Samstag, 30. September 2017

Protomartyr: Die Wut der Musterschüler

Protomartyr
„Relatives In Descent“

(Domino Records)

Ursprünglich war der Post-Punk ja mal angetreten, dem zunehmend schablonenhaften und uniformierten Punkrock, der fast zum modischen Accessoire verkommen war, die musikalischen Scheuklappen wegzureißen und ihn gleichzeitig wieder zu politisieren. Nun, betrachtet man sich die aktuellen Nachkommen des Subgenres, dann hat das musikalisch noch immer ganz gut geklappt, nur mit der Politik haben die meisten Bands nicht sonderlich viel am Hut. Insofern dürfen Protomartyr aus Detroit quasi als Musterschüler gelten. Denn stilistisch sind sie mit ihrem wandlungsfähigen Sound aus Noise, Garage, Punk und Anklängen beim Gothrock so breit wie kaum eine andere Band aufgestellt und zählen deshalb zu den interessantesten Vertretern der aktuellen Szene. Und auch mit ihrer politischen Meinung halten sie nicht hinterm Berg und grenzen sich damit deutlich vom verinnerlichten Wavepop und schwarzgewandeten Posertum vieler ihrer Nischenmitbewohner ab.

Es ist das vierte Album, das Joe Casey zusammen mit seinen drei Kollegen eingespielt hat und waren schon „Under The Colour Of Official Right“ und „The Agent Intellect“ überaus gelungene Platten, so setzen sie mit „Relatives In Descent“ noch einen drauf. Druckvoll, variabel, durchaus überraschend und mit klar verständlicher Message. Nach Hinweisen auf Wut und Enttäuschung muß man in den Stücken wahrlich nicht lange suchen, mehr oder weniger direkt geißelt Casey die gesellschaftliche Entwicklung seines Landes unter dem neuen Präsidenten, besonders die Art der Willens- und Meinungsbildung beunruhigt ihn, der fahrlässige Umgang mit Fakten und Wahrheiten ist sein Thema: “I used to think that truth was something that existed, that there were certain shared truths, like beauty,” sagte er kürzlich in einem Interview, “Now that’s being eroded. People have never been more skeptical, and there’s no shared reality. Maybe there never was.”



Die düster knirschenden Songs geben eine perfekte Kulisse ab für seine Klage über den Ausverkauf von Kultur und Wissenschaft, über die Verrohung des Umgangs miteinander und nicht zuletzt das Wiedererstarken weißer, männlicher Allmachtsfantasien. In “Male Plague” wird der Dummheit der Machos ein wilder, trotziger Marsch geblasen (“Everybody knows it, needs it, wants it, everybody knows it's gonna kill you some day”), “Up The Tower” leistet sich ein paar der wenigen Synthie-Einschübe, der wütende Imperativ des Textes als Fiktion über die Arroganz der Macht (“Knock it down! Throw him out”) endet in ohrenbetäubendem Gitarrenlärm. Die Einflüsse, die Casey für die Lyrics reklamiert, reichen vom Songwriting eines Ben Wallers über den irischen Schriftsteller Máirtín Ó Cadhain bis hin zu “Anatomie der Melancholie”, einem Werk des geistlichen Philosophen Robert Burton aus dem 17. Jahrhundert.

Die Spannweite von Inhalt und Form ist also groß, das Repertoire entsprechend: Der harte, schnelle und kantige Punkrock (“Male Plague”) gehört ebenso dazu wie die dunkel schimmernden, getragenen Melodien – “Night Blooming Cereus” gelingt der Band in erstaunlicher, trauriger Anmut (“In my own head, near the hole where hope drains out, and fear is branded deep amid the death of all things. Not under law or the thoughts I had before, only in darkness does the flower take hold, it blooms at night”). Am schönsten vereinen Protomartyr ihre vielen Talente in “The Chuckler”, die Welt geht den Bach runter und ist nicht mehr als ein schlechter Witz: “War, and rumors of war, clouds of poison in the sky and poison in the soil. Lord, how I wish there was a better ending to this joke. … I guess I'll keep on chuckling 'til there's no more breath in my lungs and it really doesn't matter at all, ha ha!” Es ist ein bitteres Lachen, das Caseys Alter Ego hier in den Sarkasmus flüchten läßt, nicht nur für ihn oftmals der einzige Weg, klarzukommen da draußen. Das Album, auch das ist fakt, kann ein übriges dazu tun. http://home.protomartyrband.com/

06.11.  Berlin, Bi Nuu (w/ Metz)
08.11.  Hamburg, Knust (w/ Metz)

Freitag, 29. September 2017

The Limiñanas vs. Anton Newcombe: Freundschaftsdienst

So kann das klingen, wenn man die richtigen Freunde hat: Das französische Psychrock-Duo The Limiñanas wird am 17. November eine neue EP mit dem Titel "Istanbul Is Sleepy" veröffentlichen und hat sich dafür namhafte Unterstützung geholt - kein Geringerer als Anton Newcombe, Kopf der legendären The Brian Jonestown Massacre, spielte die 12" in seinem Berliner Studio mit Lionel und Maria ein, das Video zum vorliegenden Titelsong hat Jean Luc Moly gedreht. Für das kommende Jahr ist das Folgealbum zu "Malamore" (2016) geplant, bis dahin läßt es sich sicher mit dem Kurzformat gut pausieren.

Zugezogen Maskulin: Weiter wütend [Update]

Es bleibt also dabei: Sie wollen nicht bequemer werden. Was ja auch Sinn macht. In zwei Wochen werden im deutschen Parlament nach Jahrzehnten wieder Nazis Platz nehmen und das ist ganz gewiss kein Grund zur Freude, sondern im Gegenteil Anlass genug, weiter laut und wütend zu bleiben. Zugezogen Maskulin haben da mit ihrer letzten Platte "Alles brennt" 2015 bestens mit angefangen, nun wird am 10. September das neue Album "Alle gegen alle" bei Four Music erscheinen. Schon die erste Single "Was für eine Zeit" ließ vor Wochen keine Zweifel an ihrer Absicht, auch weiter zu konfrontieren und zu irritieren und auch der neue Song "Uwe und Heiko", eine nur allzu wahre und alltägliche Provinzgeschichte vom Gift in unseren Köpfen, hat (diesmal von Lennart Brede) eine Optik bekommen, die einen wie ein kaltes, nasses Handtuch erwischt und Assoziationen heraufbeschwört, die man besser nicht gehabt hätte. Zu spät - wir müssen es verschmerzen. Gut so.

Update: Und so sieht sie aus, die Tour für alle...

10.01.  Leipzig, Werk 2
11.01.  Rostock, Peter-Weiss-Haus
12.01.  Bremen, Tower
13.01.  Münster, Skaters Palace
15.01.  Köln, Bahnhof Ehrenfeld
16.01.  Frankfurt, Zoom
17.01.  München, Strom
18.01.  Würzburg, B-Hof
20.01.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
22.01.  Hannover, Musikzentrum
23.01.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
24.01.  Kiel, Orange Club
25.02.  Bochum, Bahnhof Langendreer
27.02.  Stuttgart, Im Wizemann
28.02.  Heidelberg, Karlstorbahnhof
01.03.  Erlangen, E-Werk
02.03.  Salzburg, Rockhousebar
03.03.  Wien, Grelle Forelle
06.03.  Reutlingen, Indi(e)stiction
07.03.  Karlsruhe, Substage

Ghostpoet: Black Bowie [Update]

Vielleicht ist die Bezeichnung Black Bowie nicht ganz seine Kragenweite, dennoch kommt die Musik von Obaro Ejimiwe aka. Ghostpoet dem Thin White Duke wirklich sehr nah. Sein letztes Album "Shedding Skin" ist ja 2015 nicht nur in höchsten Tönen besprochen, sondern auch für den Mercury Prize nominiert worden und mußte sich dann Benjamin Clementine beugen - es könnte gut sein, daß mit der nun vierten Platte ein weiterer Anlauf gelingt. Für den 18. August nämlich hat der Künstler mit nigerianischen Wurzeln "Dark Days And Canapés" angekündigt und nach den beiden Vorabsingles "Trouble + Me" und dem wunderbaren "Immigrant Boogie" kommt nun mit "Freakshow" ein weiterer toller Song daher, das Video dazu stammt von Zhang + Knight.

Update: Am Freitag erscheint das neue Album, hier noch schnell ein weiterer Track davon - "Dopamine If I Do" und ein paar Livedates für das kommende Jahr.

05.02.  Heidelberg, Karlstorbahnhof
06.02.  Köln, Gloria Theater
07.02.  Hamburg, Mojo Club
08.02.  Berlin, Berghain
21.02.  Wien, Flex
01.03.  München, Feierwerk
02.03.  Zürich, Stall 6
03.03.  Dudingen, Cafe Bad Bonn





Mittwoch, 27. September 2017

Bully: Weiterfühlen [Update]

Natürlich ist das ein Stück weit wie Heimkommen: In den letzten Tagen wurde bekannt, daß die Grungekapelle Bully aus Nashville beim Label Sub Pop unterschrieben hat, dem Plattenladen aus Seattle also, wo sie alle waren - die Smashing Pumpkins, Sonic Youth, Nirvana, Mudhoney, Soundgarden. Dem Sound nach ist das nur folgerichtig, das Debüt von Alicia Bognanno und Kollegen, 2015 unter dem Titel "Feels Like" erschienen, läßt sich mühelos in die benannte Reihe einordnen. Das soll auch beim nächsten Wurf nicht anders werden, "Losing" ist mit zwölf neuen Songs für den 20. Oktober geplant und die erste Single "Feel The Same" klingt durchaus vielversprechend.

Update: Da hat sich was angesammelt - zunächst einmal "Running" und gerade noch neu hereingekommen "Kills To Be Resistant".





Leyya: Coolinaria

Wenn es um klug gemachte Popmusik geht, die nicht nach dem Prinzip "hier rein, da raus" funktioniert, dann kommt die Rede schnell auch auf das Wiener Duo Leyya. Schon mit ihrem Debütalbum "Spanish Disco" (2013) und den Singles "Butter" und "Superego" zeigten Marco Kleebauer und Sophie Lindinger, daß künstlerischer Anspruch und geschmeidiger Sound sehr wohl zueinander passen können. Im April diesen Jahres ist ihre neue Single "Zoo" erschienen, nun kommt mit "Oh Wow" einen zweite Auskopplung aus der für den Januar 2018 geplanten Platte "Sauna" daher. Das Video zum Song hat Marie Therese Hildenbrandt gedreht, die unverwechselbare Lässigkeit ist geblieben.

11.10.  Luzern, Schüür
12.10.  Basel, Parterre
13.10.  Bern, Dachstock
14.10.  Zürich, Exil
18.10.  Wien, WUK
19.10.  Krems, Kino Kesselhaus
26.10.  Graz, Orpheum
27.10.  München, Manic Street Parade
28.10.  Nürnberg, nürnberg.pop
29.10.  Frankfurt, Ponyhof
30.10.  Berlin, Berghain Kantine



Dienstag, 26. September 2017

Wild Beasts: Abschiedsgeschenk

Manchmal ist das schon verwirrend: Da verkündigen die Wild Beasts, fabelhafte Synthpop-Truppe aus dem englischen Kendal, soeben ihre Auflösung stürzen damit ihre Fans in eine kleine Depression. Die deutsche Wikipediaseite weigert sich, das Faktische anzuerkennen und vermerkt erst mal gar nichts, die englische wiederum verlegt das Ende der Band gleich mal ins nächste Jahr, als ob sie den Trennungsschmerz so noch etwas hinauszögern könnte. Das Label Domino wiederum gibt sich trotzig und veröffentlicht knapp ein Jahr nach dem letzten Album "Boy King" am 20. Oktober eine neue EP mit den drei bislang unbekannten oder raren Stücken "Punk Drunk And Trembling", "Maze" und "Last Night All My Dreams Came True".

Charlotte Gainsbourg: Die Ruhelose [Update]

Ob nun Rare Tracks, Kollaboration oder Soundtrack - auch wenn Charlotte Gainsbourg weg war, war sie das - zumindest musikalisch - nie so richtig. Aber strenggenommen gab es auch seit ihrer Platte "IRM" aus dem Jahr 2009 kein wirkliches Studioalbum mehr zu hören. "Stage Whisper" hielt 2012 allerlei Seltenes und live aufgeführtes bereit, für "Nymphomaniac", den Film von Lars von Trier, für den sie vor der Kamera stand, lieferte sie auch noch die passende Musik und die Herren Beck Hansen und Emile Haynie durften ihre Werke mit dem Namne der Französin schmücken. Nun aber doch etwas durch und durch Eigenes - "Rest" soll es heißen und am 17. November erscheinen und wie man hört, sind auch Paul McCartney und Owen Pallett mit von der Partie, den Titelsong hat übrigens Guy-Manuel de Homem-Christo, eine Hälfe von Daft Punk, mit ihr eingespielt (das Video dazu gibt es vorerst exklusiv bei Apple).

Update: Ein weiterer Song, ein neues Video - "Deadly Valentine" ist eine Art alternder Bilderreigen und in diesem treffen sich auch Gainsbourg selbst und Dev Hynes alias Blood Orange zum Tanz.



Montag, 25. September 2017

Cold Cave: Begleiterscheinung

Das ist dann wieder eine schöne Überraschung: Zugegeben, das neue Album der wiedervereinigten Gebrüder Reid hat jetzt nicht so die euphorischen Jubelstürme ausgelöst, dafür war die Fallhöhe für  The Jesus And Mary Chain einfach zu hoch. Daß die Herren aber jetzt auf Tour gehen, ist ein netter Zug. Noch netter, daß die deutschen Termine von Wesley Eisold aka. Cold Cave supportet werden, dem Kühlmeister der Synthpop. Und Eisold hat auch gleich noch einen neuen Song im Gepäck - hier dann "Glory" samt Videoclip.

12.10.  Berlin, Astra Kulturhaus
14.10.  Wien, Ottakringer Brauerei
15.10.  München, Theaterfabrik

Screaming Females: Lust auf mehr

Neues gibt es auch von den Screaming Females, dem Punkrock-Trio aus New Jersey also, die zuletzt im Jahr 2015 mit ihrem Album "Rose Mountain" für Aufmerksamkeit sorgten. Nun vorerst ein neuer Song, "Black Moon" - ob und wann Marissa Paternoster und Freunde dem ganzen ein neues Album folgen lassen, ist noch nicht bekannt.

Belle And Sebastian: Neue Töne [Update]

Ganz unverhofft kommt heute ein neuer Song von Belle And Sebastian daher: "We Were Beautiful" klingt noch dazu überraschend elektrisch, die programmierten Drumbeats ploppen zu jubilierenden Trompeten und dem zarten Gesang von Stuart Murdoch - bleibt also alles anders? Ein Album ist zu dem Stück noch nicht benannt, wir können den Nachfolger zu "Girls In Peacetime Want To Dance" (2015) ab heute jedenfalls kaum erwarten.

Update: Ganz neu - das Video zur aktuellen Single und tadah, Livetermine für's neue Jahr! Start VVK ist Freitag, 29.09. um 10:00 Uhr.

12.02.  Zürich, X-Tras Limmathaus
16.02.  München, Muffathalle
17.02.  Berlin, Admiralspalast
18.02.  Frankfurt, Batschkapp

Freitag, 22. September 2017

Fazerdaze: Für die Erinnerung

Zu den angenehmen Erinnerungen dieses Sommers (er war natürlich zu kurz, aber das sind sie alle) muß man unbedingt auch Amelia Murray aka. Fazerdaze und ihr Debütalbum "Morningside" zählen. Die Neuseeländerin hat mit ihrem Dreampop eine Grundentspannung heraufbeschworen, die man, kaum kommen einem ein paar Takte davon in Erinnerung, noch immer zu spüren meint. So zum Beispiel beim Song "Bedroom Talks", für den nun ein Video nachgereicht wurde - aufgenommen mit einem Smartphone von Mark Perkins am New Yorker Times Square.

23.09. Hamburg, Reeperbahn Festival (MS Claudia)
29.09.  Dortmund, Way Back When Festival (FZW Club)

METZ vs. VISIONIST: Blick in die Hölle

Okay, das ist jetzt eher was für Menschen, die es schräg und laut mögen, aber warum nicht vor dem Sonntagabend noch mal was in der Art versuchen - am Montag sieht die Welt hierzulande ohnehin ganz anders aus. Und das meint nicht: besser. Also, die kanadische Noiserock-Kapelle METZ hat gerade nicht nur ihr neues Album "Strange Peace", sondern auch einen Clip zur Single "Cellophane" veröffentlicht, Regie Shayne Ehman. Ebenfalls optisch greifbar ist seit heute die erste Single des Londoner Künstlers VISIONIST, der am 20. Oktober via Big Dada seine neue Platte "Value" herausbringt und dem Teri Varhol für den Track "No Idols" ein nicht minder beklemmendes Video gedreht hat. Beide auf ihre Weise ein Blick in die Hölle, hier von dröhnenden Gitarren, da von brachialen Synth-Akkorden begleitet. Am besten, man drückt bei beiden zugleich den Play-Button, wer mag, kann ja auch noch den Ton auf Anschlag stellen - it works.



Donnerstag, 21. September 2017

LIFE: Dabeisein ist alles

Kann gut sein, daß der Ehrliche hier nicht der Dumme, sondern der Schnelle mal der Kluge ist: Über die britische Band LIFE und ihr Debütalbum "Popular Music" haben wir an dieser Stelle schon berichtet und drei der neuen Songs vorgestellt. Nun gibt es nicht nur ein neues Video zum Track "Sugar God", sondern auch den dringlichen Tipp, sich doch dieser Tage in Hamburg mal auf dem ohnehin empfehlenswerten Reeperbahn-Festival blicken zu lassen, denn dort werden LIFE live zu hören und zu sehen sein. Und wenn die groß werden (was man ja per se jeder derart gehypten britischen Band unterstellt), dann ist man wenigstens schon mal dabei gewesen.

Ceiling Demons: Bleizeitalter

Ceiling Demons
„Nil“

(Win Big Records)

Die Misere der neueren englischen Separationspolitik, die ja selbst die eiserne Regentschaft einer Margaret Thatcher noch in den Schatten zu stellen vermag, ist allgemein bekannt, man hört von ihr im Großen wie im Kleinen. Da hilft es offenbar auch nicht, daß man sich als beschauliches und verschlafenes Städtchen im Norden Englands damit brüsten kann, direkt am einigermaßen berühmten Coast to Coast Walk, einem Wanderweg von der englischen West- zur Ostküste, zu liegen. Das Gift wirkt überall und wie das dann klingt, kann man ganz gut bei den Ceiling Demons hören. Denn Psy Ceiling, Dan und Beat Demon stammen aus Richmond in der Grafschaft North Yorkshire und wenn man jetzt noch weiß, daß der Ort vor Jahrhunderten vor allem durch den Abbau von Bleierz zu wirtschaftlicher Bedeutung gelangte, dann hat man schon die zweite Brücke gebaut – denn Blei ist genau das, was einem zum Sound des Rap-Trios einfällt. Die Beats auf den bisherigen Veröffentlichungen, das aktuelle Album mit eingeschlossen, sind nämlich so schwer und träge, daß man unweigerlich an den Trip-Hop des Entschleunigungs-Meisters Tricky denken muß.

Passenderweise nehmen die drei in einem ihrer neuen Tracks „Capture Karma“ sogar direkten Bezug zum Downbeat aus Bristol, im Chorus taucht das Wort „Karmakoma“ auf, der Name eines Songs also, den Tricky zusammen mit Massive Attack 1995 aufgenommen hatte. Und auch der Rest des Albums kommt sehr düster, fast schon apokalyptisch daher. Die Rhymes wirken angespannt, drängend, darunter flackern und pochen die Loops – alles eher LoFi, also sehr reduziert und, auch eher untypisch, ab und an mit klassischen Instrumenten angereichert. Wenn zu den schleppenden Beats dann auch noch, wie bei „The Dark Mountain“ oder im Schlußstück „Elegy Of Nil“, getragene Chöre hinzugemischt werden, ist man fast versucht, das Genre (wenn’s nicht gar zu albern klänge) auf Goth-Hop umzuschreiben. Der Eindruck ist jedenfalls sehr intensiv und der Demo-Charakter, das Rauschen, Atmen, Knistern der Aufnahmen also, verstärkt das unangenehme Gefühl, mit welchem die Stücke der Demons schwingen, um so mehr. Daß die Jungs schon für die Sleaford Mods, die Young Fathers, Buck 65 oder De La Soul eröffnet haben, erscheint da fast zwangsläufig, es wird Zeit, daß Richmond bald ein neues Bleizeitalter ausruft.

Mittwoch, 20. September 2017

Mogwai: Mildere Umstände

Mogwai
„Every Country’s Sun“

(Rock Action Records)

Jede andere Band, zumal eine aus dem rauen Schottland, würde demjenigen, der behauptet, sie würde ja eigentlich seit Jahrzehnten nichts anderes als Hintergrundmusik machen, ziemlich derbe eins auf die Nuß geben. Und zwar mit einigem Recht. Nun reden wir aber nicht von jeder anderen Band, sondern von Mogwai, den Säulenheiligen des Post-Rock aus Glasgow. Und die wiederum hätten wohl nichts dagegen, wenn man ihre über zwanzigjährige Karriere mit dem Stichwort Assoziationsmusik überschreibt, denn einer der Gründe, warum Stuart Braithwaite, Barry Burns und Kollegen das machen, was sie machen (und das eben hauptsächlich und im buchstäblichen Sinne ohne viele Worte), ist, daß sie die Phantasie ihrer Zuhörer auf das Höchste respektieren und schätzen. Und sie deshalb ihre Stücke nicht mit einer bestimmten Bedeutung aufladen wollen. Vor ein paar Wochen haben die Herren dem Musikmagazin laut.de eines ihrer unterhaltsamen Interviews gegeben und dort zunächst festgestellt, daß der Name des aktuellen Albums trotz der gesellschaftskritischen Intention doch ziemlich albern klingt und desweiteren deutlich gemacht, warum sie eine weitere Politisierung ihrer Musik für unnötig halten: „Ich glaube, die Welt wird kein besserer Ort, nur wegen des Titels eines bestimmten Mogwai-Songs“, so Braithwaite und weiter „Ich schätze, viele unserer Hörer haben absolut gegensätzliche, weniger sozialistische Meinungen als wir, und das ist doch auch okay.“



In unserem Falle heißt das: Elf neue Stücke, nicht übermäßig lang, eher gediegen als überraschend, anfangs etwas elektronischer, gegen Ende dominiert der sorgsam geschichtete Gitarrenkrach. Produziert hat erstmals seit fünfzehn Jahren wieder Dave Fridmann, der schon „Rock Action“ in den Fingern hatte und – ebenfalls eine Premiere – abgesehen von „Atomic“ ist „Every Country’s Sun“ das erste Studioalbum ohne Gründungsmitglied John Cummings. Es gibt auf der neuen Platte anderthalb Stücken, die auch von Gesang begleitet werden – „Party In The Dark“ ist ein vergleichsweise eingängiger, fast konventioneller Rocksong als dystopisches Warpaint. Die bestimmenden Nummern allerdings werden wohl zwei andere sein, einerseits das so dramatische wie anmutige „Coolverine“ und zum anderen das hohl pochende „Don’t Believe The Fife“, das sich im Laufe der sechs Minuten zu einem sphärischen Breitwandepos steigert. Gemessen am früheren Output ist „Every Country’s Sun“ vielleicht nicht gerade ein Quantensprung, es läßt sich schon heraushören, daß Mogwai über die Jahre etwas ausrechenbarer und zugleich zahmer geworden sind. Aber sie kommen mit dieser Platte auf Tour und das ist, bei aller Kritik, bekanntlich noch mal eine ganz andere Hausnummer. http://www.mogwai.co.uk/

14.10.  Berlin, Columbiahalle
16.10.  Hamburg, Docks
17.10.  Köln, E-Werk
26.10.  Basel, Reithalle
01.11.  Wien, Arena
02.11.  Leipzig, Täubchenthal
03.11.  München, Backstage

Dienstag, 19. September 2017

Palm Honey: Kehrtwende 2.0

Na, sie scheinen immer noch ziemlich wankelmütig zu sein: Palm Honey aus Reading hatten sich im vergangenen Jahr mit einem überraschenden U-Turn zurückgemeldet und sich auf ihrer neuen EP "Tucked Into The Electric Wave" erfolgreich in Sachen Shoegazing-Pop versucht. So recht überzeugt waren sie wohl trotzdem nicht von ihren eigenen Fähigkeiten, denn nachdem vor einem Monat schon "Hot Simian Weather" wieder die früheren Töne anschlug, folgt nun mit "Starving Hysterical Naked" (Pt. 1/2) ein neunminütiger Doppelschlag in Sachen Psychrock. Macht dann in der Summe eindrucksvolle 360 Grad.

Sløtface: Diskrete Gehirnwäsche

Sløtface
„Try Not To Freak Out“

(Propeller Recordings)

Ganz so neu ist die Taktik nicht, aber so sympathisch hat sie bislang noch kaum jemand umschrieben: Das norwegische Quartett Sløtface hat es sich seit seiner Gründung im Jahr 2012 zur Aufgabe gemacht, politische Standpunkte nicht etwa mittels kruder Punkattitüde zu transportieren, sondern diese der größeren Wirkung wegen besser in feine Melodien zu verpacken: „We think pop music is a great tool to sneak really important messages into catchy melodies. It's a very discreet kind of brainwashing“, sagten sie kürzlich dem Portal altpress.com und liegen damit wahrscheinlich auf den Punkt richtig. Denn nicht nur die hierzulande anstehende Wahl zeigt, daß kaum etwas so unglaublich langweilen kann wie agitatorische Bekehrungsversuche nach herkömmlichem Muster, selbst Politiker-Interviews mittels zielgruppenaffiner Youtube-Stars wirken eher einschläfernd, der Informationsgehalt sinkt hierbei in gleichem Maße wie die Fremdscham nach oben schnellt. Sløtface gehören nun aber mal tatsächlich zu einem Teil der jungen Generation, der einerseits über gesamtgesellschaftliche Lebensumstände nachzudenken bereit ist und darüberhinaus versucht, seinen Mitmenschen die beharrliche Auflehnung gegen die Zerstörung der Umwelt und für die unbedingte Gleichbehandlung von Männern und Frauen nahezubringen.



Und zwar mit ihren Mitteln. Wobei sich vor allem Haley Sheas Gesang als Wucherpfund erweist, gelingt es ihr doch, je nach Anforderung angemessen wütend oder verführerisch zart aufzutreten – der krachige Indierock mit Mut zur anschmiegsamen Hookline tut ein Übriges. Gleich beim Einstieg „Magazine“ läßt Shea keine Zweifel daran aufkommen, daß sie das Körper-Diktat einschlägiger Modezeitschriften für unsinnig und geradezu gefährlich hält, später tagträumt sie sich an die Seite von „Nancy Drew“, der berühmten Detektivin und Superheldin aus den Büchern der Dreißiger. Ein ganze Reihe feiner Songs also, bei „Pitted“ haben die Skandinavier für gute Ohren sogar ein paar Trompeten versteckt, „Slumber“ kommt als zweistimmiger Einschmeichler daher – mit einem Anlauf von vier EP also ein überaus gelungener Erstling. Zum Eintrag als kulturelle Berühmtheit auf der Wikiseite ihrer Heimatstadt Stavanger haben es Sløtface übrigens noch nicht geschafft, da müssen immer noch Dom und Konservenfabrik herhalten. Wenn es mit der Band allerdings so furios weitergeht, wird da sicher bald eine Aktualisierung fällig sein.

19.09.  Köln, MTC
22.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
24.09.  Wiesbaden, Schlachthof
26.09.  München, Strom

Montag, 18. September 2017

New Candys: The Italian Job

Dunkles aus Italien, genauer aus Venedig: Die New Candys, seit 2012 im Dienste des Noiserocks Marke Jesus And Mary Chain unterwegs, haben für den 6. Oktober ihr neues, drittes Album via Fuzz Club Records angekündigt. "Bleeding Magenta" ist in Eigenregie entstanden und mit "Excess" gibt es hier die erste Hörprobe davon - Fernando Nuti (Gesang, Gitarre), Diego Menegaldo (Gitarre, Gesang), Stefano Bidoggia (Bass, Keys) und Dario Lucchesi (Drums) sind im Dezember auch für ein paar Termine in Deutschland und Umgebung unterwegs.

07.10.  Berlin, Interkosmos Fest
03.12.  Hamburg, Hafenklang
04.12.  Dortmund, Labsal
12.12.  Erfurt, Frau Korte
20.12.  Biel, La Salopard
21.12.  Nürnberg, Z-Bau
22.12.  Linz, Kapu
23.12.  Wien, Das Bach

Crooked Colours: Auf den Zettel

Crooked Colours
„Vera“

(Import)

Gar keine Frage, natürlich müssen die Schwergewichte, so sie es denn verdient haben, gelobt und gefeiert werden – all eyes on, alles richtig. Dennoch wünschte man sich manchmal ein wenig mehr Aufmerksamkeit für die scheinbar Kleinen, die Newbies, denn auch Arcade Fire, LCD Soundsystem und The National (um mal drei der letzten Bestseller zu nennen) haben mal unten angefangen und mussten um die Gunst ihrer Zuhörer buhlen. Und zwar zu Zeiten, da sich die Kundschaft noch keinem solchen Bombardement aus Bildern und Tönen ausgesetzt sah und mehr Zeit war, ein Album mal am Stück durchzuhören. Natürlich kann man trefflich darüber streiten, ob denn das nun wirklich bessere, leichtere Zeiten gewesen sind oder ob, die Killers haben sich gerade entsprechend in der Tonart verstiegen, die Musik heute einfach nicht mehr die Qualität hat wie noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Schwer vorstellbar eigentlich.



Das Trio Crooked Colours aus dem australischen Perth jedenfalls wird damit ganz sich nicht gemeint sein und kann doch etwas Vorschuss gut gebrauchen – vor einigen Wochen ist ihr Debütalbum „Vera“ erschienen und wenn man neben einem guten Herzen halbwegs Sinn und Verstand beisammen hat, dann muss man hier kräftig loben: Wunderbar luftige Melodien, die in den vorab verbreitenen Singles schon anklangen und nun auf kompletter Spiellänge nichts von ihrem Reiz verloren haben. Wer die Wild Beasts oder Django Django zu seinen Vorlieben zählt und wem Neuankömmlinge wie Methyl Ethel und Cool Sounds nicht entgangen sind, der wird an dieser Popmischung seine Freunde haben. Philip Slabber, Leon De Baughn und Liam Merrett-Park mögen es, soviel ist sicher, eingängig, geschmeidige Sythies, hübsche Gitarrenhooks, ein paar Bläser dazu, klug gemachter LoFi-Pop rules. Hier ein wenig Reggae und Dub („Hope You Get It“, „Vera“), gegen Ende hin mehr und mehr elektronisch („Show Me“, „Perfect Run“), alles in allem ein Sound, dem man sich nur schwer entziehen kann. Jetzt brauchen die drei also nur noch einen langen Atem.

03.10.  Köln, Gebäude 9
04.10.  München, Ampere
05.10.  Nürnberg, Club Stereo
06.10.  Leipzig, Neues Schauspiel
07.10.  Berlin, Ritter Butzke
11.10.  Luzern, Schüür
12.10.  Basel, Parterre
13.10.  Bern, Dachstock
14.10.  Zürich, Exil