rosa Anzug, dickes Bäuchlein und Nike-Treter, Robbie Williams läßt im Video zu seinem neuen Song kaum eine Peinlichkeit aus. Wenn das der Vorgeschmack auf "Take The Crown" ist, dann wird's, so steht zu befürchten, wohl (wieder) nur die Pappkrone von McDonalds werden. Zum Lachen oder lächerlich - hier.
Ex-Klum-Lover-Cover
Die schönsten Coverversionen sind gemeinhin die, auf die man so schnell nicht kommt. Dass sich zum Beispiel die Londoner von 2:54, für ihr Album ordentlich, aber nicht euphorisch gefeiert, an eine Überarbeitung von Seals "Killer" gewagt haben, war nicht zu erwarten und ist deshalb ein wenig Aufregung wert. Schönes Stück, schon das Original im Adamski-Mix, wahrscheinlich sogar das einzige des Ex-Klum-Lovers, was man ohne Fremdscham anhören kann. Und 2:54 machen es nicht schlechter als damals George Michael - zu hören bei stereogum.
Mittwoch, 12. September 2012
Beisst noch
Corin Tucker Band
“Kill My Blues”
(Kill Rock Stars)
Ganz versteht man es immer noch nicht. Von all den Riot-Grrrl-Bands waren Sleater Kinney Zeit ihres Bestehens wohl die interessanteste – dass gerade sie vor sechs Jahren die Ämter ruhen ließen, will einem bis heute nicht in den Kopf. Natürlich ist das eine ziemlich vereinfachte Denke, denn von den internen Beweggründen kennt man als Außenstehender ohnehin nur die gefilterten Verlaubarungen von Label und Presse. Schaut man sich aber an, mit welch traumwandlerischer Sicherheit alle drei Mädels heute noch ihr Handwerk beherrschen – wieso auch nicht, sie können’s ja kaum verlernt haben – dann kommt neben Bewunderung auch ein bisschen Wehmut auf: Carrie Brownstein mit Janet Weiss bei Wild Flag – grandios, Janet Weiss bei Malkmus’ Jicks – wunderbar, und nun Corin Tucker mit dem Nachfolger zu “1,000 Years” – it rock’s.
Für den Begriff “Weiberrock” habe ich ja bei Wild Flag an gleicher Stelle schon mal ein’s über den Schädel bekommen, Vorsicht ist also geboten, wem man wie womit wofür einen Orden anhängt. Der Reiz von Tuckers Album ist jedoch der gleiche, den schon Brownsteins Platte auszeichnete und der auch für Sleater Kinney stand: geradeaus gerockt, immer ein wenig dreckig, immer ein wenig neben der Spur, Spannung halten, die richtigen Themen besetzen. Schon “Groundhog Day” am Anfang also ein wütendes Manifest einer Enttäuschten: “I took some time to be a mom and have some kids, what’s up y’all? I thought we had a plan, gonna move things forward for us and women round the globe. Awake now, outside it froze, instead of going forward, where the hell we going now?“ Gute Frage, Pussy Riot versuchen sie gerade wieder einmal zu beantworten.
Tucker ist also noch nicht fertig mit der Welt und allem, was an ihr so stört, sie beißt noch und man hört ihr gern dabei zu. “Kill My Blues” ist feinster Rock mit famoser Orgelbegleitung, auch “Neskowin” (“Darling, I know, I don’t go like the other girls”) macht schön vorwärts – hey, das haben The Gossip auch mal versucht, als sie noch gut waren. Mal ist es der Surfsound der 60s, dann wieder ein paar Psychedelia aus dem nächsten Jahrzehnt, es bleibt wild und rauh, mit “Joe” ist sogar ein richtiger Heuler auf dem Album. Selbst in den ruhigeren Passagen (“Outgoing Message”, “Blood Bones, And Sand”) ist die Energie der Band zu spüren – für “Tiptoe” gibt’s noch mal alles inklusive Sara Lunds zwingendem Beat. Feine Platte – sollten eine Tournee mit Divine Fits veranstalten, die Bude wäre gerammelt voll. www.corintuckerband.com
Mensch, Paul
Bitter, bitter, aber München erscheint nicht auf der Liste, auch wenn man sie noch so häufig von oben nach unten und umgekehrt studiert: Paul Banks hat seine Live-Termine, im Gepäck die neue Soloplatte "Banks", für Europa und den Jahresbeginn 2013 bekannt gegeben und so sehen sie aus:
28. Januar Frankfurt, Mousonturm
29. Januar Köln, Gloria
03. Februar Wien, Wuk
06. Februar Berlin, Kesselhaus
09. Februar Hamburg, Grünspan
28. Januar Frankfurt, Mousonturm
29. Januar Köln, Gloria
03. Februar Wien, Wuk
06. Februar Berlin, Kesselhaus
09. Februar Hamburg, Grünspan
Nichts für Hasenherzen
Jaja, die Häschen, possierliche Tierchen, immer am rumspringen und allzeit gut gelaunt. Hah, hat sich was - Pustekuchen! Da mußten erst Bonnie 'Prince' Billy und Zeichner Dustin Glick kommen, um zu zeigen, dass das auch ganz übel und jämmerlich ausgehen kann. "A Time To Be Clear" heißt der Song und er stammt von Oldhams Album "Wolfroy Goes To Town".
Eiskalter Engel
How To Dress Well
“Total Loss”
(Weird World)
Nicht wenige behaupten ja, mit der Ankunft dieser Platte könne man für 2012 getrost Inventur machen, in diesem Jahr werde also nichts mehr kommen, was von derartiger Bedeutung wäre. Frank Ocean, The XX und eben jetzt How To Dress Well, alles im Bestand – die neue von Flying Lotus müsse man halt im Bedarfsfall nachbuchen. Ganz so unangebracht ist diese Bemerkung in der Tat nicht, nimmt man The Weeknd und die Londoner von The Invisible noch hinzu, hat es in letzter Zeit einen nahezu befremdlich hohen Ausstoß an hochklassigem – naja, Electrosoul, synthetischem R&B, wie auch immer, gegeben. Dem nun Tom Krell alias How To Dress Well mit seiner zweiten Studioplatte die Krönungsmesse verpasst.
Genaugenommen fertigt der Mann aus Brooklyn ja keine Tanzmusik, nicht einmal im weiteren Sinne, sondern ätherische Choräle, näher dran an Antony Hegarty als sämtliche vorher Genannten. Dass Krell dem geheimnisvollen Sound in seinem Labor auch noch tonnenschwere Beats beimischt, erscheint eher wie ein Zugeständnis an all jene, die schon mit gierigem Blick und zitternden Fingern auf Mixfutter für die Nachtclubs dieser Welt warten. Wie schon auf seinem Debüt “Love Remains” verknüpft Krell auch beim Nachfolger abseitige und alltägliche Geräusche, Sprachsamples, klassische Orchesterinstrumentierung und wummernden, dunklen Bass mit atemberaubender Kunstfertigkeit, er schichtet, loopt, verfremdet, verschränkt, läßt auch mal weg – dazu sein fragiler Falsett, ein Magier.
Wirklich fröhlich– man hat es schon beim Titel das Albums ahnen können - ist das nicht, nicht das träge Stampfen bei “Cold Nites”, nicht mal das Fingerschnippen und die satten Drums bei “Running Back” – stets überläuft einen ein frostiger Schauer, wenn Krell als eiskalter Engel im Off das Zittern und Barmen zelebriert. Bei “Set It Right” bekommt das ganze sogar opernhafte Dimensionen, dass die Sache auf dem Grunde des Ozeans enden muss, überrascht dann niemanden mehr. Bei aller Zartheit eine zuweilen monströse Platte, nichts für die gemütlichen Stunden zu zwein, eher für’s einsame Hadern und Leiden an sich. Große Kunst. http://howtodresswell.com/
Dienstag, 11. September 2012
Das Beste nach dem Fest
Das Jubliäum zum 20sten wurde im vergangenen Jahr gefeiert, das Präsent dazu gibt's mehr als zwölf Monate später: Massive Attack werden ein Reissue ihres grandiosen Debütalbums "Blue Lines" veröffentlichen. Laut clash.com soll die neue Version - abgemischt wurde von den Originalbändern - ein wenig mehr "spruce" haben, und wenn das keine Fichtennadeln sind, dann sollte es wohl etwas glatter klingen. Sei's drum, zu kaufen gibt's den heißen Scheiß neben der Standard-Version auch im Box-Set mit Doppel-Vinyl und Promoposter.
Nur weiter so
Band Of Horses
“Mirage Rock”
(Smi Col/Sony)
Der Weg hatte sich auf “Infinite Arms” vor zwei Jahren schon angedeutet: Vorbei die Zeit der schräg verkanteten Schrammelhymnen früher Jahre, Ben Bridwell, Creighton Barrett und Rob Hampton wollten erwachsen werden und erwachsen bedeutete in diesem Falle abgeklärter, positiver, gefälliger – und manchmal leider auch etwas gewöhnlich. Jede Band, die folkige Americana dieser Güte für ein Album abgeliefert hätte, wäre uneingeschränkt gefeiert worden – Band Of Horses standen kurz nach der Jahrtausenwende jedoch für deutlich schwermütigere Gitarrenmusik, man kam damals an “The Funeral”, “Detlef Schrempf” und “No One’s Gonna Love You” nicht vorbei.
Nun also die Fortsetzung mit gleichen Mitteln – auch “Mirage Rock” wartet mit lockerem und beschwingtem Folkrock auf, gleich bei “Knock Knock” poltern einem die drei zu gut gelaunten Handclaps ihre Riffs entgegen. Indierock als Referenz war gestern, heute sind es die Eagles, die Heartbreakers oder Dire Straits, die als Vorbilder herhalten müssen. Das gibt es dann in der bewährt beschwingten Singalong-Variante mit vereinzelten Gitarrensoli (“A Little Biblical”, “Electric Music”) oder mit dieser verhangenen, verträumten Färbung versehen, die das Trio aus Seattle noch immer drauf hat wie kaum eine andere Band (“How To Live”, “Shut-In Tourist” und “Slow Cruel Hands Of Time”).
Wirklich vom Sessel haut einen das nun nicht mehr, man kuschelt sich vielmehr mit schlechtem Gewissen in Gewohntes, um so dankbarer ist man für ein wenig Abwechslung. “Feud” kurz vor Schluß ist so ein Song, Kopfstimme und gebremster Noise; noch besser das verhalten beginnende, dann sperrig laute “Dumpster World”. Fast möchte man aufatmen, wenn Bridwell ganz forsch seinem Unmut Luft macht und auf einen Schlag alle Ketten und Gefängnisse zu sprengen bereit ist. Versöhnlich trotzdem der Schluß mit “Long Vows” und “Heartbreak 101” – entspanntes Ticken ersteres, leidenschaftlich und melancholisch zugleich, mit jeder Menge Streichern, das letzte Stück. Zu vorhersehbar für ein wirklich großes Album, interessant genug für ein gutes – sie bleiben einem zum Glück erhalten. http://www.bandofhorses.com
Wenigstens das
Das Gerücht gab es ja schon lange - nun ist es fix: Sonic Youth, offiziell nicht mehr existent, werden Mitte November eine Live-Aufnahme mit dem Titel "Smart Bar - Chicago 1985" veröffentlichen, womit eigentlich schon alles gesagt ist. Gepresst wurde von Originalbändern, die Tracklist füllt sich hauptsächlich aus Stücken der beiden Frühwerke "Bad Moon Rising" und "Evol" - Genaueres bei quietus.com. Das folgende Video zu "Kill Yr Idols" sollte zu dieser Meldung passen wie die Faust auf's Auge.
Battement, aber dirty
Schöne Idee, sich die neue Single der Schlachthofbronx "Everyday Of The Week" zusammen mit einer Ballettübung um die Ohren hauen zu lassen - die beiden Jungs lassen es jedenfalls am Backgammon-Brett erst mal recht ruhig angehen, bevor dann mächtig gezündelt wird.
Montag, 10. September 2012
Die Masse macht's
Eine Kulisse, zu der dem handelsüblichen Amerikaner gern Worte einfallen wie "huge", "overwhelming" oder "amazing" (der deutsche Konzertbesucher würde schlicht "Waldbühne" sagen): Mumford & Sons haben für das Video zu ihrer ersten offiziellen Auskopplung aus "Babel", ihrem bald erscheinenden neuen Album, die Kulisse eines Livemitschnitts aus dem berühmten Red Rocks Amphitheater in Denver/Colorado gewählt - mit einer Mischung aus purer Spielfreude und Respekt rocken die Jungs dort mit "I Will Wait" das Felsmassiv. Vorher haben das auch schon die Beatles, U2 und Depeche Mode ähnlich beeindruckend hinbekommen - nun als die britischen Folkies, hier.
Laß die Sonne rein!
Alles Imperative heute - aber was soll's, auch diese Meldung kann beglücken: Cat Power gibt ihre nächsten Konzerttermine für's neue Album "Sun" bekannt und da vier für Deutschland dabei sind, darf man auch schon mal ein Ausrufezeichen dahintersetzen:
28.11. Köln, E-Werk
29.11. Berlin, Huxleys
01.12. Hamburg, Große Freiheit
02.12. München, Theaterfabrik
06.12. Zürich, Volkshaus
28.11. Köln, E-Werk
29.11. Berlin, Huxleys
01.12. Hamburg, Große Freiheit
02.12. München, Theaterfabrik
06.12. Zürich, Volkshaus
Gib mir Fieber!
Schon vergessen? Holograms? Schweden? Geile Platte? Na na, da wollen wir doch mal schnell ihr neues Video zum Song "Fever" nachschieben - whitetapes hat's gefunden und in's Programm genommen. Und wen davor das Fieber noch nicht gepackt hatte, den erwischt's sicher jetzt: Super Mario auf Magic Mushrooms - hooray!
Samstag, 8. September 2012
Play that funky music
David Byrne And St. Vincent “Love This Giant” (4AD)
Klar steht da jetzt dick drüber: Jazzy! Funky! Artiness! Fusion! Kreuzüber! Und klar will man vor dem Mann einerseits in Hochachtung versinken, sich aber gleichzeitig auch gleich ängstlich wegducken, denkt man an seine künstlerisch hoch anspruchsvollen Alterswerke mit Brian Eno und Caetano Veloso oder diverse Bühnen- und Filmarbeiten. Die gute Nachricht ist: Man muss vor dieser Platte keine Angst haben! Ja, sie ist intelligent und klug gemacht, und nein, man kann sie nicht einfach so im Vorbeigehen weghören. Aber Letzteres wäre schon bei den Talking Heads einem Verbrechen gleichgekommen und so ist “Love This Giant” im guten Sinne eine Platte, die sich etwas Mühe redlich verdient hat.
Wer bitte traut sich denn auch, eine größere Anzahl klassischer Waldhörner mit einem pluckernden Beat zu unterlegen? Eben. Nur ein Mann, dessen Ego groß genug ist, der eine komplette Brassband – hier Mitglieder der Dap Kings und des Brooklyner Ensembles Antibalas – scheinbar mühelos und angstfrei über die Länge einer CD mit elektronischem Gefrickel, schräger Gitarre und wechselnden Gesangsparts mischt. Dabei sieht der Herr Byrne, nimmt man sich das Video zum ersten Track “Who” – fürwahr ein Hammer – so selbstsicher gar nicht aus, wie er da andauernd seinen grauen Zweiteiler nervös glattzustreichen versucht, eher gleicht er einer Kreuzung aus John Cleese, Rudi Carell und Loriot. Aber hey, er ist der “Psycho Killer”!
Den Schmackes, mit dem besagte Single aufwarten kann, geben die anderen Songs zwar nicht her, zumal Annie Clark alias St. Vincent, Byrnes Partnerin in crime, nicht ganz das Format des Meisters hat. Ihr “Ice Age” gefällt und funktioniert trotzdem, auch die verzwickten “Weekend In The Dust” oder das hektische Stottern bei “One Who Broke Your Heart” gehen in Ordnung. Über die Lyrics darf man zuweilen herzlich lachen, “I used to think that I should watch TV, I used to think that it was good for me, wanted to know what folks were thinking, to understand the land I live in, and I would lose myself and it would set me free“ heißt es etwa zum Midtempobeat von „I Should Watch TV“. Drei Jahre Arbeit, die den beiden ganz offensichtlich viel Spaß bereitet haben – Spaß, den man beim Hören deutlich spürt. Ein guter Rat deshalb: Man hört das Album am Besten in ansprechender Laustärke und im Stehen, denn es dauert nicht lange, bis einem der Brassbeat in Arme und Beine fährt. Funky, in der Tat. http://lovethisgiant.com/
Der Komplettstream des Albums steht zur Zeit bei npr.
Klar steht da jetzt dick drüber: Jazzy! Funky! Artiness! Fusion! Kreuzüber! Und klar will man vor dem Mann einerseits in Hochachtung versinken, sich aber gleichzeitig auch gleich ängstlich wegducken, denkt man an seine künstlerisch hoch anspruchsvollen Alterswerke mit Brian Eno und Caetano Veloso oder diverse Bühnen- und Filmarbeiten. Die gute Nachricht ist: Man muss vor dieser Platte keine Angst haben! Ja, sie ist intelligent und klug gemacht, und nein, man kann sie nicht einfach so im Vorbeigehen weghören. Aber Letzteres wäre schon bei den Talking Heads einem Verbrechen gleichgekommen und so ist “Love This Giant” im guten Sinne eine Platte, die sich etwas Mühe redlich verdient hat.
Wer bitte traut sich denn auch, eine größere Anzahl klassischer Waldhörner mit einem pluckernden Beat zu unterlegen? Eben. Nur ein Mann, dessen Ego groß genug ist, der eine komplette Brassband – hier Mitglieder der Dap Kings und des Brooklyner Ensembles Antibalas – scheinbar mühelos und angstfrei über die Länge einer CD mit elektronischem Gefrickel, schräger Gitarre und wechselnden Gesangsparts mischt. Dabei sieht der Herr Byrne, nimmt man sich das Video zum ersten Track “Who” – fürwahr ein Hammer – so selbstsicher gar nicht aus, wie er da andauernd seinen grauen Zweiteiler nervös glattzustreichen versucht, eher gleicht er einer Kreuzung aus John Cleese, Rudi Carell und Loriot. Aber hey, er ist der “Psycho Killer”!
Den Schmackes, mit dem besagte Single aufwarten kann, geben die anderen Songs zwar nicht her, zumal Annie Clark alias St. Vincent, Byrnes Partnerin in crime, nicht ganz das Format des Meisters hat. Ihr “Ice Age” gefällt und funktioniert trotzdem, auch die verzwickten “Weekend In The Dust” oder das hektische Stottern bei “One Who Broke Your Heart” gehen in Ordnung. Über die Lyrics darf man zuweilen herzlich lachen, “I used to think that I should watch TV, I used to think that it was good for me, wanted to know what folks were thinking, to understand the land I live in, and I would lose myself and it would set me free“ heißt es etwa zum Midtempobeat von „I Should Watch TV“. Drei Jahre Arbeit, die den beiden ganz offensichtlich viel Spaß bereitet haben – Spaß, den man beim Hören deutlich spürt. Ein guter Rat deshalb: Man hört das Album am Besten in ansprechender Laustärke und im Stehen, denn es dauert nicht lange, bis einem der Brassbeat in Arme und Beine fährt. Funky, in der Tat. http://lovethisgiant.com/
Der Komplettstream des Albums steht zur Zeit bei npr.
Freitag, 7. September 2012
Willkommene Konserve
Calexico
“Algiers”
“Algiers”
(City Slang)
Soll’s das wirklich schon gewesen sein mit dem Sommer? Man denkt sich’s jedes Jahr und meint immer, dieser wäre jetzt aber ein besonders kurzer und kühler gewesen – und muss sich danach jedes Mal von einem neumalklugen Meteorologen weißmachen lassen, dass doch das Wetter “im Jahresmittel” deutlich wärmer war als noch zwölf Monate zuvor. Jahresmittel, pahhh! Da kann man froh sein, dass es so mitfühlende Menschen wie Joey Burns und John Convertino gibt, die mit ihren Kollegen zusammen Platten verfertigen, die die Erinnerung an drückend heiße und staubtrockene Sonnentage konservieren können.
Calexico sind seit jeher Veredelungskünstler – was sollen sie auch machen, wo sie doch schon so früh ihre Berufung und ihren Stil gefunden haben. Und so ist auch ihr siebtes Album “Algiers” eine nicht mehr und nicht weniger als eine willkommene Variation der vorangegangenen Alben, Änderungen werden nur marginal geduldet und auch nur dann, wenn sie der Perfektionierung und der Verfeinerung dienen. “Algiers” hat wieder diese südländischen Sehnsuchtsheuler, “Puerto”, “No Te Vayas” und “The Vanishing Mind”, Mariachi satt, schmelzende Bläsergruppen, verträumtes Piano, dazu die großen Hymnen an die Liebe wie im fabelhaften “Para”, was braucht es mehr?
Dieses “mehr” gibt es dennoch, denn “Sinner In The Sea” klingt bei aller anfänglichen Vertrautheit auch etwas teuflisch, gespenstisch, erinnert gelegentlich an die wilden Tänze der Bad Seeds oder Crime & The City Solution. Auch zu Gast: die behutsam gerockten, teils akkustischen Springsteen-Balladen wie “Fortune Teller” und das zarte “Hush” oder die 70er-Reminiszenzen mit “Maybe On Monday”. Das Sextett aus Tucson hält mit diesen Ausflügen die Spannung und verweigert die plumpe Kopie. Welches Algiers dann mit dem Titel gemeint ist, ob das naheliegende afrikanische oder das amerikanische, ließe sich bestimmt ganz fix googeln, wichtig ist es nicht. Den Sommer hat’s in beiden, und als Hörer drückt man einfach nur auf “Repeat”. http://www.casadecalexico.com
Sommer in der Stadt:
14.09. Köln, E-Werk
23.09. Berlin, Huxley's
25.09. Hamburg, Große Freiheit
16.11. Leipzig, Werk 2
17.11. Rolling-Stone-Weekender
18.11. Wiesbaden, Schlachthof
29.11. München, Muffathalle
Willi oder Harry?
Am 2. November kommt das neue Album von Ulknudel Robbie Williams - in gewohnt bescheidener Optik und mit dem vielsagenden Titel "Take The Crown". Vor einigen Jahren wäre das eine Hammernachricht gewesen, nun muss der Meister sogar schon auf einem Hamburger Radiopreis-C-Prominenz-Event für sein Werk trommeln und buckeln gehen ("The times they are a changin"...). Die Tracklist hält so schöne Titel bereit wie "Loosers", "Shit On The Radio" oder "Not Like The Others" - die erste Single soll dann "Candy" heißen. Das dazu, nun muß der Junge nur noch zeigen, ob er die Krone auch wirklich verdient.
Donnerstag, 6. September 2012
Sonne Plus
Kein Album ohne Bonustrack - so gibt es auch zum grandiosen "Sun" von Cat Power einen zusätzlichen Song - standesgemäß heißt der natürlich "Fire". Zu finden ist er bei Quiet Room I Need You Now.
My Radio Days
Natürlich muß man sie erwähnen - den Zündfunk, EgoFM, RadioEins, FM4, M94.5 - alles Radiosender, die fern ab von der trostlosen Formatlandschaft auch heute noch ein anständiges, hörenwertes Programm hinbekommen. Sozialisation an der Funkwelle kannte zu Mauerzeiten und kurz danach aber andere Namen, die dann auf ihre Weise auch zum Urquell dieses Blogs geworden sind. Ein Grund mehr, sich kurz an sie zu erinnern:
Da gab es Mitte der Achtziger natürlich die wöchentlichen Charts von "Hey Music", einer Sendung auf dem (West)Berliner Kanal SFB 2, moderiert von Jürgen Jürgens. Werbejingles waren damals zum Glück noch Mangelware und so konnte nichts den geheiligten Sonntag Mittag stören - minutiös wurden Neueinstiege, Positionswechsel, Verweildauer notiert und danach sogar noch mittels Typenradmaschine fein säuberlich in Reinform gebracht. Ein Auszug vom August 1985? Bitte: 5. Two Of Us "Blue Night Shadow", 4. Sandra "Maria Magdalena", 3. Baltimora "Tarzan Boy", 2. Falco "Rock Me Amadeus", 1. Tina Turner "We Don't Need Another Hero", ach herrje...
Das Konkurrenzprodukt vom Nachbarsender, mindestens ebenso geliebt - die "Schlager der Woche" auf RIAS Berlin. Heilige zwei Stunden am Freitag Abend, am Mikrophon Lord Knud. Der Mann war das, was man gemeinhin als "Kultmoderator" bezeichnet - Ex-Bassist der Lords, wegen eines amputierten Beines an den Rollstuhl gefesselt und mit einem fabelhaft bissigen Humor gesegnet. Mußte wegen eines dummen Spruchs den Sender verlassen - Political Correctness also auch schon zu dieser Zeit en vogue.Dann wurde das eigene Land wach und der Sender DT64 geboren. Vom Staat geduldete Jugendwelle, halbwegs angepaßt, über die Jahre jedoch immer querköpfiger. Ganz wichtig: "Die Maxistunde" mit Lutz Bertram. Tanzmusik im ungekürzten Langformat, gesendet wurde nach sauber gepflegten Playlists sowohl ostdeutsches als auch westeuropäisches Kulturgut, alles an Daten und Fakten war tags darauf in der Zeitung "Junge Welt" zum Nachlesen abgedruckt. Hier gab's den Slavery-Whip-Mix von "Master & Servant" und die Zehnminuten-Version von Propagandas "Dr. Mabuse". Bertram war ohne Zweifel ein Auskenner, ruhig, sachlich, und auf diesem Sendeplatz bestens aufgehoben. Später wurde er als IM enttarnt und fand nie mehr zu alter Größe.
Gleicher Sender, deutlich später am Abend: Marion Brasch gab Einblicke in die Musikszene über'm großen Zaun. Das waren keine aneinandergereihten Liedsammlungen, hier wurden Lebensläufe, Textübersetzungen, Interviewdokumente und Liveaufnahmen zu höchst unterhaltsamen und informativen 90minütern verquickt. Einstürzende Neubauten, The Fall, Velvet Underground, Nick Cave - alles aufgesogen. Die Skripte zur Sendung wurden noch per Hand und Post verschickt - Hörerpflege der ostdeutschen Art. Marion Brasch hat im Übrigen ein gutes Buch geschrieben und sitzt heute bei RadioEins öfters abends am Mikrophon - "Live aus dem Admiralspalast".
Wendezeit, Orientierungszeit - das waren lange Heimfahrten von West nach Ost, stets begleitet von Elmar Hörig auf SWF3 und seiner "Elmis Radio Show". Nicht mehr ganz so speziell, aber dank der frechen Schnauze des Moderators ("Vorsicht - Stau auf der A8 wegen Gaffern.") dennoch hörenswert. Später wurde der SWF zum SWR vereinigt, nicht unbedingt zu seinem Vorteil, die Charts wühlten sich durch Mammutshows und Hörig machte den Knud und flog vom Sender wegen - genau: eines dummen Spruchs.
Kunst und Krempel
Heute wird ja so etwas gern als "Lyrics-Video" verkauft, die Idee, die dahinter steckt, ist allerdings schon eine Spur älter. Genaugenommen geht's damit zurück ins Jahr 1965, als Bob Dylan den "Subterranean Homesick Blues" schrieb und entsprechend bebilderte, heraus kam einer der ersten Videoclips der Neuzeit. Aufgenommen haben die Idee später auch Wir sind Helden, welche die Kulisse für ihren Song "Nur ein Wort" fast deckungsgleich nachbauten. Nun also die Berliner Freakshow Bonaparte - nicht mehr ganz so kunstvoll, dafür mit jeder Menge Spaß - der Song zum Film zum Album: "Sorry We're Open".
Zu früh gefreut
The Raveonettes “Observator”
(Beat Dies)
Das mag Einbildung sein, aber Veröffenlichungen der dänischen Raveonettes scheinen seit einiger Zeit einem bestimmten Muster zu folgen, welches die qualitativen Ausschläge gleichmäßig nach oben und nach unten verteilt: “Lust Lust Lust” – sehr gelungen, “In And Out Of Control” – eher belanglos, “Raven In The Grave” – wieder beachtlich, und nun, man ahnt es, ist es erneut etwas dünne geworden. Ein wenig könnte das auch an der Frequenz liegen, mit welcher das Duo neues Material an die Hörer bringt – Schauspieler, die zu oft auf dem Bildschirm oder der Leinwand erscheinen, hat man sich ja auch bald sattgesehen.
Leider verteilen also Sharin Foo und Sune Rose Wagner ihr unbestritten vorhandenes, kreatives Potential auf zu viele Tonträger (das gilt erst recht, wenn man die diversen EP mit hinzurechnet), bei “Observator” reicht es somit nur für ein gutes Drittel, der Rest dümpelt recht vorhersehbar und spannungsarm dahin. Ganze vier Songs am Stück können einem den Hörgenuß hier kräftig vergällen – “The Enemy” kommt allzu lieblich daher und läßt sich mit dem Titel so gar nicht verknüpfen, auch danach bleibt es beliebig – “Sinking With The Sun”, “She Ownes The Streets, “Downtown”, naja.
In guter Erinnerung bleibt hingegen das vorab veröffentlichte “Oberservations”, was für allerlei Hoffnung Anlaß gab – ein simples Piano, sphärisches Raunen aus dem Untergrund, ein sanfter Beat. Das Eröffnungsstück “Young And Cold” kann mit dem Charme der 60’s punkten, “You Hit Me (I’m Down)” mit einer bezirzenden Western-Gitarre. Doch auch wenn sie zum Schluß (“Till The End”) noch einmal das komplette Shoegazer-Programm bringen, endlich auch mal etwas forscher zur Sache gehen, das Album bleibt leider in der Summe eines der schwächeren. www.theraveonettes.com
Die Raveonettes live in Deutschland:
11.12. München, Atomic Café
12.12. Berlin, Bi Nuu
13.12. Köln, Gebäude 9
Die Raveonettes live in Deutschland:
11.12. München, Atomic Café
12.12. Berlin, Bi Nuu
13.12. Köln, Gebäude 9
14.12. Frankfurt, Zoom
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