Sonntag, 23. Juni 2019

Youth Sector: Kontrastreich

Beginnen wir den wochenendlichen Rundumschlag heute im englischen Brighton: Von dort stammt die Kapelle Youth Sector, fünf junge Männer, die sich dem Post-Punk verschrieben haben. Der Sinn für Ordnung ist ihnen qua Kinderstube offensichtlich auch nicht verloren gegangen, denn das Bandfoto ist nun wirklich vorbildlich arrangiert - ernste Posen, schön herausgeputzt, sogar ein Teppich war zur Hand. Respekt. Natürlich kontrastiert das bestens mit dem lässigen Sound der Band, zackige, laute Gitarren bestimmen das Bild, das gilt für beide Songs, die wir hier vorstellen wollen, "Run" ist schon ein paar Monate auf dem Markt, nun kommt "Renting Spaces In My World" hinzu.

Dead Slow Hoot: In Flammen

Der nächste Neuzugang kommt ebenfalls von der Insel und zwar aus dem Industrieort Sheffield: Der Sound von Dead Slow Hoot, dem Quartett um Sänger Hugo Lynch, ist vergleichsweise opulent und dramatisch, ein gewisses Pathos kann man den vier Herren nicht absprechen. Anfang des Jahres ist ihr Album "No Reunions" erschienen, die aktuelle Single "An Island Keen To Float" findet sich dort allerdings nicht. Bemerkenswert ist neben dem Stil vor allem das Video zum Song. Gedreht wurde unter Regie von Sam Nicoresti auf der sogenannten Bonfire Night im südenglischen Städtchen Lewes. Dort findet alljährlich ein Fackelumzug im Gedenken an die Hinrichtung des Widerständlers Guy Fawkes im Jahr 1605 statt, dessen Maske auch hierzulande (unter anderem aus dem Film "V wie Vendetta") ein Begriff ist - bunt kostümierte Gestalten ziehen mit brennenden Kreuzen durch den Ort, das Ganze wirkt sehr martialisch und erhält gerade in der heutigen Zeit einen neuen, bedrohlichen Kontext - der dunkel dräuende Sound der Band unterstützt dies zusätzlich.



TWEN: Jugendliebe

Das wollen wir dann doch nicht aussparen: Eine Band aus Nashville, deren Name und Logo sich auf die bekannte deutsche Jugendzeitschrift TWEN bezieht, das ist doch mal was. Ursprünglich begannen Jane Fitzsimmons und Ian Jones als Punks in Boston, heute fabrizieren sie ziemlich breitflächigen Gitarrenrock im Stile der 90er. Gerade haben die beiden den Termin für die Veröffentlichung ihres Debütalbums "Awestruck" für den 20. September bekanntgegeben, nachdem sie Anfang des Jahres bei Frenchkiss landeten. Die erste Single "Waste" stammt aus dem März, vor einem Monat folgte "Holy River" und nun gibt es mit "Damsel" Song Nummer drei, bei dem sie ihre Leidenschaft für Dirtbikes dokumentieren durften.





Freitag, 21. Juni 2019

Beak: Skurriler Trip

Für skurrile Videos sind Geoff Barrow, Billy Fuller und Will Young immer zu haben. Heute haben die drei Herren von Beak ihre fabelhafte EP "Live Goes On" in Gänze bei Invada Records veröffentlicht (wir hatten zwei Stücke hier schon vorgestellt) und quasi zur Feier des Tages gibt es für den Titeltrack nun ein Video des Regisseurs Alfredo Lopez zu sehen. Der Clip kommt als befremdlicher Trip maskenbewährter Gestalten daher, Feuer, Dochtaugen, dazu knirschende Psychrockgitarren - so ganz genau möchte man gar nicht wissen, was hier gespielt wird. Auch bei den beiden restlichen Songs bleibt sich das Trio treu, zum krautrockigen "Minus Pillow" gesellt sich "Allé Sauvage" vom letzten Album in einer etwas verkürzten Mario-Batkovic-Version.



Crumb: Strangeways here they come

Crumb
„Jinx“

(Crumb Records/Cargo)

Zugegeben, man fühlt sich nicht ganz so wohl bei der Wahl des Aufhängers. Aber weil ohne einen ordentlichen Einstieg ein Text ziemlich verloren wirkt, und weil die Band, von der wir hier reden, selbst auch sehr freimütig mit dem Thema umgeht, ist das wohl in Ordnung: Das Debütalbum „Jinx“ hätte es also in seiner jetzigen Form wohl nicht gegeben, wären Lila Ramani (Gitarre/Gesang), Brian Aronow (Keyboards/Saxophon), Jesse Brotter (Bass) und Jonathan Gilad (Drums) im vergangenen Jahr auf der Rückfahrt von ihrem Aufnahmestudio nicht gemeinsam mit dem Auto verunglückt. Nichts passiert außer ein paar Brüchen (und nachfolgenden Umplanungen resp. Konzertabsagen) – das sagt sich heute natürlich leicht. Die gemeinsame Erfahrung hat die vier als Band gehörig zusammengeschweißt und, wenn vielleicht nicht den Sound, so doch die Inhalte der Songs ihres Debütalbums entscheidend beeinflusst.



Dem Netzportal i-D haben sie jedenfalls erzählt, dass die plötzliche Erkenntnis, wie fragil das Leben in einer solchen Situation erscheint, seitdem eine große Rolle für ihre Arbeit gespielt hat und immer noch spielt, man denkt nicht mehr unbedingt im Großen, sondern lernt das Unmittelbare, den persönlichen Gegenüber zu schätzen. Die zehn Stücke des Debüts der New Yorker kommen denn auch eher als zarte, geheimnisvolle Gebilde daher, Jazz ist ein entscheidendes Stilmittel, Trip-Hop ebenso. Vieles erinnert hier an die Frühphase von Goldfrapps „Felt Mountain“ (die ja nach diversen Ausflügen unter die Discokugel auch wieder die Spätphase geworden ist), Crumb wollen nicht allzuviel allzuleicht von sich preisgeben, wirken eher kühl, distanziert, rätselhaft. Da paßt natürlich ihr Dreh mit Twin-Peaks-Star David Patrick Kelly für „Nina“ bestens ins Portfolio, der Schauspieler schleppt sich im Military-Kostüm durch den kargen Morast, während Ramani im Hause ihrer Familie wie eine Autistin durch die Zimmer schleicht oder schwebt – strangeways here they come. Keine Allerweltskost, die Crumb da verabreichen, läßt man sich auf die Musik ein, kann sie aber zu unerwarteten Glücksgefühlen führen.

19.08.  Köln, Acephale
20.08.  Düdingen, Café Bad Bonn
23.08.  Storkow, Alinae Lumr
28.08.  Hamburg, Hafenklang

Stormzy: Die Krönung

Wer Grime sagt, muß auch Stormzy sagen. Der Mann mit ghanaischen Wurzeln aus dem Londoner Stadtteil Croydon gehört zum Grundinventar des Genres, 2017 veröffentlichte er sein Debütalbum "Gang Signs And Prayer" und schlug sich als einer der wenigen Musiker konsequent auf die Seite von Labour-Politiker Jeremy Corbyn. Im April dieses Jahres erschien mit "Vossi Bop" sein erster neuer Song, nun folgt die zweite Single "Crown" - die Meldung für ein weiteres Album ist er aber bislang schuldig geblieben.



Chk Chk Chk: Völlig losgelöst

Gerade erst haben wir von den Pop-Connoiseuren Metronomy geschrieben, da kommen ihre Brüder im Geiste mit ähnlich lautenden Nachrichten daher: Auch !!! (Chk Chk Chk), die drei Ausrufezeichen aus New York also, werden bald ein neues Album veröffentlichen - ihres heißt "Wallop" und folgt auf "Shake The Shudder" aus dem Jahr 2017. Die ersten beiden Tracks "UR Paranoid" und "Off The Grid" konnte das Publikum vor ein paar Wochen bestaunen, nun schicken sie einen weiteren namens "Serbia Drums" hinterher. Es ist anzunehmen, dass auch die aktuelle Platte wild und weird klingen wird, schließlich gab Sänger Nic Offer dem Label folgenden Kommentar mit auf den Weg: "Our process was to get loose and to get into uncharted territory" - na denn, freak out!

06.12.  Berlin, Lido
07.12.  Frankfurt, Zoom





Donnerstag, 20. Juni 2019

Sharon Van Etten: Viele Gesichter [Update]

Sharon Van Etten
„Remind Me Tomorrow“
(Jagjaguwar)

Wenn es gut läuft im Leben, dann gelangt man mit zunehmendem Alter auch zu einem zunehmenden Horizont. Nun gut, es gibt auch gegenteilige Beispiele, wo sich mit den Jahren leider der Blick auf’s eigene Leben und das der anderen in einer Art endlosem Tunnel verengt und nicht mehr herausfindet – wir sehen verbitterte Zeitgenossen, die glauben, es werde alles wieder gut, wenn es so bleibt, wie es ist (finde den Fehler). Sei’s drum. Wo jedenfalls jugendlicher Ungestüm zunächst kaum mehr als ein Ziel kennt, verzweigt sich die Energie später auf vielerlei Weise, Menschen treffen Menschen, Menschen verlassen Orte und lernen neue kennen, Menschen gründen Familien – kurz: Menschen verändern sich. Ihnen dabei zuzusehen, zuzuhören, kann eine lohnende Erfahrung sein. Sharon Van Etten beispielsweise war zu Beginn ihrer Karriere eine überaus talentierte Singer/Songwriterin mit tollen Folksongs von zarter, zeitloser Schönheit. Geboren in New Jersey, wohnt sie mittlerweile in New York, ist Mutter eines Sohnes und nebenher um eine Vielzahl beruflicher Erfahrungen (Studentin, Schauspielerin, Designerin, Soundtrack-Produzentin) reicher.



Und legt nun ein Album vor, dem man diese Erfahrung, diese Veränderung anhört. War ihr Stil bislang vornehmlich vom Indierock geprägt, erscheint sie einem nun als Künstlerin mit vielen Gesichtern. Alles ist etwas dunkler gehalten als auf früheren Werken (auch das wohl eine Frage des Alters) und eine Reihe neuer Bezüge kommen einem in den Sinn, hört man sich die einzelnen Stücke auf „Remind Me Tomorrow“ an. Der stampfende Electrorock von „No One’s Easy To Love“ hat mit den Songs früherer Tage nicht mehr viel gemein, gefällt aber trotzdem. Auch das düstere Knirschen, die verschrobenen Riffs und wabernden, dronigen Synthsequenzen sind neu, Zola Jesus und Austra lassen bei „You Shadow“ und „Hands“ grüßen. Nicht unbedingt die Vorbilder, die man erwartet hatte, reizvoll sind sie trotzdem. John Congleton, dessen Name in den Credits mit zunehmender Häufigkeit auftaucht, war auch hier maßgeblich beteiligt – Van Etten hatte ihm unter anderem Nick Caves „Skeleton Tree“ mitgebracht, eine gewisse Nähe läßt sich durchaus erkennen.



Doch dabei bleibt es nicht. Die beiden Hitsingles des Albums „Comeback Kid“ und „Seventeen“ kommen als handfeste Hardrocknummern daher, Vergleiche mit Lucinda Williams und Bruce Springsteen drängen sich auf. Das hat auch inhaltliche Gründe, schließlich besingt Van Etten hier die Erinnerungen an ihre bewegte Kinder- und Jugendzeit, geht es um Freiheit, Sehnsucht, Heimat, alles Begriffe aus dem Stammbuch amerikanischer Songschreiber. Zunächst das Fortlaufen und die Rückkehr, der Wagemut der Kinder und die Ängste der Eltern, später betrachtet sie mit Wehmut ihr junges „Ich“ und spürt den Zeiten nach, da sie noch wild und ohne Furcht dem Leben ins Gesicht gelacht hat. Natürlich klingt das heute anders: “There is a tear welling up in the back of my eye as I’m singing these love songs,” schreibt sie in den Linernotes, “I am trying to be positive. There is strength to them. It’s - I wouldn’t say it’s a mask, but it’s what the parents have to do to make their kid feel safe.” Wer’s erlebt (hat), wird’s verstehen – eine gute, eine lebenskluge Platte.  https://www.sharonvanetten.com/

02.04.  Köln, Luxor
03.04.  München, Strom
05.04.  Berlin, Lido
06.04.  Hamburg, Gruenspan

Update: Einer der besten Songs des Albums hat nun auch ein Video - der Clip zu "No One's Easy To Love" stammt von Katherine Dieckmann und wurde in brutalistischer Kulisse am Empire State Plaza in Albany, New York, gedreht.



Spoon: Best of Lebensrettung

Komisch, noch gar nicht Weihnachten, mag sich der oder die eine oder andere denken - und doch schon ein Best-Of? Nun gut, von dieser Band war nichts anderes zu erwarten, Spoon haben schon immer eine Außenseiterrolle innegehabt. Obwohl sie ja genau das sind, was wir (oder einige wenige?) seit geraumer Zeit vermissen: eine waschechte Rockband. Vor sechsundzwanzig Jahren haben die Jungs aus Austin damit angefangen, ein dem Vergessen geweihtes Genre zu retten und auch wenn Britt Daniel und Kollegen zwischendurch ein paar Ausflüge in Richtung Pop und Soul zu verbuchen haben - sie tun dies noch immer. Keine schlechte Platte ist von dem Quintett verzeichnet, haufenweise Gassenhauer sehr wohl, auch ihr letztes Album "Hot Thoughts" hatte einige davon zu bieten. Nun haben sie sich also für einen Überblick ihres Schaffens entschieden, eine neue Single namens "No Bullets Spent" dazu im Gepäck. Natürlich kann kein Tonträger das ganze Spektrum fassen, dreizehn Stücke sind auf der Standardversion vertreten und man darf davon ausgehen, dass nicht jeder seinen Liebling finden wird - "Got Nuffin'" ja, "Don't Make Me A Target" nein, usw., so isses nun mal. Na, wer die Band liebt, hat ohnehin alles im Schrank stehen (oder in der Wolke hängen, je nach Belieben). Die Platte mit dem Titel "Everything Hits At Once" kommt übrigens am 26. Juli.



Mittwoch, 19. Juni 2019

Octavian: Hype mit Abstrichen

Octavian
„Endorphins“

(Black Butter Records)

Größenwahn hin oder her, den Namen hat er dann doch seinen Eltern zu verdanken. Und aus London stammt er, auch wenn es wunderbar zum aktuellen Hype passen würde, ebenfalls nicht. Geboren wurde Octavian Oliver Godji im französischen Lille, mit dem Tod seines Vaters hat er das Land (heute wissen wir: den Kontinent) gewechselt, seiner Blitzkarriere hat all das aber keinen Abbruch getan. Another Partner in Grime also, und doch ist so manches anders im Vergleich zu den bisherigen Apologeten des gefeierten Genres. Das meint nicht den Umstand, dass wir bei „Endorphins“ von einem Mixtape und nicht von einem Album im klassischen Sinne reden – diesen Begrifflichkeiten darf man getrost in der „alten Welt“ belassen, im Hip-Hop spielen sie schon lange keine große Rolle mehr, sind die Unterschiede fließend bis unbedeutend. Im Gegensatz zu Künstlern/innen wie Dave Santan, Skepta, Stormzy, Slowthai oder Little Simz ist Octavian wohl derjenige, der sich stilistisch am weitesten vom üblichen Soundmuster entfernt.



Der Start seiner zweiten Kompilation beginnt deep und soulig mit einer Art Gospelchor, später legt er seine markante Raspelstimme gern auch über House, Drill (die abgebremste Mischung aus Grime und Trap) und Dancehall, probiert sich für „No Weakness“ am Synthpop, bei „Feel It“ gar an astreinem 90er-Jahre-Dancefloor (naja, zumindest in Teilen). Das macht Spaß und sorgt für Abwechslung – Tracks wie „Bet“, „Take It Easy“, „My Head“ oder „Lit“ bedienen die eingeschworene Stammkundschaft ohnehin zur Genüge. Klare politische Bezüge, auch das eine Besonderheit, sucht man auf „Endorphins“ vergeblich, die Songs sind eher als handelsüblich derbe Variation des Boy-meets-Girl-Themas feat. Money plus Crime plus Drugs angelegt und kommen leider (auch visuell) nicht ohne sexistischen Kram aus. Erwähnen sollte man noch, dass der junge Mann eine erstaunlich prominent besetzte Gästeliste vorweisen kann, neben Skepta, ABRA, A$AP Ferg tummeln sich dort auch Theophilus London und Jessie Ware. Musikalisch in jedem Falle eine Bereicherung der aktuellen Szenerie, inhaltlich nicht unbedingt ein Schritt nach vorn.



Fontaines D.C.: Bemerkenswert frühreif [Update]

Fontaines D.C.
„Dogrel“
(Partisan Records)

Betrachtet man das Große und Ganze, ist das natürlich nur eine Randnotiz, aber man kommt nicht umhin festzustellen: Den Briten geht es momentan an allen Ecken ziemlich nass rein. Da schüttelt alle Welt den Kopf über ihr (die einen sagen unterhaltsames, die anderen behaupten würdeloses) Gezeter und Gezerre zum EU-Austritt, zu anderen gesellschaftlichen Themen werden sie gleich gar nicht mehr wahrgenommen. Und dann tritt plötzlich eine Band wie die Fontaines D.C. auf den Plan und liefert ein furioses Debüt ab, das so urbritisch wie nur irgendwas klingt und die besten Erinnerungen an längst vergangenen Ruhm weckt, an die Libertines, an Oasis und Maximo Park. Und woher kommen sie? Aus Dublin! Also mehr Demütigung geht nicht. Und wie sie kommen! Man kann sich wirklich auf lange Zeit an keine Band mehr erinnern, die aus dem Stand mit einem derartigen Punch aufgeschlagen ist, die ein solch komplettes Album abgeliefert hat.



Dass solches zu erwarten war, ließ sich in den Jahren zuvor schon erahnen: Gleich am Anfang, also im Sommer 2017, stand mit „Liberty Bell“ ein Song, der unter den vielen erstklassigen von „Dogrel“ auch heute noch herausragt – das Schlagwerk von Tom Coll ein lautes Rumpeln, die Gitarren wild und remarkable, Grian Chattens Gesang (mit Rrrroten-R) genervt bis lässig, was für ein Statement. Wäre es dabei geblieben – gut gebrüllt, thank u next. Aber es ging auf beachtlichem Niveau weiter, im selben Jahr noch ein krachendes „Hurricane Laughter“, Monate darauf das nächste Songpärchen, mit dem Geschrammel von „Chequeless, Reckless“ und „Boys In The Better Land“ hätten Carlos O’Connell und Conor Curley mühelos auch bei Wedding Present einsteigen können. „Too Real“ hieß dann der letzte Killer, den die sechs im November 18 von der Kette ließen, spätestens jetzt war klar, dass die Iren nicht vorhatten, das Schicksal von Eintagsfliegen zu teilen.



Das Album ein Hit-Sampler, kein Spannungsabfall herauszuhören. Und auch die Attitüde stimmt, die Stücke stecken voller bissiger Kommentare zu Kindheit und Jugend in der Heimatstadt: „Dublin in the rain is mine, a pregnant city with a catholic mind“ heißt es gleich zu Beginn, später dann „… you work for money and the rest you steal, like an old tattoo I feel“ („Sha Sha Sha“). Nicht die besten Voraussetzungen für eine steile Karriere also, aber weil es weder an Überlebenswillen, Leidenschaft noch einer gehörigen Portion Sarkasmus fehlt, träumt man trotzdem von einer besseren Zukunft: „My childhood was small, but I’m gonna be big“. Viel mehr Worte muss man über diese Platte eigentlich nicht verlieren, wer die Energie und die Entschlossenheit nicht spürt, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Vielleicht noch eine Empfehlung zur laufenden Tour (die Fontaines sind gerade mit den Idles unterwegs und kommen im Herbst noch einmal kurz nach Deutschland) – lieber gleich anschauen, denn was größer wird, wird selten besser.

04.11.  Köln, Gebäude 9

Update: Nachgeliefert zu einem wunderbaren Album - das Video zu "Sha Sha Sha" ist nun auch online.



Dienstag, 18. Juni 2019

Steve Gunn: Folk in Fortsetzung

Den facettenreichen Folk dieses Herrn, der sich auch mal ein paar härtere Töne traut, haben wir zu Beginn dieses Jahres ausführlich gelobt, da nämlich ist "The Unseen In Between", das aktuelle Album von Steve Gunn, erschienen. Nun, da er im Sommer auf Tour geht, veröffentlicht er mit "Be Still Moon/Shrunken Heads" eine Doppel-A-Single, die wir hier gern teilen möchten, für die Bühnendaten gilt das ohnehin.

08.09.  Frankfurt, Brotfabrik
09.09.  Köln, Bumann und Sohn
10.09.  Berlin, Lido
11.09.  Jena, Trafo
12.09.  Oberhausen, Druckluft

Montag, 17. Juni 2019

Bruce Springsteen: Blick in den Rückspiegel

Bruce Springsteen
„Western Stars“
(Smi Col/Sony)

Kaum eine Kritik, die man dieser Tage über das neue Album von Bruce Springsteen lesen kann, kommt ohne Bezug auf seine Memoiren „Born To Run“ aus, die vor knapp drei Jahren auf Deutsch erschienen sind. Wieso auch, liefern sie doch die ausführlichste und belastbarste (weil aus erster Hand) Gebrauchsanweisung für den knapp siebzigjährigen Altrocker, die selbst dann Freude beim Lesen bereitet, wenn man mit der Musik des Mannes nicht uneingeschränkt kann. Ähnliches gilt im Übrigen für die Bühnen-Performance, die Springsteen für ein komplettes Jahr am Broadway zur Aufführung brachte und die ihn nicht nur als einfühlsamen Songschreiber und -interpreten zeigte, sondern auch sein Talent für humorvolles Entertainment ins Scheinwerferlicht rückte und zudem eine Eigenschaft unterstrich, die ihn derzeit in seinem Heimatland zu einer so seltenen wie wichtigen Person macht – die eines politisch klugen, feinfühlig patriotischen und empathischen Mitmenschen.

Das Buch, wie gesagt, hilft auch bei der Rezeption der neuerlichen Soloplatte. Man liest dort, dass der leidenschaftliche Soulpunk (Eigenauskunft) und Stadionrocker mit zunehmendem Alter auch zunehmend Lust auf deutlich abgespeckte, akkustische Darbietungen bekommt, „Nebraska“ war der Anfang, „Tom Joad“ die logische Fortsetzung und auch „Western Sky“ läßt sich in diese Reihe einordnen. Wir wissen außerdem, dass er mit seinen Songs hadert, kämpft, nicht selten sehr lange Zeit braucht, um sich mit ihnen zu arrangieren, sie für sich selbst anzunehmen. Wie lange er hier hat ringen müssen, ist nicht bekannt, ein, zwei Stücke sind dabei, bei denen man als Zuhörer zumindest etwas braucht, um sie im Springsteen-Kosmos zu verorten. Der Großteil wird von Personal bevölkert, dass sich gut in die Mischung aus behutsam instrumentiertem Country, Folk und Blues einfügt, sympathische Loser und Zweifler, alternde Helden, genügsame Überlebenskünstler.



Hier wird ein Bild von Amerika und seinem stets übergroßen Traum heraufbeschworen, das so wehmütig wie melancholisch ist, ein Amerika, dass sich lieber mit der Rückschau auf glorreiche Zeiten befaßt, weil der Blick in die Zukunft ratlos oder sogar ängstlich macht. Tramper („Hitch Hikin‘“), Wanderer („The Wayfarer“), ein Stuntman mit mehr Metall am Leib als Knochen („Drive Fast“), vergessene Schauspielgrößen, von denen nurmehr die Kreditkartenwerbung in Erinnerung ist („Western Stars“), Zurückgewiesene, Zurückgelassene, Enttäuschte, Einsame. Springsteen war vieles davon selbst schon, er hat Jahrzehnte mit seinen Dämonen gekämpft und tut es noch – auch wenn es ihm jetzt wohl bessergeht, weiß er sehr wohl, wovon er da singt.

Das hört sich gut an, das geht noch immer unter die Haut. All jene, die mit dem breitbeinigen Muscle-Posing des Bosses auch musikalisch so ihre Probleme haben, werden die aktuellen Songs lieben. Viel Sanftmut, viel Versöhnlichkeit ist da unterwegs, Cello, Violine (besonders schön bei „Stones“), Barpiano, Bläsersätze, die Stimme manchmal schon etwas brüchig, er weiß seine Stärken dennoch auszuspielen. Das gilt natürlich auch für den Swing, den Twang und den Shuffle, die in gebremster Version bei „Tucson Train“ und „Sleepy Joe’s Café“ vorbeischauen dürfen als Zugeständnisse an frühere Tage. Etwas fremdeln tut manche/r dann eher mit dem Crooner Springsteen, der für „Sundown“ oder „There Goes My Miracle“ die Drummachine bemüht und den Sound allzu strikt glättet. Allzuviele Sorgen muß man sich allerdings kaum machen, dem Vernehmen nach ist eine Albumsession mit den Buddies von der E-Street schon in Planung – „I woke up this morning, just glad my boots are on.“ https://brucespringsteen.net/

Sonntag, 16. Juni 2019

Arlo Parks: Noch immer unschlagbar

Wenn die Rede auf das Label Beatnik Creative und Arlo Parks kommt, ist Aufmerksamkeit angeraten. Die junge Londonerin hat im April mit ihrer EP "Super Sad Generation" für einiges Aufsehen und Lobeshymnen gesorgt, nun kommt mit dem Track "George" ein neuer Song - lässige Beats, warmes Timbre, funkiges Gitarrensolo, viel besser geht es noch immer nicht. Das Video stammt von Molly Burdett, die Clubtermine können wir nur wärmstens ans Herz legen.

21.09.  Hamburg, Reeperbahn
28.09.  Hamburg, Mojo Club
29.09.  Berlin, Columbia Theater
30.09.  Köln, CBE



Freitag, 14. Juni 2019

Little Simz: Reichlich Nacharbeit

Wem dieser Name nicht geläufig ist, der hat wahrscheinlich gleich mal ein ganzes Genre verpasst: Die junge Londonerin Little Simz gilt als eine der großen Hoffnungen des Grime, im Frühjahr hat sie mit "Grey Area" eine der verheißungsvollsten Platten zum Thema herausgebracht. Doch selbst, wem das jetzt noch nicht geläufig war, hat noch Zeit, entsprechend nachzuarbeiten. Denn gerade ist das Video zur Single "101FM"erschienen, begleitet von einem Dub-Rework von Toddla T plus Gasteinsatz Spragga Benz. Hinzu kommen vier herbstliche Clubtermine, es gibt jetzt also wirklich keine Ausreden mehr.



Joy Division: Feierliche Zweitverwertung

Nein, die Qualität und die Ausnahmestellung dieser Platte steht hier nicht zur Disposition. Man darf darüber diskutieren, auf welcher Position man "Unknown Pleasures", das Debütalbum von Joy Division, in die All-Time-Favourites einsortiert (bei MPMBL ist es Platz 5), daß es unter den ersten zehn Platten zu finden sein sollten, ist eher unstrittig. Diskutabel ist eher die Idee der verbliebenen Band, das 40-jährige Jubiläum des Jahrhundertwerkesaus dem Jahr 1979 mit einer Videocompilation zu feiern - jeder Song mit einem neuen Clip von ausgewählten Regisseuren. Der offizielle Name des Projektes lautet "Unknown Pleasures: Reimagined", den Anfang machen heute die Isländer Helgi And Hörður zu "I Remember Nothing". Es folgen weiter Arbeiten u.a. von Stephen Morris, Matt Everitt, Orian Williams (einem der Produzenten des Biopics "Control" von Anton Corbijn), Feargal Ward und Adrian Duncan, flankiert wird die Aktion von einem weißverpackten Reissue des Albums auf rotem 180-g-Vinyl.





Sleater-Kinney: Im Zentrum des Chaos [Update]

Preschen wir doch schon mal vor, weil das Foto so gut ist: Die Nachricht, dass Sleater-Kinney ein neues Album fertig haben und dessen Veröffentlichung für die nächste Zeit planen, steht ja schon geraume Zeit im Raum, nun gibt es zum Website-Relaunch mit den Schlagworten "Unfuckable. Unlovable. Unlistenable" auch noch ein paar via Reddit geleakte Infos, die wir nicht vorenthalten wollen - die Platte soll angeblich "The Center Won't Hold" heißen, die erste Single wiederum ist mit "Hurry On Home" schon gefixt und ein kurzes Statement von Carrie Brownstein zur VÖ gibt es auch schon: "We’re always mixing the personal and the political but on this record, despite obviously thinking so much about politics, we were really thinking about the person — ourselves or versions of ourselves or iterations of depression or loneliness - in the middle of the chaos." Wir können's kaum erwarten.

Update: Faktencheck zum neuen Album - "The Center Won't Hold" (Coverart unten) soll am 16. August erscheinen und wurde von Annie Clark aka. St. Vincent produziert. Die zweite Single nennt sich "The Future Is Here" und kommt heute mit Lyric-Video, darüberhinaus stehen für das nächste Jahr die ersten beiden deutschen Konzerttermine fest.

18.02.  Berlin, Astra
22.02.  Frankfurt, Batschkapp





Donnerstag, 13. Juni 2019

Skepta: Darüberhinaus

Skepta
„Ignorance Is Bliss“

(Boy Better Know)

Da hat sich dann schon etwas geändert: Nicht nur, aber gerade im Hip-Hop bestimmt der Markt offenbar mehr und mehr die Vorherrschaft – vorbei die Zeiten, da mehrere Stile und Subgenres zur gleichen Zeit erfolgreich sein konnten, sich jede und jeder ausprobieren durfte, mit der gleichen Chance, gehört zu werden. War gestern Trap das große Ding, hörte man nur noch diesen, weil heute Grime in der Gunst ganz oben steht, werden andere Sachen ausgeblendet. Wer da nicht mitmischt, wird auch nicht wahrgenommen. Möglicherweise lernen wir hier gerade schmerzlich das Diktat der algorithmenbasierenden Playlisten für Stream und Radio kennen, die Außenseiter nicht dulden, sondern nur noch am Mainstream entlang optimieren. Nichts, worüber sich Joseph Junior Adenuga aka. Skepta jetzt den Kopf zerbrechen müßte, schließlich reden wir hier von einem der dienstältesten Grime-Stars der britischen Insel und noch dazu von einem der wenigen, der als Europäer (ähem…) selbst in der Wahlheimat des Rap, den USA, seine Credibility sicher hat.



Sein aktuell fünftes Album ist denn auch in der derzeitigen Vielzahl an Neuveröffentlichungen eine feste, verlässliche Größe (mit dem Vorgänger „Konnichiwa“ hatte er übrigens 2016 den renommierten Mercury Prize gewonnen), giftige Punchlines, dronige Synthloops, knackige Beats und reichlich heimisches Gastpersonal wie J Hus, Nafe Smallz, Lancey Foux und Wizkid. Thematisch sind wir natürlich bei allem, was England gerade durchlebt, -kämpft und auch -leidet, es geht um gesellschaftliche Abgründe, um den immerwährenden Kreislauf aus „sex, money, murder“, der vielen keine Chance läßt und den er, behauptet Skepta im titelgebenden Track „Going Trough It“, schon überwunden hat. Ebenso oft allerdings haben auf dem Album neben dem politischen Frust aber auch zwischenmenschliche Themen Platz, Stücke wie „Love Me Not“ oder „Same Old Story“ sind beste Beispiele dafür. Die größte Kunst – wenn man es denn will – ist es vielleicht, sich aus den dreizehn Songs den Favoriten zu suchen, heißeste Empfehlung von uns jedenfalls „No Sleep“ mit dem Maschinenmusik-Intro aus Depeche Modes Großzeiten Anfang bis Mitte der Achtziger. Da gelingt dem Mann eine wirklich beachtliche, generationsverbindende Schleife, Folge: Bonuspunkt.

21.07.  Gräfenhainichen, Melt Festival



Mittwoch, 12. Juni 2019

Eşya: Das menschliche Dilemma

Eşya
„Absurdity Of ATCG (I)“

(Bandcamp)

Ayşe Hassan ist keine, die etwas verpaßt, keine, die etwas unversucht läßt. Der Job als Bassistin bei der Londoner Post-Punk-Formation Savages füllt sie ganz gewiß nicht aus, schon länger arbeitet sie deshalb an/in verschiedenen Projekten. So spielt sie gemeinsam mit Kendra Frost bei Kite Base, kollaborierte unter dem Namen 180dB mit Nick Zinner (Yeah Yeah Yeahs), Faye Milton (Savages) und Meredith Graves (Perfect Pussy). Und verwirklicht seit dem vergangenen Jahr als Eşya ihre solistischen Wünsche. Auch diese natürlich nicht ganz allein, Hassan arbeitet quasi interdisziplinär mit Regisseuren, Fotografen, Visagisten und Klangtüftlern an den Stücken, die es dann auf die EP schaffen. „Absurdity Of Being“ hieß die erste, „Absurdity Of ATCG (I)“ die aktuelle Veröffentlichung. Wer kann und mag, darf jetzt mit Adenin, Thymin, Cytosin und Guanin gern die Grundbasen der menschlichen DNA aus dem Gedächtnis deklinieren, die Vermutung liegt nahe, dass es hier also schlicht um alles geht. Um den Sinn, auch den Unsinn. Um die Grundlage, aber eben auch die Absurdität des menschlichen Seins. 42? Nicht weniger als das.

Nachdem schon die vier Stücke der ersten 12“ sehr verschieden geraten waren, sind auch die neuen fünf erfreulich unterschiedlich. Wenn Hassan überhaupt eine Dominanz zuläßt, dann vielleicht die hauptsächliche Verwendung analoger Synthesizer als Humus ihrer Arbeit. Schon der erste Track „Everything“ brodelt und pocht über achteinhalb Minuten – technoide Untermalung für sich stetig wiederholende Textschleifen: „Everything and nothing, is all we want to be, everything and nothing, is all you meant to me“, und später: „Here we are, lost and found, here we are, lost as a man.” Alles und/oder nichts, wie gesagt, das immerwährende, menschliche Dilemma. „Nothing“ danach nur unwesentlich kürzer, die Drums rollen dunkel, die Gitarren ein dreckiges Knirschen, Hassans Stimme taumelt. Sie gibt den Instrumenten sehr viel Platz zur Entfaltung ihrer Ideen, schon das macht die Songs reizvoll und spannend.



Die restlichen drei dann vergleichsweise kurz: Wild und dronig „Atmosphere“, der „Machine Dance“ als anderthalb minütiges Interlude, am Ende „Wild Nights“, eine Mischung aus tanzbarem Synthpop und frostig, schiefem Cold Wave, Visage vielleicht, fade to kalt und grau. Reichlich Abwechslung also. Überhaupt: Möchte man eine/n Künstler/in, der oder die unnahbar scheint, besser kennenlernen, bleiben oftmals nur Playlisten. Belastbar sind sie deshalb, weil die Auswahl (so hofft man wenigstens) Handarbeit ist und nicht von Algorithmen übernommen werden, die einem nach dem Mund reden. Auf der Liste von Hassan finden sich neben Prince, Bowie und den Beatles auch die Stranglers, Depeche Mode und Nine Inch Nails (mit denen sie ja schon gemeinsam auf der Bühne stand), genauso wie Soul, Psychedelia und House. Genügend Gegensatzpotential, fürwahr. Zwischen all diesen Referenzen einen eigenen, unverwechselbaren Stil zu finden, der im Gedächtnis haftenbleibt, ist dann nicht ganz so einfach wie die bloße Nennung. Hassan ist es gelungen.

Deichkind: Unfehlbar

Frage: Wie lange wird es wohl noch dauern, bis man Deichkind die ehemals päpstliche Würde der Unfehlbarkeit verleiht? Der Franziskus braucht bzw. will sie ja nicht mehr haben, die Jungs aus Hamburg hätten sicher nichts dagegen. Ihr Ruf jedenfalls sollte in der Zwischenzeit besser sein als der der Kirche, eine Institution sind sie ohnehin. Im März kamen sie mit ihrem neuen Track "Richtig Gutes Zeug" um die Ecke und natürlich wurde das Stück aufgenommen wie eine Offenbarung resp. Marienerscheinung. Was wohl erst bei der folgenden Nachricht passieren wird? Wallfahrten? Massenhysterien? Menschenopfer? Man kann es nur vermuten. Am 27. September jedenfalls wird "Wer sagt denn das?" erscheinen, die neue Studioplatte der Pyramidenköpfe und weil die Tourdaten schon länger feststehen, gibt's als Dreingabe vor Ort den Titelsong samt Video - und, naja, mit Gästen.