Dienstag, 22. November 2016

FEHM: Nie genug

Da gilt die Regel: Von gutem Post-Punk kann man nie genug bekommen. Das kleine, feine Label Art Is Hard aus Bristol bringt sich nach Luxury Death und Diet Cig wieder mit einer neuen Entdeckung in Stellung: FEHM sind eine dreiköpfige Formation aus Leeds und veröffentlichen Ende dieser Woche ihre neue EP "Circadian Life". Die 12" folgt dem Kurzformat "Animal Skin" aus dem Jahr 2015, zwei der fünf Songs darf man sich hier auch gleich anhören - den aktuellen Titeltrack und "Nullify", das Video zu ersterem stammt im Übrigen von Kyle Macfadzean.



Montag, 21. November 2016

High Hazels: Nachfolge

So, die merken wir uns jetzt mal: Die High Hazels kommen aus Sheffield - das klingt in erster Linie nach Schwerindustrie, Eisen, Stahl, Working Class und solchen Dingen. Aber die Stadt in der Mitte Englands hat bekanntlich eine reichhaltige Musiktradition, von dort stammt eben nicht nur Joe Cocker, auch Human League, Pulp und die Arctic Monkeys wurden hier geboren. Und nun eben dieses Quartett. Nach dem gleichnamigen Debüt aus dem Jahr 2014 und der EP "Valencia" gibt es jetzt neues Material, die erste Single "Joined At The Lip" kündet von dunklem, zart verwobenem Gitarrenpop, im kommenden Jahr soll mehr davon folgen.

Cloud Nothings: Nicht ganz geräuschlos [Update]

Das wird alle Freunde des Indierocks vielleicht mehr in Aufregung versetzen als der Nobelpreis für olle Bob: Dylan Baldi und seine Cloud Nothings aus Cleveland haben den Nachfolger für "Here And Nowhere Else" angekündigt, Album Nummer fünf wird "Life Without Sound" heißen und am 27. Januar via Wichita Recordings erscheinen. Und neben der ersten Single "Modern Act" gibt es sogar schon ein paar Live-Termine.

Update: Reichen wir gleich mal noch den zweiten Song des Albums nach - "Internal World", bittesehr.

06.03.  Hamburg, Knust
07.03.  Berlin, Bi Nuu
08.03.  München, Kranhalle
09.03.  Köln, Luxor

Sonntag, 20. November 2016

A Tribe Called Quest: Posttraumatisch

A Tribe Called Quest
„We Got It From Here, Thank You 4 Your Service“

(Smi Epc/Sony)

Eindimensionale Dinge können manchmal verdammt öde sein. Gangsta Rap zum Beispiel. Immer nur mit martialischem Gewummer auf die Fresse, einen Kinnhaken nach dem anderen mit der ewigen Mischung aus männerbündlerischem Posse-Gehabe, Bling-Bling und ständigen Schwanzvergleichen im übertragenen wie leider auch im wortwörtlichen Sinne. Es gab mal Zeiten, da ließ sich damit ordentlich Aufmerksamkeit erregen und Geld machen – die Zeiten sind zum Glück vorbei, auch wenn sie deshalb weiß Gott nicht besser geworden sind. A Tribe Called Quest kommen dieser Tage, ist man fast versucht zu sagen, aus einer anderen Welt. Als ihre letzte Platte „The Love Movement“ erschien, stand noch eine 19 vor der Jahreszahl, Bill Clinton war amerikanischer Präsident und die Hip-Hop-Charts wurden von Acts wie Gang Starr, Method Man, Snoop Dogg, Black Star und Busta Rhymes regiert, ein gewisser Jay Z hatte mit „Hard Knock Life“ seine erste Nummer 1, Lauryn Hill machte kurz Karriere mit ihrer „Misseducation…“ und die Beastie Boys erfüllten mit „Hello Nasty“ alle Erwartungen. Schon damals also keine Langeweile, an Obama oder Trump allerdings, diese historischen Peaks, war lange nicht zu denken.

Achtzehn Jahre ist das her, seit letzter Woche ohnehin eine Ewigkeit – Amerika erwacht langsam aus der Schockstarre und die Musikwelt staunt über eine Band, die derart frisch und unverbraucht zu Werke geht, obwohl sie über drei Dekaden auf dem Buckel hat. Und das in mehrerlei Hinsicht: Denn „We Got It From Here…“ ist zunächst eine Rückmeldung, eine Selbstbehauptung, eine Standortbestimmung, wie sie gerade in solch düsteren Zeiten Not tut. Das Album macht Mut, denn bloßes Bumm-Bumm und wütend nach oben gereckte Fäuste würden wohl nicht viel helfen, wenn es darum geht, Versäumnisse zu reflektieren, Misstände aufzuarbeiten und wieder neu Anlauf zu nehmen. Insofern ist es als Wachmacher mit Hirn und Herz die deutlich bessere Alternative. Was nicht heißt, dass nicht auch in dieser Platte eine ganze Menge Politik und somit Wut stecken – wie sollte es anders gehen. „We The People“ zum Beispiel bietet den bitteren Vorgeschmack auf das, was jetzt vermehrt zu hören sein könnte: „All you black folks, you must go. All you Mexicans, you must go. And all you poor folks, you must go. Muslims and gays, boy, we hate your ways, so all you bad folks, you must go.”

“A lot of the things we put in this album, it’s not for shits and giggles. It’s not for fucking entertainment. A lot of this shit is hopefully an impetus for some change, because shit is getting drastic”, sagt Jarobi White denn auch auf The Fader und Stücke wie “Kids”, “Melatonin” oder “The Killing Season” sprechen hier die erhofft deutliche Spache. Daß es nicht so verbittert und überhart rüberkommt, liegt natürlich im Wesentlichen an den stilistischen Mitteln, mit denen ATCQ seit langer Zeit glänzen und denen sie auch hier die Bühne freiräumen – jazzige Arrangements, soulige Loops, viel Funk und mittendrin immer wieder die quietschenden Bluesgitarrenakkorde vom neuen Buddy Jack White, sie öffenen viele Ebenen und halten das Ganze auf hoher Temperatur am Kochen. Fast hätte man darüber vergessen, daß die meisten Gäste, die hier geladen sind, auf eine ähnlich bewegte Vergangenheit zurückblicken können – Busta Rhymes, Talib Kweli, André 3000 sind ja weitestgehend Weggefährten unserer Helden, selbst Elton John erschien für „Solid Wall Of Sound“ im Studio und wirkt dabei überhaupt nicht fehl am Platz.

Ein Platz hat am Ende, als alles soweit fertig war, dann leider freibleiben müssen – Phife Dawg kann den Erfolg und die Genugtuung nicht mehr miterleben und somit ist die letzte Dimension der Rückkehr eine traurige – sein Tod im März diesen Jahres gibt das Thema für Songs wie „Black Spasmodic“, „Lost Somebody“ und natürlich „The Donald“. Mit letzterem haben sie alle genarrt, die geglaubt haben, eine schwarze Platte nach der verhängnisvollen Wahlentscheidung müsse zwingend schon aktuellen Bezug zum ersten Horrorclown im Staatsamt nehmen. Weit gefehlt, der Donald bekommt schon zuvor im wundervoll vielschichtigen „Conrad Tokyo“ gemeinsam mit Kendrick Lamar sein Fett weg, hier dreht es sich vielmehr um den Spitznamen des verstorbenen Freundes. Sammlung also ja, der erneute Angriff muß aber noch warten, ob er von ATCQ kommt, bleibt abzuwarten: „Backwoods, boondocks, whatever terrain, 'Auf Wiedersehen', 'Aloha', man our feet ain't the same“ – die Zeichen stehen eher auf Abschied. Bis hierhin vielen Dank. http://atribecalledquest.com/home/

Samstag, 19. November 2016

Minor Victories: Kunst ohne Kommerz

Nicht mehr ganz so frisch, aber gerade neu gefüttert - das Wochenende ist ein passender Zeitpunkt für diese Meldung: Die Minor Victories haben bekanntlich unter den aktuell erfolgreichen Indierockbands einerseits das bekannteste Personal, stilistisch eine der interessantesten Mixturen und zudem die durchweg anspruchsvollsten Videoclips im Angebot. Dem bemerkenswerten Debüt läßt die Band nun eine orchestrale Instrumentalversion mit dem Titel "Orchestral Variations" folgen, am 25. November soll das Album auf Vinyl, am 27. Januar in den restlichen Formaten erscheinen und natürlich gibt es dazu schon ein paar künstlerisch wertvolle Videoclips, hier nun also die zu "Cogs" und "Give Up The Ghost", letzteres gedreht in der Berliner U-Bahn.



Freitag, 18. November 2016

Sleaford Mods: Sozialarbeiter

Sleaford Mods
“Live At SO36”/„TCR“
(Harbinger Sound)

Schlechte Laune ist, die entsprechende Einstellung zum Lauf der Welt vorausgesetzt, in diesen Tagen leicht zu haben – ein schwerreicher, sexistischer Populist schickt sich an, samt seiner ebenso verrufenen Entourage die Macht im Weißen Haus zu übernehmen, Europa knarzt und knirscht an allen Ecken, der Clash Of Cultures ist dank fehlgeleiteter Fanatiker auf beiden Seiten in vollem Gange und die ewig Benachteiligten dieses wüsten Planeten haben plötzlich keine Lust mehr, daheim einfach darauf zu warten, bis alles über ihnen zusammenbricht, sondern machen sich lieber auf den Weg. Das alles läßt sich in hübsch pointierte Worte fassen – wirklich witzig ist es nicht. Und weil das so ist, gibt es die Sleaford Mods. Zum Glück, möchte man sagen, denn daß sich zwei Musiker mit überaus vernünftigen Ansichten wie Jason Williamson und Andrew Fearn darum kümmern, den Zurückgelassenen und Abgehängten, den Losern und Unverstandenen eine Stimme zu geben, läßt einem zumindest ein wenig Hoffnung. Hoffnung darauf, daß nicht jeder gleich an nationalistische Rattenfänger verloren ist, der auf Hilfe der Gesellschaft nicht mehgr vertraut. Die Sleaford Mods sind, man kann dies im wunderbaren Film “Invisible Britain” von Nathan Hannawin und Paul Sng erfahren, eben nicht nur und ausschließlich Punk, sondern auf ihre Art auch Sozialarbeiter und Kümmerer.



Und sie haben dafür einige Zeit üben können. Schon lange bevor Kate Tempest ihr „Europe Is Lost“ angestimmt hat und sich das Land entschieden hat, einigen Dummköpfen in den Brexit zu folgen, prangerten Williamson und Fearn die wachsenden Verwerfungen im gar nicht mehr so coolen Königreich an, alle ihre Alben befassen sich in aller Deutlichkeit mit denen, die sich im Stich gelassen fühlen, die hintenüber fallen im Zuge von Globalisierung, Gentrifizierung, Technokratie und allzu gieriger Fortschrittsgläubigkeit. Ihr Stil ist dabei so rough und rude wie nötig, insofern ist das vorliegende Livealbum aus dem Berliner SO36 ein fabelhaft grobkörniges, übersteuertes Zeitdokument, das den Besuch vor Ort zwar kaum zu ersetzen vermag, aber einen Eindruck davon vermittelt, wie diese Band mit einfachsten Mitteln eine unglaubliche Intensität und auch Wut auf die Bretter bringt. Wer die Mods schon einmal face to face gesehen hat, vor dessen innerem Auge stolziert ein wild dreinblickender Williamson, einem gerupften, aber stolzen Hahn gleich, über die Bühne, zuckt der stoische Tastenmann Fearn, die Bierflasche in der Hand, mit verschmitztem Grinsen die Schultern zum Beat aus der Steckdose.



Und auch die neue EP „TCR“ hat trotz aller Kürze Erfreuliches zu bieten. So simpel wie böse das Titelstück – Williamson gibt den gelangweilten und zugleich entnervten Mittvierziger, von einer immerwährenden Rastlosigkeit in die Nacht getrieben, von der es heißt, daß sie angeblich nur noch den Jüngeren gehören soll. Auch das schroffe „I Can Tell“ ist eine Abrechnung mit dem Alter und mit der Heimatstadt, die nicht gerade gnädig zu ihm ist: „Noddy's streets ain't the same when you get older, no nutrition and the bold are figments eaten by the cold …“ Hier die punktgenauen, harten Drums, gleich darauf bei „Britain Thirst“ ungewohnt funkige Töne, in „Dad’s Corner“ wiederum scheint die Stimme aus einer rumpelnden Stahltonne zu kommen. Das abschließende „You’re A Nottshead“ flirrt und flackert zu fiebriger Synthetik und Hochgeschindigkeits-Rhymes. Auf engstem Raum das ganze Programm, hier die kleine Bühne und der große Zorn, dort in nur fünf Stücken die Werkschau als Schnelldurchlauf. 2017, so hört man, soll es dann endlich die neue Platte geben. Dass sich die Zeiten bis dahin nachhaltig zum Besseren wenden, damit ist bei allem Optimismus nicht zu rechnen. Bleibt nur, inständig darauf zu hoffe, daß die Mods sich ihr gesundes Mißtrauen und ihre Glaubwürdigkeit bewahren können – auch wir hier können sie noch gut brauchen.

24.11.  Berlin, Huxley’s Neue Welt
25.11.  Hamburg, Fabrik

Sylvan Esso: Radioplay [Update]

Wenn man seine Augen nicht überall hat: Kaum passt man mal nicht auf, rutscht einem schon die Ankündigung eines neuen Albums von Amelia Meath und Nick Sanborn aka. Sylvan Esso durch die Lappen. Vor zwei Jahren startete das Duo aus Durham/North Carolina mit seinem gleichnamigen Debüt und heimste eine Menge Hochachtung ein, begeisternde Festivalauftritte inklusive. Nun soll Anfang kommenden Jahres das zweite Album folgen, auf dieses weist die Single "Radio" hin, die auf einer 12" noch in diesem November erscheinen soll.

Update: Diesmal etwas pünktlicher - wir schieben mit "Kick Jump Twist" die B-Seite zu "Radio" hinterher. 



Novella: Fein- statt Rohkost

Da fallen einem komischerweise sofort Kerzen und Rotkohl ein. Warum? Na weil auf dem Debütalbum "Land" der Londoner Band Novella ein Stillleben abgebildet war, das in wesentlichen Teilen aus viereckigen orangen Kerzen und einem aufgeschnittenen Rotkohl bestand. Über Geschmack läßt sich bekanntlich trefflich streiten, über die Güte ihrer Songs gibt es allerdings nix zu diskutieren - das kann man auch gern anhand des aktuellen Stücks "Change Of State" überprüfen, das Hollie Warren, Sophy Hollington, Suki Sou und Iain Laws aus Anlass der Veröffentlichung ihrer nächsten Platte am 17. Februar via Sinderlyn Records gerade geteilt haben.

Christiane Rösinger: Leidenschaften

Das Lieblingslabel hat sich mal wieder eine gute Nachricht für's Wochenende aufgehoben: Christiane Rösinger, vor Zeiten noch bei den Lassie Singers und Britta beschäftigt und nun schon einige Jahre solo unterwegs, hat den Nachfolger für "Songs Of L. And Hate" aus dem Jahr 2010 angekündigt - das Album "Lieder ohne Leiden" erscheint am 24. Februar im Hause Staatsakt (Produktion Andreas Spechtl/Ja, Panik) und um Behausungen im wortwörtlichen Sinne (Hilfswort: Gentrifizierung) geht es auch in der ersten Single "Eigentumswohnung" - die Tour zur Platte steht im Übrigen auch schon.

01.04.  Berlin, HAU1
04.04.  Hamburg , Uebel & Gefährlich
05.04.  Köln, Gebäude 9
06.04.  Frankfurt, Brotfabrik
07.04.  Schorndorf, Manufaktur
08.04.  Zürich, Stall 6
09.04.  St. Gallen, Palace
11.04.  Wien, Brut
12.04.  München, Strom
13.04.  Leipzig, Werk 2

The Hidden Cameras: Erfrischende Nachhilfe [Update]

The Hidden Cameras
„Home On Native Land“

(Outside Music)

Es würde alles so gut zueinander passen: Seit einem Jahr ist Justin Trudeau mit knapp fünfundvierzig als kanadischer Ministerpräsident im Amt und hat dem Land mit seinem liberalen Kurs zu noch mehr Aufmerksamkeit, Renommee und wirtschaftlicher Prosperität verholfen. Und, nicht zuletzt, zu fortgesetzter kultureller Blüte. Gerade in musikalischer Hinsicht ist Kanada seit einiger Zeit aus dem Schatten des ewigen Kontrahenten USA herausgetreten, Städte wie Quebec, Vancouver, Montreal und vor allem die Hauptstadt Toronto haben sich zu Melting Pots einer vielfältigen Bandszene entwickeln und Namen wie Arcade Fire, Black Mountain, The Besnard Lakes oder die Japandroids gehören heute schon fast zu Establishment. Daß also Joel Gibb, Kreativkopf des Queerfolk-Kollektivs The Hidden Cameras genau jetzt seine wiedererwachte Liebe zum Heimatland feiert und, wie man in einem Interview des Radiosenders CBC (zusammen mit Kollegin Peaches) hören konnte, immer öfter vor Ort anstatt an seiner Hauptadresse in Berlin weilt, wäre eine allzu schöne Pointe.

Doch was hübsch klingt, muß deswegen noch lange nicht richtig sein – Gibb hat, so ist zu lesen, schon seit zehn Jahren an (s)einem Country-Album gewerkelt und hielt den Zeitpunkt wohl für gekommen, „Home On Native Land“ genau jetzt zu veröffentlichen. Der Schnitt ist dabei kein kleiner, gerade hatte man sich an den dunklen Wave-Sound des Vorgängers „Age“ gewöhnt, an Stücke wie „Gay Goth Scene“, „Doom“ und „Skin And Leather“, da streift sich der Mann die Navy-Kombi über und macht sich auf den Weg durchs Unterholz, bereit, vor der zauberhaften Landschaft und ihren offenkundigen Reizen in die Knie zu gehen. Auf den Streifzügen wird er von einer erlesenen Schar an Freunden begleitet, Ron Sexsmith („Don’t Make Promises“, „Twilight Of The Season“), Neil Tennant („Ode To An Ah“), Feist, Rufus Wainwright und Mary Margaret O'Hara („Log Driver’s Waltz“) geben sich zu beschwingten und besinnlichen Standards die Studioklinke in die Hand.



Gibb leiht sich derweil zuhause ein paar Traditionals aus – „Log Driver’s Waltz“ gehört in Kanada zu den wohl meistgehörten Stücken, auch „Dark End Of The Street“ und „Don’t Make Promises“ kapert er frech von alten Meistern und gibt ihnen so einen neuen, erfrischenden Kontext. „Counting Stars“ wiederum gerät zu einer herrlich fetten Soulnummer und für „He Is The Boss Of Me“ zitiert er sich gleich mal selbst – das Stück stammt von einem fünfzehn Jahre alten Demo und bekommt hier in neuem Rahmen seine passende Würdigung, wobei man immer noch lange suchen muß, um eine ähnlich abgefahrene Liebeserklärung zu finden: „He is my walrus and I am his blubber…“ Welchen Beweggründen das Album nun auch immer folgen mag, man hat von den Hidden Cameras in der letzten Zeit selten Entspannteres gehört und es wäre deshalb nur gerecht, wenn Justin Trudeau hier mal ein Ohr riskiert. Denn in Sachen Summer-Playlist kann der Mann, anders als beispielsweise Barack Obama, noch einige Nachhilfe vertragen.

02.11.  Wien, WUK
04.11.  Linz, Ahoi Pop
10.11.  Hannover, Feinkost Lampe
16.11.  Oberhausen, Druckluft
17.11.  Dornbirn, Spielboden
18.11.  Luzern, Jazzkantine
22.11.  Hamburg, Hafenklang
23.11.  Wetzlar, Kulturzentrum
07.12.  Berlin, Musik und Frieden
08.12.  Augsburg, SoHo
09.12.  Ebensee, Kino
10.12.  Schorndorf, Manufaktur
14.12.  Frankfurt, Das Bett
15.12.  Köln, Luxor
17.12.  München, Strom

Update: Jetzt neu mit Streifzug durch die Wälder - das Video zu "Had A Feeling 'Bout You" ist da...

Donnerstag, 17. November 2016

Ganser: Fieberkurve

Ganser
„This Feels Like Living“

(Bandcamp)

Die Beschäftigung mit Krankheitsbildern und Psychosen aller Art ist für die meisten Menschen nicht sonderlich vergnüglich, bei Ganser allerdings, will man sich der Band aus Chicago nähern, gehört es mit zum Geschäft. Benannt nach dem deutschen Arzt Sigbert Josef Maria Ganser, der Ende des 19. Jahrhunderts eine Nervenkrankheit erforscht hat, die heute noch unter dem Namen Ganser-Syndrom (auch "Pseudodebilität" oder "hysterischen Dämmerzustand") die Lehrbücher füllt, benennt die Band ihr Selbstverständnis auf ähnlich eigenwillige Weise: „Dissociative shouts and murmurs“, so beschreiben Alicia Gaines und Nadia Garofalo, die beiden Gründerinnen der Formation, ihren Sound gegenüber der Chicago Tribune, auch Songwriting und gesamtkünstlerisches Konzept des Quartetts, hier im Bezug zur Covercollage der neuen EP, gehen eigene Wege: "We like that random collage element, where we pull different sound samples or visuals to make our music. Why would you limit yourself when you can pull in many different themes or concepts if they fit within your original idea?" Das Ergebnis ist dann weitaus weniger verstörend als vermutet, die fünf Tracks der neuen 12” kommen als überaus hörbare Mischung aus No Wave, Post-Punk und Noise daher – kraftvoll, schräg und ordentlich laut. Dabei unterscheidet sich der Opener “Pyrrhic Victory” etwas vom Rest der Platte – nimmt man die dazugehörige B-Seite “Sunk” des Stückes dazu, die auf der limitierten European-Edition mit zur Auswahl gehört, dann überwiegt der harte, schneidende Gitarrenkrach von Charlie Landsman die kühlen, wavigen Töne, Brian Cundiff an den Drums tut ein Übriges dazu, daß Ganser ausreichend bissig und unangepaßt bleiben. Solange die Fieberkurve derart steil nach oben zeigt, ist Ganser in jedem Fall ein Platz auf der Watchlist 2017 sicher. https://ganser.bandcamp.com/

Metallica: Sandmännchen

Schon wahr, wir haben hier über das neue Album von Metallica keinen Ton verloren. Aus gutem Grund - man sollte wissen, wovon man spricht, wenn man es denn tut. Und da hat, das müssen wir anerkennen, auch dieser Blog seine Grenzen. Wenn sich allerdings James Hetfield mitsamt seinen harten Jungs in die Tonight-Show von Jimmy Fallon wagt und dort "Enter Sandman" zusammen mit The Roots intoniert, dann ist das allemal einen Post wert.

Mittwoch, 16. November 2016

Ghostly Kisses: Für die Schwermut

Und dann noch soviel: Wer mit der neuen Single "On Hold" von The XX bei allem Groove ein wenig von der alten und liebgewonnenen Schwermut vermisst hat, für den ist Margaux Sauvé alias Ghostly Kisses vielleicht eine passende Alternative. Die Kanadierin besticht bei ihren letzten Singles "Roses" und ganz aktuell "Empty Note" durch hochmelodische, synthetische Klangflächen und ihre zauberhafte Stimme. Hörenswert im Übrigen auch ihre Zusammenarbeit mit Men I Trust, einer vierköpfigen Band aus der gemeinsamen Heimatstadt Quebec, hier war Sauvé für den Song "Again" mit im Studio.

The Slow Show: Durchaus eigenständig

Und dann hätten wir da noch zwei wichtige Hinweise für alle, die auf gutgemachte Musik und Querverweise stehen: Nehmen wir zuerst The Slow Show, eine fünfköpfige Band aus Manchester, denen man schon in frühen Jahren den Sound von Lambchop und The National intravenös verabreicht haben muß. Sänger Rob Goodwin wird diese Vergleiche wohl nicht unbedingt mögen (wer aus seiner Zunft mag das schon ständig hören), aber die Wesensverwandtschaft seiner warmen, tiefen Stimme zu der eines Kurt Wagner oder Matt Berninger ist einfach zu deutlich, um sie zu ignorieren. Am Ende ist es ohnehin nicht wichtig - in ein paar Tagen wird das neue Album "Dream Darling" erscheinen samt der hervorragenden neuen Single "Ordinary Lives", dann wird sich, versprochen, für das Quintett in rasender Geschwindigkeit eine noch größere Fangemeinde finden.

Isolation Berlin vs. Der Ringer: Gegensätze [Update]

Na, am Selbstbewußtsein mangelt es den Jungs jedenfalls nicht: Isolation Berlin und Der Ringer haben offenbar jede Menge Sympathien füreinander und haben sich deshalb entschieden, eine 12" miteinander zu teilen - am 18. November erscheint deshalb eine gemeinsame EP, deren ersten Song "Ich gehör nur mir allein" wir hier teilen möchten und der vor Eigenlob nur so strotzt. Recht so. Auf der B-Seite wird dann der Song "My Friends Don't Like Me" zu hören sein, also eine Art Salto rückwärts. Für zwei Termine spielen beide Bands im Übrigen noch in diesem Jahr zusammen.

15.12.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
17.12.  Berlin, Columbiahalle

Update: Gerade reingekommen - das aktuelle Video der Traumkombi, gedreht, geschnitten und verpackt von Yannick Riemer.



G.Rag Y Los Hermanos Patchekos: Mehrwegplatte

G.Rag Y Los Hermanos Patchekos
„Wacky Tobacky“

(Gutfeeling)

Es wird wohl nicht so viele Menschen geben, die – abgesehen von den Musikern der Münchner Brasskolchose G.Rag Y Los Hermanos Patchekos selbst – über ein derart breit gefächertes Musikfachwissen verfügen, daß sie Künstler wie Moondog, Delaney Davidson, Captain Beefheart und Saccharine Trust en passant erinnern, zuordnen und bei Bedarf auch noch deren bekannteste Stücke mit eigenwilligen Neubearbeitungen vergleichen können. Schaden kann diese Kenntnis natürlich keinesfalls, wirklich von Nöten ist sie aber auch nicht. Denn bekanntlich kann man sich einem Album (wie auch dem vorliegenden) auf vielerlei Weise nähern. Und manchmal ist es eben auch von Vorteil, läßt man die Originale mal beiseite und erfreut sich ein weiteres Mal an der überbordenden Spielfreude von “Monacos very own Caribbean Trash Orchestra“ (Selbstauskunft).

“Wacky Tobacky” ist wohl eines ihrer kürzesten und zugleich stilistisch vielfältigsten Werke geworden, neben vier Eigenkompositionen folgt die Band hier wieder einmal einer ihrer erklärten Lieblingsbeschäftigungen – dem Streifzug durch die bunte Welt der Musikhistorie. Und damit nun doch zu ein wenig laienhaftem Hintergrundgedöns. Denn andererseits kann es ja auch dem eigenen Horizont nicht schaden, wenn man sich ein wenig mit den Helden beschäftigt, denen die G.Rag’s in offenkundiger Verehrung zugetan sind: Louis Thomas Hardin alias Moondog zum Beispiel, der kautzige Multiinstrumentalist, der nicht wenig Zeit seines Schaffens an Orten wie Hannover, Recklinghausen und Oer-Erkenschwink verbrachte und der es dennoch zur Legende schaffte. Dem gefälligen Swing seines Songs „Paris, Paris“ setzen die Münchner eine recht straffe, jazzige Variation entgegen.



Delaney Davidson trommelt im Nebenberuf ab und an bei den sagenhaften Dead Brothers (so eine Art schweizerische Entsprechung für unser hiesiges, vielköpfiges Kammerorchester), das verschlurfte „5 Bucks“ allerdings stammt von einem neueren Solowerk des Neuseeländers und kommt mit ganz viel Blech und eher sanften Drums daher. Zu Captain Beefheart wiederum muß man nicht mehr viel sagen, „Abba Zaba“ ist eines der bekanntesten Stücke unter vielen des kultisch verehrten, wahnwitzigen Psychrockbluesgenies Don Glen Van Vliet – ganz so wild und ungezügelt wie im Original geht es hier naturgemäß nicht zu, dennoch gibt’s für Wahl und Wagemut einen dicken Bonuspunkt. Saccharine Trust schließlich gehörten, obschon heute noch aktiv, einst zum Dunstkreis von Black Flag und den Minutemen (denen ja auch schon Cover-Ehren aus München zuteil wurden), „Human Certainty“ aus dem Jahr 1981 ist die hohe Schule des Post-Hardcore minus Gitarrenkrach plus Saxophon, zauberhaft.

Wer vorhin bei ‚Horizont‘ ausgestiegen ist und nun wieder in den Text gefunden hat, wird auch über die Runden kommen, denn wie schon erwähnt reicht eigentlich schon die Erkenntnis, daß bei G.Rag Y Los Hermanos Patchekos immer noch lustvoll ein Rädchen ins andere greift und der Spaß am Ausprobieren, Experimentieren, Zumuten das Kollektiv einmal mehr zu neuen, spannenden Ergebnissen geführt hat. Sich selbst treu zu bleiben, indem sie immer wieder neue Ansätze, neue Blickwinkel für die eigene Arbeit wählen, darin haben es diese Musiker in den letztenn Jahren zu erstaunlicher Meisterschaft gebracht. Und ob nun Cumbia, Polka, Gossenpoesie oder Kosmonautentraum, jede und jeder kann den Zugang zu dieser Musik auf höchst eigene Weise finden. Und zwar jedes Mal auf’s Neue. http://www.gutfeeling.de/

18.11.  München, Milla - Plattentaufe I
19.11.  München, Milla - Plattentaufe II

Gegenphase: Zeitsprung [Update]

Nicht mehr als fünf Stücke und tatsächlich alle zum Themenkreis Haus, Glas, Stahl, Arme, Kopf, Jahr, Klingel, Tür und Gefahr. Gegenphase sind eine vierköpfige Kapelle aus Berlin und haben vor einigen Monaten eine EP mit dem Titel "The Melody Central Tapes" veröffentlicht. Und zum Song "Streifen aus Licht" gerade noch mal einen Clip aus dem Archiv geholt. Zeitsprung mit Grauschleiermusik, von ganz weit weg. Und trotzdem sehr jetztzeitig.

07.12. Berlin, Lofi Lounge Schokoladen (verschoben)

Update: Und hier noch schnell die aktuellen Videos zu "UBahn" und "Abwrackschuppen".







Dienstag, 15. November 2016

Crows: Düster weiter [Update]

Es gibt Neues von der Londoner Kapelle Crows: Noch im Frühjahr haben wir hier ihre EP "Unwelcome Light" gelobt, nun erscheint das zweite Kurzformat. "Cold Comfort" wird ab 18. November bei Telharmonium Records vertrieben werden, mit dabei auch "The Itch" als erste Vorauskopplung.

Update: Und hier kommt dann auch schon Titel 2 von 4 - "Ghost Tape #10" knallt ebenso.

Pissed Jeans: Gute Frage

Ganz die andere Ecke: Philadelphias Noise-Punk-Quartett Pissed Jeans haben den Nachfolger für ihr letztes Album "Honey" aus dem Jahr 2013 angekündigt. "Why Love Now" soll am 24. Februar bei Sub Pop erscheinen und wie man liest, hat Lydia Lunch ihre Hände als Produzentin mit im Spiel gehabt. Wie das ganze gelungen ist, läßt sich anhand der ersten Single schon mal ahnen - bei "The Bar Is Low" flattert der Bass schon mal wie zu Zeiten, als Lemmy noch unter uns weilte.

Cigarettes After Sex: Stichwortgeber

Name: Unvergeßlich. Stil: Ungewöhnlich. Optik: Markant. Vorhersage: Hype. So ungefähr könnten die Stichworte zu Cigarettes After Sex, einer vierköpfigen Band aus Brooklyn/New York lauten. Greg Gonzalez (Gesang), Phillip Tubbs (Keyboards), Randy Miller (Bass) und Jacob Tomsky (Drums) musizieren seit 2008 miteinander, eine ganze Reihe von Songs machten seitdem im Netz die Runde. Pop Noir hört man häufig als Klassifizierung - sanfte, reduzierte Kompositionen, die nun mit einer neuen Single aufmachen. "K." soll den Reigen eröffenen für das 2017 geplante Debütalbum, live stehen die Herren aber noch in diesem Jahr auf der Bühne.

15.11.  Graz, PBC Bar
16.11.  Frankfurt, Zoom
03.12.  Zürich, Mascotte
04.12.  München, Strom
05.12.  Berlin, Lido