Donnerstag, 16. Juni 2011

Kleiner Erziehungsberater 2.0



Wer als willfähriger Anhänger des Regisseurs Werner Herzog bisher daheim mit viel Stolz auf seine vollständige Arthouse-Collection aus “Aguirre…”, “Fitzcarraldo”, “Cobra Verde” oder “Bad Lieutenant” geschaut hat, der muß seinen Horizont in nächster Zeit um ein ungewöhnliches, gleichwohl aber reizvolles Produkt des Münchners erweitern. Wie die Süddeutsche Zeitung erfuhr, will Herzog das Buch des amerikanischen Bestsellerautors Adam Mansbach mit dem unzweideutigen Titel “Go the fuck to sleep” vertonen. Mansbach, international eher bekannt durch sein letztes Werk “The End Of The Jews”, ist selbst Vater einer Tochter und hatte aus lauter Wut über die endlosen Einschläferungszeremonien mit dem kleinwüchsigen Monster via Facebook spaßeshalber ein Buch zum Thema angekündigt – anschließend musste er dieses aufgrund der erstaunlichen Resonanz dann auch wirklich schreiben. Gekonnt füllt er schlichte Erbauungsverse mit kaum kinderfreiem Gedankenmaterial auf: “The eagles who soar through the sky are the rest / and the creatures who crawl, run and creep … I know you’re not thirsty. That’s bullshit. Stop lying / Lie the fuck down, my darling, and sleep.” (Streiflicht, SZ) Die deutsche Version soll im Übrigen “Verdammte Scheiße, schlaf ein!” heißen. Eltern wie wir fühlen sich verstanden, endlich. Leg los, Werner, die Welt braucht Dich mehr denn je!

Mapambulo Sax Tape


Ach, was soll man nur von der guten alten SPEX halten – zuerst hebt sie olle St. Bob auf den Titel und sucht – gähn! – den Protestsong des Jahres und dann ruft sie flugs den Summer of Sax aus, weil sie meint, von einer Renaissance des gebogenen Blasrohres gehört zu haben. Kann schon sein, dass das Blech im Allgemeinen und das Saxophon (rechtschreiblich vergewaltigt: Saxofon) im Besonderen wieder etwas näher in den Blickpunkt populärer Musik geraten sind. Möglich, dass gerade das oft als schwülstige Baggerwaffe verteufelte Saxophon seinen Schrecken verloren hat und gerade deshalb aus der Nische Jazz auf Freigang draußen ist – dass da neben Candy Dulfer, Curtis Stigers und Glenn Frey auch durchaus Hörenswertes herausgepustet werden kann, haben neben den erwähnten Planningtorock in neuerer Zeit erst die sagenhaften Foals bewiesen, die eine ganze Platte (Antidotes, 2008) mit der besagten Tröte veredelt haben. Und selbst wenn man als ausgewiesener Indieaner etwas länger die Gedanken kreisen lässt, fallen einem doch eine Hand voll teils altgedienter, mehr als passabler Songs mit jeder Menge Sax ein – voilá:

1. Anne Clark: „Our Darkness“
2. Madness „One Step Beyond“
3. The Cure „A Night Like This“
4. The Stooges „Fun House“
5. The Catch „25 Years“
6. David Bowie „Modern Love“
7. !!! „Steady As The Sidewalk Cracks“
8. The Killers „Can’t Stay“
9. ...

Dienstag, 14. Juni 2011

Sexy Pixel



Junior Boys „It’s All True“ (Domino)
Da sind sie also wieder, die „poppy“ twins aus Kanada und schon wieder haben sie so eine verflixte Platte dabei, bei deren Musik sich die Beine ganz von selbst verknoten und keiner so genau weiß, warum das eigentlich passiert. Schon der Vorgänger, „Begone Dull Care“ aus dem Jahr 2009, ließ sich schwer einordnen – indie, electropop, dance, ja was denn nun?

In jedem Falle „minimal“. Man muß sich nur anhören, wie die Jeremy Greenspan und Matt Didemus im Referenzstück „Kick The Can“ einzelne Töne neben- und übereinandersetzen, ohne ihnen die Luft zum Atmen zu nehmen; sie punktieren ihre Songs förmlich und schaffen so herrlich luftige, fast hüpfende, mal schneller vibrierende, dann wieder gemächlicher schwingende Konstrukte. Das alles ist so verteufelt funky, unglaublich lässig und irgendwie sexy. The Whitest Boy Alive haben Ähnliches auch schon geschafft, Zoot Woman in den besseren Momenten ebenfalls, und doch wirkten beide nicht ganz so federleicht wie das bärtige Duo.

Mit etwas wohlwollender Fantasie möchte man den Junior Boys auch eine Vorliebe für die Musik von Wham! unterstellen, wenn auch komplett ohne den schwülstigen Ballast, mit dem Michael und Ridgeley ihre Stücke teilweise sträflich zugekleistert haben. Aber dieses Softe, vorsichtig Ranschmeißerische kann einen schon kirre machen, gerade wenn es, wie beim Abschlußtrack „Banana Ripple“, auf satten neun Minuten Länge wippt.

Auch „The Reservoir“ wurde mit dieser Zauberformel gebastelt, vertonte Pixel, kleinste Nadelstiche – das klingt wie das Cover aussieht. Es freut im Übrigen auch den Freund des Gesamtkunstwerkens, dass man eine Band für Audio und Video gleichermaßen loben kann – geschmackvolle Typo, feines Foto (englischer Expo-Pavillon, Shanghai 2010) – da muss man lange suchen, um im Gagabusiness vergleichbar Ästhetisches zu finden. Die Junior Boys bespielen in Deutschland sommers im Übrigen eher die kleinen Clubs – da heißt es ranhalten, das wird vermutlich nicht mehr lang so übersichtlich bleiben. http://www.juniorboys.net/

06. Juli: Köln, Studio 672
08. Juli: Heidelberg, Karlstorbahnhof
15. Juli: Hamburg, Uebel & Gefährlich
16. Juli: Gräfenhainichen, MELT
02. August: München, Atomic Café

Schulte sein Schreibtisch - Teil 4



Jetzt also doch noch ein neues Gesicht - Patrick Funk (21) als Leihgabe vom VfB Stuttgart. Der Junge hat in seinem Lebenslauf schon eine beachtliche Bandbreite an Fußballerfahrung anzubieten, von 3. Liga bis Euroleague ist alles dabei, außerdem ist er ausgewiesener Träger der Fritz-Walter-Medaille - aber hallo! Wenn das mal keine Ansage für das Mittelfeld ist. Und auch mit dem Namen kann man zur großen Freude der schreibenden Zunft ja einiges anstellen - also "Funkloch", "Funkenflug", na, die MoPo wirds schon machen ...

Keine Angst



Das sind nicht die drei letzten Neuzugänge des Herzensklubs - auch wenn das den Gegener zu Spielbeginn schon mächtig irritieren könnte - sondern die Trikots für die neue Ober..., ähem Zweitligasaison. Nach den gleichermaßen vielgescholtenen und hochgelobten Wendedingens des letztjährigen Kurzgastspiels im Oberhaus sind das jetzt mal ziemlich schlichte, ja schmucklose Kreationen, die nicht nur augenscheinlich eine Plautze durch Längsstreifen ganz gut verschwinden lassen (naja, fast jedenfalls), sondern auch gleich von links (greislig) über mittig (geht so) nach rechts (sehenswert) geschmacklich vorsortiert sind. Einen Vergleich mit den doch recht öden Bayerntrikots jedenfalls müssen sie nicht scheuen.

Samstag, 11. Juni 2011

Verschlußsache Brechtanz



"Am heutigen Tage wurde der stellvertretende Vorsitzende der PGH 'Modische Frisur' Neubrandenburg, der Kollege Düsing, zum Problem der Pank- bzw. Poppfrisur befragt. Er erklärte, dass es sich hierbei um eine Modefrisur handelt, die gegenwärtig sehr im Kommen ist. Die Frisur trägt pankartige Züge. Wenn diese Frisur ästhetisch gut aussehen soll, so erfordert das schon ein hohes Maß an handwerklichem Können. ... Im engen Zusammenhang mit dieser Frisur steht der 'Brigg-Tanz' (Brechtanz)."
SZ vom Pfingstwochenende 2011, S. 15, Renate Meinhof, Zitat aus einer Stasi-Akte zum Thema Breakdance

Freitag, 10. Juni 2011

One piece of ... Crystal Fighters_Star Of Love



Track #1 „Solar System“ – Wer auf der höchsteigenen Hirnrinde unter der Rubrik „Spanische Tanzmusik“ noch eine gewisse Lucía Pérez – ja genau, die mit dem schlimmen Beitrag zum Grand Prix – abgespeichert hatte, darf das nun getrost überschreiben - die Crystal Fighters besingen das Sonnensystem und andere unwichtige Kleinigkeiten, dass eben genau diese Sonne im Herzen aufgeht.

Einfach mal die Klappe halten



Ungleich kämpferischer, auch hier mit den (diesmal eher subtilen) Mitteln der Bildsprache gibt sich da die Süddeutsche Zeitung am heutigen Freitag. Wenn man weiß, dass im seitenfüllenden Interview des Wirtschaftsressorts RWE-Chef Jürgen Großmann eher patzig und unbeholfen seine Kritik am fixen Atomausstieg der Bundesregierung zum Ausdruck bringt, kann man die Geste der jungen Frau auf der DWS-Anzeige unten rechts recht gut nachvollziehen. Hier gilt: Respekt dem Blattmacher.

Dünnemachen



Beim Blick auf die Titelseite der heutigen Ausgabe der WELT, seriöse kleine Schwester der Sudelpostille BILD, muss man sich schon fragen: Was haben sich die Blattmacher da wohl bei gedacht. Die WELT ist ja qua Herkunft schon seit Amtsantritt eher eine Art freundlich kommentierende Mitarbeiterzeitung des Kanzler(innen)amtes und tat sich als solche mit brachialer Kritik naturgemäß immer schwer. Nun jedoch ein "Augenthaler-Memorial"-Bild als schlafende (nicht ganz so) Schöne. Und daneben wird sie in den Kasten gepresst, als wolle man ihr eine Schlankheitskur via Layout empfehlen. Oder wagt die Springerpresse so den Einstieg in den Ausstieg und meint, die Merkel soll sich mal langsam dünnemachen?

Donnerstag, 9. Juni 2011

Beschwingte Trübsal



O’Death “Outside“ (City Slang)
Keine Frage, der bloße Blick auf das Cover der neuen O’Death ist furchteinflößend genug und hat man noch keinen Ton vom aktuellen Album gehört, so möchte man meinen, die Jungs aus Brooklyn hätten den Abdruck des Untertitels auf dem Booklet einfach vergessen der da heißen muß: „Lasst alle Hoffnung fahren!“ oder, in Anlehnung an den tatsächlichen Namen und Erinnerung an die Einstürzenden Neubauten besser „Draußen ist feindlich“.

All diese Befürchtungen erweisen sich jedoch zum großen Teil als unbegründet, obschon der Bruch zum vorangegangenen Album „Broken Hymns, Limbs And Skin“ mit seinen punkig-krachigen Songs schon ein deutlicher ist. Alles auf „Outside“ erscheint bewußt abgebremst, dem schnellen Geklöppel wurde lebewohl gesagt und nun ausnahmeslos einem düster-melancholischen Folkrock gehuldigt. Und natürlich gibt es mit dem knochenklappernden Gitarrengeheule von „Alamar“ oder dem knirschenden Klagegesang „The Lake Departed“ ganz am Ende Stücke auf der Platte, die einen das Fürchten lehren können und in der gruseligen Tradition der Bad Seeds gut aufgehoben sind.

Aber es hat eben auch die zart anmutenden Lieder wie „Black Dress“ im Programm, wo sich ein fernes Banjo dem Hörer vorsichtig nähert und Sänger Greg Jamie mit seinem unablässigen „Pray for me“ doch sehr zu Herzen geht. Oder das nachfolgende „Ourselves“, wieder mit fein gezupftem Leitmotiv ausgestattet und bezauberndem Tanzreigen als Zugabe. Diese mittelalterlich anmutenden Stimmungen kehren in vielen der Songs, ob dem getragenen „Look At The Sun“ oder dem leichteren „Back Of The Garden“ als Grundmotiv wieder und geben der Platte bei aller Traurigkeit und Trübsal doch auch immer etwas Beschwingtes und Leichtfüßiges mit auf den Weg. Nichts also, was einem Angst machen müßte.
http://www.odeath.net/

Betrifft: Jugendmode (SZ, 9. Juni 2011)



Nicht dass es einen noch groß wundern würde, wenn sich junge Menschen flach und verspannt auf Gebäudeteile oder diverse Einrichtungsgegenstände drappieren, Bilder davon in der öffentlichen Verwahranstalt Facebook posten und das Ganze als Sport oder gar Kunst mit dem putzigen Namen Planking bezeichnen. Neben weitaus lohnenderen, weil spannenderen Herausforderungen wie z.B. Crucifying, Burning oder Burying kommt ja vielleicht irgendwann – natürlich nur in äußerster Not – auch wieder eine mittlerweile sträflich unterschätzte Form der Freizeitgestaltung in Mode: Thinking.

Aussöhnung



Die wahre Dimension dieser kleinen Randnotiz von AFP können wohl nur japanische Teenager und die Eltern kleiner Gören (sprich: Mädchen) ermessen: Die Herstellerfirma der Kultfigur „Hello Kitty“ (wirklich: Sanrio, Japan) und der Schöpfer des Hasen Miffy (hier allerdings: Dick Bruna, Holland) haben offiziell ihren jahrelangen Rechtsstreit beigelegt und wollen nun die Kosten für das Verfahren den Erdbebenopfern von Fukushima zukommen lassen. Schon diese beispielhafte Einigung rührt natürlich das Herz, der Umstand allerdings, dass man nun bedenkenlos und ungestraft das debile Katzen- mit dem nicht minder debilen Hasengesicht am heranwachsenden Sprößling kombinieren kann, läßt einen laut jubilieren.

Mittwoch, 8. Juni 2011

DFW_US: 1072



Für Catherine: "Hal und Avril erörterten, ob nichtsdestotrotz ein echtes Wort sei."

Dienstag, 7. Juni 2011

Gefahrengut von vorgestern



Kitty, Daisy & Lewis „Smoking In Heaven“ (Sunday Best)
Emsige Konzerthopper, wieve Szenespezialisten und berufsmäßig Erstinformierte füllen mit ihrer Begeisterung für die drei Tollenträger schon seit knapp sechs Jahren die Speicherplätze von Webservern und die Seiten einschlägiger Musikmagazine, wer wie ich nicht zu diesen Gruppierungen gehört, den erreicht der Hype mit greisenhafter Geschwindigkeit halt erst ein paar Tage später. Was im Grunde genommen aber nicht weiter schlimm ist, weil die Musik der Geschwister Durham so vorgestrig wie zeitlos schön ist und einem jederzeit punktgenau einen Aufwärtshaken versetzen kann.

Natürlich hat sich Musik der Londoner seit ihrem ersten regulären und selbstbetitelten Album aus dem Jahr 2008 trotzdem ein Stück weit geändert. Waren die ersten Stücke noch sehr vom knisternden, handgemachten Probenkellercharme geprägt – erinnert sei vor allem an das grandiose „Honolulu Rock-a Roll-a“, das Banjofestival „Hillbilly Music“ und ein mehr als entspanntes „Swinging Hawaii“ – hat der Sound auf „Smoking In Heaven“ deutlich mehr Volumen und wirkt strenger und klarer arrangiert. Weniger Spielfreude ist trotzdem nicht zu hören, gleich „Tomorrow“ buttert ordentlich los, in die gleiche Kerbe haut später „Don’t Make A Fool Out Of Me“. Spätestens beim messerscharfen „I’m Going Back“ wird klar, dass auch diese Platte eigentlich von Gesetzes wegen mit einem grellgelben Warnhinweis „Vorsicht, leicht entflammbar und hochinfektiös!“ ausgestattet werden müßte.

Bisher eher ungewöhnlich: Es kann auch schon mal länger werden – der schmissige Stomp von „What Quid?“, misst siebeneinhalb, der Titelsong am Schluß sogar knappe neun Minuten, beide Instrumentals haben somit schon annähernde Livequalitäten; dazwischen als Neuzugang im Klangspektrum die lässige Ska-Nummer „I’m So Sorry“. Dieses Album und der Umstand, dass die drei bei ihren Live-Auftritten dem Vernehmen nach von Mum und Dad instrumental verstärkt werden, sollten reichen, allmählich den Hintern hochzubekommen und im Herbst einen der sechs Konzerttermine in Deutschland wahrzunehmen. Wer das nicht schafft, darf weiterschlafen.
http://www.kittydaisyandlewis.com/

16.09. Berlin — Huxleys
17.09. Hamburg — Grünspan
18.09. Köln — Essigfabrik
20.09. Darmstadt — Centralstation
21.09. Stuttgart — Longhorn LKA
24.09. München — Kesselhaus

Langeweile, verlängert



Depeche Mode „Remixes 2: 81-11“ (Mute)
Die Verdienste von Depeche Mode um die Remixkultur sind nicht nur an dieser Stelle schon zu Recht ausgiebig gewürdigt worden, Mitte der 80er waren sie zweifellos das, was man die Speerspitze der Bewegung nennt. Das waren die Zeiten, wo nicht der Name des jeweiligen DJs den größten Platz einnahm, sondern der Track selbst im Vordergrund stand, wo noch „maxi“ auf dem Vinyl stand und Begriffe wie Refix, Dub oder Vocal Edit eher selten zu hören waren. Der eingefleischte Fan brauchte auch keine zusätzliche Hilfe, um unter dem Label „Highland-“, „Slavery Whip-“, „Shizo-„ oder „Metal-Mix“ den passenden Song zu verorten – mit Efdemin, Darren Price, Mark Saunders oder Eric Prydz sollte ihm das heute deutlich schwerer fallen. Zur Genüge gehört und dennoch nicht falsch: Mit dem House ging‘s bergab, zu viele DJs erwiesen sich als die Totengräber der Remixkultur und Depeche Mode selbst gruben fleißig mit.

Das Maxi-Boxset gegen die Remixalben zu stellen ist deshalb mehr als ernüchternd: Hier zumeist kreative Ideen, die dem Song eine neue, überraschende Seite abgewinnen konnten, die ihn auseinandernahmen und auf verblüffende Weise wieder zusammensetzten – da die größtenteils einfallslose Verlängerung um ihrer selbst Willen, die bloße Aneinanderreihung von sattsam bekannten Versatzstücken. All das unterliegt dem Irrtum, dass ein überarbeitetes Stück grundsätzlich dem Diktat der Tanzbarkeit gehorchen muss, also mit einem ohrenbetäubenden und monotonen Wummern unterlegt gehört – an den Song an sich traut sich kaum jemand mehr heran, Tempovariationen, Stilbrüche, Fehlanzeige.

Auch die zweite Remix-Compilation der Engländer macht da leider keine Ausnahme. Die Deluxe-Version, unnötigerweise gestreckt auf drei CDs, versammelt auf den ersten beiden mehr oder weniger oft gehörtes Material mit weniger Licht und viel Schatten. Die Höhepunkte sind also schnell aufgezählt: Die Überarbeitung von „Suffer Well“ durch M83 gehört ebenso dazu wie die U.N.K.L.E.-Reconstruction von „John The Revelator“ – auch der SixToes-Remix der eigentlich recht schwachen SOTU-Nummer „Peace“ gefällt nach wie vor in seiner orchestralen Variation. Trentemollers „Wrong“ kann als gutes Beispiel für gefälligen Dancepop herhalten, „Fragile Tension“ von Peter, Bjorn & John beweist, dass Kürze einer guten Idee nicht im Wege stehen muss, Monolake’s „The Darkest Star“ refragmentiert das Original gekonnt. Eine Wohltat ist, trotz aller abgedrehten Loops, das älteste Stück (1985) der Sammlung – der „Death Mix“ von „Fly On The Windscreen“ gilt nicht zu Unrecht selbst schon fast als Klassiker. Als letztes auf der Habenseite dann natürlich die feine, komplett entschleunigte TripHop-Adaption der Zwischensingle „Only When I Loose Myself“ von Dan The Automator – der Japaner Nakamura bringt fette Beats und zartes Piano stilsicher in knappen fünf Minuten unter.

Die dritte Plastikscheibe bleibt aktuellen Bearbeitungen vorbehalten und enttäuscht, man muss es leider sagen, fast auf der ganzen Linie. Prydz‘ „Never Let Me Down Again“ funktioniert vielleicht früh um drei zugedröhnt unter der Spiegelkugel, auch Band-Ex Vince Clarke bekommt nicht mehr als eine spannungsarme Diskonummer aus „Behind The Wheel“ zustande. „Leave In Silence“ von Claro Intelecto ist mehr als ärgerlich, die Originalspur läuft ohne Anknüpfungspunkte unter dem Soundbrei davon, Alan Wilder wiederum enttäuscht beim widerborstigen „In Chains“ in seiner Rolle als lang ersehnter Heilsbringer und beim arg verkitschten „When The Body Speaks“ (Karlsson & Winberg) erwartet man, dass im nächsten Moment Ponyhofbarbie um die Ecke gesprungen kommt. Röyksopp geben sich für „Puppets“ wenigstens alle Mühe, dem Song etwas Neues und Ungehörtes abzuringen, das schaffen Karlsson & Winberg mit ihrem zweiten Versuch „Tora! Tora! Tora!“ dann auch – völlig verrückt und deshalb charmant. Ganz und gar lässig ist dann gegen Ende der „Medway-Smith-Remix“ von „Personal Jesus“ geraten, da wird es plötzlich ganz sonnig und der Soulboy schiggert mit breitem Lächeln vorbei. Nur ein schwacher Trost allerdings für ein überwiegend fades Album – nicht unbedingt für die Tonne, aber beileibe auch nichts für den Altar.
http://www.depechemode.de/

Montag, 6. Juni 2011

Tipper goes download



Der lustige Aufkleber, den – grob verkürzt – die Ex von Friedensnobelpreisträger Al Gore seit 1985 in den USA auf Platten mit allzudeutlichem Textinhalt pappen läßt, geht nunmehr einen weiteren Schritt und wird in dieser oder ähnlicher Form bald auch den legalen Downloadkunden entzücken. Nach anfänglichem Entsetzen hat sich das schwarz-weiße Ding ja schnell zu einem unbedingten Kaufargument gemausert; schwer vorstellbar, dass heute irgendein amerikanischer Rapper, der schwer auf Credibility und Authetizität zählt, ein Album ohne diesen Hinweis verkaufen kann, wenn er nicht zeitlebens als weichgespülter Chorknabe verunglimpft werden will. Ganz so klar ist trotzdem nicht, was das Label denen bringen soll, die ohnehin schon ge“beep“te Videos auf YouTube und „clean versions“ von iTunes gewöhnt sind ...

Freitag, 3. Juni 2011

It's not over until the fat lady sings



Natürlich sind die Feierlichkeiten zu Dylans 70stem nicht hinreichend abgeschlossen, bis nicht Rotznase Liam Gallagher seinen Senf zur Sause dazugegeben hat. Zugegeben, all die Coverstories gingen einem in letzter Zeit mächtig auf den Zeiger und werden auch dem alten Mann ganz und gar dusselig vorgekommen sein - muß man es deshalb so hart formulieren?

"I know all about him and that, but he’s a bit of a miserable cunt as far as I’m concerned. I like that tune he did 'Lay Lady Lay'. People go nuts for him, but he doesn’t really do it for me. ... All those fuckers playing their greatest hits are shitbags." (NME)

Ganz klar - er muß.

Donnerstag, 2. Juni 2011

DFW_US: 994 ff.



Depression: "... manche Leute also wissen, dass es mehr als nur eine Sorte der sogenannten Depression gibt. Eine Sorte ist schwach ausgeprägt und wird manchmal Anhedonie oder einfache Melancholie genannt. Dabei handelt es sich um eine Art geistige Erstarrung, in der man die Fähigkeit zu freudvollem Erleben oder zur Bindung an Gegenstände verliert, die einem früher etwas bedeuteten. ...
Dass die stumpfsinnige Anhedonie nur ein Pilotfisch an der Ventralflanke des wahren Raubtiers ist, des Großen Weißen Hais der Qual. Fachleute nennen diesen Zustand klinische Depression, Involutionsdepression oder unipolare Dysphorie. ...
Es ist ein Ausmaß an psychischem Schmerz, das mit dem uns bekannten menschlichen Leben schlechthin unvereinbar ist. Es ist ein Gefühl des radikalen und kompromisslosen Bösen, nicht nur ein Charakteristikum, sondern die Essenz der bewußten Existenz. Es ist ein Gefühl der Vergiftung, die das Selbst auf seinen fundamentalsten Ebenen durchzieht. Es ist ein Ekel der Zellen und der Seele. Es ist eine unabgestumpfte Intuition, in der die Welt voll und reich ist, belebt, keine bloße Karte und gleichzeitig qualvoll, bösartig und feindselig gegenüber dem Selbst, das Es zuwogt, in Seine schwarzen Falten hüllt, absorbiert und um das Es gerinnt, so dass eine fast mystische Einheit mit einer Welt erlangt wird, in der jeder einzelne Bestandteil auf qualvolles Unheil für das Selbst hinausläuft."

Suizid: "Der sogenannte psychotisch Depressive, der an Suizid denkt, tut dies nicht aus Zitat 'Hoffnungslosigkeit' oder der abstrakten Überlegung heraus, dass sich Soll und Haben des Lebens nicht ausgleichen. Und schon gar nicht weil der Tod plötzlich reizvoll erscheint."

Mittwoch, 1. Juni 2011

Westerwelle revisited



Gedanklich ist man schnell bei Kubricks "Clockwork Orange" oder den Clips von Romain Gavras (Justice/Stress, M.I.A./Born Free), die Spex beschwört dafür die spätrömische Dekadenz - wie auch immer: Das Video zur Kollaboration von Nick Cave und James Lavelle aka. U.N.K.L.E. "Money And Run" von Tom Haines (auch Paul Smith, Tunng) ist allemal ziemlich verstörend und läßt die Begleitmusik recht schnell in den Hintergrund treten - wer will: hier.

Anrufung



Am Freitag, den 3. Juni, könnten wir, wenn wir denn wollten, den Namenstag des Heiligen Kevin feiern. Doch, doch, den gibt es, und wer diesen Namen bisher eher für eine Diagnose gehalten hat, dem sei gesagt, dass Kevin von Glendalough, geboren um 498 bei Dublin, in Irland eine echt große Nummer ist - hierzulande bringt man ihn ja eher mit nervigen Filmwiederholungen oder neuerdings mit Borussia Dortmund (Großkreutz klingt irgendwie auch ziemlich katholisch, oder?) in Verbindung.

Der Heilige Kevin also gilt in Irland wie sonst nur Franz von Assisi als Schutzpatron der Tiere, er hat sich dem Vernehmen nach unter ihnen wohler gefühlt als bei den Menschen. Somit fallen die Singvögel auch in seinen Zuständigkeitsbereich und man möchte ihn an diesem Freitag dringend anrufen, einen doch mit weiterem Material von Chris Martin und seiner Combo Coldplay zu verschonen. Die werden nämlich an des Hl. Kevins Namenstag ihre neue Single "Every Teardrop Is A Waterfall" (ach Gottchen!) veröffentlichen und es steht zu befürchten, dass dem Machwerk auch noch ein Album folgen wird. Empfohlener Titel: "Sorge Dich nicht, singe!"

Unpassenderweise haben Coldplay auch schon die Lyrics zum Song auf ihrer Website dokumentiert und man darf konstatieren, dass alle Angst wirklich berechtigt ist:

"Maybe I'm in the black, maybe I'm on my knees
Maybe I'm in the gap between two trapazes
But my heart is beating and my pulses start
Cathedrals in my heart

And we saw on this light I swear you, emerge blinking into
to tell me it's allright
as we soar walls, every siren is a symphony
and every tear is a waterfall
oh
is a waterfall
oh oh oh..."

Pitchfork vermerkt dazu angenehm nüchtern: "If there's one band that shouldn't be releasing lyrics before people hear the actual music, it's probably Coldplay." Word.